ZWEITES BUCH
Reading edition

DIE ROMANISCHE GRUPPE.

EINFÜHRUNG IN DAS ZWEITE BUCH.

DIE Romanische Gruppe, an deren Spitze Frankreich, hat, wie die Anglo-Amerikanische, vor der Germanischen den grossen Vorsprung der einheitlichen Druckschrift voraus. Hat dieser Umstand auch mitunter eine gewisse Monotonie in seinem Gefolge, so wirkt die Einfachheit und die Ruhe, die über die Druckwerke verbreitet ist, doch ungemein wohlthuend und gewährt in dem praktischen Geschäftsbetrieb und in der Ausbildung eines festen Geschmackes grosse Vorteile.
Trotz aller Beweglichkeit des französischen Charakters und dem ewigen Wechsel der in Frankreich geschaffenen Moden hat seine Typographie einen weit konservativeren Charakter als die deutsche. Der durch die Nationaldruckerei und die Didots hervorgerufene Typenduktus ist noch immer und mit Recht der herrschende geblieben. Namentlich haben die Didotschen Schriften von ihrem ersten Auftreten ab durch die strenge, jedoch anmutige Zeichnung, den regelmässigen und scharfen Schnitt, die bewundernswürdig berechnete Zurichtung in der Weite ihr Übergewicht behauptet.
Zwar hat das Streben nach vorwärts und der berechtigte Wunsch eines jeden befähigten Schriftschneiders und Schriftgiessers, den Reichtum zu vermehren, eine Anzahl von Varianten zur Folge gehabt; von allen diesen, bald mehr, bald weniger glücklichen Neuerungen kann jedoch keine ihren Ursprung verleugnen und der ältere Duktus ist geblieben. Die erwähnten zwei Druckereien, des Staates und der Didots, sind in der That für das Druckgewerbe dermassen bestimmend gewesen, wie ähnliches in keinem anderen Lande in der neueren Periode der Druckkunst vorkommt, ausgenommen allenfalls in Österreich, wo die Herrschaft der Staatsdruckerei zwar eine mächtige, jedoch nicht langdauernde war.
Neben der Einheitlichkeit der Schrift war für die französische Typographie auch die Einheitlichkeit des Schriftsystems ein förderndes Moment, deren Wichtigkeit kein Fachmann, der unter der Systemlosigkeit in Deutschland gelitten hat, unterschätzen wird.
Schliesslich ist die Betreibung von Spezialitäten sowohl in der Schriftgiesserei wie in der Typographie ein gewaltiger geschäftlicher Vorsprung der Franzosen. Diese Teilung der Arbeit geht in der Schriftgiesserei so weit, dass es Geschäfte in Paris giebt, die sich nur mit Giessen von Ausschluss und Durchschuss abgeben. Auch verlangt man dort nicht, wie in Deutschland, dass jeder Buchdrucker Virtuos in allen Branchen sein solle, auch nicht, dass jede Druckerei auf alle Arbeiten gleichmässig eingerichtet sei, auch ist keine Rede von dem Erschwernis einer deutschen Buchdruckerei, dass sie in zweierlei Schriftarten gleichmässig gut assortiert sein müsse.
Das gesagte gilt ebenso für die Buchbinderei. Nicht nur, dass die verschiedenen Arten des Einbandes selten in einer und derselben Offizin geübt werden; es ist nicht einmal üblich, alle zu einer Art von Einband gehörenden Arbeiten in einer Werkstätte zu vollbringen, sondern es giebt besondere Schnittvergolder, Handvergolder, Marmorierer etc., denen man die Einzelarbeiten zuweist.
Unter solchen Arbeitsverhältnissen ist es selbstverständlich viel leichter, in Frankreich in einem einzelnen Zweig Virtuos zu werden und praktische Erfolge zu erzielen. Dieses darf nicht übersehen werden, wenn man das Mass der Tüchtigkeit und Intelligenz vergleichend beurteilen will, welches in Frankreich und Deutschland in den graphischen Künsten Verwendung findet.
Trotzdem kann Frankreich weder, was Werk- und Accidenzdruck, noch weniger was Zeitungsdruck betrifft, im allgemeinen ein Übergewicht über Deutschland eingeräumt werden. Es wird im Gegenteil vieles dort so schlecht gedruckt, wie es in Deutschland nicht geschieht, man möchte fast sagen, nicht mehr geschehen kann. Eine Überlegenheit zeigt die französische Typographie erst dann, wenn es sich um die Verbindung von Geschmack, Eleganz und Geschick zur Herstellung von etwas wirklich Hervorragendem handelt. Da fehlt es eben an nichts, dann arbeiten sich alle Beteiligten der verschiedenen graphischen Gewerbe einmütig in die Hände, ohne Jalousie und ohne die Prätensionen des Virtuosentums, das sich auf Kosten der Gesamtwirkung hervorzuthun strebt. »Alle Mitwirkende fühlen sich dann als Glieder einer Kette, wie sie auch wirklich in dem Cercle de la Librairie zu einer solchen vereinigt sind. Gerade in dieser Vereinigung „Aller“, durch welche sich „Jeder“ als Teil des Ganzen fühlt, aber auch „nur als Teil«, über dem das Ganze steht, liegt sicherlich ein wesentlicher Grund zu den Erfolgen, welche der Buchhandel und die Typographie Frankreichs erzielen, sobald sie geschlossen auftreten[82].“
Noch ein, und zwar ein sehr wesentlicher Faktor wirkt zugunsten der französischen Buchdrucker und Buchhändler mit: „das Publikum“. Ob die „Bildung“ und „die Leselust“ in Deutschland nicht grösser sind, als in Frankreich, mag hier unerörtert bleiben, unzweifelhaft ist es jedoch, dass die „Kauflust“ und die „Kauffähigkeit“ in dem letzteren Lande überwiegen. Hierdurch wird die Herstellung der schönsten Ausgaben zu verhältnismässig sehr billigen Preisen, welche sehr grosse Auflagen voraussetzen, möglich. — Schliesslich kommt auch die grosse Konzentration der wissenschaftlichen und technischen Kapazitäten in Paris dem dortigen und damit fast dem ganzen französischen Buchgewerbe ausserordentlich zustatten.
Wie die französische Typographie mitten zwischen der englischen und der deutschen steht und in ihren besten Erzeugnissen in gewisser Beziehung die guten Eigenschaften beider vereinigt, so auch die Xylographie. Der französische Holzschneider ist im allgemeinen weniger ängstlich in der Wahrung der Eigentümlichkeiten des Zeichners als der deutsche, andererseits nicht so ungebunden in der technischen Behandlung wie der englische und zeigt fast immer Grazie und Anmut in der Behandlung. Er ist bestimmter in der Umgrenzung als der englische, zarter in den Formen als der deutsche. Aber oft geht doch dem französischen Holzschneider die frappierende Wirkung über die innerliche Wahrheit und die ruhige Kraft.
Was den „Druck“ der Illustrationswerke betrifft, so kann der deutsche sich vollständig mit dem französischen messen, doch lässt es sich nicht leugnen, dass die französischen Prachtwerke trotzdem in der Regel einen vornehmeren und harmonischeren Gesamteindruck hervorbringen; die Ursache liegt in dem schon oben Angedeuteten.
Im Accidenzfache haben die Franzosen seit ihrem weltberühmten Derriey keine Fortschritte gemacht. Sie legen überhaupt nicht auf die minutiöseste Ausführung der Accidenzen so viel Gewicht wie die Deutschen, die eher geneigt sind, des Guten zu viel zu thun.
In der Erfindung von Druckmaschinen umwälzender Art haben die Franzosen keine hervorragenden Verdienste. Dagegen verstanden sie es vortrefflich, mit der ihnen angeborenen Findigkeit und unter Berücksichtigung ihrer besonderen Bedürfnisse, das Dargebrachte in geschicktester Weise zu verbessern, für den Betrieb nützlicher, für das Ansehen wohlgefälliger und in der Anschaffung billiger herzustellen. Von ausländischen Maschinen wurden nur wenige in Frankreich eingeführt und die Fabrikation deckte nicht nur den heimischen Bedarf, sondern versorgte auch fast den ganzen ausserdeutschen Kontinent, bis es Deutschland gelang, mit in die Konkurrenz zu treten.
Der Vorwurf, der öfters den französischen Maschinenbauern gemacht wird, dass sie die Eleganz auf Kosten der Solidität fördern, dürfte in der Allgemeinheit nicht richtig sein. Man geht in Frankreich von dem Grundsatz aus, dass die gewerblich-technischen Fortschritte in zehn Jahren bereits so enorm sein werden, dass man klüger thut, billige Maschinen zu bauen, um ohne zu grosse Kosten schneller neue Anschaffungen machen zu können, als mit für die Ewigkeit gebauten Maschinen festzusitzen. Die Billigkeit wird übrigens auch dadurch gefördert, dass man fast ausschliesslich dem Prinzip der Tischfärbung und der Eisenbahnbewegung statt der kostspieligen Cylinderfärbung und Kreisbewegung huldigt[83].
Bezeichnend ist in Frankreich der grosse Einfluss, welchen die Regierung in doppelter Richtung, teils in fördernder, teils in hemmender Weise, übte. Was sie mit der einen Hand gab, nahm sie mit der andern. Alle Regierungen dort unterstützten die Fortschritte der „Typographie“ in ihrer Unmündigkeitsperiode, suchten jedoch die vormundschaftliche Autorität über diese hinaus auszudehnen, und hemmten von Beginn ab die ruhige und freie Entwicklung der „Presse“. Hierin bildete Frankreich einen vollständigen Kontrast zu England, wo Typographie und Presse, sich selbst überlassen, eine mächtige Entwicklung nahmen, und teilweise zu Deutschland, wo man die fördernde Teilnahme von oben nie, um so öfter jedoch die hemmende, kennen lernte.
Die Dependenzen der französischen Typographie stehen dieser nicht gleich.
Belgien liefert zwar manches gute, jedoch nicht viel hervorragendes. Es giebt sich in seiner Typographie eine gewisse Schwerfälligkeit kund. Die Schrift ist zwar französisch, aber die leichte Eleganz der besseren französischen Presserzeugnisse wird selten erreicht. Das Material ist das gleiche, aber die in der Ausführung damit hervorgebrachte Wirkung eine andere.
In Italien, Spanien und Portugal stehen die Leistungen im ganzen genommen auf einer und derselben Stufe, der des Mittelguten, mitunter auch des Mittelmässigen. In Bezug auf die Erzeugnisse der Schriftgiesserei und des Pressenbaues befinden sich die genannten Länder fast vollständig im Abhängigkeitsverhältnis zu Frankreich. Erst in neuester Zeit hat Deutschland hie und da mit zu konkurrieren begonnen. Politische Verhältnisse, fortwährende Unruhen und Fremdherrschaft in stetem Wechsel haben eine freie Entwicklung auf lange Zeit gehemmt. Es werden aber jetzt ernste Anstrengungen gemacht, um lange Versäumtes nachzuholen.
Der Orient steht zu Frankreich fast in demselben Verhältnis, wie Ostasien zu England und wie die slawischen und Donauländer zu Deutschland-Österreich. Nordafrika unterliegt selbstverständlich ganz Frankreichs Einfluss. Die Türkei und Ägypten liefern einiges gute, doch darf dies weniger als nationale Leistung betrachtet werden, denn die Hersteller sind meistenteils Franzosen, die mit französischem Material arbeiten.


V. KAPITEL. DIE SCHRIFTGIESSEREI UND DIE MASCHINEN IN FRANKREICH.
Die Schriftgiesserei: Das Schriftsystem Didots, seine Anglaise, Molé. Orientalia. Notendruck, E. Duverger, Charles Derriey und das typographische Ornament. Holzschnitt und Hochätzung. Die Stereotypie: Daulé, Gaveaux, Jannin. Die Maschinen: Marinoni, Alauzet, Dutartre u. a. Die Utensilien. Farbe. Papierfabrikation. Die Buchbindekunst.

FOURNIER Le Jeune hatte mit seinen Bemühungen für die Einführung einer gleichmässigen Einteilung der Schriftgrössen (I, S. 214) kein rechtes Glück gehabt. Erst Ambroise François Didot war es beschieden, ein von Fourniers Grundsätzen etwas abweichendes System zur rechten Geltung zu bringen, und hiermit nicht der Typographie seines Vaterlandes allein einen unermesslichen Dienst zu erweisen, dessen Wert allerdings dem Nichtfachmann weniger als die äussere Schönheit seiner Typen und seiner Drucke oder der innere Gehalt seiner Verlagswerke in die Augen springt.
In seiner Einteilung ging Didot von dem damals in Frankreich geltenden Massstab, dem Pied du Roi, aus. Eine Linie desselben teilte er in sechs typographische Punkte und bestimmte nach solchen die regelmässige Abstufung der Schriftgrade. Hieraus erwuchs indes eine Differenz mit dem Fournierschen System, indem 11 Didotsche Punkte gleich 12 Fournierschen sind.
Sicherlich stände das Didotsche System widerspruchslos da, hätte nicht das erst später in Frankreich und anderen Ländern gesetzlich eingeführte, wissenschaftlich allein stichhaltige Metermass mit Dezimaleinteilung wieder einen Riss hineingebracht, indem das Didotsche System sich nicht vollständig rationell auf das neue Mass übertragen lässt. Die Frage des einheitlichen Welt-Schriftkegels kann demnach erst in der Zukunft ihre volle Lösung finden[84].
Didotsche Schreibschriften.
Eine Didotsche Erfindung ist ebenfalls die berühmte Schreibschrift Anglaise. Die bisherigen Schreibschriften waren eigentlich nur Cursivschriften; jeder Buchstabe stand für sich, ohne Verbindung mit seinen Nachbarbuchstaben. Didot führte die der Schriftlage folgende schräge Typenbildung ein, welche die Verbindung der Schriftzüge unter einander erleichterte. Um die vollständige Freiheit der mit der Hand hergestellten Schrift zu erreichen, waren jedoch grosse technische Schwierigkeiten zu überwinden. Jenachdem ein Buchstabe zu Anfang, zu Ende oder in der Mitte eines Wortes stand, oder die Nachbarbuchstaben herauf- oder heruntergehende waren u. dergl., war eine Variation der Verbindungsstriche und somit eine grosse Vermehrung der Typen notwendig. Manche derselben enthielten nicht einmal einen vollständigen Buchstaben, sondern dieser musste aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden. Hierin und in der Wahl der richtigen Ansätze liegen die Schwierigkeiten und nicht jeder Setzer wird diese zu überwinden verstehen. Ausserdem erfordert der Druck infolge der Zartheit der Haarstriche eine ganz besondere Aufmerksamkeit, denn die schöne und teure Schrift kann durch Ungeschicktheit des Druckers schon bei dem erstmaligen Gebrauch verdorben werden. Damit die schrägen Typenstücke fester an einander schliessen, sind sie an der einen Seite mit einer halbrunden Vertiefung, auf der andern mit einer ebensolchen Erhöhung versehen, die in einander greifen. Dreiseitige Schlussstücke stellen die für die Festigkeit der sonst schrägstehenden Zeile notwendige rechtseitige Gestalt her.
Joseph Molé.
Einer der bedeutendsten Schriftgiesser Frankreichs war Joseph Molé. Bereits als Kind befasste er sich mit Gravieren und als Achtzehnjähriger hatte er schon manchen Stempel geliefert. Während seines geschäftlichen Wirkens schnitt er eigenhändig über 200 komplette Schriften. Ihm verdankt man auch die Einführung der so praktischen Hohlstege.
Orientalische und chinesische Schrift.
Auf fremdländische resp. orientalische Schriften wurde im ganzen genommen von den Schriftgiessereien und Buchdruckereien nicht grosses Gewicht gelegt. Eine Ausnahme machte jedoch die, während eines Jahrhunderts siebzehnmal den Namen wechselnde, jedoch ihrem Charakter treu bleibende Staatsdruckerei. Mit besonderer Vorliebe und grosser Ausdauer wurden dort nicht weniger als sechs Versuche gemacht, den Chimborasso der Typographie, die Herstellung chinesischer Schrift, zu überschreiten.
Die erste, für Fourmonts Grammatik benutzte Schrift hatte ein vollständig barbarisches Aussehen. Auch die 14000 Typen für Desguignes Lexikon waren noch viel zu gross und hässlich. Spätere 12000 Typen von Deshauterais wurden nie benutzt. Rémusat liess 2000 Zeichen schneiden, deren er sich für seine Grammatik bediente. Die von M. H. Klaproth veranlassten Typen machten grosse Ansprüche, elegant zu sein, es wurden mit denselben jedoch nur wenige Seiten gesetzt. 1836 machte der Direktor der Staatsdruckerei, Marcellin le Grand, unter Leitung des Orientalisten Pauthier einen neuen Versuch. Als Grundlage diente das Wörterbuch von Kanghi, welches 43496 Charaktere enthält, die auf gegen 30000 reduziert und in zwei Klassen geteilt wurden, die der nicht zerlegbaren (3581) und die der zerlegbaren (26295) Zeichen, welche sich mittels 4267 Stempel herstellen liessen[85].
Der Notendruck.
Fournier und Gando.
In dem Lande der Franzosen, die nicht in dem Grade ein singendes und spielendes Volk sind, wie die Deutschen, war auch die typographische Herstellung von Noten nicht von der Wichtigkeit, wie in Deutschland; doch hatten, abgesehen von den älteren Versuchen, Fournier le jeune und Gando Noten geliefert, die freilich keinen Anspruch auf Originalität machen konnten (s. Kap. XII). Die Genannten bekämpften sich gegenseitig; Gando warf Fournier vor, er habe Breitkopfs Noten kopiert; Fournier behauptete, Gando hätte überhaupt keinen Stempel schneiden können, also auch keine Noten.
Der Wunsch, den Übelstand der Breitkopfschen Noten: dass die Linienstücke an jeder Note hängen, also trotz des vorzüglichsten Gusses die Sichtbarkeit der Zusammenfügungen kaum zu vermeiden ist, musste zu Versuchen führen, Linien und Noten unabhängig von einander herzustellen. Doppelter Druck, der der Linien für sich und der der Noten für sich, ist jetzt noch, war aber namentlich mit den damaligen Druckapparaten ein schwieriges Unternehmen und der Satz der Noten allein ohne System auch ein sehr beschwerlicher. Duvergers und Derrieys Systeme.Eugen Duverger suchte diese Übelstände zu überwinden. Mussten die Noten auch bei seiner Methode für sich gesetzt werden, so war der Satz doch durch ganz zarte Andeutungen der Linien erleichtert, welche an die Type angegossen waren und als Richtschnur bei dem Setzen dienten. Über den Notensatz wurde eine Gipsmater geformt und in diese das Liniensystem mittels einer Maschine durch kleine Rollmesser hineingeschnitten. Da die Systemlinien kräftiger waren als die an den Typen befindlichen schwachen Linienandeutungen, so wurden letztere durch erstere vollständig gedeckt. Um die Zahl der notwendigen 417 Stempel in der Praxis zu vermindern, wurden erst die komplizierteren geschnitten und von diesen die Matern angefertigt, dann durch Wegschneiden einzelner Teile die einfacheren Stempel gebildet. Aus diesem Verfahren erwuchs jedoch der Nachteil, dass man sofort von den komplizierteren Stempeln so viele Matern abschlagen musste, als man überhaupt für alle Zukunft haben wollte. Die Schleifungen wurden durch schwache Kupferblättchen erzielt, deren Anfang in den Typensatz eingelassen wurde, während der übrige Teil sich nach Belieben biegen und abschneiden liess[86]. Duverger stellte auch Karten her durch ein System kleiner Kupferlinien, welche in eine Bleiplatte eingefügt wurden, ebenso wurde es mit den Schriften gehalten.
Derrieys Notensatz bestand in einem System aus fünf ganzen Messinglinien, an deren oberen und unteren Seiten die aus zwei Teilen bestehenden Notenköpfe angesetzt wurden. Die Köpfe waren so unterschnitten, dass der Anschluss an die Linie ein vollkommener war. So sinnreich auch sowohl seine als Duvergers Methode waren, so springt es doch dem Fachmann leicht in die Augen, dass für die Praxis mancher Mangel mit beiden, mit der Derrieyschen noch der besondere Übelstand der Verwendung von Messinglinien zusammen mit Noten von Schriftzeug, verbunden war.
Pyrostereotypie.
Die Anwendung der Pyrostereotypie (Planotypie, vgl. Kap. IX) wurde in Frankreich von Wals eingeführt und von Carbonnier verbessert; zuerst war sie 1840 in Irland benutzt worden.
Ornamente und Einfassungen.
Charles Derriey * 17. Aug. 1808, † 11. Febr. 1877.
Was die Erzeugnisse der Schriftgiesserei für dekorative Zwecke anbelangt, hat Frankreich einen bis jetzt nicht übertroffenen Meister in dem erwähnten Charles Derriey aufzuweisen. Sein Schicksal entschied sich nicht schnell. In einem Alter von 18 Jahren verliess er die Offizin Gauthier in Besançon, wo er sich etwas mit allem, was zur graphischen Kunst gehört, beschäftigt hatte. Er trat nun in das Haus Didot ein, wo er nacheinander als Setzer, Drucker, Stereotypeur, Schriftgiesser und Zeichner arbeitete und schliesslich in seinem 27. Jahre die Gravierkunst lernte. Da er mit angeborenem Kunstsinn und ernster Willenskraft viele praktische Kenntnisse verband, trug er kein Bedenken, sich selbständig zu machen. Wollte man ihm von Stufe zu Stufe in seinem Schaffen folgen, so müsste man sein berühmtes Probebuch[87], einen Folianten von gegen 200 grösstenteils in Farben und Gold ausgeführten Seiten, Blatt für Blatt beschreiben. Vignetten, verzierte Schriften, Züge, Eckstücke, Linien, Einfassungen u. dgl. finden sich darin in grosser Vollkommenheit und reicher Abwechselung. Seine Phantasie-Einfassungen übertreffen durch Neuheit, Eleganz, Genialität, Akkuratesse der Arbeit und ihre endlosen Kombinationen alles Dagewesene. Derriey mutet der Schriftgiesserei und der Typographie nicht wenig zu, kennt jedoch genau die Grenze, bis wohin er sie führen darf. Er zeichnete und schnitt nicht allein, sondern setzte und kombinierte in der geschicktesten Weise. Jedes Stück steht an seinem rechten Platz; Licht und Schatten versteht er meisterhaft in effektvollster Weise wechseln zu lassen.
Auch als Mechaniker hatte Derriey grosse Bedeutung. Seine Giess- und Linieninstrumente sind Erfindungen von hohem Werte. Ein kleines Wunderwerk bleibt namentlich seine Numeriermaschine für Banknoten.
Derrieys Erzeugnisse fanden nicht weniger Anerkennung im Auslande als in seinem Vaterlande. Leider muss hinzugefügt werden, dass er durch galvanische Nachbildungen in arger Weise um die Vorteile seines geistigen Eigentums gebracht wurde. Seine Giesserei mit allem Zubehör ging nach seinem Tode auf A. Turlot (Gebr. Virey) über.
In Derrieys Atelier arbeiteten auch zwei der berühmtesten Kunstsetzer in Paris Sixte Albert und L. Moulinet. Beide lieferten im Figuren- und Porträtsatz mittels Linienstücke Unglaubliches; Albert eine viel angestaunte Laokoon-Gruppe, Moulinet († 1874) einen Béranger in ganzer Figur und eine Amor und Psyche-Gruppe.
Dechamps und Petibon.
Laurent & Deberny.
Fonderie générale u. a.
Von anderen Künstlern in der Richtung der ornamentierenden Schriftgiesserei sind zu nennen Dechamps und der sehr fruchtbare Petibon, der die Kaleidoskop-Einfassungen einführte, die zwar sehr hübsch waren, jedoch zumeist für den Buchdrucker ein totes Kapital blieben, weil die Setzer das Material nicht zu behandeln verstanden. Laurent & Deberny lieferten schöne Züge, Initialen und Plakatschriften. Ihre Polytypen beliefen sich auf mehr als 6000, mit denen sie alle Länder der Romanischen Gruppe reich versorgten. Eine bedeutende Anstalt entstand unter der Firma Fonderie générale Laboulaye & Co., später Réné & Co., aus der Vereinigung der Firmen Didot, Molé, Crosmer, Evérat, Tarbé & Co., welche letztere sich durch ihre systematischen Hohlstege und Stereotyp-Unterlagen bekannt gemacht haben. Auch Lombardot, Batenberg & Majeur lieferten viele Einfassungen, sowie Phantasie- und Titelschriften. Renault & Robcis zeichneten sich in der Spezialität der Messinglinien, der Hohlstege und des Durchschusses aus. In neuester Zeit machte sich Henry J. Tucker, Filiale der Londoner Giesserei Caslon, sowohl durch die Leistungen des von ihm vertretenen Instituts, als durch die vorzüglich geleitete Fachzeitschrift Typologie Tucker einen Namen.
Metallverbesserung.
Um das Jahr 1840 führte Colson eine Zeugmischung von Eisen und Schriftmetall ein, welche die Haltbarkeit des gewöhnlichen Zeuges verdreifachte. Die Versuche Petyts, Typen aus Kupferstangen durch Pressung in eine Stahlmater zu erzielen, erreichten ebensowenig ein praktisches Resultat, wie Cardons Erfindung, ein kupfernes Buchstabenbild auf einen Typenstiel von Schriftmetall anzubringen. Die Herstellung der Typen aus Glas blieb ebenfalls ohne wirkliche Erfolge.
Die Stereotypie.
Verdankte man auch die erste praktische Methode der Schriftstereotypie und der Anfertigung von Clichés England, so hatten die Franzosen sich doch schon lange mit der Stereotypie beschäftigt[88] und durch ihre späteren Verfahren das Stanhopesche überflügelt; ja es scheint fast, als wären sie auf dem Wege, selbst die Verwendung der Jacobischen Galvanoplastik für die Typographie durch die Celluloïd-Clichés zu verdrängen.
Gabr. Valleyre.
Bereits vor Beginn des XVIII. Jahrhunderts lieferte ein Pariser Gelehrter und Buchdrucker Gabr. Valleyre einen Kalender in Messingplatten, die in Matern aus Thon oder diesem ähnlicher Masse gegossen waren. Da aber diese Matrizen nicht vollständig gleichmässig vertieft und die Platten ausserdem auf der Rückseite nicht ganz glatt waren, so fiel der Druck nicht gleichmässig aus.
Ign. Hoffmann.
Der Akademiker Darcet hatte 1773 seine Erfahrungen über das Legieren leicht schmelzbarer Metalle veröffentlicht. Ein Elsässer Franz Ignaz Joseph Hoffmann wurde wahrscheinlich hierdurch veranlasst, Matern aus fetter, mit Gips vermischter Erde, welcher Syrup und Kleister zugesetzt wurden, zu bilden und diese in erhitztem Zustande in eine Legierung von Wismuth, Blei und Zinn in dem Augenblick der Erstarrung der Metalle einzudrücken. Die so erhaltene Platte wurde auf Nussbaumholz mit feinen Nägeln festgemacht.
Mit solchen Platten druckte Hoffmann 1787 ein dreibändiges Werk Recherches historiques sur les Maures par de Chemin père. Hoffmann musste seine Druckerei in andere Hände geben und ersann nun ein anderes Verfahren. Er liess 360 Stempel, teils einzelne Buchstaben, teils Logotypen, anfertigen. Durch mechanische Vorrichtungen wurden diese Stempel senkrecht in die oben beschriebene Metallmasse gesenkt. Die gewonnene Matrize ward in einer Presse, wie ein Petschaft in der Stempelpresse, angebracht und durch einen Balancier in die dem Erstarren nahe Schriftmasse mit einem kräftigen Schlage eingetrieben. Von einer praktischen Verwendung dieses aus vielen Gründen unzweckmässigen Verfahrens verlautet nichts. Ebensowenig wie von Hoffmanns Logotypen, für welche er 1792 ein Patent für 15 Jahre erhielt.
J. Carez.
Hoffmanns erste Proben hatten viele Nachahmungen hervorgerufen, unter denen die von Joseph Carez, Buchdrucker in Toul, besondere Beachtung verdienen. Seine Matrizen litten aber sehr durch die Hitze und das Zusammenbacken mit der Schrift. Bei einem befreundeten Münzsammler hatte er jedoch gesehen, wie dieser durch einen kurzen trockenen Schlag Abdrücke in Zinn von seinen Münzen nahm. Carez bediente sich nunmehr eines Fallklotzes, um eine Schriftseite in die halbflüssige Masse einzuprägen und so eine brauchbare Mater zu erhalten. 1786 lieferte er ein Kirchengesangbuch in zwei Grossoktav-Bänden, jeder von 1000 Seiten, in dieser Weise hergestellt und später viele Werke, darunter eine Nonpareille-Bibel.
Gengembre und Heran.
Als der Assignatendruck eine rasche Vervielfältigung der kleinen Platten notwendig machte, um viele solche auf einmal drucken zu können, verbesserten Gengembre und Heran das Verfahren mit dem Fallklotz, welcher in Fugen vertikal und parallel stehender Säulen, wie in einem Rammbocke, eingelassen wurde. Die Tischplatte, auf welcher der Behälter mit der Schriftmasse stand, übte durch starke Federn einen elastischen Gegendruck aus und man erhielt in dieser Weise Platten in scharfer Prägung, deren Rückseiten durch Hobeln egalisiert wurden.
Peter Didot und Heran.
Die von Didot 1795 herausgegebenen Logarithmen werden gewöhnlich als Stereotypen bezeichnet, sie sind jedoch nur von zusammengeschmolzenen Schriftkolumnen gedruckt. 1798 vereinigte sich jedoch Peter Firmin Didot, der auch ein Patent besass, mit Heran[89] zu dem Zweck, Stereotyp-Ausgaben zu veranstalten, um nicht nur die gedruckten Exemplare, sondern auch die Platten zu verkaufen. Das erste nach ihrem Verfahren hergestellte Buch war ein Virgil in 18mo von etwa 400 Seiten. Ein Exemplar kostete nur 15 Sous, eine Platte drei Franken.
Heran wollte noch reformieren und liess von Stahlstempeln Matrizen in typenförmige Kupferstückchen treiben, die in einem Winkelhaken aufgesetzt wurden. Jedoch musste der Setzer mit dem letzten Worte einer Zeile und dem letzten Buchstaben eines Wortes anfangen oder, was etwas leichter war, wie gewöhnlich von links nach rechts setzen und dann den Satz der Zeile Buchstabe für Buchstabe umstellen. Spatien und Quadraten mussten höher sein als die Typen, nicht wie sonst niedriger, weil die Zwischenräume in der Platte tiefer liegen mussten. Schön in der Theorie aussehend, war das Verfahren in der Praxis unzweckmässig und teuer, Korrektur-Abzüge konnten vor dem Guss nicht gemacht werden, so dass alle Änderungen erst in den Platten vorgenommen werden mussten.
Daulé.
Das bis dahin einzig praktische Stereotyp-Verfahren, das Stanhopesche, fand natürlich auch in Frankreich Eingang. Eine namentlich für das Giessen von Clichés weit bequemere Methode erfand der Franzose Daulé, der nicht die Matrize in die flüssige Schriftmasse versenkte, sondern sie zwischen zwei eiserne Platten mit erhöhten Rändern einlegte, die einen flachen Giesskasten bildeten, in welchen der Zeug mittels des Giesslöffels eingegossen wurde.
Genous Papierstereotypie.
Eine sehr grosse Bedeutung gewann die Papierstereotypie des Setzers Genou. Anfänglich mit Misstrauen empfangen, hat sie sich später besonders für Schriftstereotypie vortrefflich bewährt und ist für die Einführung der Rotationsmaschinen ein unbedingtes Erfordernis geworden.
Die Mater wird aus einer Anzahl von Blättern, teils Seiden-, teils stärkeren Papiers, gebildet, die einzeln, mit einer breiartigen Klebemasse angestrichen, aufeinandergelegt werden, bis sie die Stärke eines festen Kartons erreicht haben. Durch Klopfen mit einer langstieligen Bürste wird die Schriftkolumne in die weiche Papiermasse eingeprägt und die Mater dann unter mässigem Druck und bei gelinder Wärme in der Trockenpresse getrocknet. Der Guss geschieht in einem Apparat wie der Daulésche.
Der Vorteil bei diesem Verfahren liegt nicht allein in der Billigkeit und der Leichtigkeit der Herstellung, sondern gründet sich auch darauf, dass eine und dieselbe Mater für den Guss mehrerer Platten benutzt werden kann und dass man die Matern nach dem Guss, oder ohne überhaupt einen solchen vorzunehmen, für den späteren Gebrauch mit Leichtigkeit aufheben kann. Auch ist ein hoher Ausschluss nicht notwendig. Der ganze Apparat ist ein so einfacher, dass selbst eine kleine Druckerei mit Vorteil einen solchen anschaffen kann. In neuester Zeit ist noch ein Verfahren eingeführt, um die Matern rasch und ohne Ofenwärme zu trocknen, was für die Schonung der Schrift, mehr noch für die der Holzschnitte, von Bedeutung ist.
Jannins Celluloïd-Cliché.
Von einschneidender Wichtigkeit scheint die Erfindung der Celluloïd-Clichés zu werden; doch ist die Methode noch zu neu, um ein bestimmtes Urteil, namentlich über die Tragweite des Nachteils der leichten Entzündbarkeit, dieser Clichés zu fällen.
Der Bildhauer Jannin in Paris war auf den Gedanken gekommen, das Celluloïd, eine durch chemische Behandlung von Faserstoff hergestellte Masse von ausserordentlicher Härte, ausserdem, nach erfolgter Erwärmung, von grosser Biegsamkeit, ausser zu verschiedenen plastischen Arbeiten zu Clichés für typographische Zwecke zu benutzen.
Um dieses zu können, war es jedoch notwendig, eine entsprechende Masse für die Mater zu schaffen, die den bei der Herstellung des Celluloïd-Clichés notwendigen Druck unter Erhitzung vertragen konnte. Eine solche Masse wurde in einem aus Bleiglätte und Glycerin bestehenden Knetstoff gefunden. Derselbe wird in halbflüssigem Zustande über den zu clichierenden Gegenstand sorgsam gestrichen, in derselben Weise, wie der Gips bei der gewöhnlichen Stereotypie, und die Lage bis zu einer Dicke von 3–5 mm verstärkt. Ist die Mater unter einem mässigen Druck erhärtet, was bei Holzschnitten in 15–20 Minuten, bei Metall-Originalen, wo Erwärmung anwendbar ist, in drei bis vier Minuten der Fall ist, kann sie sofort zur Herstellung eines Clichés verwendet werden, zu welchem Behuf sie in eine hydraulische Presse gelegt und mit einer durch Erwärmung schmiegsam gemachten Celluloïd-Platte bedeckt wird. Unter Erhitzung der Presse, der Mater und der Platte bis auf 120°C. wird ein Druck von 120–130 Atmosphären ausgeübt, darauf das ganze durch einen Strom von kaltem Wasser abgekühlt. Nach vollständiger Erkaltung der Platte löst sich selbe, ohne vorhergegangene Einreibung des Originals mit Graphit oder Öl, mit Leichtigkeit ab und kann sofort zum Druck aufgenagelt werden. Fehler können, wie bei Stereotyp-Platten, durch Einsetzung eines Pflocks von Celluloïd und Nacharbeiten desselben mit dem Stichel ausgebessert werden. Da die Platte durch keine Säuren oder Farbenzusammensetzungen angegriffen wird, so ist sie ganz besonders zum Druck von bunten Farben geeignet.
V. Haye und der Blindendruck.
Um den Druck FÜR Blinde machte sich Valentin Haye zuerst verdient. Zu seinen Versuchen wurde er durch den Verkehr mit einer blinden deutschen Dame, Fräulein von Paradies, veranlasst. Er liess hoch geschnittene scharfe Typen anfertigen, die in die Rückseite eines starken Papiers eingeprägt wurden, so dass für die Finger bemerkbare Erhabenheiten auf der Vorderseite entstanden. Mit verschiedenen Modifikationen fand das Verfahren fast in allen anderen Ländern Eingang[90].
Den Versuchen, den Holzschnitt durch andere Illustrationsverfahren zu verdrängen, wurde namentlich in Frankreich Vorschub geleistet. A. Dembour in Metz (1814) stellte durch Ätzung Platten in Kupfer für die Buchdruckerpresse her. Die Zeichnung wurde mittels Pinsels oder Feder auf Metall gemacht und die nicht bezeichneten Stellen weggeätzt. Dem ähnlich ist die Acrographie.
Zinkhochätzung.
Grosse Bedeutung hat die Zinkhochätzung. Dieses Verfahren ist in Frankreich ein sehr beliebtes geworden, weil ganz besonders für die leichten Skizzen geeignet, mit welcher die vielen Witz-, leider auch vielen Schmutzblätter illustriert werden, zu welchen früher die lithographischen Kreide- und Federzeichnungen verwendet wurden. Doch auch in der ernsten Zeitungspresse fand die Methode Eingang, und es werden oft Blätter geliefert, die nichts zu wünschen übrig lassen. Eine grosse Virtuosität entwickelte namentlich Firmin Gillot, der 1850 Patent auf sein Verfahren nahm, welches er Paniconographie, die Franzosen jedoch, welche Gillot als Erfinder der Hochätzung betrachteten, Gillotage nannten. Eine mehr der Chemitypie sich nähernde Methode ist die von Dulos. Er macht die Zeichnung mit lithographischer Kreide auf eine Kupferplatte und lässt diese mit einem schwachen Silberniederschlag überziehen, der nur auf den nicht bezeichneten Stellen haftet. Hierauf wird ein mit Quecksilber vermischtes, leichtflüssiges Metall heiss auf die Platte gegossen. Das Metall verbindet sich fest mit den versilberten Teilen der Platte, während die Zeichnung nun so vertieft liegt, dass man sie als Mater für ein galvanisches Hochdruck-Cliché benutzen kann. Ein drittes, sehr rasches Verfahren ist das von Comte, welches besonders für die Abbildungen in l'Art pour tous verwendet wird. Lehmann & Lourdel und Yves & Barrot u. a. haben es darin weit gebracht.
Neue Holzschnittmethode.
Ein ganz eigentümliches Verfahren, um, wie der Erfinder glaubte, Holzschnitte billiger und besser herzustellen als bisher, wendeten Mame & Co. in Tours an.
Bekanntlich sind die Kreuzschraffierungen dem Holzschneider stets ein Dorn im Auge gewesen, denn das Umschneiden einer Linie an allen vier Seiten ist eine zeitraubende und Tüchtigkeit erfordernde, folglich teure Arbeit. Der Erfinder der neuen Methode, Gusman, lässt nun zwei Holzblöcke bezeichnen, auf dem einen alle von rechts nach links gehenden Linien, auf den andern die diese von links nach rechts kreuzenden. Werden diese Platten nach einander auf einem Bogen gedruckt, so zeigt der Abdruck die kompliziertesten Kreuzschraffierungen, die sich an Kühnheit mit denen des Kupferstiches messen können. So sagt die Theorie, die Praxis hat aber viel hineinzureden. Abgesehen davon, dass zwei Holzstöcke, zwei Zeichnungen, zwei Schnitte und doppelter Druck notwendig sind, die Ersparnisse also mehr als problematisch werden, so ist die Wirkung im voraus seitens des Zeichners kaum zu berechnen. Die beiden sich kreuzenden Linien vereinigen sich nämlich nicht wie in der Radierung, sondern die eine Lage liegt sichtbar „über“ der andern und bringt dadurch oft eine falsche Wirkung hervor[91]. So interessant diese Versuche sind, so verlautet doch von den praktischen Erfolgen nichts.
Das beginnende Fehlen des Buxbaumholzes hat zu vielen Versuchen geleitet, dieses zu ersetzen. 1876 nahm Bertin Badoureau ein Patent auf komprimierte Birnbaumplatten. Durch Kochen, Pressen, Gelatinieren wird das Holz unempfindlich für die Einwirkung von Temperatur und Witterung und fast auf die Hälfte des ursprünglichen Umfanges reduziert.
H. Marinoni * 1823.
Was der Name König & Bauer für Deutschland, ist derjenige Hippolyte Marinonis für Frankreich. Dieser ward in Paris geboren, arbeitete bei Gaveaux und baute später im Verein mit diesem seine ersten Maschinen. Die Pressen, mit welchen Marinoni seinen grössten Ruhm erwarb und mit denen er der Journalistik in Frankreich einen sehr bedeutenden Vorschub leistete, waren seine Maschinen à Réaction, in welchen — im Gegensatz zu den Maschinen à Retiration mit mehreren Cylindern — Druck und Widerdruck durch einen und denselben Cylinder geübt wird, indem ihm der das erste mal gedruckte Bogen über Rollen weg nochmals behufs des Widerdrucks zugeführt wird. Der Nachteil bei diesen die Schnelligkeit sehr fördernden Maschinen ist, dass auf dem Cylinder keine Zurichtung stattfinden kann. Während nun möglicherweise der Schöndruck aus einer kompressen Form besteht, bietet der Widerdruck vielleicht eine mit grossen Anzeige-Schriften oder dgl. gefüllte, die eine ganz andere Behandlung im Unterlegen verlangt. Da lässt sich nur durch primitive Unterlegung unter der Schriftform etwas nachhelfen; alles andere muss, wie bei den alten Holzpressen ehe man die Zurichtung im Deckel kannte, durch einen sehr starken, oft zu erneuernden Filzüberzug des Cylinders erzwungen werden. Hiervon rührt zumteil eine Ausführung der französischen Zeitungen her, welche sehr zu ihren Ungunsten nicht allein gegen die der englischen, sondern auch gegen die der deutschen Zeitungen absticht, obwohl letztere nicht gerade stolz auf ihr äusseres Gewand sein dürfen. Jedoch der Billigkeit und der Schnelligkeit wurde genügt; die französischen Abendblätter, welche erst nach Schluss der Börse, um vier Uhr, fertiggestellt werden konnten, wurden schon um fünf Uhr durch ganz Paris verkauft.
Bereits 1847 hatte Marinoni seine berühmte vierfache Maschine für La Presse, der später die sechsfache folgte, geliefert. Im Jahre 1867 baute er für Le Petit Journal eine Maschine, welche stündlich 36000 des in mehreren Exemplaren clichierten Blattes fertigstellte, so dass die damalige Auflage von 350000 Exemplaren durch fünf Maschinen in zwei Stunden beschafft werden konnte. Derartige Druckapparate, in Verbindung mit dem verhältnismässig geringen Umfang der französischen Blätter, der typographischen Genügsamkeit des Zeitungspublikums und der Unsicherheit der Presszustände verursachte, dass die mächtigen und kostspieligen Rotationsmaschinen bei weitem nicht die Bedeutung für Frankreich wie für England und Amerika hatten. Dass Marinoni jedoch den Bau derselben nicht unterlassen würde, verstand sich von selbst, und er besitzt bereits siebzehn Patente auf solche. Seine Rotationsmaschinen unterscheiden sich von den anderen hauptsächlich durch die Lage der Satz- und Druckcylinder, die über einander angebracht sind[92]. Von seinen kleineren Maschinen sind namentlich die Universelle (1850) und die Indispensable (1853) weit verbreitet. Bis zum Jahre 1880 hatte er 6539 Maschinen für typographische Zwecke und 410 Dampfmaschinen gebaut. In Deutschland ist Marinoni bald hoch belobt, bald sehr getadelt worden; Thatsache ist wohl, dass er einer der genialsten Constructeure der Jetztzeit ist.
P. Alauzet * 15. Juni 1816, † 22. Jan. 1881.
Als an Tüchtigkeit Marinoni gleichkommend, in Eleganz und Nettigkeit selbst in den unwesentlichen Teilen der Arbeit ihn übertreffend ist Pierre Alauzet zu nennen. In Rodez geboren, war er bis zu seinem achtzehnten Jahre Landarbeiter und kam ohne die geringsten mechanischen Kenntnisse bei dem Pariser Pressenfabrikant Normand in Arbeit. Nach vollendetem Tagewerk besuchte er die Schule und holte das ihm Fehlende so gut nach, dass er sich 1846 etablieren konnte. Bekannt sind namentlich seine Schön- und Widerdruckmaschinen für feine Werk- und Illustrationsarbeiten, die auch in dem Süden Deutschlands Eingang fanden. Dem Abschmutzen des Schöndruckes beim Übergang auf den Widerdruckscylinder wird mittels Durchlassens von Schmutzbogen begegnet.
Von seinen 2500 Schnellpressen ist fast nicht eine ganz wie die andere gebaut, da er unermüdlich bestrebt war, Verbesserungen anzubringen. Für die Petite République Française lieferte er eine Rotationsmaschine für zwei Meter breites Papier, welche stündlich 70–80000 Exemplare des Blattes druckt; mit der für Illustrationsdruck bestimmten hat er erst nach vielen Versuchen befriedigende Resultate erzielt.
A. B. Dutartre u. a.
A. B. Dutartre und andere lieferten Maschinen mit mouvement varié, deren Druckcylinder während der Zeit, in welcher er den Druck übt, sich langsamer bewegt und solche, deren Druckcylinder so langezeit ruht, wie das Fundament gebraucht, um zum zweitenmal unter dem Farbenwerk hin- und zurückzugehen, damit die Einfärbung verstärkt werde. Seine Zweifarben-Maschinen gewannen allgemeine Anerkennung.
Für vier Farben bauten Prudon & Co. eine Presse, bei welcher die Formen hinter einander liegen; hierdurch wurde eine Länge von sieben Metern erforderlich, die den Eingang dieser Maschinen hinderte.
Lithographische u. Kupferdruckmaschinen.
Als Verfertiger lithographischer Maschinen erwarb Th. Dupuy Ruf. Marinoni baute ebenfalls solche, die zugleich für typographischen Druck zu verwenden waren. Sie arbeiteten zwar sehr gut, die Umänderung von einer Druckweise zur andern erforderte jedoch viel Zeit und diejenigen Offizinen, welche Lithographie mit Typographie verbanden, waren in der Regel auch in der Lage, besondere Maschinen für die verschiedenen Zwecke anzuschaffen.
Jules Derriey, der Bruder des genialen Schriftgiessers Charles, erwarb sich Verdienste durch seine Zeitungsmaschinen von sehr einfacher Konstruktion mit Cylinderfärbung nach deutscher Art und baute auch Rotationsmaschinen[93]. Bekannt sind weiter für Zeitungsmaschinen A. Y. Gaveaux, für einfache Schnellpressen H. Voirin und Maulde & Vibart. Auf Laien machte auf allen Ausstellungen die kleine, sehr niedliche Visitenkartenpresse von G. Leboyer grossen Eindruck[94].
Noch sei eine eigentümliche Kupferdruckpresse erwähnt, welche Aug. Godchaux zum Druck seiner kalligraphischen Vorlagen benutzt. Sie ist in der Art der Kattundruckpresse eingerichtet und druckt von endlosem Papier 2–3000 Exemplare. Nach vollzogenem Druck wird der Bogen durch Mechanismus von der Papierrolle abgetrennt. Ein Apparat, gleich dem Messer eines Farbewerks der Schnellpresse, hält die Kupferplatte rein. Für den Druck von Kunstblättern genügt die Maschine nicht.
Die Schriftgiessmaschine wurde von Baudoin, Laval, Foucher u. a. sehr verbessert. Beifall fanden die Maschinen von Serière & Bausa, welche mit zwei Giessinstrumenten und zwei Pfannen, die mit Einem Feuer erhitzt werden, versehen und von Einem Arbeiter bedient, täglich gegen 50000 Buchstaben lieferten.
Hülfsmaschinen und Apparate.
Von Arbeitserleichterungsmaschinen sind L. Poiriers und L. Legrands Bronciermaschinen, Tolmers Feuchtapparate und P. Ragueneaus autographische Pressen beachtenswert. Als Motor ist die Gasmaschine Lenoirs sehr beliebt.
Die allgemeinste Verbreitung und Nachahmung fanden die mechanischen Schliessstege von Marinoni & Chaudré, die in einfach-praktischer Weise einen vortrefflichen Ersatz der Schraubenrahmen bildeten. Eiserne Stege, an denen die dem Rahmen zugekehrte Seite schräg geformt und gezahnt ist, werden durch kleine, zwischen Steg und Rahmen einzufügende Rädchen, in deren Einschnitte die Zähne des Steges eingreifen, mittels eines Schraubenschlüssels unter sehr geringer Kraftanwendung angezogen und so die Form ganz fest geschlossen. Alcan Lévy & Lavater traten mit zerlegbarem Schliessrahmen auf, Valét & Co. in Marseille mit galvanischen Hohlstegen.
Utensilienlager.
Die Anschaffung des Materials erleichterte namentlich das grosse Utensilien-Geschäft von J. E. Boieldieu & Fils, denen auch manche Verbesserung zu verdanken ist. Namentlich sind ihre Stereotyp-Apparate vortrefflich. Die von ihnen gebaute grosse Plakatpresse besteht in einem mit Zahnstangen versehenen Fundament, in welchem ein Cylinder mit Zähnen, ähnlich wie in den Korrekturpressen, sich bewegt. Das Durchsehen des reichhaltigen illustrierten Katalogs[95] der Firma belehrt in leichter Weise über die Unterschiede des deutschen und des französischen Materials. Ein zweites sehr umfangreiches Utensilien-Geschäft sind die, durch Fusion der Firmen Ch. Bonnet & Co. aus Genf und Chevalier & Dreyfus in Paris entstandenen Usines Gutenberg.
Die französische Druckfarbe ist in den feineren Qualitäten vorzüglich. Als Fabrikanten stehen obenan Ch. Lorilleux[96], denen Le Franc & Co., Prudon & Co., Cauderon & Co. für bunte Farben folgen. Lemercier & Co. liefern vorzügliche lithographische Farben[97].
Das Papier.
Das französische Papier hat einen verdienten Ruf erworben und Frankreich gehört die Ehre der Erfindung der Papiermaschine. Auf Anregung Didots liess Pierre Montgolfier das erste ungerippte Velinpapier anfertigen und adoptierte das holländische System der Zerfaserung der Lumpen durch Schneidecylinder statt durch Stampfen. Die erste Idee des Papiers ohne Ende hatte der Werkführer Louis Robert in der Papiermühle Didot-Saint-Légers in Essonnes gefasst. Letzterer erwarb die Rechte Roberts und erhielt von der Regierung 8000 Livres zu seinen Versuchen. Infolge der Revolution begab sich Didot nach London, wo die Papiermaschine durch die Talente des Ingenieurs Donkin und die Kühnheit der Papierfabrikanten Gebr. Foudriner ihre Vervollkommnung erhielt. Als Didot 1814 nach Frankreich zurückgekehrt war, wurde nach seinen Angaben die erste Maschine von Berthe in Sorel gebaut, es folgten solche in Saint Jean-d'Heures und in Mesnil. Zu gleicher Zeit wurde sie durch Canson in Annonay errichtet.
An Papierfabriken besitzt Frankreich 524 mit 28656 Arbeitern und mit einer Betriebskraft von 21000 Pferden. Sie produzieren jährlich Ware zu einem Werte von 104 Millionen Franken. Die wichtigsten Produktionsorte sind Annonay, Angoulème und das Departement Isère. Die Papiersteuer brachte 16439000 Franken.
Die Buchbinderkunst.
In der Kunst des Buchbindens steht Frankreich obenan. Von dem Bücherleinen hat es sich im ganzen genommen freigehalten. Fast alle neuen Bücher werden im broschierten Zustand in den Handel gebracht. Ausgenommen davon ist die Litteratur der Andachtsbücher, in deren Herstellung zu fabelhaft billigen Preisen bei reicher Ausstattung Mame & Co. in Tours Bedeutendes leisten. Neben diesen billigen Einbänden kommen jedoch auch die kostbarsten aus Seide, Sammet, Leder und Elfenbein mit echten Spangen und Beschlägen vor, die sich in die höchsten Preise versteigen. Die Handarbeit, unterstützt durch Reichtum und Geschmack einer bedeutenden Zahl von Bücherfreunden, hat in Frankreich noch einen grossen Spielraum. Sie übertrifft an Geschmack die englische, muss aber dieser den Vorzug in der Behandlung des Leders einräumen. Verwendet werden gewöhnlich Chagrin und Corduan. Die Mosaikarbeiten der Franzosen sind nicht eigentlich eingelegte Arbeiten, sondern die betreffenden Stellen werden ganz dünn geschabt, das andere farbige Leder darauf gelegt und die Ränder mit Goldverzierungen bedruckt.
Auf die strenge Einteilung der Arbeit in der Buchbinderei wurde schon hingewiesen. In den einzelnen Offizinen sind wieder die einzelnen Beschäftigungen gruppenweise verteilt. Viele der Arbeiter, die in ihrer Spezialität Vorzügliches leisten, würden nicht imstande sein, allein ein Buch leidlich zu binden. Dieses System mag allerdings der allgemeinen Ausbildung des einzelnen Individuums hinderlich sein, das Publikum erhält jedoch durch dasselbe billigere und bessere Bände.
Neben der Anlehnung an die goldene Zeit hat sich eine selbständige moderne Dekorationsweise ausgebildet, die vieles Hübsche liefert. Die Führerschaft dürfte Lortic zukommen, der sich ganz besonders durch die Wissenschaftlichkeit seiner Arbeiten auszeichnet. Jeder Einband ist in dem Geist der Zeit, welcher das Werk angehört, streng durchgeführt; für die jetzige Zeit hat er sich einen eigenen Stil des XIX. Jahrhunderts gebildet. Bände von ihm werden bis mit 3000 Franken bezahlt.
Fußnoten:


VI. KAPITEL. DER STAAT UND DIE PRESSE IN FRANKREICH. DIE SCHÖPFER DER NEUERN TYPOGRAPHIE.
Der Staat und die Presse unter Ludwig XVI., der Revolution, Napoleon I., der Restauration, dem Bürgerkönigtum, Napoleon III. Die älteren Buchdruckereien: Die Staatsdruckerei und die Didot in ihrem Einflusse auf die Typographie, die Familien Panckoucke, Barbou, Lottin, Treuttel & Würtz, Berger-Levrault, Dentu, Crapelet.

HÄTTE die Liebe eines Königs für die Buchdruckerkunst genügt, um diese in dessen Lande zum grössten Flor zu bringen, so müsste sie in Frankreich unter Ludwig XVI. goldene Tage gehabt haben[98]. Ludwig war noch als Kind durch Martin Lottin in der Kunst unterrichtet worden und druckte als Dauphin, kaum zwölf Jahre alt, 1766 einen kleinen Band: Maximes tirées de Télémaque. Auch Karl v. Artois, später Karl X., besass Vorliebe für die Kunst und liess 1780–1784 bei dem älteren Didot eine Sammlung von französischen Schriftstellern in 64 Bänden in 18. für sich drucken, während Ludwig XVI. später die Sammlung ad usum delphini (zum Gebrauch für den Dauphin) ausführen liess. Mehr als in irgend einem andern Lande hatten die Aristokraten Frankreichs sich es angelegen sein lassen, Privatdruckereien zu errichten. Bereits während der Regierung Heinrichs IV. besass der Kardinal Duperron eine Druckerei in Bagnolet bei Paris, ebenso später Kardinal Richelieu auf Schloss Richelieu in der Touraine. Der Kanzler d'Auguesseau; die Marquise von Pompadour; die Dauphine Marie Josephe, Mutter Ludwigs XVI.; der Herzog von Burgund, Bruder Ludwigs XVI., und manche andere Grossen waren Besitzer von Privat-Offizinen.
Im Jahre 1777 erliess Ludwig XVI. ein Gesetz zur Regelung des litterarischen Eigentumsrechts, nach welchem jedoch alles auf Privilegien beruhte, die, wenn einmal den Autoren erteilt, auch auf die Erben derselben übergingen, jedoch, wenn in Buchhändlerhänden befindlich, mit dem Tode des Verfassers erloschen. Wie alle Privilegien fielen auch diese durch Beschluss der konstituierenden Die Revolutionszeit.Versammlung vom 4. August 1789, nach welcher Zeit nun auch jeder, der einige Zentner Schriften kaufte oder borgte und ein Patent zahlte, Buchdrucker werden konnte. Selbst diese letzte Bedingung hörte 1793 auf, und die Zahl der Buchdruckereien wuchs von den früheren 36 privilegierten auf 700. Die Pressfreiheit war bereits durch die Verfassung vom 14. September 1791 garantiert, nach welcher jeder das Recht erlangte, seine Gedanken ohne vorherige Zensur schreiben, drucken und veröffentlichen zu können. Unter dem Direktorium wurde wenigstens festgestellt, dass der Buchdrucker seinen Namen auf alles, was er druckte, setzen, auch auf Aufforderung den Namen des Verlegers nennen musste.
Broschüren auf rötlich-grauem Papier mit Typen gedruckt, die mitunter geradezu unleserlich waren, sind die hauptsächlichsten Produkte der Revolutionszeit. Eins der lohnendsten Geschäfte war der Druck von Assignaten, deren erste Emission im Betrage von 1200 Millionen am 19. Dezember 1789 dekretiert wurde. Der Direktor der Königlichen Druckerei, Anisson-Duperon, wurde mit der Ausführung betraut. Die späteren Emissionen beschäftigten Tag und Nacht eine grosse Anzahl von Pressen. Ende 1794 wurden auf einmal 40 Milliarden in Auftrag gegeben.
Das Konsulat.
Unter den Konsuln wurde 1797 die politische Tagespresse auf ein Jahr unter Aufsicht der Polizei gestellt und später diese Anordnung prolongiert. 1800 behielten sich die Konsuln das Recht der Repressivmassregeln gegen diejenige Zeitungspresse vor, die sich etwa gegen die Gesellschaft, die Regierung oder die Souveränität des Volkes versündigte. Durch ein weiteres Dekret vom Jahre 1803 wurde bestimmt, dass ein Exemplar jedes Buches dem Revisionsamte zur Durchsicht übergeben werden sollte „zum Schutze der Freiheit der Presse“ (!).
Die Zeit war der letzteren nicht günstig. Die Zahl der Zeitschriften verminderte sich und die 1790 vorhandenen 700 Buchdruckereien waren auf 340 zusammengeschmolzen. Dafür begannen nun die älteren, gut eingerichteten Offizinen an die alten Traditionen wieder anzuknüpfen.
Das Kaisertum.
Nach Begründung des Kaisertums beschäftigte sich Napoleon sehr mit der Organisation des Buchhandels und der Buchdruckerei. Ein bekannter Schriftsteller, Fievée, wurde mit dem Plane betraut. „Die Buchdruckerei“ — so argumentierte Napoleon — „ist ein mit gefährlichen Waffen gefülltes Zeughaus, das man ungern in den Händen des ersten besten lässt. Die Buchdruckerei ist kein Handelszweig; es genügen deshalb einfache Privilegien, um sie zu organisieren. Es handelt sich um einen Stand, an dessen Gedeihen der Staat ein Interesse hat, letzterer muss deshalb die Entscheidung in den Angelegenheiten dieses Standes haben. Der Buchdrucker kann ein geschickter, selbst ein gelehrter Mann sein, er ist aber kein Kaufmann und kein Fabrikant. Eben weil der Erfolg nicht von ihm selbst, sondern von der Spekulation anderer abhängt, kann nur eine gewisse Zahl von Buchdruckern existieren. Beschränkt der Staat nicht die Zahl und leidet infolge davon der Buchdrucker Not, so kann man nicht auf dessen rechtlichen Charakter zählen und die Druckkunst ist eine zu furchtbare Waffe, um sie in den Händen von Notleidenden zu lassen. Gut situierte Bürger sind weniger geneigt, gegen die Gesetze zu handeln; es ist deshalb ebenso human als politisch richtig, die Zahl der Buchdruckereien zu beschränken und aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge zu normieren.“
Direktion der Buchdruckerei.
Am 5. Februar 1810 erschien das Dekret, welches eine Direktion der Buchdruckerei und des Buchhandels einrichtete. Die Zahl der Buchdruckereien wurde in Paris auf 60 festgestellt, die unter den 3–400 bestehenden gewählt werden sollten. Die bleibenden hatten die andern zu entschädigen und waren verpflichtet, das Material der zu löschenden Firmen anzukaufen. 4000 Franken, für die eine mehr, für die andere weniger, wurden als Durchschnittsentschädigung bestimmt. Das Brevet war eine einfache Autorisation und schloss nicht, wie dies bis zum XVIII. Jahrhundert der Fall gewesen war, die Garantie der geschäftlichen Befähigung des Inhabers in sich. Strenge Massregeln in betreff der zu führenden Geschäftsbücher wurden getroffen.
Privilegien.
Ein weiteres Dekret vom 11. Februar 1811 erhöhte die Zahl der Buchdruckereien auf 80, das litterarische Eigentumsrecht wurde geregelt und die Zensur in optima forma eingeführt. Ein dem Ministerium der Polizei beigegebenes Bureau de l'esprit public sollte für Verbreitung der Regierungsansichten und die Bearbeitung der öffentlichen Meinung wirken. Jedes Departement durfte nur ein Journal haben, für jeden Zeitungsbogen zahlte man 1 Centime Stempelgebühren.
Im Jahre 1812 wurden die Privilegien auch für den Buchhandel eingeführt, jedoch die Zahl der Buchhandlungen nicht beschränkt. Zensierte Werke konnten nachträglich konfisziert werden, jedoch mussten die Druckkosten ersetzt werden. Diese Bestimmung kam nur in einem einzigen Fall zur Anwendung und zwar anlässlich des Werkes De l'Allemagne der Frau von Staël.
Napoleons Interesse für die Typographie.
Dass der Buchhandel und die Buchdruckerei sich unter der Regierung Napoleons trotz des äusseren Glanzes nicht recht entwickeln konnten, wird jeder verstehen. Unter den von der Regierung selbst hervorgerufenen Werken steht obenan die Description de l'Égypte, das Resultat der Thätigkeit der gelehrten Kolonie, welche Bonaparte mit nach Ägypten geführt hatte.
Hätte überhaupt die Typographie keine andere Aufgabe gehabt, als der Wissenschaft zu dienen, so würde sie in Napoleon gewiss den grössten Freund gefunden haben, denn ein Geist wie der seinige konnte den Verkehr mit der Presse nicht entbehren. Selbst im ärgsten Kriegslärm mochte er die Wissenschaft und die Litteratur nicht missen.
Beabsichtigte Feldbibliothek.
Bereits 1798 hatte er daran gedacht, eine Feldbibliothek herstellen zu lassen, die ihm auf seinen Feldzügen folgen sollte, und 1808 den Plan wieder in Bayonne aufgenommen. Als er bei seinem Aufenthalt in Schönbrunn die Werke, die er mitzuführen gewünscht hatte, die aber wegen des äusseren Umfangs zurückgeblieben waren, sehr vermisste, kehrte er ernstlich zu der Idee einer Feldbibliothek zurück und diktierte am 12. Juni 1809 den Plan zu einer solchen, der seinem Bibliothekar Barbier als Richtschnur unterbreitet werden sollte.
Napoleon wollte eine Sammlung schön gedruckter und gut gebundener Werke in kleinem Format mit kleinem Rand. „Er sei reich genug, um sich diesen Wunsch erfüllen zu können.“ Vorläufig wollte er 3000 Bände von je 4–500 Seiten, hauptsächlich geschichtlichen Inhalts, die Bibel dürfe nicht fehlen; wären diese 3000 Bände fertig, so könnten weitere 3000: Reisen, Naturgeschichtliches, Unterhaltendes, folgen. Eine Anzahl gewiegter Männer der Wissenschaft sollte die Redaktion besorgen und allen unnützen Ballast über Bord werfen.
Im November 1809 stattete Barbier seinen Bericht ab. Die Kosten für die 3000 Bände waren bei einer Auflage von fünfzig Exemplaren auf vier und eine halbe Million Franken berechnet. Würden jedoch 300 Exemplare gedruckt und verkaufte man den Band zu fünf Franken, so entstände eine Einnahme von etwa drei Millionen Franken. Man glaubte, täglich einen und einen halben Band oder jährlich gegen 500 Bände liefern zu können. Die Proben wurden gemacht — und hierbei blieb es.
Kunstleistungen der Kaiserlichen Druckerei.
Ein seltenes Pracht- und Kunststück führte die Kaiserliche Druckerei aus, als Papst Pius VII. anlässlich der Kaiserkrönung 1805 sich in Paris aufhielt und die erwähnte Anstalt besuchte. Während dieses Besuches druckten 150 Pressen die L'oraison dominicale (das Vater unser) in 150 Sprachen und der Direktor Marcel überreichte dem Papste das Widmungsexemplar.
Bei Gelegenheit der Geburt des Königs von Rom beschloss Napoleon den Druck einer Sammlung in der Art der Ausgaben ad usum delphini. Mit der Aufstellung des Katalogs war jedoch auch diese Sache zuende.
Sozusagen beim Bivouac-Feuer entwarf Napoleon den Plan zu einer Fortsetzung der Histoire de France von Velly, durch den Abbé Halma, den Bibliothekar der Kaiserin. Schliesslich darf nicht das wichtigste Werk der ganzen Zeitperiode, das dem Kaiser so viel zu verdanken hatte, der Code Napoléon, vergessen werden.
Als das Unglück über den Kaiser hereinbrach, konnte es nicht fehlen, dass die Presse im geheimen stark gegen ihn arbeitete und dass die Massregeln gegen dieselbe noch verschärft wurden. Während der Hundert Tage, als er die Presse brauchte, wollte er die von Ludwig XVIII. bereits zugesagte Pressfreiheit gewähren und ein Dekret vom 24. März 1815 hob die Zensur auf. Waterloo machte das Dekret zu einem toten Buchstaben.
Die Restauration.
Das erste Kaiserreich hatte dem Buchgewerbe die goldene Zeit nicht gebracht. Günstiger waren die Auspizien bei Beginn der Restauration. Der Artikel VIII der Charte sicherte allgemeine Pressfreiheit zu. Es dauerte jedoch kaum einen Monat, als die Repressionsmassregeln wieder begannen. Unter anderem konnten die Zeitschriften nur mit Autorisation des Königs erscheinen. Bei Übertretungen der Gesetze stand das Zurückziehen des Brevets in Aussicht.
Wir können nicht der Geschichte der Massregelungen gegen die Presse durch alle ihre Phasen Schritt für Schritt folgen. Zensur, Kautionen, Suspensionen, eine etwas grössere oder kleinere Portion Pressfreiheit folgten in schnellem Wechsel unter der Herrschaft Ludwigs XVIII. Die Regierung Carls X. fing für die Presse etwas milder an, aber das projektierte Pressgesetz vom 29. Dezember 1826 übertraf an Schärfe alles bisherige, wurde jedoch von der Pairskammer abgelehnt, die sich diesmal liberaler als die Deputiertenkammer zeigte. Nichtsdestoweniger wurde gegen Buchdrucker, Buchhändler und Journalisten mit grosser Strenge verfahren. Die Prozesse häuften sich; nicht allein wirkliche Pressvergehen, sondern selbst unbedeutende Formfehler wurden unnachsichtlich und schwer bestraft. Die Massregeln schlossen mit den berüchtigten Ordonnanzen Julirevolution.Polignacs vom 25. Juli 1830, die das Ende der Regierung Carls X. herbeiführten. Trotz der Verfolgungen gegen die Presse behielt doch der letzte der Bourbonen seine Liebe für die Druckkunst bei und zeichnete öfters die Vertreter derselben persönlich aus, liess auch manche grosse Unternehmungen durch Subskription der Ministerien unterstützen.
Leider vergingen die blutigen Julitage nicht ohne grobe Unordnungen seitens der typographischen Arbeiter, welche in mehreren Druckereien die Schnellpressen zerstörten. Jedoch die Masse der Arbeiter trat gegen die Unruhestifter auf und eine Proklamation Firmin Didots an die Arbeiter trug sehr viel zur Beruhigung derselben bei.
Das Bürgerkönigtum.
Die neue Charte vom 14. August 1830 brachte wieder Pressfreiheit und „ewige“ Aufhebung der Zensur. Die Lage der Buchdrucker und Buchhändler ward durch die allgemeine Krisis eine sehr schwierige und die Folgen der Überproduktion zeigten sich in trauriger Weise. Die Regierung that, was sie konnte, um die Kalamität zu mildern und gewährte Anleihen. Benj. Constants Antrag auf Freigebung der Buchdruckerei und des Buchhandel-Gewerbes scheiterte zwar, die gesetzlichen Bestimmungen wurden jedoch vielfach umgangen, indem man Zessionen an Nichtfachleute zuliess und die Gründung von Succursales gestattete, die unter Verantwortlichkeit von Brevetinhabern von anderen betrieben wurden. Auch entstanden in der nächsten Umgebung von Paris Druckereien, die recht wohl mit den brevetierten konkurrieren konnten. Mehrere Druckereien änderten sich in Aktienunternehmungen um und nahmen kolossale Dimensionen an.
Die Lage der Journale war sehr erleichtert; man benutzte aber keineswegs die Freiheit mit der notwendigen Mässigung, so dass ein beschränkendes Gesetz am 9. September 1835 erlassen wurde, das von der Regierung jedoch mit Schonung gehandhabt wurde.
Ludwig Philipp selbst war, wie die Bourbonen es gewesen, ein Freund der Buchdruckerkunst. Mag er auch sonst als recht sparsam gegolten haben, in Bezug auf die Erzeugnisse der Presse zeigte er sich freigebig und liess mehrere grosse Unternehmungen auf seine Kosten drucken. Die Korrekturen las er dann selbst und las sie sehr gut.
Die Revolution von 1848.
Bekanntlich nahm das Bürgerkönigtum am 24. Februar 1848 ein jähes Ende. Die provisorische Regierung zählte mehrere Männer der Wissenschaft und der Presse unter ihren Mitgliedern. Ihre Freunde fanden Anstellung in der Administration; es war also natürlich, dass die Presse mit Wohlwollen behandelt wurde. Der Zeitungsstempel, die Kautionen und das strenge Pressgesetz vom 9. September 1835 wurden aufgehoben. Eine Unmasse von Journalen entstand, die Vorteile aus dem Druck fielen jedoch nur einigen wenigen grossen Zeitungsdruckereien zu, die eigentlichen Werk- und Accidenzdruckereien litten Not und fast der dritte Teil der Das zweite Kaiserreich.Arbeiter war brotlos. Während der Zeit der am 10. November 1848 begonnenen Präsidentschaft Louis Napoleons und des Kaiserreichs Napoleons III. hob sich das Druckgeschäft wieder, aber es traten selbstverständlich strengere Überwachungsmassregeln ein. Im Jahre 1852 wurde die Direction générale de l'Imprimerie et de la Librairie ins Leben gerufen, welche Massregel im allgemeinen mit Befriedigung aufgenommen wurde.
Das neue Pressgesetz vom 17. Februar 1852 gab der am 2. Dezember 1852 eingesetzten kaiserlichen Regierung eine furchtbare Waffe in die Hände, denn es hing alles von der Art der Ausführung des Gesetzes ab. Napoleon III. liebte die Buchdruckerkunst gleich seinen Vorgängern, und er selbst suchte, wie bekannt, schriftstellerischen Ruhm. Für den äusseren Glanz der Typographie namentlich durch die Weltausstellungen, auf welchen das französische Buchgewerbe stets in würdigster Weise vertreten war, war er eifrigst besorgt.
Jetzt ist die Republik im Besitz des liberalen Pressgesetzes vom 29. Juli 1881[99].
Wie die französischen Regierungen, mögen sie Namen geführt haben wie sie wollten, fortdauernd und mehr als gut war sich mit der Stellung der Presse zum Staate beschäftigten, so setzten sie auch ihre direkte Beeinflussung der technisch-gewerblichen Verhältnisse der Buchdruckerkunst durch die Staatsdruckerei fort, welche jedoch mehr und mehr sich von ihrem schönen Ziel, der Veredelung der Kunst, entfernte, um in die Reihe der brotsuchenden Anstalten zu treten und den Privatdruckereien Konkurrenz zu machen.
Staatsdruckerei.
Die Staatsdruckerei[100] stand seit dem 1723 erfolgten Rücktritt Claude Rigauds 71 Jahre lang unter der Direktion von Mitgliedern der Familie Anisson. Die Ernennung des letzten derselben, Étienne Alex. Jacq. Anisson Duperon, zum Direktor geschah 1789.
Erwerbungen unter Ludwig XV.
L. Luce † 1773.
Bedeutend waren die Fortschritte während der Regierungszeit Ludwigs XV. nicht. Für die Summe von 100000 Livres erfolgte 1773 die Erwerbung der aus 15 Graden bestehenden neuen Antiqua und Cursiv, welche der königliche Graveur Louis Luce in den Jahren 1740–1770 geschnitten hatte, zugleich seiner gothischen und Schreibschriften, sowie seiner zahlreichen Vignetten und Ornamente. Diese neuen Schriften Luces waren ganz anders gehalten als die von Ludwig XIV. veranlassten. Luce wollte, wie er selbst sagte, etwas von dem Vorhandenen ganz Verschiedenes schaffen, was ihm auch, jedoch nicht zum Vorteil der Sache, gelang. Die Schriften sind sehr schmal gehalten, es fehlen ihnen die besonderen Kennzeichen (I, S. 210) der Schriften der Staatsdruckerei. Sein Nachfolger als königlicher Graveur war Fagnion.
Eine weitere Acquisition bestand in einer Sammlung der Vignetten Jean Papillons (I, S. 200). Sie hat, wie die Sammlungen von Luce, zwar den Wert des historischen Museums der Anstalt sehr erhöht; für die Praxis waren diese Vermehrungen bei den Fortschritten der Kunst ohne Interesse.
Einfluss Ludwigs XVI.
Ludwig XVI. begünstigte ebenfalls die Staatsdruckerei und liess die kleinen Offizinen in den Tuilerien und in Versailles unter die Direktion derselben stellen. Das Verhältnis des Direktors zu der Anstalt war ein ziemlich kompliziertes. Er war nicht ein einfacher, fest salarierter Beamter, sondern zu einem wesentlichen Teil gingen die Arbeiten für Rechnung des Direktors, wurden nach der Taxe bezahlt und mit einem dem Direktor selbst gehörenden Material ausgeführt. Wie bedeutend dieses war, geht aus der später zu erwähnenden Auseinandersetzung mit der Witwe Anisson hervor, wobei es sich um eine Summe von einer halben Million Livr. handelte. Staatseigentum waren hauptsächlich nur die Stempel und Matern der Schriften, ausserdem vielleicht 10000 Pfund Schrift und etwa ein Dutzend Pressen.
Zustande während der Revolution.
Nach dem Ausbruch der Revolution begann eine unerfreuliche Periode für die Staatsdruckerei. Die wissenschaftlichen und die administrativen Arbeiten traten in den Hintergrund, die Hauptbeschäftigung war der Druck der vielen Gesetze und Dekrete, der ebenfalls auf Rechnung des Direktors ging, welcher die Zahl der Pressen fast auf 100 vermehren und bei der Unzulänglichkeit der Lokalitäten im Louvre zwei Succursales errichten musste.
Der Assignaten-Druck.
E. A. J. Anisson † 1794.
Zu diesen Arbeiten kam noch die Ausführung von 1200000 Stück Assignaten[101]. Doch dies war nur ein Tropfen ins Meer. Bereits am 30. Sept. 1790 wurde eine neue Emission von 800 Millionen Livres, bestehend in 3060000 Stück, beschlossen. Anisson verlangte für die Ausführung 100000 Livres; Didot erklärte sich bereit, die Lieferung für 22000 Livres zu übernehmen. Dies verursachte grosse Misstimmung gegen Anisson. Indes sprach manches zu dessen Rechtfertigung, da die Ausführung, welche von Didot verlangt wurde, eine weit einfachere als die frühere und Didot inzwischen in Besitz der Stereotypie gelangt war (S. 152). Doch kam es noch nicht zum Bruch und man bewilligte ihm auf seine Vorstellungen sogar einen höheren Tarif als den bisherigen für seine Arbeiten. Es war jedoch nicht angenehm, Männer wie Marat und Pétion zu persönlichen Feinden zu haben. Auf Antrag des letzteren ward Anisson am 8. Oktober 1792 verhaftet, wozu der, angeblich gegen seine Instruktion erfolgte Druck eines Dekrets als plausibler Vorwand dienen musste. Aus seinem Gefängnis schlägt er dem Sicherheits-Ausschuss vor, seine Direktorstelle aufzugeben und der Öffentlichkeit sein auf 499036 Livres taxiertes Material käuflich zu überlassen. Dieser Vorschlag wurde jedoch nicht angenommen. Anisson starb 1794 auf dem Schafott. Sein Eigentum ward mit Sequester belegt und erst nach langen Verhandlungen fand ein Vergleich mit der Witwe statt.
Die Druckerei in Ägypten.
Als ein denkwürdiges Ereignis in der Geschichte der Staatsdruckerei während der Republik ist die bereits oben kurz erwähnte Einführung der Druckerei in Ägypten zu verzeichnen. Bereits nach der Eroberung Italiens hatte Bonaparte die Errichtung zweier Druckereien, einer griechischen und einer arabischen, auf den Ionischen Inseln verlangt und, als er nach Ägypten gezogen war, die Einrichtung einer umfangreicheren Buchdruckerei dort gefordert. Der damalige Direktor der Staatsdruckerei Duboy-Laverne beauftragte den Orientalisten Langlès mit der Ausführung. Die Sache ging aber Bonaparte nicht rasch genug und er beschuldigte die Genannten der mutwilligen Verzögerung. Er verlangte Erlass einer Ordre, „die griechischen Schriften, mit welchen der Xenophon gedruckt werde, sofort zu verpacken. Xenophon könne ohne Schaden drei Monate warten, bis wieder neue Schriften fertig wären“.
J. J. Marcel.
An die Spitze der ägyptischen Druckerei wurde ein tüchtiger Arabist J. J. Marcel, später Direktor der Staatsdruckerei, gestellt. Die Offizin wurde in dem Hause des griechischen Konsuls in Alexandrien eingerichtet, dann nach Kairo und Gizeh gebracht. Ausser den dienstlichen Arbeiten druckte die Anstalt Le Courrier de l'Égypte und etwa ein Dutzend belehrende Schriften in arabischer Sprache. Auch in Pondichery auf der Küste Koromandel in Ostindien wurde eine französisch-persische Druckerei durch Vermittelung der Staatsdruckerei angelegt.
Nach Rückkehr der Franzosen aus Ägypten wurde beschlossen, die Arbeiten der, zugleich mit der Armee entsendeten wissenschaftlichen Expedition herauszugeben. Eine Kommission von acht angesehenen Gelehrten wurde ernannt, um die Redaktion zu besorgen, und es entstand in der Staatsdruckerei eines der hervorragendsten Druckwerke aller Zeiten, die Description de l'Égypte in neun Foliobänden mit Text und vierzehn mit Kupfern und Karten, das erst 1809 vollendet wurde. Von bedeutenden Werken der Staatsdruckerei aus der Zeit der Republik sind noch die umfangreichen Reisewerke von La Pérouse, Marchand, Vancouver, Millins Monumens antiques u. a. zu nennen.
Im Jahre 1800 war der Beschluss gefasst worden, dass von den in der Staatsdruckerei ausgeführten Werken 200 Exemplare dem Ministerium des Innern zur Disposition gestellt werden sollten, damit dieses sie im Interesse der Wissenschaft und der Aufklärung zweckmässig verteile.
Orientalische Schriften.
Die orientalischen Schriften waren in Ordnung gebracht, mehrere neue geschnitten und der Raub der Schriften der Propaganda in Rom hatte diesen Zweig der Typographie ausserordentlich bereichert. Das Lokal war nach dem Hôtel Penthièvre verlegt worden.
Man sieht aus dem obigen, dass die Zeit der Republik in Waffen doch keine ganz verderbliche für die Staatsdruckerei gewesen war, die vieles dem 1801 verstorbenen Direktor Duboy-Laverne zu verdanken hat.
Umzug.
Der Kaiser widmete der Anstalt noch mehr Aufmerksamkeit als der Konsul. Die Administration wurde geordnet, Pensionskassen eingerichtet und die Arbeiten nach Tarifen reguliert. Ein Umzug fand 1809 nach dem Hôtel Soubise mit dessen Annex Palais Cardinal (Rohan) statt. 1811 wurden die orientalischen Schriften, allerdings wieder durch Raub, mit den Stempeln und Matern der Druckerei der Medici in Florenz vermehrt. In demselben Jahre erhielt Didot den Auftrag, das Schriftensystem nach dem inzwischen eingeführten Metermass umzuändern und neue Schriften zu schneiden, doch wurde dieses Vorhaben wegen der Kostspieligkeit nicht zuendegeführt. Ein grosses Prachtwerk Rélation des cérémonies du sacre et du couronnement, etc. de Napoléon wurde 1812 angefangen und erst während der Hundert Tage vollendet, 1813 erteilte der berühmte Gelehrte Silvestre de Sacy den Eleven der Anstalt Unterricht in orientalischen Sprachen, um tüchtige Setzer zu bilden.
Ausser den erwähnten sind noch unter den bedeutenden Erscheinungen der Staatsdruckerei zu nennen die Statistique de la France, Fol., 1804; Recherches asiatiques 1805 und de Guignes Dictionnaire chinois, Fol., 1813.
Die Zeit der Restauration.
Mit alledem waren die Kriegszeiten doch im ganzen keine glücklichen für die Entwickelung der Staatsdruckerei. Am 15. April 1814 verschwand der kaiserliche Adler als Insigne und mit diesem auch verschiedene Schätze der Anstalt, da, nach den Bestimmungen des Pariser Friedens, die den Offizinen der Propaganda und der Medici geraubten Stempel zurückzugeben waren. Doch geschah dies nicht vollständig, und von den Stempeln behielt man Abschläge zurück, sodass die Vollständigkeit der Anstalt eigentlich nicht litt.
Reorganisation Anisson-Duperon.
Ludwig XVIII. bestimmte durch ein Dekret vom 28. Dezember 1814, dass vom 1. Januar 1815 ab die Arbeiten für Rechnung des Staates mit ganz wenigen Ausnahmen aufhören sollten und dass es den verschiedenen Ministerien zu überlassen sei, ihre Arbeiten nach bestem Ermessen auch an Privatdruckereien zu vergeben. Das Inventar sollte dem Direktor zur Disposition gestellt werden, Schriften und Abschläge konnte er unter festgesetzten Bedingungen verkaufen. Marcel wurde in Ruhestand versetzt und der Sohn des hingerichteten Direktors Anisson, vielleicht als Ersatz für die seiner Familie zugefügte Unbill, zum Vorstand gewählt. Da kamen die Ereignisse vom 20. März 1815 und das Kaiserreich der Hundert Tage warf alles über den Haufen, damit es nach drei Monaten wieder eingeführt werde. Anisson liess von Jacquemin neue Schriften nach englischen Mustern schneiden. Dies missfiel der Regierung und da überhaupt die neue Einrichtung sich wenig zuträglich zeigte, versuchte eine Ordonnanz vom 23. Juli 1823 den ungefähren Standpunkt des kaiserlichen Dekrets von 1809 wiederherzustellen.
Villebois.
Zum Chef des Instituts wurde E. de Villebois ernannt. Er führte wieder Präzision in der Administration ein und liess von Marcelin Legrand 16 Grade Antiqua und Cursiv mit einem Aufwande von 39200 Franken schneiden. Eine gelehrte Kommission sollte die Ausführung der Schriften überwachen, hatte aber, wie es mit Kommissionen gewöhnlich der Fall ist, mehr hemmend als fördernd gewirkt. Das erste Werk, welches mit den neuen Typen gedruckt wurde, war Raoul-Rochettes Monumens inédits d'antiquité figurée in gross Folio 1828.
Orientalische Sammlung.
Neuerungen.
Bereits 1824 hatte Ludwig XVIII. die Herausgabe der seit lange beabsichtigten Sammlung orientalischer Werke angeordnet, die Anfänge konnten jedoch erst 1832 nach der Julirevolution gemacht werden. 1828 fasste man auch das Herz, Schnellpressen einzuführen, wogegen man sich lange gesträubt hatte. Zumteil beruhte diese Zögerung wohl in humanen Gründen, da man keinem Arbeiter den Abschied geben wollte; teils lag vielleicht auch ein gewisser Stolz zugrunde; man wollte, wie es scheint, die Maschine nicht als der Handpresse ebenbürtig anerkennen. Die verschiedenen Ministerien beschwerten sich über die teueren Preise, man entschloss sich deshalb, zuerst die Preise nur so zu berechnen, als wären die Arbeiten auf Maschinen gedruckt. Doch es half nichts, man musste sich den Forderungen der Zeit fügen und im Jahre 1829 wurden 96000 Franken zur Anschaffung von Schnellpressen angewiesen, die jedoch während der Revolutionstage 1830 von eindringenden Arbeitern teilweise demoliert wurden.
Villebois hatte das Schicksal seines Gönners, des Ministers de Peyronnet, und wurde entlassen. Unter den Werken aus der Zeit der Restauration sind noch zu nennen: Caillauds Voyage à l'oasis de Thèbes, Folio, 1821; Silvestre de Sacy, Les Séances de Hariri, 1822; Freycinet, Voyage autour du Monde, 4°, 1826, und das vorzügliche Album typographique de l'Imprimerie Royale, 1830.
Pierre Lebrun.
Am 15. September 1831 wurde der Posten Villebois' definitiv dem Akademiker Pierre Lebrun übertragen, nachdem diese Stellung, wie man sagt, erst Béranger[102], dann bestimmt Ambroise Firmin Didot angeboten worden war. Letzterer erklärte sich bereit, die Stelle anzunehmen, wenn allein diejenigen Arbeiten, deren Ausführung durch den Staat sicherheitshalber notwendig war, von der Staatsdruckerei übernommen, alle anderen jedoch der Privatkonkurrenz überlassen würden; wenn man die seltenen Schriften an Buchdrucker zu billigen Preisen ablassen wollte, und schliesslich, wenn es nicht nötig sei, dass er Gehalt annähme. Die Gründe, weshalb man darauf nicht eingehen konnte, lagen klar am Tage und es war wohl auch Didot mehr darum zu thun, die Grundsätze laut auszusprechen, die er für die von einer Staatsanstalt einzig richtigen hielt, als den Direktorposten anzunehmen.
Wennauch kein Fachkundiger, suchte Lebrun doch mit Eifer sich die nötigen Kenntnisse zu erwerben und der Anstalt nützlich zu sein. Von der erwähnten orientalischen Kollektion wurden drei Werke in Angriff genommen: Raschid-Eddins Geschichte der Mongolen in Persien, Bhâgavata Pûrana und Firdusis Buch der Könige. Die Werke wurden streng im orientalischen Stil mit Ornamenten in Gold- und Farbendruck ausgeführt. Neue orientalische Schriften wurden von Marcelin Legrand, Delafond, Ramé père, Loeulliet unter Aufsicht berühmter Orientalisten geschnitten und die Didotschen Schreibschriften erworben. Auch bauliche und technische Verbesserungen wurden vorgenommen und die Lithographie eingeführt, durch die namentlich vorzügliche geologische Karten geliefert wurden.
Die Februar-Revolution.
Die Februarrevolution hatte manche Unordnungen zur Folge, welche Lebrun veranlassten, seine Stelle niederzulegen, die im Jahre 1850 definitiv Saint-Georges übertragen wurde. Dieser behauptete die Ehre der Anstalt auf verschiedenen Weltausstellungen. Für die in Paris 1855 abgehaltene wurde mit allen Raffinements der graphischen Künste eine Prachtausgabe der Nachfolge Christi lateinisch mit der poetischen Paraphrase Corneilles gedruckt.
Angriffe gegen die Staatsdruckerei.
Die Staatsdruckerei ist zwar bereits seit der ersten Revolution fortwährend Gegenstand der Angriffe gewesen, es haben diese jedoch in jüngster Zeit an Heftigkeit zugenommen. Man hält die Konkurrenz der Anstalt mit der Privatindustrie nicht allein für unnötig, sondern für sehr schädigend. Zur Hebung der Kunst sind solche Anstalten nicht mehr nötig. Was Didot aussprach, denkt gewiss Jeder: Eine Staatsanstalt soll nicht den Steuerzahlenden unnötige Konkurrenz machen. Die Typographie ist mündig geworden und bedarf keines öffentlichen Mentors.
Die Familie Didot.
Noch in einem höheren Grade als das Wirken der Staatsdruckerei war in dem ganzen Abschnitt der Buchdrucker-Geschichte Frankreichs von 1750 bis auf den heutigen Tag das Vorgehen der Familie Didot massgebend[103]. Während die Buchdruckerei als Kunst und der höhere Buchhandel in der Revolutionszeit gänzlich darnieder lagen, waren die Didot fast die einzigen, die unentwegt und unbekümmert um den ringsum tosenden Sturm die Flagge Gutenbergs stolz vom hohen Mast wehen liessen.
Das ganze Sein dieser Familie ist von einem so edlen Geist durchdrungen; alles, was sie geschaffen hat, trägt so sehr den Stempel der Gediegenheit, dass der Name Didot noch langezeit als Stern erster Grösse glänzen wird.
Zudem besitzen alle Unternehmungen dieser Firma neben den Vorzügen des französischen Charakters auch das Gepräge einer echt germanischen Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit, wie auch manche der hervorragendsten Werke ihrer Pressen unter Mitwirkung deutscher Gelehrten durchgeführt wurden. Schliesslich ist die Verbindung dieses Hauses mit Deutschland seit langen Jahren eine weit innigere, als es sonst seitens französischer Firmen der Fall zu sein pflegt. Das alles macht, dass der deutsche Gewerbsgenosse sich dieser Familie näher stehend fühlt als den übrigen hervorragenden Repräsentanten der graphischen Gewerbe in Frankreich.
François Didot * 1689, † 2. Novbr. 1757.
Der Stammvater des Hauses war François Didot aus Paris (1713). Schon er machte sich bekannt durch seine vielen wichtigen Unternehmungen, darunter die Histoire générale des Voyages von Abbé Prevost in 20 Quartbänden mit einer grossen Anzahl von Kupfern und Karten. François Didot hatte elf Kinder, von welchen François Ambroise und Pierre François den Beruf des Vaters ergriffen. Zwei seiner Töchter waren an berühmte Buchhändler, Guillaume de Bure und Jacques Barrois in Paris, verheiratet. Als Druckerzeichen nahm er die goldene Bibel an und sie ist es auch bis auf heute geblieben.
Ambr. F. Didot * 7. Jan. 1730, † 10. Juli 1804.
Dem Ambroise François verdankt Frankreich die Einheitlichkeit seines Schriftsystems (S. 145), die Freiheit und Eleganz seines Schriftschnittes, daneben die Vervollkommnung des Velinpapieres und die Einführung der Druckerpresse mit nur einem Zuge. Unter seinen Druckwerken sind hervorzuheben die früher schon erwähnte Collection d'Artois, eine Sammlung von Romanen in 64 Bänden, ferner die Sammlungen von französischen Klassikern in 18°, 8° und 4°, welche, wie ebenfalls erwähnt wurde, im Auftrage des Königs Ludwig XVI. zum Unterrichtszwecke für den Dauphin gedruckt wurden.
Pierre F. Didot * 9. Juli 1732, † 7. Dezb. 1793.
Der Bruder Pierre François leistete bedeutendes als Buchdrucker, Buchhändler, Papierfabrikant und Schriftgiesser, führte viele Verbesserungen in der letzteren Branche ein und legte die berühmte Papierfabrik in Essonnes an.
Pierre Didot * 21. Jan. 1760, † 31. Dez. 1853.
Pierre, der älteste Sohn Ambr. François', übernahm 1789 die Druckerei des Vaters und zeichnete sich so aus, dass seine Offizin im Louvre installiert wurde. Hier druckte er mit Schriften, die sein Bruder Firmin geschnitten hatte, die prachtvollen sog. Louvre-Ausgaben: den Virgil in Folio mit 23 Kupfern (1798); den Horaz in Folio (1799); den Racine, drei Bände in Folio mit 57 Stichen (1801–5), die Fabeln des La Fontaine. Die Jury der damaligen Ausstellung in Paris erklärte den Racine für das vollkommenste typographische Erzeugnis aller Zeiten. Noch manche andere grossartige Werke, z. B. Viscontis griechische und römische Iconographie; Denons Reise in Ägypten; Nodiers malerische Reise im alten Frankreich, und die berühmte Oktav-Ausgabe der französischen Klassiker „für Freunde der Typographie“, die dieser Bezeichnung vollständig würdig war, gingen aus seinen Pressen hervor.
Jules Didot * 5. Aug. 1794 † 18. Mai 1871.
Sein Sohn Jules spielte eine zeitlang eine glänzende Rolle, die jedoch keinen Bestand hatte. Mit grossen Kosten hatte er eine bedeutende Offizin in Brüssel gegründet, die nicht gedeihen wollte und von der Regierung als Grundlage einer Staatsdruckerei erworben wurde. Nach Paris zurückgekehrt, errichtete Jules Didot ein ausgedehntes Etablissement, in welchem er eine grosse Zahl vorzüglich schöner Ausgaben alter und neuer Schriftsteller für verschiedene Pariser Verleger druckte. Im Jahre 1823 erhielt er auf Grund einer Prachtausgabe von Phädrus' Fabeln, in Folio auf Seide gedruckt, und anderer schöner Arbeiten die goldene Medaille. Geschäftliche Misserfolge zerstörten jedoch vollständig seine bereits geschwächten Geisteskräfte.
Firmin Didot * 14. April 1764, † 24. April 1836.
Firmin Didot, der zweite Sohn Ambroise François', hielt als Buchdrucker und namentlich als Schriftgiesser und Schriftschneider den berühmten Namen des Vaters in Ehren. Seine Schreibschriften (1806) liessen alles Dagewesene weit hinter sich, und seine Antiquaschriften, mit welchen sein Bruder Pierre die erwähnten Louvre-Ausgaben druckte, gelten als die musterhaftesten. Er verbesserte (1795) ganz wesentlich die Stereotypie und stereotypierte fast alle französischen, italienischen und englischen Klassiker in 18°-Ausgaben, die durch ihre Korrektheit und Billigkeit bekannt wurden. Der Virgil, fehlerfrei und mit Vignetten illustriert, kostete 15 Sous. Später acceptierte er die vorzügliche Stanhopesche Methode. Ausserdem druckte er eine grosse Anzahl Prachtausgaben, darunter (1817) die Lusiaden und die Henriade. Er ward Mitglied der Akademie und des Instituts und 1834 königlicher Buchdrucker. Das Geschäft Didots war ein Sammelplatz von Notabilitäten Frankreichs und des Auslandes. Im Jahre 1814 besuchte Kaiser Alexander seine Offizin und liess zwei junge Russen zurück, um bei ihm zu lernen. Sein Haus war überhaupt eine Bildungsschule der Typographie, aus welcher Renouard, Paul Dupont, Claye, Rignoux, Brun und andere, später berühmte französische Buchdrucker hervorgingen, ebenso die drei ersten Buchdrucker Griechenlands: Coromilas, Dobras, Apostolidès, sowie viele Missionsbuchdrucker. Um sich ganz dem öffentlichen Leben zu widmen, überliess er im Jahre 1827 seinen Söhnen das Geschäft. Auch als tüchtiger Schriftsteller war Firmin Didot bekannt.
Eine der Töchter Pierre François' heiratete Bernardin de Saint-Pierre, welcher eine zeitlang bei der Papierfabrik in Essonnes beteiligt war, wo er Paul et Virginie schrieb. Von seinen drei Söhnen sind namentlich Henry und Didot Saint-Léger zu erwähnen.
Henry Didot * 15. Juli 1765, † 1852.
Henry Didot that sich als Schriftschneider, Schriftgiesser und Mechaniker rühmlichst hervor. Noch in einem Alter von 66 Jahren schnitt er für seine „mikroskopischen“ Ausgaben, z. B. von Horaz, Rochefoucauld u. a., seine nec plus ultra-Schrift. Um dieselbe giessen zu können, musste ein neues Giessinstrument erfunden werden, welches Henry Didot polyamatype nannte, in welchem 160 Buchstaben auf einmal gegossen wurden.
Didot St.-Léger.
Der Bruder Henrys, bekannt unter dem Namen Didot Saint-Léger, dirigierte die Papierfabrik in Essonnes. Seiner Verdienste um die Papierfabrikation wurde bereits (S. 161) gedacht.
Firmin Didot hatte drei Söhne: Ambroise Firmin, Hyacinthe und Firmin Frédéric (gest. 1836).
Ambr. F. Didot * 20. Dez. 1790, † 24. Febr. 1876.
Ambroise Firmin genoss eine ausgezeichnete Erziehung und legte sich mit besonderem Eifer auf griechische Sprache und Litteratur. Er machte Reisen in Kleinasien, Syrien, Palästina und Ägypten und war eine zeitlang Attaché bei der französischen Gesandtschaft in Konstantinopel. Nach der Erhebung Griechenlands zeichnete er sich als einer der eifrigsten Förderer der griechischen Sache aus. Er schenkte unter anderem Griechenland die erste Buchdruckerei. Die Bürgerschaft von Athen hat in dankbarer Erinnerung der Verdienste Didots noch in letzter Zeit einer Strasse in Athen den Namen Didot-Strasse beigelegt.
Ambr. F. Didot.
Im Verein mit seinem Bruder Hyacinthe druckte und verlegte er eine Reihe bedeutender Werke, z. B. die Reisen Champollions d. j. in Ägypten, dessen Ägyptische Grammatik und Wörterbuch; Texiers Reisen in Kleinasien und Armenien, fünf Bände, Folio; das Glossarium mediae et infimae latinitatis von Du Cange; in sechster Auflage das Wörterbuch der Akademie, 1835, welches in erster Auflage bereits 1694 erschienen war, und eine grosse Anzahl anderer Wörterbücher; die Encyclopédie moderne, 39 Bände mit einem Atlas in fünf Bänden; das Dictionnaire de la conversation, 21 Bände; die Encyclopédie d'histoire naturelle, 22 Bände mit neun Bänden Atlas; die Nouvelle Biographie générale, 46 Bde.; die Biographie universelle des musiciens von Fétis, acht Bände; J. C. Brunets: Manuel de la librairie; die Bibliothèque grecque in mehr als 60 Bänden; die Bibliothèque latine-française, 27 Bände; die Bibliothèque française; das Univers pittoresque, 67 Bände mit 4000 Stahlstichen. Wenn die Bändezahl dieser Kollektionen schon imponiert, so ist noch zu erwägen, dass es sich hierbei grösstenteils um Bände in grossem Oktav, in gespaltenem Satz mit kleiner Schrift gedruckt, handelt, so dass in der Regel ein Band den Stoff von sechs bis acht gewöhnlichen Oktavbänden enthält.
Als ein Hauptwerk Didots, zugleich für Deutschland doppelt interessant, weil es hauptsächlich durch gelehrte Kräfte Deutschlands durchgeführt wurde, ist der Thesaurus graecæ linguæ zu nennen. Diese unerschöpfliche, von Heinrich Stephanus stammende (I, S. 207) Fundgrube griechischer Lexikographie wurde unter Zusammenwirken einer grossen Anzahl Gelehrter Frankreichs und Deutschlands nach 300 Jahren neu herausgegeben und damit der Wissenschaft ein Denkmal hergestellt, das seinesgleichen sucht. Die Redaktion übernahmen die Professoren Hase, Wilhelm und Ludwig Dindorf. Das Werk bildet neun Bände in Folio.
In jüngerer Zeit haben Didots sich auch mit Vorliebe den neueren Illustrationsmethoden zugewendet. Racinets L'ornement polychrome und Mantz' Les chefs-d'œuvre de la peinture italienne mit den Chromolithographien Kellerhovens müssen als Prachtwerke erster Klasse genannt werden. Höchst anziehend ist auch eine Reihe von reich mit Holzschnitten und Chromolithographien geschmückter Werke, welche namentlich Leben, Sitte und Kunst früherer Jahrhunderte illustriert und sich trotz der musterhaftesten Ausstattung durch einen sehr billigen Preis auszeichnet. Fast als ein Saulus unter den Propheten erschien 1860 in dem Didotschen Verlage nach dem Muster des „Bazar“ das Journal La Mode illustrée, welches an 100000 Abonnenten zählte.
Ein anstaunenswertes Unternehmen bleibt in seiner Art auch: Annuaire-Almanach du Commerce, von welchem mehr als 80 Jahrgänge vorliegen. Das Unternehmen ist jetzt in den Händen einer Gesellschaft, die es mit einem Kapital von 7½ Millionen Franken ausbeutet.
Mit Obigem haben wir nur einen Teil der grossartigen Wirksamkeit der Weltfirma andeuten können. Der bescheiden ausgestattete Verlagskatalog lässt kaum auf den hohen Wert der verzeichneten Unternehmungen schliessen, der schwerlich von dem irgend eines Verlagskataloges übertroffen werden dürfte.
Wenn wir noch sehen, welche bedeutende litterarische Thätigkeit Ambroise Firmin mit seiner geschäftlichen zu verbinden wusste, so muss unsere Achtung und Bewunderung für diesen Mann sich noch steigern.
Seine Mitwirkung bei dem Thesaurus wie bei vielen der encyklopädischen Unternehmungen des Hauses zeugen schon von seiner gelehrten und wissenschaftlichen Bedeutung, jedoch lieferte er ausserdem noch eine Reihe selbständiger Schriften. Wir können hier nur die bedeutendsten derjenigen erwähnen, die sich auf das graphische Gewerbe beziehen. Als Mitglied der Ausstellungs-Jury schrieb er L'imprimerie, la librairie, la papeterie à l'exposition 1851 à Londres (2. Auflage 1854). Sein 1863 erschienener Essai typographique et bibliographique sur l'histoire de la gravure sur bois ist ein vortreffliches Werk, das nur den einen Fehler hat, dass es mit ganz ausserordentlich kleiner Schrift gedruckt ist[104]. Sein letztes umfangreiches Buch ist das 1875 erschienene Alde Manuce et l'hellénisme à Venise. Über die Frage der Orthographie und des litterarischen Eigentumsrechtes gab er verschiedene wertvolle Schriften heraus. Unter seinen Monographien erwähnen wir: Étude sur les œuvres de Jean Sire de Joinville, zwei Bände, fünfte Auflage, 1870; Missel de Juvénal des Ursins, ein kostbares Manuskript, welches Didot für 23000 Franken erworben, jedoch der Bibliothek des Hôtel de Ville cediert hatte, bei dessen Brande es vernichtet wurde; Étude sur Jean Cousin, 1872. Didot besass eine Bibliothek typographischer Seltenheiten ersten Ranges, die nach Millionen von Franken geschätzt wurde und auch bei der Versteigerung nach Didots Tode wirklich enorme Summen einbrachte. Diese Sammlung hatte Didot Veranlassung zu dem Werke: Catalogue raisonné des livres de la Bibliothèque de A. F. Didot, I. 1: Livres à figures sur bois, Solennités, Romans de chevalerie, 392 zweispaltige Seiten, gegeben. Als Supplemente hierzu erschienen: Les apocalypses figurées und Essai de classification des Romans de chevalerie. Sein Bibliothekzimmer war Didots liebster Aufenthalt, und hier musste oft sein Diener den in die Arbeit Vertieften an die vorgerückte Nachtstunde erinnern.
Das Geschäft beschränkte sich nicht allein auf bibliopolisch-typographische Hyacinthe Didot * 1794, † 7. Aug. 1881.Th. Lefèvre * 17. Sept. 1798.Unternehmungen, sondern umfasste auch die bedeutende Papierfabrikation in Mesnil und Sorel. Dagegen sah sich Didot veranlasst, die Schriftgiesserei als selbständiges Geschäft aufzugeben; sie wurde der grossen Gesellschaft Fonderie générale einverleibt. Als die Einrichtung der Papiermaschinen viele bei der Fabrikation beschäftigt gewesene Mädchen in Mesnil arbeitslos machte, richtete Didot eine bedeutende Druckerei für Frauen ein, sorgte für tüchtige Anleitung und etablierte Schulen. Diese Anstalt war namentlich ein Werk Hyacinthe Didots, des treuen Mitarbeiters des Ambroise durch eine lange Reihe von Jahren. Sie stand unter der Leitung des Théotiste Lefèvre, und wurde nachträglich noch durch eine Abteilung für taubstumme Mädchen erweitert. Der jetzt 84jährige Th. Lefèvre, bekannt durch sein Handbuch für Setzer[105], arbeitet seit 46 Jahren in dem Hause Didots.
Dass es Ambroise Firmin Didot an äusseren Ehren der verschiedensten Art nicht fehlte, ist begreiflich. In den letzten Jahren seines Lebens genoss er noch die Auszeichnung, Mitglied des Instituts von Frankreich zu werden. Die höchste Ehre war es ihm jedoch, die unbegrenzte Achtung und Liebe seiner Mitbürger und Untergebenen zu besitzen und der Vater seiner Arbeiter zu sein, was er im vollen Sinne des Wortes war, bis ihn der Tod ihnen raubte.
Alfred und Paul Didot.
Das Haus Didot steht jetzt unter der Leitung des Sohnes des Ambroise Alfred Firmin Didot (geboren 1828) und des Sohnes des Hyacinthe Paul Firmin Didot (geboren 1826). Die Druckerei in Paris ging in den Besitz von G. Chamerot über.
Trotzdem dass die Firma, wie auch aus dem Obigen hervorgeht, in mancher Hinsicht ihre Thätigkeit beschränkte, wird sie sicherlich noch lange den berühmten Namen mit Ehren behaupten. Für Frankreichs Typographie hat die Familie Didot eine Bedeutung, welche die der Familie Stephanus noch überragt.
Andere ältere Familien.
Neben dem Geschlecht der Didot besass Frankreich noch eine Anzahl bedeutender Druckerfamilien, die, aus dem XVIII. in das XIX. Jahrhundert herüberreichend, die verbindenden Glieder in der grossen Kette bilden, in welcher sich die modernen vortrefflichen Typographen an die alten Meister anreihen.
Unter diesen Familien nahm die der Panckoucke, wennauch nur auf kürzere Zeit, eine sehr glänzende Stellung ein.
J. Panckoucke * 1736, † 1799.
Joseph Panckoucke, geboren zu Lille, war ein tüchtiger Mathematiker und bereitete sich für den Beruf eines Dozenten vor, etablierte sich jedoch zuerst als Buchhändler, dann 1774 als Buchdrucker. Eine der ersten seiner Unternehmungen sollte eine Gesamtausgabe von Voltaires Werken sein, für deren Durchsicht und Emendation er den berühmten Verfasser selbst gewonnen hatte. Die Kaiserin von Russland war ersucht worden, die Widmung anzunehmen, da jedoch nach Ablauf von sieben Monaten die Erlaubnis zur Dedikation noch nicht eingegangen war, betrachtete Panckoucke die Sache als gescheitert und verkaufte seine Rechte P. Beaumarchais † 1799.an den bekannten Schriftsteller P. Beaumarchais, der die Absicht hatte, etwas noch nicht Dagewesenes von einer Prachtausgabe zu liefern. Am Tage nach dem Abschluss kam — zu spät! — die Erlaubnis der Kaiserin, begleitet von einer Anweisung auf 150000 Livres.
Beaumarchais liess in Kehl, Strassburg gegenüber, eine Offizin errichten und Arbeiter aus Deutschland und der Schweiz kommen. Seine Abgesandten nach Holland studierten die dortige Papierfabrikation und errichteten danach Fabriken in den Vogesen. Die Stempel und Matern Baskervilles wurden erworben (S. 74). Der Hauptherausgeber war Condorcet; die typographische Redaktion besorgten Decroix und Letellier. In fünf Jahren (1784–89) verausgabte man mehr als drei Millionen auf eine Oktavausgabe in 70 Bänden und eine Duodezausgabe in 92 Bänden. Um allen Ansprüchen gerecht zu werden, wurden von beiden Ausgaben Exemplare auf fünf Sorten Papier gedruckt in einer Gesamtauflage von 28000 Exemplaren. Zu dem grossen Aufwand stimmte nicht recht die nachlässige Korrektur. Pekuniär war das Unternehmen ein vollständiger Misserfolg und kostete Beaumarchais für seinen Anteil eine Million.
Der Moniteur.
Von Panckoucke stammt auch der Gedanke des Moniteur. Nachdem er in England den Wert und die Macht der periodischen Presse kennen gelernt hatte, wollte er ein solches Institut, das auch äusserlich mit einem der grossen englischen wetteifern konnte, in Frankreich gründen. Der erste Redacteur war Maret, später Herzog von Bassano. Das Blatt erreichte die damals ganz ausserordentliche Auflage von 15000 Exemplaren und wurde ein Quellenwerk für die Geschichte, das an Interesse wenige Konkurrenten hat.
Als Verleger war Panckoucke äusserst splendid und bei Hofe sehr angesehen. Er druckte Buffons sämtliche Werke; die erste grosse Sammlung von Reisewerken und begann auch die Encyclopédie méthodique, welche 166 Bände in Quart und 51 Teile mit 6429 Kupfertafeln umfasste, deren Herstellung ein halbes Jahrhundert in Anspruch nahm. Der Erfolg war anfänglich ein ganz ausserordentlicher. Ein einziger Madrider Buchhändler, Sancha, hatte Subskriptionen bis zu einem Betrage von anderthalb Millionen Livres gesammelt. Die lange Reihe von Jahren, welche das Unternehmen bis zu seiner Vollendung erforderte, schmälerte jedoch sehr den Ertrag, da wenige Unterzeichner das Ende des Werkes erlebten.
Panckoucke selbst war als Schriftsteller sehr thätig und lieferte ausser selbständigen Werken und Übersetzungen noch zahlreiche Artikel zu den periodischen und encyklopädischen Werken seines Verlages.
C. L. Panckoucke * 25. Dez. 1780, † 11. Juli 1844.
Sein Sohn Charles Louis Panckoucke vertauschte die als Beruf ergriffene Rechtswissenschaft mit der Buchdruckerei und dem Buchhandel. Er vollendete die Encyclopédie und druckte unter Mitwirkung der besten wissenschaftlichen Kräfte das Dictionnaire des sciences médicales, die Flore médicale, die Biographie médicale. Während des Rückganges des nationalen Glanzes in den Jahren 1814–15 begann er die Herausgabe der Victoires et Conquêtes, welche einen ausserordentlichen Erfolg hatten. Weiter veranstaltete er eine neue Ausgabe der Expédition d'Égypte. Auch er war als Schriftsteller mehrseitig thätig. Sein Sohn Charles Louis Ernest (geboren 1806) verliess den Buchhandel, behielt jedoch die Buchdruckerei und den Druck des Moniteurs.
Familie Barbou.
Der Ursprung der Familie Barbou ist in Lyon um die Mitte des XVI. Jahrhunderts zu suchen. Eins der Mitglieder derselben, Jean Joseph Barbou, etablierte sich 1717 als Buchhändler, 1723 als Buchdrucker in Paris. Der Sohn Joseph Gérard Barbou machte sich einen übeln Namen durch die Art und Weise, wie er einberufene deutsche Arbeiter behandelte. Sein Neffe Joseph Gérard d. j. begann eine schöne Kollektion lateinischer Klassiker in 76 Bänden mit Vignetten, die 1808 auf J. A. Delalain überging, der das Geschäft erst allein, seit 1836 mit seinem Sohne A. H. J. Delalain führte. Diese Firma druckte mehrere tausend Klassiker-Ausgaben und Unterrichtswerke; derselben verdankt man auch das Annuaire de la librairie et de l'imprimerie und mehrere Fachschriften. Die Familie gehört zu den geachtetsten ihres Faches in Frankreich.
P. N. Lottin † 1751.
Philipp Nicolas Lottin etablierte 1724 eine Druckerei. Sein Sohn Aug. Martin war der typographische Lehrmeister Ludwigs XVI., der damals, ein glücklicher Knabe von zwölf Jahren, mit der Presse spielen konnte, die ihn später aufs Schafott bringen sollte. Lottin ist der Verfasser eines jetzt sehr selten gewordenen Werkes: Catalogue chronologique des libraires et imprimeurs de Paris depuis 1470–1789.
J. G. Treuttel * 1744, † 1826.
J. G. Würtz * 1768, † 1841.
Das Geschäft Treuttel & Würtz wurde 1770 in Strassburg, 1795 in Paris, 1817 in London errichtet. J. G. Treuttel war in Strassburg geboren, ebenso sein Schwiegersohn J. G. Würtz; ein zweiter Schwiegersohn E. Jung trat nach Treuttels Tod als Teilhaber in das noch in der Familie unter der Firma Jung-Treuttel fortwirkende Geschäft. Unter den vielen bedeutenden Arbeiten desselben nennen wir nur einige: d'Agincourts L'histoire de l'art par les monumens; die Werke der Frau von Staël, 17 Bände; Les archives des découvertes, 31 Bände; die bedeutendsten Werke Sismondis; die Bipontiner (Zweibrücker) Ausgaben der Klassiker in 115 Bänden; die Encyclopédie des gens du monde.
Familie Berger-Levrault.
Fr. Schmuck * 1678.
Wilh. Schmuck * 1682, † 1751.
J. R. Christmann † 1661.
F. R. Christmann * 1728.
Eines der bekanntesten Häuser Frankreichs ist das Strassburg ebenfalls angehörende Berger-Levrault, welches seit mehr als 200 Jahren in einer Familie fortgeführt wurde[106]. Der Gründer desselben war Friedr. Wilh. Schmuck um 1675; die Druckerei entstand 1685. Der Sohn Friedrich Schmuck und dann sein Bruder Wilh. Schmuck folgten, letzterer wurde Buchdrucker des Königs und der Universität. Nach Fr. Schmucks Tode ging das Geschäft auf seinen Schwiegersohn Joh. Rob. Christmann aus Kempten und dann auf dessen ältesten Sohn Franz Robert Adrian über, der als Teilnehmer seinen Schwager Franz Georg Levrault aufnahm, worauf die Firma Christmann & Levrault, dann nach Christmanns Tode Georg Levrault wurde und bis 1858 fortbestand. Von den vier Söhnen Georgs, die sich alle der Druckerei widmeten, wurde der F. L. X. Levrault * 1762, † 17. Mai 1821.älteste Franz Laurent Xavier, welcher in der Schreckenszeit auf Grund seiner royalistischen Gesinnungen hatte fliehen müssen, Chef des Hauses. Unter ihm fand ein bedeutender Aufschwung des Geschäfts statt. Ein grosser Teil des Exports französischer Bücher nach Deutschland und Russland ging durch seine Hände und seine Pressen brachten zahlreiche Verlagsartikel hervor. Eine Spezialität des Hauses bildete die Lieferung von Militärformularen, die sogar der grossen Armee nach Russland nachgesendet wurden. Levrault war ein Mann von ungewöhnlicher geistiger Begabung und Arbeitskraft, die er nicht nur dem Geschäfte, sondern auch seinen Mitbürgern, unter denen er im höchsten Ansehen stand, widmete. Eine treue und tüchtige Gehülfin hatte er in seiner Frau, welche, als Überanstrengungen 1821 seinen Tod herbeiführten, sich beherzt Witwe Levrault † 1850.an die Spitze des Hauses stellte und während 29 Jahren das Erbe der Familie mit sicherer Hand erhielt und förderte. Von 1825 bis 1837 wurde sie durch einen Schwiegersohn Friedr. Berger kräftig unterstützt, ein anderer Schwiegersohn C. Pitris leitete das in Paris gegründete Haus. Nach Bergers Tode übernahm dessen Witwe Berger-Levrault † 28. Mai 1879.Witwe die Führung der Druckerei, während die Witwe Levrault bis zu ihrem Tode der Buchhandlung vorstand. Die Witwe Berger nahm nun ihren Sohn Oscar Berger-Levrault zum Teilnehmer, wodurch die Firma sich in Berger-Levrault Sohn änderte. Unter der Leitung Jul. Norbergs nahmen die Geschäfte einen immer grösseren Umfang an. Mit gewaltigen Anstrengungen siegte man in dem Kampf gegen Konkurrenten um Behauptung der administrativen Arbeiten. Bedeutende Erfolge belohnten die Thätigkeit und ein grossartiges Geschäftshaus wurde erbaut. Kaum war der Umzug bewerkstelligt, da brach der Krieg aus. Die Schwierigkeit resp. Unmöglichkeit, während desselben und der darauf folgenden Friedensverhandlungen die administrativen Arbeiten auszuführen, waren ausserordentlich; nach der Abtretung des Elsass an Deutschland musste das Haus mit diesen Arbeiten nach Frankreich auswandern und 1873 fand die Übersiedelung nach Nancy statt. Bereits am 20. Mai 1876 ward das dortige äusserst zweckmässig eingerichtete Etablissement ein Raub der Flammen, es wurde jedoch mit einer fabelhaften Energie und mit noch besseren Einrichtungen als vorher neu aufgeführt.
Das Strassburger Etablissement, welches jetzt nach 200 Jahren wieder zu den deutschen zählt, besteht unter alleiniger Leitung des Herrn Rud. Schultz als Kommandit-Gesellschaft unter der Firma R. Schultz & Co. (Berger-Levrault Nachfolger).
J. G. Dentu * 1770, † 1840.
G. Dentu d. j. * 1796, † 1849.
Der Gründer der Firma Dentu, Jean Gabriel Dentu, etablierte um 1795 eine Buchdruckerei und später eine Buchhandlung in Paris. Sein Journal des Dames hatte einen ausserordentlichen Erfolg. Er gab eine grosse Reihe von Reisewerken sowie Schriften naturwissenschaftlichen Inhalts heraus und druckte und verlegte nach der zweiten Restauration fast alle legitimistischen Broschüren. Der Sohn Gabriel Dentu, der 1826 das Geschäft übernahm, blieb den politischen Traditionen der Firma treu, wurde dadurch nach der Julirevolution 1830 in 27 Pressprozesse verwickelt und musste ausser zahlreichen Geldstrafen neun Monat Gefängnis aushalten. Einer seiner Söhne Ed. Dentu folgte ihm als Buchhändler; die Buchdruckerei wurde verkauft.
H. M. Cazin † 5. Okt. 1795.
Als Verleger einer Reihe reizender und koketter Ausgaben in 18° mit schönen Illustrationen und allerliebsten Ornamenten der besten Künstler ist Hubert Martin Cazin bekannt.
Mit grosser und wohlbegründeter Pietät nennen die französischen Fachgenossen den Namen Crapelet.
Charles Crapelet * 13. Nov. 1762, † 9. Okt. 1809.
Charles Crapelet war in Bourmont geboren. Seine Erziehung war sehr vernachlässigt, er versuchte jedoch durch unermüdliche Arbeit das Fehlende zu ersetzen. Erst 17 Jahre alt übernahm er die Leitung des bedeutenden Geschäfts des Buchdruckers Stoupe. Er beteiligte sich auf das lebhafteste bei den Bestrebungen, die Typographie durch Geschmack und Eleganz zu heben, und war zugleich einer der vorzüglichsten Korrektoren. Als Beweis seines Pflichteifers wird erzählt, wie er sich von dem Festschmause am Abend seines Hochzeitstages gegen Mitternacht heimlich entfernte. Als er nicht wiederkam, geriet die Gesellschaft in Verlegenheit, die junge Frau in die grösste Unruhe. Nachdem der anwesende Prinzipal Stoupe sich eine zeitlang an dieser Situation ergötzt hatte, machte er schliesslich dem Entsetzen ein Ende durch die Erklärung, Crapelet sei in die Druckerei gegangen, um die Korrektur einiger Bogen zu erledigen, die man morgen drucken müsse. Der Vermisste erschien dann endlich auch früh gegen drei Uhr.
Im Jahre 1789 wurde er der Nachfolger Stoupes. Nach dem Beispiele Baskervilles suchte er Einfachheit mit Eleganz zu verbinden und übertraf sein Vorbild durch die Gleichmässigkeit und die grosse Korrektheit seiner Drucke. Seine Ausgaben werden von allen Bücherfreunden in Ehren gehalten und seine Pergamentdrucke und die Golddruck-Exemplare von Audiberts Histoire des colibris sind typographische Seltenheiten.
Vom Glück war Crapelet nicht begünstigt und Missbrauch seines Vertrauens brachte ihm ausserdem schwere Verluste. Um diese zu ersetzen, arbeitete er über seine Kräfte. Ein Druckfehler in dem ersten Bogen seiner Ausgaben des Télémaque, wo, statt Pénèlope, Pélènope gedruckt war, versetzte ihn in eine solche Aufregung, dass nur die ernsthaftesten Vorstellungen seiner Freunde ihn von seinem Entschluss, die Buchdruckerei aufzugeben, abzubringen vermochten. Leider zu seinem Schaden, denn er starb, erst 49 Jahre alt, durch geistige und körperliche Anstrengungen aufgerieben, als Märtyrer seines Berufs. Unter den vielen Werken aus seinen Pressen seien die schönen Ausgaben der französischen Klassiker und Audiberts Histoire naturelle des oiseaux chantans, Folio, 1805, genannt.
G. A. Crapelet * 1789, † 1842.
Notgedrungen musste der Sohn Georg August Crapelet, kaum 20 Jahre alt, das Geschäft übernehmen. In seinen Leistungen übertraf er noch den Vater, war ausserdem ein bedeutender Fachschriftsteller und Archäolog. Seine Ausgaben französischer Klassiker sind berühmt und die Grosspapier-Exemplare davon sind als Prachtdrucke gesucht. Crapelet der Sohn gehörte, wie der Vater, zu denjenigen Buchdruckern, die mehr zur Ehre der Kunst als zum eigenen Vorteil den alten Traditionen treu blieben. Seine Fachwerke sind sehr geschätzt. Von den Études pratiques et littéraires sur la typographie, Paris 1837, wurde leider nur der erste Teil veröffentlicht, den Abschluss des Werkes verhinderte des Verfassers Tod. 1840 erschien De la profession d'un imprimeur.
De Bure.
Den Grund zu den bedeutenden bibliographischen Arbeiten Frankreichs legte Wilhelm Franz de Bure, einer bereits seit 1660 bestehenden Buchhändler-Familie angehörend. Er verfasste 1753 das Museum typographicum und 1785 seine Bibliographie instructive, sowie mehrere von den Bibliographen sehr geschätzte Kataloge, unter andern die über die Bibliothek des Herzogs von la Vallière, in damaliger Zeit die bedeutendste Privatbibliothek Frankreichs.
Fußnoten:


VII. KAPITEL. DIE MODERNE TYPOGRAPHIE FRANKREICHS UND DAS BUCHGEWERBE.
Das Aufleben des Buchgewerbes. Die Prachtwerke. Neue Bahnen. Der Cercle de la Librairie. Die Fachlitteratur. Statistisches. Die Journallitteratur. Die moderne Typographie: A. Mame & Co., H. Fournier, P. Dupont, J. Claye, N. Chaix, H. Plon u. a. Der Illustrierte Verlag: Ch. Furne, J. Dubochet, J. Paulin. Die Luxusbücher: L. Curmer, G. Silbermann, Engelmann Vater & Sohn. Die verschiedenen Richtungen des Buchhandels: Baillère, Masson, Hachette & Co. u. a. Der archaïstische Druck: L. Perrin, D. Jouaust. Die Bibliographie: Die Buchhandlungen für das Ausland.
Aufatmen des Buchhandels.

SCHWERE Zeiten hatten in der Sturmperiode Frankreichs auf der Buchdruckerei und dem Buchhandel gelastet und nur wenigen Auserwählten der alten Garde war es, wie wir gesehen, vergönnt gewesen, aus der Krisis ungeschädigt hervorzugehen. Als nun das Buchgewerbe wieder aufzuatmen begann, war es, da die neue Litteraturperiode noch nicht angebrochen war, natürlich, dass die Schaffenslust sich zuerst der Herstellung von schönen Ausgaben der vorhandenen Schriftsteller, die zu den französischen Klassikern gezählt wurden, zuwendete.
Th. Desoër.
J. J. Lefèvre.
Theodor Desoër war der erste, der eine solche Prachtausgabe: einen zwölfbändigen Voltaire, herausgab, die alle Welt in Erstaunen versetzte, welche die Frage lebhaft diskutierte, ob der Verleger bald ein reicher oder ein bankerotter Mann werden würde. Jean Jacques Lefèvre wollte Ausgaben bringen, die selbst die Didotschen übertreffen sollten. In den Jahren 1826–1829 gab er zuerst in 73 Bänden in Oktav die französischen Klassiker mit reichhaltigen Kommentaren heraus, dann die ohne Rivalen gebliebenen Sammlungen älterer und neuerer Klassiker aller Länder in 32°. Gleichzeitig veröffentlichte L. Janet seine luxuriösen Ausgaben der geistlichen Schriftsteller.
Prachtausgaben.
Eine Prachtausgabe jagte nun die andere. Von Voltaire allein erschienen nicht weniger als vierzig Ausgaben in den verschiedensten Formaten und zu den verschiedenartigsten Preisen. In ununterbrochener Reihe folgten Buffon, Madame de Sévigné, Boileau, Bossuet und viele andere ältere Schriftsteller mit prachtvollen Stichen, unter Mitwirkung von Künstlern wie Desenne, Deveéia, Henriquel-Dupont, Calamatta, Lecomte, Girardet, Lorichon u. a. Daneben behaupteten jedoch auch die älteren Ausgaben ihren Wert bei den vielen Bücherliebhabern. Zu zahlreichen Werken mit und ohne Illustrationen gaben die Thaten Napoleons und der grossen Armee Anlass. Die arbeitenden 1500 Pressen, davon 800 in Paris, reichten öfters nicht aus, um dem Andrängen der Verleger zu genügen. Im Jahre 1811 erreichten die gedruckten Bogen die Zahl von neunzehn Millionen, 1826 war sie auf 145 Millionen gestiegen, nicht gerechnet die enorme Zahl der politischen Broschüren, der Zeitungen und der Revues.
C. Ladvocat.
Trotz der Schönheit der Klassiker-Ausgaben traten diese mit der Zunahme der modernen Schriftsteller von Bedeutung wie Benj. Constant, Chateaubriand, Lamartine, Cas. Delavigne und viele andere in den Hintergrund. Was Lefèvre für die alten Verfasser gewesen, wollte nun Charles Ladvocat für die lebenden sein. Er war der richtige Typus eines modernen Buchhändlers, kühn, unermüdlich, freigebig, von Liebe zu seinem Geschäft beseelt. Er verstand jedoch nicht, dabei klug haushälterisch zu sein. Er gab zwar der Litteratur einen mächtigen Stoss nach vorwärts, sollte aber so wenig wie Lefèvre die Früchte des regen Schaffens geniessen, und beide starben arm.
Der Roman.
Dem Roman war es beschieden, einen mächtigen Einfluss auf das Druckgewerbe zu üben. Am Tage der Herausgabe eines neuen Romans von Victor Hugo, Jules Janin, Ch. Nodier, H. de Balzac, Paul Lacroix, Léon Gozlan, Eug. Sue, Alf. Karr u. a. waren die Buchhandlungen förmlich belagert. Die höchsten Honorare wurden bezahlt, oft für Bücher, von denen noch keine Zeile geschrieben war.
Das Feuilleton.
Doch hiermit sollte es nicht genug sein. Emil Girardin öffnete dem Roman noch neue Bahnen. Er hatte den Gedanken gefasst, ein Journal von dem Umfange der grossen Blätter, aber nur zu vierzig statt zu achtzig Franken, herauszugeben. Das wirkte in der Journalistik gleich einer Revolution im Staate. Im Jahre 1835 erschien Girardins La Presse; Le Siècle war die erste Konkurrenz. Das Publikum sollte namentlich durch das Feuilleton angelockt werden und es entstand eine wahre Hetzjagd nach Romanen für dasselbe und selbst die ernsthaftesten Journale mussten dem Strom folgen. Souliés Mémoires du diable und Sues Mystères de Paris in dem Journal des Débats wurden geradezu verschlungen. Die Männer des Romans genügten nicht und es entstand eine ganze Legion von romanliefernden Blaustrümpfen. War der Roman im Feuilleton beendigt, so kam eine Nachlese für Autor, Verleger und Drucker durch Herausgabe als Buch.