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Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Erste Abtheilung. Hinreise, Aufenthalt und Rückreise. (continued 2)

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Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen Zwischenstock (entresuelo) so daß sie in der Regel keinesweges von niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste, die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der ephemere Kaiser Iturbide bewohnte, sodann die großartig angelegte, noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast (ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder Universitätsgebäude, und — unter den Klöstern und Kirchen, deren es hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale!

Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern, und zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den beiden übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres in irgend einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, wo bei großen Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch geistliche Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der That ungemein groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch eine Reihe von Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, und durch die vor einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben eine traurige Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück abgewonnen wäre. — Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem nicht so reich ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön und viel größer als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, symetrisch und zum Theil im gothischen Styl ausgeführt, namentlich die an der linken Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der entgegengesetzten Seite ist der etwa 10 Fuß im große Stein mit dem berühmten altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber nicht entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. — Die Cathedrale, so wie sie ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem erstgenannten National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang — (er nimmt die ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock hoch, mit einem entresuelo, oder einer Mansarde. Das Gebäude imponirt deshalb nicht genug, und ich wundere mich in der That, daß die vormaligen Vice-Könige Spaniens sich keine prachtvollere Residenzen erbaut haben, da es ihnen doch an Vorbildern dazu — in der Stadt Mexico selbst nicht mangelte und noch weniger an dem dazu erforderlichen Gelde. — Den linken Flügel des Pallastes, dessen Salons geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz geschmackvoll meublirt sind, bewohnt jetzt der Präsident der Republik.

Quadrat
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Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt, benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. — Das Local des Senats ist zwar etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch, daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden konnten. (Die Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des Congresses, der zur Rechten von dem Präsidenten der Kammer, der zur Linken von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel. Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa herausrufen lassen, besprechen können.

Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist, auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon machen können. — Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.

Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.

Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir bewohnen, haben einen viereckten Hofraum (Patio) in der Mitte, in welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. — Der untere Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der Magazine steigt. — Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen, was Auge und Nase erquicken kann. — Das Ameublement richtet sich ja überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige “Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen.

Oben auf der Azotea (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser haben) hält man sich denn wohl, — wie z. B. ich — zum freundlichen Andenken an deine Liebhaberei — Hühner, Kalkuten und Tauben die Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der eignen Zucht! — Das werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß hier oben auch der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von oben herab sehr leicht macht, während man von unten her, wo der Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine Wohnung hat, nichts befürchtet.

Mexico, den 29. Januar 1832.

Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt unterrichtet zu halten.

Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. — Man will sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt seine Kräfte und unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung, mit der man hier davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man, wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht mehr vertragen. Inzwischen — die Zeit wird es lehren! — Hier aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas (Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich das Alles cum grano salis mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!

Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte des Gartens ist ein großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. — Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion⁠[8] zurück, um für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade (oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder Gesellschaft zu besuchen.

Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht; die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt, die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik, die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen berechtigt ist, das ist das Haus selbst! Die Logen haben übrigens nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich; — Eheherren und Papas wollen behaupten zu reich! Hieran sind denn aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt gesehen habe!

Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht, was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder; jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch ausnahmsweise — aber man sieht es doch noch!

Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen; da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik, durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den Kampfplatz! Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.

Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch, daß er den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch einen Trompetenstoß von diesen Feinden erlös’t, und einer Anzahl Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein Ende — und bringt den Hauptmann, den Matador (Todtschläger) auf den Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten, bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.

Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!

Mexico, den 21. Februar 1832.

Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte ich das auch nicht? — Ich hatte diesmal aber noch eine besondere Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte (es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht werden, die Pferde waren gesattelt und warteten unserer im Hofe, der leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen) belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus der Cavallerie ausstreichen lassen. — Gebrochen scheint nichts zu seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen, da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon sagen.

Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein von Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang gebracht worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide gehalten. Der Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen romantisch gelegenen, Capelle de nuestra Señora de Gouadaloupe, (wovon ich später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas zu erzählen haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie abgesteckt, und am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für die Zuschauer angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte lang, denn man behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft wegen) kein Pferd einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde aushalten können (?). — Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden Pferde sind alle von mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, aber ohne Schönheit und Grazie, und mit den edelgeformten englischen Wettrennern (racehorses) eben so wenig zu vergleichen, als das Wettrennen selbst mit denen in England, wo es Nationalsitte ist und Tausende von Zuschauern heranzieht, während sich hier nur eine sehr mäßige Zahl von Menschen zu Pferde und zu Wagen versammelt, um das Schauspiel mit anzusehen. Unter denen, die da waren, ward jedoch auf gut mexicanisch stark gewettet. Leider bildeten sich dabei zwei Partheien, eine englische und eine mexicanische, und da die erstere gewann, so machte dies übles Blut bei den Eingebornen, was gerade jetzt um so mehr zu bedauern ist, als die Politik ohnehin schon von Seiten der theokratisch-altspanisch gesinnten Gouvernements-Parthei, eine Spannung gegen die Fremden hervorbringt.

Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der Dinge weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. — Es handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um das was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch nicht blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller Anstrengung des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend Mann hat zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! — Damit nimmt man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche Hafen und Festung zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 Mann unter einem Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen an Talent überlegen ist, und dessen Truppen gut genährt und unter Obdach einquartirt sind, während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz belagern will, in einer Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits so weit vorgerückten Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber preisgegeben ist. — Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. März einen Angriff auf Vera-Cruz wagen! — ich glaube aber an keinen Erfolg und bin der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen müssen. Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication zwischen hier und Vera-Cruz gar sehr, und Friedrich ist daher eigens dahin gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über die Maaßregeln zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen werden müssen, falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln sollten. Er ist Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren Männern häufig geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa einen Unfall gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das Pferd rannte nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, wodurch er sich an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch — Gottlob — Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, die Reise von dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn denn das, in solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz herstellen wird.

Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.

P. S. So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, zu meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum 7. November reichend, aus R.. — Gottlob, daß ihr alle wohl und so vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns statt! — Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen, Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt, und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber — die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis jetzt beurtheilen kann, würden sie Dir, da Du, obgleich ein Kind des Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. Mir ist das Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich schon an die Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der Hitze nähert, ohne sie zu seyn, der kalten und frostigen Atmosphäre bei uns weit vorzuziehen.

Mexico, den 21. März 1832.

Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut fliegen, es nicht auf dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich, wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.

Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen, denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten, worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir allein Euren Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz ganz hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges Wohlseyn erfahre. — Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen; er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht, beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf dessen ganzes Corps, und mußte sich, bon gré mal gré, am 3ten dieses bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl noch Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.

Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde — und Santa Anna verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um 4 Uhr an und hielt diesmal keinen Triumph-Einzug! — So groß sind aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei neuen Muth einzuflößen, — während Calderon, der, wenn er mit Energie vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte, vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren gedenkt.

Bei Tolome ward denn auch — denke Dir! — ein Landsmann von uns (der Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den Degen nicht mehr halten konnte. — Calderon ließ ihn vorführen und wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich in den häuslichen Bruderzwist der Mexicaner nicht mischen sollten! Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, daß er gleichfalls Fremde in seiner Armee habe! — Es dienen deren nämlich mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der mexicanischen Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein gewisser Arago, ein französischer Artillerie- und Ingenieur-Officier, aber auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. — H. ward also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot zu Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. — Der Vorfall ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber zu machen? — Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.

Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, — das kannst Du Dir denken, — aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? — Er kommt wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte Deputation und — geht zu der Gegenparthei über, obgleich ihm der Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!

Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten muß und wird. — Man scheint indessen im Minister-Conseil noch keinesweges nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges, weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.

Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach Europa nicht werde denken können. — Deine Täuschung hierüber kann nicht größer seyn, als die meinige! Aber — die Pflicht gebeut, und da müssen die Wünsche schweigen; — sie waren sonst heute lebhafter als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte Deinen Geburtstag still und einsam — aber in treuer inniger Liebe!

Mexico, den 11. April 1832.

Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin auf dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist in dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der beau monde von Mexico, sie wechselt dreimal im Jahre, im sogenannten Winter (einen eigentlichen hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr ist’s der Paseo Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. Die Alameda habe ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe ich nur zu sagen, daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee ist, welche längs des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende Gegend bietet, wie überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, keine Naturschönheiten dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, ohne Baum- und Buschwerk. Der, von langen, breiten Böten oft stark befahrene, Canal auf der einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, Reiter und Fußgänger auf dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch ein heiteres Leben; — die Böte auf dem Canal insbesondere gewähren oft einen recht amüsanten Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, welche Blumen nach der Stadt bringen und nun auch ihre Häupter damit bekränzen, einher fahren, oder wenn von der niedern Classe der Städter Spazierfahrten auf dem Canal veranstaltet werden, bei welchen hier und da, in den Böten, ein junges Paar einen National-Tanz nach der Guitarre abhüpft und der Rest darüber herzlich lacht. — Solche Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande weit minder lärmend, als bei uns; das liegt im Charakter der Mexicaner, der, so weit ich ihn habe kennen lernen, ein stiller und milder ist.

Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu unternehmen wage. — Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe nehmen!

Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr eine deutsche Meile von der Stadt. —Ersteres ist ein nördlich von Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein soit-disant botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, halb altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und schmalen Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. dgl. m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß es jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer, als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe; eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die an der Wurzel über der Erde nur einen bilden, der Stamm hat hier 41 Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. — Von hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden führt. In dem, abermals Fonda francesa benannten, Wirthshause fanden und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher ein wenig mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam überschütteten, Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack verrieth. Unter Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas ganz anderes daraus geworden.

An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten immer, vernachlässigt und im Verfall ist. — Es ist sonst ein recht stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico. Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.

Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann. Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen, eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen; wir frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten auch wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit Realen (dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der Gärtner, der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und Kindern, (letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf, sans façon sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als er aber, nachdem er den Dollar verloren hatte, eine Unze (Goldstück von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück und verbaten uns seine Gesellschaft in toto, was er auch weiter nicht übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder abtrollte, wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der Fremden (dies waren die meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit seiner Unze in die Schranken zu treten!

Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir, zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten anlangten.

Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. — Dieser Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt, woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht wird.

Mexico, den 24. April 1832.

Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das Wasser betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle, armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen, auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst in Stein ausgemauert und die Zellen klosterartig und dunkel! Sicherlich haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein ziemlich großes Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. Man nennt es Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und liegt hart an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, seicht und nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen Fischen, von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge Indianer ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels haben. Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich darf sagen das gräßliche Bild, welches ich hier sah, gewiß in meinem Leben nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig und der Eingang groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als 15 Familien, aus mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, bestehend, darin gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, den Bedürfnissen derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da brannte ein Feuer, an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel bereitet wurden, auf welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder mit gierigem Heißhunger zu warten schienen. Man konnte deutlich bemerken, daß hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber keine Gemeinschaft der Güter stattfand. — Außer den kärglichsten Nahrungsmitteln und einigen Fischernetzen war freilich auch nichts vorhanden, was eine Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast Alle gingen ganz nackt und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung um und an sich, was bei der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein europäisches Auge kein sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen jedoch, obgleich auf der untersten Stufe der menschlichen Bildung, fröhlich und guter Dinge zu seyn. — Meine Erscheinung in der Höhle brachte die ganze Masse in Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich etwas zu erbetteln, ich gab was ich bei mir hatte, es reichte aber nicht aus und ich hatte viele Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom Leibe zu halten und meinen Rückzug zu bewerkstelligen!

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So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an diesem Tage keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. Limonade u. dgl. verabfolgt werden dürfen. — Früher lustwandelten hier auch die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist, oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme Judas muß, in unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln, hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein Pariser könnte hier auch ausrufen: tout comme chez nous! was aber nicht comme chez nous, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die Thiere scheinen dies zu ahnen und flüchten unter allgemeinem Geheul in die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist.

Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz erschlagen!

Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind, zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt, doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug, mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen vorzöge, daß er sehr bedaure, daß der würdige preußische Generalkonsul (Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere, worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.⁠[9] Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn soll.

Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. — O daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und Henkel hat ein mexicanischer Silberschmidt gemacht. Doch ich muß endlich einmal schließen. Lebe wohl.

Mexico, den 31. Mai 1832.

Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in Tierra caliente (heiße Zone) und Tierra templada (gemäßigte, aber doch wärmer, als das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu Gunsten des Letzteren ausfielen!

Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe, daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.

P. S. vom 4. Juni 1832.

Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße Nacht-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. — Es ist dieselbe Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der Cactus grandi florus in seinem Treibhause blühe! — Du wirst Dich der Zeichnung gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen Kolibri’s nicht wenig schwelgen. — Vor einigen Tagen verirrte sich einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden.

Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom 2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten, daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich diese nunmehr — bei der Wendung, welche der Gang der politischen Ereignisse in diesem Lande genommen hat — bald zu erhalten hoffen darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. — Santa Anna folgt ihm auf dem Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.

Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider der Handel auch! — Lebe wohl.

Beilage.

Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl, unweit des Plan de Amilpas gelegen.

So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das Eisen, und man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20 Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen⁠[10] war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren, sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der Banco de Avio (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu dem in Mexico ganz außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. pro Anno, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.

Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines Hochofens zur Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren, wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke vorwärts auf unserem Wege; — nachdem wir nun dort ein Frühstück eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen, wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. nicht ich, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren, ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an Zucker-Plantagen (haciendas) so reichen, Plan de Amilpas, 2000 Fuß tiefer gelegen als Mexico. — Der natürlich stets abwärts gehende Weg führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische Dörfer.

In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um mehr davon zu sehen. — Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war, so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten, alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder, im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging. Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten (Barancas), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt, bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.

Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, wo wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich aufgenommen und gut bewirthet wurden. — Wir fanden den Hoch-Ofen schon über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz in der Nähe des Sitio finden. — Die Wasserleitung führt dem Werke, von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen, und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen geschafft werden können. — Die Unternehmer schmeicheln sich, auf diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung unverzüglich gemacht werden soll. — Gelingt er⁠[11] und realisiren sich die jetzt von der Sache gehegten Hoffnungen, so ist der Vortheil für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen, der Oeconomie wegen aus Kupfer gießt! — Ob man es aber alsdann auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn deutschem Geiste und deutscher Betriebsamkeit und Ausdauer verdankt? — Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem Ausländer nicht sehr hold.

Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker Deutsche sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. — Ein anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält, vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung ganz deutschen Anlage. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen Utensilien, unbegreiflich erscheinen. — Da es auf dem Sitio am Tage sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts strömende Felsbach, durch die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. — Die Nächte sind hier aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in Tierra caliente ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren, in Tierra caliente gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die er, so aufgeklärt, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke, in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er Niemanden höher schätze, und daß er es gewesen sei, der in dem ersten constituirenden Congresse darauf angetragen habe, dem Baron Alexander v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren, was dann auch geschehen sei!

Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge, und gegen uns freundlich und gefällig waren;⁠[12] die Hitze war sehr groß und brachte, wie es schien, alles zur Reife und ins Leben. Der unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken, sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den Bouteillen-Vogel, und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der Vergleich stets ein sehr passender.

Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ. Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich auf jeder Hacienda seyn muß) war klein. Wir besahen nunmehr die Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß überall nur freie Arbeiter zu sehen waren, und daß es mithin sich als unwahr ergiebt, wenn die Nordamerikaner der der südlichen Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und namentlich die Zucker-Fabrication, könne nicht ohne Sclaven betrieben werden! — Mexico liefert den praktischen und faktischen Beweis des Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik noch viele; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn dürfte. Denn was auch sonst die Fehler der mexicanischen Constitution seyn mögen, in einem Stücke ist sie der gepriesenen nordamerikanischen weit überlegen, nämlich darin, daß sie die Menschenrechte ehrt — und keine Sclaverei duldet! Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als freie Menschen abgelöhnt wurden, — und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich ist, ist es auch in andern, und es muß daher auch in Westindien und in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird.

Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen, üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. So kommt er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht Statt. — Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr süß.

Die von der Hacienda nicht weit entfernten Eisen-Bergwerke boten als Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. — Einer der Aufseher, ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. — Der Rückweg führte uns wieder durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten, besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.

Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb Markttag, der, sehr stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und Nürnberger Spiegel, — kurz Alles, selbst das heterogenste, ward zum Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend, meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. — Es mangelt eben hier noch nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen gewiß sehr zuträglich ist.

Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale. Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr in Mexico an! — Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren hübschen Dörfern und den viel besprochenen, schwimmenden Gärten vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen seyn mögen, jetzt nicht schwimmend, sondern große, viereckige, den Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl die erste Veranlassung zu der allzu feenartig klingenden Benennung von “schwimmenden Gärten” gegeben haben!

Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio beendigten.

Mexico, den 17. Juni 1832.

“Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen!”

Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande und im Freien begangen. — Wie es in andern Theilen der Republik gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach St. Augustin, einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, — statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, — da zu erbauen, wo jetzt St. Augustin steht. Begreiflicher ist, daß in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen, und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen, welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; — und dahin zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen. Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, Tanz am Tage im Freien und bal paré am Abend, alles ist dort zu sehen und zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu nennen. — Aber, aber, — ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico nach St. Augustin zieht! Es ist die Spielsucht, vielleicht mehr als alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres Feld gegeben, als gerade hier. — Die Regierung beobachtet nämlich das äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt. Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über) während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20 verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit Gold und Silber.

Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½ vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger als je mangelt, gesucht und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was die meisten derselben wieder mit zurücknahmen; denn das wird nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich gespielt hätten! Eine Bank ist freilich gesprengt worden und hat 3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am wenigsten begünstigt! — Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward, oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern (auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab! — Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo besser. Aber eine Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de *** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und Pointier habe ich in Europa nicht gehört.

Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage hinbrachte! — Daß diese mit der Messe (Misa) und einer Procession in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen erlustigt. Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften aller Umstehenden erregt und fesselt! — und auch dies ist ja hier tout comme chez nous! — Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner kurzen Proceß.

Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.

Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern Mittagessen an Table d’hôte (man zahlt für’s Essen und eine Flasche französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel beau monde, mitunter sehr reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren, gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und einer reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten Magistrats-Person eines Landes gebührt. —

Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die Andern um für den Ball Toilette zu machen. — Mittlerweile will ich Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, — nämlich nichts mehr und nichts weniger als einen bergauf strömenden Bach. Diese Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend, sich vom Gegentheil zu überzeugen!

Für den bal paré am Abend ward das Local des Hahnengefechts recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der Nähe bewundern zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10 Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war geschmackvoll und reich, und der Tanz — Quadrillen und Ecossaisen — ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und nur die Zuschauer waren hier etwas mehr abwärts gemischt, als sie es bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.

Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch “on the light fantastic toe,” und fuhren bei schönem Mondschein nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.

Jalapa, den 25. Juni 1832.

Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! — Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen, als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht, wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w. von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der Hierherreise, um nichts unversucht zu lassen, diesem peinigenden Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher Erwartung seiner Rückkehr — mit vielen, vielen Briefschaften — auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche Weise vereinigen! — Ich war heute in einem großen Garten, wo die Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit reift; wo deutscher Thymian⁠[13] neben Artischoken, die Melone neben der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden, lilienartigen Liquidambar-Stauden nicht unerwähnt lassen; doch mag es an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen bleiben. — Regnete es in Jalapa nicht fast täglich am Nachmittage (es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit, welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende, wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. — Die schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten, kennt man hier nicht.

Den 26sten.

Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu schildern! — Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! — Könnte ich meinem Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! — aber das kann und darf ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden wird. — Santa Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte, gefolgt. — Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann (mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir, mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, eben so schwach war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende, statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100 Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse! Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen, und es sollen sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. — Man hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem Nächsten mehr darüber berichten. — Adieu.

Jalapa, den 9. Juli 1832.

Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich ein neues “pronunciamento” statt gefunden, welches die Sache mehr als je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich, nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, par excellence,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten Pedraza erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt werden soll. — Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird, ja nicht eingehen kann, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande alles geschieht, und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist! Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann!

General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und 18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler) im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als chez nous; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen schon zufrieden geben.

Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man die meiste beau monde antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova, zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen Wasserfall führt! Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten, hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an eine Meierei (nach dem spanischen leche, Milch, lecheria genannt), wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint, jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß kommt!

Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen “Spinnen-Staaten-Bund,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15 Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt, nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an den vielen Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich, ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden Armee erfreut, und an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören. Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt, hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf geht, so daß der am Ende stehende Hochaltar diese Benennung im wahren Sinne des Worts verdient.

Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt, so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater, sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.

Jalapa, den 24. Juli 1832.

Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen. Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba besetzt, und will von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio, der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen, fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward, die noch steht! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt, nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber keine Schlachten, und der Anfang der Feindseligkeiten ist denn auch bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino, ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.

Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe nur vorläufig auf die Wache gebracht, um den nächsten Morgen verhört zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat. Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug, mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun, wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß es auch hier zu Lande eine seltene ist.

Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien in demselben begangen werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.

Mexico, den 13. August 1832.

Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist, weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner, Erwähnung thun; sie gehen nämlich nicht, wie bei uns die Landleute, sondern laufen stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell vorwärts bringt; der Mann zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt das Weib, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten, eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen, betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß, daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen, die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen, werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von der heiligen Mutter Gottes an, bis zum ungläubigen Thomas herab, in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten. Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von einem christlichen Tempel aus und kehrte dahin zurück!! Wahrlich, ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche, nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung, an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer christlichen Geistlichkeit.

Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus künstlichen Feuerwerke aus, die bei der großen Hitze einer tropischen August-Sonne am hohen Mittag abgebrannt wurden, sich aber, was Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen. Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision. Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über 300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben, daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches Kirchenfest kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend, wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird. Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist, aber hier habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es, als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie mit Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht, denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe, denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum Verkauf anbot.

Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp, aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12 Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen, glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und bürgerlichen Freiheit erfreuen.

Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen, denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist. Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die Paseos, torros (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor, besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich hätte es, in der Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter treffen können.

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