Dreiundzwanzigstes Kapitel Prinz Ludwig Napoleon
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Der Anblick des Schlachtfeldes hatte sich verändert. Nicht mehr der wilde Angriff der todesmutigen Zulus, nicht mehr der donnernde Gesang und das gellende Rufen der schwarzen Krieger erfüllten das wellenförmige Land, und aus den drohenden Wällen des englischen Lagers sprühte nicht mehr der bleierne Tod. Als die Dragoner den letzten Widerstand des weichenden Heeres niedergeworfen hatten, da waren nur noch flüchtige Scharen, traurige Überreste der stolzen Regimenter Tschetschwajos zu sehen. Sie flüchteten dem Flusse zu, viele waren schon hindurchgeschwommen, andere waren im Wasser, die letzten eilten, sich in die Wogen zu stürzen. Hinter ihnen ritten die Dragoner, und mancher Schwerthieb, von oben auf nackte Schultern und schön geputzte Köpfe niedersausend, warf noch Flüchtige nieder. Hinter ihnen ritten und liefen die Buern und sandten aus sicherer Ferne ihre unfehlbaren Schüsse. Am schrecklichsten aber hinter den fliehenden Massen waren Humbatis schwarze Bataillone. Sie streiften die Walstatt ab, soweit sie mit den Körpern der Gefallenen bedeckt war, und stießen allen, in denen noch Leben war, den Assagai durchs Herz. Kein Verwundeter kam davon. Engländer und Buern kannten die Schonung, und wo sie einen Mann am Boden sahen, da eilten sie vorbei und strebten, die noch Rüstigen zu erreichen; aber das schwarze Volk in seinem Blutdurste kannte nicht Mitleid, nicht Edelmut. Alle, alle wurden ermordet, die, von Kugeln getroffen, sich noch winden konnten, und den Toten wurden Waffen und Schmuck, die zierlichen Ketten und Ringe, schöne Federn und Amulette vom Leibe gerissen. So zeigten sich die eigenen Brüder grausamer gegen die Unterlegenen als der weiße europäische Feind.
Pieter Maritz ritt mit den Dragonern zurück, trug Dabulamanzis Kopfring in der rechten Hand und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Blut, das ihm in seinem zerrissenen linken Ärmel herunterlief. Der schöne neue Rock dauerte den Buernsohn. Es war ihm fast wie in einem Traume. Der betäubende Wirbel des Kampfes hatte aufgehört und seine Erlebnisse zogen ihm schattenhaft durch die Erinnerung. Neben ihm ritten außer Lord Fitzherbert und dem Franzosen noch mehrere andere Offiziere und beglückwünschten ihn zu seinem Erfolge. So kamen sie bis nahe dem Lager zurück, wo Lord Chelmsford inmitten seines Stabes hielt und die Truppen aus dem Lager aufmarschierten.
Der Kommandant der Dragoner führte Pieter Maritz gerade auf den Oberbefehlshaber zu und stellte ihn vor, indem er Meldung über die ausgeführte Verfolgung machte.
»Ich empfehle Eurer Excellenz Beachtung insbesondere diesen jungen Mann,« sagte er, »der sich in hervorragender Weise tapfer und geschickt gezeigt hat. Durch seine Hand fiel der feindliche Heerführer, und der Ring hier ward von ihm im Handgemenge von des schwarzen Prinzen Kopf genommen.«
Lord Chelmsford heftete seinen Blick auf das errötende Gesicht des Buernsohnes und erkannte ihn wieder.
»Ist das nicht der junge Mensch, der Zeuge des Kampfes von Isandula war?« fragte er.
Pieter Maritz zog seinen Hut und verneigte sich.
»Aber Sie sind verwundet, ich sehe Ihren Rock voll Blut,« sagte der Lord.
Dann wandte er sich um. »Doktor Johnson,« rief er, »haben Sie die Güte, diesen jungen Mann zu verbinden.«
Ein Herr in der Uniform der englischen Stabsärzte kam herangeritten.
»Vorläufig will ich selbst ein Pflaster auf die Wunde legen,« sagte Lord Chelmsford dann. Mit diesen Worten nahm er von seiner mit Orden bedeckten Brust das Viktoriakreuz ab und heftete es auf Pieter Maritz' Bluse.
»Im Namen Ihrer Majestät der Königin,« sagte er, »überreiche ich Ihnen hier dieses Ehrenzeichen für militärische Auszeichnung. Den goldenen Ring bitte ich Sie, mir auszuliefern, damit ich ihn den Trophäen hinzufügen kann. Das dreifache Gewicht des Ringes soll Ihnen in Gold ausgezahlt werden.«
Pieter Maritz murmelte einige Worte des Dankes und war fast bewußtlos unter der Last der Ehre und Freude, die sich auf sein Haupt häufte. Alle Offiziere drängten sich um ihn, wünschten ihm Glück und schüttelten ihm die Hand. Dabulamanzis Ring ward von einem zum andern gereicht und neugierig betrachtet.
»Danken wir Gott,« sagte Lord Chelmsford, »daß der Mann, der ihn trug, am Boden liegt. Er war ein ausgezeichneter Feldherr, und niemals sah ich einen kühneren Krieger.«
Dann ritt er vorwärts und gab Befehle für die ferneren Maßregeln des Heeres. Die Zulus sollten die Leichen der Feinde in einiger Entfernung vom Lager zusammentragen und begraben. Die Armee sollte auf der Stelle bleiben, wo sie stand, und nach dem heißen Kampfe der Ruhe pflegen. Lord Chelmsford sah nach seiner Uhr, sie zeigte auf acht. Die Schlacht hatte drei Stunden gedauert. Der Morgen des 2. April war blutig gewesen im Zululande.
Pieter Maritz ließ seinen Arm von dem Arzt untersuchen. Es zeigte sich eine starke Fleischwunde im Oberarm, doch als sie ausgewaschen und verbunden worden war, folgte der abgehärtete Buernsohn dem Zahlmeister der Armee auf dessen Einladung zu dem Wagen im Lager, wo die Kriegskasse aufbewahrt wurde. Dort legte der Zahlmeister Dabulamanzis Ring auf eine Schale einer Goldwage und häufte Sovereigns in der andern Schale an. Der Ring war massiv und wog schwer, hundertundsechzig Sovereigns mußten übereinander gelegt werden, um sein Gewicht zu erreichen. Dann zahlte der Beamte dem glücklichen Knaben vierhundertundachtzig Pfund Sterling aus, und schwer mit Gold beladen ging Pieter Maritz davon. Er that den Beutel in den Mantelsack, und dann setzte er sich mit gutem Appetit bei den Dragonern zum Frühstück nieder und verzehrte gemeinsam mit Lord Fitzherbert eine Wildpastete, die in London eingemacht war, und ein großes Stück Schiffszwieback, das in Kapwein getunkt wurde. Hierauf schlief er im Schatten eines Zeltes ein und that einen festen Schlaf bis zum Anbruch des folgenden Morgens.
Die Trompeten weckten ihn, die Dragoner sattelten, Lord Chelmsford ließ eine fliegende Kolonne aufmarschieren, die Ekowe aufsuchen sollte.
Pieter Maritz fühlte sich frisch und stark, er ließ sich neu verbinden, zog den vom Assagai gerade an der rechten Stelle ausgeschnittenen Ärmel über den Verband und stieg zu Pferde.
Hundert Buern unter Befehl des Leutnants Dubois sollten die Kolonne begleiten, die aus den Hochländern, dem 60. und dem 57. Regiment und dem größten Teil der Kavallerie nebst vier Geschützen bestand. Die Seebrigade, das 99. Regiment und die Zulubataillone blieben mit der Hauptmasse der Artillerie zurück, um das feste Lager besetzt zu halten. Nach der Berechnung des Lord Chelmsford war der Angriff am vergangenen Tage nicht von der ganzen Macht der Zulus, sondern nur von zwölftausend Mann ausgeführt worden. Da Oberst Pearson die Nähe eines viel größeren Heeres signalisiert hatte, war es nicht unwahrscheinlich, daß noch fernere Kämpfe in der Nähe von Ekowe zu bestehen sein würden.
Aber diese Erwartung erfüllte sich nicht. Ohne Störung ging der Marsch vor sich. Der Inyezane ward in einer Furt durchschritten, und der Übergang machte keine Schwierigkeit, da der Fluß, nachdem die Gewitterflut sich verlaufen hatte, wieder niedrig in seinem Bette floß, und die durch Wagen nicht gehemmte Kolonne kam am Nachmittage vor dem Fort an, ohne mehr als vereinzelte Zulutrupps gesehen zu haben. Der Schrecken der Niederlage und des Falles ihres Führers hatte die Zulus verscheucht, sie mochten sich nach Norden zurückgezogen haben, und nur die Spuren ihres Lagers rings um Ekowe waren noch zu bemerken.
Oberst Pearson kam mit einer kleinen Schar dem Lord Chelmsford entgegen, als dieser nahe dem Fort war. Die Freude unter den Belagerten war groß. Seit dem 22. Januar waren sie, ringsum von Feinden umgeben, in dem festen Platze eingeschlossen gewesen und nun waren sie beinahe verhungert. An jenem 22. Januar, der die Niederlage von Isandula gebracht hatte, war ein starkes Zuluheer auch auf Oberst Pearson gefallen, hatte heftig mit ihm gekämpft, seine Truppen völlig in das Fort zurückgeworfen und ihn dann bis heute belagert. Schrecklicher Jammer hatte in Ekowe geherrscht. Fleisch und Brot waren zu Ende gegangen, die elendesten Nahrungsmittel waren nur in geringen Mengen noch zu haben gewesen, und nur noch der Sieg bei Gingilowo rettete die ganze Kolonne des Obersten Pearson vom Tode. Etwa zwölfhundert Mann waren in dem hochgelegenen, mit festen Wällen umgebenen Platze. Die Engländer, an reichliche Kost gewöhnt, glichen wandelnden Leichen und waren zum großen Teil so krank, daß sie kaum noch gehen konnten. Blaß und hohläugig lagen sie umher. Nur die Schwarzen waren noch einigermaßen munter. Sie hatten gegessen, was die Europäer weder beißen noch verdauen konnten, hatten zuletzt die großen Reiterstiefel ihrer weißen Befehlshaber in Öl gesotten und verzehrt und dazu ihren Gürtel enger geschnallt. So waren sie ziemlich frisch geblieben und tanzten vor Lust, als die Mannschaften des Lord Chelmsford ihre Brotbeutel öffneten und ihre Flaschen umherreichten.
Fort Ekowe, ehedem Missionsstation mit einer Kirche und mehreren Häusern, lag auf einem hochragenden Hügel, und von hier aus konnte das Land weithin überblickt werden. So war es dem Obersten Pearson auch möglich geworden, sich auf die Entfernung von fünf deutschen Meilen hin, bis zu den festen Plätzen am Tugela durch den Heliographen mit dem Oberbefehlshaber in Verbindung zu setzen. Ringsum war hier die Landschaft von wildem Charakter, stark durchschnitten, voller Hügel und Thäler und dicht bewachsen.
Pieter Maritz sah den Oberbefehlshaber mit dem Oberst Pearson und mehreren andern hohen Offizieren auf dem Walle stehen und bemerkte, daß Lord Chelmsford lange Zeit schweigend durch sein Fernrohr blickte und dann sich mit den andern Offizieren beriet. Der General erblickte den Buernsohn, winkte ihm und gab ihm den Auftrag, Leutnant Dubois herbeizuholen.
»Ich gewahrte dort im Norden einen starken Rauch,« sagte Lord Chelmsford zu dem Franzosen, als dieser, von Pieter Maritz begleitet, herangekommen war. »Reiten Sie doch mit einer starken Patrouille aus, um zu sehen, was dieser Rauch bedeutet. Die Buern sind mir von dem größten Nutzen,« fügte er, zu Oberst Pearson gewandt, hinzu, »und ich wüßte nicht, was ich ohne sie anfangen sollte. Weder Roß und Reiter sind jemals müde, sie thun den Vorpostendienst fast allein.«
Leutnant Dubois entfernte sich, um den Befehl auszuführen, und mit ihm stiegen Pieter Maritz und fünfzig Buern zu Pferde. Sie ritten gerade nach Norden.
»Ich weiß wohl, was der Rauch bedeutet,« sagte Pieter Maritz zu dem Leutnant, als sie sich von dem Fort entfernten. »Sehen Sie, wie trocken das Gras ist. Die Zulus stecken es an, um uns den Vormarsch zu erschweren. Ich kenne ihre Manier. Sie brennen das Land ringsum ab, so daß die Pferde und Ochsen des Feindes kein Futter finden.«
Leutnant Dubois ritt weiter, um sich zu überzeugen, und sie fanden den Rauch, je mehr sie nach Norden kamen, dichter und dichter. Der Wind trieb ihnen den Geruch und feine Asche verbrannter Gräser und Sträucher entgegen. Sie kamen an einen Kral, der verlassen war und in Flammen stand, und endlich kehrte die Patrouille um.
Lord Chelmsford stand, als sie zurückkehrten, wieder auf dem Walle, umgeben von Offizieren. Es war Nacht geworden, und ein Flammenmeer breitete sich in der Ferne aus.
»Ich dachte es mir,« sagte der General, als Leutnant Dubois seine Meldung abgestattet hatte. »Ah, diese Zulus! Wir können Ekowe nicht halten, es ist ein verlorener Posten. Wir können nicht weitermarschieren, denn wir sind zu schwach, um auf Ulundi vorzurücken. Ich bedarf noch großer Verstärkungen, ehe ich den Krieg zu Ende führen kann. Ich muß fünfundzwanzigtausend Mann haben. Im Lager von Gingilowo habe ich nur noch für eine Woche Lebensmittel, wie kann ich dort bleiben? Dies ist ein schrecklicher Krieg! Wir haben schon mehr als hundert Offiziere verloren. Um mit einer Armee vorzugehen, die den Zulus im freien Felde überlegen ist, bedarf ich eines ungeheuren Trains, und wie komme ich mit einem solchen Train durch dies Land? Oberst Pearson,« schloß der General, »lassen Sie alle Vorkehrungen treffen, um morgen früh abmarschieren zu können. Die Ingenieure sollen die Wälle sprengen. Wir gehen morgen auf Gingilowo zurück.«
Der Marsch ging zum Lager auf dem siegreich behaupteten Schlachtfelde zurück, dort wurde zwei Tage gerastet, um der früheren Besatzung von Ekowe Ruhe zu gönnen, und dann ging es weiter zurück in die festen Stellungen am Tugela, aus denen Lord Chelmsford aufgebrochen war, um Oberst Pearson zu entsetzen. Woche nach Woche verging, und keine neue Unternehmung ward gewagt. Doch auch die Zulus hielten sich still, kein Angriff erfolgte, nichts war von ihnen zu sehen.
In dieser Zeit der Ruhe, während Lord Chelmsford sich nach dem andern Flügel begab und den Oberst Wood besuchte, der sein Hauptquartier wieder nach Utrecht verlegt hatte, kamen immer neue Truppen von Port Natal und brachten viele Pferde und noch mehr Maultiere mit, die aus den fernsten Ecken der Erde zusammengeholt und auf Dampfern übers Meer gebracht worden waren. Pieter Maritz sah mit Erstaunen die großen Vorbereitungen des reichen Englands. Wunderschöne Regimenter kamen an und blieben teils in dem Lager am unteren Tugela, teils zogen sie nach dem linken Flügel in Transvaal. Ein prächtiges Regiment, die 17. Ulanen, erregte Pieter Maritz' Interesse. Sie trugen lange Lanzen, unter deren Spitzen kleine Fähnchen im Winde flatterten. Mit den Dragonern zusammen marschierten sie nach dem Norden, nach Transvaal, und es hieß, daß die Buern sich schwierig zeigten, so daß die englische Regierung es für gut halte, zahlreiche Kavallerie in deren Lande zu lassen. Mehrere Batterien Artillerie und zahlreiches Fußvolk verstärkten die Heeresabteilungen an den Grenzen des Zululandes. Oberst Wood wurde inzwischen zum Brigadiergeneral ernannt, seine an Kavallerie sehr starke Kolonne ward auf mehr als dreitausend Mann gebracht und eine fliegende Kolonne genannt, da sie zu weiten schnellen Unternehmungen bestimmt war. Eine andere Kolonne, unter Befehl des Generals Newdigate, deren Hauptquartier in Doornfontein war und welche die stark zusammengeschmolzene Abteilung des Obersten Glyn in sich aufnahm, erreichte eine Stärke von über zehntausend Mann, und die Kolonne am unteren Tugela, bei welcher Pieter Maritz sich befand und welche vom General Crealock befehligt wurde, zählte über neuntausend Mann. Lord Chelmsford weilte im Transvaallande, und es hieß, er wolle von dort aus in das Zululand einzudringen versuchen.
Doch verbreitete sich Mitte Mai im Lager am Tugela die Nachricht, die Königin sei unzufrieden mit der Regierung des Generalgouverneurs Sir Bartle Frere und der Kriegsführung des Lord Chelmsford, da er noch immer den König Tschetschwajo nicht zur Unterwerfung gebracht habe, und sie habe den glücklichsten General ihrer Armee, Sir Garnet Wolseley, abgesandt, um an höchster Stelle sowohl die Civilregierung als auch den Krieg in Südafrika zu leiten.
Zu dieser Zeit erhielten auch die Buernreiter Befehl, aufzubrechen und der Grenze von Natal entlang nach Transvaal zu marschieren. Sie waren in unablässigem Vorpostendienst gewesen, indem sie der Front entlang auf Meilen weit Patrouillen ausgeschickt und vor den festen Plätzen Fort Tenedos, Fort Pearson, Fort Williamson und Fort Chelmsford auf Posten gestanden hatten. Manchen Tag und manche Nacht hatte Pieter Maritz im Sattel gesessen und seine Wunde war inzwischen vollständig geheilt. Sein vieles Geld hatte er bei einem der Buern in Durban niedergelegt, an welche ihn Joubert empfohlen hatte. Die englische Armee war in beständiger Sorge eines Angriffs der Zulus und in Verwunderung darüber, daß der schnelle Feind, den kein Gepäck, kein Train in seinen Märschen hinderte, nicht längst schon auf irgend einem Punkte der langen Grenze in englisches oder Buerngebiet hereingebrochen sei.
Am 20. Mai traf die Reiterschar des Leutnants Dubois bei Rorkes Drift ein, wo das Land dem Buernsohn von früheren Ritten her wohlbekannt war, und hier vereinigten sich die Buern mit einer starken Abteilung, die unter dem Befehl des Generals Marshall eine Rekognoszierung in das Zululand hinein machen sollte. Hauptsächlich Kavallerie und reitende Artillerie bildeten diese Abteilung, und die Geschütze waren mit Pferden bespannt, um behende bewegt werden zu können. Es war das Dragonerregiment, die Hälfte des 17. Ulanenregiments, die reitenden Buern und dazu vier Kompanien vom 24. Regiment, welches bei Isandula so schwer gelitten hatte. General Marshall sollte erkunden, was die Zuluabteilungen im Schilde führten, welche sich in der Gegend gezeigt hatten, wo die schreckliche Niederlage am 22. Januar stattgefunden.
Als Pieter Maritz am Morgen des 21. Mai an der Seite des Leutnants Dubois vor der Buernschar ritt, während links die Fähnchen der Ulanen glänzten und hinten die rote Masse der Dragoner folgte, sah er den General, welcher von rückwärts herangesprengt kam, von mehreren Offizieren begleitet und bemerkte neben ihm eine Reitergestalt, welche seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein junger Mann in der prächtigen Uniform der englischen Artillerie, auf einem Fuchs von der edelsten Rasse. Sein Gesicht war zart und blaß, und ein kleiner dunkler Schnurrbart beschattete die Oberlippe. Er trug den weißen Korkhelm mit einem weißen Schleier umwunden, wie die englischen Offiziere wohl zu thun pflegten, um die Glut der Sonnenstrahlen zu mildern.
Zugleich mit dem Buernsohn hatte auch Leutnant Dubois diesen Reiter erblickt, und in dem wettergebräunten Gesicht des alten Soldaten zeigte sich tiefe Bewegung. Als General Marshall mit seinem jugendlichen Begleiter an der Buernschar vorübertrabte, warf der Franzose sein Pferd zur Seite, um Front gegen die Vorbeikommenden zu machen, und nahm nach Art der Franzosen und entgegen der englischen Sitte zum Gruße den Helm vom Kopfe.
Ein freundliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des jungen Mannes, welcher fröhlich mit dem General plauderte, und er tauschte einige Worte mit seinem Begleiter aus. General Marshall benahm sich gegen den jugendlichen Artillerieoffizier mit ehrerbietiger Höflichkeit. Dann kam der Fremde auf Leutnant Dubois zugeritten.
»Ein Landsmann, wie ich höre,« sagte er mit vornehmer Liebenswürdigkeit zu dem Leutnant. »Ich habe es mir gedacht, als ich Sie sah, daß dies Gesicht aus unserm alten lieben Frankreich stamme.«
Leutnant Dubois verneigte sich bis auf den Hals des Pferdes.
»Ein alter Soldat, Kaiserliche Hoheit,« entgegnete er. »Ich diente fünfunddreißig Jahre lang unter der dreifarbigen Fahne.«
Der junge Mann streckte seine rechte Hand aus, welche der Leutnant ehrfurchtsvoll ergriff, und sagte mit bewegtem Tone: »Ich bin sehr erfreut, einen Landsmann getroffen zu haben. So begegnen sich Frankreichs Söhne während des Unglücks ihres Vaterlandes auf fremder Erde. Ich bin im Lager Englands, um den Krieg kennen zu lernen. Wie glücklich würde ich sein, wenn Gott in seiner Gnade es fügen wollte, daß treue verdiente französische Offiziere wieder unter dem einzigen Namen vereinigt wären, der ihnen die wahre Anerkennung verschaffen kann.«
Er grüßte mit einer leichten, höflichen Handbewegung und kehrte zu dem General zurück, während Leutnant Dubois mit strahlendem Gesicht, leise Flüche vor sich hinmurmelnd, hinter ihm hersah. Pieter Maritz getraute sich nicht, den Leutnant zu stören, obwohl er gern gefragt hätte, wer jener Fremde sei. Aber während er schweigend neben dem Franzosen hinritt und beide die Buernschar, hinter welcher sie etwas zurückgeblieben waren, wieder einzuholen trachteten, brach jener das Schweigen von selbst, entlastete sein Herz zuerst durch einige schwere Verwünschungen und sagte dann: »Es ist der kaiserliche Prinz von Frankreich, der Sohn Napoleons III. So tief ist Frankreich gefallen, daß der Erbe seines Thrones nach Afrika gehen muß, um den kriegerischen Ruhm seines Namens aufrecht zu erhalten.«
Der Marsch führte nach kurzer Zeit zu einer Stelle, welche Pieter Maritz lebhaft jenen Morgen ins Gedächtnis zurückrief, wo er als Gefangener von dem Unteroffizier, der so gern lachte, geführt worden war. Die auffallende, hochragende Gestalt des Isandulaberges lag vor seinen Blicken, und dort unten war der Platz, wo das Lager gestanden hatte. Alles war grün, von der mächtigen Pflanzenwelt Südafrikas überkleidet, doch beim Näherkommen sah Pieter Maritz die Spuren jenes Kampfes, dem er zugeschaut hatte. Er zeigte dem Leutnant Dubois die Stellungen, welche die englischen Truppen gehabt, und indem dieser es dem General mitteilte, wandte sich die Aufmerksamkeit der Engländer auf den Platz.
Kein Fuß eines Europäers hatte seit jenem blutigen Tage das Schlachtfeld betreten, und auch die Kaffern hatten in ihrer Scheu vor den Toten die Stelle gemieden. Hier lagen tote Körper, Engländer, fast ganz entkleidet, von Raubtieren und Insekten des Fleisches beraubt, in den Stellungen, welche sie sterbend eingenommen hatten. Reihenweise lagen die Gerippe, hier die Knochenhand zur Faust geballt und emporgestreckt, dort noch die Waffe umschließend. So lagen auch die Überreste der Pferde, Maultiere und Ochsen umher, wie sie unter den Kugeln und Speeren der Zulus gefallen waren. Sonderbar sah es bei den zertrümmerten Wagen aus. Das Getreide war aus den Säcken und Kisten herausgefallen und hatte Wurzel geschlagen. Kleine Saatfelder mit schwankenden Halmen, die Ähren im Winde schaukelnd, lagen unter und neben den Wagen, und zwischen dem grünen Mais und Weizen blickten kahle Schädel mit leeren Augenlöchern hervor. Waffen wurden nur wenig gefunden. Alle Gewehre waren samt der Munition von den Zulus mitgenommen und bei ihren späteren Angriffen verwendet worden.
General Marshall ordnete an, daß die Leichen beerdigt würden, und nachdem dies traurige Geschäft beendigt worden war, wurde der Marsch noch über eine Meile weit fortgesetzt, bis dahin, wo Oberst Glyns Kolonne unter Lord Chelmsfords Führung gewesen war, während das Lager in ihrem Rücken von den Zulus überrascht wurde. Kein Feind war zu sehen, alles war still, und die Rekognoszierungsabteilung kehrte zurück.
Aber die Zeit des allgemeinen Vormarsches gegen Ulundi, die feindliche Hauptstadt, ward nun bestimmt, Generalleutnant Sir Garnet Wolseley war am 24. Mai in Port Natal angekommen, große Vorräte an Getreide, Mehl, Schlachtvieh und andern Lebensmitteln, sowie an Getränken, waren herbei geschleppt worden, und an einem der ersten Tage des Monats Juni sollte der Zug beginnen. Pieter Maritz hielt am Morgen des 1. Juni mit einigen Buern im Felde. Er gehörte zu einem Pikett, das vom Lager des Generals Wood aus vorgeschoben war, nicht weit von dem Krale Itelesi an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Er konnte eine weite Landschaft übersehen, die wellenförmig gestaltet und in der Ferne von Hügeln umgeben war. Auch erblickte er mehrere weiß schimmernde Vierecke, die eine halbe Meile weit entfernt waren: das Lager des Generals Newdigate, in welchem die verschiedenen Regimenter ihre Zelte als hohle Vierecke geordnet und mit Befestigungen umgeben hatten. Einzelne dunkle Flecke lagen in dem Grün und Braun der Landschaft: kleine Krale der Zulus, die von den Bewohnern verlassen waren, und von denen kein Rauch mehr aufstieg. Die Morgensonne überstrahlte die weite Fläche, und das hügelreiche Land mit den Zelten der englischen Truppen bot einen lieblichen Anblick. Pieter Maritz sah einen kleinen Reitertrupp vom Lager des Generals Newdigate herankommen und in einiger Entfernung vorbeiziehen. Er konnte die Personen deutlich unterscheiden. Voran ritt eine Gestalt, welche er wiedererkannte, es war der Prinz Ludwig Napoleon. Dicht hinter dem Prinzen und ihm zur Seite ritt ein englischer Offizier, und darauf folgten sechs Kavalleristen und ein Zulu, der ebenfalls zu Pferde saß und wohl der Führer war. Der Prinz hielt auf einem Hügel an, betrachtete die Gegend durch sein Fernrohr und schrieb oder zeichnete dann auf ein weißes Blatt, das er vor sich auf dem Sattel hielt. Dann ritt der kleine Zug wieder weiter und verschwand nach und nach in dem tiefer liegenden Lande.
Pieter Maritz blieb auf seinem Posten, und es vergingen einige Stunden, als sich andere Reiter, vom Lager des Generals Newdigate herkommend, zeigten. Diese Reiter waren General Wood und Oberst Buller mit drei Mann von Bullers Kavallerie. General Wood hielt sein Pferd vor dem Buernposten an und blickte Pieter Maritz scharf ins Gesicht, gleich als erinnerte er sich seiner. Der Buernsohn trug das Viktoriakreuz auf der linken Brust, und der General betrachtete es einen Augenblick, war aber mit etwas anderm so lebhaft beschäftigt, daß er sich nicht auf Fragen hinsichtlich der Persönlichkeit des jungen Buern einließ.
»Haben Sie den Kaiserlichen Prinzen gesehen?« fragte er.
»Jawohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Der Prinz ritt mit seiner Begleitung hier vorbei, in der Richtung nach dem Feinde zu.«
»Wie lange ist das her?«
»Es mögen jetzt etwa drei Stunden sein.«
»Drei Stunden!« rief der General. Dann wandte er sich zu Oberst Buller und sagte: »Ich mache mir Sorge wegen des Prinzen. Man sollte den löblichen Eifer des jungen Herrn mehr in Schranken halten. Er kennt das Land nicht und kennt nicht den Feind. Wie leicht kann in diesem Terrain eine Überraschung vorfallen! Sehen Sie die tief eingeschnittenen Bäche, das Buschwerk, das hohe Gras. Die schwarzen Kerle gleiten wie die Eidechsen durch das Gras hin, und wenn dem Prinzen etwas passierte, so wäre es eine unauslöschliche Schande für die britische Fahne.«
»Ich werde eine Abteilung meiner Reiter aussenden, um den Prinzen suchen zu lassen,« entgegnete Oberst Buller. »Doch ist ja Leutnant Carey, ein zuverlässiger Offizier, bei ihm. Es ist schwer, auf den Prinzen zu achten. Ich weiß nicht, ist er dem Stabe des Lord Chelmsford oder dem Stabe des Generals Newdigate zugeteilt. Seiner Begierde, sich auszuzeichnen, kommt eine große Freiheit zu Hilfe.«
General Wood hob sein Doppelglas an die Augen und spähte hinaus. »Sehen Sie doch,« sagte er nach einigen Augenblicken, »kommt dort nicht ein Reiter?«
Oberst Buller blickte ebenfalls durch seinen Feldstecher und bestätigte die Wahrnehmung des Generals.
»Das ist der Offizier, welcher neben dem Prinzen ritt, ich erkenne ihn an den Bewegungen seines Pferdes,« sagte Pieter Maritz.
»Wie? Leutnant Carey allein?« fragte der General mit dem Tone der Besorgnis.
Jetzt kam der Reiter näher. Er war in vollem Galopp, und hinter ihm erschienen in weiten Zwischenräumen vier andere Reiter.
»Es ist Leutnant Carey, bei Gott!« rief Oberst Buller.
Der Leutnant kam heran, gerade auf die Stelle zu, wo die Offiziere und der Buernposten hielten. Er war in Hast und Verwirrung, sein Gesicht glühte, das Pferd triefte von Schweiß. Er hielt es vor General Wood an und konnte zuerst vor Aufregung nicht sprechen. Die Flanken des Pferdes schlugen von der großen Anstrengung eines weiten eiligen Rittes.
»Der Prinz! Um Gottes willen, wo ist der Prinz?« rief General Wood.
Der Leutnant legte die Hand an den Helm. »Der Prinz ist nicht da,« entgegnete er.
»Das sehe ich. Aber wo ist der Prinz?« fragte der General.
»Wir haben ihn verloren.«
»Verloren? Was soll das heißen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«
Während dessen kamen, einer nach dem andern, vier Kavalleristen heran und hielten mit bestürzten Mienen hinter dem Leutnant.
»Was ist aus dem Prinzen geworden?« fragte General Wood. »Warum haben Sie ihn verlassen? Was ist mit dem Prinzen geschehen?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete Leutnant Carey. »Wir ritten zusammen dort hinunter« — er zeigte mit der Hand nach der Richtung, woher er kam — »und der Prinz machte topographische Skizzen. Dann kamen wir in die Nähe eines Krales, der verlassen war, und der Prinz besichtigte die Kaffernhütten. Sie waren alle leer. Dann setzten wir uns nieder, um zu frühstücken ....«
»Wie? In dem Krale selbst?« fragte der General.
»Jawohl, der Prinz wünschte es. Wir sattelten ab und ....«
»Sie sattelten ab? Im Krale? In der Nähe des Feindes?«
»Jawohl, wir sattelten ab, da der Prinz seinem Pferde bei der großen Hitze eine Erleichterung verschaffen wollte, und wir frühstückten neben einer Mauer unweit der Pferde, welche von zwei Leuten gehalten wurden. Plötzlich sah ich ein schwarzes Gesicht zwischen den Dornenhecken bei den Hütten hervorblicken und zeigte es dem Prinzen. ‚Ich sehe es auch,‛ antwortete er, und dann liefen wir sofort zu unsern Pferden. Ich schwang mich in den Sattel, den ich so schnell als möglich aufgelegt hatte, und während wir sattelten, fielen mehrere Schüsse und zwei von den Leuten stürzten. Die Zulus waren mit dem Assagai in der Hand so dicht hinter uns her und liefen so schnell, daß ich nur durch den schärfsten Galopp mich retten konnte. Ich kam an einen Bach in einer Schlucht, und hier sah ich mich um, erblickte aber nur diese vier Leute hier hinter mir. Vom Prinzen sah ich nichts und weiß nicht, was aus ihm geworden ist.«
Während dieses Berichtes zeigte sich in den Mienen der hohen Offiziere die größte Bestürzung.
»Was ist zu thun?« rief General Wood. »Der Prinz ist gefangen oder tot! Was sollen wir machen? O schrecklich, schrecklich!«
»Reiten wir dorthin, wo Leutnant Carey den Prinzen verlor!« sagte Oberst Buller.
»Wie können wir das?« sagte General Wood. »Die Zulus sind vielleicht in großen Massen dort. Wir können nur mit einer starken Abteilung dorthin marschieren. Außerdem ist nun alles zu spät. Sie, Leutnant Carey, hätten besser achtgeben, Ihrer Pflicht besser nachkommen sollen! Sie sind Arrestant, man wird Sie vor ein Kriegsgericht stellen. Geben Sie Ihren Säbel ab!«
Leutnant Carey senkte den Kopf, überreichte seine Waffe dem Oberst Buller, der sie einem der Kavalleristen gab, und dann kehrten die Engländer zum Lager des Generals Newdigate zurück.
Erst am folgenden Morgen rückte eine Abteilung aus, um den Prinzen zu suchen. Sechs Schwadronen Ulanen und Dragoner marschierten um vier Uhr in der Frühe unter Kommando des Generals Marshall aus, und Leutnant Dubois mit einer Abteilung der Buernreiter ritt voran. Als der Franzose von Pieter Maritz den Bericht des Leutnants Carey vernommen hatte, geriet er in eine stille Wut, eine lautlose Aufregung, welche schlimmer war als all' sein sonstiger geräuschvoller Zorn. Mit zusammengebissenen Zähnen und grimmig gefurchter Stirn ritt er diesen Morgen vor seinen Reitern her und war immer mehrere hundert Schritte voraus. Pieter Maritz blieb neben ihm und führte den Weg, den er gestern den Leutnant Carey hatte nehmen sehen.
Sie sahen den Kral in der Entfernung auftauchen, wo nach Careys Beschreibung Halt gemacht worden war, und näherten sich ihm, als von der Seite her ein reiterloses Pferd herangetrabt kam, das im Kaffernkorn geweidet hatte. Wiehernd näherte es sich den andern Pferden.
»Das ist der Fuchs des Prinzen!« rief Pieter Maritz, indem er es am Zügel ergriff. Leutnant Dubois betrachtete das Pferd. Es war gesattelt, in den Pistolenhalftern steckten ein Revolver, Karten und Papier, sowie ein Schreibzeug. Die Bügel hingen herunter, doch bemerkte Dubois, daß ein lederner Riemen, mit welchem der Mantelsack am hinteren Ende des Sattels befestigt wurde, zerrissen war und der Mantelsack fehlte. Das zerrissene Ende hing vom Sattelringe herab.
Dubois zeigte auf dies Ende. »Sieht es nicht aus,« fragte er, »als ob der Prinz beim Aufsteigen sich an dem Riemen gehalten hätte und als ob der Riemen dabei gerissen wäre?«
Sie ritten weiter und Pieter Maritz führte das Pferd am Zügel.
Nun kamen sie an eine Schlucht, in welcher ein wenig Wasser floß, und ein trauriger Anblick zeigte sich ihren Blicken. Ganz nackt lag ein weißer Leichnam in der Schlucht, und obwohl er von Blut bedeckt und auch das Gesicht schwer verletzt war, indem anstatt des rechten Auges nur eine fürchterliche Wunde sich zeigte, erkannten beide die blassen Züge des Kaiserlichen Prinzen. Er war von achtzehn Assagaiwunden durchlöchert. Zwei Stöße waren ihm von der Brust bis zum Rücken durch und durch gegangen, zwei Stöße hatten die Rippen von einer Seite bis zur andern durchbohrt. Alle Kleidung sowie das Schuhwerk war ihm genommen worden, nur ein schmales goldenes Kettchen hing ihm um den Hals, woran ein Medaillon und ein Skapulier mit dem Bildnis der Jungfrau Maria hingen. Die Zulus mußten vor diesen Gegenständen als vor Amuletten Scheu empfunden haben. Leutnant Dubois öffnete das Medaillon und fand darin die Bildnisse des Kaisers Napoleon III. und der Kaiserin Eugenie, sowie eine Locke von dem grauen Haar des Kaisers.
»O jammervolles Ende eines berühmten Geschlechts!« rief der Franzose in tiefster Bewegung, während Thränen, die seine Augen nie gekannt, über das kriegerische Gesicht hinliefen. »O du Hoffnung Frankreichs, mußtest du so kläglich sterben? In einem Winkel ermordet, von schwarzen Wilden mit Speeren abgeschlachtet, du Erbe des stolzesten Thrones der Welt! In deinen Adern floß das Blut des größten Siegers, dein Ahn erschütterte die Erde mit dem Nicken seines Hauptes, und du, armer Prinz, liegst hier nackt und bloß auf afrikanischer Erde, im Busche gefallen, in einem ruhmlosen Kriege!«
Während er in seinem Schmerze so rief und jammernd die Hände rang, erschienen die Lanzenspitzen der englischen Kavallerie über dem Rande der Schlucht, und General Marshall mit einigen Offizieren ritt heran.
»Durch eure Schuld ist er gefallen,« rief der Franzose den Engländern entgegen. »Konntet ihr ihn nicht besser beschützen? Er erwies euern Waffen eine Ehre, indem er sich zu ihnen gesellte, und ihr hättet wissen sollen, wie ihr einen Napoleoniden beschützen mußtet, der seine Jugend eurer Führung anvertraute. Uns trifft das Unglück, aber euch trifft der Tadel!«
Die englischen Offiziere stiegen von den Pferden und kamen betroffen zu der Stelle herab, wo die Leiche lag. Sie antworteten nichts auf die Anklage des französischen Kriegers und verziehen seinem Schmerze. Stumm und traurig, in tiefer Beschämung standen sie neben dem blutigen Körper.
Leutnant Dubois kniete nieder und küßte die Hand des toten Jünglings.
»Wie wird deine Mutter um dich klagen, unglücklicher Prinz!« rief er. »Nun hat sie alles verloren, was die Erde ihr noch Gutes bot. Der Kaiser ist dahin, mit ihm die Herrschaft und der Thron. Der Ruhm Frankreichs ist verloren! Du allein, armer Prinz, warest ihr und unser Trost, du schlossest in deiner Brust die Hoffnung und das Glück des kaiserlichen Frankreich, allen Stolz der Mutter ein. O welch ein klägliches Ende, welch ein Leid!«
Die englischen Offiziere nahmen einen Schild von einem der Zulus, welche die Kavallerie begleitet hatten, und legten die Leiche hinein. Dann deckten sie sie mit einem Mantel zu und trugen sie aus der Schlucht empor. Darauf ließen sie eiligst Botschaft nach dem Lager zurückgelangen und einen Ambulanzwagen kommen. Sie umhüllten die Leiche mit weißen Tüchern, legten sie auf dem Schilde in den Wagen und fuhren sie zurück. Die Nachricht vom Tode des Kaiserlichen Prinzen hatte große Bestürzung verbreitet, und alle hohen Offiziere kamen dem Zuge entgegen. Als der Wagen sich dem Lager bei Landmans Drift näherte, traten die Truppen unters Gewehr, und zwischen langen Reihen von Säbeln und Bajonetten bewegte sich der Trauerzug unter militärischen Ehren durch die Zeltstraßen. Inmitten des Lagers hielt der Wagen, und der Schild ward herabgehoben. Generale trugen ihn, und Leutnant Dubois nahm seinen Platz zwischen ihnen ein. Das Pferd des Prinzen ward am Zügel hinter dem Schilde hergeführt. So ging es nach des Prinzen Zelte.
Stille und das Gefühl der Beschämung lasteten auf dem englischen Heere. Der Fall des Prinzen Ludwig Napoleon fügte den schon erlittenen Niederlagen und Verlusten den herbsten Schlag hinzu, denn er verband sich mit dem Bewußtsein, daß alle Völker der Erde ihren Blick auf den Tod des Prinzen richten und die Kriegsführung Englands mit Erstaunen betrachten würden.
