ZWEITES BUCH (continued 3)
Reading edition
J. P. Marcécos.
Mit der 1838 erfolgten Wahl des José Frederico Pereira Marcécos zum Administrator begann die Glanzzeit der Anstalt. Marcécos bereiste England, Frankreich und Belgien und brachte die Erzeugnisse der neuesten Erfindungen mit nach Hause. Nach F. A. Marcécos.seinem frühen Tode, 1844, wurde die Stelle seinem Bruder Firmo Augusto Marcécos anvertraut, welcher fortfuhr, alle Verbesserungen der Neuzeit einzuführen, daneben Lehrlingsschulen, Hülfskassen u. dgl. errichtete. Vom Staate erhält die Anstalt keinen Zuschuss, sie hatte im Gegenteil bis zum Jahre 1873 an diesen drei Millionen Franken abgeliefert und beschäftigte in dem genannten Jahre über 300 Personen. Zwei Deutsche haben viel zur Hebung der Anstalt beigetragen: Joseph Leipold, der Direktor der galvanoplastischen Abteilung, und Ignaz Lauer, Leiter der Schriftgiesserei. Seit 1878 ist der Vorsteher Dr. Venancio Deslandes[147].
Die zur Weltausstellung in Wien 1873 gesandten portugiesischen, spanischen und englischen Wörterbücher, die rot und schwarz gedruckten Missale und Breviarum Romanum, die Carta constitutional, die Werke Camoens' in sechs Bänden, vorzugsweise eine in zwölf Sprachen gedruckte Episode daraus, Inez de Castro, waren alle in dem besten Stil und vortrefflich gedruckt.
Auch die Wertpapiere verdienten alles Lob, jedoch ergreift die Anstalt nicht, wie die St. Petersburger, die Initiative, sondern benutzt nur geschickt das Vorhandene, namentlich die Erzeugnisse Derrieys.
Gebr. Lallemant.
Nicht ganz auf derselben Stufe stehen die Gebrüder Lallemant[148], sie liefern aber sehr beachtenswerte Arbeiten, ebenso die Gebrüder José de Castro.
Im Jahre 1878 hatte Portugal 118 Zeitungen, darunter 66 politischen Inhalts; die älteste, Revuluçao de September, existiert 33 Jahre. Die Journale sind nicht von grosser Bedeutung und nicht geeignet, grosse Erwartungen von dem Standpunkte der Typographie dort zu erwecken. Seit 1882 erscheint El Gutenberg.
Lissabon hatte 1881 23 Buchdruckereien, 26 Buchhandlungen, 56 Zeitschriften; Coimbra 10 Buchdruckereien; Oporto 56 Journale.
Südamerika.
Südamerika. Ein grösserer typographischer Kontrast als zwischen Nord- und Südamerika ist kaum denkbar. Fortwährende Revolutionen und Kriege, der Einfluss einer unwissenden Geistlichkeit und die Indolenz der Völker haben ein intellektuelles Leben, infolge davon auch ein Gedeihen der Buchdruckerkunst nicht aufkommen lassen.
Buenos Aires.
Buenos Aires, welches 53 Buchdruckereien, 59 Buchhandlungen, 24 lithographische Anstalten und 27 Zeitschriften aufweist, feierte am 9. Juli 1876 die hundertjährige Betreibung der Buchdruckerkunst. Es wurde beschlossen, Gutenberg und dem Einführer seiner Kunst Don Juan José Vertiz ein Denkmal, in einem Obelisk bestehend, zu errichten und einen Preis für die beste Bearbeitung der Geschichte der Buchdruckerkunst in der Argentinischen Republik auszustellen. 1872 erhielt Buenos Aires eine illustrierte Zeitung: El Plata illustrado[149].
Rio de Janeiro.
In Rio de Janeiro wurde ebenfalls das hundertjährige Jubelfest am 9. Juli 1880 abgehalten. Ausser in Rio sind nicht viele Buchdruckereien in Brasilien in Thätigkeit. Manche der Arbeiter, die im ganzen genommen schlecht bezahlt werden und für Extraarbeit keine Entschädigung erhalten, sind Sklaven. Schlaffheit herrscht von oben bis herab auf den Laufburschen. Die Zahl der Zeitungen war 1878 297. Südamerika hat im ganzen 17 deutsche Zeitungen, von welchen 11 auf Brasilien, 4 auf die argentinische Republik, je eine auf Uruguay und Chile kommen.
Lima besitzt 21 Buchdruckereien, 11 Buchhandlungen, 11 lithographische Anstalten und 13 Zeitschriften. St. Jago di Chile hat 11 Buchdruckereien, Valparaiso 7.
Auf Cuba befanden sich 52 Offizinen, 50 Buchhandlungen, 10 lithographische Anstalten und 47 Zeitschriften erschienen dort. Mexico hat zwischen 50–60 Offizinen, davon 23 in der Stadt Mexico, daneben 11 lithographische Anstalten, 16 Buchhandlungen. Puebla weist 8 Buchdruckereien auf.
NORDAFRIKA. DER ORIENT.
Nordafrika.
Nordafrika hatte bereits während des ägyptischen Feldzugs Bonapartes eine typographische Werkstätte (S. 172) und durch die Besitzergreifung von Algerien ist diese Provinz eine Pflanzstätte der Kultur in Afrika geworden. Es besitzt heute schon 29 Buchdruckereien, 18 lithographische Anstalten und 54 Buchhandlungen, davon sind in der Stadt Algier 9 Buchdruckereien, 8 lithographische Anstalten, 10 Buchhandlungen; in Constantine resp. 3, 2, 5; in Oran resp. 3, 3, 10. Von Zeitschriften erscheinen 35 in 12 Städten, davon in Algier 18, unter welchen das offizielle Journal Mobacher in arabischer und französischer Sprache. Der Buchhändler Bastide hat sehr zur Verbreitung der Litteratur beigetragen.
Ägypten.
In Ägypten wurde von Mehemed Ali eine Buchdruckerei in Boulak errichtet, man hatte aber sehr mit der Abneigung der Muselmänner gegen gedruckte Bücher zu kämpfen. In den letzten 50 Jahren sind etwa 250 Werke aus den dortigen Pressen hervorgegangen. Von Privatpressen entstanden verschiedene, unter welchen die von Mustapha Wahabi nennenswert ist.
Die Lithographie wurde 1834 eingeführt. Da die verschiedenen graphischen Anstalten in den Händen von Franzosen sind und die Arbeiten durch Franzosen ausgeführt werden, so kann die mitunter sehr hübsche Produktion eigentlich nicht von nationaler Bedeutung sein.
Von Zeitungen erscheinen etwa 25 in arabischer, französischer, griechischer, italienischer und englischer Sprache. Sie stehen unter Zensur und nach erfolgter Warnung kann Unterdrückung stattfinden.
Im Jahre 1878 hatte der Bei von Tunis eine Druckerei errichtet und der Kaiser von Marokko beabsichtigte ebenfalls in Fez eine solche anzulegen. Von zwei wöchentlichen Zeitungen erscheint eine in Ceuta, eine in Tanger.
Buchhandel.
Der Buchhandel in Kairo ist ziemlich lebhaft. Die Buchhändler sind meist Gelehrte und nicht so fanatisch, wie z. B. in Damaskus, wo sie nur ungern Bücher an Christen verkaufen. Es ist dies namentlich mit den Koran-Ausgaben der Fall, welche abgesondert oder unter besonderem Verschluss aufbewahrt sind. Die Bücher liegen übereinandergeschichtet. Der Einband ist von Leder oder gewöhnlicher Pappe, der Titel wird auf den Schnitt oder auf ein auf den Umschlag geklebtes Blatt geschrieben. Zwischen alten und neuen Exemplaren wird nicht der strenge Unterschied gemacht, wie in dem europäischen Buchhandel. Einige Buchhändler debitieren nur die von ihnen verlegten Bücher, andere sind Sortimentshändler nach unseren Begriffen. Ein fester Ladenpreis existiert nicht und die Schwankungen sind oft bedeutend.
Europäische Türkei.
Europäische Türkei. Die nach dem Tode des verdienten Förderers der Typographie Ibrahim Effendi (I, S. 281) in der Entwickelung derselben eingetretene Stockung fand erst unter der Regierung Abdul Hamids eine Unterbrechung. Reschid Effendi, der Schatzkanzler, und Achmed Wassif Effendi, der Reichshistoriograph, erhielten Auftrag, nach dem Verbleib der in Stillstand geratenen Buchdruckerei Said Effendis Untersuchungen anstellen zu lassen. Der grösste Teil derselben wurde auch glücklich aufgefunden, restauriert und dann die Pressen in Skutari wieder in Gang gesetzt. Zu Direktoren dieser neu entstandenen Reichsdruckerei ernannte der Sultan Mustafa und Adam Effendi, ersterer Rechtsgelehrter, letzterer Geistlicher. Beide nahmen sich ihres Amtes mit Eifer an und viele Werke, die sich durch gute Ausstattung auszeichneten, gingen aus der Anstalt hervor. Eines der schönsten Erzeugnisse der orientalischen Druckkunst ist Makkisada Mustafa Effendis Kommentar zur Burda, einem Lobgedicht auf den Propheten, in einem Quartband von 621 Seiten. Eine weitere lange Liste fremdartiger Titel hier folgen zu lassen dürfte keinen Zweck haben.
Rückgang und neuer Aufschwung.
Nach einer kurzen Blüte folgte wieder Stillstand unter der Regierung Selims III. und während des Anfangs der Regierung Mahmuds des Grossen. Nachdem jedoch durch Ausrottung der Janitscharen Ruhe im Innern hergestellt war und Mahmud sich den Werken des Friedens widmen konnte, kam die Reihe auch bald an die Staatsdruckerei. Im Jahre 1831 wurde dieselbe von Skutari wieder nach Stambul übergeführt und erhielt dort eine grosse Lokalität. Neue Pressen wurden aus London, neue Typen aus Venedig eingeführt und Arbeiter namentlich aus Deutschland herbeigeschafft.
Ein rascher Aufschwung machte sich bemerkbar. Die überall versteckten Schätze der türkischen Litteratur wurden gesammelt, um in guten und billigen Ausgaben dem Volke zugänglich gemacht zu werden. Man veröffentlichte die Werke der Reichsgeschichtsschreiber und liess viele tüchtige Fachwerke, namentlich militärische und medizinische, aus europäischen Sprachen übersetzen.
Nach einer Glanzperiode von etwa zwanzig Jahren trat unter Abdul Aziz und unter unglücklichen politischen und finanziellen Konjunkturen ein Rückgang ein, der erst unter Abdul Medschid aufhörte.
Jetziger Zustand.
Konstantinopel besitzt vier kaiserliche Druckereien, zwei unter Leitung des Ministeriums des Innern, von welchen die eine sich mit der Herstellung von allen offiziellen Aktenstücken, die andere sich mit Bücherdruck beschäftigt. Die dritte, unter das Kriegsministerium ressortierende Druckerei dient nur militärischen Zwecken; die vierte, mit welcher eine lithographische Anstalt für die Arbeiten des Generalstabes verbunden ist, befindet sich in dem Palast Dolma-Bagdsche und steht unter der unmittelbaren Leitung des Palastmarschalls. Die Ausführung der öffentlichen Arbeiten ist eine durchweg gute.
Von Privatdruckereien waren 1880 etwa 25 vorhanden, unter welchen sich die Offizinen des armenischen und des griechischen Patriarchen, sowie die des Gross-Rabbi befinden. Von lithographischen Anstalten gab es ebensoviele. Die Zahl der Schnellpressen war gegen 70, der Tret- und Handpressen 120, beschäftigt waren gegen 500 Personen. In den nationalen Sprachen erschienen etwa 200 Werke.
Zeitungswesen.
Das Zeitungswesen entstand erst spät. Im Jahre 1852 erschien in Smyrna der Spectateur de l'Orient; 1831 wurde der Moniteur ottoman (Wekaje) gegründet, der später auch türkisch gedruckt wurde. Nach den offiziellen Angaben aus dem Jahre 1878 erschienen in Konstantinopel 72 Zeitungen und Zeitschriften, unter welchen 30 Tagesblätter. Von den Zeitschriften sind 16 in türkischer, 20 in französischer, 12 in griechischer, 13 in armenischer Sprache. Eine Verordnung von 1879 verbot, vor 6 Uhr türkischer Tageseinteilung (ungefähr unsere Mittagsstunde) die Zeitungen auszugeben, was für diese, deren Verteilung sonst um 6 Uhr früh stattfand, ein grosser Schlag war. Eine illustrierte Zeitung Mussaveri Turkestan (Illustrierte Türkei), herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde des Vaterlandes, erscheint wöchentlich.
Asiat. Türkei.
In Smyrna gehörten die ersten Pressen (seit 1658) den Juden; dann folgten die Christen und schliesslich die Türken. Eine erfolgreiche Thätigkeit entwickelte mit sehr geringen Mitteln das Kloster Mar-Hanna auf einem steilen Abhange des Berges Kesroan gelegen. Die dortige Druckerei ist 1732 von dem Priester Abdallah Ben Zacher gegründet, welcher selbst das nötige Handwerkszeug fertigte, Typen schnitt und goss, dann abwechselnd als Setzer und Drucker arbeitete. Noch vor dem Jahre 1794 erschienen dort gegen 40 Werke. In Safad, am westlichen Ufer des Sees Tiberias, war eine hohe Schule für arabische und hebräische Gelehrsamkeit, welche eine Druckerei besass, die jedoch im Jahre 1759 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Berühmt durch ihre vortrefflichen arabischen Drucke ist die Offizin der amerikanischen Missionsgesellschaft in Beirut.
Cypern.
Auf der Insel Cypern erscheinen jetzt drei englische und zwei griechische Zeitschriften.
Persien.
Nach Persien kam die Buchdruckerkunst 1820 und zwar nach Teheran und Tabris. Über die weiteren Fortschritte verlautet so gut wie nichts. Bei seiner Anwesenheit in Wien anlässlich der Ausstellung 1873 beabsichtigte der Schah Nasser-Eddin die erste Schnellpresse zu bestellen. Seit 1872 erscheint in Teheran eine Zeitung für Persien, zu welcher der Schah selbst Beiträge liefert, zumeist Schilderungen seiner Jagdabenteuer.
Eine grosse Schwierigkeit für die Verbreitung der Typographie in Persien bildet das hohe Ansehen, in welchem die Schönschreibekunst steht, und der hohe Grad von Vollkommenheit, welchen sie erreicht hat. Wird einmal zur mechanischen Vervielfältigung gegriffen, so ist die Lithographie viel leichter als die Typographie imstande, die wunderbaren, mit Gold und Farben geschmückten Schriftzüge wiederzugeben. Auf eine schnelle Verbreitung von Gutenbergs Kunst in Persien ist deshalb nicht zu rechnen.
Fußnoten:
