Zweites Buch. (continued 2)
Eugen Rolfes translation
Z. B. es sei A eine einzige Wissenschaft, B konträr. Hat man nun den Satz aufgestellt, das Konträre falle unter eine Wissenschaft, so wendet man hiergegen entweder ein, daß die Wissenschaft des Entgegengesetzten überhaupt nicht dieselbe und das Konträre entgegengesetzt ist, so daß sich die erste Figur ergibt, oder daß die Wissenschaft des Erkennbaren und die Wissenschaft des Unerkennbaren nicht eine ist, was die dritte Figur ist. Denn von C, das ist dem Erkennbaren und Unerkennbaren, ist es wahr, daß es konträr ist, und falsch, daß es unter eine Wissenschaft fällt[292].
Bei einer verneinenden Prämisse hinwieder ist es ebenso. Denn wenn man eingeräumt haben will, daß die Wissenschaft des Konträren nicht eine ist, so sagen wir entweder, daß die Wissenschaft von allem, oder daß die von einigem Konträren dieselbe ist, wie die des Gesunden und des Gesundheitsschädlichen; das „von allem“ wird nun aber auf Grund der ersten, das „von einigem“ auf Grund der dritten Figur bewiesen[293].
Denn man muß überhaupt in allen Fällen, wenn man allgemein insistiert, den Widerspruch so fassen, daß er das Ganze der Prämissen trifft, indem man etwa, wenn der andere die Wissenschaft alles Konträren nicht für dieselbe gelten lassen will, sagt, daß die des Entgegengesetzten eine ist. So muß sich aber die erste Figur ergeben, indem das Allgemeine entsprechend dem in der Behauptung gesetzten Begriff Mittelbegriff wird. Wenn man dagegen seinen Einwand nur in partikulärem Sinne geltend macht, muß man solches vorbringen, wozu sich das Subjekt der Prämisse wie das Allgemeine verhält, muß also etwa sagen, die Wissenschaft von Erkennbarem und Unerkennbarem sei nicht dieselbe. Denn das Konträre ist im Verhältnis zu diesen beiden Begriffen das Allgemeine. Und es stellt sich die dritte Figur ein. Denn das partikulär Genommene, also erkennbar und unerkennbar, ist Mittelbegriff.
Denn aus dem, woraus sich Konträres schließen läßt, suchen wir auch die Einwände zu entnehmen. Daher erheben wir sie auch nur aus diesen Figuren. Denn nur durch sie können entgegengesetzte Schlüsse gehen: durch die mittlere Figur läßt sich, wie wir gesehen haben, nicht bejahend schließen.
Auch würde ein Einwand durch die mittlere Figur eine eingehendere Begründung erfordern, z. B. wenn man nicht zugäbe, daß A dem B zukomme, weil ihm C nicht logisch folge. Denn das ergibt sich erst aus anderen Prämissen, und der Einwand darf nicht auf anderes übergreifen, sondern muß die abweichende Prämisse sofort klar bereit haben. Deshalb liefert auch nur diese Figur kein Zeichen[294].
Es kommen hier aber auch die anderen Einwände in Betracht, wie die aus dem Konträren, dem Ähnlichen und dem, was Gegenstand der Meinung ist. Auch wäre noch zu untersuchen, ob man einen partikulären Einwand 70 aaus der ersten oder einen verneinenden aus der mittleren Figur entnehmen kann[295].
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Wahrscheinliches und Zeichen ist nicht dasselbe, sondern das Wahrscheinliche ist ein glaubhafter Satz (endoxos). Denn wovon man weiß, daß es meistens so geschieht oder nicht geschieht, so ist oder nicht so ist, das ist wahrscheinlich, z. B. der Satz, daß die Neider hassen oder daß die Geliebten lieben.
Ein Zeichen aber will ein beweisender Satz sein, ein notwendiger oder ein glaubhafter. Denn bei wessen Sein ein Ding ist oder bei wessen Geschehen es früher oder später geschieht, das ist ein Zeichen, daß es geschehen ist oder daß es ist[296].
Ein Enthymema (Gemeinschluß) nun ist ein Schluß aus Wahrscheinlichem oder aus Zeichen (Indizien).
Das Zeichen wird in dreifacher Weise angesetzt, auf so viele, wie der Mittelbegriff in den Figuren. Denn es wird wie der Mittelbegriff entweder in der ersten oder in der mittleren oder in der dritten Figur angesetzt. Z. B. wenn man beweist, daß eine Frau schwanger ist, weil sie Milch hat, so gehört das in die erste Figur, weil Milch haben Mittelbegriff ist; A: schwanger sein, B: Milch haben, C: Frau. Die Folgerung, daß die Weisen tugendhaft sind, weil Pittakus tugendhaft ist, fußt auf der letzten Figur; A: tugendhaft, B: die Weisen, C: Pittakus. Man würde hier sowohl A wie B von C wahrheitsgemäß aussagen, aber man sagt das eine nicht, weil man es weiß, das andere aber nimmt man an. Die Folgerung endlich, daß eine Frau schwanger ist, weil sie blaß ist, will auf der mittleren Figur fußen. Denn da die Blässe sich an die Schwangerschaft knüpft und sie auch an dieser bestimmten Frau hervortritt, glaubt man gezeigt zu haben, daß sie schwanger ist. Blaß: A, schwanger sein: B, Frau: C[297].
Wird nun bloß die eine Prämisse ausgesprochen, so erhält man nur ein Zeichen, nimmt man aber noch die zweite hinzu, so hat man einen Schluß, wie z. B.: Pittakus ist freigebig; denn die Ehrliebenden sind freigebig, Pittakus aber ist ehrliebend. Oder wieder: die Weisen sind gut; denn Pittakus ist gut, aber auch weise.
So ergeben sich also Schlüsse, nur ist der Schluß durch die erste Figur unwiderlegbar, wenn er wahr ist — denn er ist allgemein —, aber der Schluß durch die letzte Figur ist widerlegbar, auch wenn die Konklusion wahr ist, weil er nicht allgemein und nicht sachentsprechend ist. Denn wenn Pittakus tugendhaft ist, brauchen deshalb nicht auch die anderen Weltweisen es zu sein. Der Schluß durch die mittlere Figur aber ist immer und in allen Fällen widerlegbar. Denn wenn die Begriffe sich so verhalten, kommt nie ein Schluß zustande. Es braucht ja, wenn die Schwangere bleich und auch diese bestimmte Frau bleich ist, dieselbe nicht schwanger zu sein. So wird sich denn in allen Zeichen Wahres finden, aber mit den angegebenen Unterschieden[298].
70 bMan muß also das Zeichen entweder in dieser Weise unterscheiden und dann unter den Zeichen den Mittelbegriff als tekmerion (strengen Beleg) auffassen — denn sie sagen, tekmerion sei, was einen wissen macht, das gilt aber besonders von dem Mittelbegriff —; oder man muß das, was man auf die Seite der Außenbegriffe setzt, Zeichen, und das, was man auf die Seite des Mittelbegriffs setzt, tekmerion nennen[299]. Denn was man durch die erste Figur erschließt, ist am glaubhaftesten und am meisten wahr.
Physiognomik (Erratung der Physis) ist möglich, wenn man zugibt, daß alles, was physische Affektion ist, Leib und Seele zugleich verändert. Denn wer Musik gelernt hat, hat sich vielleicht in etwas an seiner Seele verändert, indessen gehört so etwas nicht zu unseren physischen Affektionen, sondern physische Bewegungen sind z. B. die Regungen des Zornes und der Begierde[300].
Wenn also dieses zugegeben wird, wie auch, daß es für je eine Affektion je ein Zeichen gibt, und wenn wir die jeder Gattung eigentümliche Affektion und deren jeweiliges Zeichen ermitteln können, so werden wir Physiognomik treiben oder die Physis, die Natur und den Charakter, erraten können.
Denn wenn irgendeiner nicht weiter teilbaren Gattung ein Affekt oder eine Eigenschaft eigentümlich zukommt, wie z. B. den Löwen der Mut, so gibt es notwendig auch ein Zeichen dafür. Wir stehen ja auf der Voraussetzung, daß es eine Sympathie von Leib und Seele gibt. Dieses Zeichen soll also der Besitz großer Extremitäten sein, was auch anderen Gattungen zukommen kann, aber nicht nach ihrem ganzen Umfange. Denn das Zeichen ist in dieser Weise eigentümlich, weil es eine einer ganzen Gattung eigentümliche, nicht eine ihr allein eigentümliche Affektion ist, gemäß der Anwendung, die wir von diesem Wort zu machen pflegen. Es wird mithin dasselbe auch in anderen Gattungen vorkommen, und es wird auch ein Mensch und irgendein anderes sinnliches Wesen mutig sein, kann also das Zeichen haben. Es gab ja ein Zeichen für eine psychische Eigenschaft. Wenn also dem so ist und wir solche Zeichen von den sinnlichen Wesen abnehmen können, die bloß eine Affektion eigentümlich haben — jede hat aber ein Zeichen; denn eines muß sie ja haben —, dann können wir Physiognomik treiben.
Wenn aber die ganze Gattung zwei eigentümliche psychische Züge auf weist, wie der Löwe Mut und Großmut, wie kann man da erkennen, welches von beiden ihnen eigentümlich zukommenden Zeichen welchem von beiden entspricht?
Ich denke, man kann es in dem Falle, daß die beiden fraglichen Züge einer anderen Gattung, aber nicht in ihrem ganzen Umfang, zukommen, und daß die Individuen der Gattungen, innerhalb deren beides nur einem Teil zukommt, den einen Zug aufweisen und den anderen nicht. Denn wenn einer mutig, aber nicht großmütig ist, und er dann von den beiden Zeichen dieses bestimmte hat, so ist einleuchtend, daß dasselbe auch bei einem Löwen das Zeichen des Mutes ist.
Der physiognomische Schluß deckt sich also mit dem Fall, wo von den Begriffen in der ersten Figur der mittlere mit dem oberen konvertibel ist, während er über den unteren hinausreicht und nicht mit ihm konvertibel ist. Z. B. A sei Mut, B große Extremitäten, C Löwe. Wem nun C zukommt, dem allen kommt B zu, aber auch noch anderem. Wem aber B zukommt, dem allen kommt A zu und nicht noch anderem, sondern diese beiden Begriffe sind konvertibel. Wären sie es nicht, so gäbe es nicht für je eine Eigenschaft je ein Zeichen.