Erste Abtheilung. Hinreise, Aufenthalt und Rückreise. (continued 3)
Reading edition
In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich schließen. Ich umarme Dich.
Mexico, den 30. August 1832.
Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist, was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.
Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt, nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der heißen Bäder, jetzt nur noch die warmen gebrauche, deren man hier in der Stadt, in zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81 jährigen Freund S. — Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben, trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein Sprudeln in dem Wasser mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und — denke Dir mein Entsetzen — sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf mich selbst aber in die Kleider und fuhr pleine carriere nach der Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet, mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd, daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten, mit dem Leben davon kommt? — Ich möchte wenigstens an mir die Probe nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.
Nun aber auch zur Politik! — Wie ich Dir neulich schon sagte, so greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt, daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-Stadt eingeengt sehen wird. Alle pronunciamentos werden übrigens jetzt zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht. Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie die unausbleibliche Folge seyn.
Seit General Teran, der geschickteste und zuverlässigste Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich (aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen, und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten eine Schlacht liefern will.
Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange dieser nicht besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden. Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne, wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.
In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte), mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner, Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden; dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam mit Füßen tritt.
Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe wohl.
Mexico, den 17. September 1832.
Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, es ist vielmehr ein peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen! und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern, als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (el aniversario de la independencia Mexicana!). Schon am Abend vorher ward, bei Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht, und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit 50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.
Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.
Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That colossale Statue von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen, an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen! und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun sind wir aber auch mit den Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt; das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen, um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen Gelegenheiten üblich ist, auf dem Rücken eines Indianers hin- und zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht befriedigte.
Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, pro beneficio desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.
Einiges aus der neueren Geschichte von Mexico bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit am 16ten September 1832.
Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der, obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor der Eroberung durch die Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch die Engländer und Franzosen.
Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken, Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man Creolen nannte und nennt) vermehrten.
Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die pecuniäre Mithülfe Mexico’s in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens Hidalgo, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der mexicanischen Nation (so nannten sich nun zum ersten Male alle Eingeborne ohne Unterschied des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die Fremden (los estrangeros, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit den Waffen in der Hand zu vertreiben!
Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben. Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte, die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben Jahre, bis die Spanier ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico sich als völlig befreit betrachten konnte.
Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden, den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen eines Bravo oder die Geschichte eines Vittoria? Beide waren Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale, wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie, dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater, an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der Drohung, daß im Weigerungsfall diese dasselbe Schicksal zu erwarten hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der Spanier Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, erschießen! Als der Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort in Freiheit setzen, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! — Der andere Held jener Zeit, Vittoria, war einer der ersten, welche beim Ausbruch der Revolution die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet, daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel (Zapalote), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab, und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.
Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm verloren! Als nun aber, durch den Sieg Iturbide’s über die Reste der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß er ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam, so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen, war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen; doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte. Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand, glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern harrte auf den Ersehnten, und siehe da, — es dauerte keinen Tag, so erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß er es sei, überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß: der todt geglaubte Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden! — Iturbide, damals am Ruder, wollte ihn an seinen Hof ziehen, aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers, und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte die Nation Vittoria, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich keine ausgezeichnete besitzt), zum Präsidenten der Republik; Bravo aber zum Vice-Präsidenten. Beide sind später in das Privatleben zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete.
Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und nur dann solle das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “sie wolle das Leben eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen,” und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!
Mexico, den 30. September 1832.
Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei Gallinero, in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen, wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen! Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (la sangre preciosa mejicana) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große Anzahl politischer Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten, durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen, vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den Straßen verursacht hatte.
Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre. Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später, seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die Verwendung des englischen Chargé d’affaires hin, das Gefängniß schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte, seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr verheirathet! — Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden. Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider mit dem Leben büßen müssen. — Er ward allgemein bedauert und in der Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul veranstaltete honras (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen. — Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner Verfolgung nicht lange genossen hat! — Er war übrigens Besitzer der reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!
Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider nur arme Erze giebt.
Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene Feier der Einkleidung einer Nonne, — wie ich höre reicher Eltern Kind, — aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen, die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines Luftballons von der Alameda aus. — Dieser war ziemlich groß, durch mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.
Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit zu enden, daß ich dem Schauspiel “El ministro” beiwohnte. Das Stück spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren Genuß der Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder einmal der Fall werden. — Adieu.
Mexico, den 4. October 1832.
Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s, in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier nicht mangelt, sind genau von derselben Form, nur begreiflichermaßen im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen, und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist, daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen, Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe, wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.
Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine solche Anpflanzung im Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (el corazon) herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von Saft, daß während zwei bis drei Monaten täglich beinah drei Maaß Honig-Wasser, (Aguamiel) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird. Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff, madre pulque (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei uns dem Bier und Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund, und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug geschieht.
Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von 1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von 5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung, mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!
Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte hervorbringen kann, versteht sich von selbst, und wenn bisher manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen, wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten, um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über dieses Land in raschem Gange immer mehr verbreiten. Mitunter äußert sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten, braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen, in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden! Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher, von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich, wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen; wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns Sache, am wenigsten die unserer deutschen Weinbauern.
Doch für heute genug davon. Lebe wohl!
Mexico, den 12. October 1832.
Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte, Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa einzusenden mich veranlaßt finde.
Hier folgt sie:
Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über, und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen, theils durch kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla. Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug, sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison, Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst verwundet.
Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein, über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt, und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht hat.
Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die Dictatur zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt, um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen hier und Puebla, um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden, weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das Ayuntamiento (die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, in der Stadt selbst, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt.
Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin, auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s die Stadt verlassen, wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.
Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der Politik zu reden, und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt darüber, von hier aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein — doch ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht, das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl.
Mexico, den 5. November 1832.
Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet, als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit, welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar von den Unterhändlern und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte, wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre, machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000 Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen in die Stadt selbst, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte am 17. October die Föderativstadt in Belagerungs-Zustand! — Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen, rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (prestamos forzosos) decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz dem Proteste unserer respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser abschneiden kann und wahrscheinlich bald wird. Fürchtet sich nun das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen, um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der Verkehr stockt, es kommen und gehen keine Posten, und wir sind heute, am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.
So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen; man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya, 2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die, wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya” zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits abgeschnitten, und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen. Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber dieser Stadt darin, die Fremden, welchen bekanntlich die Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten! Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist vor den Thoren, und wir dahinter! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen, so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben können.
Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und wünsche nur, Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.
P. S. vom 8. November 1832.
Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; — die Belagerung ist aufgehoben! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus diese Weise die Revolution zu beendigen! Gebe denn der Himmel, daß es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes) zu genießen. Lebe wohl.
Mexico, den 9. December 1832.
Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war, etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig Tagen zeigen; ich setze mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art Krieg zu führen kennen.
Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen, und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten, dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit, bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (Barancas) streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen. Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen, und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward, nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000 Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise, nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen, so hätte man hoffen dürfen, auf diese Weise das Ende des Streits herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante befand sich mit seinen Truppen in einer, von Lebensmitteln sehr entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte, Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten (was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s ausgefallen seyn. Bestätigt sich das gestern so in Umlauf gekommene Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset es sich aber aus, wie man heute erzählt, daß Santa Anna den Tag verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten waren, und das jetzige Gouvernement muß und wird dann erst an der Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist damit auf die Föderatif-Stadt angewiesen; man hat schon zweimal zu gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser, Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles monatlich, weil man noch immer, von einem Tage zum andern — ja bis zu diesem Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution erwartet. Man täuscht sich aber, davon bin ich überzeugt, und man wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel der Hauptstadt allein nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien ungehindert durchgelassen werden.
Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei Puebla, und Gottlob erwünschte! Die Revolution hat ihr Ende erreicht — sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen; übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich übrigens jetzt gewiß nicht ohne Protest auflösen wird. Dies hat aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während des Krieges, gezwungen waren, sowohl mit dem Gouvernement wie mit Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist, muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza, unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie es sich nunmehr ausweiset, nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden, Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht nie getheilt, und freue mich des Ausgangs, so wie er ist.
Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes Sinn noch Gedanken hat.
Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.
Mexico, den 28. December 1832.
Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom 913 Dieses voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen, und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren Tagen ohne Regierung, jedoch darum in keiner Anarchie. Die Sachen gehen ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man einige Bewegung in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, daß nun auch die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu Gunsten von Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht hat. Es ist dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der Stadt kaum etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs ist nun nach Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, Besitz von der Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen Uebereinkunft zu ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für meinen Theil freue mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des verhaßten Zwangs einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß es mich gerade besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, wiewohl ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in mir erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt, die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.

Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr schönen Aussicht in das Thal von Mexico.
Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird, und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber ist von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug, einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement selbst beschäftigen werde.
Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle, unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!
Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze, die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus tierra caliente nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter (und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist, so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.
Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen, und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, cien voces (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt. In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied! Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten von ihnen erbeten und erhoben hat, so geräth hier doch alles Aeußere, namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das steinerne Schiff hat bis jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber folgende Bewandniß:
Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der Vater richtete nun seine Gebete an die hier waltende Heilige nuestra Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine Fregatte zum Geschenk, wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt!
Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen, daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und einer der Wenigen, die schon vor Humboldt hier gewesen. Vor 10 Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß, beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit seiner Asche!
Mexico, den 9. Januar 1833.
Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der sich schon längst den Namen des Befreiers, el liberator beigelegt hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der 2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen, wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000 Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand, welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.
Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der vereinten mexicanischen Armee um so mehr, da mittlerweile auch einige Corps von Moctezuma dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt, eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz) fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste, und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich. Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich nicht läugnen, daß die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere, gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich, von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben, von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte. Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht, so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft bevor; man wird Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn jetzt noch für unmöglich hält.
Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen) bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen, daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde. Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.
Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus, kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte Canning zur Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer eignen Capelle, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.
Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in England, bekannt gewordene Roccafuerte, hat in einer geistreichen, hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt, die gute Früchte tragen werden.
Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl., wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer, selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten” wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier nuestro amo (unser Herr) genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung, welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann, welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins fast verklungen ist.
Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben, und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den “ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn wandelt! Adieu, Adieu.
Mexico, den 7. Februar 1833.
Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.
Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte, ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich vor ungefähr 14 Tagen, ihn in Anganguco, so heißt das Revier wo er wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin, und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.
Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man mehreren, von Holz erbaueten und mit guten Brettern beschlagenen Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter andern auch eine große, recht hübsche Herberge (fonda) antrifft, welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier, als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den, das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen, Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so, ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.
Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat. Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico. Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten unsere Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der beste empfohlen war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden, ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten! Das war aber auch alles! Einen zweiten Stuhl, um am Abend mit meinem Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken, konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich begnügt hätten.
Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen, in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben kann, von Ortschaften wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig! fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.
Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen Winden gepackt werden kann, an jenem Tage aber kein freundlicher blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte. Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt, sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern, bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel ward, oder des Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube, auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende Fremde, einen kleinen Laden (tienda), und treiben etwas Ackerbau und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der Kuhreihen, das Heimweh zu geben.
Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und wo wir an den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten, gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem eingerichtet; er war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten) mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden, es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund. Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch, Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco, woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind, daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten, sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser Wildpret.
Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends fehlenden Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und Schleiden hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht, indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen, in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen Unternehmens geschöpft werden soll.[18] Ganz nahe hinter dem Wohnhause ist eine Silbergrube des Vereins (Carmen), welche zwar die reichern Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia, Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl. aus.
Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.
Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen, Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts, aus entfernten Gegenden herangezogen werden müssen. Die Aufseher, die Schmelzer und Beamten des Vereins — sind alles Deutsche, von denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz einheimisch gemacht haben.
Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen Theils (40 à 50 pCt.) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft; er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist, daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt.
Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten (welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen Bedeckung einiger wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern Weg gewählt, und eine Anhöhe (Cuesta) erstiegen, welche so steil ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt, ist ausnehmend schön und großartig.
In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen, und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun, wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten, wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die Stiefel von den Füßen schneiden lassen, alle Kleidungsstücke waren triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank, und erwachten den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause, eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der Tafel, und ließen es uns gut schmecken.
Mexico, den 13. Februar 1833.
Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene, Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt stattfindenden Wahlen eines neuen Präsidenten und anderer hohen Magistratspersonen, obgleich sie öffentlich in den Straßen, in elegant decorirten Buden gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (universal suffrage) erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber, daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen Antworten an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte, zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt lassen, nämlich den bei den Damen D—’s (der Mutter nebst ihren zwei liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste). Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr Schüler zu verschaffen, und es gelang über Erwartung; die Zahl der kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction, meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt, in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur über Ereignisse, welche dem Schicksal angehören!