Einleitung.
Eugen Rolfes translation
Die Analytik ist, um eine Erklärung des Wortes zu geben, die Lehre von der Auflösung der Schlüsse, d. h. von der Zurückführung der Konklusionen oder Schlußsätze auf ihre Prämissen.
Die Wahl dieses Wortes beruht auf der Vorstellung, daß die Konklusion ein Gegebenes ist, das philosophisch auf seine Gründe zurückgeführt sein will. In der Tat ist alles Wissen oder, um es allgemeiner zu fassen, alle vernünftige Erkenntnis, abgesehen von den höchsten Prinzipien, der Ertrag eines Schlusses. Wenn man aber den Prämissen nachgeht, um aus ihnen die Konklusionen zu verstehen, so heißt das nichts anderes, als nach der Bildung oder Errichtung der Schlüsse fragen. Denn die Konklusion kann nur dann ein rechtmäßiges Ergebnis des Denkens sein, wenn sie auf einem rechtmäßigen Schluß beruht.
So ist denn die Analytik die Lehre von der Schlußbildung, mit einem Worte die Syllogistik.
Man kann in die Syllogistik zwar auch die Lehre von dem Begriff und Urteil einbeziehen, die von Aristoteles in den Kategorien und Perihermenias im äußersten Umriß vorgelegt wird, aber nur, sofern sie die für die Syllogistik notwendigen Vorbegriffe behandelt.
Die beiden Werke, die Aristoteles speziell als Analytik bezeichnet, sondern sich in die erste und in die zweite Analytik. Es ist aber klar, daß sich die Bezeichnung Analytik ebenso für die letzte oder die beiden letzten logischen Schriften, die Topik und die Sophistischen Widerlegungen, eignen würde. Denn auch sie handeln von der Errichtung bestimmter Schlüsse, der dialektischen und der sophistischen, wenn auch von den letzteren hauptsächlich nur, um zu zeigen, wie man sich ihrer erwehrt. Dementsprechend treffen wir im Eingang beider Schriften, der ersten Analytik und der Topik, gleichmäßig auf die Definition des Schlusses, des apodiktischen und des dialektischen, beziehungsweise der apodiktischen und der dialektischen Prämisse, vgl. 24 a 22 ff. und 100 a 25 ff. Man sieht indessen leicht, weshalb Aristoteles es vorzieht, den Büchern von den dialektischen Schlüssen den Namen Topik zu geben: er betrachtet dort die Konklusionen nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas zu Findendes, das am rechten Orte geschöpft werden muß.
Als Gegenstand der Analytik oder, wie wir jetzt sagen dürfen, der Syllogistik, nennt Aristoteles im ersten Satze der ersten Analytik den Beweis, die Apodeixis, mit dem erklärenden Zusatz, daß die beweisende Wissenschaft es ist, von der wir die Theorie des Beweises erwarten.
Das berechtigt uns zu der Annahme, daß im Sinne des Aristoteles die Syllogistik und Logik ihre einzige Aufgabe an dem wissenschaftlichen Beweise hat, sofern sie letzthin darauf abzielt, uns die Weise zu lehren, wie wir etwas durch geordnetes Denken aus seinen Gründen ableiten.
Demnach sagen wir, daß die erste Analytik so gut wie die zweite der Lehre von dem beweisenden Schluß gilt, nur in anderer Weise.
Die erste und die zweite Analytik unterscheiden sich voneinander, wie das auch die allgemeine Ansicht der scholastischen Kommentatoren war, im Grunde nur dadurch, daß die erste den beweisenden Schluß nach Seite der Form, die zweite ihn nach Seite des Inhaltes betrachtet; die erste lehrt, wie er aus den Prämissen schließen muß, um ein Schluß, die zweite, aus welchen Prämissen er schließen muß, um ein wissenschaftlicher Schluß und ein Beweis im strengen Sinne des Wortes zu sein.
Da nun aber die Regeln für die formelle Korrektheit der Schlüsse dieselben sind, mag es sich um einen wissenschaftlichen oder nur um einen dialektischen Schluß handeln — denn immer müssen die Schlußsätze aus den Vordersätzen mit logischer Notwendigkeit hervorgehen —, so folgt, daß die erste Analytik den Schluß im allgemeinen, die zweite ausschließlich den wissenschaftlichen, apodiktischen Schluß behandelt.
Ein Schluß ist wissenschaftlich, wenn seine Vordersätze nicht nur wie immer wahr sind, sondern auch als solche, d. h. wenn sie die wahren und ersten Gründe der Konklusion enthalten. Das, und daß es solche Schlüsse gibt, und wie man sie findet, ist das Thema der zweiten Analytik.
So fehlt denn der logischen Theorie zu ihrer Vollständigkeit nur noch Eines: die Lehre von den Schlüssen mit anders gearteten Vordersätzen, solchen, die entweder nicht gewiß wahr sind, sondern nur wahrscheinlich, oder wenn auch wahr, doch nicht in dem Sinne, daß sie den wahren sachlichen Grund der Konklusion enthalten. Von diesen Schlüssen handelt die Topik.
Die sophistischen Widerlegungen sind von ihr ein Anhang: sie behandeln die Schlüsse, die weder formell noch inhaltlich den Forderungen entsprechen. Die erste Analytik besteht, wie auch die zweite, aus zwei Büchern. Das erste Buch behandelt die Errichtung der Schlüsse und hat drei Teile, die auch zu Anfang des zweiten Buches rekapitulierend angegeben werden. Der erste Teil enthält die Regeln für die Errichtung der Schlüsse, der zweite gibt Anleitung für die Auffindung des Mittelbegriffs, der dritte zeigt, wie man die formlosen Schlüsse auf den normalen Schluß zurückführt. Das Einzelne wolle man aus den Kapitelüberschriften und den Anmerkungen ersehen.
Das zweite Buch betrachtet die Schlüsse, nicht wie das erste in ihrer Entstehung, sondern wie sie fertig vorliegen, und hat ebenfalls drei Teile. Der erste zeigt die Kraft und Tragweite des Schlusses, der zweite handelt von den Mängeln und Schwächen, die die verschiedenen Schlüsse und Beweismethoden haben können, der dritte zeigt abschließend, wie jedes andere Begründungsverfahren, um wissenschaftliche Bedeutung zu haben, sich auf den Schluß muß zurückführen lassen.
Bei der vorliegenden Arbeit habe ich außer der Übersetzung von Bender und von v. Kirchmann das Organon von Waitz und die Syllogistik des Aristoteles von Heinrich Maier zu Rate gezogen und benutzt, von älteren Werken in weitgehender Weise Silvester Maurus. Über die allgemeine Frage, von welchem erkenntnistheoretischen Standpunkte die Logik des Aristoteles verfaßt ist, und ob dieser Standpunkt ihren Wert beeinträchtige, eine Frage, in der ich mit Maier nicht eines Sinnes bin, werde ich mich vielleicht in der Einleitung zur zweiten Analytik aussprechen.
Köln-Lindenthal, Juni 1921.
Rolfes.