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Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Achtes Kapitel Unter den Räubern

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Als die beiden jugendlichen Gefangenen diese Drohung vernahmen und einen Namen hörten, welcher viele Meilen ringsum gefürchtet war und nur mit Schrecken genannt wurde, da zog wohl ein Gefühl des Todesbangens durch ihre Brust, aber ihr Stolz ließ es nicht zu, daß der Räuberfürst etwas von Furcht an ihnen bemerkte.

Pieter Maritz trug den Kopf so aufrecht wie vorher, der Engländer, welcher aus Ton und Haltung den Sinn der Drohung verstanden hatte, richtete sich aus seiner gebeugten Haltung höher auf, und beide sahen mit unerschütterlicher Festigkeit dem zornigen Titus Afrikaner in die kleinen, funkelnden Augen. Gegenüber diesem dunkelfarbigen Volke regte sich das Blut des weißen Mannes in ihnen, und nichts hätte sie jetzt dahin bringen können, Demut oder gar Furcht zu zeigen.

Titus Afrikaner beobachtete den Eindruck, den seine Worte gemacht hatten, und als er in der stolzen Haltung und den festen Blicken seiner Gefangenen deren unbeugsamen Trotz las, nahm seine Miene eine noch finstere Gestaltung an.

»Seht da,« sagte er, sich zu seinen Offizieren wendend und in der Betschuanensprache redend, die vom Oranjefluß im Süden bis zum Limpopostrom im Norden verstanden wird, »seht da dies gefährliche Volk der weißen Männer. Diese hier sind noch Knaben, und ihr seht sie trotzig gleich erprobten Kriegern. Im Frieden treulos, habsüchtig und übermütig, im Kampfe zäh, ausdauernd und grausam, so sind die Feinde beschaffen, die Morimo in seinem Hasse gegen unser Volk zu uns übers Meer geführt hat. Die Griqua, die Koranna, die Namaqua, die Stämme der Kaffern und alle Stämme der ehemals mächtigen Betschuanen schmelzen vor den weißen Männern hinweg, wie das Fett des Ochsen am Feuer schmilzt. In Höhlen und auf den Bergen müssen die wenigen Tapferen sich verbergen, die nicht dem Zugstier gleich das Joch der Weißen auf dem Nacken tragen wollen. Darum keine Schonung! Ihr meint wohl, es sei gut, Tabak und Arrak, Gold und Silber zu erlangen, und ihr wolltet den Jüngling mit dem roten Rocke seinen Freunden zurückgeben, aber ich sage euch, einem wahren Krieger ist das Blut seiner Feinde der süßeste Anblick, und weder den Buernsohn noch den reichen Jüngling von den Truppen des englischen Gouverneurs soll die Hoffnung auf Lösegeld vom Tode retten.«

Ein Gemurmel der Zustimmung kam aus dem Kreise der Offiziere hervor, und niemand wagte der Ansicht des Häuptlings zu widersprechen. Doch entging es seinem scharfen Auge nicht, daß mehrere seiner Untergebenen nur widerwillig zustimmten, insgeheim aber begehrliche Blicke auf den Engländer warfen, in denen zu lesen war, daß sie sich den Gewinn, der aus einem solchen Gefangenen zu ziehen sei, wohl überlegten.

»Führt sie fort!« befahl Titus Afrikaner jetzt mit ruhiger Stimme, »und bewacht sie gut! Morgen werde ich ihr Urteil sprechen.«

Ein Haufen von Schwarzen, welcher die Gefangenen umringte, führte sie dieser Weisung gemäß fort nach einem andern Teile der großen Höhle und gab ihnen zu verstehen, daß sie dort bleiben sollten. Hier war ein kellerartiger Raum aus der Felsenwand herausgesprengt, den einst zu Zeiten großer Erdbewegungen die geheimnisvollen Kräfte des Erdinnern gleich der ganzen Höhle hervorgerufen haben mußten. Nur schwach war hier das Licht, das von dem großen Feuer herüberdrang. Pieter Maritz und der Engländer standen schweigend in diesem Raume und dachten über ihr Schicksal mit traurigen Ahnungen nach. Doch erwiesen sich ihre Wächter menschlicher, als sie erwarteten. Die natürliche Gutmütigkeit der meisten jener Völker, welche die südafrikanischen Länder bewohnen, zeigte sich auch hier unter diesen Leuten, die doch Räuber waren. Zwei von ihnen trugen weiches Laub und Schaffelle herbei, auf denen die Gefangenen bequem ruhen konnten, ein anderer holte einen brennenden Ast herbei, der von einem harzigen Holze war und gleich einer Fackel leuchtete. Diesen Ast steckte er in ein Loch in der Felsenwand, so daß der Kerker erhellt ward. Und endlich schleppten andere Leute einen Topf mit Brühe und gekochtem Fleisch, sowie große Stücke des frisch gebratenen Ochsen herbei und gaben den Gefangenen reichlich davon ab, während sie selber schmausten. So saßen Kerkermeister und Gefangene zusammen und teilten ihr Mahl, als seien sie die besten Freunde. Sowohl Pieter Maritz als der Engländer waren so erschöpft von der Reise und so hungrig, daß die körperliche Natur über die traurigen Vorstellungen ihres Geistes siegte und sie es sich gut schmecken ließen.

Ja, als er gegessen hatte, ließ Lord Adolphus Fitzherbert den Hornlöffel, womit er in Gemeinschaft mit den Schwarzen aus demselben Topfe hervorgelangt, mit lautem Lachen in den Topf zurückfallen.

»Dies ist eine Komödie ohnegleichen!« rief er. »Was würden meine Freunde im Klub in London dafür bezahlen, wenn sie Eintritt erlangen könnten, mich so zu Abend essen zu sehen!«

Pieter Maritz sah und hörte verwundert dies Lachen und diese Worte, und da er weder von einer Komödie noch von einem Klub jemals gehört hatte, wußte er nicht recht, was er denken sollte.

»So ist das Leben!« sagte der Lord dann ernsthaft. »Entweder langweilt es uns zu Tode, oder es wirft uns wie einen Spielball umher, so daß wir bald hoch oben in Lüften tanzen, bald unten im Kot liegen. Seien wir froh, daß die Geschichte aus ist, mein junger Freund aus dem holländischen Lager! Morgen sehen wir die Sonne nicht wieder untergehen, und alle Langeweile und aller Ärger sowie alle trügerischen Freuden haben ein Ende.«

»Ist es nicht Sünde, so zu sprechen?« fragte Pieter Maritz mit einem treuherzigen Blick seiner blauen Augen.

»Weshalb sollte das Sünde sein?« fragte der Engländer.

»Der liebe Gott will, daß wir unsere Pflicht thun,« entgegnete der Knabe. »Wir sollen unserm Vaterlande dienen und unsern Eltern Freude machen. Das können wir doch nicht, wenn wir tot sind.«

»Sehr wahr,« sagte der Engländer lächelnd. »Nun, es hilft auch alles Überlegen und Denken und Sprechen zu nichts. Alles kommt, wie es kommen soll.«

»Wir wollen beten,« sagte der Knabe sanft und voll Andacht. »Wir wollen Gott bitten, daß er uns hilft, dann wird er uns helfen, wie er Daniel in der Löwengrube half — und unsern Pferden möge er auch helfen!«

Nach diesen Worten kniete er nieder und sprach das Vaterunser. Er sprach es mit solchem Ernst und solcher gläubigen Zuversicht, daß das Gebet tiefen Eindruck auf den Lord machte, obgleich er die Worte nicht verstand. Zu Anfang lächelte er, dann aber ward er ernst und betrachtete den frommen Knaben mit Bewunderung. Pieter Maritz legte sich, nachdem er gebetet hatte, nieder, und bald verrieten seine tiefen ruhigen Atemzüge, daß er schlief. Lord Adolphus Fitzherbert wollte ihm nachahmen, aber trotz aller Müdigkeit blieb er noch lange wach. Er dachte an die Heimat und ein blondlockiges junges Mädchen mit Rehaugen. Niemals, so dachte er, würde er das Mädchen wiedersehen. Endlich ward aber auch er von den unaufhörlichen Klängen einer Musik eingewiegt, die von der fröhlichen Versammlung der Schwarzen zu ihm herübertönte. Mit den bald wehmütigen, bald kreischenden Klängen der Kalabaßviol mischte sich der Ton der Mundharmonika, und die mit Ochsenfleisch vollgestopften Räuber tanzten nach den einförmigen Melodien die ganze Nacht hindurch, als hätten sie nicht den Tag vorher beim Viehraub gar manche Meile durch Berg und Thal zurückgelegt.

Als die Gefangenen wieder erwachten, wußten sie nicht, ob es früh oder spät am Tage sei, denn nur ein dämmerndes Licht herrschte an ihrem Aufenthaltsorte, und sie hätten nicht sagen können, woher es kam. Vielleicht fiel es durch Spalten in der obern Decke der großen Höhle herein und verbreitete sich bis in ihren Winkel. Die Fackeln waren erloschen, der rote Schein des großen Feuers leuchtete nicht mehr. Doch lagen noch zwei der Schwarzen, welchen ihre Bewachung übergeben worden war, quer in dem Eingange zu ihrem Gefängnis und schienen zu schlafen. Sie lagen auf ihren Mänteln von Tierfell am Boden, den Assagai neben sich und versperrten ihrer Länge nach den Eingang, eine lebendige Schwelle, über welche die Gefangenen hätten hinwegschreiten müssen, wenn sie hätten fortgehen wollen. Aber sie dachten nicht daran. Ihr Aufenthalt war so beschaffen, daß sie an Flucht vorläufig nicht denken konnten. Unbekannt mit dem Orte, wo sie sich befanden, wußten sie nur, daß Hunderte von Männern in der Höhle lagerten und daß vor dieser Höhle ein See sich erstreckte.

Während sie aber nach dem Erwachen ihre Gedanken miteinander austauschten und, trüben Ahnungen hingegeben, nur leise miteinander sprachen, entstand in der großen Höhle plötzlich Leben und Bewegung. Viele Stimmen wurden laut und der Klang von Waffen scholl herüber. Die am Boden liegenden Wächter richteten sich auf und lauschten. Mit den Augen war nichts zu erkennen, da es nicht hell genug war, doch konnte das Ohr wohl wahrnehmen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse. Es währte auch nicht lange, so erschien eine Anzahl von bewaffneten Männern im Dämmerlicht der Höhle und näherte sich den Gefangenen.

»Man will uns holen,« sagte der Engländer zu dem Knaben. »Dies möchte wohl unsere letzte Stunde sein. Ich bin wirklich neugierig, zu sehen, in welcher Weise diese Niggers Hinrichtungen zu vollziehen pflegen. Wären wir fetter, so möchte ich doch wohl zu der Ansicht neigen, daß man uns rösten und fressen will.«

Pieter Maritz schüttelte den Kopf. Tiefer Ernst lag auf seinem Gesicht, aber seine Augen blitzten von so mutiger Entschlossenheit, daß der im Galgenhumor scherzende vornehme junge Mann ihn von neuem mit hoher Achtung ansah.

Inzwischen war der bewaffnete Trupp ganz nahe herangekommen, und die Gefangenen erkannten, daß Titus Afrikaner selbst an ihrer Spitze war. An seiner Seite stand ein Mann, den sie tags zuvor noch nicht gesehen hatten. Dieser war eine so bemerkenswerte Erscheinung, daß sie ihn gewiß nicht vergessen haben würden, wenn er am vergangenen Abend mit im Kreise des Häuptlings gewesen wäre. Er hatte an Hautfarbe und Gesichtsschnitt große Ähnlichkeit mit Titus Afrikaner, doch war er größer und stärker gebaut. Er trug eine Mütze von dunkelgrauem Affenfell auf dem schwarzen krausen Haar, und um seine Hüften schlang sich ein Mantel von demselben Stoff. Er trug an seinem nackten rechten Arm, der frei aus dem Mantel hervorsah und dessen Hand den Lauf einer Büchse umschloß, ähnliche goldene Ringe wie der Häuptling selber. Etwas Vornehmes und Gebieterisches in seiner Haltung wie die eigentümliche Farbe seines Anzugs brachten Pieter Maritz auf die Vermutung, daß dies der Bruder des Häuptlings, daß es Fledermaus sei.

Titus Afrikaner richtete das Wort an die Gefangenen. »Dies ist der Tag, an welchem ihr sterben müßt,« sagte er. »Aber ihr sollt noch lange genug leben, um zu sehen, wie die Basutofürsten im Kampfe ihre Feinde schlagen. Die Weißen sind heimtückisch und treulos, sie töten die Schwarzen, die mit ihnen ein Bündnis geschlossen haben, aber die Basuto töten ihre Feinde im offenen Kampfe. Die Buern ziehen die Berge heran, um ihr Vieh wiederzuholen. Sie sollen ihre eigenen Leiber in den Bergen liegen lassen.«

Illustration from Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Titus Afrikaner und seine Gefangenen.

Pieter Maritz wußte im ersten Augenblicke nicht, wie er die Worte des Räubers verstehen sollte. Hatte dieser wirklich gemeint, jetzt, zu dieser Stunde, seien die Buern im Anzug, oder hatte er sich nur bildlich und allgemein ausgesprochen? Sein Herz klopfte mächtig in der Brust. Der Gedanke, möglicherweise könnten seine Landsleute in der Nähe sein, erweckte die schlummernde Hoffnung von neuem. Es war ja sehr denkbar, daß die Buern der Umgegend, denen am Tage vorher eine ganze Herde Ochsen geraubt worden war, sich versammelt und auf den Marsch gemacht hätten, um das Ihrige wiederzuholen und an den Räubern Rache zu nehmen. Er selber hatte schon solche Kommandos begleitet, und bei einem solchen Zuge war es gewesen, daß sein Vater die tödliche Wunde erhalten hatte.

Er betrachtete den Häuptling und sah, daß dessen Anzug geändert war. Titus Afrikaner hatte die weiße Tunika abgelegt und sich dafür mit einem Karoß, dem kleinen Fellschurz, umgürtet. Er trug eine Büchse in der Hand und einen Patronengurt über der nackten, muskulösen Brust. Auch den weiten faltigen Löwenfellmantel hatte er abgelegt und dafür ein leichtes und engeres Gewand von Leopardenfell um die Schultern geworfen. Seine nackten Beine waren unterhalb der Kniee mit einem Riemen umgürtet, von welchem weiße Zipfel, aus dem Fell des kleinen gestreiften Maushundes geschnitten, bis auf die Knöchel herabbaumelten. Es war zu erkennen, daß er sich zum Kampfe gerüstet hatte.

Pieter Maritz teilte dem Lord den Inhalt der Rede des Häuptlings mit, und alsbald traten mehrere der Schwarzen heran, banden den Gefangenen die Hände mit Riemen auf den Rücken und nötigten sie, dem Zuge der Krieger zu folgen, welche sich nach dem hinteren Teile der Höhle begaben.

Es ging in einen engen Gang hinein, der vielfach gewunden war und bergauf stieg, aber allmählich heller ward, indem die Felsen sich oben auseinander thaten und dem blauen Himmel Einblick vergönnten. An mehreren Stellen dieses schmalen, aber nun oben offenen Ganges waren erweiterte Plätze, und hier lagen riesige Steinblöcke, mit denen der Gang selber verschlossen werden konnte, wenn etwa Feinde diesen Schlupfwinkel entdecken und angreifen sollten. Doch war die Gefahr eines solchen Angriffs nur gering, das sahen die Gefangenen, als sie an das Ende des schmalen Ganges gelangten.

Sie hatten eine weite Fernsicht, als sie an dessen Ausgang kamen und die dichte Masse der vor ihnen herziehenden Schwarzen sich nun abwärts in das vor ihnen liegende Thal hinab verlor. In unbegrenzter Weite dehnte sich vor ihren Blicken der strahlende blaue Himmel aus, und unten lag Berg an Berg, Thal an Thal, teils in blauem Dufte verschwimmend, teils mit Grün überkleidet in der Nähe zu ihren Füßen. Es wäre wohl ein herrlicher Anblick für sie gewesen, wenn nicht die Aufregung über das eigene Geschick sie so sehr beschäftigt hätte, daß sie keine Aufmerksamkeit auf die Schönheit der sie umgebenden Welt verwenden konnten. Dennoch fühlte sich ihr betrübtes Gemüt durch die helle Sonne und den Glanz der Landschaft nach dem Aufenthalt in der Höhle erfrischt und gehoben.

Der schmale Gang mündete in der Nähe des Gipfels eines hohen Berges, oberhalb eines steilen Abhanges, und der Berg, in welchem die Höhle lag, zeigte sich von dieser Seite in einer ganz andern Gestalt als von der Seite, auf welcher die Gefangenen am vergangenen Abend in die Höhle hineingekommen waren. Sie waren allmählich zur Höhe hinangeklommen und hatten nicht bemerkt, wie hoch und schroff der Berg war, der auf seiner westlichen Seite von einem Gebirgssee bespült wurde, während er im Osten seinen Hang jählings in eine große Tiefe neigte. Vor ihnen kletterte die lange Reihe der Schwarzen auf einem sehr engen Wege im Zickzack in das Thal, und sie sahen von oben in Hunderte von krausen Wollköpfen mit Federschmuck und Hunderte von Speerspitzen hinab, hinter ihnen kam wiederum eine lange Kette von Bewaffneten, deren letzte Glieder noch im Berge versteckt waren, als die Gefangenen bereits einen guten Steinwurf weit vom Ausgang der Höhle entfernt hinunterstiegen.

»Ein schlauer Fuchs ist dieser Niggerhäuptling,« sagte der Lord. »Er hat mehrere Eingänge zu seinem Bau, und der Teufel selbst sollte nicht ahnen, wie das Ding von hinten aussieht, wenn er es nur von vorn gesehen hat. Doch finde ich es frech, daß er aus dem sicheren Versteck heraus ans Tageslicht kommt, um sich draußen zu schlagen.«

»Er ist kühn,« entgegnete Pieter Maritz, »aber doch handelt er vorsichtig, dem Feinde entgegenzugehen, denn er will ihn wohl fern von seiner festen Burg halten und bewahrt sich diese für die letzte Not auf.«

Der junge Lord sah im hellen Tageslicht höchst traurig aus, von seiner glänzenden Erscheinung war nichts übrig geblieben. Mitleidig sah der Knabe ihn an. Der Scharlachrock war völlig beschmutzt und hing, da ihm die Knöpfe fehlten, formlos herab. Lehm und Wasser, der schwarze Boden der Höhle und der fettige Schmutz der Lagerfelle hatten ihm seine schöne Farbe nur an wenigen Stellen gelassen, und die Fetzen hingen herunter. Der Kopf war bloß, nur mit dem großen Pflaster bedeckt, welches der Kaffernarzt ihm aufgelegt hatte. Dies Pflaster war schwarzbraun und zog sich bis zur Augenbraue hin. Das Gesicht war sehr bleich infolge der Anstrengungen, der Aufregung und der Verwundung. Nur der Ausdruck seines Gesichts war noch von dem alten Stolz durchdrungen. Auch Pieter Maritz war in seiner äußeren Erscheinung nicht unberührt von den Ereignissen der letzten Tage geblieben. Seine Bluse hatte mehrere Risse. Aber dieser dunkle, ungemein derbe Anzug konnte mehr vertragen als die Uniform des Engländers, und weder das lederne Beinkleid, noch der Rock, noch der breitkrempige Hut hatten ernstlichen Schaden genommen.

Der Knabe sah die Sonnenstrahlen auf des jungen Mannes Kopf niederscheinen und bemerkte, wie dieser mit den Augen blinzelte und wie sein Gesicht sich nach und nach mit einer ungesunden Röte bedeckte.

»Nehmt meinen Hut, Mynheer,« sagte er, dem Lord seine eigene Kopfbedeckung anbietend. Und mit diesen Worten gab er einem der begleitenden Schwarzen den Auftrag, den breiten Hut auf des Engländers Kopf zu setzen. Denn der Gefangenen Hände waren ja gefesselt.

»Ich kann es eher vertragen,« sagte er lächelnd, als der Lord das Erbieten nicht annehmen wollte.

Der Lord ließ es sich gefallen und ging, vor der Sonne besser geschützt, frischeren Mutes weiter. Eine Thräne dankbaren Gefühls drängte sich ihm ins Auge.

Der Weg, auf welchem die lange dünne Kolonne marschierte, bog sich auf der halben Höhe des Berges plötzlich zur Seite, und nun ging es in einer Richtung weiter, welche der bisher verfolgten gerade entgegengesetzt war. Nach einem halbstündigen Marsche durch ein sehr baumreiches Thal, während dessen sich die langgezogene Reihe mehr zusammengeschlossen und zu dicken Haufen geballt hatte, ging plötzlich ein Ruf durch die Masse hin, und der Zug stockte. Die Gefangenen sahen, daß Titus Afrikaner, der inmitten seiner Schar gegangen war, nach vorn eilte. Es schien eine Störung in dem Plane, den er verfolgte, eingetreten zu sein.

Nicht lange darauf ward eine Änderung getroffen. Titus Afrikaner kehrte zurück und versammelte um seine Person alle mit Gewehren bewaffneten Männer, deren es nur etwa zwanzig gab, dazu einen gleich starken Haufen von Speerträgern und bog mit dieser kleinen Schar nach rechts ab. Die Gefangenen mußten ihm folgen. An die Spitze des größeren Haufens, der über vierhundert Köpfe stark war, stellte sich der Häuptling mit dem grauen Mantel, er allein mit einer Büchse bewaffnet, und führte diese Hauptmasse der Streiter in der bisherigen Richtung weiter. Pieter Maritz hatte von einem der begleitenden Kaffern erfahren, daß dieser Häuptling in der That der Bruder des Anführers, der berühmte Fledermaus, sei.

Es ging unter der Leitung des Titus Afrikaner eine Höhe hinan, welche mit Buschwerk und einzelnen niedrigen Bäumen bestanden war, die gleich Kandelabern ihre Äste emporstreckten, und nach etwa viertelstündigem Steigen war der Rücken des Berges erreicht. Die Sonne stand jetzt schon hoch, und Pieter Maritz sah, daß es nicht weit von der Mittagsstunde sein könnte. Da er noch nichts gegessen und getrunken hatte, fühlte er sich sehr hungrig und durstig. Noch mehr als er aber litt der junge Lord, der weniger als der Buernsohn an Entbehrungen gewöhnt war. Doch hielt ihr Stolz beide davon ab, um Speise zu bitten.

Der Berg, auf welchem sie sich befanden, zog sich in langgestrecktem Zuge hin, aber der Marsch ward nicht in derselben Richtung fortgesetzt, sondern Titus Afrikaner wandte sich jetzt links, so daß er in derselben Richtung vorging, in welcher sein Bruder unten im Thale marschierte. Es ging noch eine Weile vorwärts, und nun sahen die Gefangenen blaues Licht durch das Unterholz vor sich scheinen und erkannten, daß der Berg sich dort schroff hinabsenkte. Ein Abhang von ziemlicher Steilheit lag vor ihnen, und von dem Rande desselben konnten sie weit hinaus in tiefer liegendes Hügelland sehen. Dieser Saum des Abhanges war noch mit Bäumen und Büschen besetzt, und im Versteck derselben ließ Titus Afrikaner seine Schar halten, trat hinter den Stamm einer der kandelaberförmigen Euphorbiazeen und lugte ins Land hinaus.

Von Begierde getrieben, zu erfahren, was im Werke sei, näherten sich auch die Gefangenen dem Saume des Abhangs und blickten hinaus, doch hielten sie sich hinter einem Busch verborgen, um nicht den sie bewachenden Männern Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Pieter Maritz beobachtete den Führer und sah, daß dieser mit unverwandtem Blick seiner schwarzen funkelnden Augensterne auf eine bestimmte Stelle in der Entfernung blickte. Er folgte mit seinem Blicke und erkannte nun mit tiefer Bewegung zwei dunkle Streifen, die sich gleich Würmern über ein grünes Tuch nebeneinander hin bewegten. Sein scharfes, geübtes Auge erkannte aus der Schnelligkeit, mit welcher diese Streifen herankamen, und aus der Gestalt, welche sie hatten, die wahre Natur ihrer Erscheinung.

»Seht dort, Mynheer,« flüsterte er dem Engländer zu, mit dem Kopfe winkend, »dort kommen die Buern.«

Der Lord sah mit Anstrengung aller seiner Sehkraft hinüber. »Ich sehe nichts,« sagte er.

»Seht doch,« sagte der Knabe. »Seht dort die schwarzen Streifen, so lang wie ein Finger und eine Handbreit von einander entfernt. Der eine ist mehr oben, am Rande des dunklen Waldes, der andere mehr unten auf der grünen Fläche. Und seht doch nur! Jetzt könnt Ihr einzelne schwarze Punkte erkennen, die vor den Streifen herziehen. Das sind einzelne Reiter, die den Weg aufsuchen und nach Feinden spähen, die Streifen aber sind zwei Haufen meiner Landsleute. Seht, wie sie wachsen, sie reiten schnell, seht doch nur, sie kommen hierher.«

»Ich sehe wahrhaftig nichts,« entgegnete der Engländer. »Meine Augen sind nicht scharf genug, wie mir scheint, und ich habe kein Fernrohr, könnte es ja auch nicht gebrauchen, da ich keine Hand frei habe.«

Titus Afrikaner indessen hatte den herankommenden Feind so gut wie der Buernsohn genau erkannt. Seine Faust umklammerte das Gewehr mit festem Griff, so daß die Muskeln seines Armes emporschwollen, sein Kopf war vorwärts geneigt, und sein Blick glich dem eines Raubtiers. Jetzt wandte er sich zu den Gefangenen und zeigte mit dem Finger in die Ferne.

»Dort kommen sie,« sagte er mit grausamem Lächeln, »die weißen Männer, eure Väter und Brüder, kommen. Ob sie euch wohl helfen werden? Sie kommen, um den armen schwarzen Mann zu jagen. Sie sehen ihn für ein Wild an, das man in den Bergen schießt. Aber Titus Afrikaner und Fledermaus haben Krallen und Zähne. Das werdet ihr sehen. Sie sind Löwen und werden den Jäger fressen.«

Dann wandte er sich zu seinen Kriegern, die ringsum im Grase lagen und mit ihren glänzenden Augen seine Bewegungen verfolgten, und sprach zu ihnen in einer Sprache, welche Pieter Maritz nicht verstand.

»Was hat der schwarze Kerl gesagt?« fragte der Lord. »Hat er uns ein Frühstück angeboten? Ich muß gestehen, daß ich für eine Flasche gut gekühlten Champagner und ein Antilopensteak gern die Hälfte des mir noch zur Verfügung stehenden Lebens gäbe.«

Er ließ sich müde auf die Erde nieder und starrte vor sich hin.

Pieter Maritz hatte unverwandt hinabgesehen. »Seht doch nur,« rief er jetzt, »sie sind so nahe gekommen, daß Ihr sie sicherlich sehen könnt. Ich kann sie beinahe zählen, es müssen ihrer fünfzig bis sechzig Buern sein.«

Der Lord wandte den Kopf. »Wahrhaftig, jetzt sehe ich sie auch,« sagte er lebhaft. »Sie kommen hierher. Aber Ihr müßt Augen haben, mein holländischer Freund! Ich wüßte doch auch jetzt noch kaum zu sagen, ob's Krähen oder Menschen wären. Doch was nützt es uns? Sollten die Buern die Niggers unterkriegen, so sticht uns dieser Titus Afrikaner aus Ärger tot, kriegen aber die Niggers die Buern unter, so bringt er uns zum Vergnügen um. Doch darum keine Sorge, lieber Freund. Alt-England für immer — und meinetwegen Alt-Holland auch! Wenn wir nur einmal darauf trinken könnten!«

Nach diesen Worten sah er gleichgültig auf die Schar der schwarzen Krieger, die ihm, wie sie so im grünen Grase lagen, mit ihren glänzenden fettigen Körpern gleich riesigen Waldschnecken erschienen.

Pieter Maritz blieb stehen und verwandte den Blick nicht von den heranreitenden Buern.

»Wenn ich ihnen nur ein Zeichen geben könnte, wo wir sind,« sagte er leise. »Es wäre schrecklich, wenn sie in einen Hinterhalt fielen. Ich weiß nicht, wo Fledermaus geblieben ist, aber ich denke mir, er ist dort unten im Dickicht versteckt und soll die Reiter überfallen oder auf sich ziehen und dann in solcher Richtung hinter sich her locken, daß Titus Afrikaner sie von der Seite angreifen kann.«

»Sollten die Niggers wirklich so schlau sein?« fragte der Lord ungläubig. »Das wäre ja eine Taktik, als hätten sie die Militärakademie besucht.«

»Was ist das, eine Militärakademie?« fragte der Knabe.

»Das ist eine Schule bei mir zu Hause, wo die jungen Offiziere lernen, wie man Krieg führt.«

»Kann man das in der Schule lernen?« fragte Pieter Maritz lachend. »Wir lernen das im Kampfe von unsern Vätern.«

»Vielleicht habt ihr die bessere Manier,« sagte der Lord. »Aber bei mir zu Hause herrscht die schöne Sitte des Umherziehens im Lande und des Viehstehlens nicht, und da müssen wir es wohl in der Schule lernen; wenigstens die Anfangsgründe. Denn später lernen wir es auch, indem wir auf dem Felde Krieg spielen — was wir Manöver nennen — und dann in den Kolonien im wirklichen Kampfe mit Niggern, Indern, Malaien und allen möglichen bunten Völkerschaften der ganzen Erde. Denn unsere Truppen sind überall, wir beherrschen den größten Teil der Welt.«

— »Jetzt reiten sie langsamer, das ist klug,« sagte Pieter Maritz. »O könnte ich ihnen doch ein Zeichen geben! Aber es ist zu weit, und sie würden es nicht verstehen, wenn ich winkte. Wollte ich ihnen aber entgegenlaufen, so würde mir von hinten gar bald ein Wurfspieß folgen.«

Der Lord erhob sich wieder, von Teilnahme an den bevorstehenden Ereignissen trotz seiner Erschöpfung ergriffen, und spähte hinab. »Ja, sie reiten langsamer,« sagte er. »Sie sind noch einen Kanonenschuß weit entfernt. Aber ich begreife nicht, was sie zu Pferde wollen. Sie denken doch nicht etwa daran, mit Niggern im Walde zu Pferde zu kämpfen?«

»O nein,« sagte der Knabe. »Sie werden schon wissen, was sie zu thun haben.«

»Aber es sind ihrer so wenige. Was wollen fünfzig bis sechzig Leute? Hier sind doch wohl zehnmal so viel.«

»Es sind Buern!« sagte der Knabe stolz. »Ein Buer gegen zehn Kaffern ist schon eine starke Übermacht.«

»Ihr habt ein schönes Selbstvertrauen,« sagte der Lord kopfschüttelnd.

Titus Afrikaner lehnte ruhig an dem Stamm des Baumkandelabers und beobachtete die Scene dort unten. Die Buern waren noch in zwei Haufen geteilt, die einen Büchsenschuß weit voneinander entfernt ritten, und drei Reiter waren jedem der Trupps voraus und durchsuchten das Terrain, damit nicht ein unerwartetes Zusammentreffen mit den Räubern stattfände, deren Anwesenheit in dieser Gegend ihnen bekannt war. Als sie das weite, offene Thal durchmessen hatten und sich nun dem waldigen Teil des höheren Gebirges näherten, verringerte sich die Eile, mit welcher sie sich bis jetzt vorwärts bewegt hatten; sie ritten im Schritt an der Höhe vorbei, auf welcher die Gefangenen waren, und auf einen Wink der vorausgesandten Späher machten sie, noch außer Schußweite, Halt. Ein Wald war vor ihnen, derselbe Wald, in welchem Fledermaus mit der Hauptmasse vorgerückt war, und die kundigen Buern wagten sich nicht ohne Vorsichtsmaßregeln weiter. Sie hielten weit genug vor dem unübersichtlichen Thale still, und mehrere Männer stiegen ab, übergaben ihre Pferde den Kameraden und gingen, die Büchse schußbereit in der Hand, vorsichtig vor. Die Gefangenen konnten deutlich den Anzug und die Waffen der Buern erkennen. Sie trugen alle den breitkrempigen Hut, der so gut vor den Sonnenstrahlen schützt und ein bequemes, sicheres Zielen begünstigt, und waren alle mit dem Patronengurt über der Bluse und dem Hirschfänger ausgerüstet.

Titus Afrikaner machte eine Bewegung der Ungeduld und blickte nach dem Walde hin, der das Thal linker Hand erfüllte und aus diesem hervor dort unten in die Ebene vorsprang. Da, mit einem Male, mußten die Buern etwas entdeckt haben. Die zu Fuße vorangehenden Leute blieben plötzlich stehen und verschwanden dann im Buschwerk. Nun stieg ein weißes Rauchwölkchen von der Stelle auf, wo sie verschwunden waren, ein schwacher Knall scholl herauf, und alsbald saßen sämtliche Buern ab, vereinigten sich aus beiden Trupps zu einer langen Linie mit weiten Zwischenräumen und rückten mit Ausnahme einiger weniger, welche die Pferde hielten, gegen das bewaldete Thal vor.

Atemlos sahen die Gefangenen zu — da, plötzlich, erscholl ein wildes Geheul unten im Thale, und aus dem Walde hervor stürzte eine lange dichte Reihe schwarzer Krieger, die Speere schwingend und die Schilde vor die Brust haltend. Allen voran lief eine Gestalt in fliegendem, grauem Mantel, der Häuptling Fledermaus, der wirklich in seiner Erscheinung, wie er so aus dem Walde hervorkam, dem unheimlichen Tiere glich, dessen Namen er trug.

Die Schwarzen stürzten sich mit Kriegsgeschrei auf die Buern, so viele gegen so wenige — aber nun entstand dort unten ein eigentümliches Bild. Die Buern waren nicht mehr zu sehen, es war, als hätte der Erdboden mit seinem hohen Grase, seinen dichten Büschen und den Felsblöcken, die zerstreut umherlagen, sie verschlungen. Aber hier und da, erst einzeln, dann immer häufiger stiegen hinter den Felsblöcken, hinter den Büschen, hinter den Stämmen der Bäume Rauchwölkchen auf, und der Knall vieler Schüsse drang aus der Entfernung empor. Unter den Schwarzen aber entstand alsbald Verwirrung. Es war, als hätte ein Taumel sie ergriffen. So viel Rauchwölkchen aufstiegen, so viel schwarze Krieger stürzten zu Boden, und die in der Nähe der Fallenden liefen seitwärts und stockten im Angriff.

»Wie diese Buern schießen!« rief der Lord voll Bewunderung. Er war so von dem Schauspiel in Anspruch genommen, daß er die eigene Ermüdung und die Gefahr seiner Person vergessen hatte und mit weit geöffneten Augen, vorn übergeneigt, nur noch den Kampf sah und nur noch an den Kampf dachte. Pieter Maritz war in derselben Spannung, und unwillkürlich zuckten seine Hände in den Banden.

Jetzt wandten sich die Schwarzen, um in den Wald zurückzukehren. Der Angriff war mißlungen oder ward vielleicht mit Absicht so früh aufgegeben, und während viele schwarze Gestalten draußen auf dem Boden liegen blieben, tauchte die Masse wieder in das deckende Grün ein und entschwand dem Blick.

Langsam und schrittweise rückten jetzt die Buern vor, indem sie einzeln nach und nach aus ihren Verstecken hervorkamen.

In diesem Augenblick hörten die Gefangenen einen zischenden Ton, wie ihn die cobra capella, die gefürchtete Brillenschlange, ausstößt, wenn sie, um auf den Feind zu stoßen, den Leib aufrichtet und mit vorgestrecktem Kopfe den Hals aufbläht, und als sie nach Titus Afrikaner blickten, von dessen Platze aus der Ton gekommen war, sahen sie den Häuptling seine Büchse schwingen und seinen Gefährten winken. Er schien gewachsen zu sein: seine kleine Figur dehnte sich, und die Kampflust schwellte seine Sehnen. Er zeigte nach dem Hange hin und eilte alsbald mit leichtem, weitem Schritte die Höhe hinab, gleichsam hingleitend durch das Buschwerk, das den steilen Abfall des Berges bedeckte. Hinter ihm folgten seine Krieger, und auch die Gefangenen wurden genötigt, zu folgen, indem die letzten beiden Schwarzen sie in die Mitte nahmen. Die Richtung, welche Titus Afrikaner einschlug, mußte den Trupp gerade zwischen die Linie der Buern und den Haufen ihrer ledigen Pferde führen.

Illustration from Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
Illustration from Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
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