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Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Zweiter Teil

DRITTES BUCH. (continued 4)

Reading edition

Mit den Accidenzien ging es nicht besser, als mit dem Werkdruck. Die Privilegien der „Wiener Zeitung“ verursachten ausserdem, dass Accidenzien im Interesse des Handels und der Gewerbe fast gar nicht vorkamen.

Zeitungslitteratur.

Mit der Zeitungslitteratur war es gar schlecht bestellt; nur die verflachenden, witzelnden und pikanten Theater-, Kunst-, Litteratur- und Modeblätter erfreuten sich eines bedeutenden Absatzes. Alle Zeitungen, mit Ausnahme der „Wiener Zeitung“ und des „Österreichischen Beobachters“, unterlagen einer Vorzensur und kamen dann erst in die Hände des bekannten Grafen v. Sedlnitzky und erfolgten aus diesen gewöhnlich in einem Zustande zurück, von dem man sich heute schwer eine Vorstellung wird machen können. Die willkürlichsten Änderungen wurden getroffen, die sich nicht bloss auf Politik und ernstere Interessen bezogen; es konnte auch einem Theaterkritiker, welcher erzählt hatte, wie sehr Fräulein X. missfallen, passieren, dass er in seiner Zeitung las, wie ausnehmend sie gefallen. Adlige Bösewichte gab es in Romanen und Theaterstücken gar nicht; sie mussten vorher ins Bürgerliche übersetzt werden.

J. T. Trattner * 1717, † 1798.

Unter solchen Verhältnissen ist es immer noch zu verwundern, dass Wien einige bedeutende Männer unter den Ausübern der Druckkunst aufzuweisen hat. Die populärste Erscheinung aus dieser Periode des Rückgangs ist Johann Thomas Trattner. Er gehört nicht zu denjenigen Koryphäen der Druckkunst, zu denen wir mit Ehrerbietung emporblicken. Seine Hauptthätigkeit war eine, welche der Staat zwar zuliess, die öffentliche Meinung und das Rechtsbewusstsein aber verurteilten: Trattner war ein Nachdrucker ersten Ranges[245].

Er war als Sohn eines armen Pulvermüllers zu Jahrmannsdorf unweit Güns geboren und frühzeitig verwaist. In seinem 18. Jahre kam er in die Lehre. Als Drucker erwarb er sich in der Offizin Johann von Gehlens (I., S. 144) etwas Geld und einige vermögende Gönner, die bereit waren, den jungen strebsamen Mann zu unterstützen. Seine Bemühungen, eine Konzession sich zu verschaffen, blieben jedoch vergeblich. Da fasste er den kühnen Entschluss, sich persönlich an die Kaiserin Maria Theresia zu wenden, die ihn gnädig beschied. Nun kaufte Trattner am 12. März 1748 die im Laufe der Zeit sehr herabgekommene Buchdruckerei der Frau Eva Schelgin. Den Ertrag seiner ersten Arbeit, ein vom Abte des Stiftes Mölk verfasstes Gebet, widmete er den Armen, wodurch er sich das Wohlwollen der Jesuiten erwarb, die nun alle ihre Arbeiten bei ihm drucken liessen, so dass er zeitweilig sechzehn Pressen beschäftigen konnte; sie aber regelmässig im Gange zu halten war eine schwere Aufgabe. Trattner legte sich deshalb auf das Nachdrucken der Werke der besten deutschen Autoren und machte sich hiermit eben so verhasst in Deutschland wie beliebt in Österreich, wo man den Nutzen der guten und billigen Bücher hatte. Es ging ganz wie in neuerer Zeit in Nordamerika: der durch den Nachdruck gebildete Geschmack des Publikums kam wenigstens später den einheimischen Autoren und Verlegern zu gute, welche den Boden vorbereitet fanden.

Der Trattnerhof.

Eine grosse Erweiterung seines Geschäfts (bis auf 34 Pressen) entstand, als ihm bei der Studienregelung im Jahre 1752 der Druck der sämtlichen Schul- und Lehrbücher übertragen wurde. Er legte Filialen seiner Druckerei in Pest, Triest, Innsbruck, Linz und Agram an, erwarb zwei Papierfabriken, gründete eine Schriftgiesserei, alle Arten von artistischen Anstalten und unterhielt 23 Bücherlager. Am „Graben“ erbaute er den schönen Trattnerhof, welcher seinen Wahlspruch „Labore et favore“ trug. Seine Bücher stattete er mit grosser Sorgfalt aus, so dass es von einem guten Druck hiess: „Der ist wie von Trattnern“. Bis in sein 78. Jahr war er der alleinige Leiter des Geschäfts und erlebte 1798 noch sein goldenes Jubiläum. Von zwei Frauen hatte er 21 Kinder, von denen jedoch nur zwei am Leben blieben. Vom Kaiser Franz war er 1764 in den Adelstand erhoben. Das Geschäft wurde nach Trattners Tod geteilt und ging auf verschiedene Personen über.

J. G. Trassler † 1816.

Neben Trattner nahm Josef Georg Trassler aus Wien eine bedeutende Stelle ein. Im Jahre 1779 erwarb er eine Buchdruckerei in Troppau, die bereits 1785 mit 25 Pressen arbeitete. Eine zweite Buchdruckerei errichtete er 1786 in Brünn; diese beschäftigte bis 60 Pressen. Eine dritte Offizin etablierte er 1795 in Krakau, die jedoch 1809 von den Polen demoliert wurde. Ausserdem hatte er noch verschiedene graphische Geschäfte und eine Buchhandlung.

Seine Erfolge verdankte er zum nicht geringen Teil den Freimaurern und den mit diesen in Verbindung stehenden Gesellschaften, welche letztere zur Bildung des Volkes unzählige Nachdrucke mit der Bezeichnung „Gedruckt bei Josef Georg Trassler und im Verlage der Compagnie“ verbreiteten. Ausserdem besass Trassler selbst einen grossen Verlag zumteil bedeutender Werke, darunter A. F. Büschings grosse Erdbeschreibung in 30 Bänden; die 34 Bände starke Sammlung der besten Reisebeschreibungen; die „Allgemeine Weltgeschichte“, 88 Bände; Krünitz' „Encyklopädie“, 129 Bände. Die bedeutendste Leistung war jedoch J. C. Adelungs berühmtes Wörterbuch in vier starken Bänden in Grossquart von zusammen 7587 Seiten[246].

Obwohl der Verlag nach Trasslers Tod noch vermehrt wurde, ging das Geschäft in den Händen der Kinder doch zurück. Der zweite Sohn, Adolf, zog mit dem übrig gebliebenen Teile desselben nach Troppau, wo es wieder emporblühte und seit 1879 im Besitz Alfreds, des Sohnes von Adolf, gedieh.

Josef v. Kurzbeck * 21. Nov. 1736.

Ein sehr verdienter Buchdrucker war Josef Kurzbeck. Nach vollendeten Studien widmete er sich der Buchdruckerei und übernahm die väterliche, nur mit zwei Pressen arbeitende Offizin, die nunmehr bald 15 Pressen beschäftigte. Im Jahre 1770 richtete er sich für den Druck des Illyrischen, Walachischen und Russischen ein, später schaffte er noch verschiedene orientalische Schriften an. Da es sehr an Setzern für fremdländische Sprachen fehlte und es schwierig war, solche in dem Geschäft selbst auszubilden, ersuchte Kurzbeck den Kaiser Joseph II., die Ausbildung einiger seiner Zöglinge an der K. K. Orientalischen Akademie zu gestatten, was auch gewährt wurde. Hierzu wurden die späteren Buchdruckereibesitzer Anton Schmid, Josef della Torre und M. Santner bestimmt. Kurzbeck liess die als Mannsfeldsche bekannten Schriften schneiden, verschaffte sich die besten Amsterdamer Matern und druckte dann mehrere umfangreiche hebräische Werke, als den Talmud, Mischnajoth und Machsorim, welche allgemeine Anerkennung fanden. In Kurzbecks Offizin erschien auch 1775 das von Kaiser Maximilian I. 1514 beabsichtigt gewesene Prachtwerk „Weisskunig“ (I, S. III) von Treitzsauer v. Erentreitz mit 237 grossen Holzschnitten von Hans Burgkmair. Durch den Tod des Kaisers geriet dieses Werk wie mehrere von seinen litterarisch-artistischen Unternehmungen ins Stocken, die Holzschnitte waren jedoch in Graz glücklicherweise erhalten geblieben. Als der Druck Kurzbecks veranstaltet wurde, hatte man leider kein Verständnis für die Reproduktion eines Werkes älteren Stils, so dass die Ausführung nicht eine würdige wurde (S. 429).

Kurzbeck erzielte durch sein Wirken sowohl Gewinn als Ehre; im Jahre 1773 verlieh ihm die Kaiserin Maria Theresia eine goldene Kette und erhob ihn in den Adelsstand.

Anton v. Schmid * 1765, † 26. Juni 1855.

Unter den Schülern Kurzbecks befand sich, wie erwähnt, Anton Schmid, später der hebräische Schmid genannt. Der Abt des Klosters der Zisterzienser zu Zwetl, wo Schmid geboren war, liess ihn im Lateinischen unterrichten. Seine an der Universität begonnenen Studien musste er auf Grund seiner Armut unterbrechen und trat in seinem zwanzigsten Jahre bei Kurzbeck in die Lehre, wo er später die Leitung des Druckes der hebräischen Bücher übertragen erhielt. Er bewog den kränklichen Kurzbeck, der keine rechte Freude mehr am Geschäft fand, ihm seine hebräischen Schriften zu überlassen, um damit ein selbständiges Geschäft zu beginnen. Kurzbeck ging auf den Gedanken ein, Schmid wurde jedoch mit seinem Konzessions-Gesuch abgewiesen, bis der Kaiser direkt zu seinen Gunsten einschritt. Nun ging er mit aller Kraft auf sein Ziel los. Seine Offizin wurde reich mit syrischen, persischen und arabischen Schriften ausgestattet und alle Lehrbücher in diesen Sprachen für die theologischen Anstalten wurden bei Schmid gedruckt. Seine Bücher waren vorzüglich ausgestattet und sein Ruf drang in fremde Länder.

1839 übergab Anton Schmid, der 1825 in den Adelsstand erhoben war, seinem Sohne Franz Edlen von Schmid sein Geschäft. Ein der Hofbibliothek geschenktes Exemplar der Schmidschen orientalischen Druckwerke umfasst 148 Werke im Gesamtumfange von 12447 Bogen. Vor allen zu nennen ist die 1795 in mehreren, rasch aufeinanderfolgenden, Ausgaben veranstaltete vollständige hebräische Bibel mit Übersetzung von Mendelssohn und einem Kommentar in hebräischer Sprache, an welchem eine Reihe der berühmtesten Gelehrten mitgewirkt hat. Die Druckerei ging auf Adalbert della Torre über.

Familie Gerold.

Karl Gerold † 23. Sept. 1854.

Unter den älteren Buchdruckereien Wiens, die bis auf den heutigen Tag ihre Bedeutung behalten haben, ist diejenige, welche Josef Gerold 1775 von J. Kalliwoda erwarb. Der erstgenannte sowohl wie sein Sohn Karl Gerold erweiterten das Geschäft bedeutend. Durch den Druck mehrerer mathematischer und technischer Werke für das unter Prechtls Direktion gestellte Polytechnische Institut erwarb Gerold sich einen so guten Ruf, dass Cotta ihm den Druck der 20 Bände starken Prechtlschen Encyklopädie übertrug. Die gedrückten Pressverhältnisse veranlassten Gerold, sich weniger dem Verlag als dem Sortiment zu widmen. Aus den 1848 geänderten Zuständen zog jedoch auch die Geroldsche Offizin Nutzen und das Geschäft erweiterte sich in dem Besitz der in den Adelsstand erhobenen Söhne Karls: Friedrich und Moriz von Gerold ausserordentlich[247].

Pichlersche Buchdruckerei.

Die Pichlersche Buchdruckerei wurde durch den Druck der Werke Karoline Pichlers in Fachkreisen bekannt, jedoch mehr durch den Druck der 1838 in vier Blättern dreifarbig ausgeführten, in Typen gesetzten Post- und Reisekarte der österreichischen Monarchie von F. Raffelsberger[248]. Die Arbeiten derselben stehen weit über denen von Breitkopf und Haas, sind jedoch, wie diese, mehr auf Grund der mühsamen Arbeit bewundernswert als für die Praxis nutzbringend.

Anton Strauss.

L. Sommer.

Ein tüchtiger Buchdrucker war Anton Strauss, der aus geringen Anfängen die Zahl seiner Pressen auf 20 brachte. Nach seinem Tode ging das Geschäft auf Leopold Sommer über, der grossen Schwung hineinbrachte und 1848 an Zeitungen und Zeitschriften allein zwanzig druckte. Er war auch der erste, der in Österreich eine politische Zeitung gründete, welche wirklich diesen Namen verdiente, die unter E. v. Schwarzers Leitung unternommene „Österreichische Zeitung“.

M. Salzer * 1799, † 4. Jan. 1878.

Matthäus Salzer, Sohn des Kaspar Salzer, der zu den Zeiten Josephs II. Buchhändler und Buchdrucker war, lernte erst als Sattler, trat aber bald in das Papiergeschäft seines Bruders Franz und wurde später Leiter der Papierhandlung seines verstorbenen zweiten Bruders Jakob, dann durch Verheiratung mit dessen Witwe Besitzer des Geschäfts. Nach und nach erwarb er die Papiermühlen in Wiener-Neustadt, Ebenfurth und Stettersdorf. 1866 kaufte er die Überreuthersche Buchdruckerei und beschäftigte 11 Schnellpressen und 150 Arbeiter, namentlich mit Aufträgen seitens der Eisenbahnen und ähnlicher Anstalten. Im Jahre 1874 feierte Salzer sein goldenes Geschäftsjubiläum.

J. V. Degen * 11. März 1763, † 5. Okt. 1827.

Als ein Stern in der langen Nacht der österreichischen Typographie leuchtet Josef Vincenz Degen aus Graz. Er studierte dort und in Wien, widmete sich dann dem Buchhandel, kaufte 1800 die vorzüglich eingerichtete Albertische Buchdruckerei und errichtete zugleich eine Schriftgiesserei. Durch die Tüchtigkeit seiner Leistungen erwarb er sich bald ein bedeutendes Renommé. Im Jahre 1804 richtete er die K. K. Hof- und Staats-Aërial-Druckerei ein und brachte sie auf einen blühenden Stand. Vertragsmässig arbeitete diese Anstalt nur für Behörden. Eigentum des Staates wurde sie erst im Jahre 1814. Degen, der in den Adelsstand als Edler von Elsenau erhoben worden war, wurde zum Direktor der nunmehrigen Staatsdruckerei ernannt, die sich durch ihre Arbeiten in vorteilhaftester Weise auszeichnete.

Staatsdruckerei.

Anders ward es nach Degens Tod unter der Direktion J. A. von Wohlfahrts. Aus übertriebener Sparsamkeit liess man die Anstalt verfallen und als Wohlfarth 1840 in den Ruhestand versetzt wurde, war es so weit gekommen, dass die Staatsbehörden sich mit ihren Aufträgen an Privatdruckereien wandten.

Wie es in der Staatsdruckerei aussah, so war es auch in den anderen Offizinen mit Ausnahme der einzelnen erwähnten und vielleicht noch einiger weniger anderen.

Der Buchhandel.

Der Buchhandel, der sich unter Maria Theresia sehr entwickelt hatte, verfiel unter Joseph II. trotz der milden Zensur. Man zersplitterte die Kräfte meist in Broschürenlitteratur, durch welche sich eine Reihe von Winkeldruckereien, die jedoch wieder mit dem Tode des Kaisers verschwanden, nährte. Von den bedeutendsten Werken dieser Periode seien noch erwähnt: Jacquins Historia stirpium americanarum; Hortus Vindebonensis; Observationes botanicæ mit 150 Kupfern; Icones plantarum rariorum mit 649 Kupfern; Flora austriaca mit 500 kolorierten Kupfern, Herrgotts Monumenta Aug. Austriacæ in Grossfolio mit vielen Tafeln, die von den Geistlichen des Stiftes St. Blasien gedruckt wurden; Maninskys grossartiges „Orientalisches Wörterbuch“ u. a.

Als der Regenerator der österreichischen Buchdruckerei, die in der jüngeren Zeit so enorme Fortschritte gemacht hat, muss Auer betrachtet werden.

Al. Auer * 11. Mai 1813, † 10. Juli 1869.

Alois Auer war zu Wels in Österreich als der Sohn eines armen Traunflössers am 11. Mai 1813 geboren. Da es ihm unmöglich war, seinem Drang zum Studieren nachzugehen, trat er im Beginn des Jahres 1825 als Setzer in die Lehre bei dem Buchdrucker Michael Haas in Wels. Nach vollendeter Tagesarbeit benutzte er die späten Abendstunden, um sich gründliche Kenntnisse der Muttersprache anzueignen. Nach Beendigung seiner fünfjährigen Lehrzeit begann er mit Energie die Sprachkunde zu treiben, da er eingesehen hatte, von wie grossem Nutzen dieselbe für den Typographen ist. Seine Mussestunden benutzte er nun zur Erlernung der französischen, italienischen, englischen, spanischen und portugiesischen Sprache, so dass er sich schon im Oktober 1835 einer Prüfung in der französischen und englischen, im Mai 1836 einer in der italienischen Sprache an der Universität zu Wien mit günstigem Resultat unterwerfen konnte. Gleichzeitig bestand er die Prüfung in der Erziehungskunde. Sein guter Ruf verschaffte ihm bald eine öffentliche Anstellung in Linz als Lehrer der italienischen Sprache. Auer begann nun eine Schriften- und Vaterunser-Sammlung anzulegen, die hinsichtlich ihrer Vollständigkeit fast allen Ansprüchen genügte, und benutzte diese Sammlung, um die Raumverhältnisse aller Schriftarten genau zu berechnen[249]. Auf diese Art entstand sein „typometrisches System“, über dessen praktischen Wert sich allerdings nicht viel sagen lässt.

Danach machte er sich an die Ausarbeitung verschiedener Sprachlehren, zunächst der französischen und italienischen Sprache, und indem er nach gleicher Methode alle Sprachen der Erde darzustellen beabsichtigte, keimte in ihm die Idee auf, einen Sprachen-Atlas zu entwerfen. Eine solche Aufgabe zu lösen reichten aber Metternich und Auer.die Kräfte eines einzigen Menschen nicht aus. Es gelang ihm indes den zu jener Zeit in Österreich noch allmächtigen Fürsten Metternich für seine Sache zu gewinnen.

Nach Verlauf von einem Monat überreichte ihm Auer in Wien einen Plan zur Gründung eines Polygraphischen Instituts als Vorbereitung einer „Zentral-Verlagsstätte Deutschlands in Wien“. Während dieser Plan die verschiedenen Staatsbehörden durchwanderte, bereiste Auer 1839 England, Frankreich und die Schweiz, um die typographischen Anstalten des Auslandes kennen zu lernen, fand jedoch nirgends ein Institut, wie es seiner Phantasie vorschwebte.

Im Jahre 1841 wurde nun Auer zum Leiter der Staatsdruckerei ernannt. Mit jugendlicher Kraft ging er an sein reformatorisches Werk zur Verwirklichung seiner Lieblingsidee. Vorerst mussten die Personalverhältnisse und der Geschäftsgang der Anstalt geregelt werden; die alten Schriften wurden eingeschmolzen und andere nach dem neuen typometrischen System gegossen, veraltete Pressen durch zweckmässigere ersetzt. Dann wurde eine Stempelschneide-Anstalt eingerichtet, fremde Schriften geschnitten, Matrizen geschlagen und Lettern gegossen, und um der Staatsdruckerei in der That den Charakter einer polygraphischen Anstalt zu geben, wurden in ihr Offizinen für Lithographie, Stereotypengiesserei, Kupferdruck, Galvanoplastik, Photographie, Chemitypie und später für Naturselbstdruck errichtet. Die Anstalt selbst wurde mit einer Dampfmaschine zur Bewegung der Schnellpressen und zur Heizung sämtlicher Lokale, mit Gasbeleuchtung und mit anderen Verbesserungen der Neuzeit versehen. Ferner gründete Auer unter dem Personal eine Kranken- und Unterstützungskasse, ordnete das Lehrlingswesen und führte einen Unterricht für die Zöglinge in den Abendstunden ein, so dass diese Technik, Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Sanskrit, Persisch), Geographie, Geschichte, Stil u. s. w. unentgeltlich lernen konnten.

Schnell mehrten sich die Arbeiten der neuorganisierten Anstalt. 1860 beschäftigte sie schon über 1000 Arbeiter und besass 48 Schnellpressen, 50 Handpressen, 30 lithographische, 24 Kupferdruckpressen, 21000 Stahlstempel, 80000 Matrizen, 6000 Zentner Lettern. Die Ausstellungen von London und Paris[250] verbreiteten den Ruhm der Anstalt, welche der höchsten Auszeichnungen teilhaftig wurde. Aber auch Auer ging nicht leer aus. Er wurde in den Adelsstand als Ritter Auer von Welsbach erhoben und 24 Orden zeugen dafür, dass er die Kunst, sich Anerkennung zu verschaffen, nicht übel verstanden hat.

Die Erfindungen Auers.

Mit seinen vielbesprochenen Erfindungen, die öfters, und wohl nicht mit Unrecht, ihm nicht für voll angerechnet wurden, hatte er in der Praxis kein rechtes Glück. Diejenige, die am meisten von sich reden machte, war der Naturselbstdruck (Auto-Typographie). Dieser bestand darin, von einer Pflanze, einem Gewebe u. dgl. nach dem Einlegen zwischen einer Stahlplatte und einer anderen von weichem Metall durch eine starke hydraulische Pressung eine vertiefte Druckplatte zu gewinnen, die mittels Galvanisierung in eine Hochdruckplatte verwandelt werden konnte. Ein grossartiges, von Konstantin v. Ettinghausen herausgegebenes Werk, Physiotypia plantarum, wurde in Angriff genommen und auf den Ausstellungen sehr bewundert[251]. Das Verfahren wurde durch kaiserlichen Beschluss der Allgemeinheit preisgegeben, hat jedoch für die Praxis keinen grossen Wert.

Die „Endlose“.

Eine zweite „Erfindung“ war der Druck vom endlosen Papier. Der Gedanke, den Papierbrei der Papiermaschine an dessen oberen Ende zuzuführen und von dem anderen Ende in die Schnellpresse zu leiten, so dass er aus dieser als gedruckter Bogen herauskam, musste für einen so elastischen Geist wie Auer grosse Anziehungskraft haben. Er brachte ihn auch in seiner Weise, d. h. blendend, zur Ausführung; für die Praxis war der Nutzen ein geringer. Das Papier wurde in eine gewöhnliche Schnellpresse geführt, nach dem Schöndruck durch Mechanismus zerschnitten und die Bogen durch den Hansenschen Ausleger ausgeführt. Der staunende Beschauer ahnte in den seltensten Fällen, dass der Widerdruck auf gewöhnliche Weise, auf einer anderen Schnellpresse besorgt werden musste, und konnte nicht wissen, dass der Lohn eines Anlegers oder einer Anlegerin das einzige war, was hätte gespart werden können, wenn nicht dieser Gewinn durch die Kosten des ganzen Apparates weit überwogen worden wäre.

Maispapier.

Ebensowenig Glück sollte Auer mit seiner Maispapierfabrikation haben[252]. Er brachte zwar eine Ausstellung zustande, in welcher nicht allein verschiedene Sorten Papier, sondern auch manche der Gegenstände zu sehen waren, welche Chinesen und Japanesen aus Papierstoff fabrizieren. Damit blieb aber auch diese Sache ruhen.

Selbst mit dem orientalischen Druckapparat, dem Stolz der Staatsdruckerei, hatte es mitunter einen Haken. Viele Schriften figurierten in den prachtvollen Proben; in der Wirklichkeit sah es mit deren Bestand öfters schwach genug aus.

Auers Hauptfehler war, sich nicht mit dem Schaffen von Tüchtigem zu begnügen, sondern auch blenden zu wollen, und dafür war ihm kein Preis — auf Kosten des Staates — zu hoch. Seine Eitelkeit war noch grösser als seine Tüchtigkeit.

Auers Feinde.

Es konnte an Angriffen — begründeten, unbegründeten, durch Neid hervorgerufenen u. a. — nicht fehlen. v. Plener, des genialen Bruck Nachfolger als Finanzminister, war nicht so geneigt wie letzterer, über die Finanzfrage leicht hinwegzugehen. Auer wurde am 2. März 1866, nach verschiedenen Misshelligkeiten, in Anerkennung seines 25jährigen verdienstlichen Wirkens mit seinem vollen Gehalt definitiv in den Ruhestand versetzt.

Auers Tod.

Auer war nicht geschaffen, männlich den Schlag, die mit diesem verbundene Unthätigkeit und das Vergessensein zu überwinden. Sein Gemütszustand wurde ein immer reizbarerer und die Kräfte aufreibender; er starb bereits am 10. Juli 1869 in Hietzing.

Auers Einfluss auf die deutsche Typographie.

Hat nun Auer auch dem Glanze zu viel geopfert und nach Alchymistenart öfters Thaler zu Groschen destilliert, so muss sein Einfluss auf die Typographie im allgemeinen und auf die österreichische insbesondere doch sehr hoch angeschlagen werden. Vor seiner Zeit war, wie erwähnt, ein in Österreich gedrucktes Buch ziemlich gleichbedeutend mit einem schlecht gedruckten; dass dies so ganz anders geworden ist, dazu hat Auer direkt und indirekt wesentlich beigetragen; selbst „draussen im Reich“ wurde sein Einfluss gespürt. Die ganze deutsche Typographie hat aus der Weltberühmtheit der Wiener Staatsdruckerei ihren Teil an Ehre und Vorteil gehabt; sie ist verpflichtet, Auers Namen in Ehren zu halten.

Staatsdruckerei unter Beck.

Seit Auers Tod steht die Staatsdruckerei unter der Direktion eines nicht fachmännischen Staatsbeamten, Hofrat Dr. Beck, der sie in angemessenster Weise auf einer achtunggebietenden Stufe erhält, während nicht prätendiert wird, die Führung der jetzt mündig gewordenen österreichischen Typographie fortzusetzen. Ein Hindernis für die rechte Entfaltung der Anstalt ist die vollständig ungenügende Räumlichkeit.

Blindendruck.

Neben dem Geld- und Wertpapierendruck wird unter Mitwirkung des Direktors der Blindenanstalt in Ober-Döbling, Fr. Entlicher, in anerkennenswerter Weise besonderes Gewicht auf den Druck für Blinde gelegt. Bei diesem Druck wird der Pressendeckel mit einem Überzug von Gutta-Percha versehen und darin ein scharfer Abzug von den Typen gemacht. Ist der Gutta-Percha-Überzug vollständig erhärtet, in welchem Zustand er 2–3000 Abzüge aushält, so wird die Schrift mit dem Papierbogen bedeckt, welcher, um eine grössere Zähigkeit zu erzielen, in einem mit Glycerin und Alaun versetzten Wasserbade gefeuchtet ist, in die vertiefte Gutta-Percha-Masse geprägt. Unter den verschiedenen Leistungen im Blindendruck befinden sich auch hebräische Lesebücher und durch erhabene Figuren illustrierte naturgeschichtliche Lehrbücher[253].

Auch die Chromolithographie wird mit Glück von der Staatsdruckerei geübt. Eine ausgezeichnete Leistung ist z. B. das Prachtwerk über die Votivkirche in Wien 1879. Die Reproduktion des Marienfensters (S. 303) übertrifft bei weitem ähnliche Arbeiten Silbermanns.

Budget.

Das Budget der Staatsdruckerei zeigt bei einer Einnahme von etwa zwei Millionen Mark einen Überschuss von etwa 200000 Mark, bei Staatsanstalten ohne Konkurrenz Ziffern ohne grosse Bedeutung. Die Schriftenmasse beträgt 500000 Kilo in etwa 1500 verschiedenen Arten von Typen, darunter gegen 350 fremdländische[254]. Die Zahl der Schnellpressen beträgt 57, der Handpressen 54, ausserdem sind etwa 80 Hülfsmaschinen vorhanden. Die Schriftgiesserei arbeitet mit 14 Giessmaschinen und besitzt etwa 30000 Stempel und 200000 Matern. Die Gesamtzahl der Arbeiter ist gegen 900.

W. v. Braumüller.

Haben wir die Verdienste Auers und der Staatsdruckerei gebührend anerkannt, so ist es Pflicht, einen Mann zu erwähnen, der, obwohl nicht Buchdrucker, einen ganz eminenten Einfluss auf die Buchdruckerkunst in Österreich gehabt hat; es ist der Buchhändler Wilhelm Ritter von Braumüller. Früher bekannt als einer der bedeutendsten Sortimenter Wiens, die mit ihren vollen Börsen oder Portefeuilles und ihrem jovialen Wesen vorzugsweise gern gesehene Gäste zur Leipziger Messe waren, widmete sich Braumüller erst seit dem Jahre 1840 dem Verlag und zwar mit ebenso grossem Geschick und Energie als Glück.

„Von dem Streben geleitet, die wissenschaftliche Litteratur Österreichs dem Auslande gegenüber zur vollen Geltung und Anerkennung zu bringen, hat meine Handlung einen Verlag geschaffen, welcher sowohl nach seinem Werte als der Ausdehnung und Ausstattung nach den ersten Rang einnimmt, und welcher dadurch noch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt, dass, hauptsächlich durch die geschmackvolle typographische Ausstattung angezogen, eine grosse Zahl litterarischer Notabilitäten fremder Universitäten durch gediegene Werke dabei vertreten ist. Vor allen ragt quantitativ und qualitativ die Medizin hervor, und die dominierende Stellung, welche Österreich durch seine medizinischen Celebritäten in der wissenschaftlichen Welt Deutschlands einnimmt, spiegelt sich auch in diesem Verlagszweige wieder. Eine Reihe veterinärwissenschaftlicher Werke, durch die Professoren des K. K. Tierarznei-Institutes würdig repräsentiert, schliesst sich demselben an. Die land- und forstwirtschaftliche Litteratur, bis dahin in Österreich gar nicht gepflegt, ist jetzt ausschliesslich in meinem Verlage vereinigt, und durch die Werke der Professoren an den berühmten Fachschulen in Mariabrunn, Ung.-Altenburg, Eulenberg, Hohenheim, Eisenach etc. würdig repräsentiert. Die vortreffliche Ausstattung, welche ich allen Werken mit der grössten Sorgfalt gewidmet, hat ohne Zweifel wesentlich zu einer allgemeinen besseren und würdigeren Ausstattung der litterarischen Erzeugnisse in Österreich beigetragen und auf die Entwickelung anderer Industriezweige, die Papier-Fabrikation, Buchdruckerei, Holzschneidekunst, welchen die obenangeführten Summen zugeflossen, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss geübt[255].“

Äusserte sich der Einfluss von Braumüller zunächst auf den Werkdruck zu wissenschaftlichen Zwecken, so hat Wien das Glück, zwei ebenso bedeutende Förderer der Verbindung der graphischen Museum für Kunst. Gesellschaft für vervielf. Kunst.illustrierenden Künste mit der Typographie zu besitzen: das Museum für Kunst und Industrie und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Wenn es in Wien möglich geworden ist, Werke zu schaffen, in welchen Radierung, Xylographie, Hochätzung, Farben- und Lichtdruck in glücklichster Weise zusammenwirken und öfters nahe an die Vollkommenheit reichen, so haben die beiden erwähnten Anstalten durch die von ihnen ausgehenden Anregungen und Druckwerke den Vorwärts-Bestrebungen Wiens einen mächtigen Vorschub geleistet[256].

Prachtwerke.

Unter den Erscheinungen des Museums behaupten Teirichs „Blätter für Kunstgewerbe“ einen hervorragenden Platz. Die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst brachte eine Reihe brillanter Publikationen; den grössten Einfluss übt sie jedoch durch ihre Zeitschrift „Die graphischen Künste“, welche nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch durch ihre vorzügliche technisch-artistische Ausführung belehrend und fördernd wirkt.

Unter der Ägide des Vorstandes der K. K. Kämmerei, des kunstsinnigen Grafen v. Crenneville, erschien ebenfalls eine Anzahl der schönsten Prachtwerke. „Die Kunstwerke der Schatzkammer des österreichischen Kaiserhauses“ (1870–1873), „Schloss Schönbrunn“ (1875), „Der kaiserliche Thiergarten“ (1876), „Laxenburg“ (1877). In neuester Zeit kommt zu diesen Erscheinungen das „Jahrbuch der künstlerischen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses“, zu welchem als Beilagen der „Frydal“, der „Theuerdank“, der „Weisskunig“, der „Triumph“, die „Ehrenpforte“, die „Heiligen aus der Familie des Kaisers“ gegeben werden, alles Werke, die von dem Kaiser Maximilian veranlasst oder vorbereitet waren und zu welchen die Originale der grossen Zeichenkünstler von damals noch vorhanden sind.

Buchdrucker-Verein.

Aber auch die Buchdrucker selbst haben als Korporation die Hände nicht in den Schoss gelegt. Der unter vielen Opfern im Jahre 1874 gegründete Buchdrucker-Verein hatte zwar zunächst die materiellen und sozialen Verhältnisse des Geschäfts vor Augen, liess jedoch die Fachzeitschrift „Österreichische Buchdrucker-Zeitung“ erscheinen, die bestrebt war, nicht nur für die obgedachten Interessen, sondern auch für die technische Bildung zu wirken. Der Verein löste sich zwar im Jahre 1880 wieder auf, die Zeitung besteht jedoch fort im Besitz des „Graphischen Klubs“, der ausserdem durch Vorträge, Ausstellungen und technische Diskussionen anzuregen sucht. Auch das Gehülfenblatt „Vorwärts“ folgt dem Beispiel des „Correspondent“ und widmet seine Aufmerksamkeit jetzt nicht nur den sozialen Interessen, sondern auch der Technik und der Geschichte.

G. Gistel * 16. Okt. 1825, † 10. Mai 1883.

Durch die Bemühungen des Vereins ist auch seit 1874 eine Fachschule errichtet, von der gute Erfolge zu erwarten sind. Die Seele dieser Vereinsbestrebungen ist namentlich G. Gistel gewesen. Auch um den Unterstützungs-Verein der Buchdrucker und Schriftgiesser Niederösterreichs und die Pensionskasse für Faktoren und deren Witwen hatte Gistel grosse Verdienste, war auch bei allen Tarifverhandlungen, bei der Säkularfeier, kurz bei jeder Gelegenheit, wo die Buchdrucker vereinigt auftraten, bereit, seine Kräfte dem Allgemeinen rückhaltslos zu opfern.

L. C. Zamarski.

An Bedeutung der Staatsdruckerei am nächsten stehend ist die Offizin L. C. Zamarski (früher H. Engel & Sohn und L. C. Zamarski), die namentlich in der Gründerperiode eine erstaunliche Masse von Wertpapieren druckte. Die Anstalt, welche unter der Leitung von A. Pietzsch sich vortrefflich bewährt hat, wurde 1881 an die Papierfabrik Steyermühl um 800000 Gulden verkauft und mit einem Kapital von 3700000 Gulden in eine Aktiengesellschaft umgeformt. Es werden in der Anstalt die „Neue Illustrirte Zeitung“, das „Wiener Tageblatt“, die „Vorstadt-Zeitung“ und die „Deutsche Zeitung“ gedruckt. Vorzüglich sind ihre, unter Leitung von A. Frantz hergestellten Heliographien. Die Offizin arbeitet mit 28 Schnellpressen und beschäftigt gegen 350 Personen. Engels Erben befassen sich namentlich mit lithographischen Arbeiten; sie lieferten u. a. die japanischen Postmarken.

R. v. Waldheim.

Ein vielseitiges, grosses Institut ist ebenfalls die Verlagsbuchhandlung und Artistische Anstalt von R. v. Waldheim (22 Schp., 25 Hdp. und gegen 250 Arbeiter), die eine bedeutende Zahl von illustrierten Werken namentlich technischen Inhalts herausgiebt und vielen technischen, kriegswissenschaftlichen oder in das Eisenbahnwesen einschlagenden Zeitschriften, wir nennen nur Teirichs „Blätter für das Kunstgewerbe“ und die „Allgemeine Bauzeitung“, druckt, verlegt oder debitiert, auch viele Accidenzien liefert.

C. Fromme.

Carl Fromme zeichnet sich besonders durch seine geschmackvollen und korrekten Accidenzarbeiten aus. Eine Spezialität, die er mit Virtuosität betreibt, ist der Kalenderdruck. Typographische Kraftstücke Frommes sind die Bilderreihe der Regenten Österreichs und die Stammtafel der Zisterzienser-Klöster. Diese zehn Meter lange Tafel besteht aus 108 Formen, in zwei Farben ausgeführt. Der Druck und die Zurichtung sind so vorzüglich, dass die Zusammensetzung dem Auge vollständig unbemerkbar ist.

Rollinger & Mössner.

Die Arbeiten von Rollinger & Mössner sowohl im Accidenz- als im Werkdruck gehören mit zu den vollendetsten der neueren Typographie. Die Genannten zählen unter die nicht zu zahlreichen Buchdrucker, welche nichts für unbedeutend halten und eben deshalb Mustergiltiges liefern, z. B. die „Geschichtsquellen der Stadt Wien“. Zu derselben Klasse, jedoch meist in anderer Richtung A. Holzhausen.arbeitend, gehört Adolf Holzhausen, dessen Offizin an orientalischen Schriften sehr reich ist und dessen Drucke denen der Staatsdruckerei vollkommen ebenbürtig sind. Er lieferte den Druck des oben erwähnten Jahrbuchs der kaiserlichen Sammlungen und Albrecht Dürer würde gewiss den „Ansichten aus der Presse“ von seinen und der gleichzeitigen Meister Arbeiten sein imprimatur G. Gistel. Fr. Jasper.nicht verweigert haben. Zu den strebsamen Buchdruckern der jüngsten Zeit gehören der erwähnte G. Gistel und Fr. Jasper. Letzterer druckte die Festgabe zu dem 400jährigen Jubiläum, und liefert sehr gute Illustrationsdrucke.

H. Reiss * 28. Aug. 1799.

Einen ganz besonderen Ruf hat sich Wien durch seinen xylographischen Farbendruck erworben. Der erste, der sich durch diesen auszeichnete, war Heinrich Reiss, aus einer Familie, die von altersher eine Buchdruckerei besass, welche er, nachdem er erst verschiedene Reisen gemacht hatte, 1828 übernahm. 1850 folgte er jedoch einem Rufe der Staatsdruckerei, leitete später die Buchdruckerei von Zamarski und gab sich seit 1857 ganz der Kunstdruckerei hin. Seine Hauptarbeit, an der er 23 Jahre lang gearbeitet hatte, ist das Missale Romanum mit etwa 90 Miniaturen von H. Knöfler. Zu der Herstellung eines Bildes wurden bis zu 15 Platten verwendet. Vorzüglich sind die zwei grossen Titelblätter, das Abendmahl und Christus am Kreuze. Der Text bildet einen Folioband von mehr als 700 zweispaltigen Seiten. Die Grundschrift ist eine fette Gothisch, zu der besondere Initialen geschnitten wurden. Das Papier, ein geripptes Büttenpapier, ist jedoch, wie auch der Textdruck, von sehr ungleicher, mitunter sogar geringer Qualität. Aus diesem Grunde fehlt, trotz der ausserordentlichen Aufopferung seitens Reiss' und der Vorzüglichkeit des Bilderdruckes, dem Werk, als Ganzes betrachtet, doch gar vieles, um als ein typographisches Denkmal ersten Ranges zu gelten. Derartige Werke dürfen nicht Not leiden und müssen in Händen eines Herausgebers sein, dem es möglich ist, bis ans Ende ruhig auszuhalten. Deshalb aber nicht weniger Ehre dem Andenken eines echten Jüngers Gutenbergs. Sein Geschäft übernahm Ludw. Lott, vorher als technischer Leiter der „Alten Presse“ und als Einführer der „Endlosen“ auf dem Kontinent bekannt. Er wirkte im Geiste seines Vorgängers fort und seine Arbeiten fanden in England und Amerika allgemeine Bewunderung. Seine Drucke auf Blech sind ebenfalls vortrefflich.

Prag.

Eine ziemlich bedeutende Thätigkeit entwickeln in Prag 33 Buchdruckereien und 30 lithographische Anstalten mit ihren 114 typographischen und 25 lithographischen Schnellpressen. Die bedeutendste Offizin ist die von A. Haase (S. 290) mit 21 Schnellpressen und 18 Handpressen. Ign. Fuchs (11 Schp., 19 Tr.- u. Hdp.) liefert sehr gute lithographische Arbeiten, auch J. Farsky bringt Tüchtiges in dieser Richtung. Dr. Ed. Grégrs Offizin arbeitet mit Rotationsmaschine und 5 Schnellpressen. H. Mercy (9 Schp.) druckt namentlich Werke. Die Buchdruckerei der K. K. Statthalterei beschäftigt 7, die Buchdruckerei für Politik 8, J. Otto 7, B. Styblo 6, C. Bellmann 7 Schnellpressen.

Reichenberg.

Die Fabrikstadt Reichenberg besitzt eine grossartige graphische Anstalt, die der Gebr. Stiepel, welche durch 13 Schnellpressen und 20 Tret- und Handpressen die zahlreichen Fabriken mit Etiketten, Geschäftskarten, Rechnungsformularen etc. versieht. Tetschen.Das kleine Tetschen an der Elbe hat auch eine bedeutende Druckanstalt aufzuweisen, die von F. W. Stopp, welche (mit 7 Schp., 7 Hdp.) hauptsächlich für lithographische Arbeiten eingerichtet Teschen.ist. In Teschen in Österr. Schlesien befindet sich die Offizin von K. Prochaska (10 Schp.), eine der besten Provinzdruckereien Österreichs. Sie wurde 1806 von Thomas Prochaska gegründet.

Brünn.

Lemberg.

In Brünn arbeiten hauptsächlich für Lokalbedürfnisse W. Burkart (7 Schp.), Buschak & Irrgang (4 Schp.), Carl Winiker (5 Schp.), R. M. Rohrer (6 Schp.). Galizien bietet nur wenig von Interesse. In Krakau, einst von Bedeutung in der typographischen Geschichte, druckt die Offizin des Czas (5 Schp.) und die Buchdruckerei der Akademie der Wissenschaften H. Lisicki & Co., in Lemberg E. Winiarz (4 Schp.).

Graz.

Unter den Offizinen des südlichen Österreichs ist die Aktiendruckerei Leykam-Josefsthal (15 Schp., 16 Tr.- u. Hdp.) in Graz eine weit verzweigte graphische Anstalt, die manches Gute geliefert hat. Die Grazer „Post“ wurde 1882 an eine zweite Gesellschaft Leykam für gegen 1100000 M. verkauft. Die Gesellschaft Styria und die Gutenberg-Druckerei in Graz beschäftigen je 5 Schnellpressen. In Innsbruck verfolgt die Wagnersche Buchdruckerei eine wissenschaftliche Richtung. In Linz wirken A. Eurich und J. Wimmer. Die älteste Druckerei Österreichs besitzt Klagenfurt. Hier etablierte sich Ferd. v. Kleinmayr 1548. Sein Nachfolger gründete 1777 die „Klagenfurter Zeitung“. In Laibach feierte die Offizin von J. v. Kleinmayr & F. Bamberg (4 Schp.) 1882 ihr Triest.100jähriges Jubiläum. In Triest hat sich die Buchdruckerei des Österr.-Ungar. Lloyd als eine tüchtige Vertreterin der Kunst bewiesen und wirkte auch früher als bedeutende Verlegerin illustrierter Werke.

Von der Holzschneidekunst in Wien und den Meistern, welche diese förderten J. G. Prestel, Blasius Höfel, Friedr. v. Exter, H. Knöfler u. a., wurde bereits (S. 300) berichtet, auch fanden die Paul Pretzsch * 1808, † 28. Aug. 1873.wichtigen Erfindungen von Paul Pretzsch (S. 14) Erwähnung. Je weniger das verdienstvolle Wirken dieses Mannes vom Glück begünstigt war und je öfter der Versuch gemacht wurde, seine Erfinderehre zu schädigen, namentlich seitens englischer Erfinder, um so mehr gebietet es die Pflicht, hier seiner mit einigen Worten noch zu gedenken.

Pretzsch war als Sohn eines Goldarbeiters in Wien geboren, lernte dort die Buchdruckerkunst und trat nach längerem Aufenthalt im Auslande in den Dienst der K. K. Hof- und Staatsdruckerei, welche er 1851 auf der Londoner Weltausstellung vertrat. Dort erhielt er auf Grund der von ihm ausgestellten Photographien eine Prämie und nun entstand in ihm der Gedanke, Photographien druckbar zu machen, weshalb er sein Engagement bei der Staatsdruckerei aufgab, 1854 wieder nach London ging und dort neun Jahre blieb, um seine Pläne zur Ausführung zu bringen. Seine Erfindung, Tiefdruckplatten von Photographien herzustellen, nannte er Photogalvanographie und sie wurde einer Patent-Photo-Galvanographic-Society zur Ausbeutung übergeben, welche 1856 fünf Hefte eines Werkes in Grossfolio unter dem Titel Photographic Art Treasures herausgab. Nach etwa zweijährigem Bestehen löste sich jedoch die Gesellschaft auf und Pretzsch war wieder auf sich selbst angewiesen, während Fox Talbot, der die Erfindung gemacht hatte, durch Ätzung Photographien druckbar zu machen, ihn auf Grund seines Patentes verfolgte, wennauch ohne Resultat, da Pretzschs Verfahren sich nicht auf Ätzen gründete.

Nach der Weltausstellung 1862 kehrte Pretzsch nach Wien zurück und war längere Zeit schwer leidend, so dass er erst 1864 seine Thätigkeit wieder aufnehmen konnte. Diese richtete sich nun vornehmlich auf Herstellung von Hochdruckplatten und nach mannigfachen, mühsamen und kostspieligen Versuchen gelang ihm auch die Fertigstellung solcher, von welchen Proben 1873 in Wien ausgestellt waren.

Hiermit war das wichtigste Problem der Illustration der Zukunft zwar Wirklichkeit geworden, jedoch noch nicht in zufriedenstellender Weise; denn die Platten besassen nicht Tiefe genug, um mit Leichtigkeit in der Buchdruckerpresse behandelt zu werden. In Berücksichtigung der hohen Bedeutung, welche die Erfindung möglicherweise würde erreichen können, erhielt Pretzsch eine Staatsunterstützung, um seine Versuche weiterzuführen, und noch wenige Stunden vor seinem Tode war er mit diesen beschäftigt.

In der Zeit der Blüte der Schwarzlithographie erreichte Kriehuber im Porträtfache eine bis dahin unbekannte Meisterschaft. Die Chromolithographie fand einen günstigen Boden, der zuerst von der K. K. Staatsdruckerei bebaut wurde. Das erste Werk von Bedeutung waren die Aquarellbilder nach niederösterreichischen Bauwerken von Conr. Grefe, welcher Künstler überhaupt besondere Verdienste um den Buntdruck hat. Ed. Hölzel lieferte namentlich viele gute Landschaftsbilder; sein bestes Blatt und eines der besten der Öldruckbilder überhaupt dürfte „Die beiden Brüder“, nach v. Defregger sein. Seine instruktiven, geographischen und naturwissenschaftlichen Blätter und die architektonischen Bilder nach J. Langl, in Sepiamanier gedruckt, sind höchst wertvolle Erscheinungen. Reifenstein und Rösch (jetzt G. Reifenstein), Haupt & Czeiger, A. Hartinger & Sohn, Fr. Paterno lieferten gutes, die ersteren beiden Firmen im figürlichen, die beiden letzteren im naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Unterrichtsfache.

Ed. Sieger * 12. Dezbr. 1810. † 21. Jan. 1876.

Im lithographischen Accidenzfache zeichnete sich Ed. Sieger aus. Seine Riesenplakate wurden angestaunt und seine Erfindung des Ivoirit, einer täuschenden Imitation des Elfenbeins, brachte, in Bücherbänden oder in Ebenholz-Kassetten und Möbeln eingelegt, eine frappante Wirkung hervor.

Die Zinkhochätzung fand tüchtige Vertreter, unter welchen C. Angerer & Göschl ihr Verfahren zur ganz besonderen Vollkommenheit brachten. Auch C. Haack erwarb sich einen Namen, Moritz und Max Jaffé traten mit der Jaffétypie auf. Die Kupferstecherkunst, welche sehr zurückgegangen war und wesentlich nur in den Prämienblättern und den Nieten der Kunstlotterien fortvegetierte, trat durch die Ernennung Louis Jacobys (jetzt in Berlin) zum Professor dieser Kunst in ein neues Stadium des Fortschrittes. Die Radierung kam besonders durch W. Unger zu Ehren. Die Photographie, namentlich die Porträtphotographie, wurde mit viel Glück in Wien geübt.

In der Verwendung aller graphischen Kunstzweige, namentlich der in der Photographie wurzelnden, ist das Militär-geographische Institut berühmt geworden. Es entstand 1839 durch Vereinigung der topographisch-lithographischen Anstalt des K. K. Generalstabes in Wien mit dem zu Mailand bestandenen Deposito della Guerra. Die Anstalt kultiviert die Kartographie in ausgedehntester Weise unter Verwendung aller neueren Verfahren. Unternehmungen wie die Karte der Umgebungen Wiens in 48 Blättern; die Spezialkarte der Österreich-Ungarischen Monarchie in 720 Blättern, die Generalkarte von Zentral-Europa in 192 Blättern, und viele andere gehören zu den Meisterwerken der Kartographie.

Die Buchbinderkunst steht in Wien schon seit langer Zeit im Ansehen, wird jedoch noch mehr in den sogenannten Galanterie-Arbeiten als in der eigentlichen Buchbindung geübt. Vortrefflich sind in letzterer Richtung die Mosaikbände mit wirklichen Ledereinlagen, nicht nach französischer Art mit nur aufgelegtem dünn geschabten Leder. Namen wie A. Klein, Leop. Groner, Conr. Berg u. a. haben den besten Klang.

Unter solchen Verhältnissen wie den obengeschilderten konnte Wien, wo die Zustände im Jahre 1840 den Gedanken an ein fröhliches Gutenbergfest, wie das in Leipzig, nicht aufkommen liessen, sich mit Befriedigung zur Begehung des vierhundertjährigen Festes der Einführung der Kunst in Wien (I, S. 49) rüsten. Schon Jahre vorher waren die Vorbereitungen getroffen, namentlich für die Herausgabe einer bedeutenden Festschrift, einer Geschichte der Kunst in Wien seit vier Jahrhunderten, welche zugleich Proben der Leistungsfähigkeit der graphischen Anstalten vorführen sollte[257]. Das Fest fand am 24.–25. Juni 1882 statt und wurde durch einen Aktus, verbunden mit einer durch v. Eitelberger arrangierten historischen Ausstellung, eröffnet. Die eigentliche Festrede hielt der österreichische Generalkonsul in Leipzig, Karl v. Scherzer, wie bereits erwähnt ein früherer Gutenbergsjünger. Ein allgemeines Fest fand am 25. Juni in Hietzing in der „Neuen Welt“ statt, wo gegen 14000 Festgenossen sich versammelt hatten und wo Karl Höger als Festredner auftrat.

Ungarn. Buda-Pest.

In Ungarn steht die Buchdruckerei im allgemeinen nicht auf einem sehr hohen Standpunkte. Buda-Pest ist selbstverständlich der Sammelpunkt der bedeutendsten Offizinen. Im Jahre 1851 waren dort 8 Druckereien vorhanden mit 22 Schnellpressen; 1870 bereits 50 mit 140 Schnellpressen; 1882 48 Buchdruckereien und 23 lithographische Anstalten mit 130 Schnellpressen und 200 Tret- und Handpressen.

Staatsdruckerei.

Die Staatsdruckerei Ungarns besteht in ihrem jetzigen Umfange (16 Schp., 18 Hdp., 250 Arbeiter) erst seit der Trennung der Verwaltung Ungarns und Österreichs und befand sich früher in Temesvar als Filiale der Staatsdruckerei in Wien. Sie liefert sehr viele Accidenzarbeiten und Wertpapiere, die nicht auf der Höhe der Vollkommenheit stehen. Neben Gutem findet sich unter ihren Arbeiten manches Mittelgute. Die, unter ausgedehnter Anwendung der Galvanoplastik, gelieferten Kartenwerke haben einen grossen Umfang.

Druckereien in Buda-Pest.

Einen bedeutenden Aufschwung hat die Pester Buchdruckerei-Aktien-Gesellschaft, geleitet von Siegm. v. Falk, genommen; sie arbeitet in gedeihlicher Weise mit 15 Schnellpressen, 8 Handpressen und 200 Personen. Die Aktiengesellschaft Athenäum (12 Schp., 12 Giessm., 250 Arb.) druckt nicht weniger als zwanzig periodische Schriften. Die Offizin der Aktiengesellschaft Franklin-Verein (Rotm., 11 Schp., über 200 Arb.) hat sowohl als Werk- wie als Accidenzdruckerei einen guten Ruf. Im Jahre 1873 erwarb der Verein den bedeutenden Verlag von Gustav Heckenast, der einen wesentlichen Anteil an dem Aufblühen des Buchhandels in Ungarn gehabt hat. Er kam als Apotheker nach Pest, übernahm aber, als der dort etablierte Otto Wigand aus Göttingen auf Grund politischer Verhältnisse Ungarn schleunigst verlassen musste, dessen Geschäft und verband sich 1840 mit dem Buchdrucker Landerer. Mit seinen nationalen Verlagsunternehmungen hatte Heckenast viel Glück, namentlich mit dem von Kossuth redigierten Pesti Hirlap. Später gab er die illustrierte „Sonntags-Zeitung“ heraus.

Die von der Gesellschaft Hungaria 1869 gegründete, schön eingerichtete, Buchdruckerei (verbunden mit Verlagsgeschäft) druckt mit Rotationsmaschine das „Neue Pester Journal“ und das „Volksblatt“ und beschäftigt 170 Arbeiter. Das grosse Geschäft von Gebr. Légrádý liefert namentlich zahlreiche Jugendschriften, Victor Hornyánsky viele sehr gut gedruckte Bibeln in verschiedenen Sprachen. Ausserdem sind zu erwähnen die Universitäts-Buchdruckerei (7 Schp.) und die bedeutenden Zeitungsdruckereien: Khór & Wein, welche das „Illustrirte Tageblatt“ auf Augsburger Rotationsmaschine drucken, Ph. Wodianer, M. Deutsch (10 Schp.). Vortreffliche Arbeiten im kaufmännischen Accidenzfach gehen aus den Pressen der typo-lithographischen Anstalt von C. L. Posner (7 Schp., 11 Hdp.) hervor.

Mor. Ráth gab als Verleger zwar eine Reihe von vorzüglich ausgestatteten Prachtwerken heraus, da er jedoch die Mehrzahl in Wien drucken liess, so kann man aus denselben sich kein Bild der Leistungsfähigkeit der Pester Typographie machen.

Hervorragende Druckanstalten besitzt Transleithanien sonst nicht. In Agram befindet sich die wohleingerichtete Druckerei und lithographische Anstalt von C. Albrecht mit 6 Schnellpressen und die der Landesregierung gehörende Offizin des Narodne Noviny (4 Schp.). Gutes leisten in Raab Sandor Czéh; in Temesvar Gebr. Magyar; in Szegedin Burger & Co.; in Neusatz befindet sich die Druckerei des Serbischen National-Vereins. Das „okkupierte“ Bosnien hat eine nach neuestem Zuschnitt gut eingerichtete K. K. Landesbuchdruckerei in Serajewo.

Während in dem Jahre 1856 der österreichische Gesamtstaat (die italienischen Provinzen nicht mitgerechnet) kaum 200 Druckoffizinen aufwies, besassen die cis- und transleithanischen Länder 1882 in 372 Städten 756 Buchdruckereien, 345 lithographische Anstalten, 29 Schriftgiessereien und 1183 Buchhandlungen. Die Zahl der vorhandenen Schnellpressen betrug 1568, die der Hand- und Tretpressen 2250. Beschäftigung fanden gegen 15000 männliche, 3500 weibliche Arbeiter und 2000 Lehrlinge. 38 Gehülfen-Vereine hatten 4162 Mitglieder und, darin eingerechnet das Vermögen des Wiener Unterstützungs-Vereins von etwa 300000 Mark, ein Gesamtkapital von über einer Million Mark.

Vergleichen wir die Österreichisch-Ungarische Monarchie mit dem Deutschen Reiche, so geht hervor, dass erstere bei einem Umfange von 11300 Meilen und einer Bevölkerung von etwa 37500000 Menschen in der graphischen Produktion sehr gegen letzteres zurückbleibt. Scheiden wir die österreichische Monarchie in vier graphische Gruppen, so erhalten wir als Resultat folgende Zahlen:

Buchdruck. Lithogr. Anstalten Typogr. Schnellpr. Lithograph. Schp.

I. Die nördliche Gruppe: Schlesien, Böhmen, Mähren, Galizien, Bukowina 251 148 442 75

II. Die mittlere Gruppe: Nieder- und Oberösterreich, Salzburg 190 111 450 79

III. Die südliche Gruppe: Tirol, Steiermark, Kärnthen, Krain, die Küstenländer 73 31 450 79

IV. Die östliche Gruppe: Ungarn, Siebenbürgen, Slawonien, Kroatien, Bosnien 242 55 344 11

756 345 1369 199

Die rein deutsche Gruppe II, mit der Kaiserstadt, in welcher fast alle bedeutenden graphischen Anstalten ihren Sitz haben, und in der über eine Million Menschen lebt, ist mehr als anderthalbmal so gross an Umfang als das Königreich Sachsen und zählt nur etwa 200000 Einwohner mehr. Nichtsdestoweniger beträgt in Sachsen die Zahl der Buchdruckereien 136, der lithographischen Anstalten 101 und der Schnellpressen 663 mehr als in der österreichischen Gruppe II.

Das Deutsche Reich, einen Umfang von etwa 2000 □Meilen weniger als Österreich-Ungarn besitzend und etwas über 5 Millionen Einwohner mehr zählend, hat 2633 Buchdruckereien, 1649 lithographische Anstalten, 5708 Schnellpressen und etwa 3000 Buchhandlungen mehr. Bei einer solchen Zusammenstellung darf jedoch nicht übersehen werden, dass in den cis- und transleithanischen Ländern die Zahl der Deutschsprechenden nicht viel mehr als den vierten Teil der Einwohner beträgt.

Ebenso ungünstig stellt sich das Verhältnis, wenn wir die österreichisch-ungarischen Städte mit 50000 Einwohnern und mehr mit den deutschen (S. 276) zusammenstellen. Es giebt in Österreich deren nur zehn, nämlich:

Städte Einwohnerzahl Buchdruck. Lithogr. Anst. Buchhandl. Zeitschriften

Buda-Pest 365000 49 24 57 83

Prag 190000 33 30 83 84

Triest 124000 10 4 12 6

Lemberg 104000 15 4 22 33

Graz 94000 7 9 26 17

Brünn 82000 12 6 15 24

Szegedin 76000 4 1 4 2

Krakau 61000 6 2 15 8

Debreczin 52000 3 1 2 2

Pressburg 50000 6 3 4 2

Die Bücherproduktion Österreichs lässt sich nicht wohl aus der des ganzen deutschen Litteraturgebietes ausscheiden. Die Büchereinfuhr in Österreich betrug 27620 Meterzentner, die Ausfuhr 9378; da von letzterer jedoch die Remittenden der in Kommission versandten Artikel abgehen, so kann die wirkliche Ausfuhr kaum auf 4000 Meterzentner geschätzt werden. Merkwürdigerweise stellt sich das Verhältnis bei Musikalien noch ungünstiger, da bei einer Einfuhr von 937 Meterzentner nur 66 Zentner ausgeführt wurden. Trotz der geringen Ziffern hat sich die Einfuhr seit 1860 zwei und einhalbmal, die Ausfuhr einmal erhöht.

Die Zahl der Journale war zum Beginne des Jahres 1880 in den im Reichsrate vertretenen Kronländern 1074, darunter 340 politische Tages- und Wochenblätter. Von der Gesamtzahl erschienen 79 täglich, 80 mehrmals wöchentlich, 310 wöchentlich, 211 vierzehntägig, 226 monatlich. 728 Journale waren in deutscher, 73 in polnischer, 131 in tschechischer Sprache. Wien beteiligte sich mit 483 Zeitschriften. 1872 hatte ein Rückgang in der politischen Zeitungspresse stattgefunden und es erschienen 19 Tagesblätter weniger als 1871.

Ungarn lieferte damals 558 Zeitungen, davon 356 in magyarischer, 120 in deutscher, 56 in slawischer und 21 in rumänischer Sprache. Die Zahl der magyarischen Blätter hat seit der Zeit um 70 zugenommen, in Buda-Pest erschienen 168; in den übrigen Sprachen ist die Zahl ziemlich unverändert geblieben.

Fußnoten:

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XVI. KAPITEL. DIE ZWEIGE DER GERMANISCHEN GRUPPE.

Dänemark. Fortschritte der Typographie: B. Luno, Gebr. Thiele, C. Ferslew & Co. u. a. Die Chemitypie: C. Piil. Die Giessmaschine: L. Brandt. Die Setzmaschine: C. Sörensen. Die Schreibkugel: Malling Hansen. Island, Grönland. Norwegen. Geistiges Leben. Schweden. Norstedt & Söner, Central-Tryckeriet u. a. Finnland. Russland und Polen. Die Staatsdruckerei und andere Offizinen. Das Zeitungswesen. Die Donauländer: Serbien, Rumänien, Bulgarien. Griechenland.

DÄNEMARK UND NORWEGEN.

Die Presse in Dänemark.

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GEGEN das Ende des XVIII. Jahrhunderts ergriff die politische und geistige Gährung auch Dänemark und übte ihre Wirkung auf die Presse aus. Unter dem allmächtigen Ministerium Struensee wurde 1770 am 14. September die schrankenloseste Pressfreiheit eingeführt, was nicht ohne gröbliche Ausartungen abging. Wie gewöhnlich trat dann als Gegensatz eine weit über das Ziel schiessende Reaktion ein, deren Schlussstein die Verordnung vom 27. September 1799 war, durch welche die Zensur wieder eingeführt wurde und die Verfolgungen gegen die Presse ihren freien Lauf nahmen. Ausserdem begann das XIX. Jahrhundert sehr unglücklich für Dänemark, welches die damals herrschende Politik mit dem Bombardement von Kopenhagen, dem Verlust seiner glänzenden Flotte und der Abtretung Norwegens bezahlen musste[258].

Unter diesen Verhältnissen konnte die Typographie Dänemarks in der ersten Hälfte der Periode und noch länger keine grossen Fortschritte machen. Es herrschte kein guter Geschmack und die Produktionen gingen nur selten über das Mittelgute hinaus. Als bedeutendere Erscheinungen sind zu nennen: Den danske Vitruvius, 2 Bände, Folio; Langebecks Scriptores rerum danicarum, 8 Bände, Folio; Beskrivelse over danske Mönter og Medailler, 3 Bände, Folio; Flora Danica, ein sehr bedeutendes und umfangreiches Werk.

Die Typographie in Kopenhagen.

Die Buchdruckereien in Kopenhagen beherrschten, durch Innungsverhältnisse begünstigt, die Buchdruckereien der Provinz. Die Autoren suchten, da der Buchhandel nicht gut organisiert war, zumteil Verleger im Auslande.

E. H. Berling * 1689, † 1759.

Carl Heinrich Berling, Sohn des eingewanderten E. H. Berling (I, S. 156), erwarb das Privilegium der Posttidender, welche den Titel Statstidende, später Berlingske Tidende annahm, unter welchem Namen sie noch heute besteht. Viele Jahre hindurch waren dieses und ein anderes, ungefähr auf derselben Stufe der Mittelmässigkeit stehendes Blatt, Dagen, die einzigen Quellen tagesgeschichtlicher Weisheit.

Das Volk verfiel in ein durch Geistesspielereien gewürztes weichliches Wohlleben, aus welchem der Nationalgeist erst durch die Dichtungen Adam Oehlenschlägers erwachen sollte. Allmählich fielen die Schranken der Presse wieder und es erblühte ein überaus reges geistiges Leben, das ebenfalls die Entwickelung der Buchdruckerei und des Buchhandels im Gefolge hatte.

Bianco Luno * 27. Juni 1795, † 12. Aug. 1852.

Im Jahre 1825 kam die erste Schnellpresse nach Dänemark. Der eigentliche Schöpfer des guten Geschmacks und der Typographie im Sinne der Neuzeit war Bianco Luno[259], der sich, nach vielfachen Wanderungen in Italien, Ungarn und Deutschland, 1831 in Kopenhagen etablierte. Die Ausstattung und Ordnung seiner Druckerei war eine noch nicht in Dänemark bekannte und würde selbst im Auslande als eine mustergültige gegolten haben. Er lieferte namentlich in Werk- und tabellarischen Arbeiten vortreffliches. Die Druckerei arbeitet jetzt mit 9 in Kopenhagen von Eickhoff gebauten Schnellpressen.

Gebr. Thiele.

J. R. Thiele † 1876.

In feineren Accidenz- und illustrierten Drucken sind die Brüder Just und Andreas Thiele, Nachkommen eines 1770 aus Lemgo eingewanderten Buchdruckers Joh. Rud. Thiele, in Dänemark unübertroffen. Sie erhielten ihre Ausbildung in der Brockhausschen Offizin in Leipzig und können sich mit den besten Illustrationsdruckern Deutschlands messen. Als Beispiele ihrer Leistungen seien erwähnt: Illustreret Tidende, The old northern Runic monuments und Queen Dagmars Cross in Farbendruck. Die Offizin ist die grösste in Dänemark und arbeitet mit 17 König & Bauerschen Schnellpressen. Die Gebrüder Thiele drucken auch die Noten der Bank, die Postmarken und fast alle dänischen Wertpapiere.

C. Ferslew.

Als Zeitungsdruckerei steht die Offizin C. Ferslew & Co. obenan. Sie verbindet Typographie mit Lithographie und Papierfabrikation. Ferslew druckte zuerst mit einer „Victoria-Endlosen“. Drei grosse Tageszeitungen werden in der Offizin hergestellt, in welcher 9 Kastenbeinsche Setzmaschinen und 11 Ablegemaschinen arbeiten, wohl mehr als für den Augenblick im ganzen Deutschen Reich. Bei der Bedienung sind mehr als dreissig Mädchen unter Leitung einer Directrice beschäftigt. Um den Satz zu beschleunigen, werden schlecht geschriebene Manuskripte erst mittels der Malling Hansenschen Schreibkugel (S. 446) umgeschrieben und dann dem Setzer übergeben, wodurch es möglich wird, den Hauptteil einer grossen Zeitung in zwei Stunden herzustellen. Die als eine Neuheit von Beschke in Deutschland eingeführten Wetterkarten werden schon seit fünf Jahren bei Ferslew hergestellt.

Das Beispiel Lunos und Thieles hat sehr befruchtend gewirkt und der dänische Druck nimmt im ganzen eine sehr respektable Stellung ein. Die Offizin von Berling, welche jetzt nur die Berlingske Tidende mit Rotationsmaschine aus der Fabrik Eickhoff in Kopenhagen druckt, hat sich durch Einführung der technischen Verbesserungen und Erfindungen des Auslandes verdient gemacht. Der letzte männliche Besitzer der Firma Carl Berling spielte als Kammerherr, Reisemarschall und Günstling des Königs Friedrich VII. eine Rolle. Er starb auf einer Reise in Ägypten am 30. März 1871. Geachtete Namen erwarben sich unter anderen Andreas Seidelin und die von J. F. Schultz begründete Hofbuchdruckerei, jetzige Universitätsbuchdruckerei von J. H. Schultz, welche mit 12 Schnellpressen namentlich Regierungs-, Universitäts- und Kommunalarbeiten liefert. In der Provinz ist zu nennen die über 110 Jahre bestehende Fyens Stifts-Buchdruckerei in Odense, wo die Wiege der dänischen Buchdruckerei stand (I, S. 74).

Statistisches.

Zur Zeit hat Dänemark 175 Buchdruckereien (davon 71 in Kopenhagen) mit einem Arbeitspersonal von 1438 Köpfen, darunter 746 Setzergehülfen, 354 Setzerlehrlinge; 69 Setzerinnen, namentlich bei den Setzmaschinen thätig; 176 Drucker, 82 Druckerlehrlinge. Die Zahl der Schnellpressen ist 294, der Tretpressen 36 (davon in Kopenhagen 151 Schnellpressen, 35 Tretpressen). 90 Handpressen werden wohl, wie überall, fast nur als Korrekturpressen dienen[260].

Die litterarische Produktion ist nicht so genau wie in Deutschland anzugeben, da die einzige Kontrolle in der angeordneten Ablieferung eines Exemplars jeden Druckwerkes an die königliche Bibliothek besteht. Eingereicht wurden im Jahre 1880 349 Zeitschriften, 1806 Bücher und Broschüren. In Kopenhagen erscheinen 14 Tageblätter zumeist im Format der grossen Pariser Zeitungen; in den Provinzen 50. Kopenhagen hat 14 illustrierte Wochenblätter, unter welchen die humoristischen eine grosse Verbreitung haben.

Xylographie und Chemitypie.

Die Xylographie, früher hauptsächlich durch Deutsche geübt, leistet sehr anerkennenswertes; die bedeutendsten Anstalten sind die der Illustreret Tidende, H. P. Hansen, F. Hendrikson und J. J. Rosenstand. Die Chemitypie verdankt dem Dänen Chr. Piil[261] ihr Dasein und ist in Dänemark sehr beliebt geworden. Öfters wird sie mit der Zinkhochätzung verwechselt, jedoch beruht sie auf anderen Grundsätzen (S. 18). Piil brachte seine Erfindung nach Leipzig und übte sie dort in Verbindung mit dem Buchhändler H. Friedlein. Auch die Zinkographie fand sehr geschickte Ausüber in Dänemark.

Schriftgiesserei.

Auf Grund des kleinen Geschäftsgebietes konnte die Schriftgiesserei nicht mit der deutschen Schritt halten. Schriften wurden hauptsächlich von Trennert in Altona und Genzsch & Heyse in Hamburg, dann auch von Berlin und Leipzig bezogen. Gute Arbeiten liefert H. A. F. Fries in Kopenhagen.

Die Schriftgiessmaschine.

L. Brandt * 6. Sept. 1807.

In Deutschland gilt (S. 295) der Däne Lauritz Brandt allgemein als Erfinder der Schriftgiessmaschine. Er stammte aus Faaborg auf der Insel Fühnen. Als Schlossergeselle ging er nach St. Petersburg, wo er allerlei mechanische Instrumente anfertigte, reiste kreuz und quer durch Deutschland, verheiratete sich dort und segelte dann nach Amerika. Hier führte er den Gedanken, die Giessmaschine zu konstruieren, aus und baute diese in dem Hause der bekannten Schriftgiesserei David Bruce jun. in New-York. 1844 ging er nach Deutschland und verkaufte sein Patent an Eduard Hänel in Berlin. Brandt erntete hieraus weder grosse pekuniäre Vorteile noch Ehre, denn Hänel verschwieg seinen Namen, sodass bald dieser selbst, bald Steiner in München als Erfinder galt. Brandt verliess Deutschland und ging nach Dänemark, wo er mehrere Maschinen für die Schriftgiesserei Fries baute, die noch heute in Wirksamkeit sind. In Schweden erwarb L. Hierta das Patent, welches später auf die Firma Norstedt & Söner überging. Nach einem etwa vierjährigen Aufenthalt in Europa ging Brandt nach New-York zurück und gründete dort ein Etablissement, aus dem eine grosse Anzahl Maschinen hervorging. 1859 zog er sich ins Privatleben zurück und übergab sein Etablissement an N. Erlandsen, der, ebenfalls ein Däne, als armer Junge von seinen Eltern aufgenommen worden war. Gegen Brandts Ansprüche machte David Bruce sein Erfindungsrecht geltend (S. 39).

Die Setzmaschine.

Chr. Sörensen * 7. Mai 1818, † 30. Jan. 1861.

Wennauch mit Setzmaschinen verschiedentlich experimentiert worden war, so muss doch Christian Sörensen[262] in Kopenhagen als der Erfinder betrachtet werden, denn er war der erste, der eine wirklich lebensfähige Maschine herstellte, die auf den Prinzipien beruhte, welche von allen späteren Erfindern, mit Ausnahme von Mackie, angenommen wurde.

Sörensen war von ganz armen Eltern geboren und musste schon als Kind zum Verdienst mit beitragen durch Arbeit bei einem Leineweber, und konnte nur in den Abendstunden einen notdürftigen Unterricht geniessen. Durch einen Zufall kam er später in Setzerlehre.

Er war ein mechanisches Genie. In seinem zwanzigsten Jahre entstand bei ihm der Gedanke, eine Setzmaschine zu schaffen. Von den vor ihm gemachten Versuchen hatte er keine Ahnung. Am 29. April 1846 erhielt er ein Patent für eine Setz- und Ablegemaschine und eine Unterstützung zur Ausführung eines Modells. Während Sörensen hiermit noch beschäftigt war, ergingen die Einladungen zur ersten Weltausstellung in London. Gelang es, dort mit der Setzmaschine zu erscheinen, so war das Ziel erreicht! Das Erscheinen gelang ihm zwar, aber — die Maschine erhielt nicht einmal eine ehrenvolle Erwähnung.

Das war ein harter Schlag für Sörensen, und seine Gönner fingen nun an, sich von ihm zurückzuziehen. Da erschien als Retter in der Not der Publizist J. F. Gjödwad, Herausgeber der Zeitung Fädrelandet, und bestellte eine Maschine und, als sie gut ausfiel, noch eine zweite. Ehe diese zur Vollendung kam, trat die Pariser Ausstellung von 1855 ins Leben. Der Besteller war liberal genug, Erfolge in Paris.zu gestatten, dass sie erst in Paris ausgestellt würde. Hier erregte sie allgemeines Staunen und wurde einstimmig von dem Jury-Kollegium der höchsten Belohnung würdig befunden, welche für diejenigen Männer bestimmt war, „die sich um die Gesellschaft besonders verdient gemacht“ hatten.

Die Maschine war eine doppelte, eine Setz- und eine Ablegemaschine, und wurde erst durch eine Giessmaschine vervollständigt, die auch sehr schwieriger Natur war, da viele (bis auf 6) komplizierte Signaturen notwendig waren; doch gelang alles nach Wunsch.

Not, Sorge und Tod.

Der pekuniäre Vorteil des Pariser Erfolges blieb jedoch für Sörensen aus. Er fiel in Paris Schwindlern in die Hände und nach vielen vergeblichen Anstrengungen für die Einführung der Maschine in Frankreich, Deutschland und Österreich kehrte er krank und gebeugt nach Dänemark zurück. Hier fand er wieder Beistand und Aufmunterung bei seinem alten Gönner Gjödwad. Zwar geschahen auch von anderer Seite Schritte, die Sörensens Zukunft wenigstens sorgenfreier gestalteten, aber Kummer und frühere Nahrungssorgen hatten seinen Lebensfaden durchschnitten und er erlag seinen Leiden am 30. Januar 1861.

Die Schreibkugel.

R. Malling Hansen.

Mit der Setzmaschine verwandt ist die Schreibmaschine oder Schreibkugel. Der erste, der mit einer solchen wirkliche Erfolge erzielte, war der Direktor der königlichen Taubstummenanstalt in Kopenhagen, R. Malling Hansen. Durch sein Nachsinnen über die Mittel zu einer leichteren Verständigung zwischen Taubstummen und Blinden kam er auf den erwähnten Apparat, den er nach und nach sehr vervollkommnet hat.

Durch die Oberfläche einer hohlen metallenen Halbkugel geht eine Anzahl von Stahlstiften, die wie Radien eines Kreises nach dem Mittelpunkte zusammenlaufen, was durch künstliches Unterschneiden der Stifte ermöglicht wird. Auf dem unteren Ende eines jeden derselben ist ein Antiqua-Versalbuchstabe erhaben geschnitten, wie jeder Typenstempel. Unter dem Mittelpunkte, wo alle Buchstaben zusammentreffen, liegt das Schreibpapier mit einem Farbepapier bedeckt. Durch den Druck mit dem Finger auf den Knopf eines Stempels wird dieser nach dem Zentrum geführt und übt einen Druck auf das Farbepapier, wodurch der Buchstabe auf das weisse Papier abgefärbt wird. Nach jedem Druck bewegt sich das Papier soweit seitwärts zurück, dass der nächste Buchstabe in die richtige Entfernung von dem vorhergehenden zu stehen kommt. Ist die Zeile voll, schiebt sich das Papier so weit nach oben, dass es in die richtige Lage kommt, um die folgende Zeile aufzunehmen. Eine Schnelligkeit von 20000 Buchstaben in der Stunde ist noch keine übertriebene. Durch Übereinanderlegen von bis zu zehn Schreib- und Farbeblättern ist es möglich, eine ebenso grosse Anzahl Drucke gleichzeitig zu schaffen, die wieder durch elektrische Verbindung mehrerer Apparate nach Belieben gesteigert werden kann.

Die Maschinenfabrikation.

J. G. A. Eickhoff * 4. März 1809, † 30. Mai 1875.

Die erste eiserne Handpresse in Dänemark wurde 1836 von Hüttemeyer, die erste Schnellpresse 1847 von J. G. A. Eickhoff aus Wittenförden in Mecklenburg-Schwerin nach dem System König & Bauer hergestellt. Seine 200. Maschine folgte 1874. Über 125 davon gingen nach dem Auslande, namentlich nach Schweden und Russland. Eickhoff baut auch Rotationsmaschinen.

Die Papierfabrikation ist besonders durch die Familie Drewsen in die Höhe gebracht. Das dänische Fabrikat ist in den Mittelsorten ein sehr brauchbares. Die Buchbinderei nahm stets einen respektablen, wennauch keinen hervorragenden Platz ein.

Lithographie.

Die Lithographie wurde durch C. C. Lose von einem Deutschen Heinrich Wenzler 1811 eingeführt und hauptsächlich für den Notendruck benutzt. Der Kunstsinn, welcher, durch die von Thorwaldsen gegebene Anregung in allen Schichten der Bevölkerung geweckt, einen mächtigen Einfluss auf das Kunstgewerbe geübt hat, wirkte auch auf die Lithographie. Es entstanden nicht nur vorzügliche Kartenarbeiten, sondern auch wirkliche Kunstblätter, letztere namentlich durch Emil Bärentzen & Co., jetzt Hoffensberg & Trap, welche auch vorzügliche Chromos liefern. Neben diesen verdienen J. W. Tegner & Kittendorf genannt zu werden.

Der Buchhandel in Dänemark ist nach deutschem System gut organisiert. Das offizielle Organ des skandinavischen Buchhandels ist das seit 30 Jahren von O. H. Delbanco herausgegebene Nordisk Boghandlertidende.

Island.

Auf der Insel Island blieb stets der Sinn für die Litteratur herrschend. Es bestehen dort 5 Druckereien mit 7 Pressen und 4 Journale erscheinen daselbst. Die Offizinen von Einar Thordarson und Björn Jónsson besitzen je eine Schnellpresse. Im Jahre 1799 kam die Isländische Litterarische Gesellschaft[263] in den Besitz einer kleinen Druckerei, in der bereits 1840 über 100 Werke gedruckt waren. Auch die Färinseln besitzen eine Offizin und ein Blatt. Selbst Grönland.Grönland ist nicht zurückgeblieben. Unter den in den dänischen Kolonien wohnenden 12000 Eingeborenen ist die Fertigkeit im Lesen und Schreiben so verbreitet, wie irgend in Europa. In den Jahren 1857–61 machte der Inspektor von Süd-Grönland, nachdem ihm auf Rechnung der Grönländischen Handelsdirektion eine Buchdruckpresse gesendet war, einen Versuch, einen Eingeborenen, Lars Möller, im Setzen und Drucken und einen andern im Holzschneiden zu unterrichten. 1861–62 hielt sich ersterer in Kopenhagen auf und wurde dort ordentlich im Buch- und Steindruck unterrichtet. Nach seiner Rückkehr liess der Inspektor ein kleines Gebäude aufführen und als Buch- und Steindruckerei einrichten. Ausser einigen kleinen erzählenden Schriften gingen zwei periodische Unternehmungen aus dieser Offizin hervor: Atuagagdliutit (Unterhaltungslektüre), worin auch Beiträge von Eingeborenen und viele Abbildungen enthalten sind; das andere enthält die Jahresberichte der Ortsvorsteher mit lithographierten Tafeln. In der Kolonie Godthaab (Gute Hoffnung) befindet sich eine zweite Herrnhutische Missionspresse, aus der eine Anzahl von Erbauungs- und Unterrichtsbüchern hervorgingen. Das erste dort gedruckte Buch war eine Legendensammlung Kalladtit Okalluktua alliaït mit zwölf von Eingeborenen gezeichneten und geschnittenen Holzstöcken und acht Liedern mit Musiknoten.

Norwegen.

In Norwegen[264] kann man, sieht man von der altehrwürdigen Litteratur der Eddas und des reichen Sagenschatzes in der Norröna-Zunge ab (I, S. 156), eigentlich erst seit etwa 70 Jahren von einer Nationallitteratur reden.

Christiania.

In Christiania wurde die zweite Druckerei erst im Jahre 1807 angelegt. Nachdem die politische und die damit verbundene Pressfreiheit im Jahre 1814 urplötzlich und in einem Maasse, wie es in der Geschichte nicht oft vorkommt, errungen war, begann auch eine grosse Regsamkeit in der Litteratur. Man machte bedeutende, mitunter etwas krampfhafte Anstrengungen, um eine nationale norwegische Litteratur zu schaffen, und damit fing auch die Buchdruckerkunst an, einen bedeutenderen Platz einzunehmen.

Zeitungswesen.

In einem Lande, wo die grosse räumliche Ausdehnung, die kleine, weit zerstreute Bevölkerung und die Naturschwierigkeiten einen schnellen Paketverkehr notwendig machten, war die Journalpresse von grosser Wichtigkeit und oft die einzige Quelle der Belehrung und Unterhaltung. Die Spuren derselben reichen bis auf das Jahr 1760 zurück. Die erste eigentliche Zeitung waren die 1763 begonnenen Norske Intelligenzsedler. Die Zeitungen unterlagen, wie in Dänemark, der Zensur und zwar einer sehr strengen. Zur Empfangnahme von Zeitungen durch die Post gehörte eine besondere Erlaubnis. Im Jahre 1814 war die Zahl der periodischen Schriften nur fünf. 1815 wurde das erste täglich erscheinende Morgenbladet gegründet. Die wissenschaftliche Journalistik ist nicht ohne Wichtigkeit. Unter den 85 Journalen Norwegens befinden sich auch mehrere illustrierte.

Bücherproduktion.

Statistisches.

Auch die Bücherproduktion wurde eine regere. Im Jahre 1868 konnten bereits 650 Autoren bezeichnet werden. Zum Betrieb des Buchhandels nach deutschem Zuschnitt gab der Däne Johann Dahl den Anstoss und Norwegen hat seitdem eine Reihe von tüchtigen Buchhändlern und Buchdruckern aufzuweisen. 1840 zählte man dort schon 33 Buchdruckereien, von welchen Christiania 15 mit 35 Pressen und 95 Arbeitern aufwies. 1879 war die Zahl der Buchdruckereien auf 126 gestiegen, davon 29 in Christiania mit 72 Schnellpressen und 483 Personen. Die Gröndahlsche Buchdruckerei dort hat das Verdienst, 1830 die erste eiserne Presse, 1840 die erste Schnellpresse, 1854 den Dampfbetrieb eingeführt zu haben. Von ihr stammt auch die Annahme des Didotschen Kegelsystems. Bis vor kurzem hatte die Fraktur entschieden das Übergewicht, sie weicht aber Schritt für Schritt der Antiqua. Bergen hatte 8 Offizinen und 9 Schnellpressen.

Zur Papierfabrikation trägt Norwegen indirekt durch eine starke Ausfuhr von Holzstoff bei, deren Wert 1879 nahe an 1½ Millionen Mark betrug.

SCHWEDEN UND FINNLAND.

Schweden.

In Schweden, dessen Einwohner so oft die Franzosen des Nordens genannt werden, zeigte sich eine besondere Vorliebe für französische Litteratur und französisches Wesen. Vielleicht hat dies mit dazu beigetragen, dass die Schweden rascher und allgemeiner als die Dänen und Norweger die Antiquaschrift als übliche Buch- und Zeitungsschrift annahmen, so dass thatsächlich die Fraktur nur für kirchliche oder wirklich nur für das Volk bestimmte Litteratur beibehalten wurde. Es dürften überhaupt in den drei skandinavischen Ländern die Tage der Fraktur gezählt sein.

In betreff des Bezuges von Schriften, Druckmaterial und Utensilien ist Schweden noch mehr als Dänemark auf das Ausland, namentlich Deutschland, angewiesen, und stand auch im allgemeinen etwas hinter Dänemark in der Typographie zurück.

Typographen.

Einer der bedeutendsten Buchdrucker war Peter Momma († 1772), ein Rechtsgelehrter, der auf seinen Reisen die Buchdruckerei in Holland lernte. Er war auch der erste, der eine Schriftgiesserei in Schweden errichtete. J. S. Ekmansson führte 1796 die Didotschen Schriften ein. In Lund erwarb der Däne C. Gustav Berling 1745 eine Offizin, welche Bedeutung erlangte und mit der eine, hauptsächlich den akademischen Bedürfnissen gewidmete Schriftgiesserei verbunden wurde. Sie blüht noch in den Händen der Familie Berling.

P. A. Norstedt.

Den bedeutendsten Platz unter den typographischen Anstalten Schwedens nimmt die von P. A. Norstedt in Stockholm gegründete ein. Er kaufte 1821 die Offizin von J. P. Lindh, nahm seine beiden Söhne Adolf und Carl zu Teilnehmern und firmierte seit 1823 P. A. Norstedt & Söner. Im Jahre 1862 ging das Geschäft auf die Verwandten Norstedts Gustav Laurin und Albert Laurin über, beide starben jedoch zum allgemeinen Bedauern zeitig. Das jetzt noch blühende Geschäft hat Werke geliefert, welche mit den besten des Auslandes konkurrieren können. 1869 begannen Norstedts die Nordisk Bogtryckertidende, welche leider 1875 wieder zu erscheinen aufhörte[265].

Im Jahre 1874 gründete eine Aktiengesellschaft ein grosses graphisches Institut, Central-Tryckeriet, unter der Direktion von Hans Forsell, welches im Jahre 1875 15 periodische Schriften, darunter 11 illustrierte Blätter, druckte. In der Nacht vom 20. zum 21. Dezember desselben Jahres brannte die Anstalt teilweise ab, bei welcher Gelegenheit der verdiente Dirigent der lithographischen Abteilung, der Deutsche A. SEEDORF, einen jämmerlichen Tod in den Flammen fand.

Selbst die Hauptstadt des schwedischen Lapplands, Haparanda, dicht an der Grenze des russischen Finnlands, hat eine Druckerei und zwar mit einem adeligen Besitzer, G. C. von Klercker, und ein Wochenblatt Nyaste Riksgränsen.

Zeitungen.

Die periodische Litteratur weist 321 Nummern auf. 91 Journale erscheinen in Stockholm, 18 in Gothenburg, 10 in Malmö, 7 in Lund. 14 Blätter erscheinen täglich, davon 4 in doppelten Ausgaben; Stockholm hat deren 6, Gothenburg, Helsingborg, Malmö je zwei.

Durch die Bestrebungen der eingewanderten Dänen C. W. Gleerup in Lund und Ad. Bonnier in Stockholm ist der schwedische Buchhandel ganz in der Art des deutschen organisiert. Die Zahl der Buchhandlungen beträgt 261.

Der Schwede liebt das Bunte und neben einer grossen Anzahl von geschichtlichen Werken und Romanen werden auch viele illustrierte, namentlich ethnographische Prachtwerke mit Chromolithographien gedruckt, doch werden sie auch zumteil in Deutschland ausgeführt. Die Lithographie kam 1818 nach Schweden. Eine Anstalt von Bedeutung ist Lithographiska Aktie Bolaget i Norrköping, welche namentlich vortreffliche Landkarten geliefert hat.

Die Papierfabrikation.

Die Papierfabrikation Schwedens hat eine grosse Bedeutung und die Zahl der Fabriken beträgt etwa 60. Es wird sehr gutes Papier fabriziert, wennauch für gewöhnlich ein recht mittelmässiges Fabrikat zur Verwendung kommt. Schweden mit seinem grossen Reichtum an Holz und Wasserkraft hat die Fabrikation des Holzstoffes mit Eifer ergriffen und führt bedeutende Quantitäten aus. Seine erste Farbenfabrik erhielt es erst vor wenigen Jahren durch O. Marin in Söderköping.

Finnland.

Finnland, politisch mit Russland vereinigt, im Besitz seiner nationalen Sprache und einer, wennauch nicht bedeutenden, nationalen Litteratur, in dem höheren litterarischen Verkehr sich der schwedischen Sprache bedienend, ist in betreff des Buchgewerbes mehr zu Schweden als zu Russland gehörend zu betrachten.

Typographen.

Die bedeutendste typographische Familie ist die Frenckellsche. Statt der nach Stockholm verlegten Druckerei (I, S. 158) erhielt Åbo 1772 eine neue Offizin, die im Jahre 1750 in die Hände von J. C. Frenckell kam, welcher 1755 zum akademischen Buchdrucker ernannt wurde, und 1802 noch eine Druckerei in Helsingfors, wohin 1829 die Universität von Åbo verlegt wurde, gründete, die noch kräftig blüht.

Zeitungen.

Im Jahre 1771 erschien die erste schwedische Zeitung in Åbo; 1776 die erste in finnischer Sprache. Unter der strengen Zensur konnte die Zeitungslitteratur nur einen sehr langsamen Fortgang nehmen, erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts trat ein erheblicher Umschwung ein, so dass im Jahre 1878 24 Zeitungen in schwedischer, 30 in finnischer Sprache erschienen. 1871 hatte Finnland 20 Buchdruckereien, die sich auf 12 Städte verteilten, davon kamen 7 auf Helsingfors. Die Zahl der Gehülfen betrug 118, der Lehrlinge 99. Schnellpressen gab es 12, Handpressen 45. Jetzt hat Finnland 40 Buchdruckereien.

Die von Tilgmann aus Helsingfors erfundene Tiegeldruck-„Endlose“ Mia hat wohl nicht den in Deutschland gehegten Erwartungen ganz entsprochen[266].

RUSSLAND UND POLEN.

Langsame Entwickelung der Typographie.

Dass die Typographie in Russland und Polen nicht in der Weise blühen konnte, wie in Ländern, wo die politische Freiheit eine frische litterarische Bewegung und eine lebhafte Wechselwirkung mit den bedeutendsten Kulturvölkern hervorrief, ist selbstverständlich. Hierzu kommt noch als erschwerendes Moment die grosse räumliche Ausdehnung des Reiches. Wie (S. 257) bereits erwähnt wurde, erhielt Russland nicht nur sein typographisches Material aus Deutschland, sondern auch die Ausüber der Buchdruckerkunst sowohl als des Buchhandels waren grösstenteils Deutsche. Diese haben erst Ordnung und System in das graphische Geschäft gebracht. Der national-russische Buchhandel war noch 1840 in einem desolaten Zustande. Smirdin in St. Petersburg und Simin in Moskau gehörten zu den wenigen, welche das Geschäft kaufmännisch regelrecht betrieben.

Die Buchdruckereien verbreiteten sich langsam; 1874 war die Zahl derselben in St. Petersburg 107, die der lithographischen Anstalten 105, der Schriftgiessereien 11, der Buchhandlungen mit offenem Laden 77. Den Bemühungen eines Deutschen, R. Schneider, ist die Errichtung einer typographischen Lehrlingsschule zu verdanken. Derselbe gab auch 1867–1869 ein typographisches Journal in russischer und deutscher, später nur in russischer Sprache heraus, das auf Ed. Hoppe überging. Schneider verliess 1882 Russland und ging nach der Schweiz.

Die Staatsdruckerei.

Eine eben so eigentümliche wie vortreffliche Anstalt ist die kaiserliche Staatsdruckerei oder, wie die offizielle Bezeichnung lautet: „die Kaiserlich Russische Expedition zur Anfertigung der Staatspapiere“, ein Institut, das jedes, selbst das in den graphischen Künsten am weitesten fortgeschrittene Land mit Stolz das seinige nennen würde. Durch ihre wahrhaft eminenten Leistungen in photographischen Hoch- und Tiefdruckplatten, durch die geistreiche Kombination von Heliographie und Galvanoplastik und durch die vielfachen wichtigen Anwendungen der verschiedenen graphischen Künste zur Herstellung von Staats- und Wertpapieren hat sie tief eingreifende Erfolge erzielt. Die Fabrikation von Papier mit Wasserzeichen in unvergleichlicher Klarheit und Zartheit, sowie von geschöpftem Handpapier mit allen den Eigenschaften, die man von einem für Wertzeichen bestimmten Papier verlangt, wird in grossartigem Maassstabe betrieben. Die Festigkeit ist namentlich dem vorzüglichen russischen Hanf zuzuschreiben. Die Kontrolle beginnt mit der Feststellung des Gewichts des abgelieferten Papiers und lässt sich für jeden Bogen auf seiner Wanderung durch die Anstalt verfolgen. Die Fabrik arbeitet mit sechs grossen Maschinen und vierzehn Bütten[267].

Stempel und Matrizen, Clichés in Kupfer und namentlich in Eisen, eine Spezialität der Anstalt, die gerade für die Herstellung des farbigen Druckes in grossen Auflagen sowohl der Dauerhaftigkeit, als der Unangreifbarkeit durch Farben wegen von wesentlich praktischem Werte sind, werden in vorzüglichster Qualität geliefert. Buch- und Holzschnittdruck, Kupferdruck, Lithographie, Autographie, Chromographie, Photogalvanographie, Heliographie, Elektrotransformatypie, ein Verfahren zur Herstellung einer Platte mit Bildstellung beliebig nach rechts und links, kurz, jeder nennbare graphische Prozess wird dort zur Vollkommenheit gebracht. Ebenfalls vorzüglich sind die durch Georg v. Scamoni photographisch erzielten mikroskopischen Schriften. Derselbe, aus Würzburg gebürtig, hat einen grossen Anteil an den Erfolgen der Anstalt in allen heliographischen Verfahrungsweisen[268].

Die Anstalt wurde 1818 unter Leitung von Theod. Schneider aus Mannheim gegründet und besteht seit 1866 als selbständiges Geschäft, das seine Überschüsse an die Staatskasse abliefert. Der Chef ist seit 1861 der Staatsrath Theod. von Winberg. Bereits im Jahre 1873 hatte die Anstalt 17 Dampfmaschinen mit 362 Pferdekraft zur Disposition. Die Druckerei arbeitete mit 58 Schnellpressen, darunter 35 aus der Fabrik von König & Bauer, 60 Handpressen, eine ausserordentliche Zahl von Hülfsmaschinen und beschäftigte im Hause 1400–1800, ausser dem Hause 300–1200 Arbeiter.

Eine eigentümliche Einrichtung ist die Beteiligung des ganzen Personals bis zum jüngsten Arbeiter herunter an dem Gewinn der Anstalt, der ein bedeutender, zwischen 3–400000 Rubel jährlich, sein soll. Die eine Hälfte derselben fliesst in die Staatskasse, die andere wird unter das Personal in der Weise verteilt, dass jeder Arbeiter mindestens einen Monatslohn als Anteil empfängt.

Die baulichen Anlagen der Anstalt, welche in dem südlichen, nicht sehr bebauten Stadtteil sich befinden, bedecken einen grossen, an drei Seiten von Strassen begrenzten Flächenraum, auf welchem ausser der eigentlichen Druckerei auch die Papierfabrik und die Wohnungen der Beamten sich befinden.

Zum Schutze der Anstalt hält eine Wache von 36 Mann die verschiedenen Zugänge bei Tag und Nacht besetzt. Die Gebäude sind durchweg massiv und feuersicher, fast nur von Stein und Eisen. An der Spitze der Anstalt, welche dem Finanzministerium unterstellt ist, steht ein technisch gebildeter Direktor. Als Vorsteher der einzelnen Abteilungen, sowie zur Wahrnehmung der Kassen- und Rechnungsgeschäfte und der Kontrolle sind 160 Beamte und 280 Meister und Meistergehülfen angestellt. Sehr zu loben ist, dass die mächtige Anstalt nur auf die Bedürfnisse des Staats beschränkt bleibt, obwohl es in Russland eher als in anderen Ländern zu entschuldigen wäre, wenn sie Privaten Konkurrenz machte.

Verschiedene Firmen.

Die Universitätsbuchdruckerei wurde 1755 gegründet. 1871 beschäftigte sie 16 Schnell- und viele Handpressen und ist reich mit orientalischen Schriften versehen; das Vaterunser konnte in 325 Sprachen gesetzt werden. Eine zweite orientalische Buchdruckerei, namentlich für armenischen Druck bestimmt, errichtete 1836 Joachim Lazareff. Unter den älteren Buchdruckereien nimmt die von J. J. Glasanow (Oberbürgermeister, wirklicher Staatsrat, Excellenz), welche bereits ihr hundertjähriges Bestehen feierte, einen bedeutenden Platz ein, während unter den jüngeren die von B. M. Wolff hervorragend ist. Der kürzlich verstorbene Wolff verband Verlagshandel mit Buchdruckerei und hat Verdienste um die Verschönerung der russischen Schrift und der Anpassung der Renaissance-Antiqua an diese. Eine bedeutende Accidenzdruckerei ist die von Golowin. Alex. Bencke liefert ebenfalls viele Accidenzarbeiten und beschäftigt nur Nationalrussen. Hermann Hoppe giebt das illustrierte Journal, von Ed. Hoppe gedruckt, heraus. Die Gesellschaft Allgemeiner Nutzen ist ein ausgedehntes Etablissement, besonders für Herausgabe illustrierter Blätter. Bedeutende Schriftgiessereien sind die Filiale von Flinsch in Frankfurt a. M. (Franz Mark), Revillon & Co. und O. J. Lehmann. Die lithographische Anstalt von A. Iljin liefert gute Landkarten.

Die Provinzen.

In Moskau wird die graphische Kunst in ziemlich umfangreicher Weise geübt. Im Jahre 1881 bestanden 237 Offizinen, in welchen mit 202 Buchdruck-, 147 Steindruck-Schnellpressen und 712 Tret- und Handpressen gearbeitet wurde. Die Schriftgiessereien, unter welchen Seliwanowski bedeutend ist, arbeiteten mit 47 Giessmaschinen. Die bekannte Synodalbuchdruckerei (I, S. 279) erhielt eine neue und zweckmässige Einrichtung. Mor. NEUBINGER druckt namentlich Wertpapiere.

Dorpat hatte schon 1624 eine Offizin, Mitau 1774, Odessa 1825. Charkow mit seiner 1804 gegründeten Universität erhielt 1820 eine Druckerei. In Warschau sind namentlich H. & M. Orgelbrand durch ihre hebräischen Drucke bekannt.

In den baltischen Provinzen erschienen 1871 22 deutsche, 7 esthnische und 6 litauische Zeitungen und nur eine russische.

Die armenische Typographie wurde namentlich in dem berühmten Kloster Etzschmiazin bei Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, gepflegt. Ein zweiter Druckort ist Nachitschewan, wo 1794 unter anderem eine Übersetzung von Fénelons Télémaque erschien. Tiflis hat mehrere Offizinen. In der Herrnhuter-Kolonie Sarepta befand sich seit dem Jahre 1763 eine unbedeutende Missionsdruckerei. Astrachan erhielt zu Anfang des Jahrhunderts, Kasan 1815 Offizinen.

In den Gouvernementsstädten Sibiriens finden sich zwar Buchdruckereien, jedoch primitivster Einrichtung, nur Jekaterinenburg und Irkutsk haben gut versehene Offizinen. Die einzige offizielle Zeitung Sibiriens, welche in Irkutsk erschien, wurde 1880 verboten. In Selenginsk wurde auf Veranlassung der Londoner Missionsgesellschaft die ganze Bibel 1834 in mongolischer Sprache gedruckt.

Die russischen Papierfabrikanten beschweren sich sehr über Mangel an Lumpen, die namentlich nach England ausgeführt werden. Die Kartenfabrikation ist ein Monopol der Regierung; die einzige Fabrik liefert jährlich etwa sieben Millionen Spiele.

Statistisches.

Im Jahre 1874 hatte Russland 322 Buchhandlungen und die Zahl der erschienenen Bücher betrug 2589. 1870 war der Wert der Büchereinfuhr 1153082 Rubel, von welcher Summe die Million auf Deutschland fiel, die Ausfuhr bezifferte sich auf 83714 Rubel.

Die Zahl der Zeitschriften ist eine verhältnismässig sehr geringe und betrug 1881 nur 776, davon 80 in polnischer, 43 in finnischer, 39 in schwedischer, 36 in deutscher, 13 in lettischer, 10 in esthnischer Sprache und 26 in verschiedenen Idiomen. Es erscheinen von diesen Zeitschriften 197 in St. Petersburg, 75 in Moskau, 79 in Warschau, 36 in Helsingfors, 23 in Riga, 21 in Tiflis, 20 in Kiew, 19 in Odessa.

Zeitungswesen.

Die verbreitetste Zeitung (71000 Auflage) war der „Golos“ (die Stimme)[269], sie hatte so wenig wie die Times eine bestimmte Tendenz, aber ein ebenso feines Gehör für das, was kommen würde. „Die neue Zeit“, ein chauvinistisches Slawenblatt (30000 Auflage) hatte etwas an Verbreitung eingebüsst. Im Hetzen gegen Deutschland hatte es fast den Sieg über die russische St. Petersburger Zeitung davongetragen, wogegen die „Russische Wahrheit“ einen gebildeten Ton anschlug. Auch das „Gerücht“ hielt sich von Chauvinismus frei. Die „Moskauer Zeitung“ hatte namentlich in Moskau selbst und in dem Lande südlich und östlich von Moskau Geltung.

Die Regierung besass nur ein offizielles Organ, „Der Regierungsbote“. Als offiziös konnten das Journal de St. Pétersbourg und die Agence générale russe und im Auslande der Brüsseler Le Nord, allenfalls auch der „Russische Invalide“ gerechnet werden. Neben der russischen St. Petersburger Zeitung existiert auch eine deutsche; beide gehören der Akademie der Wissenschaften, welche sie verpachtet, und haben bereits 1877 ihr 150jähriges Jubiläum gefeiert.

Die grossen Petersburger Zeitungen stehen zwar nicht unter Präventiv-Zensur, müssen aber 5000 Rubel Kaution stellen. Sobald sie ausschreiten, werden sie verwarnt und nochmaliges Verwarnen zieht zeitweiliges oder auch vollständiges Verbot nach sich. In ausländischen Angelegenheiten haben die grossen Blätter ziemlich freien Spielraum, und sind selbst hinsichtlich der inneren bei weitem nicht so beengt, wie man gewöhnlich annimmt. Der Ton gegen Deutschland ist bekanntlich im allgemeinen voller Hass und zur Schau getragener Verachtung.

Manche Städte von 10000 und mehr Einwohnern haben keine Zeitung, so dass oft ein grosser Kreis oder ein Gouvernement ohne Organ ist. Mit welchen Schwierigkeiten ein Zeitungsherausgeber oft zu kämpfen hat, mag daraus erhellen, dass z. B. aus Neu-Tscherkask erst das Manuskript, dann die Korrektur eines Blattes nach Moskau gesendet werden muss, womit zehn Tage verloren gehen, dazu noch die Zeit für Satz und Druck.

DIE DONAULÄNDER.

Die jüngsten Staaten.

Wir wenden uns jetzt den jüngsten selbständig gewordenen Mitgliedern des europäischen Staatenbundes zu, deren Bedeutung für die Presse erst der Zukunft gehört. Mit der Erlangung des politischen Selbstbestimmungsrechtes eines Volkes ist ja auch stets das Aufblühen des geistigen Lebens verbunden gewesen, und ist die erste Gährung überstanden, so ist es bei der Bildungsfähigkeit der betreffenden Völker auch zu erwarten, dass sie eine angemessene Stellung auf dem Gebiete der Presse einnehmen werden. Zu hoffen und zu wünschen bleibt, dass es nicht deutschfeindlichen Einflüssen gelingen möge, nationale und geistige Antipathien gegen germanische Kultur zu erregen, wodurch die Völker selbst am meisten gegen ihre Unabhängigkeit und ihr geistiges Interesse handeln würden.

Serbien.

Serbien[270]. Als die neue Ära in unserem Jahrhundert für Serbien begann, standen das Volk, welches belehrt werden musste, und die Geistlichkeit, welche belehren sollte, ziemlich auf derselben Stufe des Wissens oder vielmehr der Unwissenheit.

Das erste Buch, welches in Serbien erschien, ist eine von dem Woiwoden von Celat, Georg Cernojević, 1493–1495 veranstaltete, mit cyrillischen Lettern gedruckte Ausgabe des Psalters, welche Schafarik den schönsten slawischen Druck nennt, wie überhaupt die Erzeugnisse der südslawischen Pressen an innerem und äusserem Wert die ihnen um einige Jahre vorausgegangenen Krakauer cyrillischen Drucke übertrafen.

Doch dauerte dieser Glanz nicht lange und erlosch bereits im XVI. Jahrhundert in den Kämpfen mit dem Halbmond. Von da ab versorgte Russland die südslawischen Länder mit Kirchenbüchern, bis die eigene Staatsdruckerei die Lieferung derselben übernehmen konnte. Ferner that die englische Bibelgesellschaft manches für die Verbreitung des Neuen Testaments, welches sie von dem bekannten Gelehrten Vuk übersetzen und mit cyrillischen Lettern drucken liess. Auch andere Werke, namentlich Übersetzungen, wurden in Österreich und Deutschland gedruckt.

Die Staatsdruckerei.

Die Grundlage zu der Staatsdruckerei war durch ein Geschenk des Kaisers Nikolaus, bestehend in zwei Druckerpressen, 1830 gelegt. Dieselben wurden zuerst in Kragujevac aufgestellt, um unter der Leitung Berrmanns aus Wien erst nur liturgische Bücher mit russischen Lettern zu drucken. Im Jahre 1831 wurde die Druckerei vom Fürsten Milosch nach Belgrad verlegt und mit noch drei Handpressen, später mit zwei König & Bauerschen Schnellpressen ausgestattet. Die Schriftgiesserei wurde von dem Stuttgarter Ockenfuss eingerichtet. Um den Typenschnitt machten sich zwei andere Deutsche, Schröpel († 1864) und dessen Faktor Walter aus Frankfurt, verdient. Nach 1864 traten zwei junge in Deutschland ausgebildete Serben an die Spitze der Anstalt. Die alt- und neuslawischen Typengattungen sind gut vertreten, auch Musiknoten sind vorhanden und xylographische, galvanoplastische und Stereotypie-Anstalten wurden eingerichtet. Im Jahre 1870 waren mehr als 50 Setzer und Lehrlinge beschäftigt und zahlreiche Arbeiten wurden sowohl für den Staat wie für Private ausgeführt, ausserdem die Landeszeitung und mehrere andere Journale dort gedruckt.

Um 1850 wurde auch die Lithographie durch einen Deutschen, Braumann, eingeführt. Karten, Pläne und andere chromographische Arbeiten wurden in guter Ausstattung geliefert, auch die serbischen Postmarken sind sehr gut gedruckt.

Die serbische Sprache.

Die serbische Sprache, die auch seit 1830 von den Kroaten als Schriftsprache adoptiert wurde, wird von Kennern als reich, kurz, energisch und melodiös geschildert. Der Linguist Vuk führt in seinem Wörterbuch mehr als 62000 Wörter auf. Bis jetzt beschäftigte sich die serbische Presse meist mit dem Druck von Lehrbüchern und mit Übersetzungen, doch hat die Originallitteratur schon bedeutende Anfänge aufzuweisen. Das 1838 vom Fürsten Milosch gegründete Lyceum wurde 1863 Universität. 1841 gründete Fürst Michael die „Gesellschaft für serbische Litteratur“, die ein Mittelpunkt der geistigen Bestrebungen wurde und durch ihr Jahrbuch (Glasnik) viel wirkte.

Zeitungen.

Als Gründer der politischen Presse im europäischen Stil ist Miloš Popović zu betrachten, der von 1841–1861 fast ununterbrochen die offizielle Zeitung redigierte und dann im Verein mit Dr. Rosen eine quasi offiziöse Zeitung gründete. Da diese die gelesenste von allen war und trotzdem nur in 750 Exemplaren gedruckt wurde, so lässt sich ein Schluss auf die Grösse des Lesepublikums der übrigen im Jahre 1866 in Belgrad erschienenen Blätter ziehen. Mit dem Buchhandel ist es auch noch nicht sonderlich bestellt.

Graphische Künste.

Auf dem Gebiete der vervielfältigenden Künste haben sich einige Persönlichkeiten vorteilhaft bekannt gemacht. Natal, Bonifacij und Martin Rota-Kolunić wirkten als Kupferstecher bereits im XVI. Jahrhundert in Rom. Unter den zahlreichen Stichen des letzteren ist namentlich „Das jüngste Gericht“ bekannt. Zu Anfang unseres Jahrhunderts gab Joseph Milowuk Bildnisse berühmter Serben in Kupferstich heraus. Sein Sohn machte einen Versuch mit einer illustrierten Zeitung in Belgrad und suchte somit für den Holzschnitt in Serbien Bahn zu brechen; doch war der Erfolg kein bedeutender.

Um die Lithographie und die Photographie in Serbien erwarb sich die meisten Verdienste Nastas Jovanović. Vom Fürsten Milosch nach Wien gesandt, um dort die Kupferstecherkunst zu lernen, gründete er später einen nationalen Kunstverlag, in welchem sich zahlreiche Blätter mit historischen Vorwürfen befanden. In seinen Unternehmungen ward er von Wiener Künstlern, namentlich von Vincenz Katzler, unterstützt.

Rumänien.

Rumänien. Das Rumänische ist die Muttersprache von über zehn Millionen Menschen, hat also für die Typographie der Zukunft eine nicht geringe Bedeutung. Es wird nicht allein in Rumänien gesprochen, sondern ist auch in den östlichen Teilen Ungarns, im Banat und in Siebenbürgen, in Bessarabien, Podolien und in der Bukowina verbreitet. Von manchem wird die rumänische Sprache irrtümlich für eine slawische gehalten; sie stammt jedoch aus dem Lateinischen und schliesst sich ziemlich eng an das Italienische an, erscheint deshalb auch den Bewohnern der eigentlichen Kulturländer Europas nicht so fremdartig als die slawischen Idiome.

Die dortige Typographie befindet sich schon im raschen Aufblühen. Bereits in der Mitte der siebenziger Jahre unseres Jahrhunderts befanden sich in Rumänien in zwölf Städten verteilt 34 Buchdruckereien mit 217 Gehülfen und 117 Lehrlingen. Von diesen kamen auf Bukarest zwölf Druckereien mit 138 Gehülfen, 108 Lehrlingen, 27 Maschinen und 11 Handpressen. Die Regierung ist sehr um die Einführung der Papierfabrikation bemüht. Für das Interesse, welches in diesem jungen, der Kultur zugeführten Staat für die Typographie herrscht, spricht das Erscheinen zweier Fachzeitschriften.

Bulgarien.

Bulgarien. Diese jüngste Staatenschöpfung in Europa hat begreiflicherweise noch zu sehr mit den notwendigen Existenzfragen zu kämpfen, um auf dem Gebiete der Presse schon wesentliches leisten zu können. Erst kommen, wie überall, die Zeitschriften und die Unterrichtsbücher. Seit 1824 liessen bulgarische Emigranten zahlreiche Schul- und kirchliche Bücher im Auslande drucken und Druckereien wurden 1870 in Salonik und Smyrna zu diesem Zwecke begründet. Ein Journal Ljuboslovic erschien bereits in den Jahren 1844–1846 in Smyrna. Die erste in Bulgarien in der Landessprache erschienene Zeitung war 1849 Czarigradskij Vestnik, sie fand jedoch keine grosse Verbreitung und ging 1861 ein. Ein in Odessa herausgegebenes Blatt Mirozrenie wurde, obwohl politisch ganz harmlos, verboten. 1879 erschienen in Konstantinopel und Rumänien 14 bulgarische Zeitschriften.

Sofia hat jetzt sechs Zeitungen aufzuweisen, unter welchen das wöchentlich erscheinende Regierungsblatt. Die in deutscher Sprache erscheinende „Bulgarische Korrespondenz“ ist zur Aufklärung des Auslandes bestimmt. Unter den Zeitungen befindet sich auch eine illustrierte, Bolgarskaya Illywstratsiya. Rustschuck hat zwei Journale, unter welchen das oppositionelle Bolgarin die stärkste Verbreitung hat. In Sistowa, Tirnowa, Philippopel und Sliwnia giebt es je eine Zeitung.

GRIECHENLAND.

Griechenland.

Griechenland war eines der letzten Länder, nicht nur in Europa, in welchem die Buchdruckerkunst ein festes Heim fand.

Unter der Herrschaft der Türken hatte sich nur ab und zu eine wandernde Druckerei eingefunden, um rasch wieder zu verschwinden, eine bleibende Stätte für die Typographie gab es nicht. Die notwendigsten liturgischen, daneben einige wenige Unterrichtsbücher wurden bei Nikolas Glyky in Venedig, einige auch in Wien und Paris gedruckt.

Der Errichtung zweier Offizinen auf den jonischen Inseln durch General Bonaparte wurde bereits (S. 172) gedacht. Zu Anfang des Jahrhunderts fanden schwache Versuche zur Gründung griechischer Zeitungen in Konstantinopel, Smyrna und Bukarest statt. Auszüge aus der heiligen Schrift in neugriechischer Sprache liess 1817 der Missionär Wilson auf Corfu drucken. 1818 folgte dort eine politische Zeitschrift in italienischer und neugriechischer Sprache. Bereits früher hatte der Missionär Lowndes eine albanesische Bibel, wahrscheinlich das erste gedruckte Buch in albanesischer Sprache, dort ausführen lassen.

Der Freiheitskampf.

Als 1821 der Freiheitskampf der Griechen überall in Europa die grösste Teilnahme erweckte, und die Bildung der philhellenischen Vereine veranlasste, fassten letztere auch die Beschaffung einer griechischen Druckoffizin ins Auge. Firmin Ambroise Didot, ein eifriger Griechenfreund, schenkte Griechenland eine vollständige Druckerei-Einrichtung (S. 180), die in Nauplia ihre Stätte fand. Missolunghi erhielt eine Offizin durch Lord Byron, und Lord Stanhope brachte eine solche nach Athen; ausserdem erhielten Korinth, Patras, Hydra, Chios und Aegina Pressen. Auf Aegina erschien während der Präsidentschaft des Grafen Capo d'Istria das Regierungsblatt „Ephemeriden“; auf Hydra „Der Freund des Gesetzes“, in Missolunghi die „Hellenische Chronik“, in Korinth die „Trompete von Hellas“.

Regierung König Ottos.

Als König Otto 1833 nach Griechenland kam, war der Zustand der Druckereien, zu denen inzwischen noch einige lithographische Anstalten gekommen waren, ein so kläglicher, dass es nicht einmal möglich war, die notwendigsten Regierungsarbeiten alle im Lande auszuführen. Unter den mit dem Könige angekommenen bayrischen Soldaten befanden sich 11 Buchdrucker, 7 Lithographen und 13 Papiermacher, die nun bessere Dienste leisten konnten, als die Muskete tragen; von G. Jacquet in München war auch noch eine Druckerei-Einrichtung gesandt worden. In Athen wurde das, noch 1870 dreimal wöchentlich erscheinende „Jahrhundert“ gegründet. „Der Erlöser“ erschien zweimal wöchentlich in italienischer und neugriechischer Sprache. 1834 gründete die Amerikanisch-Englische Gesellschaft zur Verbreitung religiöser Ansichten eine gut eingerichtete Buchdruckerei, die viele Schulbücher, an welchen Griechenland noch sehr arm war, lieferte[271].

Ein organisierter Buchhandel[271] existierte natürlich noch nicht. Auch hier waren es, wie an so manchen Orten, Deutsche, denen die Aufgabe zufiel, in diesen Ordnung zu bringen, in welcher Hinsicht der am 27. Juli 1882 verstorbene Buchhändler und deutsche Konsul Karl Wilberg durch seine seit 1827 bestehende, vortrefflich organisierte Buchhandlung sich besondere Verdienste erwarb. Die deutsche wissenschaftliche Litteratur hat Wilberg viel zu verdanken, denn er trug nicht allein zur Verbreitung ihrer Erzeugnisse ausserordentlich bei, sondern stand auch den in Griechenland reisenden Forschern mit Rat und That zur Seite.

Aufblühen der Presse.

Bis 1837 gab es kein Pressgesetz. 1843 wurde durch die Verfassung vollkommene Pressfreiheit garantiert, diese jedoch trotzdem 1850 sehr beschränkt, bis die Presse nach der Thronbesteigung König Georgs 1863 wieder ganz frei wurde. 1873 erschienen 152 Journale, davon 74 in Athen, und das litterarische Leben ist in raschem Aufblühen begriffen. Eine illustrierte griechische Zeitung Hesperos, herausgegeben von Dr. J. Pervanoglou, wird in Leipzig (bei W. Drugulin) gedruckt.

Bevor in Griechenland das Licht der Kultur, welches einst über dessen glückliche Gefilde so herrlich leuchtete, vollständig erlosch, um einer tiefen, wie es schien ewigen, Finsternis Platz zu machen, hatte es jedoch den „Barbaren“ seine unvergleichlichen Geisteswerke hinterlassen, die so vieles dazu beitrugen, bei letzteren die Aufklärung zu verbreiten und der Buchdruckerkunst den Weg zu ebnen.

Der „Barbar“ Gutenberg glich die Rechnung mit Griechenland aus, indem er ihm seine äusserlich unscheinbare, aber in ihren Wirkungen unvergängliche und unvergleichliche Erfindung als Entgelt brachte. Mit dieser erhielt Griechenland, wie jedes Land des Erdkreises, für immer die Gewähr, dass es nicht zum zweitenmal der geistigen Verkümmerung und Finsternis anheimfallen könne. Und so mögen die folgenden, dem Denkmal im Hofe „Zum Gutenberg“ entlehnten Zeilen hier statt eines Kolophons stehen.

Was einst Pallas Athene dem griechischen Forscher verhüllte, Fand der denkende Fleiss deines Gebornen, o Mainz! Völker sprechen zu Völkern, sie tauschen die Schätze des Wissens; Mütterlich sorgsam bewahrt, mehrt sie die göttliche Kunst; Sterblich war einst der Ruhm; SIE gab ihm unendliche Dauer, Trägt ihn von Pol zu Pole, lockend durch Thaten zur That; Nimmer verdunkelt der Trug die ewige Sonne der Wahrheit, Schirmend schwebt ihr die Kunst, Wolken verscheuchend, voran. Wandrer, hier segne den Edlen, dem so viel Grosses gelungen, Jedes nützliche Werk ist ihm ein Denkmal des Ruhms.

Fußnoten:

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Notes in this chapter

Note 1 · J. T. v. Trattner, Der gerechtfertigte Nachdrucker. Wien 1778.Note 2 · Während Trassler noch als Faktor bei Trattner arbeitete, hatte letzterer für den nachmaligen Kaiser Josef II. eine kleine Buchdruckerei eingNote 3 · Annalen d. Typ. 1875, Nr. 327. — „Zur hundertjährigen Gründungsfeier“ etc. Wien 1815.Note 4 · Franz Raffelsberger, Proben der ersten graphischen Typen. Wien 1838.Note 5 · A. Auer, Über das Raumverhältniss der Buchstaben. Wien 1848.Note 6 · A. Auer, Geschichte und Beschreibung der K. K. Hof- und Staatsdruckerei. 1851. — Der polygraphische Apparat, 1851. — Album der K. K. Hof- unNote 7 · A. Auer, Die Entdeckung des Naturselbstdruckes. 1853. — K. v. Ettinghausen und A. Pokorny, Die wissenschaftliche Anwendung des NaturselbstdrNote 8 · J. Arenstein, Österreich auf der internationalen Ausstellung 1862.Note 9 · Jos. Trentsensky, Erzeugung von Schriften en haut-relief für Blinde. Wien 1836. — Freisauff v. Neudegg, Die Ektypographie für Blinde. Wien 1Note 10 · 1876 erschien die zweite Auflage der Alphabete des gesamten Erdkreises.Note 11 · Die obigen nicht wenig zuversichtlichen Worte gehören dem Herrn v. Braumüller selbst und sind dem Vorwort zu seinem Jubelkatalog entnommen. Note 12 · Eitelberger, Die Kunstbewegung in Österreich. 1878.Note 13 · Das Werk gewann einen grösseren Umfang, als anfänglich vorgesehen war. Bis jetzt erschien der erste Band, gedruckt bei Fr. Jasper, mit vieleNote 14 · Cam. Nyrop, Bidrag til den danske Boghandels Historie. 2 Teile. Kopenhagen 1870. — Klein, Adressebog for den danske norske og svenske BoghanNote 15 · C. Nyrop, Bianco Luno og den danske Bogtrykkerkonst. Kopenhagen 1881.Note 16 · M. Truelsen, Statistisk Oversigt over Typographien i Danmark. Kopenh. 1881.Note 17 · C. Piil, Die Chemitypie. Leipzig 1846.Note 18 · C. Nyrop, Christian Sörensen. Et Industribillede. Kopenhagen 1869.Note 19 · Det islandske Literaire Selskabs Love. Kopenhagen 1851. — Nyerop, Læsendes Aarbog for 1801.Note 20 · Paul Botten-Hansen, La Norvège littéraire. Christiania 1868. — Beretning om Säcularfesten i Christiania 1840.Note 21 · Einer der neuesten Verlagsartikel der Firma ist J. G. Nordins Handbok i Boktryckare konsten, ein so vorzügliches, nebenbei gesagt typographiNote 22 · Journ. f. B. 1878, Nr. 7.Note 23 · Das Journ. f. B. 1872 bringt eine sehr detaillierte Beschreibung des Instituts, von Th. Goebel.Note 24 · Seine Erfahrungen hat er in seinem „Handbuch der Heliographie“ mit Atlas, Berlin 1872, niedergelegt.Note 25 · Die folgenden Angaben beziehen sich auf das Jahr 1879. „Golos“ ist seitdem eingegangen.Note 26 · F. Kanitz, Serbien. Leipzig 1868.Note 27 · Coromilas, Dem., Catalogue des livres publiés en Grèce. L'Exposition Vienne 1873.
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