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Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Erste Abtheilung. Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.

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An * * *

Köln, am 9. October 1831.

Du siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten ist. Ich bin diesseits des Rheins und kann jetzt nur noch vorwärts. Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so wie ich in gleicher Weise Nachrichten von dir erwarte.

So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der liebenswürdigen Mexikanerin — der ersten die wohl je den Rhein befahren — und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle. —

Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet! Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst, aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth, Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen aus. —

Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt, und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. — S..., der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht.

Paris, 23. October 1831.

Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß sie mir meine gute Laune nicht verdarb. — Paris selbst fand ich denn noch immer das alte Sodom und Gomorrha; und stets noch dasselbe ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten! Doch ist die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich zuletzt hier war, sehr verschönert worden. — Es giebt übrigens auch fast keine große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden theils das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden wäre! Der beste Beweis, daß den Völkern ein friedlicher Zustand der Dinge mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste Krieg, — und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier noch eine Menge Unsinniger, die diesen herbei wünschen! — Ich aber sage: der Himmel erhalte uns den Frieden!

Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich im Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt; dennoch habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar vieles ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch einmal gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die beiden Ex-Souveräne nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro von Brasilien, in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher, stattlicher Mann, mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien in modischer Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen schneidenden Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen Deis, dessen mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen auf den Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. — Des Deis Bruder, gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während der ganzen Vorstellung hinter ihm stehend, ist ein schöner, noch junger Mann. — Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl X., war an diesem Abend nicht in der Oper! —

Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall, sehr viel Interessantes vernommen habe. — Mit unermüdeter, fast beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben, sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt, was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. — Auch hat er mich mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren Auspicien, als denen seines Namens, kann ich in jenem Lande nicht auftreten!

Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. — Lebe wohl!

Bordeaux, am 2. November 1831.

Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze nach der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken, wenn man la belle France sehen will. Die Ufer der Loire gewähren, namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der Nähe von Heidelberg. — Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische, jedoch kalte Lage. — Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete, steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen, heiteren und milden Wetter.

Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe, vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck, einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt.

Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt, und fahre nun morgen den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten guten Winde unter Segel gehen werden.

Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt, sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! — Bis dahin Adieu!

Am Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831, in der Gironde.

Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir heute noch von diesseits des Meeres schreiben zu können! Indessen — der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir nämlich in Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von Bordeaux, angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns nöthigte, vor Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, — nachdem ich meinen Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte, um ja nicht zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen letztern Ort verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, — acht Tage in einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie alles sein Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und Wetter gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene, daß wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte, hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung gezwungen, in den Hafen von Brest einlaufen, um zu repariren, und da dies viel Zeit erfordern wird, so sind die meisten der 72!!! Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt, um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! — Welch ein Glück also, daß ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; — und doch beklagte ich dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! — Ich fühle mich nun am Bord unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig genug, um darin lesen und schreiben zu können.

Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere, worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico etablirten Gatten reist. — Unser Capitain ist ein noch junger, einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon gesagt, einstellen zu wollen. — Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne Kunde von einander bleiben.

Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer halben Stunde verläßt!

Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder.

Am Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831.

Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas hinaus. — Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten, haben wir z. B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen, nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach Westindien kommen.

Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten, Geschäftsmann! — Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an. Nur Sturm und schlechtes Wetter bringen eine Abwechselung hervor; doch eine solche wünscht man sich eben nicht.

Am 24. November.

Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als Wasser, Wind und Wetter! — So glaubten wir z. B. mit Zuversicht, ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand.” — Es war ein erhabenes, aber auch zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt.

Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen Weg nachholen.

Wenn ich Dir übrigens eben von der afrikanischen Küste sprach, so mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und kann noch Ueberrock und Mantel vertragen.

Am 2. December.

Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um der Kleinen willen, wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls amüsiren.

Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten Tropique mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß, und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau, in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt, unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren.

Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils verkleidete, theils entkleidete Matrosen dargestellt, welche letztere sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen.

Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren.

Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward.

Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große Kälte hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken gehörig versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die Capelle ward von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das Monotone einer Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm unterbrach, hatte ein Ende.

Am 10. December.

Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die schon dem Columbus eine willkommene Andeutung der Nähe des Landes waren, und hoffen, in wenigen Tagen Hayti zu erspähen. — Herzlich will ich mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn man wird es nachgerade müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen. Wenn mich indessen auch die Langeweile dann und wann etwas plagt, so befinde ich mich doch in jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit Du siehst, daß mir am Bord des Esteva an materiellen Bedürfnissen nichts abgeht, will ich Dir eine Beschreibung unserer Tages-Eintheilung geben, um so mehr als es ohnehin unverzeihlich seyn würde, einer braven Hausfrau gar nichts von Küche und Keller zu erzählen, die doch im Leben (zu Land wie zu Wasser) eine so wesentliche Rolle spielen. So höre denn. Bei der hier stattfindenden Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6 wird’s dunkel, Morgens um 6 geht die Sonne auf) bekommt man gegen 7 Uhr Morgens, nach Verlangen: Thee, Caffee oder Chocolade, — versteht sich alles ohne Milch. Um 9 Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen, bestehend aus einer Tasse Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken u. dergl., nebst Erdäpfeln und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder so viel Wein, oder Wein und Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr wird dem etwa Hungrigen ein Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier, gereicht; um 4 Uhr speist man zu Mittag und es werden dabei folgende Gerichte aufgetragen: gute Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder Kalbfleisch, auch wohl Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte oder gebratene Hühner, zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten; Gemüse jeder Art, und zweimal in der Woche Torten und kleine Pasteten; schließlich Butter und Käse, etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und dabei rother Wein nach Lust und Belieben. — Zum Beschluß des Tages endlich wird jedem, der es wünscht, am Abend ein Glas Wein, Wasser und Zucker, Himbeersaft oder dergl. gereicht, und Du wirst somit gestehen, daß man sich am Bord des Esteva wenigstens über die Kost nicht zu beklagen hat, und daß sie jener auf den englischen Packetbooten, die Du ja aus früherer Erfahrung kennst, vorzuziehen ist; was Dir insbesondere aber noch mehr als Vorzug erscheinen würde, ist der Umstand, daß man aus den französischen Packeten nur Holz und keine Steinkohlen brennt, deren Geruch und Dampf die Neigung zur Seekrankheit so leicht erregt, und Dir oft so unangenehm war.

Am 14. December.

Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr das Cap Samana auf Hayti. Wir genossen bis spät in die schöne, warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten, deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und mannichfaltiger Gestaltung erhob.

Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen, freundlichen Dörfern und Pflanzungen. — Einzelne Berggruppen erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind.

Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden, warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht, der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben durch die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber gerade in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu setzen hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die er den Hafen von St. Nicolas nannte, gehört zu den wenigen Orten, welche bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei der Entdeckung beilegte. — Wir aber sollen daselbst Frankreichs Correspondenz mit Westindien abliefern, und da mir der Capitain erlaubt hat, mit den Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich diese Gelegenheit, um Dir das bisher für Dich Niedergeschriebene via Nordamerika zuzusenden, und Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du auf diese Weise um einige Monate früher erhältst, als wenn ich damit bis zu unserer Ankunft in Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen weiten Weg dahin, und wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht! Ich falte daher alles Fertige zusammen, und gebe es morgen in St. Nicolas zur Post.

Leb wohl, tausendmal wohl!

Zwei Stunden auf Hayti.

Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der Insel Hayti, St. Nicholas au mole genannt. Der Lieutenant und ich gingen ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort abzugeben; und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich früher in so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in der Nähe sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert worden war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen ein Bild davon zu entwerfen.

Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s, Pantalons ad libitum und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es, eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe trug.

Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark als schön.

Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit eine Stadt nannte, beantwortete er mir ausweichend; wahrscheinlich um nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu gerathen.

Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze (es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt, wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten, ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die Hitze oft unerträglich.

Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch, welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,) zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht ununterrichtet, bedauerte die Polen, qui avaient si bien assisté la France autrefois, und fällte ein richtiges Urtheil über die belgischen Angelegenheiten: ce pays n’ayant maintenant plus la même importance qu’auparavant u. s. w. — Im Ganzen genommen machte jedoch die Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck auf mich, wie jene mit dem Director der Douane.

Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte, ließ der großen Hitze wegen absagen, was ich bedauerte, da ich ihn gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun, daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte.

Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre, worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u. s. w. zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch, und kauften dessen ein gutes Viertheil.

Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns; ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder ihren nackten Körper durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen.

Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm, ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr zu ihm hingezogen fühlte.

Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten, sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst.

Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau, die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte hinzu: et voici le huitième. Da Mann und Frau nicht von einer Gesichtsfarbe waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer Unterschied unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-, theils negerartig.

Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm absticht.

Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle jüngeren haben einen vollen Busen; bei den älteren ist das Gegentheil der Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr wie heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides wohl Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf Hayti, die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach der Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die robes von englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher, die hier à la française getragen werden, kleiden gut und geben den Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit, des Körpers sowohl wie der Häuser u. s. w. in hohem Grade bei diesen Leutchen zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti nicht vergleichen kann.

Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau gethan haben würde.

Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet; auf dem Kopf das bekannte mouchoir, leichte baumwollene Jacke und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig abbüßen müssen.

Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u. dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn; wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen, wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen, alle ihre Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich ohne einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und ausführt.

Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach Portauprince als Zahlung sendet.

Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse, daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer deutschen Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte Christoph hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer Nähe, aus Mangel an Zeit — nicht besuchen zu können; sie wird von den Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.

Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.

Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt und wahrgenommen wird.

Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (Stores genannt) Alles, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser marchandes in englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß, mouchoirs u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge der während des ganzen Continentalkrieges ausschließlichen Zufuhr englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide.

Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden den Anblick des Binnenlandes verbirgt.

Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme (Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert; man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.

Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen Nächten, welche in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen. Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. — Zu verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art, Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden, würde sich sehr irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade, welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche vollkommen bestätigt fand.

Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war, und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten, schwarzen Mädchen dafür gab.

Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.

Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als zwei Stunden!

Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.

Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben, so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten, auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden Landreise Seiten. — Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang auch, und der Mensch — nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits erzählt, und fahre damit fort. —

Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas, war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt, die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten, zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.

Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen, um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. — Diesen letztern kamen wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder blos den Himmel über uns und um uns her die See. — Wir befinden uns nun in dem mexicanischen Meerbusen auf der Bank von Campeche, und die vielen Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald beendigten Reise.

Am 24. December 1831.

Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen diese Täuschung deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht kennt.

Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden, wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes unangenehm überrascht; es schien von der Küste von Campeche gekommen zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs, Länge-Berechnung⁠[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu halten, wo sie ihren Raub hinführen. — Welch ein reges Leben sich in jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück, vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen schrecklich für uns hätten werden können. —

Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und unerhörte Gräuel verübt. — Den vereinten Bemühungen der englischen und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen, wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord bewaffneter Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte!⁠[2]

Am 25. December.

Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten, nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns wieder untreu werden zu wollen scheint. —

So eben ruft man Land!! und wir erblicken hoch in den Wolken, den Pic des Orizaba! — Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die Meeresfläche emporragende Bergspitze aus sehr weiter Ferne sehen kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick! Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.

Am 29. December.

Die Stille dauerte nicht lange. — Gegen Abend erhob sich der Wind und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten Tag.

Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen Orizaba, gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je gesehen!

So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig; denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu erreichen.

Am Bord des Esteva, den 31. December 1831, im Hafen von Vera-Cruz.

Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns gestern endlich, den Hafen zu erreichen, wenn anders eine offene Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste gekettet, die wir — leider! — so bald noch nicht verlassen sollen; denn, — stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, — wir müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten!

Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn überall verfolgenden Gassenhauer “Marlborough s’en va-t-en guerre” in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf jagte! — So soll es mir, wie es scheint, (versteht sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der Cholera ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen, hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten würde, und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen könnte. Ueberall war die Rede von der Cholera und fast nur von ihr! — Gut, dachte ich, dies hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens diese verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom gelben Fieber spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß, als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das Sanitätsboot war, um uns anzukündigen, daß “da wir aus Europa kämen, allwo die Cholera herrsche,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und unser Schiff das erste, auf welches die Maßregel angewandt ward. — Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!

Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu machen? man muß sich bon gré mal gré darein finden, und wir können uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man will mir heute Abend ein Boot senden, um die Briefe abzuholen, und ich werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.

Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm, sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich niederzuschreiben.

Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden! In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. — Was das Treiben auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem Landungsplatze (Muelle) an der Stadt, gewährt einen recht belebten und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio⁠[3] liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen; wir haben diesem also den Rang abgelaufen.

Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die Mexicaner hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!

Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du diese Mittheilungen recht bald erhieltest. — Mögen sie Euch Alle so wohl treffen, wie ich mich fühle!

Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich wieder ans Land, und auf festen Grund und Boden!

Stadt Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.

Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte, daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen, und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen welche der warme tuchene Mantel (Capa) der besseren Classe, oder die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (Zerapa), deren auch der ärmste Lépero nicht ermangelt, kaum zu schützen vermag. — Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als am Lande, und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, welche wir auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt ganz geeignet, den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu steigern; wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern der Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten, Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen des Sturmes zu überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.

Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. — Du kannst denken, daß ich das Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ. Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran, für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte, was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen, es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm denselben beim Abschied schriftlich überreichten.

Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet, nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an dieser Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist. Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche sich im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit einer oft übermäßig großen Hitze,⁠[4] das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen (vomito prieto) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, in den Monaten Mai bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. Diese, den Eingebornen des Hochlandes von Mexico in noch höherem Grade, als den Europäern, gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch nicht auf die Stadt Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß an der ganzen Küste, und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, namentlich auf dem Wege nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über der Meeresfläche gelegenen Landgut, Encero, so daß der, auch schon sehr hoch liegende, von schöner kräftiger Vegetation umgebene, und von einem nicht unbedeutenden Waldstrom bespülte Flecken, Puente national, (halben Weges zwischen Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß des Vomitos in den besagten Monaten ebenfalls unterworfen ist. Der Ursprung dieser verheerenden Krankheit dürfte mithin auch wohl in noch andern Gründen, als der Ausdünstung der Sümpfe, welche Vera-Cruz umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse indessen diesen Punkt den Naturforschern, und beschränke mich darauf, einem Jeden zu rathen, in der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis October, sich nicht weiter küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und sich nicht sicher zu glauben, wenn etwa, wie jetzt der Fall, während einiger Jahre die Krankheit sich nur in sehr geringem Grade zeigt; sie pflegt alsdann mit erhöhter Kraft wiederzukehren, und Niemand kann voraussagen, wann dies geschehen wird.⁠[5]

Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr, wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von hier keineswegs übereilen.

Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. Die Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich und im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas angemessen eingerichtet. — Wir wohnen auf dem sogenannten großen Platz (plaza), und haben das ganz ansehnliche, altertümlich gebaute Stadthaus (Palacio) gerade vor uns und die Hauptkirche (Cathedrale) zur Seite, — welche letztere sich aber weder von außen, noch von innen besonders auszeichnet.

Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute Zollhaus (Aduana) ist einfach aber geräumig, und für die allerdings großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.

Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen, Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen wohl versehenen Markt, und ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen, und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe — (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) — nicht. Das Ganze machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf mich. — Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern Seite.

Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten. Für heute nur noch ein Lebewohl.

Vera-Cruz, den 9. Januar 1832.

Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses) an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein sogenanntes pronunciamento, eine Protestation, der Truppen.

Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat nämlich zusammen und erklärte, Namens der Armee, welche sich als Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten, und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man zum Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, — wo nicht, das Begehren mit gewaffneter Hand durchsetzen.”⁠[6] — Die Garnison sandte hierauf eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem Landgute (hacienda) wohnenden, General Santa Anna, mit der Bitte, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ sich willig finden, — (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher mit ihm verabredet gewesen) — und ward nun von einer Abtheilung Dragoner abgeholt, und mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und Glockengeläute empfangen. Er nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit den Civil-Autoritäten und der Garnison, die weitern Operationen noch in derselben Nacht verabredet wurden. — Der Commandant der Festung St. Ulloa ist den Beschlüssen der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und hat sich unter die Befehle von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, indem die Stadt von jener Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr (so wie Antwerpen von seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund geschossen werden kann.

Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der plaza versammelt, und nach einem etwas schwachen Rufe von: viva Santa Anna y mueren los ministros! — ging jedermann ruhig nach Hause und, zur gewohnten Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu Bette. Auch die darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen Gleise, und man bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution nur an der verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht dies ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa Anna an ihn gerichtetes vermittelndes Schreiben, eingetroffen ist. — Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen, etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.

Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war vortrefflich, und das Officier-Corps, — (ein weit zahlreicheres als bei gleicher Truppenzahl in Europa) — nahm sich in den reichen Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.

Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34 Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm vorgestellt, und unterhielt mich mit ihm ziemlich lange über die neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen Vorfälle in Europa, — die belgische und polnische Revolution nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. — Santa Anna’s Manieren und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero, der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar annahm.

An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros (mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes, europäisches Auge, komisch genug aus. Ich fuhr in einer Volanta, einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen, nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. — Es stand hier früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu Lande allgemein beliebte Hazardspiel, Monte, zu frequentiren, wobei denn Einige Silber, noch Mehrere aber Gold, und zwar oft große Summen, einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl aus einer Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden Guitarren-Musik, den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern an Grazie sehr nachstehen sollen, — und ich bemerkte auch in der That sehr wenig von dieser Eigenschaft. — Da es bekanntlich in dieser Zone schon um 6 Uhr Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen Parthie sehr früh nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu erwähnen, daß wir den Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, bei einer Tasse Thee recht angenehm zubrachten.

Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der Hauptstadt Mexico begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier zu Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen Räubereien zu schützen. Tout comme chez nous, — könnte hier ein Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies nicht können!

Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.

Jalapa, den 12. Januar 1832.

Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir — in unserm Theile von Europa wenigstens — nicht anzuweisen. Da Du es aber nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu beschreiben. Höre also.

Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, in einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (litera) liegend, in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem Schutzwehr gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, einige der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, der Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu dürfen baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der sich, nach ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet hatte und so mehr einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines friedlichen Reisenden glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs Maulthiere, welche unser Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer des Zuges zu Pferde, die Thiere, unter beständigem Peitschenknallen und “Mula”-Rufen, bald hier bald dort antreibend. In einiger Entfernung bildete Freund S. mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal ein zweirädriger, mit zwei Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß der Carawane, welche sich am Ende doch noch rascher bewegte, als ich erwartet hatte.

Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu Pferde, — die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und daher besser unterbleibt. — Zweitens, mit der Diligence, welche aber, obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen Löcher auf den schlecht, oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme Diligence zwischen Mexico und Jalapa in Gang gebracht hat, ihren Cours bis Vera-Cruz fortsetzen wolle; bis dies aber geschehen und der Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen einer Reise per Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. — Drittens kann man denn auch in einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie Du siehst, ich gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an den Seiten mit Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, einschläferigen Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen und schlafen, oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten und vorn eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist aber, besonders wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott setzen, keineswegs angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig hangen, in den oft engen und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. Dessenungeachtet ist diese Reiseart die am wenigsten angreifende, und deshalb dem noch nicht acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu empfehlen.

Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach Santa-Fé, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege nach Mexico.

Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht, daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und Appetit sogar an dem sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. — Die übrigens schwache Bevölkerung von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe der Küste, mitunter Neger, die aber bekanntlich in der mexicanischen Republik frei sind, d. h. ganz gleiche Rechte mit allen übrigen Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch Vorurtheil, zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.

Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und wohlgemuth in Puente ankam, wo wir übernachteten.

Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico. Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern umgeben, und von dem Fluß Antigua bespült, der zwar in dieser Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz, sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne, breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht unbedeutenden, auf einem der benachbarten Berge gelegenen, Veste beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall gerathen. Santa Anna hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; weiter ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, weshalb uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. — In dem Gasthof zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen von englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S... (der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.) sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, al modo del pais, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor des Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w.

Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier zu Land so beliebten frijoles, einer Art Bohnen, erfrischten. — Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen Jalapa, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich denken kann, gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, Orangenbäumen und dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. — Fiele in Jalapa nicht so viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten Wolkenregion, 4300 Fuß über der Meeresfläche, und hat daher dessen etwas zu viel) — so wäre diese Gegend ein wahres Paradies, denn es herrscht hier ein ewiger Frühling! Das Clima ist weder zu heiß noch zu kalt, und durchaus gesund. Man kennt hier das schwarze Erbrechen nicht, weshalb Jalapa denn auch, während der an der Küste ungesunden Jahreszeit, der Aufenthaltsort der Altspanier war, als diese noch das Monopol des Handels und in Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und dort Ankunft und Abgang der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. Jetzt hat sich dies alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen Jahreszeiten, und die Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) bleiben auch während der Fieberzeit an der Küste. —

Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick. Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht, an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. — Von den Dächern des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von dem Reichthum der vegetabilischen Natur. — Erst wenn dereinst ein liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone aufsetzen.

Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen im Innern des Hofes (patio) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend. In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen Namen leihen muß. — Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können. Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen worden.

Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, Fonda Francesa benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich bin mit Tisch und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, mit der nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; denn, so gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine Geschäfte keine Zögerung am Wege. — Lebewohl!

P. S. Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich doch auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche, große, schwarze Schleier (Mantilla) kleidet die Damen recht anmuthig; ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht ab.

Puebla, genannt la Puebla de los Angelos,⁠[7] den 15. Januar 1832.

So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist, und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen, jedenfalls nicht ohne Beschwerde. — Man reiset indessen auf diese Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier darauf verwenden mußte.

Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß. Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig angelegten Steindamm aus der spanischen Zeit; links ist derselbe durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen, die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.

In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser Aussage vollkommen.

In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den Landleuten getragen werden.

Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über der Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, — so genannt, weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem Auge, nach allen Seiten hin, die Form eines großen Kastens darbietet. Dieser Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach Humboldt 4089 Metres hoch.

Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz sei! — Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade, Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine, auf viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht viel Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst el mal pais, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche an diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was sich uns auf diesem Wege nach Tepeyaqualco, dem Ziele der Tagereise, darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.

In Tepeyaqualco fanden wir besseres Nachtquartier, als wir erwartet hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht nur mittelst der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. Abends erhielten wir ein Huhn in Reis gekocht, und Morgens vor der sehr frühen Abfahrt eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, selbst in dem ärmlichsten meson (Wirthshaus), stets ziemlich gut zu haben ist. Auch hier, wo man z. B. früher, wenn man nicht auf der Erde schlafen wollte, sein eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte Freund S..., daß in den letzten Jahren ungemeine Fortschritte in allen Reisebequemlichkeiten gemacht worden wären, was man denn wohl hauptsächlich den Unternehmern der nordamerikanischen Diligence zu verdanken hat, welche dafür sorgen, daß überall auf ihren Stationen gute Nachtquartiere in Bereitschaft gehalten werden.

Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man zuerst nach Ojo de Agua, woselbst — wie der Name schon andeutet — eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle herum angelegt worden wäre. —

Bald darauf erreichten wir Nopaluca, das schönste und größte Dorf, das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser und eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen, die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.

Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege Pinal, glücklich und ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der diese Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und freut sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, denn der besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern Hinterhalt, und ist daher sehr anlockend für die hombres de bien, (Biedermänner, — wie man sie scherzweise nennt) welche dieses ehrenhafte Handwerk treiben. Wenn diese caballeros keinen Widerstand finden, sollen sie sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft benehmen, mit dem Eigenthum sich begnügen und den Personen weiter kein Leides zufügen. Den geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre Habe, und bitten um Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es jedoch zu einem Gefecht, und die Räuber behalten die Oberhand, so ist natürlich nicht allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in Gefahr, und man hat in solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. — Während des Marsches regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; das Militair ersetzt dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr noth thut.

Der nun folgende Flecken Amazoque ist sehr schön, groß und freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von ausgedehnten Maquay-Pflanzungen, von deren interessanter Behandlung bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir Näheres sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; für jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für die bekannte Garten-Aloë (Agave americana) und Pulque ein geistiges Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den Einwohnern allgemein genossen wird.

In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio, der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef der Armee, Calderon, stoßen und die Operationen der Belagerung von Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst machen zu wollen.

Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich an freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach dem benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen Johannes geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von der Seite her, von welcher wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade untergehenden Sonne, sehr schön ausnahm.

Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik fehlenden, Garita, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der fonda francesa ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns mit einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und besahen uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben entsprach dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie die große plaza vor der Cathedrale, machten auf uns den gewöhnlichen, befriedigenden Eindruck einer großen Stadt, den das Wiederbesehen am heutigen Tage keinesweges verwischte oder schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön zu nennen; die Straßen sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut, breit und reich an schönen Häusern. Die auf einem großen Platze stehende Cathedrale ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und Silberverzierungen wahrhaft überladen, — nicht so mit Gemälden, deren ich meistens nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die Kirche soll sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen Millionen Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur viel Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn auch hier, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der Republik geltend macht.

Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick; es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden. Dagegen desto mehr die geistlichen Darstellungen auf der Bühne, von denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich gemacht wird, ist gewiß.

Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A., Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in Puebla nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die früher vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf Santa Anna waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen, und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug, sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut schmecken ließ.

Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger, Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.

Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar nicht als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja sogar als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab dazu aufgeregten, Pöbel, den lépero’s, deren Puebla eine große Menge besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der Republik so wenige nichtspanische Europäer sieht, als hier. — Man versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die zwar gute Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen sollen.

Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei! Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen, daß kein wahres Wort daran ist. — Dies wissen auch noch viele Andere, aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der Gegenparthei! — Tout comme chez nous! —

Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens um 6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in der andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders, als den Fremden? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!

Mexico, den 21. Januar 1832.

Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es noch ferner geschehen? — Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, denn wir legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” — Die reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern, welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen, daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn uns nicht das schöne warme — ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch nur hier zu finden) enttäuscht hätte.

Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt, vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die drei berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den Orizaba, den Iztaccihuatl und den Popocatepetl, am Horizont zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen eigenthümlichen, ja erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch bald wieder aus dem Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene von Mexico, nur noch die beiden letztern im Auge.

In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen, Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! — Die Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? —

Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch weiter nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 Fuß über der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man daselbst in einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon oft von Räubern angefallen werden soll. —

Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen Blick in das Thal von Mexico eröffnen, wenn anders einer, zwar von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich faßt, die Benennung “Thal” gegeben werden soll. Ich kann nicht sagen, daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so entzückt gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge zu sehr entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu können, als die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten Formen nach allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, erblickt. Dieses geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem Geschmack schöner unten im Thale als oben auf dem Berge aus; — eigenthümlich jedoch von beiden Standpunkten.

In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns hätte werden können. — Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst Dir unsern Schrecken denken, — denn man hat auf einer solchen Reise in den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, die sich allenfalls ersetzen ließen, sondern — was wichtiger und nicht zu ersetzen ist — seine Papiere! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen geblieben? — Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter — und erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, — aber dennoch früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und schienen froh und guter Dinge. —

Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico führt, und die beiden Seen, den salzwasserigten zur Rechten, und den süßwasserigten zur Linken, von einander trennt, fuhren wir beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen — so — gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!

Du weißt mich nun hier, — bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl zufrieden.

Mexico, den 23. Januar 1832.

Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als großartig nennen; man würde “schön” hinzufügen müssen, wenn etwas mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und Gebäude verwandt würde; — aber man sieht diesen nur allzusehr den Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur Friede und der Glaube — die Ueberzeugung — des ruhigen, gesicherten Besitzthums kann die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den Stempel des Reichthums aufzudrücken! — Diese Ueberzeugung mangelt aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht daher in der Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern öffentlichen Gebäuden. — Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit, in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge weit näher erscheinen, als sie wirklich sind. Die Luft ist hier so hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen kann.

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