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Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Erste Abtheilung. Hinreise, Aufenthalt und Rückreise. (continued 4)

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Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und — wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde! Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in meinem Vorsatze, die Rückreise jetzt anzutreten, verharren zu machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf, meine Wiederherstellung hier abzuwarten; da sie diese aber selbst nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, ich reise morgen ab!

Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von Vera-Cruz aus. Lebe wohl.

Vera-Cruz, den 3. März 1833.

Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere, daß ich wirklich unterwegs nach Hause bin.

Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall (sin novedad, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis 60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima erzählt!

Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera, nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte. Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist, eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich nicht, denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es weht und stürmt in diesem Augenblicke so, daß ich fast zweifle, ob wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche, da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen, so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend, daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem, glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben so zuvorkommend und gütig wie früher; ich habe hier zum Abschied aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer angenehmen Rückerinnerung.

Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord. Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen, und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise, gegangen ist.

New-York, den 1. bis 9. April 1833.

So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in der nordischen Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen, nicht vor dem 1. Dieses hier an.

Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein roher, ungebildeter Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht werden.

Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.

Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum etliche und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20 Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann; hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7 Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt gesehen haben.

Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen schon von vorn herein ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.

Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen; es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon, wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß, den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die, früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß, gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen, einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur bewundern kann. Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge, auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist, eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen, dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge, und die rauhe Jahrszeit z. B. jetzt noch nicht vorüber; noch hat weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen) Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige, gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine Vergnügungs-Reise nach Italien, und von da über Wien, durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich zu machen; das nenne ich mir doch noch a tour of pleasure! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.

Diese boarding-houses sind zum Theil sehr elegant meublirt, und bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar manche Comforts der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen Anstalt eingekehrt, in Mansion-house, Broadstreet, und kann Dir mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung, wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel, auf eigene Kosten unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und es geht bei der, über 100 Personen starken table d’hôte wieder eben so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses, die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der Wein wird ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (parlour) zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken, und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese boarding-houses, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn.

Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer Auction! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren, und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne daß jedoch etwas weggenommen werden dürfte, bis das Ganze, mithin das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen, theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern. Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen, wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich zu freuen, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens, schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.

Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen, Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! —

Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und seine Tochter Fanny, in der Tragödie “the grecian daughter” zu sehen, und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach meiner Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande furore gemacht; ich war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich, in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.⁠[19]

Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.

Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir) nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner delectiren soll.

Auch einen Sonntag habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur das genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? — darüber könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; das aber weiß ich schon im Voraus, daß mich die hier herrschende Blut-Aristokratie, diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen, oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit und Gleichheit zu besitzen und dessen Constitution unter den freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt! Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit, gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren müßten, und deshalb unterbleibt die ganze Negotiation!

Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen Staaten dieser aufgeklärten Republik die Todesstrafe darauf gesetzt haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen — auf Liberia, an der Küste von Afrika, — so edel der Gedanke und so brav die Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo Millionen in Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll geschehen? Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige, stufenweise, aber gänzliche und jetzt schon ausgesprochene Aufhebung aller Sclaverei.⁠[20]

Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben im Hafen u. s. w. — sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen, und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde, welches mich nach Frankreich bringen soll. — Alle Vorbereitungen sind bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind zu bitten. Lebe wohl.

Am Bord des amerikanischen Packetboots the Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833.

Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen, heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten gemacht haben werden.

Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt worden und legten schon in den ersten zwei Tagen über 500 Meilen zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite (in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig, so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte. — Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer, um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt wird, — dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.

Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das einzige, was ich Dir von dieser Reise erzählen könnte und nicht von der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren, was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken nach sich zieht. Diese Meerungeheuer folgen den Schiffen unter der Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten, aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal, wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit Fleisch und Angel im Magen davon.

Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er würde sie zertrümmern.

Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem Fleische braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos unter uns waren, durchaus keinen Beifall.

Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600 bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren, daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten ihnen eine glückliche Ueberfahrt.

Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben, denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt, und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte drawing room, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek, zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, ja belehrend unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen werde.

Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das scheint mein Uebel vermindert zu haben.

Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen Wiedersehn.

Paris, am 10. Mai 1833.

Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen, welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat, wie das Wasser.

Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade la fête de Louis Philippe und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp. Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend ward hie und da — sehr spärlich — illuminirt! Da das Paß-Bureau dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag für die Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach 15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich, und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen; Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier sahen wir — auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen — wenigstens Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber, Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil, um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an, wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich sei, wurde — belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere Beachtung verschafft. — Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung noch nicht; in Europa wird er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren Preis — verkaufen könne!

Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine, durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit, im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur hier abzuwarten. Wie kann ich mich aber, nach einer so langen Trennung von Euch, dazu entschließen? — Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich bloße Schmerzen nicht davon abhalten, das versichere ich Dir.

Am 13. — Ich habe sie — diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz drücken können!

Anhang.

Kurze Darstellung der politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico seit der Präsidentschaft Santa Anna’s, so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.

(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)

Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner “Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt, momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch und insbesondere die höchsten Magistrats-Personen der Republik, mit gehöriger Freiheit erwählen konnte.

Sobald dies jedoch geschehen und General Santa Anna als Präsident, Don Valentin Gomez Farias als Vice-Präsident installirt und der gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus.

Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante am meisten ergebenen Generäle, Arista und Duran, die wichtigsten Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen Ereignissen.

Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, — in seiner Person liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, — ihm wollten sie vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen füllten! — Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! — so hieß es am Schluß — diese anarchistische Partei, empfangen Sie die Dictatur aus unsern Händen, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’”

Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico, Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen. Obgleich — aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung — schwankend in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten würde; er hatte überdies religiöse Scrupel und hielt es für Sünde, die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt seyn.⁠[21]

Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum Dictator. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun den eignen General, den Präsidenten der Republik, gefangen nahm, um ihm die Dictatur gleichsam aufzudringen. — Aber man hatte sich in ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.

Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse. Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa Anna für eine mit ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts der Republik! Die Generäle Vittoria, Anaya, Mejia und Arago (letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend zu unterdrücken. — Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen, in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! — Die Chefs der Insurgenten und dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; auch nicht eine Hinrichtung fand statt! Die neue Ordnung der Dinge stand fest.

Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben, zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz, zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und der Constitution treu bleiben!

Während nun der Präsident damit beschäftigt war den Feind im offenen Felde zu bekämpfen, gingen vom Congreß wichtige Reform-Decrete aus. Unter andern Männern von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der bekannte Don Lorenzo de Zavala, der seine Stelle als Civil-Gouverneur des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben erwählt worden war. — Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß:

Daß die Entrichtung des Zehnten an die Geistlichkeit, dem Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim gestellt seyn solle.

Daß die klösterlichen Gelübde vor dem Civil-Gesetz als nicht bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins bürgerliche Leben wieder einzutreten.

Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten Canonicate wieder aufgehoben seyn sollten.

Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als tausend Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen, Last entledigte.

Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind noch folgende Propositionen Zavala’s:

Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der eingehenden Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um Zweidrittheil der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.

Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.

Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der National-Schuld.

Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen, als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die Einführung der Religionsfreiheit bemerklich macht, und man nicht glaubt, daß diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!

Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch keine Schulen waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus. — Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und viele Schulen des ersten Unterrichts wieder hergestellt, welche die frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 Schulen des ersten Unterrichts, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746 Kinder lesen und schreiben lernen.

Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat, die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren, so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie; Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik; Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-, Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.

Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate hervorbringen!⁠[22]

Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld von fünf Millionen Pesos contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen, welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden. Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen; dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten, denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. Monat!! bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern einen ungeheuren Nutzen abwarfen! — Ein solches Leih-System von Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst die Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe kosten,⁠[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird! — Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten.

Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen und verbesserten Finanz-Verwaltung hat Zavala der Regierung höchst beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,⁠[24] will er, daß man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden, die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.

Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der Schluß ziehen, daß die vereinigten Staaten von Mexico, sowohl in moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte, welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet, die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen, mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; — die Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden, welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im Clerus stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche und Staat anzuerkennen, — alles dies wird die vereinigten Staaten von Mexico dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.

Notes in this chapter

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