ZWEITES BUCH (continued 2)
Reading edition
Die Kunst des Zeilenmachens[107] wurde im grossen Stil geübt, als besonderer Virtuos zeigte sich hierin Victor Hugo. Da nach den Zeilen bezahlt wurde, so waren Zeilen wie „Ja“ — „Nein“ — „Er ging“ — „Sie lächelte“ etc. sehr profitabel.
Doch das Romanfieber liess nach und es machte sich nun, unterstützt durch die Fortschritte der Holzschneidekunst und das vortreffliche Material an Schrift, Papier und Pressen, die Sucht geltend, alles mit Holzschnitten zu illustrieren.
Der Holzschnitt.
So prachtvoll die Stahlstiche auch gewesen, man sehnte sich doch nach einfacherer Kost. Der Holzschneider Porret war einer der ersten, der auf Antrieb Achille Devérias zur Reorganisation der Xylographie die Initiative ergriff. Die talentvollen Zeichner eigneten sich mit Eifer die Methode für den Holzschnitt zu zeichnen an. Desenne, Devéria, Alfr. und Tony Johannot, Jul. David, Raffet, Charlet, J. J. Grandville, Horace Vernet, Vict. Adam, Ary Scheffer, Gavarni und andere Künstler ersten Ranges erschienen auf dem Die illustrierten Klassiker.Kampfplatz. Da gab es ein lustiges Turnier. Alle Klassiker, fremde und einheimische, wurden mit Holzschnitten illustriert; geschichtliche, ethnographische und naturwissenschaftliche Werke folgten in bunter Reihe, daneben die illustrierten Blätter. Schliesslich kamen die illustrierten Romane zu 20 Cent. für die Lieferung an die Reihe und auch die Jugendschriften nahmen ein anderes Gesicht an. Der Sieg des Holzschnittes über den Stahlstich war ein vollständiger.
Gegen das Ende des Bürgerkönigtums hatte das Geschäft wenigstens anscheinend eine hohe Blüte erlangt. In der Zeit von 1830–1848 betrug die Zahl der erschienenen Werke 105000 und sie hat sich mit stellenweisen Unterbrechungen durch die politischen Wandlungen auf einer hohen Stufe erhalten.
Der Cercle de la librairie.
Zu dem Ansehen des französischen Pressgewerbes hat, wie bereits in der „Einführung“ angedeutet wurde, der Cercle de la librairie, de l'imprimerie, de la musique et des estampes[108] vieles beigetragen. Aus dem angeführten Titel geht schon hervor, dass der Cercle als Sammelplatz für alle die mannigfachen Kräfte dient, welche bei den graphischen Künsten im weitesten Sinne beschäftigt sind. Nicht nur in allen Verhältnissen der Regierung gegenüber, sondern auch bei allen Weltausstellungen hat der Cercle die Interessen des Buchgewerbes mit Energie, Geschick und Glück vertreten. Er wacht mit Eifersucht dem Auslande gegenüber, jedoch ohne Eifersüchtelei unter den Mitgliedern des Vereins, über die Behauptung der hervorragenden Stellung des französischen Druckgewerbes, wenn dieses auf dem Weltmarkt sich zeigt.
Der am 5. Mai 1847 unter dem Vorsitz von Ambr.-Firmin Didot gegründete, 1853 reorganisierte Verein erwarb 1856 das Eigentumsrecht auf die seit dem Jahre 1811, damals im Besitz der Familie Pillet, erscheinende Bibliographie de la France. Das 1858 unternommene L'Annuaire de la librairie wird nicht regelmässig fortgesetzt und hat für den Buchhandel Frankreichs nicht die Bedeutung wie in Deutschland O. A. Schulz' Adressbuch. 1863 wurde das Comité judiciaire des Cercle eingerichtet. Am 12. Juni 1878 wurde der Grundstein zu einem prachtvollen Versammlungshaus, Ecke der Rue Grégoire-de-Tours und des Boulevard St.-Germain, gelegt und dasselbe am 4. Dezember 1879 feierlich eingeweiht. Es werden seit der Zeit höchst interessante Ausstellungen dort abgehalten. Im Jahre 1880 war die Zahl der wirklichen Mitglieder 317, darunter 119 Buchhändler, 40 Buchdrucker, 26 Lithographen, 55 Papierfabrikanten, 11 Buchbinder, 8 Maschinenfabrikanten etc. Ausserdem hatte der Cercle 21 Ehrenmitglieder und 145 korrespondierende Mitglieder. Das Vereinsvermögen betrug 350000 Franken.
Fachlitteratur. Gabr. Charavay † 22. Mai 1878.
Als Organ der Typographie besteht seit 1864 das durch Gabr. Charavay geleitete L'Imprimerie, journal de la typographie et de la lithographie. Es beschäftigt sich namentlich mit den Verhältnissen der Buchdrucker zum Staate und mit den gewerblichen Interessen, ist in technischer Beziehung jedoch nicht so reichhaltig wie die leitenden englischen Journale. Letzteren nachzukommen ist das seit 1873 begonnene Journal La Typologie Tucker mit Glück bemüht. Es bringt wertvolle Artikel, so wurden z. B. die bekannten Lettres d'un bibliophile von R. R. Madden zuerst hier mitgeteilt. Von den übrigen Fachjournalen sei noch erwähnt das durch Fusion von drei typographischen Blättern 1882 entstandene Bulletin de l'imprimerie et de la librairie, redigiert von Léon Degeorge. Was von den englischen Fachjournalen gesagt wurde, dass sie sich von allen persönlichen Gehässigkeiten und Reibungen freihalten, gilt auch von den französischen, obwohl sie zum grossen Teil direkt im Interesse einzelner grossen Fabrikanten herausgegeben werden.
Nachdem wir in dem vorhergehenden Kapitel die Wirksamkeit und Bedeutung der Bahnbrecher der neueren Periode haben kennen lernen, wenden wir uns den bedeutenderen der modernen Anstalten zu, welche dazu beigetragen, Frankreichs typographischen Ruhm in neuester Zeit zu fördern.
Es könnte anscheinend ein Widerspruch darin gefunden werden, dass die Reihe mit einem Institut angefangen wird, welches bereits zuende des vorigen Jahrhunderts gegründet wurde. Dasselbe ist jedoch seiner ganzen Organisation und Arbeitsweise nach so innig mit der neuen Zeit verknüpft und übt auf diese seinen Einfluss in einer so hervorragenden Weise, dass es wohl nicht mit Unrecht gerade hier an der Spitze steht, als Prototyp einer im besten Sinne modernen Buchdruckerei: es ist das Druckinstitut von A. Mame & Co. in Tours.
Alfred Mame * 1811.
Der Gründer desselben war (1798) Armand Mame, ein junger und energischer Mann. 1830 assoziierte er sich mit seinem Schwiegersohne und Neffen Ernest Mame. 1833 traten seine zwei Söhne Alfred Henri Armand und Ernest als Teilnehmer ein. Nach dem Tode des Vaters übernahm Alfred Mame das Geschäft allein und von da ab datiert sich der enorme Aufschwung desselben. Die Ateliers wurden den Forderungen der Zeit entsprechend eingerichtet und Neubauten vorgenommen. Auch der Buchbinderei widmete Mame besondere Sorgfalt. Seit 1859 ist der Sohn Paul Teilhaber. Schon damals beschäftigte das Institut über 1000 Leute und produzierte täglich gegen 15000 Bände. Der Verlag besteht hauptsächlich in Schriften pädagogischen und religiösen Inhalts, welche, mit einem Preise von 60 Cent. für ein schön gebundenes Bändchen beginnend, bis zu den höchsten Preisen geliefert werden. Mames grösster Vorzug ist eine für alle Arbeiten, die billigsten ebensogut wie die teuersten, sich gleichbleibende Sorgfalt. Seine glänzenden typographischen Siege errang er hauptsächlich durch seinen Schwarzdruck; bunte Farben, Gold und die Hülfsmittel der Schwesterkünste der Buchdruckerkunst wurden von ihm nur als notwendige Konzessionen an den Geschmack des Publikums betrachtet. Er ist ein echter Schwarzkünstler.
Unter seinen Prachtwerken sind ausser seinem herrlichen Missale in Folio, das mit allem Raffinement ausgestattet ist, besonders zu erwähnen die illustrierten Prachtwerke La Touraine mit Zeichnungen von Français, K. Girardet und Catenacci, das schon 1855 von der Jury der Weltausstellung als ein Meisterwerk ersten Ranges anerkannt wurde, und die Bibel mit den epochemachenden Illustrationen Gustav Dorés, die mittels Clichés Eigentum fast aller Länder geworden sind. Zu den neueren Prachtwerken, bei welchen Künstler wie Foulquier, Giacomelli und Hallez mitwirken, gehören die Chefs-d'œuvre de la langue française. Von allen von ihm herausgegebenen Werken lässt Mame ein Exemplar auf Pergament drucken, eine typographische Sammlung von grossem Wert. Auf allen Weltausstellungen erreichte Mame das höchste Mass der Auszeichnungen und es ist wohl kaum eine Stimme dagegen laut geworden[109].
H. Fournier * 1795.
Die Leitung der Mameschen Buchdruckerei lag in den Händen Henri Fourniers. Derselbe arbeitete 1812 bei Didot, wo er für den tüchtigsten Setzer galt. 1824 gründete er selbst in Paris eine Buchdruckerei, die später durch Kauf in die Hände Jules Clayes überging. Fournier druckte und verlegte eine Anzahl kompakter Ausgaben der französischen Klassiker und verschiedene illustrierte Werke: Les petits Misères de la vie humaine, La Chine ouverte, die von einem feinen Geschmack und grosser Tüchtigkeit zeugten. Er zog nach dem Verkauf seines Geschäfts wieder nach seiner Vaterstadt Tours. Auf Grund der typographischen Ausführung von La Touraine wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Allgemein bekannt auch in Deutschland ist Fournier durch seinen Traité de la typographie, das einzige die Kunst des Setzers mit Geschmack behandelnde Lehrbuch.
P. Dupont * 1796, † 12. Dec. 1880.
Für den Accidenzdruck haben Paul Dupont und seine Imprimerie administrative et des chemins de fer Bedeutung[110]. Seinem ganzen Wesen nach ist das Institut eins der modernsten und umfasst Buchdruckerei und lithographische Anstalt mit mehr als 50 Schnellpressen, 25 Handpressen und 1200 Arbeitern. Ein merkwürdiges Unternehmen Duponts sind die Archives parlementaires der verschiedenen Repräsentationen Frankreichs von 1787–1860: Generalstaaten, Direktorium, Konsulat, Kaiserreich, Restauration, Hundert Tage, zweite Restauration, Juli-Regierung, zweite Republik, zweites Kaiserreich; kann man eine grössere Abwechselung verlangen? Dupont hat sich Ruf durch seine praktischen Beiträge zur Lösung der Arbeiterfrage durch Beteiligung der Arbeiter erworben und hat in seinen Bestrebungen unter den französischen Industriellen viele Gleichgesinnte und Nachfolger gefunden, z. B. Laurent & Deberny, Schriftgiesserei, seit 1848, Chaix & Co. und Godchaux & Co. seit 1871, Mame und Masson seit 1877.
Anlässlich der Pariser Ausstellung 1867 gab Dupont ein Prachtwerk heraus, enthaltend eine für den Laien interessante Schilderung seiner Anstalt; freilich nicht ohne eine gewisse Ostentation und kräftige Hervorhebung der Lichtseiten. Ferner schrieb er eine Histoire de l'imprimerie, zwei Bände, 1854, jedoch mehr eine Sammlung von Material als eine durchgearbeitete Geschichte[111] und, abgesehen von der Erfindungsgeschichte, fast ausschliesslich sich mit Frankreich beschäftigend.
Von den vielen grossen Offizinen nennen wir nur diejenigen, die irgend eine charakteristische Seite aufzuweisen haben.
Jules Claye.
Jules Claye (ursprünglich H. Fournier) ist eine bedeutende Buchdruckerei, aus welcher eine grosse Anzahl von Prachtwerken Pariser Verleger hervorging, darunter die grossartigste Erscheinung der jüngeren Typographie, Hachettes Les Évangiles. Wenn wir gleich daneben ein kleines Kunststückchen Clayes, seinen Katalog der Ausstellung des Cercle de la librairie in Wien 1873 nennen, so geschieht es nur, weil das Büchlein zu den Gegenständen gehört, bei deren Betrachtung man sich sagen muss, es giebt ein gewisses Etwas in der französischen Typographie, in welchem man ihr nicht nachkommt, nicht weil man es technisch nicht ebenso gut machen könnte, nachdem es einmal vorliegt, sondern weil man einfach nicht auf den Gedanken kommt, es so zu machen. Clayes Nachfolger im Geschäft ist A. Quantin. Aus der Schule Mames hervorgegangen, gilt dieser als einer der vorzüglichsten und geschmackreichsten Drucker. Die Histoire de Joseph wird als ein würdiges Seitenstück zu Les Évangiles bei Hachette betrachtet.
A. Chaix.
Zu Claye steht A. Chaix & Co. ungefähr in demselben Verhältnis wie Dupont zu Mame. Die Firma, jetzt wie die Duponts in den Händen einer Kommandit-Gesellschaft, ist Imprimerie et librairie centrales des chemins de fer[112]. Wie schon aus der Bezeichnung hervorgeht, legte sich Chaix besonders auf Arbeiten für Eisenbahnen und zwar zu einer Zeit, als viele Eisenbahnbauten in Angriff genommen wurden. Ausserdem druckte er viele Wertpapiere. Selbst das für so manchen ruinöse Jahr 1848 brachte Chaix' Etablissement Vorteil durch die vielen dort ausgeführten Zeitungen und politischen Broschüren, denn seine Druckerei war der Sammelplatz der neuen politischen Grössen, wo auch der nachmalige Kaiser fast täglich verkehrte. 1878 beschäftigte er 48 Schnellpressen und gegen 700 Personen. Das Lokal gewährt das Bild einer grossen Eisenbahnhalle, mit Oberlicht versehen und von Galerien umgeben. In der Mitte arbeiten die Setzer; ringsherum stehen die Maschinen. Jeden Monat wird ein neuer Orientierungsplan ausgegeben, um die Hersteller der verschiedenen Arbeiten leicht auffinden zu können. Das grosse Tarifbuch im stehenden Satz enthält 36 Millionen Nonpareil-Typen. Für die mehrfarbigen Plakate, öfters von mehr als zwei Meter Höhe und anderthalb Meter Breite, sind die schon oben erwähnten besonderen Maschinen in Gang. Die Buchhandlung beschäftigt sich fast ausschliesslich mit Eisenbahnlitteratur. Chaix sorgt sowohl durch Beteiligungssystem und Kassen, die jetzt über ein Kapital von 300000 Franken verfügen, als durch zweckmässige Einrichtungen in dem Lokal und eine billige Arbeiterküche für das Wohl der Gehülfen. Für die Ausbildung der Lehrlinge errichtete er eine Schule mit vier Klassen unter Berücksichtigung der vier Lehrjahre der Zöglinge. Nicht allein, dass der Unterricht frei ist, sondern den Lehrlingen werden Marken verabreicht, die sie beim Beginn der Stunden abzugeben haben. Für jede Marke, die also als Zeichen der Anwesenheit in der Schule gilt, wird dem Lehrling ein kleiner Geldbetrag gutgeschrieben. Für die Schüler schrieb Chaix selbst ein Handbuch der Buchdruckerkunst, gab auch anlässlich der Ausstellung 1878 einen 338 Seiten starken Bericht über seine Anstalt heraus.
Agence Havas.
Ist Chaix' Druckerei als typisch für eine Druckerei des Augenblicks zu betrachten, so kann die am Place de la bourse gelegene Offizin der Agence Havas, der politischen Korrespondenz Frankreichs, als das Bild einer Zukunftsdruckerei gelten. Es werden hier nur Setzmaschinen verwendet, und zwar Kastenbeinsche, die durchweg von Frauen bedient werden. Diese Druckerei liefert für die Provinzblätter stereotypierte Satzspalten, die, in Stücke zersägt, sich mit dem eigenen Satz der Blätter zusammen verwenden lassen.
P. H. Plon * 1805.
Einen bedeutenden Namen als Werkdrucker erwarb Ph. H. Plon[113]. Er war Setzer in der Offizin Béthunes, bei dem das Dictionnaire de la conversation in 52 Bänden erschien. Bei der Herausgabe zeigte Plon eine grosse Thätigkeit und wurde Teilnehmer des Geschäfts. Als auf Grund entstandener Verlegenheiten Béthune sich zurückzog, übernahm Plon allein das Geschäft, welches sich äusserst rasch hob und Luxus- und Farbendrucke von Bedeutung lieferte, besonders aber gute Werkdrucke. 1854 wurde Plon Buchdrucker Napoleons III. und druckte und verlegte dessen Leben Caesars. Sein wissenschaftlich und künstlerisch ausgebildeter Sohn übernahm nach dem Tode des Vaters das Geschäft.
Den Farbendruck hat die Firma so gut wie fallen lassen. Ohne gerade als Meisterstücke hervortreten zu wollen, zeichnen sich, wie die älteren, so auch die neueren Verlagserzeugnisse Plons, als: Collection des classiques français in 32°; Les Chartes et les archives nationales in 4°; die Bibliothèque historique in mehr als 300 Bänden in 8°; die Bibliothèque des voyages und die Bibliothèque des romans durch Tüchtigkeit in der Ausführung aus.
Lacrampe.
Die Firma Lacrampe & Co. wurde 1837 als Assoziationsdruckerei von 19 Arbeitern, alles tüchtige, arbeitsame und für ihren Beruf enthusiasmierte Männer, begründet. Sie wählten ihren Chef und wirtschafteten gemeinschaftlich. Das Resultat war trotz der redlichsten Anstrengungen und zahlreichen Aufträge kein günstiges. Nicht besser ging es der unter der Firma François & Co. gegründeten Assoziationsbuchdruckerei, gewöhnlich „die Zehn“ genannt.
Crété fils.
Crété Fils ist zwar in Corbeil ansässig, gehört jedoch thatsächlich zu den Pariser Buchdruckereien, da das kolossale Etablissement nur für Pariser Verleger beschäftigt ist; Crété konkurriert würdig mit Claye in der Herstellung illustrierter Werke, namentlich für Hachettes Verlag, und wird hinsichtlich einer sich stets gleichbleibenden Güte und Gleichmässigkeit des Schriftdrucks kaum übertroffen.
Gauthier-Villars.
Gauthier-Villars macht eine Spezialität aus solchen Arbeiten, die andere am liebsten von sich weisen möchten; bei ihm heisst es aber, je schwieriger, desto besser. Seine für die wissenschaftlichen Institute und Akademieen gelieferten Tabellen-, arithmetischen und mathematischen Arbeiten, unter welchen sich die Werke des de Laplace und Lagrange befinden, sind mit grossem Fleisse und mit typographischem Verständnis ausgeführt, würden jedoch in Deutschland nicht für so epochemachend gehalten werden, wie es in Frankreich der Fall war. Als Schöpfer des modernen mathematischen Satzes muss der bis in sein 78. Jahr bei Gauthier-Villars arbeitende Bailleul † 30. Mai 1875.Setzer Bailleul betrachtet werden, der zuerst bei Crapelet ausgebildet war und bei dem Schriftgiesser Ch. Laboulaye in seinen Bemühungen Unterstützung fand. Er wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Es sei dies als Zeichen eines anerkennenswerten Vorgehens der französischen Regierung angeführt, dass sie den hochverdienten Arbeiter ganz in derselben Weise wie den ersten Bürger ehrt, und andererseits ist es von den französischen Buchdruckern zu loben, dass sie neidlos die Verdienste ihrer Kollegen und Gehülfen in ein helles Licht zu setzen suchen, damit die Regierung sie kennen und schätzen lernt.
Verschiedene Pariser Offizinen.
Unter den tüchtigen Firmen seien noch wenigstens kurz erwähnt: C. Motteroz, der sich auch schriftstellerisch durch sein Werk über die chemischen Illustrations-Verfahren[114] verdient gemacht hat und unter Zuhülfenahme aller graphischen Künste viele Accidenzarbeiten für die grossen Magazine in Paris ausführt; Emile Martinet, bekannt durch sein seit 1872 bestehendes Internat für Setzerinnen in Puteaux; Georges Chamerot, Nachfolger von Firmin Didot, der schöne illustrierte Ausgaben lieferte; Wittersheim & Co., deren Zeitungsdruckerei von der Regierung angekauft wurde; Lahure, der mit 40 Schnellpressen und 18 Handpressen viele illustrierte Werke druckt; Dumaine, der die Arbeiten des Kriegs- und des Marineministeriums liefert und selbst einen grossen Verlag von Militaria, Rang-, Quartierlisten etc. hat; die Société de publications périodiques, welche, von Panckoucke unter der Firma Société du Moniteur et de l'Encyclopédie méthodique gegründet, unter der Direktion von Paul Dalloz einen bedeutenden Aufschwung genommen hat und eine grosse Zahl von Zeitungen druckt.
Offizinen der Provinz.
Unter den Offizinen ausserhalb Paris finden sich, abgesehen von den schon erwähnten von Mame und Berger-Levrault, noch manche von Bedeutung. Ganz besonders hervorzuheben sind die Firmen L. Danel in Lille und F. C. Oberthur in Rennes. Erstere, seit dem Ende des XVII. Jahrhunderts bestehend, arbeitet mit 33 Maschinen, 26 Handpressen und 450 Arbeitern, alle graphischen Nebengewerbe in ihren Räumen vereinigend, die, nach einem totalen Brand 1871, höchst zweckmässig neu aufgeführt wurden. Der Hauptzweig ist Congrevedruck und die Firma liefert für den Handel und die Fabrikation eine enorme Zahl von Accidenzien. Um seine Tüchtigkeit im chromographischen Druck zu zeigen, hatte Danel zur Ausstellung 1878 ein Werk Voyage dans un grenier geliefert. Oberthurs Offizin hat ungefähr dieselbe Ausdehnung wie die Danels und ist 1874 neu aufgebaut; sie versorgt Frankreich namentlich mit Agenden, Kalendern und ähnlichem.
Zu erwähnen sind unter anderen noch Oudin Frères in Poitiers mit umfangreichen Verlagswerken als: Historiens des Gaules und Les Châteaux historiques de France mit in den Text gedruckten Radierungen; Allier Père & Fils in Grenoble mit dem Armorial et nobiliaire de l'ancien duché de Savoie; Capoulaud Frères (seit 1607) in Limoges, welche kleinere Stadt in der Bücherproduktion mit 466 Werken in einem Jahre gleich nach Paris mit 2286 kommt, während das einst graphisch so bedeutende Lyon nur 134 Werke, Bordeaux nur 49 aufwies. In Toulouse sind J. M. Sirven und P. Privat, in Caen F. Leblanc-Hardel, in Mans Monnoyer bemerkenswert.
Drucker und Verleger illustrierter Werke.
Unter den Herstellern der ausserordentlich zahlreichen illustrierten Werke, die in Paris erschienen sind, Verlegern sowohl als Buchdruckern, befinden sich hervorragende Männer. Wie das Pressgewerbe sich gestaltet hat, ist es oft schwer zu sagen, wem der Ruhm für die schöne Ausstattung am meisten gebührt, dem Verleger, der die Herstellung in allen Details mit Sachkenntnis und Geschmack anordnet, oder demjenigen, der den Druck übernimmt. Nicht selten sind die Fälle, dass der Verleger erst den Ruf eines Druckers macht, der anfänglich nur unwillig sich von dem Schlendrian und dem Alltäglichen abbringen lässt, vielleicht gar den Verleger verwünscht, der ihn zwingt, ein guter Drucker zu werden. Oft teilen sich beide, Verleger und Drucker, in die Ehre, und so sollte es immer sein, wenn nicht Verleger und Drucker in einer Person vereinigt sind.
Ch. Furne.
Noch produktiver als der obenerwähnte Fournier war Charles Furne, erst Angestellter im Zollfach, dann seiner Leidenschaft für schöne Bücher nachgebend, ein unternehmender Bücherproduzent. Den Text zu dem von ihm verlegten Don Quixote hatte er selbst übersetzt. Wie es in Paris so oft der Fall war, ging das Geschäft 1836 in eine Aktiengesellschaft über, deren Direktor Furne wurde. Eine der vorzüglichsten Leistungen der jetzigen Firma Furne, Jouvet & Co. ist Michauds Histoire des Croisades, illustriert von G. Doré, in Folio.
E. Bourdin.
E. Bourdin brachte J. Janins L'Ane mort, Sternes Voyage sentimentale, La Normandie et la Bretagne, Mémorial de Saint-Hélène von Las-Cases, illustriert von Charlet, das grosse Reisewerk des Fürsten Demidoff und andere Prachtwerke.
J. Hetzel.
Jules Hetzel, selbst ein geachteter Schriftsteller (Pseudonym P. J. Stahl), lieferte Grandvilles Scènes de la vie publique et privée des animaux und dessen Les Animaux peints par eux-mêmes. H. Delloye veröffentlichte Balzacs La Peau de chagrin, La France pittoresque, La France monumentale, La France militaire. Ein grossartiges, jedoch nicht illustriertes Verlagswerk war Nap. Landais' Dictionnaire de la langue française. Durch politische Verhältnisse gezwungen siedelte Hetzel 1851 nach Brüssel über, kehrte jedoch 1859 nach Erlass der Amnestie zurück und gründete die Librairie d'éducation et de récréation. 1864 begann er das Magasin illustré d'éducation et de récréation, eine Sammlung tüchtiger Werke für die Jugend.
J. J. Dubochet.
Epoche machte die bei J. J. Dubochet erschienene Histoire de Napoléon, illustriert von Horace Vernet. Ein allerliebstes Werk war Töpffers Voyage en zigzag. Von Dubochets nichtillustrierten Werken sind zu erwähnen eine vortreffliche Kollektion von älteren Klassikern in Übersetzungen von Nisard, 27 Bände Oktav, und die J. Paulin * 1793.Million de faits. Mit ihm gleichzeitig wirkte J. B. A. Paulin, erst Mann der Wissenschaft und Advokat, dann Verleger, der zusammen mit Dubochet L'Illustration (1843) gründete. Diese Zeitschrift ging später in die Hände von A. Marc & Co. über. Sie nimmt einen ehrenwerten Platz unter den illustrierten Blättern ein, ohne jedoch ihr Vorbild, die Illustrated London News, zu erreichen, hat auch nur eine Verbreitung von 18000 Exemplaren. Paulin gab auch eine prachtvolle Ausgabe von Thiers' Histoire du Consulat et de l'Empire in 17 Bänden heraus. Das frühere Werk L'Histoire de la Révolution française von dem damals unbekannten Advokaten erschien bei Lecointe & Pugin und auf dem Titel wurde der Name Félix Bodin als Deckung vor den Namen Ad. Thiers eingeschmuggelt. Der Erfolg war ein solcher, dass Thiers ferner keine schützende Flagge für seinen Namen und seine Werke gebrauchte.
Magasin pittoresque.
Unter den illustrierten kleineren Blättern, die in Nachahmung des Penny Magazine erschienen, ist das Magasin pittoresque das hervorragendste und das am schönsten ausgeführte nicht allein in Frankreich. Ein Phänomen ist es, dass nicht allein der Redacteur Charton und die Xylographie von Andrew Best & Leloir, sondern auch die Direktion der Setzer und Drucker von 1833 bis auf die jüngste Zeit dieselben geblieben sind. Der Unternehmer hiess Lachevardière; die Ehre gebührt jedoch Charton und Best († 2. Oktober 1879), Martinet lieferte den vortrefflichen Druck. Zu demselben wurde die erste Schnellpresse in Frankreich eingeführt, die von Applegath & Cowper in London gebaut war. Neben dem genannten Blatt nahm namentlich Le Musée des familles einen respektablen Platz ein. Bourdillat, der auch die [Oe]euvres de Gavarni herausgab, gründete Le Monde illustré, Hachette das sehr verbreitete Journal pour tous. Ein xylographischer Künstler von grossem Ruf war L. H. Brevière[115].
L. Curmer * 17. Dezbr. 1801.
Der Bahnbrecher für die eigentlichen Luxusbücher, die unter Benutzung der Chromoxylographie und der Chromolithographie entstanden, war Léon Curmer (1834). Er gehörte einer alten irländischen Adelsfamilie an, war aber in Paris geboren. Wenige Verleger haben in dem Grade ihre Zeit begriffen, wie er sie verstand, und wenige haben in gleicher Weise, wie er es that, auf die Ausbildung des Kunstdrucks gewirkt ohne selbst die Kunst zu üben. Stets wusste er eine Anregung, eine neue Idee zu bringen. Wie reich er an Initiative war zeigt jeder seiner Verlagsartikel. Er verstand es, sich mit Künstlern zu umgeben, die ganz auf seine Intentionen eingingen, und so entstanden seine Werke aus einem Gusse. Eine seiner bewunderten Unternehmungen war Paul et Virginie, illustriert mit Holzschnitten von Tony Johannot und Meissonier, und auf das vortrefflichste von Evérat gedruckt. Es folgten dann Le Jardin des plantes, La Grèce pittoresque, L'Irlande pittoresque, Les Anglais und Les Français peints par eux-mêmes, Les Beaux-Arts, Les Contes des fées von Perrault und andere Werke. Prachtvoll waren seine religiösen Bücher mit Randleisten in Farbendruck und anderem Schmuck. Alle überragt L'Imitation de Jésu-Christ mit einer grossen Anzahl Nachbildungen von Miniaturen und Einfassungen in Farben und Golddruck, ebenso Le Livre d'heures de la Reine Anne de Bretagne.
Sowohl in dem chromoxylographischen als in dem chromolithographischen Druck besass Frankreich Meister ersten Ranges, so für ersteren G. Silbermann und E. Meyer, für letzteren Engelmann Vater und Sohn.
G. Silbermann * 1801, † 23. Juni 1876.
Kaum giebt es unter den neueren Typographen einen Namen, ausser dem Didotschen, der überall einen so guten Klang hat wie der Gustav Silbermanns in Strassburg[116]. Die Anfänge des Hauses sind in einer dortigen kleinen Buchdruckerei des Andreas Ulrich zu suchen, welche die Grossmutter Silbermanns 1798 ankaufte. Letzterer lernte bei Didot und ging dann zu seiner Ausbildung nach England und Deutschland. Als 1840 Engelmann, ebenfalls ein Elsässer, mit seinen Chromolithographien die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, gründete Silbermann 1846 ein Etablissement in Paris, zur Herstellung chromoxylographischer Drucke, gab dies jedoch bald in die Hände seines Mitarbeiters, Ernst Meyer, der trotz seiner Tüchtigkeit nicht recht prosperierte und 1863 das Etablissement an Marc verkaufte. Silbermann war nach Strassburg zurückgekehrt und vervollkommnete fortwährend den Buntdruck. Eine seiner ersten Arbeiten dort war eine Ausgabe von Pfeffels Fabeln mit bunten Einfassungen. Für die englischen Modezeitungen lieferte Silbermann in grossen Auflagen farbige Stickmuster. Einer seiner bedeutendsten Drucke ist die Nachbildung des Banners der Stadt Strassburg, ein Blatt von 60 × 50 Centimeter. Da das Banner selbst 1793, das Bild, nach welchem es angefertigt war, 1870 zugrunde ging, so hat das Blatt einen um so grösseren Wert. Als eifriger französischer Patriot verliess Silbermann nach dem Kriege Strassburg und verkaufte sein Geschäft an M. Schauenburg in Lahr, erwarb es jedoch 1872 wieder, um es in die Hände seines früheren Schülers und durch 35 Jahre treuen Mitarbeiters Fischbach zu geben[117].
G. Engelmann * 17. Aug. 1788, † 25. April 1839.
War auch die lithographische Kunst dem Worte nach durch den Grafen Lasteyrie 1814 nach Frankreich gebracht worden, so ist dem Sinne nach Gottfried Engelmann[118] aus Mülhausen der eigentliche Einführer. Im Jahre 1816 etablierte Engelmann ein Atelier in Paris, 1820 brachte er die Lithographie nach Spanien, 1826 gründete er ein Haus in London. Er muss als der bedeutendste Förderer der Kunst Senefelders bezeichnet werden und steht zu dieser etwa in dem Verhältnis wie Schöffer zu der Erfindung Gutenbergs. Engelmann ist der eigentliche Schöpfer der Chromolithographie. 1837 ward ihm für seine Erfindungen ein zehnjähriges Patent erteilt und 1838 erhielt er den Preis der Gesellschaft zur Aufmunterung der Künste.
Joh. Engelmann † 25. Juli 1875.
Den Ruhm des Vaters behauptete der Sohn Johann Engelmann. Seine im Verein mit Aug. Graf betriebene Chromolithographie blieb lange die einzige in Paris. Ganz besonders widmete sich diese der Reproduktion von Glasgemälden und Miniaturen älterer Manuskripte. Das erste Livre d'heures in Chromolithographie ging nach dreijähriger Arbeit aus dem Atelier hervor. Ein Meisterwerk sind auch die Statuts de l'ordre du Saint-Esprit 1853.
Ganz vorzüglich sind die sogenannten Diaphanie-Bilder von Engelmann und Graf, welche in transparenter Chromolithographie die Glasmalerei täuschend nachahmen. Mit acht bis höchstens neun Farben, — mehr dürfen der Durchsichtigkeit wegen nicht verwendet werden, — brachten sie, nachdem die Bilder mit Firnis getränkt waren, die vortrefflichsten Effekte hervor.
Lemercier.
Ein bedeutender Künstler in jeder Branche der Lithographie ist A. Lemercier. In den polychromen Unternehmungen fast aller Pariser Verleger finden sich die Erzeugnisse seiner Thätigkeit vor. Sein grosses Musterbuch ist eine so lehrreiche Geschichte der Lithographie, A. Racinet.wie man sie nur wünschen kann. Auch die Anstalt von Didot unter des verdienten A. Racinets künstlerischer Leitung nimmt in dem Chromodruck eine höchst bedeutende Stellung ein. Weltruf hat des letzteren L'Ornement polychrome erworben.
Lithographischer Buntdruck.
Im Bilderdruck leistete Frankreich im Verhältnis zu Deutschland wenig; die besten Leistungen sind die von Jehenne, Hangard-Maugé, J. F. Dupuy, Omer-Henry. Dagegen ist es Deutschland quantitativ und qualitativ voraus in der Verwendung des Farbendruckes zu illustrativen Zwecken. Es entstand in dieser Weise eine Reihe unvergleichlich schöner Werke, namentlich über Architektur, Kunstindustrie, Kulturgeschichte, ja selbst über Kochkunst, welche Meisterstücke sind sowohl hinsichtlich der korrekten Zeichnung als auch der technischen Durchführung und Naturtreue des Kolorits und dabei zu ungewöhnlich billigen Preisen geliefert werden. Auch in der Verwendung des Farbendruckes für die unzähligen Gegenstände der Papeterie behaupteten die Franzosen lange Zeit den Vorsprung. In dieser Branche zeichneten sich Testu & Massin (jetzt Champenois & Co.) und F. A. Appel aus. Letzterer lieferte Vorzügliches im Miniaturdruck und ist zugleich Spezialist im Plakatdruck auf Zink, dessen eigentlicher Erfinder Max Cremnitz ist. Ebenfalls im Plakatdruck erzielt J. Chévet grossen Effekt mit wenigen Farben; für Arbeiten zu wissenschaftlichen Zwecken ist Bequet & Fils bekannt. Etikettendruck betreiben in grossem Umfang Pichot & Co. Als ein seltener Fall ist noch das gute Gelingen der Assoziations-Anstalt unter der Firma Romanet & Co. zu erwähnen. Im Zinkdruck steht Monroq obenan. Die hervorragendste Erscheinung in der Photochromie ist Vidal und seine Trésor artistique de la France und Histoire générale de la tapisserie sind nicht übertroffen; doch dürfte seine Methode, als zu teuer und umständlich, nicht rasch in die Praxis dringen.
Als Kunstdrucker für Stiche ist Chardon hervorragend. Im Stichverlage dürfte wohl Goupil mit den Filialen in London, New-York, Brüssel, Haag, Berlin und Wien die erste Weltfirma sein. In ihren grossartigen Ateliers in Asnières bei Paris, unter der künstlerischen Leitung von Rousselon, wird der photographische Lichtdruck, hauptsächlich jedoch der Woodburydruck und die heliographischen Methoden in vortrefflichster Weise geübt.
E. Schieble * 1823, † 23. Okt. 1880.
Im Kartendruck erwarb sich Erhard Schieble (gen. Erhard) aus Forchheim in Baden einen bedeutenden Namen. Er verwendete alle Erfindungen der Neuzeit und brachte durch pastosen Auftrag der Farben vortreffliche reliefartige Wirkungen hervor. Die schönsten Karten der Regierung sowohl als der privaten Verleger stammen aus seiner Offizin.
A. Collas.
Erwähnt sei hier noch die von Achill Collas geübte Methode, erhabene Medaillons u. dgl. mittels des Storchschnabels zu gravieren (Glypthotik), in welcher die mehr oder weniger anschwellenden Linien vollständig den Eindruck von Reliefs gewähren. Le Trésor de numismatique in dieser Weise durchgeführt giebt einen glänzenden Beleg für den Wert der Glypthotik. Die ersten Versuche dieser Kunst hatte schon ein Deutscher Christ. Gobrecht in Philadelphia 1817 gemacht. 1819 kam die Maschine nach London und wurde von Turrel & Saxton verbessert. Für die Bank zu London konstruierte 1829 Bate eine die früheren weit übertreffende Maschine, die jedoch immer noch gegen die von Collas sehr zurückstand.
J. Gavard.
Joseph Gavard lieferte mittels des von ihm erfundenen Diagraphen, unterstützt von Calamatta und Mercuri, in drei verschiedenen Ausgaben die Galerie historique de Versailles in 13 Bänden mit 3 Supplementbänden (1837–1847) mit 1550 Stahlstichen.
Von den Werken der Kupferstichkunst sei noch als eines der bedeutendsten das Musée français von Robillard-Péronville mit 344 Kupfertafeln der bedeutendsten Stecher Frankreichs erwähnt, während die Lithographie zur Ausschmückung des grossartigen Werkes Voyages de la commission scientifique du Nord, 29 Bände, mit 762 Tafeln in gr. Folio, in hervorragender Weise diente.
Morel & Co.
Was Curmer für die Luxusbücher war, ist die Firma Veuve A. Morel & Co. in Benutzung des Chromodruckes für die Zwecke des praktischen Lebens. Im Fache der Architektur ist sie unerreicht und die Zahl der Prachtwerke in dieser Richtung, die mit Aufgebot allen Raffinements in der künstlerischsten Ausführung von dieser Firma geliefert wurde, ist eine so grosse, dass es kaum möglich ist besondere Gründe zu finden, um eins oder das andere aus der Reihe hervorzuheben. Bei Morel (jetziger Inhaber der Graf des Fosez) erscheint auch das weitverbreitete Journal L'Art pour tous.
J. Baudry.
In ähnlicher Richtung wirkten mit Umsicht und Erfolg, ohne jedoch den Höhepunkt Morels in der Ausstattung zu erreichen, Ducher & Co., Dunod und J. Baudry. Des letzteren, 1834 gegründete, Librairie polytechnique in Paris und Lüttich legte sich seit 1863 ganz besonders auf die Fächer der Berg- und Hüttenwissenschaft, der Eisenbahn und Wegebautechnik und förderte eine bedeutende Anzahl grosser Tafelwerke an das Licht. Auch Dunod kultiviert diese Spezialität. Unter den Prachtwerken von Ducher & Co. befinden sich: Architecture privée an XIX siècle; Le nouvel Opéra von Charles Garnier.
Roret.
Für die Popularisierung der technischen und naturwissenschaftlichen Litteratur wirkte Roret durch seine, 1824 begonnene Encyclopédie des sciences et des arts, besser bekannt unter dem Namen Manuels Roret. Er brachte auch eine neue vollständige Ausgabe von den Werken Buffons mit den Suites de Buffon, gegen 100 Bände mit unzähligen Abbildungen.
Für die Medizin und die Naturwissenschaften sind die leitenden Firmen J. B. Baillère, Germer-Baillère, V. Masson und Vve A. Delahaye & Co. Die Kataloge dieser Firmen sind getreue Zeugen der wissenschaftlichen Bewegung nicht nur in Frankreich, sondern auch in England und Deutschland, denn es erschien im Ausland kaum ein einschlägiges Werk, das nicht von einer dieser Verlagshandlungen in tüchtigster Bearbeitung herausgegeben wurde.
J. B. Baillère * 1798.
J. B. Baillère[119] (seit 1818) machte grosse Unternehmungen, darunter Cruveilher, Anatomie pathologique 1830–42; Hippokrates' Werke, griechisch und französisch, 1839–50; Iconographie ophthalmologique 1852. Im Jahre 1840 wurde eine Filiale in London, 1848 eine in New-York errichtet und heute sind die Seitenzweige dieser Familie über alle Erdteile, Australien nicht ausgenommen, verbreitet. Germer-Baillère druckt ausser naturwissenschaftlichen auch viele philosophische Werke und mehrere Journale.
Victor Masson * 1807, † 13. Mai 1879.
Victor Masson, einer der hervorragendsten Buchhändler, geb. zu Beaume, trat 1838 als Teilhaber in das Geschäft Chrochard, das 1846 in Massons alleinigen Besitz überging. 1847 wurde die Bibliothèque polytechnique angefangen, der eine grosse Anzahl von technischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Werken folgte, darunter Cuvier, Le Règne animal; Bonamy et Beau, Atlas d'anatomie[120]; der grosse Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales u. v. a. Nach 35jähriger rastloser Thätigkeit überliess G. Masson.Masson seinem Sohne Georges das Geschäft, das dieser in derselben grossartigen, französische und deutsche Vorzüge vereinigenden Weise glänzend fortführt. Die Firma verlegt nicht weniger als 17 periodische Fachzeitschriften und ist die Buchhandlung für die bedeutendsten Akademieen und Gesellschaften. Trotz des vorwiegend wissenschaftlichen Charakters des Verlags ist der Verleger bestrebt, demselben auch eine anziehende äussere Form zu geben. Als Vorsitzender des Cercle hat Masson sich bedeutende Verdienste um das Ausstellungswesen desselben, namentlich bei der Weltausstellung in Wien 1873, erworben.
Delahaye hält sich streng an Medizin und Chirurgie und verlegt mehrere Journale und viele bedeutende Werke, unter welchen der Traité d'Anatomie descriptive von Sappey als ein hervorragendes Monument gilt.
Spezialfirmen sind für Landwirtschaft J. A. Bixio; für Mathematik A. L. J. Bachelier; für Militärwissenschaft J. Dumaine und Corréard Jeune; für Geschichte und Staatswissenschaften G. Guillaumin, P. F. Amyot, A. Baudouin; für Kalenderverlag Pagnerre.
Ch. Hingray * 1796.
Charles Hingray, erst Militär, dann Buchhändler, wurde durch seinen juristischen und sprachlichen Verlag bekannt, in Deutschland namentlich durch das vortreffliche Wörterbuch von Schuster und Régnier. Das Werk eines enormen Fleisses ist der Dictionnaire de la langue française von Littré. Das Manuskript umfasste 415636 Blätter. Der Satz dauerte, mit einer durch den Krieg 1870 herbeigeführten Unterbrechung, 13 Jahre. In einer Spalte gesetzt würde das Buch eine Länge von 37525 Meter haben.
Maisonneuve.
Der Druck orientalischer Werke ist keine Lieblingsaufgabe der französischen Buchdrucker. Als Verlagshandlung in dieser Richtung haben Maisonneuve & Co. den Vorrang. Im Jahre 1851 kaufte Maisonneuve, früher Associé von Cormon & Blanc in Lyon, von Théophile Barrois eine Anzahl orientalischer Verlagswerke, die er später mit vielen neuen vermehrte. Der Verlag enthält eine grosse Anzahl grammatikalischer und lexikalischer Werke der orientalischen Sprachen und die Namen der bedeutendsten Orientalisten als Eug. und Emile Burnouf, Eichhoff, Abbé Favre, G. de Tassy, Stan. Julien, J. Oppert, Abel Rémusat, L. de Rosny u. a. sind mit der Firma Maisonneuve & Co. verknüpft. — Unter den wenigen Buchdruckern in der Provinz, die in der Herstellung orientalischer Werke etwas leisten, ist Dejussieu in Châlons zu nennen.
J. P. Migne * 1800.
Eine merkwürdige Erscheinung ist der Abbé J. P. Migne. Er wurde 1824 Priester, nahm jedoch anlässlich einer Differenz mit dem Erzbischof seiner Diözese seine Entlassung und ging nach Paris, wo er das Journal L'Univers gründete, welches er 1836 verkaufte. In Petit-Montrouge vor den Thoren von Paris gründete er eine Buchdruckerei, um katholische Werke zu drucken. Die Anstalt gewann eine grosse Ausdehnung und umschloss vom Schriftsteller ab bis zum Buchbinder alle Persönlichkeiten und alle technischen Apparate, die zur Herstellung des Verlags des Instituts notwendig waren. Die Sammlungen der Kirchenväter- und anderer älterer theologischen Schriftsteller zählen nach hunderten von Bänden.
In ähnlicher Richtung wie Migne wirkten Gaume Frères.
Eug. Belin.
Im Unterrichtsfache weist der Buchdrucker und Verleger Eugène Belin mehr als 1000 Werke auf. Armand Collin & Co., eine Firma neueren Datums (1870), liefert Schulatlanten in Farbendruck zu sehr billigen Preisen. Ch. Delagrave hat, unter Mitwirkung bedeutender Fachmänner, das Institut géographique de Paris gegründet, aus welchem Brues Atlas universel, von E. Levasseur revidiert, hervorging. Er verlegte ferner viele biographische und technische, reich illustrierte Dictionnaire, grosse Wand- und Reliefkarten, Globen etc.
P. Ducroq (1836) war einer der ersten, die für Bildungswerke die Illustration mittels Stahlstichs im Verein mit Holzschnitten einführten. Seine Bibliothèque des familles in Bänden zu 2 Franken ist sehr beliebt. Delarue giebt gute Klassiker-Ausgaben zu billigen Preisen heraus.
Eine Spezialität aus liturgischen und archäologischen Werken macht die Société générale de librairie catholique und sie sucht die belgische Produktion nach dieser Richtung hin aus dem Felde zu schlagen. In ihrem Verlag erscheint auch eine Ausgabe der Acta sanctorum der Bollandisten; ferner der Recueil des historiens des Gaules et de la France; die, 1626 begonnene, Gallia christiana, auch Werke im alten Stil mit kunstreichen Einfassungen, als: Notre-Dame de Lourdes und Christoph Colombe, werden dort gedruckt.
Unter den grossen Nachschlagewerken müssen genannt werden: Die Biographie universelle (1811) von J. und L. G. Michaud, 84 Bände; W. Ducketts Dictionnaire de la conversation, 68 Bände (1812–1814); ein ähnliches Werk erschien in 52 Bänden bei Belin-Mandar. Als ein seltenes Beispiel der grossen Verbreitung eines gelehrten Werkes steht die bei diesem Verleger (1838) erschienene Konkordanz von Dutripont da, lateinisch geschrieben, ein in 28000 Expl. verkaufter Quartband von 200 Bogen in dreispaltigem Satz.
Ein Sammelwerk von grossem Umfang war Collection Baudry, zahllose deutsche, italienische, spanische und andere schönwissenschaftliche Werke, leider allerdings lauter Nachdrucke, enthaltend. Als die Franzosen so heftig über die Brüsseler Nachdrucker herfielen, hätten sie nicht vergessen sollen, dass sie es selbst nicht besser gemacht haben. Dass die grossen Ausgaben der deutschen Klassiker, die bei Tetot erschienen, keinen Erfolg hatten, beweist nicht den Mangel an gutem Willen zu schädigen.
G. Charpentier * 1805.
Durch den Buchdrucker Henri Delloye unternahm G. Charpentier eine Sammlung französischer Werke in dem nach ihm benannten und oft zur Verwendung gekommenen hübschen Format in 18°. Diese elegant und kompakt gedruckten Bände, von denen in wenigen Jahren über 400 erschienen, fanden durch ihre Eleganz und den damals wohlfeilen Preis von 3½ Franken grossen Beifall.
Unter den Herausgebern von Werken der schönen Litteratur ist Ch. A. Perrotin, der Verleger Bérangers, zu nennen. Er erwarb des letzteren Gedichte gegen Zahlung einer Jahresrente, die er freiwillig bedeutend erhöhte, und blieb Bérangers Freund bis an dessen Ende und nachher sein Testamentsvollstrecker. Pourrat Frères druckten eine sehr schöne Ausgabe von Chateaubriands Werken in 36 Bänden. Bekannt waren auch Gustave Barba, Vater und Sohn, welche den Roman in Heften zu 20 Cent. einführten. Mit immensem Erfolg lieferte Charles Gosselin die Werke W. Scotts, Coopers, Lamartines u. a.
Die bedeutendsten Romanverleger waren jedoch Michel Lévy Frères (1836), jetzt Calman Lévy, deren jährliche Produktion etwa 1¾ Millionen Bände beträgt, in etwa 200 neuen Werken und 650 neuen Abdrücken. Sie gaben eine grosse Zahl der Werke Scribes, Dumas' u. v. a. heraus und führten die billigen Ausgaben in Bänden zu 1 Frank (jetzt 1 Frank 25 Cent.) ein, deren Zahl mehr als 1500 beträgt, während die Zahl der Theaterstücke an 6000 heranreicht. Sie gründeten auch L'Univers illustré.
Wir wenden uns jetzt einer Firma zu, welche sich in keine Klasse einordnen lässt, fast einzig in ihrer Art dasteht und, obwohl zu den jüngeren gehörend, alle anderen überflügelt hat: L. Hachette & Co.
L. Hachette & Co.
„Sollte jemand dem Verleger die Eigenschaft als Produzent streitig machen, und ihn zu einem einfachen Händler stempeln wollen, der nichts zu thun hat, als das Manuskript in die Druckerei zu tragen und dann das zurückempfangene Druckwerk einfach zu verkaufen, so möchten wir ihm die Leistungen der Firma Hachette entgegensetzen“[121], sagt ein Bericht über die Wiener Ausstellung 1873 und diese Worte müssen sich unwillkürlich dem aufdrängen, welcher das Entstehen und das Wachstum dieses Hauses[122] ins Auge fasst. Sein Begründer Louis Hachette, geboren in Rethel, lag erst den Studien ob und begründete dann, 1836, eine pädagogische Buchhandlung unter der Devise: Sic quoque docebo. 1837 erhielt er auch Brevet als Buchdrucker, die Firma übte jedoch dies Geschäft nicht. Im Jahre 1859 traten seine Schwiegersöhne L. Breton und A. Templier dem damals bereits bedeutenden Geschäfte als Teilhaber bei. Unverrückt wurde von der Begründung ab die Thätigkeit auf alles gewendet, was für die Erziehung des Kindes, die Belehrung und Veredlung des Jünglings oder der Jungfrau, die Fortbildung des Mannes oder der Frau dient, und mit Stolz kann die Firma auf ihren, eine ganze und grosse Bibliothek bildenden Verlag zurückblicken und mit dem Bewusstsein, nie die edelste der Künste anders als in würdiger Weise verwendet zu haben. Und dies bezieht sich nicht allein auf das Innere der Bücher, sondern auch äusserlich ist alles in der besten Ausstattung hergestellt, manchmal zu erstaunlich billigen Preisen. Dieses konsequente, nie nachlassende Streben hat auch seinen äusseren Lohn gefunden und das Haus Hachette steht durch seine Grösse und die vortreffliche Organisation wohl unübertroffen da. Die mit 300 Angestellten arbeitende Anstalt unter Leitung der Teilhaber G. Hachette, Breton, E. und A. Templier und R. Fouret versendet monatlich gegen 18000 Kolli und hat einen jährlichen Umsatz von etwa 15 Millionen Franken. Wie Mame widmen sie dem billigsten Buche dieselbe Sorgfalt wie dem teuersten, und was dies sagen will begreift sich, da die Verlagswerke der Zahl 5000 nahekommen. Aus dieser Masse Einzelnes herauszugreifen hat seine Schwierigkeiten, es seien nur kurz erwähnt die bändereichen Kollektionen Bibliothèque variée; Bibliothèque des chemins de fer; die Guides-itinéraires; die Bibliothèque rose illustrée; der Dictionnaire des contemporains von G. Vaperau; das in mehr als 150000 Exemplaren gedruckte illustrierte Journal pour tous, schliesslich ein monumentales Druckwerk für Jahrhunderte: die Prachtausgabe der vier Les Évangiles.Evangelien, zwei Bände im grössten Folioformat. Bida lieferte hierzu im Format des Werkes 128 Zeichnungen, die von fünfzehn der besten Künstler radiert wurden. Die Zeichnung zu der von der fonderie générale geschnittenen Schrift rührt von Ch. Rossigneux her, der ebenso 290 Zeichnungen zu den in Stahl gestochenen Anfangs- und Schlussvignetten, sowie zu den Initialen, unter Vermeidung der Anwendung jeder menschlichen Figur, komponierte. Jules Claye führte den typographischen Druck aus. Rote, quer über das ganze Format gehende Linien umgeben den Text. Die Anwendung der verschiedenen Druckweisen, Kupfer- und Bücherdruck, und der rote Druck, verlangten, dass jeder Bogen 32 mal durch die Hände der Arbeiter ging, ehe er als fertig bezeichnet werden konnte. Elf Jahre wurden unausgesetzt auf die Arbeit verwendet.
Die Bibliophilie.
Wie Frankreichs Fürsten ausnahmslos die Typographie liebten, wenn sie auch die Presse hassten, so erhielt sich im Volke fortwährend eine Liebe für schöne Bücher, und der Wunsch, solche zu besitzen. Es war weniger eine Bibliophilie oder Bibliomanie im Sinne der englischen Sammler, die enorme Summen für ein mangelhaftes Produkt zahlten, nur weil es alt und selten war; man fand in Frankreich Lust an dem Besitz „schöner“ Ausgaben auf Extra-Papier und in feinen und kostbaren Einbänden mit Stichen in ersten Abdrücken. Es wurden, um dieser Liebhaberei zu genügen, sehr viele Bücher in Frankreich gedruckt und gekauft nur der Ausstattung halber, und ein Bücherliebhaber erwarb unter Umständen zehn Exemplare eines und desselben Werkes, wenn es in zehn schönen Ausgaben zu haben war.
Die archaïstische Druckrichtung.
L. Perrin * 12. Mai 1799.
Natürlich war es demnach auch, dass das Zurückgreifen auf die Renaissance vornehmlich von Frankreich ausging und dort Nahrung fand. Unter den französischen Buchdruckern dieser Richtung zeichnen sich besonders zwei aus, Louis Perrin und D. Jouaust. Louis Benedict Perrin, in Lyon geboren, war mit bedeutendem Sinn für Kunst begabt. 23 Jahre alt etablierte er sich mit Durand. Perrin war von dem Gedanken beseelt, die Druckerei zu regenerieren. Das Mechanische sei zwar vollendeter geworden, jedoch die Kunst in der Schriftgiesserei fehle. Ein tüchtiger Maler Pierre Revoil bestärkte Perrin in seinen Ansichten, dass man zu den Formen zurückkehren müsse, deren sich Vascosan, de Tournes und andere bedient hatten. Perrin war nicht in der Lage, seine Ideen ohne Rücksicht auf die Kosten durchsetzen zu können, und in Frankreich war es einem Provinzialbuchdrucker doppelt schwierig, durchzudringen. Gegen das Jahr 1846 liess er eine Sammlung von schönen Kapitalschriften aus der Zeit des Kaisers Augustus schneiden. Die damit gedruckten Inscriptions antiques de Lyon 1854, ein grosser Quartband mit über 400 Inschriften, machte grosses Aufsehen und Didot erklärte das Buch für ein Meisterwerk ersten Ranges. 1854 konnte Perrin das erste Werk mit der von ihm nach Mustern des XVI. Jahrhunderts veranlassten Antiqua und Cursiv drucken: Luigi Cibarios Delle Artiglerie, welches er auch mit Vignetten im Renaissancestil schmücken liess.
In seinen Bestrebungen war ihm auch der Zufall günstig. Beim Durchsuchen der Nachlassenschaft des alten Hauses Rey in Lyon fand er eine vollständige Sammlung von Matern aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts oder aus dem Anfang des XVII. Jahrhunderts, so dass er imstande war, eine Ausgabe von Rabelais mit denselben Typen zu drucken, die seinerzeit François Just und Etienne Dolet verwendeten. Unter seinen Drucken gelten für besonders schön Le Théâtre du Molière mit Vignetten von Hillemacher; die Généalogie de la maison de Savoye; Parfums, chants et couleurs. Der Sohn setzte das Geschäft mit Marinet fort.
D. Jouaust.
Als sein Rival ist D. Jouaust[123] zu nennen, welcher namentlich die Werke der Académie des bibliophiles, den Verlag des Herausgebers der Bibliothèque Elzévirienne, P. Janet, später Paul Daffis', sowie des A. Lemerre druckte. Seine Ausgabe des Dichters Régnier gilt als eine Musterleistung. Der Druck solcher Ausgaben erfordert je nach der Verschiedenheit des Papiers eine andere Behandlung und bedingt eine fortwährende Aufmerksamkeit. Das Papier Whatman, von einer feinen, festen und durchsichtigen Masse, zeichnet sich durch eine blendende Weisse aus, welche nicht das Resultat irgend eines chemischen Prozesses ist, sondern nur von der Vorzüglichkeit des verwendeten Materials herrührt. Das chinesische Papier, in welches die Schwärze leichter eindringt, giebt einen Druck von milderer und gleichmässigerer Färbung und ist namentlich für Bücher mit Vignetten geeignet. Das Pergament zeigt sich dagegen widerspenstig in der Annahme der Farbe und verlangt die allergrösste Sorgfalt in der Behandlung.
Derjenige Verleger, der sich am meisten um die Verbreitung der Ausgaben für Bücherliebhaber und die archaïstische Richtung in der Druckerei bemüht hat, ist Pierre Janet, aus Bordeaux gebürtig. Seine Elzevierbibliothek alter und klassischer französischer Autoren des XVI. und XVII. Jahrhunderts umfasst mehr als 100 Bände und wurde von Paul Daffis fortgesetzt. Daneben beschäftigte sich Janet eifrigst mit der Verbesserung der Zeichen für die chinesische Sprache, welche er sich selbst zu eigen gemacht hatte.
Unterstützung fanden solche Bestrebungen nicht minder bei Bachelin-Deflorenne durch dessen Bibliophile français illustré; Album de Relieures; Armorial du Bibliophile und seine Collection des bibliophiles français. Léon Téchener Fils ist Herausgeber von Bulletin du bibliophile und Bulletin universel de la Bibliographie.
Fortschritt oder Rückschritt?
Liegt nun der Reiz der Renaissance-Schriften nur in dem Alter oder haben sie wirkliche Vorzüge? Letzteres muss unbedingt bejaht werden. Dass grosse Fortschritte in der Schriftschneiderei gemacht sind, setzt keineswegs voraus, dass alle älteren Schriften geringer oder weniger geschmackvoll gewesen sind als die heutigen, auch nicht, dass solche Schriften älteren Datums nur in Rücksicht auf die Zeit ihres Entstehens Anerkennung verdienen. Würde es jemand einfallen, ein bedeutendes Kunstwerk der Glanzzeit der Malerei oder ein bewundernswertes Hausgerät aus der besten Periode der Renaissance nur in Anbetracht seines Alters erträglich zu finden? Nicht besser ist es aber, wenn man in Bezug auf die Meisterwerke aus der Blütezeit der Typographie Stimmen hört, wie: „Es ist zwar alles mögliche, wenn man bedenkt, wie alt die Bücher sind!“ Als ob nicht diese Schriften an und für sich mustergiltig wären und uns als Vorbilder dienen könnten. Sie bedürfen nicht einer schonenden Beurteilung „des Alters wegen“; letzteres sagt uns aber, dass sie zu einer Zeit entstanden sind, in der die Liebe zur typographischen Kunst, der individuelle Charakter, der geläuterte Geschmack und das ästhetische Gefühl sich weit stärker geltend machten, als es jetzt der Fall ist, wo die meisten fertig zu sein glauben, wenn sie nur neue Schriften, feines Papier und teure Schwärze zur Verwendung bringen, dagegen um Stil und Charakter eines Druckwerkes sich gar nicht bekümmern.
Es dürfte sehr fraglich sein, ob die Schriften neueren Schnittes mit den grossen Unterschieden zwischen Grund- und Haarstrichen, welche letztere wegen ihrer Feinheit oft kaum zu bemerken sind, eine wirkliche Verbesserung seien und ob der Leser verpflichtet ist, jedes Produkt der Laune des Schriftgiessers, mit welchem er seinen Konkurrenten den Rang abzugewinnen sucht, schön zu finden, oder ob wirklich ein Mensch alles guten Geschmackes bar ist, weil ihm die Renaissance-Schriften mit ihrer dem Auge so wohlthuenden Ruhe sympathisch sind.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass die Bezeichnung Elzevier-Schriften eine ungerechtfertigte ist, denn die Originale bestanden schon ein Jahrhundert vor den Elzevieren, zutreffender wenigstens ist die Bezeichnung Aldinsche Schriften.
Die Bibliographie.
Unter den Männern, die, waren sie auch nicht selbst ausübende Typographen, doch einen ehrenvollen Platz in der Geschichte der Typographie verdienen wegen ihres Einflusses auf das Buchgewerbe, sind namentlich Brunet und Renouard zu nennen.
J. Ch. Brunet * 2. Nov. 1780.
Jacques-Charles Brunet, Sohn eines kleinen Buchhändlers in Paris, widmete sich dem Beruf des Vaters. Er war der eigentliche Gründer des antiquarischen Buchhandels in Frankreich; seine Berühmtheit verdankt er aber seinem Werke Manuel du libraire, von dem 1810 die erste, 1865 die fünfte Auflage erschien. Die Vervollkommnung dieses Werkes war seine Lebensaufgabe. Er nahm keinen Titel auf, wenn er das Werk nicht selbst in den Händen gehabt hatte. Von Firmin Didot Frères & Co. für die Abtretung des Eigentumsrechtes an das Manuel eine Leibrente geniessend verbrachte er sein Leben still und rüstig arbeitend.
A. A. Renouard † 1853.
Antoine-Augustin Renouard, der in hervorragender Weise die Eigenschaften des Buchhändlers, Sammlers und Schriftstellers in sich vereinigte, wurde 1765 in Paris geboren. Schon frühzeitig ward er von Bewunderung für die Familie des Aldus Manutius in Venedig erfüllt und von dem Wunsche beseelt, ihre Geschichte zu schreiben. Dazu sammelte er erst die Ausgaben dieser berühmten Drucker in einer an Vollständigkeit grenzenden Weise und schrieb nun seine Annales de l'imprimerie des Aldes 1803. 2 Bde. Die 3. Auflage, welche das letzte Wort der Bibliographie in Bezug auf die Aldi spricht, erschien 1834. Kaum mit diesem Werke fertig, lenkte er seine Studien auf die Familie Stephanus und 1837 erschienen seine Annales de l'imprimerie des Étienne, von welchen 1843 die zweite Auflage folgte. Das Werk hat ebenfalls seine bedeutenden Verdienste, wenn es auch nicht die Arbeit über die Aldi erreicht. Von seiner eigenen vorzüglichen Bibliothek liess er 1818 den Catalogue de la bibliothèque d'un amateur in 4 Bänden erscheinen, in welchem ein Schatz von interessanten Notizen niedergelegt ist. Sein Sohn Jules Renouard im Verein mit Jules Tardieu lieferte viele tüchtige Verlagswerke, darunter Galerie des peintres.
L. C. Silvestre * 1762.
An den obigen schliesst sich nicht unwürdig an Louis Catherin Silvestre, dessen Auktionsinstitut Weltberühmtheit erlangte. Eine Spezialität von ihm waren die Buchdruckermarken und er liess, als Fortsetzung der Werke Roth-Scholtz', seine Marques typographiques mit 1237 Abbildungen von Druckerzeichen erscheinen. Silvestre hatte in Pierre Janet einen würdigen Nachfolger.
Die neuere französische Bibliographie ist in den besten Händen und zwar in denen zweier Deutschen: C. Reinwald & Co., welche den Catalogue annuel de la librairie française herausgiebt und O. Lorenz, der den Catalogue de la librairie française seit 1840 erscheinen lässt.
M. Bossange * 1766.
H. Bossange.
Für die Verbreitung der Erzeugnisse der französischen Litteratur im Auslande hatten Martin Bossange Père[124] und dessen Sohn Hector Bossange grosse Verdienste. Nach dem Frieden mit England etablierte Bossange ein grosses Haus in London, später auch in Leipzig. Der Sohn Hector Bossange setzte das Werk des Vaters fort, gründete Buchhandlungen in Montréal in Canada, in Quebeck, New-York, Rio de Janeiro, Odessa. Sein grosser Katalog vom Jahre 1845 von gegen 31000 Werken galt als ein Musterkatalog.
Die französische Bücherproduktion hält ungefähr mit der deutschen Schritt. An Drucksachen erschienen im Jahre 1879: Bücher und Broschüren: 14122, Musikstücke 2424, Kupferstiche, Lithographien etc. 4661.
So bedeutend die Bücherausfuhr aus Frankreich sich gestaltet, so wenig konkurrieren die französischen Buchdrucker mit dem Auslande, während Belgien, England und Deutschland in der Lage sind, Druckarbeiten für das Ausland zu übernehmen. Mehr als die Arbeitsverhältnisse trägt wohl dazu bei, dass die französischen Buchdruckereien nicht so gut auf schwierige Arbeiten eingerichtet sind, wie namentlich die deutschen.
In Paris absorbiert die Journalistik fast alle tüchtigen Setzerkräfte, trotzdem ist es auf Grund der Eigentümlichkeiten der französischen typographischen Art und Weise dem fremden Arbeiter schwer, in Paris fortzukommen[125]. Viele Bücher, bei welchen übertriebene Schnelligkeit nicht notwendig ist, werden jetzt ausserhalb Paris gedruckt; besonders gilt dies von Neudrucken älterer Werke, sodass den grossen Pariser Werkdruckereien namentlich diejenigen Werke verbleiben, bei welchen, zudem unter gedrückten Preisen, grosse Ansprüche an Material und Schnelligkeit gestellt werden. Unter solchen Verhältnissen verlieren diese die Lust an der Lohndruckerei und legen sich selbst auf das Verlegen. Die Typographie in Paris steht auf einem Vulkan; selbst kurz vor der Weltausstellung 1878, wo es galt, alle Kräfte zusammenzunehmen, trug die Société typographique kein Bedenken, einen sehr kostspieligen und wenig erfolgreichen Strike in Scene zu setzen. Die Lokale der eigentlichen Werkdruckereien liegen meist zwischen Häusermassen eingeklemmt und haben sich erst nach und nach mit dem wachsenden Geschäft erweitert, sodass ihnen meist die ersten Erfordernisse: Raum, Licht und Luft, fehlen. Alle diese Verhältnisse fangen an, den Provinzdruckereien zugute zu kommen. Dringen auch die Fortschritte etwas langsamer in diese ein, so haben sie dafür ein festeres, anhänglicheres und gut geschultes Personal. Zweckmässige Lokaleinrichtungen sind weniger kostspielig als in Paris und manche Provinzdruckerei kann sich schon mit tüchtigen Pariser Offizinen messen. Einen wesentlichen Vorschub leisten die vielen lokalen Gesellschaften für Kunst und Wissenschaft, namentlich Archäologie, welche viele Werke mit Aufwand hinsichtlich Ausstattung, Illustration und Beigabe von Kunstblättern für ihre Rechnung drucken. Auch fangen die Provinzbuchdrucker an, selbst zu verlegen und Depots in Paris zu errichten. Kurz, wenn auch die Zentralisation noch eine bedeutende ist, so bereitet sich offenbar eine Dezentralisation im Sinne des deutschen Buchgewerbes vor und man fängt mit Versuchen an, sich von dem allmählich überwältigend gewordenen Einfluss des Pariser Geschäfts zu emanzipieren.
Mit Ausnahme der administrativen Arbeiten, welche in grosser Zahl und mit grossem Geschick ausgeführt werden, haben die Accidenzien weder in Quantität noch Qualität eine solche Bedeutung, wie in Deutschland. Im allgemeinen werden, und wohl nicht ganz mit Unrecht, dort nicht eine solche Sorgfalt und solche Kosten wie hier auf diese sehr schnell dem Papierkorb verfallenden Drucksachen verwendet; diese lässt man lieber den Werken selbst zukommen.
Ein ziemlich klares Bild von dem Zustand des Accidenzdruckes in Frankreich, soweit dieser dem Buchgewerbe dienstbar ist, liefern die Kataloge zu den Fachausstellungen, die in dem Hause des Cercle in den letzten Jahren abgehalten wurden. Diese Kataloge sind durch die vereinten Kräfte einer Anzahl der bedeutendsten Buchdruckereien hergestellt, von welchen jede einen halben oder einen ganzen Bogen geliefert hat, ohne dass eine andere Grenze auferlegt war, als die Innehaltung des Papierformats. Man darf also annehmen, dass das möglichst Beste geliefert wurde. Es geht aus diesen Katalogen hervor, dass man seit dem vortrefflichen Derriey fast stehen geblieben ist.
Die Zeitungslitteratur hatte in Frankreich mit manchen Hindernissen zu kämpfen, die nun durch das Pressgesetz von 1881 beseitigt sind. Die grossen Journale haben fast alle denselben äusseren Umfang, vier Seiten in gross Folio. Die Franzosen, im ganzen mässig, mögen auch nicht täglich eine solche Masse von geistiger Kost geniessen, wie sie ein englischer Lesermagen verträgt. Versuche mit Blättern nach letzterem Mass eingerichtet sind vollständig fehlgeschlagen. Durch ihre, den nationalen Eigentümlichkeiten ganz Rechnung tragende Organisation darauf berechnet, das, worauf es ankommt, mit Leichtigkeit ins Fleisch und Blut dringen zu lassen, üben jedoch die französischen Journale einen ausserordentlichen Einfluss auf die Partei, deren Interessen sie verfechten. Des grossen Anlagekapitals, wie ein solches in England notwendig ist, bedarf ein neues französisches Journal nicht; es genügt eine mässige Summe, wenn sich mit dieser die genügende Intelligenz und journalistische Routine des wirklichen Leiters verbindet. Ist dieser ein beliebter Schriftsteller oder eine politische Grösse, so stellt sich das Publikum rasch ein.
Die kleinen Zeitungen erscheinen gewöhnlich in einem Format, halb so gross, als das ihrer grossen Schwestern, ihr Einfluss und ihre Verbreitung sind jedoch bedeutend. Das Petit Journal[126] wurde Ende 1880 in 598309 Exemplaren gedruckt und ergab einen Gewinn von drei Millionen Franken. La petite république hatte eine Auflage von 196372, die Lanterne von 150531, Le petit moniteur von 100476 Exemplaren. Die tägliche Gesamtproduktion der Journalnummern erreichte die Ziffer 1984521, von welcher dreiviertel auf die republikanische Presse kam.
Zum Beginn des Jahres 1869 erschienen[127] in Frankreich 2110 Journale aller Art, jetzt 3135. Von diesen kamen im Jahre 1869 auf Paris 816, auf die Provinz 1294; jetzt resp. 1355 und 1780. In Paris fand demnach ein Wachstum von 539 Journalen statt, in der Provinz von 425. Letzteres trifft namentlich die kleineren Städte, besonders solche, die früher kein Journal aufzuweisen hatten, während die grösseren Städte stabiler geblieben. Unter den Pariser Blättern waren 75 politische Tagesblätter, 168 Journale politischen Inhaltes.
Am 10. September 1870 waren die gesetzlichen Bestimmungen, welche hemmend auf die Errichtung graphischer Etablissements wirkten, gefallen und der erste Paragraph des Pressgesetzes von 1881 bestätigt dieses durch die Bestimmung: „Die Buchdruckerei und der Buchhandel sind frei“. Vergleicht man den Stand der graphischen Gewerbe vor dem Kriege mit dem heutigen, so begegnet einem selbstverständlich besonders eine grosse Vermehrung der Buchdruckereien in Paris, wo die Zahl der Brevets früher auf 80 beschränkt war. Doch muss man diese Zahl nicht ganz buchstäblich nehmen, sie betrug thatsächlich wenigstens 150, indem manche Buchdrucker auf Brevets von Kollegen arbeiteten.
Für den Buchhandel hatte die erlangte Freiheit nicht die Bedeutung wie für die Buchdruckerei, denn wenn ein Brevet auch für den Buchhändler erforderlich war, so hielt es doch, da die Zahl nicht beschränkt war, nicht schwer, ein solches zu erlangen. Es fand sogar in dieser Branche ein Rückgang statt. In den übrigen graphischen Gewerben zeigt sich, wenn man die Jahre 1868 und 1882 mit einander vergleicht, einigermassen ein Stillstand. Doch dürfen, wenn man daraufhin Schlüsse ziehen will, die schweren Jahre für das Land und auch der Umstand nicht übersehen werden, dass durch die Abtretung von Elsass-Lothringen sich der Bestand plötzlich um 259 Buchhandlungen, 35 Buchdruckereien und 59 lithographische Anstalten, sowie um drei Städte von 50000 Einwohnern verminderte, die bei einem Vergleich mit dem Wachsen der graphischen Anstalten in Deutschland dann doppelt wirken[128].
Die beifolgende Tabelle zeigt den Stand der verschiedenen Pressgewerbe in den Jahren 1868 und 1882.
1868 Frankreich zählte: 1882
1084 Buchdruckereien 1722
1549 Lithographische Anstalten 1692
244 Kupfer- und Stahldruckereien 169
6001 Buchhandlungen 6134
423 Musikalienhandlungen 536
245 Kunsthandlungen 288
Von diesen kommen auf Paris:
83 Buchdruckereien 244
436 Lithographische Anstalten 495
160 Kupfer- und Stahldruckereien 92
1649 Buchhandlungen 1072
119 Musikalienhandlungen 105
126 Kunsthandlungen 98
Ausserdem in Paris andere graphische Gewerbe:
42 Schriftgiessereien und Stempelschneidereien 52
15 Stereotypien und galvanoplastische Anstalten 17
167 Gravieranstalten für Metall und Stein 156
64 Xylographische Anstalten 102
25 Buchdruckerei-Utensilienhandlungen 44
43 Maschinen- und Pressenfabrikanten 56
20 Farbefabriken 29
87 Papierhandlungen en gros 74
992 Papierhandlungen en détail 906
348 Buchbindereien und Broschieranstalten 343
40 Kolorier- und Vergolder-Anstalten 49
42 Inseraten-Bureaus 35
Ausserhalb Paris stellen sich die Zahlen:
1011 Buchdruckereien 1478
1197 Lithographische Anstalten 1274
4352 Buchhandlungen 5062
413 Musikalien- und Kunsthandlungen 621
Die pressgewerblichen Verhältnisse der Städte aufwärts von 50000 Einwohnern (die Hunderte in abgerundeten Zahlen) sind folgende:
Städte Einwohnerzahl Buchdrucker. Lithogr. Anstalten Buchhandl. Zeitschriften
Lyon 324000 32 52 100 67
Marseille 300000 36 33 45 66
Bordeaux 197500 31 71 91 54
Lille 178000 32 40 66 34
Toulouse 127000 19 20 56 51
Nantes 122500 10 13 49 29
Saint-Étienne 111000 13 21 16 13
Rouen 102500 10 13 35 20
Havre 100000 19 9 35 13
Roubaix 84000 6 5 15 5
Reims 82000 8 12 30 12
Toulon 77000 6 4 11 19
Nancy 72000 10 9 37 28
Brest 67000 3 4 15 4
Amiens 61000 9 6 23 13
Besançon 60000 9 9 13 23
Limoges 60000 10 8 23 8
Besançon 60000 7 8 21 21
Angers 58500 9 7 23 20
Montpellier 55500 19 10 26 16
Nizza 53500 10 4 23 22
Grenoble 51000 8 7 29 16
Le Mans 50000 8 3 25 15
Orléans 50000 7 4 49 29
Rennes 50000 7 7 20 17
Versailles 50000 5 3 32 25
Fußnoten:


VIII. KAPITEL. DIE ZWEIGE DER ROMANISCHEN GRUPPE.
Die Niederlande: Zurückgehen der Kunst. Der Nachdruck. Die neuere Typographie Hollands und Belgiens. — Italien: G. Bodoni. Langsame Fortschritte. Venedig, die Mechitaristen. Panfilo Castaldi. Der Buchhandel, die Familie Pomba. Rom, die Druckerei der Propaganda. Erfreuliche Aussichten. — Spanien: J. Ibarra. Madrid. Barcelona. Portugal: Die Staatsdruckerei. Südamerika: Buenos Aires, Rio de Janeiro, Lima, Cuba, Mexiko. — Nordafrika: Algier, Ägypten. Türkei: Aufblühen und Verfall der Kunst. Jetzige Lage.
DIE NIEDERLANDE.

DIE typographische Glanzperiode der Niederlande war dahin. Auf die Zeit der blutigen Knechtschaft durch Spanien folgte im Süden die Periode der österreichischen Herrschaft. Darf auch letztere mit der ersteren kaum in einem Atemzuge genannt werden, so war sie doch nicht geeignet, eine neue Blüte der Typographie hervorzurufen, noch weniger war eine solche nach der Einverleibung in Frankreich zu erwarten.
Holland.
Auch der Norden lernte erst seit 1795 als Batavische Republik unter Frankreichs „Schutz“, dann von 1806 ab als Königreich unter einem Napoleoniden, bis auch dieser Selbständigkeitsschein 1810 aufhörte, die Segnungen französischer Presszustände kennen.
Der Pariser Friede 1814 löste die Länder aus der eisernen Umarmung Frankreichs, um sie zu einem Königreiche der Niederlande zu vereinigen. Diese, dem Zusammengiessen von Essig und Öl nicht unähnliche Verschmelzung des protestantischen, germanischen Nordens mit dem katholischen, zum grossen Teil französischen Süden wurde durch die Revolution in Brüssel 1830 faktisch, durch den Frieden 1839 definitiv und rechtlich aufgelöst.
Seit dieser Zeit entwickelte sich ein freieres geistiges Leben in Belgien sowohl als in Holland. Zwar ist der alte Ruhm des niederländischen Pressgewerbes nicht wieder erreicht, jedoch steht dasselbe auf einem achtbaren Standpunkte und lässt weitere Fortschritte erwarten.
Freiere Pressverhältnisse.
In Holland verursachten die freieren Pressverhältnisse vor dem Ausbruch der französischen Revolution, dass viele französische Autoren und Verleger ihre Artikel dort, namentlich in Amsterdam und dem Haag, drucken liessen. Hierin liegt wohl zumteil der Keim zu dem später gewerbsmässig betriebenen holländisch-belgischen Nachdruck, welcher jedoch anfänglich keine grosse Bedeutung hatte und von selbst aufhörte, solange die Niederlande der französischen Herrschaft unterlagen.
Holländische Typographie.
Die holländische Typographie hält fest an dem einmal angenommenen Typenduktus mit seinen langen, schmalen und eng zugerichteten Schriften, die insofern praktisch sind, als mit ihnen sich viel Stoff auf einen kleinen Raum, allerdings auf Kosten eines gefälligen Eindrucks, zusammendrängen lässt. Unter den Formaten ist ein Gross-Median-Oktav das beliebteste und selbst Romane und Gedichte werden in demselben gedruckt.
Durch seine Kolonien in Hinterindien und auf den Inseln des indischen Ozeans ist die Schriftgiesserei Hollands auf die Pflege der Schriften der dortigen Eingeborenen angewiesen. Unter Aufsicht von T. Roorda wurden von J. Enschedé & Zoonen in Haarlem javanische Lettern angefertigt. Ein bedeutendes Renommé in dieser Richtung erwarb sich N. Tetterode in Rotterdam, welcher Mandalingisch, Batakisch, Manarisch und Boeginesisch lieferte. Unter der Direktion von J. Hoffmann liess die holländische Regierung auch chinesische Typen schneiden, die später in den Besitz von E. J. Brill in Leyden übergingen[129]. Als Schriftgiesser wirkten ferner in Gröningen Omkens, van Baskenes und Damste.
Statistisches.
Im Jahre 1882 hatte Holland in 128 Städten 428 Buchdruckereien (1840 besass es nur 146), 183 lithographische Anstalten, 700 Buchhandlungen. Die Buchdruckereien arbeiteten mit 740 Schnellpressen und 650 Handpressen. Die Zahl der lithographischen Schnellpressen war 125, die der Handpressen 700. Die zur Verwendung kommenden Maschinen verschiedener Art stammen namentlich aus französischen Fabriken. An Tageblättern gab es 29, an Wochenblättern und an anderen periodischen Schriften 397.
In Amsterdam liefert die Königliche Buchdruckerei Accidenzien für den Staat. Eine bedeutende Anstalt ist die von Roeloffzen & Hübner in Amsterdam mit drei Rotations- und sieben gewöhnlichen Schnellpressen; sie druckt die in 20000 Exemplaren täglich in einem Umfange von 8–16 Seiten erscheinende Het News van den Dag mit ihrem Sonntagsblatt. C. A. Spinn & Zoon bringen sehr kunstreiche Accidenzarbeiten. Zu erwähnen sind ebenfalls J. van Oosterzee, G. L. A. Amand, Metzler & Barting und Gebr. Binger.
In Haarlem blüht noch das Geschlecht der Enschedé (I, S. 251) und zeigt, dass es nicht auf seinen Lorbeern auszuruhen gedenkt. Das Geschäft arbeitet mit 11 Handpressen, 11 Schnellpressen und 25 Giessöfen und zeichnet sich durch Druck von Reproduktionen, Bibeln und Wertpapieren aus. Van Aspern van der Velde liefert namentlich Illustrationsdruck.
Buchhandel.
Die Interessen des holländischen Buchgewerbes werden seit 1816 von der Vereenigung ter Bevordering van de Belangen des Boekhandels vertreten[130]. Dieselbe hatte im Jahre 1881 in der Art des Pariser Cercle eine Ausstellung von den Erzeugnissen der Hülfsgewerbe des Buchhandels veranstaltet und auch in derselben Weise wie der Cercle einen reichen Katalog erscheinen lassen[131], zu welchem 28 Buchdruckerfirmen jede eine Abteilung und verschiedene Papierfabrikanten Papier geliefert haben. Dieser Katalog zeigt, dass die holländischen Accidenzbuchdrucker bemüht sind, ihren Kollegen in anderen Ländern nachzukommen. Die Arbeiten sind sauber und akkurat, wenn auch von einer Einschlagung neuer Bahnen keine Rede ist.
Als lithographische Farbendrucker haben Tresling & Co. in Amsterdam und Emrik & Binger in Haarlem Verdienste. Das Topographische Institut liefert nach dem Ecksteinschen Verfahren der Schichtlegung durch die verschiedenartige Behandlung der Schraffierungen und die dadurch entstehende Abstufung der Töne vortreffliche Karten in Farbendruck.
Das holländische Papier ist seit alters her berühmt und von bester Qualität. Weltruf hat das Büttenpapier von van Gelder & Zoonen in Amsterdam. Um die Farbefabrikation machte sich seinerzeit der Major E. W. J. Bagelaer (1817) verdient; jetzt wird der Markt ganz von dem Pariser Fabrikat beherrscht.
Die litterarische Produktion ist eine bedeutende und jährlich erscheint eine stattliche Reihe von wertvollen Werken auf allen Gebieten, mit Ausnahme dessen der Phantasie. An poetischen und illustrierten Werken ist die Ausbeute keine grosse und die Lese- und Schaulust des Publikums wird namentlich durch Übersetzungen und Bearbeitungen deutscher Schöpfungen befriedigt.
Unter den holländischen Verlegern seien erwähnt: Kemink & Zoon, P. W. van de Weyer in Utrecht, J. B. Wolters in Gröningen, A. W. Sythoff und E. J. Brill in Leyden, welche beide letzteren einen reichen Verlag orientalischer Werke haben. Das japanisch-holländisch-englische Wörterbuch in Brills Verlag ist eine bedeutende Leistung. Überhaupt ist Leyden ein wichtiger Verlagsplatz, namentlich für medizinische und naturwissenschaftliche Litteratur, während Utrecht die Fächer der Philologie und Geschichte kultiviert. Bedeutende Druckplätze sind noch Haag und Rotterdam; am letzteren Orte sind J. Würtheim & Zoon, welche namentlich Artikel für den Export liefern, bedeutend.
Fr. Müller * 22. Juli 1817.
Einen hochangesehenen Namen in der Geschichte des holländischen Buchhandels der neueren Zeit erwarb Frederik Müller auf Grund seiner Bestrebungen, System in den Betrieb des Handels und in die holländische Bibliographie zu bringen. Müller hatte eine vorzügliche Ausbildung in dem Etablissement von Johannes Müller, welches aus dem Geschäft von Friedr. Arnold Brockhaus entstanden war (s. Kap. XII), erhalten. Im Jahre 1843 etablierte er sich in Amsterdam auf dem Rockin in einem Keller, der bald ein Sammelpunkt der angesehensten Gelehrten wurde. Eine mit grossem Geschick ausgeführte Bücherbestellung des Vorstandes der Sternwarte zu Pulkowa bei St. Petersburg brachte ihn in eine wichtige Verbindung mit der St. Petersburger kaiserlichen Bibliothek und gab Veranlassung zu der Herausgabe einer Bibliographie néerlandorusse 1859, welcher verschiedene bibliographische Arbeiten folgten.
Der Nachdruck hatte in Müller, trotz dem Widerstande seiner Kollegen, den eifrigsten Bekämpfer, überhaupt nahm er den lebhaftesten Anteil an allen den Buchhandel betreffenden Fragen. Zwei Aufgaben seines Lebens musste er unvollendet lassen: die Abfassung einer allgemeinen niederländischen Bibliographie und die Geschichte des niederländischen Buchhandels, zu welcher das Material zum grössten Teil in der Bibliothek des niederländischen Buchhändler-Vereins deponiert wurde[132].
Belgien.
Der Name Belgiens ist in der Geschichte der neueren Typographie von dem Pariser Frieden ab und bis zu dem Vertrage mit Frankreich vom 1. Mai 1861 hauptsächlich durch die masslose Ausübung des zwar damals nicht verbotenen, doch wenig ehrenvollen Geschäfts des Nachdruckes bekannt.
Der Nachdruck.
Da in den belgischen Provinzen die französische Gesetzgebung auch nach der Trennung von Frankreich massgebend blieb, so waren es selbstverständlich zuerst die besten Werke der französischen Jurisprudenz, welche, da der Vorteil ein sicherer war, den Nachdruckern anheimfielen. Ein Fortschritt der belgischen Typographie war dabei nicht bemerkbar; Papier und Druck blieben mangelhaft und im Jahre 1818 hatte Brüssel erst 18 Druckerpressen.
Der König Wilhelm, der wohl einsah, dass aus dem Druckgewerbe nur dann ein eigentlicher Vorteil für das Land zu erwarten sei, wenn die Erzeugnisse technisch besser ausgeführt würden, unterstützte die Papierfabrikanten und Buchdrucker und förderte die Einberufung französischer Arbeiter. Schon mit dem Jahre 1820 trat eine Besserung in der Produktion ein, doch blieb der Umfang des Druckgewerbes noch bis zur Revolution ein mässiger; der Nachdruck beschränkte sich damals hauptsächlich auf Werke für den inländischen Bedarf und nahm erst nach dem Jahre 1830 grossartigere Dimensionen an.
Produktion.
Während im Jahre 1815 die litterarische Produktion nur fünf Millionen Bogen betrug, war sie 1838 auf über 32 Millionen Bogen gestiegen. 1815 war die Zahl der Buchdruckereien in den belgischen Provinzen 20 mit 27 Pressen, 1838 aber 53 mit 429 Pressen oder, wenn man die vorhandenen Schnellpressen der üblichen Leistungsfähigkeit nach auf Handpressen überträgt, 519 Handpressen.
Grosser Umfang des Nachdrucks.
Von der Gesamtproduktion kamen etwa acht Millionen Bogen, hauptsächlich in Duodezformat, welches Quantum 6–700000 der damals üblichen Romanbände gleichkam, auf die französischen Nachdrucke, deren Umsatz sich auf etwa 3½ Millionen Franken belief. Die bedeutendsten Nachdruckerfirmen Wahlen & Co., Louis Haumann & Co., Meline Cans & Co. gingen an Aktien-Gesellschaften über, die mit einem Kapital von insgesamt etwa fünf Millionen Franken arbeiteten. Diese Gesellschaften machten jedoch keine guten Geschäfte, da der kostspielige und komplizierte Administrations-Apparat den Vorteil absorbierte, zudem die kleineren Nachdrucker mit ihrem einfachen Geschäftsbetrieb die Preise ausserordentlich gedrückt hatten.
Von der Bedeutung des Nachdrucks mögen einige Thatsachen sprechen: Bérangers Gedichte wurden in etwa 30000 Exemplaren gedruckt; Thiers' Revolution in 15000; Lamennais' Paroles d'un croyant in 60000 Exemplaren. Die kostbarsten Werke, z. B. die mit grossen Opfern durch Didot ins Leben gerufene neue Bearbeitung des Dictionnaire de l'Académie, fielen den Nachdruckern anheim, ja selbst mit den besten Zeitschriften als der Revue des deux mondes und der Revue britannique war es der Fall. Es kam sogar so weit, dass man eine eigene Zeitschrift Revue des Revues gründete, welche eine Quintessenz der verschiedensten periodischen Schriften von Wert brachte, während die politischen Zeitungen Belgiens den Romanhunger des Publikums mit Nachdrucken französischer Feuilletons stillten. Die Brüsseler Buchhandlungen unterhielten Comptoire in London, Leipzig und anderen Orten; in vielen Grenzorten Frankreichs errichteten sie Depots behufs des Schmuggels, ja selbst in Algier existierte ein solches, um die heimliche Einfuhr nach Frankreich zu betreiben.
Aufhören des Nachdrucks.
Diesem Unfug wurde, zum wahren Vorteil Belgiens, durch den Vertrag mit Frankreich ein Ende gemacht und Belgien war nun genötigt und auch mit Erfolg bemüht, sich auf dem Litteraturmarkt selbständig geltend zu machen. Auch das Druckgewerbe hatte von der Änderung einen Vorteil; denn, waren auch die Nachdrucke meist sauber ausgestattet, so hielten sich doch alle Erscheinungen auf demselben Niveau des einfach mittelguten Werkdrucks und von einem höheren Aufschwung der Kunst war keine Rede[133].
Der Import an Büchern aus Frankreich ist jetzt begreiflicherweise ein bedeutenderer geworden und beträgt etwa drei Millionen Franken an Wert, während der Export nach Frankreich nur etwa eine halbe Million Franken erreicht.
Verschiedene Buchdrucker.
Ein Zweig des Pressgewerbes von grosser Bedeutung ist der Druck liturgischer und überhaupt Andachtsbücher. Selbst die französischen Pressen haben in dieser Richtung schwer mit der belgischen Konkurrenz zu kämpfen. Unter denjenigen Offizinen, die sich in dieser Produktion auszeichnen und eine grosse Ausfuhr nach allen Weltteilen haben, sind M. H. Dessain und Haniq in Mecheln, mit welchen Wesmael-Charlier, Legros in Namur und Greuse in Brüssel, welch letzterer auch die umfangreiche venetianische Ausgabe der Bolandisten fortsetzt, konkurrieren. Hebräische und chaldäische Werke liefern van Linhout und van der Zande in Löwen. J. S. van Dooselaere in Gent[134] ist ein, seinem Fache mit grosser Liebe zugethaner Jünger Gutenbergs. Ein von ihm gedruckter Recueil descriptif des antiquités ist ein typographisches Kunststück, indem der Text die äussere Form E. Vanderhaegen † 1881.der beschriebenen kunstgewerblichen Gegenstände nachbildet. E. Vanderhaegen, ebenfalls in Gent, machte sich durch seine Bibliographie gantoise, 7 Bände, 1858–1869, einen Namen. Henri Castermann & Co. in Tournai vereinigen mit der Buchdruckerei auch die verwandten Geschäftszweige und den Verlagshandel. Allen ihren Arbeiten sind Nettigkeit und Eleganz nachzurühmen.
In Brüssel zeichnet sich Ad. Mertens durch gute Illustrationsdrucke und Luxusarbeiten aus. F. Guyot Frères[135] sind bedeutend im Accidenzfache und liefern viele Wertpapiere und Regierungsarbeiten, in welchen auch F. Hayez Beachtenswertes produziert. Bruylant-Christophe zeigt im Werk- und Buntdruck technische Tüchtigkeit. Adolf Wahlen veranstaltete mit A. Delpierres Leben der Maria von Burgund ein vorzügliches Druckwerk. Ein glücklicher Zufall hatte ein auf das feinste verziertes, nachweislich von der eigenen Hand der kunstsinnigen Prinzessin Marie herrührendes Alphabet Initiale vor dem Untergange bewahrt, welches nun mit grösster Sorgfalt für das erwähnte Werk nachgebildet wurde. Auch auf den Satz verwendete man die grösste Mühe, so dass in dem ganzen Werk kein geteiltes Wort vorkommt, ohne dass deshalb die Regelmässigkeit des Ausschlusses irgendwie gestört wäre.
Der Schatz, welchen Antwerpen in dem Plantin-Museum besitzt, durch welches diese Stadt ein typographisches Mekka geworden, ist bereits (I, S. 225) ausführlicher besprochen[136].
Statistisches.
Die Zahl der Buchdruckereien in Belgien beträgt 639; davon kommen auf Brüssel 101, Antwerpen 51, Lüttich 37, Gent 34, Brügge 21. Unter den Schriftgiessereien zeichnen sich Vanderborght und Meline Cans & Co. aus. Die Zeitungspresse[137] Belgiens teilt sich in zwei, einander gegenüberstehende Lager, das katholische und das liberale. Im Jahre 1840 hatte Belgien nur 75 Journale, darunter 39 vlämische. 1880 war die Zahl auf 388 gestiegen, darunter 143 in vlämischer Sprache. 54 Zeitungen erscheinen täglich. Die älteste derselben ist das 1764 gegründete Journal de Liège. Unter den Fachblättern sind zu nennen die Annales de l'imprimerie.
ITALIEN.
Italien.
Italien seufzte in der vorliegenden Periode unter dem Druck der Fremdherrschaft bald österreichischer, bald spanischer und französischer Machthaber. Jede freiere Geistesregung war verschwunden und infolge davon vegetierte auch die einst so blühende Typographie nur in kümmerlichster Weise fort. Der kleinen Stadt Parma allein war es beschieden, durch den einzigen bedeutenden Meister dieser Zeit einen grossen, jedoch nur kurz andauernden Ruf zu gewinnen.
J. B. Bodoni * 16. Febr. 1740, † 30. Nov. 1813.
Dieser Meister, Johann Baptist Bodoni[138], ward in Saluzzo von einfachen aber respektablen Eltern geboren. Die Anfänge der Kunst lernte er bei dem Vater und bereits frühzeitig entwickelte er ein nicht gewöhnliches Zeichentalent und schnitt in seinen Freistunden Vignetten in Holz, die später, nachdem der unbekannte Holzschneider ein berühmter Buchdrucker geworden war, von Sammlern sehr gesucht wurden.
Bodoni in der Propaganda.
Achtzehn Jahre alt begab er sich mit einem Freunde nach Rom, wo der letztere einen Onkel hatte, von welchem die Wanderer Unterstützung erwarteten. Die kleine Barschaft war unterwegs bald aufgezehrt, da half Bodoni durch Verkauf von Holzschnittvignetten an Buchdrucker. Den nach Rom Gekommenen erklärte der Onkel nicht helfen zu können. Bodoni war zur Rückkehr entschlossen, wollte jedoch wenigstens der berühmten Offizin der Propaganda einen Besuch abstatten. Bei diesem erregte die Lebhaftigkeit und das gefällige Wesen Bodonis die Aufmerksamkeit des Direktors, Abbé Ruggieri, und er wurde engagiert. Auf Veranlassung der obersten Spitze der Anstalt, des Kardinals Spinelli, der Bodonis Streben wohlgefällig bemerkte, nahm dieser an einem Kursus der orientalischen Sprachen Anteil und lernte auch Arabisch und Hebräisch lesen. Mit der typographischen Ausführung eines arabisch-koptischen Missale und des Alphabeticum Tibetanum des Paters Georgi betraut, entledigte er sich der Aufgaben in so befriedigender Weise, dass Ruggieri dem Schlusse des Werkes den Vermerk: „Roma, excudebat J. B. Bodoni, Salutiensis 1762“ aufdrucken liess.
Bei der Ordnung der orientalischen Schriftenvorräte der Anstalt war die Lust bei Bodoni entstanden, selbst Schriftschneider zu werden und er griff diesen Gedanken mit einem solchen Eifer auf, dass er in kurzer Zeit ein sehr tüchtiger Stempelschneider wurde. Wahrscheinlicherweise wäre sein Schicksal für stets mit der Propaganda verknüpft geblieben, wenn nicht der freiwillige Tod seines Gönners Ruggieri ihm den dortigen Aufenthalt verleidet hätte. Er nahm einen Ruf nach England an, wollte jedoch vor seiner Abreise nochmals seine Eltern in Saluzzo sehen. Dort erkrankte er in so bedenklicher Weise, dass seine Abreise verschoben werden musste, und als der Marquis Telino ihm das Anerbieten machte, an die Spitze einer, der Königlichen Buchdruckerei in Paris ähnlichen Anstalt, die man in Parma errichten wollte, zu treten, gab Bodoni das Engagement nach England ganz auf und siedelte nach Parma über.
Buchdrucker in Parma.
Hier begann nun für ihn eine Zeit des strengsten Arbeitens, auch war er anfänglich keineswegs pekuniär günstig gestellt. Im Jahre 1771 legte er durch seine Saggio tipographico di fregi et majuscola Proben seiner Kunst als Stempelschneider ab. 1774 folgten Iscrizioni esotiche von de Rossi und 1775 bei Gelegenheit der Vermählung des Fürsten von Piemont mit der Prinzessin Clotilde von Frankreich, die in 25 verschiedenen Sprachen, orientalischen und europäischen, gedruckten Epithalamia exoticis linguis reddita. Das letztere Werk richtete die allgemeine Aufmerksamkeit auf Bodoni. Kein Reisender von Bedeutung unterliess es, dessen Druckanstalt zu besuchen. Karl III. von Spanien ernannte ihn zu seinem Hofbuchdrucker; Gustav III. von Schweden und Ferdinand IV. von Neapel erteilten ihm Auszeichnungen. Alle waren einig, dass Bodonis Erzeugnisse in Bezug auf Eleganz und Gleichförmigkeit nicht übertroffen seien.
Im Jahre 1788 wurde ihm von dem Ritter d'Azara, dem spanischen Gesandten in Rom, das Anerbieten gemacht, in dessen Palast eine Druckerei für die Herausgabe griechischer, lateinischer und italienischer Klassiker einzurichten. Unwillig darüber, dass jemand ihm eine solche typographische Kapazität rauben wolle, gestattete der Herzog von Parma, dass Bodoni eine ähnliche Offizin, wie die in Rom beabsichtigte, in dem herzoglichen Schlosse einrichtete, aus welcher dann einige der schönsten Klassiker-Ausgaben, darunter der Virgil von 1793 und Tassos Gerusalemme liberata in drei Foliobänden (1794), hervorgingen.
Prachtwerke.
Die kostbarste aller seiner Prachtausgaben war jedoch der Homer (1808), den er dem Kaiser Napoleon dedizierte, von welchem er in der Zeit der Franzosenherrschaft in jeder Weise begünstigt wurde. Bei der Überreichung des Dedikationsexemplares erhielt Bodoni eine Pension von 3000 Franken. Der Vizekönig von Italien, Eugen Beauharnais, wollte ihn gern nach Mailand, Murat nach Neapel ziehen. Bodoni wünschte jedoch nicht Parma zu verlassen und schützte Alter und Kränklichkeit vor. Er hasste überhaupt das Franzosentum, verstand es aber ganz wohl, sich in die Verhältnisse zu schicken und diese sich nutzbar zu machen.
Im Jahre 1811 wurde er von Murat dekoriert. Letzterer hatte die Absicht, für den jungen Murat eine Reihe von Klassikern drucken zu lassen. Der Anfang wurde 1812 mit Télémaque gemacht, dem 1813 Racine folgte; erst 1814, nach Bodonis Tod, erschienen Lafontaine und Boileau. Auf Grund dieser französischen Klassiker-Ausgaben erteilte Napoleon dem Bodoni kurz vor dessen Tode das Kreuz der Ehrenlegion in Begleitung eines Ehrengeschenkes von 18000 Franken.
Unter Bodonis Arbeiten müssen noch zwei erwähnt werden, die für den Typographen von Fach ein ganz besonderes Interesse haben: seine Oratio dominica und sein Manuale tipographico.
Oratio dominica.
Als der Papst Pius VII. im Jahre 1805 auf seiner Rückreise von Paris, wo ihm in der Staatsdruckerei die Oratio dominica durch Marcel überreicht worden war, durch Parma kam, forderte er Bodoni auf, zu zeigen, dass Italien ein ähnliches Werk liefern könne. Bodoni wollte nun die Pariser Ausgabe noch übertreffen und lieferte auch, und zwar in sehr kurzer Zeit, die seinige in 155 Sprachen; 51 asiatischen, 82 europäischen, 12 afrikanischen und 20 amerikanischen, allerdings nur, indem die Propaganda ihn mit ihren Vorräten unterstützte.
Manuale tipographico.
Das Manuale tipographico del Cavaliere Giambattista Bodoni, zwei Bände in kleinem Folio, wurde erst 1818 von seiner Witwe herausgegeben. Es enthält auf 87 Seiten eine Einleitung der Witwe und 267 Seiten Proben. Die erste Serie bringt auf 144 Blatt die Caratteri latini tondi e corsivi, eine Sammlung von Antiqua- und Cursivschriften, wie sie in solcher Vollständigkeit, Vollendung und einheitlichen Durchführung sonst wohl selten oder nie gefunden wird. Bodoni schnitt folgende 22 Grade: Parmigianina, Nonpariglia, Mignona, Testino, Garamoncino, Garamone, Filosofia, Lettura, Silvio, Soprasilvio, Testo, Parangone, Ascendonica, Palestina, Canoncino, Sopracanon, Canone, Corale, Ducale, Reale, Imperiale, Papale. Darauf folgen 85 Blatt Versalien, Antiqua-, Cursiv- und Schreibschriften. Der zweite Band enthält 59 Blätter Griechisch, 33 Blätter Orientalia, darauf, zwischen Malabarisch und Russisch, zwei Blätter Caratteri tedeschi, in einer Ausführung, die allerdings nahe ans Malabarische grenzt. Die russischen Schriften sind auf 82 Blättern sehr reich und schön vertreten. Den Schluss machen 91 Blatt Fregi (Einfassungen), Linien und Diverse, die ohne Bedeutung sind.
Das Ganze bildet ein Druckwerk ersten Ranges. Der tiefschwarze und doch mit wenig Farbe erzielte Druck, die Schärfe der Schrift, die Einfachheit und das Ebenmass des Ganzen, das schöne milchweisse Velinpapier, ohne den schädigenden Glanz der Satinage, haben ein Kunstwerk zuwegegebracht, welches das Studium jedes Gutenberg-Jüngers verdient.
Bodonis Schriften wurden nicht allein in Italien überall verbreitet, sondern fanden auch Eingang in Berlin durch Decker und Unger, in Leipzig durch Breitkopf, in der Schweiz durch Gessner, in London durch Nicholls, in Kopenhagen und an andern Orten.
Krankheit und Tod.
Bodoni war von der Natur kräftig, schadete sich aber durch übermässiges Arbeiten. Er bezeichnete sich selbst als einen Galeerensklaven und war in der That an die Druckerei wie angeschmiedet. Seit Jahren an Podagra leidend, liess er sich durch Schmerz und Ungeduld verleiten, als Kur innerhalb je 12 Stunden 36 Pfund heisses Wasser zu trinken, und er würde dies noch weitergetrieben haben, wäre er nicht durch Ohnmachten daran gehindert worden. Die Folge war eine Schwächung des Magens, die nicht wieder gehoben werden konnte. Am 30. November 1813 unterlag er, und am 2. Dezember rief die grosse Glocke des Domes die Bürger Parmas zu der feierlichen Beerdigung ihres hochverdienten Mitbürgers.
Bodonis Denkmal in Saluzzo wurde am 20. Oktober 1872 eingeweiht. Es stellt ihn in ganzer Figur vor, umgeben von den Werkzeugen seiner Kunst.
Verdienste.
Bodoni leistete vieles ganz ausserordentlich Schöne, doch entstanden die Produkte seiner Pressen zumteil mehr aus typographischem Ehrgeiz als aus dem Wunsch, höheren, veredelnden Zwecken zu dienen, wie dies in der Vergangenheit das Ziel seines grossen Landsmannes Aldus gewesen oder in seiner Zeit das der Didots war. Er huldigte öfters zu sehr dem Luxusdruck ohne eigentlichen Zweck. Sein Wirken erhellte deshalb zwar eine zeitlang den typographischen Himmel Italiens, es war jedoch nicht mit dem erwärmenden, fruchtbringenden Licht der Sonne zu vergleichen, sondern mehr mit der prachtvollen, die Augen entzückenden Erscheinung eines glänzenden Meteors, welches ebenso unvermutet zum Vorschein kommt, als es rasch verschwindet.
Die Typographie in Italien.
So finden wir bis um die Mitte unseres Jahrhunderts die Typographie und das Buchgewerbe Italiens in einem wenig erfreulichen Zustande. Die Zensur war eine ausserordentlich strenge und die Bücher, die in einem Teil des Landes gedruckt waren, konnten nicht unbehindert in einem anderen vertrieben werden. In Neapel existierten Zölle, die gleich einem Verbot wirkten; dabei florierte der Nachdruck und der Verkehr mit dem Auslande bot die grössten Schwierigkeiten.
Statistisches.
Im Jahre 1833 gab es 464 Buchdruckereien und Buchhandlungen; 1835 wurden 2819 Werke in 4295 Bänden herausgegeben. 1836 zählte man, einschliesslich der offiziellen Zeitungen der verschiedenen Staaten, nur 185 Zeitschriften, davon 26 in Neapel, 19 in Mailand, je 10 in Rom und Turin, je 8 in Palermo und Florenz.
Die 1848 in Piemont eingeführte Pressfreiheit trug zwar bald Früchte, jedoch datiert der eigentliche Fortschritt erst von der Einigung Italiens. 1859 gab es gegen 600 Buchdruckereien mit etwa 2000 Pressen. Turin hatte 780 Setzer, 164 Handpressen und 47 Schnellpressen, bei deren Einführung man nicht darauf drucken wollte, bevor die Macht des Satans über sie durch Besprengung derselben mit geweihtem Wasser seitens eines Geistlichen beseitigt war. 1872 bestanden bereits 911 Buchdruckereien, in welchen 745 Schnellpressen, 2691 Handpressen und nahe an 11000 Personen beschäftigt wurden. Unter den 1083 Buchhandlungen verdienten allerdings eine ziemliche Anzahl kaum diesen Namen. Viele, selbst bekannte Schriftsteller mussten ihre Werke auf eigene Kosten drucken lassen.
Die buchhändlerische Produktion, welche 1863 4243 Werke betragen hatte, war 1872 auf 6798 neue Werke gestiegen. 6509 Fortsetzungen waren noch im Gange, wozu noch 2666 Gesetze, Statuten etc. kamen, so dass die ganze Produktion 15973 Nummern betrug[139].
Im Jahre 1869 war die Zahl der Zeitschriften auf 450 angewachsen. Damals zeigte sich die grösste journalistische Thätigkeit in dem Norden, dem eigentlichen Herde der Freiheit Italiens. Turin zählte derzeit über 100 Zeitschriften, Mailand 80, Florenz 51, Genua 37. Zwei Drittel derselben waren politischen Inhalts; 75 erschienen täglich, 65 zwei- bis dreimal, 179 einmal wöchentlich. 1872 war die Zahl schon 723. Obenan stand damals Florenz mit 101, während Turin auf 75 gesunken war. Im Jahre 1873, mit 1126 Zeitschriften, hatte Mailand mit seinen 137 den Vorsprung über Florenz und Turin gewonnen, Rom zählte 109; ihm folgte Florenz mit 107 auf dem Fusse, dann Turin mit 85, Neapel mit 81, Genua mit 51, Palermo mit 48, Venedig mit 38, Bologna mit 36. Die Gesamtauflage einer Nummer aller Zeitschriften betrug 1¾ Millionen Stück. Die Post versandte jährlich gegen 100 Millionen einzelne Nummern. Zeitungen mit einer allgemeinen grossen Verbreitung gab es in Italien nicht; jedes Städtchen hängt an seinem Lokalblättchen.
Wie rasch Italien sich unter seinen neuen Verhältnissen entwickelt, geht schon daraus hervor, dass 1881 die Zeitschriften auf 1854 gestiegen waren, unter welchen 159 Tageszeitungen.
Werfen wir noch einen Blick auf die Pressthätigkeit der einzelnen Städte.
Venedig.
Venedigs hoher typographischer Ruhm war wie sein politischer zu Grabe getragen, wennauch einzelne bedeutendere Erscheinungen sich sporadisch zeigten, zu welchen Alvisopolis vortreffliches Prachtwerk Le fabbriche più cospicue di Venezia, zwei Bände in Folio, gehörte. Aus alter Zeit hat sich nur die armenische Offizin Mechitaristen.der Mechitaristen auf der Insel S. Lazaro (I, S. 186) erhalten. Das Kloster entging auf Grund seiner wissenschaftlichen Bestrebungen der Aufhebung unter napoleonischer Herrschaft und wurde zu einer armenischen Akademie erhoben, die noch existiert und für welche die Offizin eine Monatsschrift Pasmaveb (der Polyhistor) druckt, von welcher dreissig Bände erschienen. Die Akademie erwählte auch auswärtige Mitglieder, zu welchen Lord Byron zählte, der oft und gern dort verkehrte und armenische Studien trieb. Zu ihren bedeutenderen Leistungen aus neuerer Periode gehören der Thesaurus linguae armenicae und die Chronik des Eusebius in armenischer, lateinischer und griechischer Sprache, sowie das Dizionario armeno-letterale. Als Probe ihrer Produktionsfähigkeit liessen die Brüder-Typographen 1837 die Preces sancti Nercetis in 24 Sprachen erscheinen[140].
In Udine erschien bei den Brüdern Mattiuzzi eine schöne Ausgabe von Vitruvii Pollionis Architectura, vier Bände in Quart, 1825.
Panfilo Castaldi.
Ein sonderbares Schauspiel vollzog sich am 25. September 1868 in dem Städtchen Feltre, an welchem Tage unter grossen Festlichkeiten ein Monument des Erfinders der Buchdruckerkunst — selbstverständlich nicht Gutenbergs, sondern des Italieners Panfilo Castaldi — enthüllt wurde.
Der Prätor Antonio Cambruzzi schrieb um 1556 in seiner Geschichte der Stadt Feltre: »Um diese Zeit (1456) lebte Pamfilio Castaldio, Doktor der Rechte und Dichter, in Feltre, der die Erfindung (!) der Buchdruckerkunst entdeckte (!!). Der Burggraf Faust lernte von ihm diese Kunst, als er in seinem Hause zu Feltre wohnte, um die italienische Sprache zu studieren. Er führte die Druckkunst nach Deutschland, übte sie in Mainz und bekam nachher von Einigen den Titel des ersten Erfinders. Andere haben diese Erfindung einem Deutschen namens Cuttembergo aus der Stadt Strassburg zugeschrieben, allein der erste Erfinder ist, »„wie aus den Chroniken von Feltre erhellt««, Pamfilio Castaldio gewesen“.
Recht schade ist es, dass diese „erhellenden Chroniken“ nicht existieren. Indes dies geniert die „späteren Zeugen“, die auf Cambruzzi fussen und ihn sogar fälschen, nicht, wie es auch Gutenbergs Manen nicht genieren wird, dass seinen Konkurrenten in Feltre und Haarlem Statuen errichtet wurden. Fast möchte man aber glauben, dass es Italien besser angestanden hätte, der Zierde der italienischen Typographie, dem Aldus Manutius, ein würdiges Monument zu setzen, statt einer mythischen Person zu huldigen, zu einer Zeit, wo der Nebel, welcher die Geschichte der Erfindung bisher umhüllte, wenigstens so weit zerstreut ist, dass man nicht Erfindern à la Castaldi und Coster Denkmäler errichten sollte.
In jüngster Zeit hat der Vorsteher des Staatsarchives zu Mailand, Cesar Cantu, zwei Urkunden entdeckt, nach welchen sich ergiebt, dass Castaldi im Jahre 1472 in seinem 74. Lebensjahre als Lehrer der Buchdruckerkunst von dem Herzog Galeazzo Maria Sforza in Mailand nach dort berufen und dass ihm das Recht erteilt wurde, eine Druckerei zu eröffnen. Wie damit eine Erfindung seitens des Castaldi bewiesen werden soll, ist nicht leicht ersichtlich[141].
Padua.
Padua beansprucht den etwas zweifelhaften Ruhm, in seinem sogenannten Dantino das mit der kleinsten Schrift gedruckte Buch hervorgebracht zu haben. Im Jahre 1834 hatte bereits Antonio Farina eine Schrift, die er Occhio di mosca (Fliegenauge) nannte, geschnitten. In demselben Jahre trat Claudio Wilmant mit einer noch kleineren, Milanina, hervor. Nach vielem Herumirren derselben schloss der letzte Besitzer dieser Schrift, Giovanni Gnocchi, 1873 einen Vertrag mit den Gebrüdern Salmin in Padua über den Druck einer Ausgabe von Dantes göttlicher Komödie ab und nach fünf Jahren erschien dieselbe.
Mailand.
Mailand trug durch P. E. Giustis Ausgabe der Famiglie celebri di Italia des Grafen Pompeo Litta zur Ehre der Kunst bei. Dort wirkt die Anstalt von Ed. Sonzogno (gegr. 1861) mit 30 Schnellpressen und 500 Personen für die Herstellung des eigenen Verlags der Firma, darunter 15 Zeitschriften. Civelli (1840) hat Druckereien in Mailand, Turin, Verona, Ancona und Rom, ausserdem zwei Papierfabriken und verlegt fünf Zeitschriften. Er druckt fast alle Arbeiten für die italienischen Eisenbahnen. Ein Riesenwerk ist das Vocabulario universale della lingua italiana, acht Bände in Quart.
Was den lithographischen Bilderdruck betrifft, hat Mailand zwei vortreffliche Repräsentanten aufzuweisen, Ulysses Borzino und seine Frau, die beide selbst tüchtige Künstler sind.
Familie Pomba.
Was Bodoni für die Typographie Italiens gewesen, war die Familie Pomba in Turin für den Verlagshandel. Die von derselben 1818 begonnene Collezione dei classici Latini in 108 Bänden wurde 1835 beendigt. Ihre Biblioteca populare di classici autori, 100 Bände, in 16. (1829) gab den ersten Impuls in Italien zur Verbreitung guter Bücher zu den billigsten Preisen. Nach dem Vorbilde der Penny Cyclopaedia wurde 1842–1849 die Encyclopedia populare, zwölf Bände in Quart, herausgegeben. Glänzenden Erfolg erzielte Cesar Cantus Storia universale, die in sehr kurzer Zeit zwei teuere Auflagen und eine billige erlebte. Die Firma Pomba & Co. unternahm die Biblioteca dell' Economista, 26 Bände, und ein kolossales Werk, Istituzioni di agricoltura.
Luigi Pomba † 1872.
Am 1. Februar 1855 ging das Pombasche Geschäft mit noch einigen anderen, kleineren Geschäften in den Besitz der Unione tipografico-editrice über, die unter der Direktion Luigi Pombas eine grosse Wirksamkeit, namentlich in encyklopädischer Richtung, entwickelte und Filialen in Rom, Neapel und Pisa gründete. Neue grossartige Werke der Firma waren das Wörterbuch von Nic. Tommaseo, acht Bände in Quart; die Encyclopedia di chimica, zehn Bände in Quart, und die Prachtausgabe von A. Palladios Fabbriche etc., fünf Bände in Fol., ferner die italienischen illustrierten Ausgaben der Werke Brehms, Darwins u. a.
Ausser durch die eigene Verlagsthätigkeit zeichnete sich Joh. Pomba durch seine allerdings ohne Erfolg gebliebenen Bestrebungen, den italienischen Buchhandel nach Art des deutschen zu organisieren, aus. Um sich näher mit dem Betrieb des letzteren bekannt zu machen, besuchte Pomba die Leipziger Messe und liess 1869 eine Broschüre Informazione della fiera di Lipsia erscheinen.
Grosse Anstrengungen machte die königliche Druckerei in Turin in den Händen der Firma Paravia (Vigliardi), die auch Filialen in Mailand, Florenz und Rom errichtete. Schöne Arbeiten lieferten in Turin ebenfalls Bona, sowie Chirio & Mina. Unter den Arbeiten der letzteren ragt die Geschichte des Klosters Alta Comba in Folio mit Einfassungen in Golddruck im Geschmack des XV. Jahrhunderts hervor.
Florenz.
In Florenz, das durch Verbindung vieler Eigenschaften (geographische Lage, allgemeine Bildung, Reinheit der Sprache, Tüchtigkeit der Setzer) geeignet wäre, ein Leipzig Italiens zu werden, lieferte 1825 Molini eines der schönsten Druckwerke Italiens, die vom Grossherzog von Toscana veranstaltete Prachtausgabe der Opere di Lorenzo de' Medici, vier Bände in Gross-Quart. Mareingh, erst in Florenz, dann in Triest, zeigte in Tassos Gerusalemme liberata, zwei Bände in Gross-Folio, 1820, und in den Monumens sépulcraux de Toscane, 1821, feinen Geschmack und grosses Geschick. Eines der bedeutendsten Werke der letzten Zeit ist das in der Tipografia Cenniniana auf 1648 zweispaltige Seiten gedruckte Vocabulario Italiano von P. Fanfani, Rigutini und F. Corridi. Als Drucker und Verleger bedeutend ist G. Barbera; er ist durch seine Diamant-Ausgaben italienischer Klassiker bekannt.
Florenz hat einen Cercolo tipografico, in dem Prinzipale und Gehülfen zwanglos verkehren. Hier erscheint auch seit 1869 das in würdiger Weise von Salv. Landi geleitete und typographisch sehr gut ausgestattete Journal L'Arte della stampa. Als Organ der Gehülfen dient Il tipografo (Turin). Senefelder ist der Titel einer in Turin in italienischer und französischer Sprache erscheinenden lithographischen Monatsschrift.
Rom.
Rom hatte zwar nie einen ersten Platz in der typographischen Geschichte eingenommen, sank jedoch in der Periode von 1750 ab tiefer als man hätte erwarten sollen. Das einzige Institut von einiger Bedeutung war die Druckerei der Propaganda (I, S. 186)[142]. Ihren Flor verdankt sie dem gelehrten Prälaten Leo Allacci (Allatius), den Kardinälen Antonelli, Ruggieri, Spinelli, Consalvi und Zurla, sowie den Monsignoren Ricci, Amaducci und Borgia. Eine solche Stellung jedoch, wie dies Institut hätte einnehmen können und sollen, wurde nicht erreicht. Nicht nur andere Staatsanstalten, sondern auch Privatdruckereien anderer Länder überflügelten weit die Propaganda. 1812 ward sie zeitweilig ganz unterdrückt, hob sich jedoch später wieder. Die von Napoleon geraubten Schriften kamen wieder nach Rom zurück. Besonders der Papst Pius IX. nahm sich der Anstalt an und ernannte 1865 den verdienten Ritter Marietti zum Direktor, der 1872 seine Stelle niederlegte und von Federigo Melandri gefolgt wurde. Unter den seit 1865 entstandenen Werken der Offizin sind zu erwähnen der Bibliorum Sacrorum Codex Vaticanus, mit den Typen des Tischendorfschen Codex Sinaiticus gedruckt, und eine Oratio dominica in 250 Sprachen, die trotz der Schriftenmannigfaltigkeit zeigt, dass die Anstalt nicht auf der Höhe der Jetztzeit steht[143].
Eine Hofbuchdruckerei Stamperia camerale wurde 1834 sehr hübsch in dem Palast Cornaro eingerichtet. Im Jahre 1881 gab es in Rom 53 Buchdruckereien mit 172 Schnellpressen und 129 Handpressen. Die Zahl der Gehülfen war 722, der Lehrlinge 268. Die grösste Zahl der Schnellpressen, 31, und ebenso viele Handpressen beschäftigte die „Aktienbuchdruckerei“. Bedeutend sind ferner: Civelli, Bottas Nachfolger, mit 11 Schnellpressen und 81 Setzer; die Druckerei der Nationalbank mit 8 Schnellpressen und 11 Handpressen; Molina mit 16 resp. 8.
Neapel.
Neapel[144] sucht in seinen Leistungen nicht zurückzubleiben. Angeli & Sohn liefern viele Accidenzien. Dort gelangte eines der prachtvollsten Stichwerke der Neuzeit zur Ausführung, das von Piranesi Vater und Sohn herausgegebene: Antike Denkmäler Roms. In der Kunst, die Monumente und Ruinen darzustellen, sind die beiden Meister nicht übertroffen. Der Vater J. P. Piranesi † 1778.Joh. Baptist Piranesi aus Venedig lieferte die ersten 16 Bände und der Sohn Franz Piranesi setzte das Werk fort. Nach verschiedenen Schicksalen liess sich letzterer in Paris nieder. Napoleon begünstigte ihn sehr und es wurde der Beschluss gefasst, von Staatswegen das Werk für 300000 Franken und ein Jahresgehalt an Piranesi von 12000 Franken zu erwerben. Das Unglück in Moskau verhinderte die Vollziehung des betreffenden Dekretes, jedoch erwarben die Didots das grossartige Unternehmen von 29 Bänden mit über 2000 Kupferstichen im grössten Atlanten-Format.
SPANIEN. PORTUGAL. SÜDAMERIKA.
Spanien.
Spanien hat wie Italien in der Periode von 1750 ab einen einzigen hervorragenden Namen aufzuweisen, während seine typographische Geschichte wenig von Bedeutung verzeichnen kann[145].
J. Ibarra.
Der Kammerdrucker des Königs, Joachim Ibarra aus Saragossa, war der Mann, der die Buchdruckerkunst in Spanien zu einer dort noch nicht gekannten Höhe erhob und einen Wetteifer der Buchdrucker hervorrief, der sie weiter trieb, als 20O Jahre es vermocht hatten. Ibarras Prachtwerke zeichnen sich gleich sehr durch die Schönheit des Druckes, der Typen und der Illustrationen, sowie durch die Glätte des Papiers, und durch die Korrektheit aus.
Unter seinen Druckwerken sind besonders zu nennen die spanische Übersetzung des Sallust durch den Infanten Don Gabriel, mit Illustrationen, Folio, 1772; eine Dissertation des Fr. Perez Bayer über die phönizische Sprache, Folio, 1772; die Prachtausgabe des Don Quixote, vier reich illustrierte Bände in Quart, 1780; Marianas Geschichte Spaniens, zwei Bände, Folio, 1780. Ibarras Witwe setzte das Geschäft in rühmlichster Weise fort; eine vorzügliche Leistung von ihr ist das Diccionario de la lengua Castellana, Folio, 1803.
Für die Achtung, welche die Spanier ihrem grossen Dichter Cervantes zollen, spricht der Umstand, dass eine Facsimile-Reproduktion der ersten Ausgabe der Werke desselben (I, S. 190), von Francisco Quijano in 1500 Exemplaren veranstaltet, sofort vergriffen war.
Madrid.
Unter den neueren Druckern Madrids werden mit Ruhm genannt: Gaspar & Roix, Calleja Millado, Man. Rivadaneira (jetzt Abelardo de Carlos und Sohn), Juan Aguado, Ducazal, Joachim Fontanet, Gabriel Albamra u. a. Im Jahre 1881 hatte die Stadt 104 Buchdruckereien, 110 Buchhandlungen, 64 lithographische Anstalten. Die Schriftgiessereien sind schwach vertreten, J. Aguado † 22. März 1878.die bedeutendste darunter ist die von Juan Aguado, der auch die Fachzeitschrift Bulletin tipografico herausgiebt. Ein zweites Fachblatt ist die Cronica de la imprenta. Von Zeitschriften erschienen 206 (darunter 60 politische, von welchen die Correspondencia die grösste Auflage [über 50000] hat). Die spanische illustrierte Zeitung ist eine tüchtige Leistung A. de Carlos' und enthält viele gute Original-Illustrationen, ebenso El museo universal.
Barcelona.
Nächst Madrid ist Barcelona der bedeutendste Druckort. Die dort bestehende Banknotendruckerei unter Direktion von Zaragozano & Jaime ist ganz mit französischem Material ausgerüstet und beschäftigt über 60 Personen. Früher wurde das spanische Papiergeld in England gedruckt. In Barcelona erscheint auch ein Fachblatt El correo tipolitografico von Cepherino Gorchs. Die Stadt besass 1881 42 Buchdruckereien, davon 6 mit Dampf- und 10 mit Gasbetrieb. 919 Personen, 95 Schnellpressen (darunter 81 französische), 60 Handpressen (darunter nur zwei deutsche) waren beschäftigt. Ausserdem zählte man dort 51 lithographische Anstalten, 57 Buchhandlungen und 63 Journale.
Valencia.
Das in Valencia erschienene Bayeri opus de nummis Hebrae-Samarithanis, zwei Bände in Quart, 1781 und 1790, ist ein Werk, welches eine Vorstellung giebt von dem, was die Buchdruckerkunst in Spanien hätte werden können, wenn sie genügende Unterstützung gefunden hätte und nicht zugleich mit der Entwickelung der allgemeinen Bildung unter unglücklichen inneren Verhältnissen so sehr gehemmt worden wäre.
Portugal.
Imprenza Nacional.
Wennauch die Typographie in Portugal[146], gleichwie in Spanien, im allgemeinen keine besonders hohe Stufe erklommen hat, so besitzt das Land doch eine Anstalt, die, vortrefflich geleitet, ganz Vorzügliches leistet: die Imprenza Nacional. Sie ist durch Marquis Pombal, den bekannten Staatsreformator Portugals unter der Regierung Josephs I., ins Leben gerufen, mit der Absicht, eine Anstalt wie die Pariser königliche Druckerei zu schaffen, welche eine Pflanzstätte der Kunst werden, zugleich auch billige Unterrichtsbücher drucken sollte.
Das Dekret, welches die Imprenza Regia anordnete, datiert vom 24. Dezember 1768. Ein Regierungspalast wurde ihr eingeräumt und bereits in den ersten Tagen des Jahres 1769 konnte M. da Costá.sie zu arbeiten beginnen. Die Leitung ward Miguel Manescal da Costá übertragen, einem vorzüglichen Typographen, dessen Buchdruckerei, sowie die Schriftgiesserei des João de Villeneuve als Grundlagen für die Staatsanstalt angekauft waren. Einer damit verbundenen Gravierschule stand der geschickte Joaquim Carneiro da Silva vor. Eine Spielkartenfabrik war die Melkkuh des Instituts.
Von 1769–1801 wurden unter da Costás Direktion 1230 Bände gedruckt, unter welchen viele bedeutende Erscheinungen. Nach dessen Tode wurde eine Junta administrativa ernannt, mit dem gewöhnlichen Erfolg kollegialischer Behandlung technischer Geschäfte. Im Jahre 1810 schritt man zur Ernennung eines General-Administrators in der Person Joaquim da Costás, der mit einer kurzen Unterbrechung die Leitung der Anstalt bis 1833 behielt. Mit dem Sturze der Regierung Dom Miguels wurde die Staatsdruckerei dem Ministerium des Innern direkt untergeordnet.