DRITTES BUCH. (continued 3)
Reading edition
Rudolf Decker war durch eine vorzügliche technische und wissenschaftliche Ausbildung auf das beste für seinen Beruf vorbereitet und widmete sich mit vollem Eifer demselben. Durch ihn erreichte der Ruf des Hauses seinen Höhepunkt.
Seine Aufmerksamkeit war namentlich der Schriftgiesserei gewidmet, in welcher er sich sowohl im väterlichen Hause, wie in der Schriftgiesserei Molé in Paris tüchtige Kenntnisse erworben hatte. Mit besonderer Vorliebe pflegte er die Fraktur (S. 285). Die Bestrebungen der Schriftgiesserei fanden Ausdruck in der grossen für die erste Londoner Ausstellung 1851 angefertigten und später vervollständigten Schriftprobe. Die Akademie der Wissenschaften in Berlin übertrug Decker den Schnitt ihrer koptischen, arabischen, Sanskrit- und anderen orientalischen Schriften, die in fast allen Universitätsbuchdruckereien eingeführt wurden. Für diese Arbeiten wirkten die Schriftschneider Beyerhauss, J. Schilling, Wotze, Schultz, Krumwiede u. a.
Prachtwerke.
Œuvres de Frédéric le Grand.
Die Druckerei blieb nicht zurück, und lieferte Werke, die für alle Zeiten ihren Rang behaupten werden. Anlässlich der Gutenbergfeier 1840 wurde das Prachtwerk „Zwanzig alte Lieder von den Nibelungen“ herausgegeben von Prof. Carl Lachmann mit eigens dazu in Annäherung an die gothische Schrift geschnittenen Typen gedruckt. Eine wahre Zierde der deutschen Druckkunst und Xylographie ist die Jubelausgabe der Œuvres de Frédéric le Grand, 30 Bände Quart, durch welche die redaktionellen Fehler der ersten Ausgabe in gelungenster Weise gutgemacht wurden. Die Redaktion leitete auf Veranlassung des Königs Friedrich Wilhelm IV. Professor Preuss. Das Werk, mit den trefflichsten Holzschnitten von Unzelmann und den Brüdern Vogel nach den genialen Zeichnungen Menzels geschmückt, wurde in 200 Exemplaren gedruckt, die nur zum Verschenken bestimmt waren. Nichts wurde an Arbeit, Material und Kosten verabsäumt, um ein wahres Meisterwerk zu schaffen, welches, 1844 begonnen, erst nach dem Tode des königlichen Förderers 1860 vollendet wurde[224].
Das Neue Testament.
Das Krönungswerk.
Ein Druckwerk ersten Ranges ist ebenfalls das nur in 80 Exemplaren für die Londoner Ausstellung ausgeführte „Neue Testament“ nach Luther in gr. Folio mit bildlichem Schmuck von Cornelius und Kaulbach. Als eine „grosse“ Leistung in den verschiedenen Bedeutungen des Wortes ist die Krönung I. M. des Königs Wilhelm und der Königin Augusta am 18. Oktober 1861 zu nennen. Das Buch hat eine Höhe von 74 cm und eine Breite von 53 cm; aufgeschlagen bedeckt es eine Tischfläche von 7844 □cm. Die 135 Blätter des Buches sind einzeln gedruckt und auf Falz geklebt. Typographisch konnte das Werk nicht besser ausgeführt sein, als geschehen. Die edle Einfachheit verdient volles Lob. Von den genealogischen Tafeln misst die eine in der Länge 416 cm. Kopf- und Schlussvignetten sind dem einfachen Stil des Werkes angepasst. Das Buch hat eine besonders interessante Geschichte. Zweimal wurde der Druck durch Kriege unterbrochen und als es im Sommer 1872 erschien, konnte der Bericht über die Krönung des preussischen Königs Wilhelm dem deutschen Kaiser Wilhelm dediziert werden.
Lieder des Mirza Schaffy.
Rudolf von Deckers — denn er war anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Hauses in den Adelsstand erhoben — letzte typographische That war die Jubelausgabe der „Lieder des Mirza Schaffy“, ein Prachtwerk, in welchem die Leistungen der Typographie und der Chromolithographie sich den Rang streitig machen.
Doch nicht nur die Prachtwerke, sondern jede auch die gewöhnlichste Arbeit wurde mit der grössten Sorgfalt behandelt. So waren das Coursbuch und nicht minder die demselben beigegebene typographisch ausgeführte Eisenbahnkarte, eine Arbeit des späteren Frankfurter Buchdruckers A. Mahlau, ganz vorzügliche Leistungen. Zu dem umfangreichen Geschäft erwarb R. Decker im Jahre 1852 noch die Papierfabrik Eichberg in Schlesien.
Wennauch das Verhältnis zu der Regierung dem Deckerschen Geschäft ausserordentliche Vorteile brachte, so lässt es sich andererseits nicht in Abrede stellen, dass die Reihe der Besitzer ernstlich bemüht war, ihre Anstalt auf eine Stufe, die einer solchen bevorzugten Stellung entsprach, zu bringen und auf einer solchen zu erhalten[225].
J. G. Unger * 26. Okt. 1715, † 15. Aug. 1788.
J. F. Unger * 1753, † 26. Dezb. 1804.
Unter den älteren Buchdruckereien Berlins aus dieser Periode werden mit besonderer Achtung Unger Vater und Sohn genannt. Ersterer, Johann Georg Unger, bei Pirna geboren, kam 1740 als Drucker nach Berlin. Er etablierte sich hier als Formenschneider und starb als angesehener Künstler[226]. Der Sohn Johann Friedrich Unger erfreute sich ebenfalls eines guten Rufes als Formenschneider, erwarb 1780 eine Buchdruckerei und legte 1791 eine Schriftgiesserei an, namentlich um die Didotschen Schriften allgemein einzuführen, welche damals so sehr beliebt waren, dass die Fraktur Gefahr lief, von ihnen verdrängt zu werden (S. 283). Später wendete sich jedoch Unger, wie früher Breitkopf, der Fraktur zu, suchte aber das Heil für diese auf einem Irrwege durch Annäherung ihrer Formen an die runde Antiqua. In dieser Weise schuf er die sogenannten Ungerschen Lettern und liess diese durch Joh. Chr. Gubitz, den er aus der Breitkopfschen Offizin in Leipzig engagiert hatte, schneiden, welche Schriften sich jedoch nicht einbürgern wollten[227]. Im Jahre 1800 wurde Unger zum Professor ernannt. Nach seinem Tode konnte die Witwe trotz all ihrer Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit doch nicht das weitverzweigte Geschäft in dem bisherigen Schwung erhalten. Während der Drangsale der Kriegsjahre verfiel es nach und nach und gelangte 1821 zum grossen Teil in den Besitz von Trowitzsch & Sohn, die den grössten Kalenderverlag haben und mit der umfangreichen Buchdruckerei (9 Schp.) eine bedeutende Schriftgiesserei verbinden.
Gebr. Unger.
Mit der genannten Familie Unger stehen die Gründer der Firma Gebr. Unger in keiner verwandtschaftlichen Beziehung. Otto Ludwig Unger[228] und Jul. Ferd. Unger erwarben 1824 die von F. W. Maas gegründete Buchdruckerei. Der Sohn des Julius, Carl Joh. Friedr. Unger, ward 1856 Hofbuchdrucker. Die an orientalischen Schriften reiche Offizin lieferte viele vorzügliche Werkdrucke.
Die von Chr. S. Spener 1773 erworbene Buchdruckerei ging bei dessen Tod 1813 auf seinen Bruder J. K. Ph. Spener über, der mit derselben 1815 die, 1785 gegründete, vorzügliche Offizin von G. H. Wegner vereinigte. Wie erwähnt, führte er zugleich mit Decker die Schnellpresse in Berlin ein (S. 308). 1826 gingen das Geschäft und die „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ in den Besitz des Bibliothekars Dr. S. H. Spiker über.
G. A. Reimer * 27. Aug. 1776, † 26. April 1842.
G. A. Reimer aus Greifswalde war eine der Zierden des deutschen Buchhandels, ebenso bekannt durch seine patriotische Gesinnung als seine geschäftliche Tüchtigkeit. Im Jahre 1817 legte er eine Buchdruckerei für seinen eigenen Bedarf an. Zu seinem bedeutenden Verlag erwarb er noch die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig und gehörte somit sowohl Berlin als Leipzig C. Reimer † 29. Juli 1859.an. Der Weidmannsche Verlag ging 1830 auf den ältesten Sohn Carl Reimer über, der ihn, zuerst im Verein mit seinem Schwager Salomon Hirzel, dann allein fortsetzte. Im Jahre 1855 verlegte C. Reimer das Geschäft nach Berlin.
E. S. Mittler * 26. Jan. 1785.
E. S. Mittler aus Halle war einer der tüchtigsten und beliebtesten der deutschen Buchhändler. Im Jahre 1816 übernahm er, erst als Leiter, dann als Besitzer, die Buchdruckerei seines Schwiegervaters Wilhelm Dieterici und druckte seinen eigenen meist aus Militaria bestehenden Verlag. Im Jahre 1862 nahm er seinen Enkel Dr. Th. Töche als Teilnehmer auf, der nach Mittlers Tode das Geschäft mit aller Energie fortsetzt.
Die Druckerei der Akademie der Wissenschaften (jetzt unter Leitung von G. Vogt) ist an Umfang nicht bedeutend, jedoch reich an seltenen Schriften, mit welchen die Werke der Akademie gedruckt wurden, darunter Schotts chinesische Grammatik.
Ed. Hänel * 1804, † 16. Aug. 1856.
Auf die Verdienste Ed. Hänels ist bereits oben (S. 281) hingewiesen. Er war in Magdeburg geboren, wo sein Vater C. J. Hänel königl. Hofbuchdrucker war, hatte sich in England tüchtig ausgebildet und ging später nach Paris und Belgien. 1835 druckte er die preussischen Kassenanweisungen, zu welchem Zweck er eine Zweiganstalt in Berlin etablierte. Nachdem das Magdeburger Geschäft durch Feuer verheert worden war, zog er ganz nach Berlin und überliess seinem Bruder Albert das Magdeburger Etablissement. Das Berliner Geschäft, welches er 1852 an Carl David verkauft hatte, kam nach einigen Wandlungen 1864 in die festen Hände Wilh. Gronaus, der es im Hänelschen Geiste fortführt und namentlich der Schriftgiesserei seine Thätigkeit zuwendet.
J. Sittenfeld * 1801.
Carl Schultze * 30. Juli 1821.
Im Jahre 1835 kaufte Jul. Sittenfeld eine kleine Buchdruckerei, die er schnell in die Höhe brachte. Die Offizin war im Hebräischen besonders leistungsfähig; unter anderen druckte er den Talmud in acht Foliobänden. Der jetzige Besitzer (Dr. O. Löwenstein) hat das Geschäft bedeutend erweitert (15 Schp., 200 Arb.). Die Buchdruckerei von C. F. Amelang ging durch Kauf auf Carl Schultze über. Er richtete dieselbe besonders auf den Druck schwieriger wissenschaftlicher, namentlich orientalischer Schriften ein.
Der Zeitungsdruck.
Ein sehr bedeutender Teil der Druckkräfte Berlins wird durch das Zeitungsgeschäft in Anspruch genommen, indessen haben die einzelnen Blätter nicht solchen Umfang und Verbreitung, dass man dort Zeitungsdruckereien wie in England und Amerika aufweisen könnte, selbst Blätter von dem Umfang und dem Einfluss wie die „Kölnische Zeitung“ und die „Neue Freie Presse“ besitzt Berlin nicht. Im allgemeinen lassen Druck, Papier und Korrektheit der Zeitungen viel zu wünschen übrig. Das verbreitetste Blatt war 1880 das „Berliner Tageblatt“ mit 70000 Abnehmern. Diesem kamen am nächsten „Berliner Zeitung“, „Volkszeitung“, „Vossische Zeitung“ mit zwischen 20–30000 Exemplaren; dann folgten „Staatsbürger-Zeitung“, „Berliner Börsenzeitung“, „National-Zeitung“ in 15–20000 Auflage. Von Rotationsmaschinen besitzt Berlin 19. Die Zahl der Journale beträgt etwa 478, darunter 43 amtliche, 66 politische. Der Zeitungsdebit durch die Post bezifferte sich 1880 auf etwa 80 Millionen Nummern.
Zu den bedeutendsten Zeitungsdruckereien gehört die von Lessing („Vossische Zeitung“) mit 2 Rotations-, 4 Doppelmaschinen, nebst 5 Stereotyp-Apparaten; Ed. Krause (15 Schp. „Nationalzeitung“, „Bank- und Handelszeitung“, „Kladderadatsch“, „Wolffs Depeschen“ u. a.); Norddeutsche Buchdruckerei und Verlags-Anstalt (12 Schp. „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, „Reichsanzeiger“ u. a.); R. Mosse (18 Schp. „Berliner Tageblatt“ etc.); Büxenstein (3 Rotm. und 21 Schp. „Börsen-Courier“, „Gerichtszeitung“, „Neue Volkszeitung“); Adam Wilh. Hayns Erben (9 Schp. „Berliner Intelligenzblatt“); die Buchdruckerei der „Berliner Börsenzeitung“ (10 Schp.).
Der Illustrationsdruck war bis jetzt nicht die starke Seite der Berliner Offizinen, doch dürfte bei dem Umstand, dass mehrere der grossen Berliner illustrierten Blätter in Leipzig gedruckt werden, neben dem guten Druck noch andere geschäftliche Verhältnisse mitreden. Die verbreitetsten sind: der von L. Schaefer gegründete „Bazar“, jetzt im Besitz einer Aktiengesellschaft; F. Lipperheides „Modenwelt“; „Das Berliner Modenblatt“, die „Illustrierte Frauenzeitung“. Von den politischen Witzblättern fand der „Kladderadatsch“ eine grosse Verbreitung.
Der Accidenzdruck.
Auch das Accidenzfach war bis vor nicht langer Zeit in Berlin etwas vernachlässigt und ausser Hänels Druckerei hatte keine einen besonderen Ruf auf Grund von Accidenzarbeiten. In jüngster Zeit ist dies vielfach anders geworden. Ein grosses Ansehen geniesst W. Büxenstein (S. 268), dessen neu eingerichtete mit Lithographie verbundene Buchdruckerei vorzügliches im Accidenz- und Illustrationsdruck liefert. In letzterer Richtung erwarb sich W. Möser (13 Schp.) einen sehr guten Namen. Auch Gebr. Grunert lieferten höchst beachtenswertes im Accidenz- und Luxusdruck. Ein eigentümliches Accidenzgeschäft ist das der Gebr. Litfass, welches sich namentlich dem Plakatdruck widmet und das Monopol der Anschlagesäulen besitzt. Während der Kriegszeit 1870 befand sich das „Depeschenhaus“ im andauernden Belagerungszustand, denn von Litfass' Offizin aus gingen die lakonischen aber inhaltsschweren Telegramme „aus dem Hauptquartier“ in das Publikum.
Der Letteverein.
Wollten wir alle grösseren Druckereien Berlins nennen, würden wir Seiten damit füllen, hier sei nur noch erwähnt die Aktiengesellschaft Letteverein, welche unter der Direktion von C. Janke dessen frühere Offizin als Frauendruckerei seit 1875 im Gang erhält; sie beschäftigt 45 weibliche, 20 männliche Arbeiter und 7 Schnellpressen.
Zuletzt ist noch die im Range erste Druckerei Deutschlands zu erwähnen.
Die Preussische Staatsdruckerei und die Reichsdruckerei.
Seit dem 1. April 1879 ist das Reich im Besitz einer Reichsdruckerei, entstanden aus einer Verschmelzung der Deckerschen geheimen Oberhofbuchdruckerei mit der königlich preussischen Staatsdruckerei.
Kgl. Preuss. Staatsdruckerei.
Letztere, verhältnismässig junge Druckanstalt hatte sich einen sehr guten Ruf erworben. Früher wurden die preussischen Banknoten und Kassascheine, wie erwähnt, bei Ed. Hänel und auch in der Deckerschen Offizin ausgeführt. Eine Zentralisation der Regierungsarbeiten wurde jedoch als notwendig erachtet und durch Kabinettsordre vom 30. August 1851 die Königliche Staatsdruckerei für Anfertigung von Wertpapieren ins Leben gerufen. Nach Auflösung des Königlichen Lithographischen Instituts fiel der Staatsdruckerei auch die Herstellung der Generalstabskarten zu.
Reichsdruckerei.
Im Jahre 1877 am 1. Juli wurden die Deckerschen Grundstücke und die Oberhofbuchdruckerei für die Summe von 6780000 Mark vom Reich angekauft. Von dieser Summe kamen auf die letztere 1780000 Mark. 1879 am 1. April beschloss der Reichstag, die Königlich Preussische Staatsdruckerei für die Summe von 3573000 Mark für das Reich zu erwerben und mit der Deckerschen Offizin zu einer Reichsdruckerei zu vereinigen. Die Lokalitäten der Staatsdruckerei in der Oranienstrasse wurden in zweckmässiger, auch äusserlich imponierender Weise umgebaut und beide Druckereien im eigentlichen Sinne des Wortes verschmolzen, denn die ganzen Schriftenvorräte von 333000 Kilo wurden ins Zeug geworfen und umgegossen, weil die Systeme der beiden Offizinen nicht mit einander stimmten, zugleich wohl auch, weil vieles veraltet war. Auch neue Maschinen wurden angeschafft, so dass die Reichsdruckerei augenblicklich mit einem Werte von etwa sieben Millionen Mark angesetzt wird. Ob, wenn einmal das Reich eine eigene Druckerei haben musste, eine solche nicht von neuem viel zweckmässiger und viel billiger hätte hergestellt werden können, ist nunmehr allerdings eine müssige Frage. Jetzt bleibt mehr zu wünschen, als zu hoffen, dass diese Anstalt sich streng auf diejenigen Arbeiten beschränken werde, welche wirklich nur die Bedürfnisse der Reichsregierung befriedigen. Nach manchen Zeichen zu urteilen, beabsichtigt man jedoch, aus der Reichsdruckerei eine Art von Vorbild für die deutsche Typographie zu schaffen, wie es seinerzeit die Wiener Staatsdruckerei für Österreich war, wobei man jedoch vollständig vergisst, dass erstere seit lange mündig geworden. Selbst die Herstellung der schwierigsten orientalischen Werke, diese Ausstellungs-Paradepferde der Staatsanstalten, mit Ausnahme der vortrefflichen St. Petersburger Wertpapierdruckerei, hat sich in den Privatdruckereien Deutschlands in einer Weise ausgebildet, dass es nur als eine Schädigung der ohnehin durch die starke gegenseitige Konkurrenz bedrohten Privatinteressen betrachtet werden müsste, wenn der Staat ihnen Konkurrenz bereiten sollte.
Die Anstalt beschäftigt 700 Personen, besitzt 55 Schnellpressen, 18 Handpressen und über 200 Hülfsmaschinen. In runder Summe werden jährlich 100 Millionen Bogen gedruckt und über 800 Millionen Poststempel und andere Wertzeichen zu einer Gesamtsumme von etwa 123 Millionen Mark, ferner etwa 3½ Millionen Stück Reichsbanknoten, Kassenscheine und andere Papiere, die einen Wert von nahe an einer Milliarde für die Besitzer repräsentieren.
Das Budget von 1881–82 ergab eine Einnahme von 3240000 Mark, eine Ausgabe von 2221980 Mark, doch da hiervon über 700000 Mark Zinsen und Abschreibungen abgehen und die Stellung der Preise bei Mangel an Konkurrenz keine geschäftliche Bedeutung hat, so ist es schwer zu sagen, wie es mit der Rentabilität, wenn mit den Leistungen von Privatdruckereien verglichen, sich verhält.
Die Reichsanstalt ist unter der bisherigen vorzüglichen Leitung der Königlich Preussischen Staatsdruckerei geblieben, die Direktion hat somit Herr Geheimrat Busse, die technische Führung Herr E. Ringer. Die neuesten, künstlerisch wenig befriedigenden Produktionen, die Fünfzig-, Zwanzig- und Fünfmarkscheine, sind auf Papier gedruckt, in dessen Masse, nach dem in Amerika angewendeten Verfahren, farbige Fasern strichweise hineingearbeitet sind. Das Papier wurde unter Aufsicht von Beamten der Reichsdruckerei von Gebr. Ebart in Spechthausen bei Eberswalde angefertigt. Über die Untrüglichkeit des Systems wird gestritten.
Lithographie.
Berlin ist der Hauptsitz für den lithographischen Farbendruck geworden in seinen verschiedenen Zweigen, welche sowohl der Herstellung von Öldruckbildern als der Zeitschriften- und Bücher-Illustrationen, sowie den vielen Bedürfnissen des Papeteriegeschäfts dienen. Die eigentliche Bedeutung erhielt der lithographische Farbendruck durch die Bemühungen Schinkels und Beuths, unterstützt durch das Wohlwollen, welches der nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. schon als Kronprinz dem neuen Kunstzweig entgegentrug. Den Wert desselben bezeugte in glänzender Weise das grosse Werk Prof. Zahns über pompejanische Altertümer.
Kunstanstalten.
Guten Ruf erlangte die Anstalt J. Winckelmanns, der zuerst 1816 in Verbindung mit Heinr. Arnz das bekannte Institut Arnz & Co. in Düsseldorf begründet hatte. Die Leitung desselben lag eine zeitlang in den Händen von J. Storch, der später sich mit C. Kramer verband und tüchtiges im Landschaftsfache lieferte. Ganz vortrefflich sind Storch & Kramers für die Arundel-Society in London ausgeführte Reproduktionen der Freskogemälde altitalienischer Maler (S. 103). Als Meister im architektonischen und landschaftlichen Aquarelldruck zeichneten sich Loeillot Und R. Steinbock aus, bekannt sind unter anderen Hildebrandts „Reise um die Welt“ und Köhlers polychrome Meisterwerke. Mit dem eigentlichen Ölbilderdruck beschäftigten sich mit mehr oder weniger Glück eine nicht kleine Anzahl von Firmen und es bleibt nur zu bedauern, dass neben dem Guten so vieles Geschmacklose, zumteil elendes Machwerk hervorgebracht wurde, welches eine Kunst für den Augenblick in Misskredit gebracht hat, die ein besseres Schicksal verdient hatte, und nun neue Wege suchen muss, um sich die verscherzte Gunst wieder zu erwerben. Unter den Firmen, die ausser den erwähnten tüchtiges leisteten, sind zu nennen Carl Gerold, Otto Troitzsch, Böhme & Fränkel.
Einen bedeutenden Einfluss auf die Verwendung des Farbendruckes übten die Gropiussche Buchhandlung (später Ernst & Korn) durch ihre grossartigen architektonischen Unternehmungen, Rud. Wagner durch die erwähnte Hildebrandts „Reise um die Welt“ und ähnliche Aquarell-Albums, Alex. Duncker durch eine Reihe von Prachtwerken aus.
In neuerer Zeit hat die Verwendung der Chromolithographie zu gewerblichen Zwecken eine enorme Ausdehnung gewonnen. Die Anführung einiger der bedeutendsten Firmen wird einen Begriff von dem Umfang solcher Etablissements geben.
W. Hagelberg beschäftigt 38 Schnellpressen, 29 Handpressen, 94 Hülfsmaschinen und 700 Arbeiter; Carl Hellriegel 9 Schnellpressen, 42 Handpressen, 450 Arbeiter; Schäfer & Scheibe, deren hauptsächlichste Produktion in Neujahrs- und Gratulationskarten besteht, 9 Schnellpressen, 50 Handpressen, 350 Arbeiter; A. Kaufmann & Co. 23 Schnellpressen, 16 Handpressen und 250 Arbeiter. Umfangreich sind ferner Albrecht & Meister, die Berliner Luxus-Papierfabrik, Kutzner & Berger und noch manche andere. Man findet hierin die Bestätigung, wie sehr in dem Druckgewerbe der Zeitungs- und der Accidenzdruck dem eigentlichen Bücherdruck über den Kopf wächst.
Als Verleger von Karten und Globen wurden namentlich Dietrich Reimer, E. Schotte & Co. und das Berliner Lithographische Institut massgebend.
Als Herausgeber von Werken unter Zuhülfenahme des Lichtdruckes entwickelte E. Wassmuth eine enorme Thätigkeit, auch Paul Bette war in dieser Richtung sehr rührig. Die Photographische Gesellschaft besitzt einen ausserordentlich grossen Fond von photographischen Blättern, auch G. Schauer lieferte viele Blätter und Albums. Den eigentlichen Kunstverlag pflegten E. H. Schröder (R. Schuster), Sachse & Co., Amsler & Ruthardt, Goupil & Co. (Filiale von Paris). Unter den Verlegern, die einen besonderen Einfluss auf das Druckgewerbe übten, sind noch zu nennen: G. Grote, Duncker & Humblot, Veit & Co. (beide jetzt in Leipzig), Jul. Springer, Gebr. Paetel, P. Parey, Dümmlers Verlag, A. Hirschwald, G. Langenscheidt (selbst Buchdrucker), A. Asher & Co., Wiegandt & Grieben.
Breslau.
In der drittgrössten Stadt des Deutschen Reiches Breslau[229] hat die Druckerei im Verhältnis zur Grösse der Stadt keine Rolle gespielt, so wenig wie in den anderen grossen Städten des Nordens Königsberg, Danzig, Hamburg, Magdeburg und Köln.
Grass, Barth & Co.
Im Jahre 1748 übernahm Carl Wilh. Grass die Stadtbuchdruckerei in Breslau von den Baumannschen Erben (I, S. 145), dem sein Bruder Friedr. Sigm. Grass folgte. Nach dessen Tode erwarb Joh. Aug. Barth das Geschäft und vermehrte es durch die Druckerei der katholischen Landes-Universität. Ein schönes Denkmal der Leistungsfähigkeit der Offizin ist das 1818 erschienene Pacis annis 1814 et 1815 foederatis armis restitutae monumentum in Gross-Folio, welches Jubelgedichte in 42 grösstenteils fremdländischen europäischen und orientalischen Sprachen enthält. Die Firma wurde Grass, Barth & Co., sie verbindet jetzt Typographie mit Lithographie und arbeitet mit 14 Schnellpressen.
W. G. Korn.
Einen grossen Umfang erreichte die Verlagshandlung und Buchdruckerei von W. G. Korn, welche am 13. Januar 1882 ihr 150jähriges Jubiläum beging. Joh. Jos. Korn eröffnete an diesem Tage 1732 sein Geschäft und erhielt 1741 Privilegium zur Herausgabe der „Schlesischen Zeitung“. Sein Sohn Joh. Gottlieb Korn trat 1828 die Buchhandlung, 1836 die „Schlesische Zeitung“ an seine beiden Söhne ab. Im Jahre 1851 übernahm Heinr. Korn das Etablissement. Anlässlich des Jubiläums errichtete er, abgesehen von manchen anderen Schenkungen, für seine Mitarbeiter eine Stiftung mit einem Kapital von 100000 Mark und wurde in den Adelsstand erhoben. Das Geschäft arbeitet mit 15 grossen Maschinen und etwa 150 Arbeitern, besitzt auch bedeutende Papierfabriken.
S. Schottländer hat einen reichhaltigen Verlag und arbeitet mit 15 Schnellpressen. Von grossen Verlagshandlungen sind noch zu nennen Max & Co., Ferd. Hirt und E. Trewendt.
C. Flemming * 10. Mai 1806, † 1. Nov. 1878.
Einen bedeutenden Umfang erreichte das Geschäft von Carl Flemming in Glogau, welches sich namentlich der Produktion von Landkarten widmet und damit 11 typographische und lithographische Schnellpressen beschäftigt.
Posen.
In Posen wurde, wie erwähnt, von G. J. Decker ein Etablissement errichtet, das jetzt als W. Decker & Co. typographisch und lithographisch mit 7 Schnellpressen arbeitet. Frankfurt a. O., die erste Stadt Preussens, in welcher die Druckerei eingeführt wurde, hat so wenig wie andere Städte des östlichen Preussens eine besondere Stellung in der Typographie erworben. Die bedeutendste Druckanstalt dort ist Trowitzsch & Sohn (gegr. 1779) mit 6 Schnellpressen.
Königsberg.
Selbst die Königs- und Universitätsstadt Königsberg misst sich kaum mit mancher Stadt von 20–30000 Einwohnern hinsichtlich graphischer Produktion. Erst 1523 war die Druckerei dort durch Hans Weynreich eingeführt, dessen Offizin nach vielen Wandlungen zur Zeit des dritten Jubelfestes in den Händen Joh. Fr. Reussners war.
J. H Hartung * 17. Aug. 1699, † 5. Mai 1756.
Das bedeutendste Geschäft ist das von Joh. Heinr. Hartung, durch Übernahme der J. Stelteschen Buchdruckerei 1732 gegründet. Durch Umsicht und Unermüdlichkeit erwarb sich Hartung allgemeines Ansehen. Die Stände von Livland und Kurland übertrugen ihm den Druck der lettischen Bibel und der cyrillischen Postille; für erstere erhielt er 7000 Thaler. Neben seiner Buchdruckerei trieb er bedeutenden Verlags- und Sortimentshandel und sein 1746 erschienener Sortimentskatalog war über 400 Seiten stark. In Leipzig hatte er während der Messe offenes Gewölbe. Zu seinem grossen Geschäft erwarb er noch die erwähnte Reussnersche Hof- und akademische Buchdruckerei. Er verschied in Leipzig 1756 während der Ostermesse.
Gottl. Hartung * 12. Aug. 1747, † 19. Nov. 1797.
Nachdem sein ältester Sohn bereits 1759 gestorben war, übernahm 1763 der jüngere Gottlieb Leberecht Hartung das Geschäft, nach dessen Tode dirigierte es seine Witwe Sophie Charlotte mit Mut und Ausdauer, bis sie es 1817 ihrem Sohne Georg Friedrich Hartung übertragen konnte. Die von Hartung herausgegebene „Königsberger Zeitung“ ist eine der ältesten Deutschlands und ihre Geschichte lässt sich bis auf das Jahr 1640 verfolgen. Vom 6. Februar 1758 bis 1. Juli 1762 und dann vom 19. Juli bis 10. August 1762 musste der ihre Kopfzeile schmückende preussische Adler mit dem russischen vertauscht werden. In den Jahren 1807 und 1808 hatte die Zeitung eine grössere Bedeutung erreicht, da der Krieg in der Nähe um Königsberg geführt wurde, wodurch indes Hartung verschiedenen Gefahren ausgesetzt wurde.
Wie wenig bedeutend der Umfang des Druckgewerbes in Königsberg war, geht aus den Aufzeichnungen über die vierte Jubelfeier hervor. Dieselben weisen nur 7 Druckereien mit 45 Gehülfen und 28 Lehrlingen auf; da die Hartungsche Druckerei 20 Gehülfen und 7 Lehrlinge beschäftigte, so kommen auf sechs Druckereien 25 Gehülfen und 21 Lehrlinge[230]. Jetzt arbeitet die Hartungsche Buchdruckerei mit sechs Schnellpressen und etwa 100 Personen.
Marienwerder.
Von Königsberg aus wurde, als Friedrich der Grosse bei der ersten Teilung Polens Westpreussen erhielt, der Buchdrucker R. Kanter nach Marienwerder als Hofbuchdrucker berufen, um die königlichen Arbeiten zu liefern; die Offizin besteht noch heute Danzig.mit 5 Schnellpressen. In Danzig sind die bedeutendsten Druckanstalten die von Jul. Sauer und von A. W. Kafemann, letztere ist Stettin.zugleich mit Schriftgiesserei verbunden. Stettin hat nur Bedeutung im Accidenz- und Zeitungsdruck; die dortige Firma H. G. Effenbart beging 1879 ihr 300jähriges Jubiläum. Noch um zwei Jahre älter ist die, jetzt mit 8 Schnellpressen arbeitende, Firma H. Hessenland. R. Grassmann, zugleich Schriftgiesserei, beschäftigt elf Schnellpressen und gegen 100 Arbeiter.
Mecklenburg.
In Rostock besteht die Offizin von Adlers Erben (6 Schp.) seit 1635. Ausser in Rostock hat D. C. Hinstorff, bekannt als der Verleger und Drucker von Fritz Reuters Werken, noch Geschäfte in Wismar (5 Schp.) und Ludwigslust. Die grösste Druckerei Schwerins ist die von W. Sandmeyer (8 Schp.).
Neuruppin kann Armeen aus der Presse stampfen. Die Firma Gustav Kühn arbeitet mit Rotationsmaschine, 11 Schnellpressen und einer grossen Zahl von Hülfsmaschinen, welche von gegen 400 Arbeitern bedient werden. Oehmigke & Riemschneider beschäftigen 6 Schnellpressen und 200 Arbeiter hauptsächlich mit den bekannten Bilderbogen.
Lübeck. Hamburg.
Lübeck verlor seine Bedeutung, die es in der früheren Periode eine zeitlang hatte, und auch Hamburg nimmt nicht eine solche Stellung ein, wie man es von dem ersten Handelsplatze und der, der Bevölkerung nach, zweiten Stadt des Reiches erwarten könnte. Vielleicht wären seinerzeit die Bemühungen des Friedr. Andreas Perthes, Hamburg zu einem Emporium des buchhändlerischen Verkehrs mit dem Auslande zu erheben, gelungen, wenn nicht die schwere Zeit des Napoleonischen Druckes auf Deutschland im allgemeinen und Hamburg im besonderen hemmend gelastet hätte[231]. Nur für den Zeitungsverlag hatte Hamburg einige Bedeutung und erst in neuerer Zeit ist es Sitz einiger grösserer Verlagshandlungen geworden.
Selbst der Accidenzdruck hat keinen rechten Aufschwung genommen. Der solide Hamburger Kaufmannssinn giebt wenig auf Eleganz der Druckarbeiten.
Lessing als Buchdrucker.
Inzwischen sollte doch das wenig poetische Hamburg einen grossen Dichter Deutschlands unter seinen Buchdruckern zählen. Eine zeitlang war nämlich Lessing Associé des Buchdruckereibesitzers Joh. Joach. Christ. Bode. Ostern 1767 hatte letzterer auf dem Holzdamm eine Buchdruckerei angelegt und Lessing trat gleich nach seiner Ankunft in Hamburg als Sozius ein. Die „Hamburgische Dramaturgie“, die „Antiquarischen Briefe“ und die Abhandlung „Wie die Alten den Tod gebildet“ sind von den eigenen Pressen Lessings gedruckt, und das Projekt, die Werke der bedeutendsten Gelehrten mit lohnenderem Ertrage für Verfasser und Verleger zu veröffentlichen, erregte in den beteiligten Kreisen so grosse Aufmerksamkeit, dass Klopstock schon im Sommer 1767 versprach, für das geplante „Deutsche Museum“ seine „Hermanns Schlacht“ und Gerstenbergs „Ugolino“ herzugeben. Die Publikationen dieser Druckerei und Verlagsfirma erhielten ein seltsames Kleinquart-Format; zum Druck wurde ein fein gestreiftes resp. geripptes italienisches Papier verwendet, so dass der eigentümliche Geschmack Bodes und Lessings vielfach Spottreden hervorrief. Die junge Firma wurde schon 1768 unter bedeutenden Verlusten für Lessing aufgelöst, dessen finanzielle Bedrängnisse, welche seinen Abgang von Hamburg bis zum Jahre 1770 verzögerten, jedenfalls zum grössten Teil diesem Misserfolg zuzuschreiben sind.
Hamburger Offizinen.
Das grösste der heutigen Etablissements ist das von J. F. Richter (2 Rotm., 14 Schp., 15 Hdp., 150 Arb.). Als Zeitungsdruckereien sind zu nennen die Aktiengesellschaft Neue Börsenhalle, welche die „Börsenhalle“ und den „Correspondent“ druckt, Hermanns Erben (1 Rotm., 6 Schp.), Diederich & Co. (1 Rotm., 5 Schp.). C. Adler verbindet mit Buchdruckerei und lithographischer Anstalt (9 Schp., 8 Hdp.) ein ausgedehntes Geschäft mit Lehrmitteln. F. Schlotke wurde schon in dem Kapitel über Maschinen erwähnt, ist ausserdem durch seine litterarische Wirksamkeit bekannt und jetzt Besitzer, Redacteur und Drucker des „Journal für Buchdruckerkunst“ (S. 356).
Das holsteinische Städtchen Itzehoe besitzt die bedeutende Buchdruckerei von G. J. Pfingsten, dessen weitverbreitete „Itzehoer Nachrichten“ namentlich vor und während der dänischen Kriege einen grossen Einfluss übten.
Wandsbeck.
G. W. Seitz * 6. Febr. 1826.
In dem als eine Vorstadt von Hamburg zu betrachtenden Wandsbeck hat die bedeutendste chromolithographische Anstalt Deutschlands ihren Sitz aufgeschlagen. Gustav W. Seitz lernte erst als Setzer, versuchte sich dann ohne jedwede Anleitung als Holzschneider, bis er später in München seine weitere Ausbildung erhielt. Dann wagte er sich in Hamburg an den Verlag. Durch Zufall mit dem lithographischen Farbendruck bekannt geworden, erblickte er in diesem die Illustrationsmethode der Zukunft. Nach Überwindung unendlicher Schwierigkeiten gelang es Seitz, zwanzig Handpressen zu beschäftigen, bis der Krieg 1866 wieder Stockungen brachte. Trotzdem beschloss er, sich ein Domizil zu bauen und zwar in dem äussersten Ende von Wandsbeck. Ein kleines humoristisches Bild von Süs, „Der erste Gedanke“, wurde in 18000 Exemplaren verkauft. Trotz der Abmahnungen des Künstlers selbst wagte er sich nun an Carl Werners Nilbilder in Aquarelldruck und errang einen vollständigen Sieg. Unter seinen vielen Blättern ist der grosse Aquarelldruck „Auroras Triumphzug“ nach Guido Reni eine ausserordentlich gelungene Leistung.
Besondere Verdienste hat Seitz durch die Vervollkommnung des Reduktionsapparates. Schon im Jahre 1860 tauchte die englische Erfindung auf, ein Bild auf eine Gummihaut, die in einem Rahmen von vier durch Schrauben verstellbaren Stäben angebracht war, durch stärkere Anspannung resp. durch Lockerung der Spannung der Haut zu vergrössern oder zu verkleinern. In dieser veränderten Gestalt wurde dann das Bild auf einen Stein übertragen, so dass man Kopien in verschiedenen Grössen ohne eine neue Zeichnung erhalten konnte. Alles kommt natürlich auf die ganz verhältnismässig richtige Vergrösserung oder Verkleinerung nach Höhe und Breite an. Seitz ist es gelungen, die Apparate so fein zu vervollkommnen, dass Bilder von zwanzig und mehr Farben, zu welchen ebenso viele Steine gehören, im vollkommensten Passen der Umränderungen hergestellt werden können.
Stenochromie.
In Wandsbeck übte um 1875 Otto Radde (durch Mühlmeister & Johler dort, später in Hamburg) ein eigentümliches Verfahren, um Öldruckbilder herzustellen. In der Art, wie die einzelnen Glas- oder Steinstückchen zu einem Mosaikbild gefügt werden, setzte Radde die aus festen Teichfarben mittels Blechschablonen in die nötigen Formen gebildeten Blöcke in einem Rahmen zu einer Bilderform zusammen. Wurde nun ein mit Terpentin gefeuchteter Bogen darauf gelegt und Form und Bogen in einer Presse einem gelinden Druck ausgesetzt, so erhielt man ein Öldruckbild, das jedoch nur als eine Untermalung zu betrachten war, welche erst durch Aufdruck mehrerer lithographischer Farbenplatten Ausdruck und Schattierung erhielt. Das Verfahren war nicht neu. Bereits Senefelder hatte in seinem Werke daran gedacht und der Maler Liepmann in Berlin lieferte 1842 einige recht hübsche Bilder in dieser Weise. 1873 zeigte sich Jul. Greth aus Charlottenburg damit auf der Wiener Weltausstellung. Auch ein Engländer, J. M. Johnson, hatte es geübt, um Landkarten zu illuminieren, sowie um Tapeten und andere Arbeiten herzustellen, wo die Farben sich bestimmt abgrenzen und nicht in einander übergehen müssen. Von dem mit grossem Eclat in Scene gesetzten Verfahren (Stenochromie) ist es ganz still geworden.
Bremen.
Die Handelsstadt Bremen ist so wenig wie Hamburg ein bedeutender Verlagsplatz geworden, deshalb beschränkten sich die Buchdruckereien hauptsächlich auf Zeitungs- und Accidenzarbeiten. Die grössten Offizinen sind die von C. Schünemann (9 Schp., 120 Arb.), welche die „Bremer Nachrichten“ und die „Weser-Zeitung“ druckt, und Gebr. Hauschild, die hauptsächlich Accidenzarbeiten liefern.
Oldenburg.
In Oldenburg sind G. Stalling und die Schulzesche Hofbuchdruckerei, je mit 4 Schnellpressen, thätig. In dem kleinen Detmold besteht seit 1570 die Meyersche Hofbuchdruckerei, welche, jetzt mit Steindruckerei verbunden, 8 Schnellpressen und 9 Handpressen in Gang hält.
Hannover.
In Hannover findet eine rege Druckthätigkeit hauptsächlich für Zeitungs- und Accidenzdruck statt; namentlich ist dasselbe ein Hauptplatz für die Herstellung von Handlungsbüchern geworden. Obenan in letzterer Richtung stehen J. C. König & Ebhardt mit 29 Schnellpressen, darunter 14 für mehrere Farben, 16 Liniiermaschinen, 30 Buchbinderpressen, 12 Papierschneidemaschinen nebst zahlreichen sonstigen Hülfsmaschinen und einem Personal von 350 Köpfen. Auch Edler & Krische (10 Schp., 200 Pers.) und die Hannoversche Geschäftsbücherfabrik arbeiten in ähnlicher Richtung, während R. Leunis & Chapman die Handeltreibenden mit Tüten und ähnlichem versorgen und damit ein grosses Personal beschäftigen.
Die Gebr. Jänecke (als Farbenfabrik Jänecke & Schneemann S. 319) gaben ihrem Druckgeschäft eine grosse Ausdehnung (10 Schp., 11 Hdp.), sowohl als Zeitungsdruckerei („Hannöverscher Courier“) wie als Werk- und Accidenzdruckerei. Von Bedeutung sind ferner Klindworths Hofbuchdruckerei (10 Schp., 9 Hdp.) und die Schlütersche Buchdruckerei (2 Rotm., 7 Schp.). In der Zeit der Privilegien hatte die Hahnsche Hofbuchhandlung fast den ganzen Sortimentshandel des Königreichs in den Händen. Ihr bedeutender Verlag hat seinen Sitz in Leipzig. — Die Universitätsstadt Göttingen hat als Druckplatz nie eine grosse Bedeutung gehabt.
Westfalen und Rheinland.
Münster, in der Zeit der Humanisten ein so wichtiger Platz (I, S. 51), macht sich wie Paderborn und Trier (Fr. Lintz, 7 Schp.) hauptsächlich nur durch seinen streng katholischen Verlag bemerkbar. Oberhausen verdient Erwähnung als der erste Platz in Deutschland, wo die Rotationsmaschine (durch A. Spaarmann) eingeführt und zum Bücherdruck verwandt wurde. In Minden liefert E. C. Brunn (6 Schp.) namentlich Post- und merkantile Arbeiten.
Verschiedene Städte.
G. D. Bädeker in Essen beschäftigt 150 Arbeiter und zehn Schnellpressen, die Bädekersche Buchdruckerei in Elberfeld 6 Schnellpressen namentlich mit Eisenbahnarbeiten; daselbst drucken auch S. Lucas mit 14, R. L. Friderichs mit 10 Schnellpressen.
L. Schwann übersiedelte von Neuss nach Düsseldorf und errichtete dort eine grosse Offizin (10 Schp., 120 Arb.), welche namentlich bedeutende Accidenzien in Chromoxylographie liefert. Dass Düsseldorf als Sitz der berühmten Kunstschule sich auch im Kunstverlag auszeichnet, ist fast selbstverständlich. Als Kunstdruckerei hat L. Baumann, früher Arnz & Co., einen Ruf; die „Düsseldorfer Monatshefte“ waren weltbekannt. A. Bagel, früher in Wesel, hat eine sehr bedeutende typographisch-lithographische Anstalt (21 Schp., 150 Pers., Papierfabrik) und liefert namentlich Arbeiten für Schulen, Bilderbücher u. dgl.
Bonn gehört zu denjenigen Universitätsstädten, wo namentlich der orientalische Druck gepflegt wird, besonders durch die Druckerei von C. H. Georgi.
Köln.
Köln, im frühen Mittelalter die berühmte hohe Schule der Wissenschaft und der Typographie, von wo aus das Licht Gutenbergs über die Niederlande und den Norden ausgegangen war, lieferte später nur ultramontane Schriften und musste sogar seinen berühmten Namen zur Einschmuggelung verbotener oder gar schmutziger Bücher hergeben, die überall hin mit der Firma „Peter Hammer“ oder „Pierre Marteau“ und Druckort Köln verbreitet wurden.
Von den Offizinen hat die der Verlagshandlung J. P. Bachem in der katholischen Welt eine grosse Bedeutung und druckt mit ihren 9 Schnellpressen mehrere Zeitschriften und Zeitungen mit katholischer Richtung. Die Langensche Buchdruckerei beschäftigt 16 Schnellpressen, die von W. Hassel 10.
Am öftesten wird jedoch in der neuern typographischen Geschichte Köln auf Grund der Offizin der Kölnischen Zeitung genannt, mit der auf dem Kontinent nur die der Wiener „Neuen Freien Presse“ in den technischen und redaktionellen Einrichtungen wetteifern kann.
Du Mont-Schauberg und die „Köln. Zeitung“.
Bereits 1651 gab es zu Köln eine Zeitung, die als Stammmutter der jetzigen „Kölnischen Zeitung“ zu betrachten ist: die im Besitz von Franz Köntgen erscheinende „Postamts-Zeitung“, welcher er den Namen „Kölnische Zeitung“ gab. Sie wurde bei Schaubergs Erben gedruckt, eine Offizin, die von Gereon Arnold Schauberg bereits anfangs des XVIII. Jahrhunderts gegründet war[232].
Als Schauberg das Blatt von Köntgen erwarb, hatte es eine Auflage von 250 Exemplaren. Der frühere Besitzer erhielt eine Rente von monatlich zwei Kronenthalern; stiege die Zahl der Abonnenten auf 400, so sollte monatlich ein halber Thaler zugelegt werden.
Am 10. Juni 1805 gingen sowohl die Schaubergsche Offizin als die „Kölnische Zeitung“ auf Marcus Du Mont über, welcher sich in demselben Jahre mit Catharine Schauberg verheiratete. Köln schmachtete damals wie das ganze linke Rheinufer unter der Herrschaft Napoleons und da in jedem Departement nur ein Regierungsblatt geduldet wurde, so musste die „Kölnische Zeitung“ 1809 einfach zu erscheinen aufhören. Der Kaiser entschädigte jedoch den Verleger durch eine Jahresrente von 4000 Franken. 1814 ist das Jahr der Wiedergeburt des Blattes und 1822, wo der Zeitungsstempel in Preussen eingeführt wurde, hatte es bereits über 2000 Abonnenten. Die Ereignisse von 1830, 1848 und namentlich die Kriegsjahre 1866 und 1870 trugen wesentlich zur Hebung und Verbreitung des Journals bei. Riesig waren die Opfer, welche dasselbe durch Errichtung eigener Telegraphenlinien, und Entsendung eigener Korrespondenten brachte, allein diese Aussaat ist auf guten Boden gefallen, die „Kölnische Zeitung“ ist heute ein Weltblatt und druckt täglich eine Auflage von 30 bis 40 tausend Exemplaren.
Unter solchen Verhältnissen wurden die Lokalitäten mehrmals zu enge und im Jahre 1846 entstand mit einem Aufwande von über 300000 Mark in der Breitenstrasse ein höchst zweckmässiger Neubau, der am 26. September 1847 bezogen und im Jahre 1871 durch Neubauten vergrössert wurde. Das erste Telegramm der Zeitung erschien am 5. Oktober 1849. Am 1. Januar 1858 nahm sie das Format an, in welchem sie noch heute erscheint.
Am 1. Januar 1845 hatten bereits die Brüder Joseph und Michael Du Mont das Geschäft im alleinigen Besitz und zwar übernahm Michael die Buchhandlung, Joseph behielt die Zeitung. Leider starb dieser bereits am 3. März 1861 und hinterliess seiner Witwe und seinen vier Kindern sowie seinem treuen Freunde und Associé Wilhelm Ferdinand Schultze aus Magdeburg, welcher 1844 in das Geschäft getreten war, das umfangreiche Institut. Am 31. Juli 1874 erhielt sie ihre eigene Drahtleitung von Berlin, nachdem bereits früher der Telegraph in grossartiger Weise benutzt worden war. In den Prozessen Kullmann und Graf Arnim betrugen die Kosten für Telegramme 25000 M. und öfters wurden mehr als 20000 Worte hintereinander depeschiert. Eine Wochenausgabe der Zeitung hatte bereits im Jahre 1866 am 5. Oktober begonnen.
Nachdem die „Kölnische Zeitung“ mehrmals ihre Pressen durch neue verbesserter Konstruktion ersetzt hatte, wurden 1877 Rotationsmaschinen, und zwar von König & Bauer gebaute, angeschafft. Die drei vorhandenen Exemplare liefern stündlich je 16200 komplette Bogen. Als Motoren für diese und noch für 10 Schnellpressen dienen vier Gasmaschinen. 1880 betrug die Zahl der Angestellten 155, ausserdem waren 78 Knaben beschäftigt. Reich dotierte Kranken- und Unterstützungskassen sind mit der Offizin verbunden.
Kurz nach dem Tode Ludwigs, des ältesten Sohnes Josephs, starb am 30. November 1881 der mit den reichsten Gaben des Verstandes und des Herzens ausgerüstete W. F. Schultze, der ausserordentlich viel dazu beigetragen hat, dass die Zeitung heute eine so hohe Stufe einnimmt, dabei war er von einer so grossen Bescheidenheit, dass nicht einmal sein Name in der erwähnten aus seiner Feder stammenden Festschrift genannt wird.
Es ist begreiflich, dass kaum ein Reisender, der die Aufgabe der Presse zu würdigen versteht, bei einem Aufenthalt in Köln die Offizin der „Kölnischen Zeitung“ unbesucht lässt. So erschien eines Nachmittags im Herbst 1877 der Feldmarschall Graf Moltke. Rasch entwarf einer der Redacteure, Hermann Grieben, einige begrüssende Zeilen, die, in wenigen Minuten gesetzt und in der Presse abgezogen, dem berühmten Besucher überreicht wurden; sie mögen hier einen Platz finden:
Heil und Dank Dir, Schlachtenleiter, dass Du auch bei uns erschienst, Und auch unsre wackren Streiter inspizierst in ihrem Dienst. Ja die kleinen Bleisoldaten sind, verhunderttausendfacht, Wohlgeführt und wohlberaten eine respektable Macht. Täglich rückt ihr Kriegsgeschwader tapfer aus zum Geisterstreit, Ihre grossen Hinterlader schiessen tausend Meilen weit. — Sieh im Kasten hier die Letter! Einzeln ist sie nur ein Zwerg, Doch im Chor ein Siegsgeschmetter: „Freiheit, Licht und Gutenberg“.
Fußnoten:


XIV. KAPITEL. DER SÜDEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.
Emporwachsen Stuttgarts: Die Familie Cotta. J. B. Metzler. Die illustrierte Litteratur. Ed. Hallberger, Gebr. Kröner u. a. Die Xylographie. Der Buchhandel. Statistisches. Tübingen. München: Aufschwung aller graphischen Künste, Kasp. Braun, Fr. Hanfstängl, J. Albert, Fr. Bruckmann u. a. Nürnberg. Regensburg. Augsburg. Rheinische Städte. Frankfurt a. M. Mainz und das Einweihungsfest. Freiburg i. Br. Dornach: Ad. Braun. Strassburg: Das Gutenbergdenkmal, die Bibliothek.
Die Schweiz. Lokale Schwierigkeiten. Basel: Die Familie Haas. Zürich: Orell Füssli & Co., Kartographie. St. Gallen: Chr. Zollikofer. Einsiedeln: Gebr. Benziger. Bern.
Sinken der Bedeutung des Südens.

NOCH vor Ablauf der vergangenen Periode hatten der Westen und der Süden Deutschlands ihr typographisches Übergewicht verloren. Die blühenden Hauptsitze der Buchdruckerei und des Buchhandels, Nürnberg und Augsburg, waren von ihrer Höhe zurückgegangen und wurden zu Anfang unseres Jahrhunderts bayrische Provinzialstädte, während die Hauptstadt Bayerns keine Anstrengungen machte, um ein Emporium des Bücherverkehrs in Süddeutschland zu werden, wie es wohl möglich gewesen, wenn Gutenbergs Kunst von oben dieselbe Unterstützung und Förderung gefunden hätte, wie die bildende Kunst. Der hohe Glanz Basels war hinfällig geworden; es blieb zwar eine sehr respektable schweizerische Universität, der europäische Ruf war jedoch dahin. Strassburg zählte seit seiner Überrumpelung durch die Franzosen im Jahre 1681 nicht mehr zu Deutschland und galt in jüngster Zeit mehr als Festung denn als Sitz der Wissenschaft und Kunst. Frankfurt am Main hatte als Bücheremporium längst Leipzig den Platz räumen müssen, war auch nicht bestrebt, wenigstens als Verlagsort, ein bedeutendes Gewicht in die Wagschale zu legen, und die Heimat der Druckkunst, Mainz, hatte es nie versucht, die günstigen Antezedentien zu benutzen und die Erbschaft Gutenbergs im Geiste des Erfinders anzutreten.
Emporblühen Stuttgarts.
Unter diesen Verhältnissen gelang es einer bis 1750 in der Geschichte der Typographie kaum genannten Stadt, die noch tief in unser Jahrhundert herein hauptsächlich nur als Sitz der Cottaschen Verlagshandlung und des Nachdruckes in der graphischen Welt bekannt war, in der Zeit von knapp einem Menschenalter sich zum dritten typographisch-bibliopolischen Hauptplatz des Deutschen Reiches emporzuschwingen, und zwar hauptsächlich nur durch die Energie der Gewerbtreibenden selbst, verbunden mit Tüchtigkeit, kaufmännischer Klugheit und dem nötigen Mut „ins Zeug zu gehen“ gepaart.
Joh. Fr. Cotta * 27. April 1764, † 29. Dez. 1832.
Seinen ersten Ruhm verdankt Stuttgart, wie erwähnt, der Familie Cotta. Johann Friedrich Cotta, ein Urenkel des Begründers des Cottaschen Geschäfts in Tübingen (I, S. 134), Enkel des Kanzlers der Universität, war in Stuttgart geboren. Sein Vater hatte im österreichischen Reiterdienst gestanden und auch er fühlte Neigung für den Militärdienst und widmete sich namentlich dem Studium der Mathematik, ergriff jedoch als Brotstudium die Rechtswissenschaft und trat 1785 in Tübingen als Hofgerichtspraktikant ein. Die seinem Onkel gehörende Buchhandlung in Tübingen war in Verfall geraten und Johann Friedrich musste, um sie der Familie zu erhalten, sich entschliessen, die buchhändlerische Carrière zu ergreifen. Er trat am 1. Dezember 1787 unter unendlichen Sorgen und Mühen in Besitz des Tübinger Geschäfts und verband sich zuerst mit einem redlichen, aber für den Buchhandel nicht geeigneten Mann, Dr. Zahn. Dieses Geschäftsverhältnis wurde jedoch nach wenigen Jahren gelöst.
Cottas Verbindung mit Schiller und Goethe.
Bekannt ist Cotta namentlich durch sein intimes Verhältnis zu Goethe und Schiller, ein Verhältnis so schön, wie es zwischen Autor und Verleger nur gedacht werden kann. Cotta hatte den Plan zu einer deutschen Zeitung gefasst, die von Schiller redigiert werden sollte, jedoch Goethes Pläne führten zur Herausgabe der Horen (1795). Nun verständigte sich Cotta mit Dr. Posselt über die Herausgabe der Allgem. Zeitung.„Allgemeinen Weltkunde“, aus der dann die „Allgemeine Zeitung“ entstand. Posselt erkannte jedoch selbst, dass er sich zur Herausgabe einer Tageszeitung nicht eigne. Nach mehrmaligem Redactionswechsel wurde die Zeitung 1798 nach Augsburg verlegt und ging nunmehr gewöhnlich unter der Bezeichnung „die Augsburgerin“.
Übersiedelung nach Stuttgart.
Cotta siedelte 1810 nach Stuttgart über; der alte Adel wurde wieder aufgenommen und Cotta Freiherr von Cottendorf.
Thätigkeit Cottas.
Es gelang Cottas Thätigkeit, Umsicht und Liberalität, nach und nach alle deutschen Dichter von Bedeutung und viele andere hervorragende Schriftsteller an seinen Verlag zu fesseln. Für ein aufkommendes Talent wog der Umstand, sein Werk im Cottaschen Verlag erscheinen zu sehen, mehr als alle sonstigen Empfehlungen. Bezeichnend für Cotta und seine Handlungsweise sind seine Worte an Schiller: „Ich wünsche, Sie bestimmten das Honorar für die Sammlung Ihrer theatralischen Schriften. Sie werden dabei finden, dass Sie es mit einem Manne zu thun haben, der neben der Überzeugung, dass bei Schriftstellern, wie Sie, das Honorar nie ein Äquivalent für die Arbeit sein könne, und dass mithin ein Akkord nie die Verbindlichkeiten des Buchhändlers in einem solchen Falle erschöpfe, sobald der Erfolg ihm noch mehr zu thun erlaubt, auch Ihre Freundschaft zu schätzen weiss“.
Münchener Unternehmungen.
Im Jahre 1815 ging Cotta im Auftrag mehrerer der geachtetsten Buchhändler Deutschlands nach Wien, um bei dem Kongress die Interessen des Buchhandels zu wahren. Eine seiner erfolgreichen Unternehmungen aus damaliger Zeit war Dinglers „Polytechnisches Journal“. Von seiner Liebe zur Kunst geleitet gründete er in München eine grossartige Anstalt für Kupferstecherei und Lithographie, verbunden mit einer Kunst- und Landkarten-Handlung. Dort erfolgte nun die Herausgabe vieler grösserer die Kunst fördernder Werke: Gaus' Prachtwerk über „Nubien“; Platners topographisches Werk über „Rom“, das jedoch nicht zur Vollendung gelangte; Bröndsteds „Reise in Griechenland“; die Werke von Moritz Retzsch, Eugen Neureuther, Weitbrecht u. a.
Johann Friedrich starb am 29. Dezember 1832. Seine Thätigkeit im Dienste des Vaterlandes und seine Vorzüge als Landwirt gehen über den Rahmen dieses Handbuches hinaus.
G. v. Cotta * 19. Juli 1796, † 1. Febr. 1863.
Sein Sohn Georg von Cotta fand ein zwar hochberühmtes, aber auch auf Grund der Vielseitigkeit der Unternehmungen stark belastetes Geschäft vor. Es gelang ihm aber durch seine grosse Energie, alle Schwierigkeiten zu beseitigen, dabei doch vollständig im Geiste des Vaters fortwirkend. Im Jahre 1839 erwarb er das Göschensche Geschäft in Leipzig, wodurch er so ziemlich der Alleinverleger der deutschen Klassiker wurde. Im Jahre 1845 kaufte er noch die Vogelsche Verlagshandlung in München und brachte die litterarisch-artistische Anstalt dort in lebhaften Schwung. Er veranstaltete zahlreiche neue Ausgaben der Klassiker. Gegen die Autoren war er äusserst liberal, weniger gegen den Sortimentshandel, auch wurde nicht immer die nötige Sorgfalt auf die Korrektheit und gute Ausstattung der Ausgaben verwendet. Unter den von ihm ins Leben gerufenen Zeitschriften hat die „Deutsche Vierteljahrsschrift“ besondere Bedeutung.
Cotta war, der politischen Gesinnung nach, ein ausgeprägter Grossdeutscher und in diesem Sinne wurde auch die „Augsburger Allgemeine“ geleitet, bis die Ereignisse auch dieser einen anderen Stempel aufdrückten (S. 398). Im Jahre 1882 siedelte die Zeitung nach München über.
Änderungen im Geschäft.
Mit dem Tode Georg Cottas 1863 ging das Geschäft in den gemeinschaftlichen Besitz der Familie über. Die Firma Cotta war selbstverständlich diejenige, welche die grösste Einbusse durch den Bundesbeschluss: vom 6. November 1867 ab alle Privilegien zu gunsten des Schutzes der Schriften einzelner Autoren nicht zu erneuern, erlitt. Im Jahre 1869 wurde die Literar.-Artistische Anstalt in München verkauft.
1879 übergaben Cottas ihre Buchdruckerei für zehn Jahre in Pacht an Gebrüder Kröner. So ganz ausserordentlich gross die Verdienste der Firma um die Litteratur sind, so lässt es sich nicht leugnen, dass die Typographie nicht in derselben Weise von ihr begünstigt wurde. Erst in späterer Zeit schloss sich die Cottasche Druckerei den besten Deutschlands an und lieferte Prachtwerke von Bedeutung, z. B. Goethes Faust, illustriert von G. Seibertz; Reineke Fuchs in Goethes Übersetzung, illustriert von W. v. Kaulbach; Herders Cid, illustriert von E. Neureuther; die Jubelausgabe von Schillers Gedichten u. a.
Ihre früheren, selbst die Prachtausgaben der deutschen Klassiker leiden an wesentlichen Mängeln. So sehr auch ihre sogenannten Schillerausgaben zur weitesten Verbreitung der besten Werke noch vor Ablauf der diesen gewährten Schutzfrist beigetragen haben, so wenig dienten sie, den Geschmack für hübsche Buchausstattung zu wecken. Dagegen muss in die Wagschale gelegt werden, dass nie ein Buch aus ihren Pressen hervorging, bei welchem die Spekulation über die Ehre der Litteratur ging.
J. B. Metzler.
Eine alte ehrenwerte Firma Stuttgarts ist die 1681 gegründete J. B. Metzlersche, die, was ein seltener Fall ist, sich in letzter Zeit vollständig verjüngt hat und kühn den Kampf mit den jungen frisch aufblühenden Firmen aufnehmen konnte. Im Jahre 1876 trennten sich die Besitzer Ad. Bonz und L. Werlitz. Letzterer setzte das Stammgeschäft fort, welches 1881 sein zweihundertjähriges Jubelfest feiern konnte.
A. Bonz * 1824, † 1878.
Adolf Bonz ist als der eigentliche Stifter des Deutschen Buchdrucker-Vereins zu betrachten. Schon jahrelang vor dem Entstehen desselben hatte er für das Zustandekommen gewirkt. Seine grosse geschäftliche Erfahrung, sein reiches positives Wissen als studierter Mann und Jurist, verbunden mit einer grossen Klarheit und einer unerschütterlichen Ruhe, befähigten ihn ganz besonders zur Leitung grösserer Versammlungen, und er hatte gute Gelegenheit, dieses Talent bei zwei der schwierigsten Verhandlungen in dem Vereinsleben, dem Eisenacher Buchdruckertage am 10. März 1872 und der ausserordentlichen Generalversammlung zur Statuten-Revision in Frankfurt am Main am 14. und 15. September 1874, zu bewähren. Er war bei dem schweren Kampfe, um Stuttgart dem Vereine treu zu erhalten, stets das vermittelnde und versöhnende Prinzip[233].
Für den Aufschwung der Metzlerschen Buchdruckerei interessierte er sich lebhaft und es entstanden unter seiner Leitung mehrere schöne Illustrationswerke, als Scheffels „Trompeter von Säkkingen“; Scheffels „Bergpsalmen“ sowie dessen „Gaudeamus“ und „Juniperus“. Die nach dem Tode von A. Bonz entstandene neue Firma A. Bonz Erben strebt in ähnlicher Richtung und gehört zu denen, die allen ihren Druckwerken grosse Sorgfalt widmen und diese auf die ganze Einrichtung und die Behandlung des Formats ausdehnen.
Gebr. Kröner.
Eine ebenfalls auf eine lange Vergangenheit zurückschauende Buchdruckerfirma ist die der Gebrüder Mäntler, jetzt Gebrüder Kröner. Durch ihre Illustrationsdrucke glänzt diese Firma als ein Stern erster Grösse, und kein Jahr vergeht, in welchem nicht Prachtwerke von Bedeutung, teils dem eigenen Verlage zugehörend, teils für fremde Rechnung gedruckt, ihre Pressen verlassen. Es seien darunter einige aus dem eigenen Verlage Kröners genannt: „Unser Vaterland“ in den verschiedenen Abteilungen: das bayrische Gebirge, Tirol, Steiermark, Nord- und Ostsee, Rheinfahrt; Jägers Wanderungen durch die Tierwelt. Eines der weniger bekannten und umfangreichen, „Hugdietrichs Brautfahrt“, dürfte in konsequenter und korrekter Durchführung als eine typographische Musterleistung bezeichnet werden.
Im Jahre 1879 nahmen Kröners die Cottasche Offizin mit 27 Schnellpressen auf zehn Jahre in Pacht. Nachdem die ehemalige Mäntlersche Buchdruckerei in das Cottasche Lokal übergesiedelt war, bietet sich das für den Typographen interessante Schauspiel zweier, nach verschiedenen Systemen eingerichteter und vollständig getrennt in einem Raum arbeitender Druckereien; doch wird wohl auch die Zeit kommen, wo diese beiden Druckereien wie die Preussische Staatsdruckerei und die Geheime Oberhofbuchdruckerei v. Deckers in eine „zusammengeschmolzen“ werden.
Beginn des illustrierten Druckes.
Doch die genannten Firmen sind nur einige der Anstalten, die dazu beigetragen haben, Stuttgarts Ruhm als Verlags- und Druckort zu begründen. Derselbe datiert von dem Ende der dreissiger und dem Beginn der vierziger Jahre. Als in Paris um diese Zeit die illustrierten Unternehmungen sich geradezu überstürzten, erwachte auch der Unternehmungsgeist in Stuttgart und die rührigen Verleger und Drucker dort fanden, ganz im Gegensatz zu den Verhältnissen in Leipzig, bereitwillige Unterstützung bei den dortigen Geldmännern. Unter denjenigen, welche die Mittel in Bewegung F. G. Franckh.zu setzen wussten, stand obenan F. G. Franckh. Unter der Firma „Verlag der Klassiker“ in Pforzheim, der 1839 in den Besitz von Dennig, Finck & Co. überging und nach Stuttgart übersiedelte, erschien eine Reihe von Unternehmungen, die hauptsächlich mit französischen Clichés illustriert wurden. Doch wagte man sich bald daran, Eigenes zu produzieren. So waren die Illustrationen zu „1001 Nacht“ deutsche Originale, dienten jedoch zur Ausschmückung einer französischen Ausgabe. J. Scheible brachte ein kleines „Universum“, C. Krabbe die Übersetzung von Swifts „Gullivers Reisen“ u. s. w.
Ed. Hallberger * 22. März 1822, † 29. Aug. 1880.
Derjenige, welcher die grössten und andauerndsten Erfolge in dieser Stuttgart charakterisierenden Richtung erringen sollte, war Eduard Hallberger, eine der bedeutendsten Erscheinungen des modernen Buchhandels und der neuen Typographie.
Hallberger trat zuerst in das väterliche Geschäft, gründete jedoch 1848 eine eigene Firma und übernahm 1850 die mit drei Schnellpressen arbeitende Buchdruckerei des Vaters. 1853 gründete er die Zeitschrift „Illustrierte Welt“; 1858 fasste er den Plan zu einem „Über Land und Meer.“grossen illustrierten Unterhaltungsblatt „Über Land und Meer“[234]. Hackländers Name als Redacteur war ein tüchtiges Zugmittel; 1862 wagte Hallberger den Sprung von acht Thalern auf vier Thaler Abonnementspreis und hiermit war sein Erfolg entschieden. Holzschnitte und Zeichnungen sind durchweg vortrefflich und haben einen grossen Einfluss auf die Xylographie in Stuttgart geübt.
Dorés Bibel.
Unter den Druckwerken Hallbergers nimmt die Heilige Schrift, illustriert von Gustav Doré, in zwei Ausgaben, für Lutheraner und Katholiken, einen hohen Platz ein. Sein Meisterstück ist jedoch „Ebers' Ägypten“.„Ägypten in Wort und Bild“ mit mehr als 700 Illustrationen und mit Text von Georg Ebers. Alles ist hier deutschen Ursprungs und bildet ein hervorragendes Monument der graphischen Künste Deutschlands im XIX. Jahrhundert. Würdig schliesst sich an dieses „Palästina“.an, wenn es dasselbe auch nicht ganz erreicht: „Palästina“, zu welchem Werk England einen Teil des künstlerischen Schmuckes lieferte. Auch die grossen Ausgaben von Shakespeare, Goethe und Schiller zusammen mit gegen 2400 Holzschnitt-Illustrationen sind bedeutende Erscheinungen, die von vielen geringeren Umfanges gefolgt wurden. Ein wichtiges Werk sind die „Klassiker der Musik“, herausgegeben von J. Moscheles. Der Romanverlag, dessen Perlen die ägyptischen Romane von G. Ebers sind, ist daneben ein sehr ausgedehnter.
Hallbergers Offizin.
Hallbergers Druckerei kann als eine Musteranstalt betrachtet werden. Früher wurden seine illustrierten Blätter auf Alauzetschen Komplettmaschinen vorzüglich gedruckt, jetzt verrichten drei Rotationsmaschinen der Augsburger Fabrik die Arbeit und Hallberger selbst hat wesentlichen Anteil an der glücklichen Durchführung der Aufgabe dieser Maschinen; ausserdem sind 27 Schnellpressen in Thätigkeit. Die Zahl der Arbeiter war etwa 400, dazu beschäftigt die Buchbinderei jetzt 24 Maschinen und etwa 400 Personen; grosse Papierfabriken gehören der Anstalt.
Allgemein betrauert starb Hallberger auf seinem schönen Landsitz Tutzing am Starnberger See[235]. Er besass eine grosse und ideal angelegte Natur, die sich in seinen Unternehmungen ausprägt, weshalb diese auch sympathisch wirken. Dasselbe gilt auch von seinen Bestrebungen zur Gründung einer allgemeinen deutschen Pensions- und Invalidenkasse für Typographen, die vielleicht von Hallbergers Seite zu viel Idealismus enthielten und an dem zu wenig dieser Eigenschaft bei seinen Kollegen strandeten. Für seine eigenen Arbeiter hat er in mehrfacher Hinsicht vortrefflich gesorgt. In seinen Arbeiten wurde er treu von seinem Bruder Karl Hallberger unterstützt.
Aus dem Geschäft wurde eine Aktiengesellschaft Deutsche Verlags-Anstalt unter Karl Hallbergers Direktion. Eine Expedition in Leipzig war bereits 1871 gegründet.
Verschiedene Druckereien.
Eine umfangreiche Druckanstalt ist die von H. Schönlein (24 Schp.), in welcher dessen weit verbreitete illustrierte Blätter gedruckt werden.
Von Druckereien seien noch erwähnt: Greiner & Pfeiffer, die (mit 14 Schp.) namentlich Accidenzien und illustrierte Werke drucken. Die von Gehülfen gegründete Vereinsdruckerei liefert sehr gute Accidenz-, besonders Farbendrucke. J. F. Steinkopf druckt vorwiegend die religiösen Werke seines Verlags; C. Grüninger ist der einzige Buchdrucker Stuttgarts, der sich auf orientalische Druckarbeiten legt und namentlich russische Bücher liefert. C. Hoffmann druckt mit 7 Schnellpressen hauptsächlich die Verlagsartikel von K. Thienemann.
Xylographie.
Die Stuttgarter Xylographie hat begreiflicher Weise eine hohe Bedeutung. Die Anstalt von A. Closs ist eine so vorzügliche, wie wenige, und ist fast ausnahmslos in jedem Stuttgarter Prachtdrucke vertreten. Die Stuttgarter Holzschnitte verbinden so sehr französische Eleganz mit den deutschen Vorzügen, dass vor dem Kriege viele Holzschnitte nach Paris geliefert wurden.
Lichtdruck.
Ausser der Xylographie hat auch der Lichtdruck eine grosse Verbreitung. Die Anstalt von Martin Rommel & Co. liefert vortreffliches und finden ihre Erzeugnisse namentlich ihren Platz in den Prachtwerken von Paul Neff. Auch in der Chromolithographie hat Stuttgart Tüchtiges aufzuweisen durch die Anstalten von Emil Hochdanz, Max Seeger, Gustav Weise. Die Leistungen finden hauptsächlich Verwendung in den Jugendschriften von W. Nitzschke, Schmidt & Spring, Levy & Müller, F. Loewe, K. Thienemann und Gustav Weise. Eine Spezialität des letzteren sind die, in grossen Massen verbreiteten „Bilder für Jung und Alt“. K. Thienemann lieferte auch eine Reihe naturwissenschaftlicher illustrierter Werke.
Schriftgiesserei.
Die Schriftgiesserei hat erst in neuester Zeit begonnen, einen Aufschwung in Stuttgart zu nehmen (S. 290). Der Verlagsrichtung gemäss findet vorzugsweise die Produktion zu dekorativen Zwecken Beachtung und ist in dieser Richtung namentlich Otto Weisert thätig. Im Jahre 1882 siedelte der bekannte Schriftschneider Bauer sen. von Frankfurt nach Stuttgart über. Als Farbenfabrikanten sind Kast & Ehinger von Bedeutung, namentlich in bunten Farben.
Kunststellung Stuttgarts.
„Das eigenste, was Stuttgart besitzt, gehört nicht der schaffenden idealen Kunst, sondern der schmückenden, dekorierenden, vorab dem Kunstgewerbe. Wer die Kunst beobachten will, der begebe sich vor allem in die Werkstätte der Holzschneider, Lithographen, Zeichner, Buchbinder, der Holz- und Metallarbeiter, der Bauhandwerker. Die schwäbisch-industrielle Regsamkeit hat sich da mit einem Geschmack verbunden, der in Stuttgart, als einer Hauptstadt der deutschen Litteratur und des Buchhandels, von den verschiedensten Seiten angeregt wurde. Hierbei ist der unmittelbare Einfluss der Bücher-Illustration auf die Stuttgarter Kunstgewerbe durchaus nicht zu unterschätzen[236].“
Stuttgarter Verleger.
Unter den Werken, die einen ganz wesentlichen Einfluss in der angedeuteten Richtung geübt haben, steht obenan die „Gewerbehalle“ von J. Engelhorn. Die ersten Künstler und die besten Schriftsteller unterstützen diese, 1863 begonnene Zeitschrift. Ausser der stark verbreiteten deutschen Ausgabe existieren Ausgaben in Amerika, England, Italien, Frankreich, Böhmen, Spanien und Holland. Die „Gewerbehalle“ kann demnach als ein Weltblatt bezeichnet werden.
Ausserdem liess Engelhorn eine Anzahl der vorzüglichsten illustrierten Werke erscheinen: „Italien“ mit etwa 400 Illustrationen, das „Schweizerland“ von Kaden mit 450 Illustrationen, die „Kunstschätze Italiens“ von Karl v. Lützow, „Unser Jahrhundert“ von Otto von Leixner.
Ebner & Seubert gaben eine Reihe von wertvollen, prachtvoll geschmückten Werken über Kunst von Lübke, Burckhardt, Weiss, Schnaase, Kugler heraus. C. Witwer wendete seine Thätigkeit den Werken der Architektur zu.
Paul Neff benutzt für seinen grossartigen Verlag vorzugsweise den Lichtdruck als Illustrationsmittel. Obenan stehen „Die goldene Bibel“ und die „Klassiker der Malerei“. Sowohl hinsichtlich der Ausdehnung als was Ausführung betrifft, höchst bedeutende Werke sind: Ludw. Weisers „Bilderatlas zur Weltgeschichte“, welcher auf 146 Grossfolio-Tafeln über 5000 Darstellungen bringt; die „Denkmäler der Kunst“ mit gegen 200 Tafeln in Stahlstich; M. v. Schwinds „Die schöne Melusine“ und „Die sieben Raben“; A. Racinets „Das polychrome Ornament“, 100 Tafeln in Gold- und Farbendruck; „Die Kunst für alle“ von Gutekunst: das sind einige der Publikationen von Neff; alle anzuführen würde zu weit gehen.
W. Spemann.
Eine der jüngsten und jetzt bereits eine der umfangreichsten Verlagshandlungen ist die, 1873 von W. Spemann gegründete. Grossen Erfolg hatte Johannes Scherrs „Germania“; Jakob von Falkes „Hellas und Rom“; Bruno Buchers „Geschichte der technischen Künste“; die illustrierten Werke von Friedrich v. Hellwald u. a. Die „Kollektion Spemann“ eröffnete den Reigen der Mark-Kollektionen und in Kürschners „Deutscher National-Litteratur“ unterbot der Verleger sich selbst durch Lieferungen zu 50 Pf. Die Monatsschrift „Vom Fels zum Meer“ hat eine sehr bedeutende Verbreitung. Um das typographische Publikum machte sich Spemann verdient durch die Herausgabe des epochemachenden Werkes „Gutenberg“ von Dr. A. v. d. Linde in Wiesbaden.
Die übrigen Verleger Stuttgarts, die weniger Einfluss auf die graphischen Gewerbe übten, müssen hier unerwähnt bleiben.
Tübingen.
Tübingen verlor sehr an Bedeutung durch Übersiedelung Cottas nach Stuttgart. In Esslingen liefert J. F. Schreiber (6 Schp., 8 Hdp.) Bilderbücher und Vorlagen. In Ulm druckt J. Ebner (9 Schp.).
Reutlingen und der Nachdruck.
Einen üblen Ruf erwarb sich Reutlingen als hauptsächlichster Sitz der grössten Nachdruckfirmen: Mäcken, Ensslin und Fleischhauer, welche ihr böses Handwerk natürlich nur im „Interesse der Litteratur“ mit aller Kraft betrieben und schliesslich gar als Wohlthäter der Menschheit womöglich ein Ehrendenkmal verdient zu haben glaubten.
Württemberg besitzt im ganzen 173 Buchdruckereien und 71 lithographische Anstalten mit 398 Schnell-, 350 Tret- und Handpressen. Die Druckereien verteilen sich auf 76 Städte; Stuttgart allein hat 68 Buchdruckereien mit 191 Schnellpressen und 32 lithographische Anstalten mit 43 Schnell- und 104 Handpressen. Im Jahre 1840 besass Stuttgart zwar bereits 24 Buchdruckereien, diese hatten jedoch zusammen nur 30 Schnellpressen, also nicht mehr als eine der grossen jetzigen Druckanstalten, ganz abgesehen von der Leistungsfähigkeit der Maschinen von heute gegen die damaligen. 1882 betrug die Bücherausfuhr Württembergs 3110301 Kilo zu einem Werte von wenigstens 6 Millionen Mark.
München.
München erlangte, wie bereits erwähnt wurde, bei weitem nicht die Bedeutung für den Buchhandel und die Buchdruckerei wie für die Kunst, doch ist es in jüngster Zeit eifrig bemüht das Versäumte nachzuholen. Der wissenschaftliche Verlag hatte keine grosse Ausdehnung und die wichtige Branche der Unterrichtslitteratur befand sich ganz in den Händen der Regierung, welche durch den sogen. Der Schulbücher-Verlag.„Schulbücher-Verlag“ dafür sorgte, „dass kein Gift der Jugend verabreicht wurde“. Durch Reskript vom 12. Oktober 1785 wurde das Privilegium, welches der Buchbinder G. Ruprecht und dann J. B. Oettl auf planmässige Schulbücher innegehabt hatten, zu gunsten des „Deutschen Schulfonds“ erneuert und letzterem der Verlag „aller verlegender Schulbücher auch anderer zur Erziehung dienlicher Schriften“ vorbehalten.
Durch spätere Reskripte wurde dieses Privilegium noch erweitert. Die verschiedentlichen Remonstrationen der Buchhändler blieben, trotz der ihnen zur Seite stehenden Rechts- und Vernunftgründe, unbeachtet. Dass die allgemeine Bildung und der Verlagshandel darunter leiden mussten, ist begreiflich; aber auch der Sortimentshandel wurde geschädigt, da der Schulfond, unter Umgehung der Sortimenter, den Vertrieb durch eigene Zwischenhändler und durch Lehrer besorgen liess, die billiger verkauften, als die Buchhändler einkaufen konnten[237].
E. Mühlthaler.
E. Mühlthaler (seit 1867) war der erste in München, der sich im illustrierten Prachtdruck versuchte, und zwar mit den im Bruckmannschen Verlag erscheinenden „Die Schweiz“ von Gsell-Fels und „Rhododendron“. Bei unverkennbarer Tüchtigkeit und anerkennenswertester Sorgfalt erreichten diese Ausgaben doch nicht ähnliche Stuttgarter Leistungen. Seit 1875 druckt Mühlthaler die Münchener „Fliegende Blätter“ und entwickelt auch seine Intelligenz in merkantilen Accidenzarbeiten. Er beschäftigt bereits 15 Schnellpressen.
Knorr & Hirth.
Eine der angesehensten Firmen ist die von Knorr & Hirth, die mit zwei Rotationsmaschinen, zwei vierfachen und verschiedenen einfachen Schnellpressen arbeitet. Dr. Hirth ist bekannt durch seine Bestrebungen zur Erweckung des Sinnes für die Renaissance, worauf namentlich die in seinem Verlag erscheinenden Werke: Formenschatz der Renaissance; Butsch, Bücherornamente u. a. hinzielen. Nebenbei liefert die Offizin hübsche Accidenzarbeiten und druckt die „Münchener Nachrichten“ in 33000 Exemplaren. Noch weiter als Knorr & Hirth greift in seiner Geschmacksrichtung in der Zeit M. Huttler.zurück Dr. M. Huttler aus Augsburg, welcher eine Filiale in München errichtet hat. Seinen Verlag von Erbauungsbüchern druckt er in gothischer oder Schwabacher Schrift in streng durchgeführter Imitation älterer Drucke.
F. Straub. J. G. Weiss.
Die „Akademische Buchdruckerei“ von F. Straub beschränkt sich namentlich auf gelehrte Arbeiten und amtliche Drucke, ebenso die Universitätsbuchdruckerei von J. G. Weiss.
R. Oldenbourg.
Unter den neueren Offizinen zeichnet sich die von R. Oldenbourg (13 Schp.) sowohl durch ihre vortrefflichen Einrichtungen als durch ihre Arbeiten aus. Im Jahre 1874 übernahm Oldenbourg von Pustet in Regensburg den Zentral-Schulbücherverlag, ausserdem erscheinen bei ihm sechs Zeitschriften; dagegen werden Accidenzarbeiten weniger gepflegt.
Verschiedene Druckereien.
Zu erwähnen sind noch folgende Offizinen: C. Wolff & Sohn (8 Schp.); F. Wild (7 Schp.); J. Deschler (8 Schp.); E. Huber (6 Schp.), dessen Spezialität hebräische Bücher sind; W. Weifenbach, welcher feine Accidenzarbeiten liefert. Die Cottasche Buchhandlung verlegte die Druckerei der „Allgemeinen Zeitung“ nach München (1 Rotm. und 4 Schp.).
Die Xylographie.
Kasp. Braun * 13. Aug. 1807, † 29. Oktb. 1877.
Unter den Münchener xylographischen Anstalten erwarb sich die von Braun & Schneider einen weit verbreiteten Ruf. Kaspar Braun aus Aschaffenburg hatte sich als Künstler in mehreren Techniken versucht; durch den Anblick von Grandvilles Illustrationen zu Lafontaines Fabeln wurde der Gedanke in ihm fest, den Holzschnitt in Deutschland zu dem alten Ansehen zu bringen. Rasch führte er den Entschluss aus nach Paris zu gehen, um sich, unter des trefflichen Brevière Anleitung, im Holzschnitt auszubilden. Das beste Zeugnis für Braun dürfte es sein, dass Brevière seinerseits später seinen Sohn in die Lehre zu Braun gab. Zuerst gründete er mit v. Dessauer eine xylographische Anstalt, dann vereinigte er Fr. Schneider * 1815, † 9. April 1864.sich mit Friedrich Schneider aus Leipzig zu einem ebenso innigen als erfolgreichen Zusammenwirken. Die „Fliegende Blätter“ behaupten sich bis auf den heutigen Tag in der unveränderten Gunst des Publikums und kaum wird eine ähnliche Sammlung von Gaben des köstlichen Humors sich zusammenfinden, wie in den 2000 Nummern dieses Blattes, aus welchem wieder die „Münchener Bilderbogen“ entstanden. Brauns typische Figuren als: Eisele und Beisele, Wühlhuber, Heulmeier sind jedem bekannt. Durch Schneiders Tod erlitt Braun und sein Humor einen nicht zu verwindenden Stoss. Sein 70. Geburtstag brachte ihm noch Ehren und Freude, dann folgte er seinem vorausgegangenen Freunde.
In jüngster Zeit haben die grossen Verlagsunternehmungen von Friedr. Bruckmann und Th. Stroefer einen bedeutenden Einfluss auf die Münchener Xylographie geübt, einen besonderen Namen erwarben sich: Hecht, Th. Knesing, J. Walle u. a.
Jubiläum.
Als München am 28. Juni 1882 das 400jährige Jubiläum der Einführung der Buchdruckerkunst feierte, hatte dasselbe 49 Buchdruckereien, 38 lithographische Anstalten mit 5 Rotationsmaschinen, 148 Schnellpressen und 229 Tret- und Handpressen. Zu Ehren des Einführers der Buchdruckerkunst, Hans Schauer, dessen ersten Druck mirabilia urbis Romae man in dem Kloster Tegernsee aufgefunden hat, wurde eine Denktafel an seinem Druckhause in der Rosenstrasse Nr. 10 angebracht. Die älteste der noch existierenden Druckereien Münchens ist die aus dem Jahre 1769 stammende F. S. Hübschmannsche.
Die Lithographie.
Dass die lithographische Kunst sich in München, der Wiege derselben (S. 7), weiter entwickelte und in den dortigen reichen Sammlungen Stoff zu Vervielfältigungen fand zu einer Zeit, wo die Lithographie den Kunstsammlungen gegenüber fast die Stellung einnahm, wie jetzt die Photographie, ist natürlich.
Fr. Hanfstängl * 1. März 1804, † 18. April 1877.
In beiden Kunstzweigen erwarb sich Franz Hanfstängl grossen Ruhm. Er war, als Sohn wenig bemittelter Bauern, in Tölz geboren. Obwohl für die Laufbahn eines Malers bestimmt, machte der Zufall es, dass er sich der Lithographie widmete. Gleich gewandt als Zeichner und als Lithograph, etablierte er 1830 eine lithographische Anstalt, ging jedoch 1834 nach Paris, um sich bei Lemercier noch mehr auszubilden. Schnell erwarb er sich neben Strixner, Piloty und Bodmer einen Namen, besonders durch seine genialen Portraitaufnahmen. Als die kgl. sächsische Regierung den Plan gefasst hatte, die Meisterwerke der Dresdner Galerie durch Steindruck zu veröffentlichen, ward Hanfstängl ausersehen, die Ausführung zu übernehmen; ihm gefiel jedoch die Abhängigkeit nicht und das Unternehmen geschah auf seine Kosten. Seine Wirksamkeit in Dresden war an Ehren reich. Inzwischen hatte die Photographie Boden gewonnen. Hanfstängl fühlte die Wichtigkeit der neuen Kunst sofort heraus und warf sich mit aller Kraft auf dieselbe. Als es sich um Herausgabe der bedeutendsten Bilder der alten Pinakothek handelte, blieb er unter 22 Konkurrenten Sieger, und lieferte eine Sammlung, die in ihrer Art ebenso hervorragend ist wie die in Dresden veranstaltete.
J. Albert.
Einen bedeutenden Namen erwarb sich gleichfalls Jos. Albert, besonders durch seine Lichtdrucke (Albertotypie) und seine Photographien in Farben. Als der eigentliche Erfinder des Lichtdruckes, der jedoch das Verfahren nicht zuerst praktisch in Anwendung brachte, gilt J. B. Obernetter. Die Arbeiten desselben stehen in hohem Ansehen, darunter die Facsimile-Ausgabe der „Meister von 1440–1694“; die „Kunstschätze aus dem bayrischen Nationalmuseum“ u. s. w. Ein Portrait des Kaisers wurde in einer Auflage von einer Million gedruckt. Auch Jul. Allgeyer und C. Bolhoevener zeichneten sich in ihrem photochemischen Verfahren aus. In neuester Die Autotypie.Zeit erregte die Autotypie des Ingenieurs G. Meisenbach Aufsehen. Ein Mangel bei der Zinkhochätzung war die Notwendigkeit, eine Vorlage in scharfen Linien oder mit lithographischem Korn versehen zu haben; eine getuschte Zeichnung, sowie eine Aufnahme nach der Natur oder einem Ölgemälde war nicht zu benutzen. Dem will die Autotypie abhelfen. Die Aufnahme des Bildes für die Hochätzung findet durch ein System von Linien statt, wodurch der notwendige Halt für die Reproduktion in Zinkographie geschaffen wird.
Fr. Bruckmann.
Die berühmte Bruckmannsche Kunstanstalt, jetzt eine Aktiengesellschaft, wurde 1865 gegründet. Im Jahre 1869 erwarb Friedr. Bruckmann das durch Patent geschützte Woodbury-Verfahren; 1875 nahm er den Lichtdruck auf; 1882 die Photogravüre, die sich namentlich zur Reproduktion von Ölgemälden eignet[238]. Bruckmann lieferte eine grosse Anzahl Galerien zu den vielen deutschen Dichtern und unter Zuhilfenahme der Xylographie grossartige Prachtwerke, z. B. Krelings „Faust“ und die „Geschichte der Hohenzollern“, die zu den bedeutendsten Erzeugnissen der neuen Zeit gehören.
Der Farbendruck.
Die Chromolithographie wird in ziemlichem Umfange in München betrieben. Bekannt sind die Anstalten von Gebr. Obpacher, Lehmann & Wentzel, W. Forndran, F. Gypen, Th. König, Mey & Widmayer, sie arbeiten hauptsächlich für das Papeteriegeschäft oder beschäftigen sich mit der Herstellung religiöser Bilder. Als Kunstverleger sind thätig A. Ackermann, F. Finsterlin, E. A. Fleischmann, G. Franz, P. Kaeser u. a.
Nürnberg.
Nürnberg erhielt in neuerer Zeit wieder eine erhöhte Bedeutung durch das Germanische Museum und seine Kunstgewerbeschule, welche beide direkt und indirekt, auch durch Ausstellungen, auf das graphische Gewerbe fördernd wirken. Die Stadt ist auch der Sitz verschiedener Fabrikationen, die mit den graphischen Gewerben in naher Verbindung stehen, z. B. Bronce, Farbe, Zeichenmaterial. Auch die Zahl der eigentlichen graphischen Anstalten ist noch eine bedeutende, namentlich für den lithographischen sowie für den Kupfer- und Stahldruck. Die Zahl der Buchdruckereien ist 26 mit 49 Schnellpressen, darunter G. B. J. Bieling (5 Schp.), U. E. Sebald (7 Schp.). Die älteste Druckerei ist die von W. Tümmel, seit Ende des XVI. Jahrhunderts bestehend, welche mit 2 Rotationsmaschinen den „Fränkischen Kurier“ druckt. Unter den 46 lithographischen und Kupferdruck-Anstalten, welche mit 79 Schnellpressen und gegen 300 Handpressen arbeiten, sind zu nennen: G. Brunner, hauptsächlich Phantasieartikel liefernd (15 Schp., 24 Hdp.); Karl Mayer für Farbendruck, Luxuspapier und Kupferdruck (5 Schp., 30 Hdp.); C. A. Pocher (16 Schp., 35 Hdp.); C. Schimpf (5 Schp., 18 Hdp.); Franz Schemm; H. Serz & Co.; J. G. Martin (4 Schp., 22 Hdp.); E. Nisler (12 Schp., 14 Hdp.). Man sieht aus diesen Angaben, dass der Export Nürnbergs immer noch ein bedeutender ist. In dem benachbarten Fürth arbeiten J. Hesse (5 Schp., 15 Hdp.) und G. Löwensohn (5 Schp., 5 Hdp.).
Regensburg. Fr. Pustet.
Regensburg ist berühmt durch die liturgischen Druck- und Verlagswerke von Fr. Pustet (17 Schp.) und J. G. Manz (9 Schp.). Einzelne mit Aquarellen geschmückte Bände erreichen einen Preis von 1000 fl. und mehr. Viele der Ausgaben sind mit vortrefflichen Miniaturen in xylographischem Farbendruck von Knöfler in Wien geschmückt. Von den Pustetschen Drucken seien erwähnt: das Missale in Gross-Folio von 1863; das Graduale in zwei mächtigen Folianten; die musica sacra des Kanonikus C. Proske, 6 Bände in Quart; das Missale Romanum mit Einfassungen und Illustrationen von Prof. Klein in Wien. Dass neben dem wirklich Schönen auch mancher Flitterstaat vorkommt, lässt sich bei Werken dieser Art J. G. Manz.kaum vermeiden. Manz wendet in seinem Verlag mehr den Stahlstich an, hat ausserdem noch einen bedeutenden katholisch-wissenschaftlichen Kempten.Verlag. In Kempten verfolgt Jos. Kösel ebenfalls den liturgischen Verlag, ohne sich mit dem Regensburger messen zu können. Dort wirkt auch Tob. Dannheimer.
Augsburg.
Augsburg wurde oft genannt als Druckort der „Allgemeinen Zeitung“. Eine lange Reihe von Jahren war diese das einflussreichste Journal Deutschlands, namentlich auf Grund der besonderen Freiheiten, welche das Blatt in Österreich genoss, und ihrer intimen Beziehungen in den höchsten Wiener Regionen. Berühmt waren ihre wissenschaftlichen Beilagen, welche, dank den weitverzweigten litterarischen Verbindungen der Firma Cotta, die vortrefflichsten Artikel in Bezug auf Kultur-, Litteratur- und Kunstzustände enthielten. Von den 13 Druckereien Augsburgs sind noch anzuführen J. P. Himmer (7 Schp.) und Gebr. Reichel (7 Schp.). Des Dr. Huttler wurde bereits gedacht (S. 394). Dasselbe ist der Fall mit der grossen Maschinenfabrik Augsburg (S. 313).
Würzburg u. a. Städte.
Von anderen Städten Bayerns sind zu erwähnen: Würzburg mit der B. Stahelschen (4 Schp.), der Bonitas-Bauerschen (5 Schp.) und Theinschen Offizin (6 Schp.), sowie mit der Maschinenbauanstalt von König & Bauer im Kloster Oberzell; Landshut mit der J. Thomannschen Buchdruckerei (6 Schp.); Ansbach, wo C. Brügel & Sohn (6 Schp.) drucken. Auf Grund seiner vortrefflichen Accidenzarbeiten verdient J. B. Dorn in Kaufbeuren genannt zu werden.
Frankfurt a. M.
Hatte Frankfurt a. M. auch seine frühere Bedeutung als Emporium des Buchhandels verloren, so behauptete es wenigstens, wie schon früher erwähnt, seine Suprematie in der Stempelschneiderei und der Schriftgiesserei, zeichnete sich daneben auch in der Verwendung der verschiedenen graphischen Künste für den Accidenzdruck Accidenzdruckereien.aus. Ganz besonders traten hervor die Firmen C. Naumann (14 Schp., 23 Hdp.) und B. Dondorf (9 Schp., 12 Hdp.), mit Bunt- und Congrevedruck, pantographischen Arbeiten, Reliefdruck und dergleichen, sowohl jeder für sich, als wenn sie zu einzelnen Zwecken zusammentraten. Bedeutendes in technischer und quantitativer Hinsicht wurde von ihnen bei der Anfertigung des italienischen und japanischen Papiergeldes geleistet, bis auch diese Länder soweit fortgeschritten waren, dass sie ihren „Bedarf“ in diesem wichtigen Artikel selbst decken konnten.
Verschiedene Druckanstalten.
In neuester Zeit hat A. Osterrieth sein Geschäft zu einem, alle graphischen Zweige umfassenden (18 Schp., 12 Hdp., 150 Arb.) ausgebildet. Albert Mahlau, Inhaber der Firma Mahlau & Waldschmidt, wurde bereits (S. 364) erwähnt. Bedeutend ist die Steindruckerei E. G. May Söhne (10 Schp., 12 Hdp.). Die C. Knatzsche Anstalt liefert in Etiquetten und dergleichen mannigfach Gutes. K. Klimsch verbindet Buch- und Steindruckerei (S. 319)[239].
Auf dem Rossmarkte steht das Gutenberg-Monument (I, S. 36); hätten doch im Leben Gutenberg, Fust und Schöffer so fest zu einander gestanden wie hier auf dem Bildwerke des Freiherrn v. d. Launitz.
Darmstadt.
In Darmstadt, das auch durch die Firmen Jonghaus & Venator, F. Lange und W. Leske für den Kunsthandel eine gewisse Bedeutung hatte, drucken C. F. Winter und L. C. Wittich; in Wiesbaden die L. Schellenbergsche Hofbuchdruckerei; in Cassel Gebr. Gotthelft und die Hof- und Waisenhausbuchdruckerei, je mit 5 Schnellpressen. In letzterer Stadt liefert Th. Fischer zu seiner Palaeontographica (ein Exemplar kostet über 2000 Mark) und anderen Werken tüchtige Abbildungen in lithographischem Farbendruck. Noch sei das Städtchen Allendorf a. d. Werra genannt, mit der Offizin Bodenheim & Co., die mit 10 Schnellpressen und 150 Arbeitern hauptsächlich Schreibhefte, Kapseln und dergleichen liefert.
Mainz.
Kein Jünger Gutenbergs hört den Namen Mainz nennen ohne den Gedanken an dessen frühere Herrlichkeit für die Buchdruckerkunst. Dass die Erfindung in Mainz geschah, war in Zufälligkeiten begründet und für die Entwickelung einer Kunst oder eines Gewerbes sind Verhältnisse mitwirkend, die zu regeln und zu ändern nicht in der Macht des Einzelnen liegt. Deshalb lässt sich, wenn das goldene Mainz nicht eine Gutenbergsche Hochschule geworden, darüber mit den Mainzern nicht rechten, wohl aber dürfte sie der Vorwurf treffen, dass sie nicht beizeiten an die Gründung eines Gutenberg-Museums gedacht und dass sie noch leichteren Kaufes, als die, allerdings sehr ungünstigen, Verhältnisse es notwendig machten, ihre typographischen Schätze dahingegeben haben, die jetzt hauptsächlich Zierden der Nationalbibliothek in Paris sind. Trotzdem wird Mainz ein Wallfahrtsort der Jünger Gutenbergs bleiben, um wenigstens das Standbild des Meisters zu schauen, das seit dem 14. August 1837 den Das Einweihungsfest des Monuments.Gutenbergsplatz schmückt. Die Einweihung desselben gestaltete sich zu einem glänzenden Feste. Ein grossartiger Festzug von den aus allen Gauen Deutschlands, ja selbst aus fremden Ländern zusammengeströmten Gästen begab sich erst nach dem Dom, wo der Bischof einen feierlichen Gottesdienst abhielt und wo ein Te Deum von Sigm. Neukomm gesungen wurde. Von dort bewegte sich der Zug nach dem Festplatze, wo der Vorsitzende des Gutenberg-Vereins die Übergabe-Rede hielt, worauf die Enthüllung der Statue Thorwaldsens vollzogen wurde. Am zweiten Tag ward ein Volksfest, auf dem Rhein ein Fischerstechen, abends ein glänzender Fackelzug und im Schauspielhause ein Ball abgehalten. Am dritten Festtage fand eine Versammlung der Fachgenossen statt, um über die Säkularfeier zu beraten, deren Abhaltung für den 24. Juni 1840 endgültig bestimmt wurde. Thorwaldsen ward zum Ehrenbürger der Stadt erwählt und ihm ein kunstvolles Diplom in silberner Decke übersandt[240].
Offenbach a. M.
Mannheim.
Offenbach a. M. hat eine Bedeutung in der Geschichte der Lithographie durch die Verbindung Senefelders mit Joh. André, der die Erfindung erwarb, um sie für die Herstellung seines Musikalienverlags nutzbar zu machen. Mannheim hat 12 Buchdruckereien, darunter M. Hahn & Co. (7 Schp.) und die Mannheimer Vereinsbuchdruckerei (5 Schp.). In dem gegenüberliegenden Ludwigshafen Karlsruhe.befindet sich die Baursche Buchdruckerei (4 Schp.). In Karlsruhe mit 17 Offizinen ist die grösste die Ch. F. Müllersche Hofbuchdruckerei und lithographische Anstalt (8 Schp., 11 Hdp.). Tüchtiges liefern die G. Braunsche Hofbuchdruckerei und C. & G. F. W. Hasper * 31. Juli 1796, † 21. Juni 1871.Macklot. Hier wirkte auch Friedr. Wilhelm HASPER, bekannt durch sein „Handbuch der Buchdruckerkunst“ 1835, das jedoch nicht ganz den gehegten Erwartungen entsprach. Karlsruhe hatte zu der Zeit, wo die Stahlstich-Illustration florierte, eine ziemliche Anzahl von Kunstinstituten aufzuweisen, als W. Creuzbauer, F. Gutsch, T. B. Veit, J. Velten. Obwohl Universitätsstadt hat Heidelberg keinen bedeutenden Platz in der Geschichte der Buchdruckerkunst; A. Emmerling & Sohn beschäftigen 4 Schnellpressen.
Freiburg i. Br.
Nach erfolgter Einführung nahm die Buchdruckerkunst in Freiburg einen ziemlichen Aufschwung, verfiel jedoch unter der österreichischen Zensur und Jesuitenherrschaft. Erst mit Maria Theresia und Joseph II. begannen freundlichere Tage für die Presse. 1840 zählte Freiburg 7 Buchdruckereien und 6 Kupfer- und Steindruckereien. Besondere Bedeutung hat die Herdersche, 1801 gegründete Anstalt. Herder war der erste, der einen Bilderatlas zu dem Konversations-Lexikon, unter der Leitung des Geographen Heck, versuchte. Seine geographischen Verlagsartikel, namentlich die grossen Arbeiten Wörls; Kausslers „Schlachtenatlas“; J. Löwenbergs „Historisch-geographischer Atlas“ sind von Wichtigkeit. Auch Rottecks Weltgeschichte, die seinerzeit eine sehr grosse Verbreitung fand, erschien bei Herder, der ausserdem den katholischen Verlag sehr pflegte.
In Lahr hatte seit 1800 J. H. Geiger, jetzt M. Schauenburg, ein umfangreiches Etablissement (19 Schp., 11 Hdp., 150 Arb.). Allgemein bekannt ist der „Lahrer hinkende Bote“.
Elsass-Lothringen.
Metz besitzt neun Buchdruckereien und sieben lithographische Anstalten; die bedeutendste Offizin (5 Schp.) ist die nach dem Kriege von Gebr. Lang begründete. In Mülhausen arbeiteten für die dortigen Fabriken sieben Buchdruckereien und zwölf lithographische Anstalten, darunter W. Baader & Co. (6 Schp., 12 Hdp.). Das Strassburg gegenüber liegende Kehl war für eine kurze Zeit bekannt durch die Beaumarchaissche Druckerei (S. 184). Weltberühmt Ad. Braun.ist die von Ad. Braun 1858 in Dornach gegründete photographische Anstalt. Braun begann seine Laufbahn als Musterzeichner in einer Kattundruckerei. Berühmt wurden seine Schweizer Landschaften; auch liess er später ganz Mitteleuropa bereisen, um Aufnahmen zu machen, welche 1862 bereits die Zahl 15000 erreicht hatten. Seit 1866 trieb er den Pigmentdruck im grossen Stil. Sämtliche Museen Europas wurden bereist und eine grosse Zahl der berühmtesten Handzeichnungen grosser Meister als treue Facsimiles reproduziert, ebenso die interessantesten Gemälde fast aller Galerien. Die Anstalt, welche in eine Aktiengesellschaft umgestaltet wurde, besass bei Brauns Tod 1877 mehr als 60000 Negativplatten. In Colmar besteht noch das von Decker gegründete Geschäft unter der Firma C. Decker Witwe (S. 358).
Strassburg.
Mit hoher Befriedigung wird jeder Deutsche in Strassburg, der „ersten Wiege“ der Druckkunst, welche injuria temporum Deutschland, wie es fast den Anschein hatte für immer, verloren gegangen war, einkehren, da er jetzt nicht nötig hat, deshalb die Grenzen des Reichs zu überschreiten. Wird auch der Politiker und Kriegsführer Metz mit derselben Freude als deutsch begrüssen, das Herz des Volkes und der Fachgenossen besonders hängt doch mehr an Strassburg.
Gutenbergdenkmal.
Mag das Denkmal Gutenbergs (I, S. 36) von Franzosen errichtet sein, mag das Buch, welches der Meister in der Hand hält, immerhin die französische Inschrift Et la lumière fût tragen, hoffentlich wird nie der, in einem Augenblicke hoher Aufregung ausgesprochene, Gedanke, das Monument, oder wenigstens die Inschrift, zu entfernen, wieder entstehen. Ist doch die Huldigung, dem deutschen Manne von einem grossen Volke dargebracht, keine Schande für ihn, der für alle Völker segensreich gewirkt hat, wie es auch das Relief des Denkmals versinnlicht, wo sich Repräsentanten aller Völker sammeln, um dem Meister enthusiastische Huldigung darzubringen. Das Denkmal steht, wo es hingehört, auf deutschem Grund und Boden, da mag es mit französischer Aufschrift stehen.
Strassburg unter Frankreich.
Mit dem Übergang Strassburgs in die Hände der Franzosen erlosch nach und nach das frische deutsche Kultur- und Kunstleben, das nicht durch eine französische Akademie ersetzt werden konnte. Doch hatte Strassburg in der Geschichte der graphischen Künste gute Namen zu verzeichnen: Berger-Levrault (S. 187), Treuttel & Würtz (S. 186), Gustav Silbermann (S. 205), zu denen Engelmann Vater und Sohn aus Mülhausen sich gesellen (S. 206). Jetzt zählt Strassburg 15 Buchdruckereien und 16 lithographische Anstalten mit 64 Schnellpressen und 98 Tret- und Handpressen. Die hervorragendste Druckanstalt bleibt die wennauch geteilte Offizin Berger-Levrault (S. 186), jetzt eine Kommanditgesellschaft unter der Firma R. Schultz & Co. mit 22 Schnellpressen, 18 Handpressen und 250 Arbeitern. Die berühmte Silbermannsche Anstalt ging erst auf M. Schauenburg in Lahr, dann auf Silbermanns früheren Geschäftsführer R. Fischbach über (9 Schp., 7 Hdp.), ausserdem ist die Universitätsbuchdruckerei von J. H. E. Heitz (4 Schp.) zu nennen.
J. D. Schöpflin * 8. Sept. 1694, † 6. Aug. 1771.
Einen gewichtigen Namen in der Geschichte der typographischen und geistigen Interessen Strassburgs hat der gelehrte Joh. Dan. Schöpflin. Er schrieb die bekannten Vindiciae typographicae (1760) und überliess 1765 der Stadt gegen eine mässige Leibrente seine historischen Sammlungen und seine bedeutende Bibliothek, fuhr jedoch fort, diese auch nach der Abtretung zu vermehren. Die Bibliothek.Durch die Einziehung der Klöster und durch jährliche Erwerbungen war die Sammlung auf gegen 12000 Handschriften und gegen 180000 gedruckte Bücher angewachsen, darunter gegen 2000 Inkunabeln zumteil der seltensten Art. Als ein Kleinod der Sammlung galt das Manuskript der Äbtissin Herrade von Landsberg, Hortus deliciarum, aus dem XII. Jahrhundert, in Gross-Folio, mit den kostbarsten Miniaturen fast auf jedem Blatt. Auch eines der wichtigsten Dokumente aus der Erfindungsgeschichte der Buchdruckerei, die Zeugenaussage in dem Prozess zwischen Gutenberg und den Brüdern des Andr. Dritzehn aus dem Jahre 1439 (I, S. 25), befand sich unter den Schätzen, welche seit dem Jahre 1805 in die neue evangelische Kirche verlegt wurden, wo bereits eine andere wichtige Sammlung, die Universitätsbibliothek, untergebracht war.
Einige leider zu gut gezielte Bomben haben das alles vernichtet und die Opferfreudigkeit, mit welcher die Strassburger Bibliothek neu und grossartig errichtet wurde, konnte den unersetzlichen Teil nicht wiederschaffen[241].
Hoffen wir, dass materielle und nationale Wunden mit der Zeit vernarben, dass das alte Strassburg wieder als eine der hauptsächlichsten deutschen Kulturstätten erstehe und neuen typographischen Ruhm erwerbe, dass zum nächsten Jubelfeste die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten sich um das Abbild des Meisters brüderlich die Hand reichen. Gutenbergs Kunst kann zwar schwere Wunden schlagen, aber sie heilt auch solche!
DIE SCHWEIZ.
Örtliche Schwierigkeiten.
Als einige Geistliche in Cellarina im Ober-Engadin den Gedanken gefasst hatten, eine Druckerei anzulegen, liessen sie einen Setzer und einen Drucker aus Bergamo kommen, welche die kleine Letternanschaffung in ihrem Ranzen auf dem Rücken trugen. Eine abgenutzte Holzpresse wurde auf einen Esel gepackt, weil noch kein Fahrweg vorhanden war. Ein Zimmermann schlug auf dem Boden eines Heustalles Regale auf und zimmerte Setzkasten. Als Gespan des Druckers fungierte ein Bauernbursche, welcher auch die Abwartung des im unteren Stock einlogierten Esels zu besorgen hatte. Wenn der Winter herannahte, ging das Personal nach Bergamo heim und kam mit dem Frühjahr wieder zurück. Durch dessen Arbeit entstand eine Sammlung geistlicher Lieder, welche noch nach dem Jahre 1840 das allgemeine Kirchengesangbuch des Engadin bildete.
Wenn nun auch dieses kleine typographische Genrebild, selbst in der Schweiz, wohl nicht viele Pendants hat, so kann es doch als eine hübsche wennauch drastische Illustration der Schwierigkeiten dienen, welche der raschen Verbreitung der Typographie in einem Berglande mit zerstreuter Bevölkerung, kleinen Städten und einem Erfreuliches Emporblühen.schwierigen Verkehr entgegenstanden. Diese Verhältnisse müssen die Achtung für die Schweizer Typographen steigern, die, obwohl die Litteraturen des mehrsprachigen Landes sich denen der grossen Nachbarvölker anschliessen müssen, gewusst haben, ihre gewerbliche Selbständigkeit zu wahren und, allerdings kräftigst durch eine wennauch kleine so doch hochgebildete und hochpatriotische Bevölkerung unterstützt, eine bedeutende Produktion zu erzielen.
So bildet die schweizerische Typographie das Bild einer allmählichen, ruhigen, den Verhältnissen angemessenen Fortentwickelung. Man ist eifrig bemüht gewesen, nicht zurückzubleiben, strebt aber andererseits nicht danach, eine der Sachlage nicht angemessene blendende Stellung einzunehmen.
Statistisches.
Die Schweiz besitzt in 164 Städten, Städtchen, Flecken und Dörfern 325 Buchdruckereien und 184 lithographische Anstalten mit zusammen 534 Schnellpressen und 812 Tret- und Handpressen, von welchen die Tretpressen verhältnismässig sehr stark repräsentiert sind. In dem Druckgewerbe werden überhaupt gegen 5000 männliche und 1000 weibliche Arbeiter beschäftigt.
Zeitschriften-Litteratur.
Wenn die Schweiz vorzugsweise reich an Zeitschriften ist — es giebt eine solche auf je fünfhundert Einwohner —, so liegt dies an der Zersplitterung der Interessen durch die kantonale und kommunale Kleinregierung, an den verschiedenen Nationalitäten und an der örtlichen Lage. Deshalb hat die Schweiz keine Blätter von grosser Verbreitung und allgemeiner Bedeutung und die Auflagen sind oft winzig klein. Die Zahl der in 158 Druckorten erscheinenden Journale politischen oder lokalen Inhalts beträgt 307, darunter 60 täglich, 161 zwei- oder dreimal wöchentlich erscheinende; 222 davon in deutscher, 75 in französischer, 7 in italienischer, 2 in romanischer, 1 in englischer Sprache. Von nichtpolitischen Zeitungen giebt es 253; darunter 166 deutsche, 78 französische, 7 italienische und 2 romanische. Bei weitem die meisten dieser Blätter sind sauber gedruckt. Die Zahl der jährlich erscheinenden Bücher beträgt etwa 1200.
Basel.
Basel mit seinen grossen Traditionen war nicht in der Lage, unter veränderten Verhältnissen seinen hohen typographischen Ruhm aufrecht zu erhalten. Doch hat es zum Beginne der neuen Periode eine Druckerfamilie von europäischer Bedeutung aufzuweisen[242].
Die Familie Haas.
W. Haas d. ä. * 23. Aug. 1741, † 8. Juni 1800.
Wilhelm Haas war in mancher Beziehung ein ebenbürtiger Zeitgenosse J. G. I. Breitkopfs. Sein Vater war ein geschickter Schriftschneider und Schriftgiesser aus Nürnberg, der das Bürgerrecht in Basel erworben hatte. Der Sohn Wilhelm Haas zeigte schon in seiner Jugend ein entschiedenes Talent für den Beruf des Vaters und wurde gründlich von Daniel Bernoulli in Mathematik und Mechanik unterrichtet. Er übernahm das Geschäft des Vaters und brachte es bald dahin, dass seine Schriftgiesserei als eine der Seine Typen.vorzüglichsten Deutschlands angesehen wurde. Die Frakturschriften betrachtete man in Bezug auf Regelmässigkeit und Klarheit als mustergültig. Für seine Antiqua nahm er Baskerville zum Vorbild; sie ist z. B. in der bei Thurneysen erschienenen Ausgabe von Voltaires Werken verwendet, auch schnitt er eine nicht unbeträchtliche Zahl von orientalischen Schriften. Zu seinen Verbesserungen gehört sein System der Spatien und der Stücklinien, worüber er sich in einer besonderen Schrift (1772) aussprach.
Verbesserte Handpresse.
Sein Hauptaugenmerk galt jedoch der Verbesserung der Druckpresse, die seit dem Jahre 1500 so ziemlich ungeändert geblieben war. Haas lebte aber noch in der Blütezeit des Innungszopfes. Er war kein kunstgemäss gelernter Buchdrucker und seine freundlichst gesinnte Kollegenschaft brachte es glücklich so weit, dass er nicht mit der von ihm konstruierten Presse arbeiten durfte, die er deshalb an Schweighauser verkaufte. Er selbst musste sich mit der Herausgabe einer deutschen und einer französischen Beschreibung begnügen. Die Hauptbestandteile seiner Presse waren aus Eisen und ruhten auf einem Steinblock; der Tiegel hatte die Grösse des Fundaments, so dass für den Druck einer Form nunmehr nicht zwei Züge notwendig waren. Der Bengel wurde an dem Kopfende der Spindel angebracht und der Hebel mit einer Schwingkugel versehen.
Landkartensatz.
A. G. Preuschen.
In das Jahr 1775 fallen Haas' Versuche, Landkarten und Musiknoten mit Typen herzustellen. Den ersten Gedanken zu dem Landkartensatz fasste der Hofdiakon A. G. Preuschen in Karlsruhe, der sich an Haas mit dem Vorschlag wandte, mit ihm in eine Association für diese neue Kunst, die „Typometrie“, zu treten. Haas ging mit Energie und Überzeugung auf den Gedanken ein. Als erstes Probestückchen erschien zu Anfang des Jahres 1776 in Basel ein Blättchen mit einer Waldung und dem Lauf eines Flusses; das zweite griff schon weiter und wurde der Kaiserl. Akademie zu St. Petersburg und dem berühmten Geographen Büsching vorgelegt, der Feuer und Flamme für die Erfindung wurde.
Nun trat Breitkopf hervor und erklärte, er habe sich schon zwölf Jahre mit denselben Versuchen beschäftigt, und versandte seine Proben. Im Oktober 1776 gab Haas eine Karte des Kantons Basel in Quart heraus, von welcher 1777 eine neue Ausgabe im üblichen Landkartenformat erschien, der eine Nachbildung der Karte von Sicilien von Hubert Jaillot aus dem Jahre 1736 folgte. Sie wurde dem König Ferdinand IV. von Neapel dediziert und erschien auch in einer französischen Ausgabe. Wilh. Haas gab noch etwa ein Dutzend solcher Karten heraus. Nach den neueren Erfindungen hat die Typometrie jedes praktische Interesse verloren, das nie ein nennenswertes gewesen, und nur das historische ist geblieben.
Haas und Thurneysen.
Im Jahre 1780 errichtete Haas im Verein mit dem talentvollen Buchdrucker und Buchhändler Joh. Jak. Thurneysen ein Geschäft, das sehr elegante Arbeiten lieferte. Die Verbindung hörte jedoch nach sechs Jahren auf und Haas der Sohn übernahm die Leitung der Buchdruckerei und führte sie nach dem Tode seines Vaters, der zugleich Brigade-Chef und General-Inspektor der helvetischen Artillerie war und auf einer artilleristischen Inspektionsreise zum allgemeinen Bedauern starb, fort.
W. Haas d. j. * 15. Januar 1766, † 22. Mai 1838.
W. Haas d. j. hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und zeigte frühzeitig ein entschiedenes Talent für die Typographie. Als achtjähriger Knabe setzte er ein Frag- und Antwortspiel aus Nonpareil mit einer Einfassung und druckte es in zwei Farben. Als sechzehnjähriger Gehülfe stellte er, unter Benutzung der systematischen Stücklinien des Vaters, die grosse Karte der Weltgeschichte von F. K. Fulda (Augsburg, Stagesche Buchhandlung) fertig, die aus zwölf grossen Formen besteht, welche zusammen ein Tableau von 5 Fuss Höhe und 6 Fuss Breite bilden.
Weitere Reformen.
Nach der oben erwähnten Übernahme des Geschäfts im Jahre 1786, welches die Firma Wilhelm Haas der Sohn annahm, heiratete er 1788 die Tochter Georg Jacob Deckers (S. 361). An der Druckpresse brachte er noch weitere Verbesserungen an und vervollkommnete den Satz der Landkarten, von welchen viele Blätter bei ihm erschienen. Nach dem Beispiel Baskervilles fertigte er nach seiner eigenen und des Vaters Idee eine Satiniermaschine, die er jedoch, als er die von Bodoni konstruierte gesehen hatte, verwarf. Seine Musiknoten sind elegant. Er druckte auch verschiedene hebräische Werke, darunter eine Bibel in vier Bänden, Grossoktav. Auch den Accidenzarbeiten wurde grosse Sorgfalt gewidmet.
Wilhelm und Eduard Haas.
Zu der im Jahre 1830 in Basel stattgehabten Kunst- und Industrie-Ausstellung hatte Haas „Das Gebet des Herrn“ in hundert Sprachen, wie er bemerkt: die vierzigste derartige Sammlung, ausgestellt. Das Geschäft überliess er seinen Söhnen Wilhelm und Eduard, von denen letzterer sich bei Didot als Stempelschneider ausgebildet hatte, und erlebte in Zurückgezogenheit noch sein 77. Jahr. Das Geschäft besteht noch heute als geachtete Schriftgiesserei.
Eine bekannte Baseler Druckerfamilie war die Thurneysensche, die ihre Aufmerksamkeit namentlich dem Bibeldruck zuwendete. In jüngster Zeit hat die Schweighausersche Offizin durch Benno Schwabe mehrere vorzügliche Arbeiten, namentlich im Renaissancestil, geliefert, welche den besten aus der Glanzzeit Basels ebenbürtig sind.
Zürich.
Wenn Bern auch die Hauptstadt der Schweiz ist, so bleibt doch Zürich, sowohl was Einwohnerzahl betrifft, als auch in Beziehung auf Kultur, Litteratur und Druckgewerbe, die erste Stadt der Schweiz. Sie besitzt 22 Buchdruckereien und 18 lithographische Anstalten, die 55 Schnellpressen, 136 Tret- und Handpressen beschäftigen. Der Kanton Zürich hat 40 Buchdruckereien, 30 lithographische Anstalten mit 97 Schnellpressen, 190 Handpressen und 800 Arbeitern und überragt weit jeden anderen der Kantone. Berühmt war Zürich schon in der älteren Druckgeschichte als Sitz des Geschäfts Christ. Froschauers, als dessen würdige Nachfolgerin Orell Füssli & Co.die Firma Orell Füssli & Co. noch heute sich zeigt (I, S. 140). Die Offizin würde auch in Deutschland zu den bedeutenderen zählen (10 Schp., 15 Hdp.); sie vereinigt alle Branchen der graphischen Künste und liefert in allen Vorzügliches. Das am 25. August 1881 bezogene neue Haus „Zum Bären“ ist ein höchst stattlicher Bau. Einen eigentümlichen äusseren Schmuck desselben bildet ein, eine ganze Wand des vierstöckigen Hauses einnehmender, Bär. Die frühere Lokalität war durch 105 Jahre von der Firma benutzt gewesen. Ein grosses Geschäft ist die Firma Zürcher & Furrer (6 Schp.).
Zürich besitzt mehrere bedeutende lithographische Anstalten. Die Lithographische Genossenschaft (4 Schp., 7 Hdp.), ebenso J. J. Hofer & A. Burger liefern sehr gute Chromodrucke. Berühmt ist Kartographie.die Anstalt von Wurster, Randegger & Co. durch ihre kartographischen Arbeiten, in welcher Richtung H. Mühlhaupt & Sohn sowie R. Leuzinger in Bern und H. Furrer in Neuenburg sich ebenfalls einen Namen erwarben. Überhaupt geniesst die Schweiz hinsichtlich ihrer kartographischen Arbeiten eines grossen Rufes. Die geringe Ausdehnung des Landes bei den interessanten Bodenformationen und den komplizierten hydrographischen Verhältnissen luden ganz besonders zur Anfertigung detaillierter, malerisch ausgeführter Terrainkarten ein. Den mächtigsten Anstoss gab der General Dufour, dessen Generalkarte der Schweiz noch heute als das bedeutendste Meisterwerk kartographischer Darstellungskunst gilt.
Winterthur.
In Winterthur befindet sich die ziemlich bedeutende Offizin von Bleuler, Hausheer & Co. (4 Schp.). J. Westpheling liefert sehr gute Arbeiten und introduzierte sich in sehr empfehlender Weise in grösseren Kreisen durch seinen Schweizer-Ausstellungs-Katalog (Wien 1873), der denselben Beifall fand, wie die ganze Kollektiv-Ausstellung der Schweiz.
St. Gallen.
Joh. Zollikofer.
Chr. Zollikofer.
Emil Zollikofer.
St. Gallen umschliesst eine der besten Offizinen der Schweiz. Dieselbe wurde von Joh. Zollikofer, aus einer alten, vom Kaiser Rudolf 1578 geadelten Familie stammend, im Jahre 1789 gegründet. Durch Ankauf erwarb er 1792 noch eine zweite kleine Buchdruckerei und blieb bis 1802 der alleinige Buchdrucker in St. Gallen. Im Jahre 1834 wurde der Sohn Christoph Associé. Durch Eintritt C. P. Scheitlins ward die Firma in Scheitlin & Zollikofer umgeändert und ein bedeutender Verlag gegründet, der später auf den Schwager Christoph Zollikofers, Iwan v. Tschudi, überging, während der erstgenannte die Druckerei behielt. Der Sohn Emil Zollikofer wurde 1867 Teilnehmer. Durch längeren Aufenthalt im Auslande ausgebildet, reformierte er die Buchdruckerei übereinstimmend mit den Forderungen der Zeit. Ein neuer stattlicher Bau ward 1868 ausgeführt, fiel jedoch bereits am 17. Juli 1880 den Flammen zum Opfer. Ein zweiter Neubau wurde mit fabelhafter Energie betrieben und vier Monate nach dem Brande stand ein Prachtbau, hauptsächlich aus Glas und Eisen, fertig da. Christoph Zollikofer war, von seinen Mitbürgern hochangesehen, bereits Anfang September 1870 verstorben.
Unter den schweizerischen graphischen Anstalten giebt es nur eine, die für den Weltmarkt arbeitet und auch einen Weltruf sich erworben hat. Der Bergflecken Einsiedeln mit 7000 Einwohnern, berühmt durch sein Benediktiner-Kloster mit dem wunderthätigen Muttergottesbilde und deshalb jährlich von hunderttausenden von Wallfahrern besucht, ist in der typographischen Geschichte durch Gebr. Benziger.die grossartige Anstalt der Gebr. Benziger merkwürdig geworden. Das Geschäft, welches nur auf die Bedürfnisse strenggläubiger Katholiken berechnet ist, wurde von dem Landamman Josef Karl Benziger 1805 gegründet und ging von ihm auf seine Söhne Karl und Nikolaus (letzterer vom Papst in den Grafenstand erhoben) über. In allen Erzeugnissen der Anstalt, auch den billigsten, ist das Streben sichtbar, nur Gutes zu liefern. Die Erzeugnisse der Phototypie sowohl in Vergrösserungen als Verkleinerungen gehören zu den besten Leistungen in dieser Richtung. Die Anstalt verfügt über 27 Schnellpressen und eine grosse Anzahl von Buchbinderei- und anderen Maschinen und soll 700–1000 Menschen, Erwachsene und Kinder, beschäftigen. In New-York, Cincinnati und St. Louis besitzt die Firma Filialen[243].
Um den Leistungen dieser Anstalt vollkommen gerecht zu sein, muss man der örtlichen Lage derselben eingedenk bleiben. Dieselbe machte die Fürsorge für die Arbeiter durch Kosthäuser, Kassen und andere humanitäre Einrichtungen, die nach vielen verschiedenen Richtungen hin vorhanden sind, noch notwendiger, als bei gewöhnlichen Verhältnissen.
Bern.
Die Hauptstadt Bern zählt, was Bevölkerung betrifft, erst als die fünfte Stadt der Schweiz und bietet in graphischer Hinsicht nichts Bemerkenswertes dar. Die bedeutendsten Offizinen sind die Stämpflische mit 7 Schnellpressen, Rieder & Simmen, Jent & Reinert, K. J. Wyss und B. F. Haller. Dieser war der erste, der eine eiserne Presse in der Schweiz einführte; die erste Schnellpresse erhielten Orell Füssli & Co. im Jahre 1832.
Genf.
In der französischen Schweiz ist Genf durch das rege wissenschaftliche und litterarische Leben bekannt. Die Stadt hat 18 Buchdruckereien und 17 lithographische Anstalten, doch kein Geschäft von bedeutendem Umfang. Die grössten derselben sind Chr. Schuchardt und J. Lang mit je 4 Schnellpressen. Auch in Lausanne ist ein regeres geschäftliches Leben. Unter den 17 typographischen und lithographischen Anstalten daselbst ist zu nennen die von G. Bridel (4 Schp.), die gute Werk- und Accidenzdrucke liefert.
Fußnoten:


XV. KAPITEL. DER OSTEN DER GERMANISCHEN GRUPPE.
Presszustände in Österreich. J. T. Trattner. J. G. Trassler. J. v. Kurzbeck. A. Schmid. Familie Gerold. J. V. Degen. A. Auer. Die Hof- und Staatsdruckerei. W. v. Braumüller. Das Museum und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Der Buchdrucker-Verein. Neuere Buchdruckereien Wiens. Die Druckereien in den Provinzen. Ungarn. Druckereien in Budapest und an anderen Orten. Statistisches aus Österreich-Ungarn.
Gedrückte Zustände der Presse.

ZU derselben Zeit, wo die Presse in Preussen beinahe einer uneingeschränkten Freiheit sich erfreute, hatte sie in Österreich mit dem schwersten Druck zu kämpfen. Unter dem Kaiser Karl VI. wurde noch glimpflich verfahren, unter Maria Theresia trat jedoch grössere Strenge ein. Ein Patent vom 12. Juli 1752 befahl den Unterthanen, alle geistlichen Bücher ihren Seelsorgern zur Prüfung zu übergeben, diese hatten die irrlehrigen an sich zu nehmen, die unverdächtigen, nachdem sie mit Siegel versehen waren, zurückzustellen. Selbst die Buchbinder waren verpflichtet, die ihnen zum Binden übergebenen Bücher den Geistlichen vorzulegen. Politische und staatswissenschaftliche Schriften wurden mit ähnlichem Argwohn behandelt und die Jesuiten hatten sich ganz der Zensur bemächtigt. In Ermangelung von gedruckten Zeitungen wurden geschriebene „Gassenblätter“ regelmässig versandt. Zeitungsschreibern, welche falsche Nachrichten verbreiteten, wurde mit Auspeitschung und Landesverweisung gedroht und Angebern 100 Dukaten Belohnung zugesagt. Die einzige in Wien erscheinende Zeitung, das im Jahre 1703 gegründete „Diarium“, durfte nur solche inländische Nachrichten verbreiten, die ihr von der Hofstelle zukamen. Ausländische privilegierte Zeitungen konnten eingeführt werden, sie unterlagen jedoch einer Revision und wurden nur durch die kaiserlichen Postämter vertrieben. Damals entstanden auch die verschiedenen Stufen des Verbotes und der Zulassung. 1765 erschien das erste Verzeichnis der verbotenen Bücher, welches schliesslich selbst verboten wurde, damit man nicht die Titel der „schlechten“ Bücher kennen lernte.
Freiere Bewegung unter Joseph II.
Dem unhaltbaren Zustand setzte die Thronbesteigung Josephs II. (1780) eine Grenze. Er hob die geistliche Zensur ganz auf und bildete eine Zensurkommission aus aufgeklärten und unabhängigen Männern. Das Pressgesetz von 1781 war in seinen Grundlagen nach den eigenen Bestimmungen des Kaisers entworfen. Das Verzeichnis der verbotenen Bücher wurde revidiert und mehr als 2500 derselben wieder erlaubt. Nur gegen schmutzige Bücher wurde mit aller Strenge verfahren. Im Jahre 1787 wurde es gestattet, anstatt der Manuskripte die bereits gedruckten Werke der Zensurbehörde vorzulegen. Es ward dem Kaiser nicht leicht, bei diesen Reformen den passiven Widerstand der Beamten zu überwinden. In der letzten Zeit seiner Regierung ward er auch selbst weniger freisinnig und die zuletzt erwähnte Massregel wenige Wochen vor seinem Tode durch eine Verordnung vom 21. Januar 1790 zurückgenommen.
Neue Beschränkungen.
Kaiser Leopold II., eingeschüchtert durch die französische Revolution, ergriff strengere Massregeln gegen die Presse, und sein Nachfolger, Franz II., verschärfte diese noch mehr. 1801 ward die Zensur der Polizeihofstelle übergeben; 1803 begann eine Rezensurkommission ihre Thätigkeit und setzte wieder tausende von früher freigegebenen Büchern auf den Index. Während der Besitznahme Wiens durch Napoleon fand 1809 eine temporäre Erleichterung statt und die Druckereien waren nicht imstande, alle ihnen angebotenen Aufträge auszuführen. Dieser Zustand nahm jedoch mit Patent vom Nov. 1810.dem Patente vom 1. November 1810 zur Regelung der Pressverhältnisse ein schnelles Ende. „Kein Lichtstrahl, er komme, woher er wolle, soll künftig unbeachtet oder unbekannt in der Monarchie bleiben“, so hiess es und die Geschichte lehrt die Wahrheit dieser Worte des Programms kennen, wennauch nicht in der vermuteten Auslegung; es blieb in der That kein Lichtstrahl unbeachtet — seitens der Polizei. Übertretungen der Zensurmassregeln wurden streng geahndet. Das Recht, Buchhandel und Buchdruckerei zu Abstufung der Bücherverbote.betreiben, beruhte natürlicherweise auf Privilegien. Die Abstufungen der Zulässigkeit der Werke wurden genau reguliert. Professoren und Gelehrten von Fach sollte nur in besonderen Ausnahmefällen ein Buch verweigert werden. Einige Bücher erhielten admittitur, d. h. sie waren ganz freigegeben; andere, denen das transeat zu teil geworden, durften verkauft, jedoch nicht öffentlich angekündigt werden. Um andere beziehen zu können war wieder eine besondere Erlaubnis notwendig (erga Schedam). Inländische Verlagsartikel erhielten das imprimatur entweder ohne Beschränkung oder nach Weglassungen resp. Änderungen, andere fielen dem damnatur anheim. Es ist bekannt genug, wie die Bestimmungen über die Einfuhr der Bücher vielfach umgangen wurden und wie wöchentlich ganze Ballen nichterlaubter Bücher von Leipzig nach Wien gesandt wurden. Dort waren Bestechungen selbstverständlich an der Tagesordnung; das Geschäft wurde demoralisiert, aber im Sortimentshandel viel Geld verdient, während der Verlagshandel und die Buchdruckerei darnieder lagen. Kein Autor von Bedeutung mochte sein Werk in Österreich verlegt oder gedruckt sehen und ein in Österreich gedrucktes Buch war fast gleichbedeutend mit einem schlecht gedruckten.
Zustand der graphischen Gewerbe.
Der Festredner bei dem vierhundertjährigen Jubelfest (1882) der Einführung der Buchdruckerkunst in Wien Karl v. Scherzer, im Jahre 1846 noch ein enthusiastischer Jünger Gutenbergs, schrieb damals: „Es ist in dem Volke noch nicht das Bedürfnis zu lesen erwacht; es begnügt sich, die ‚Wiener Zeitung‘ durchzublicken und alle Jahre die renommiertesten französischen Schauerromane in deutscher Übersetzung durchzublättern. Es fehlt uns hier auch an nichts weniger als an allem, um selbst die geringste litterarische Unternehmung mit Ehren ins Leben rufen zu können. Kein genialer Zeichner, kein fähiger Holzschneider, kein tüchtiger Drucker und so fort bis zum Farbenjungen. Während das Ausland seit Jahren uns mit illustrierten Ausgaben überflutet, haben wir hier kaum den Mut gefasst, ein einziges grosses Werk mit Holzschnitten zu verzieren; selbst die ‚Theaterzeitung‘ hat ihr illustriertes Gewand seit dem neuen Jahre wieder abgelegt und noch bei dem neuesten illustrierten Werk ‚Erzherzog Karl von Österreich‘ mussten, durch unübersteigbare Hindernisse dazu gezwungen, die beabsichtigten Holzschnitt-Illustrationen den in den Text gedruckten Lithographien weichen“[244].