Zwei und zwanzigstes Kapitel.
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Ein Monat war verflossen, und Lodoiska beobachtete immer noch im Schlosse die völlige Zurückgezogenheit, wie sie es schon früher gewohnt gewesen war, als sie sich in ihrem Hause im Walde aufhielt. Ihr Zimmer war jedem Andern als ihrer Bedienung unzugänglich, und nur Julie hatte darin Zutritt, obgleich dieses Kind weit lieber im Garten unter Lisettens Aufsicht umherlief.
Der Oberst, welcher anfangs den Augenblick gefürchtet hatte, wo er nach dem Tode seiner Gattin zum ersten Male wieder mit seiner ehemaligen Geliebten zusammentreffen würde, fing jetzt nach und nach an, sich über Lodoiska’s hartnäckige Einsamkeit insgeheim zu ärgern, und jemehr sie ihn zu vermeiden schien, desto ungeduldiger wurde er am Ende, sie zu sehen. Doch wagte er noch nicht, seinen Wunsch laut werden zu lassen; er verlebte seine Tage traurig und einförmig, theils sich mit Lesen beschäftigend, theils Wald und Feld in der Umgegend durchstreichend.
Wildenau, der Arzt, war ebenfalls ungeduldig, daß er die Fremde nicht mehr zu sehen bekam, und nahm sich nun fest vor, sich freimüthig mit dem Obersten zu erklären, dessen Empfindungen für den Gegenstand seiner Zärtlichkeit er schon seit längerer Zeit in Verdacht hatte. Er wollte sich von den Verhältnissen beider zu einander genau überzeugen, um danach sein Betragen für die Zukunft einzurichten. Aber verschiedene Male ward er durch besondere Umstände von der Ausführung seines Entschlusses abgehalten, indem er theils nicht nach dem Schlosse kommen konnte, wenn er es sich vorgenommen hatte, theils daselbst mit besuchenden Nachbarn zusammentraf, in deren Gegenwart er die beabsichtigte Unterredung mit dem Obersten nicht anfangen konnte.
Lobenthal, ohne diesen Entschluß des Arztes zu ahnen, fand sich dennoch in dem Umgange mit seinem Freunde nicht mehr so ungezwungen, seitdem sein Verhältniß zu Lodoiska durch den Tod seiner Gattin verändert worden war. Wildenau war nun sein Nebenbuhler — — was er selbst sich nur erröthend gestanden haben würde; und dennoch beschäftigte sich sein Herz wider seinen Willen mit diesem Gedanken. Sehr häufig floh ihn der Schlaf bis spät in die Nacht hinein, und wenn die übrigen Bewohner des Schlosses schon längst sich der süßen Ruhe überlassen hatten, war Alfred noch in seinem Zimmer wach, wo er durch Lesen seine mancherlei ihn peinigenden Gedanken zu verscheuchen suchte. Aber dieses Mittel blieb gewöhnlich vergeblich; Lodoiska’s Bild, das Andenken an Helenen zogen seine Aufmerksamkeit von dem Buche ab, und maschinenmäßig überflogen seine Augen die Buchstaben, ohne ihren Sinn zu erfassen.
In einer Nacht, als der Oberst sich unruhiger fühlte als je, wollte er durch Auf- und Niedergehen in dem großen Saale des Schlosses seinen Unmuth zu verscheuchen suchen; er nahm daher sein Licht, und ging mit demselben durch mehrere Zimmer, bis er in den erwähnten Saal gelangte. Hier setzte er das Licht auf das Gesimse eines alterthümlichen Kamins, und bei dem schwachen Scheine, der nicht im Stande war, den weiten Raum zu erleuchten, ging er mit großen Schritten durch die wenig geminderte Finsterniß.
Ungefähr seit einer Viertelstunde setzte er diese Bewegung fort, als er die Flügelthür, welche nach der Haupttreppe des Schlosses führte, knarren hörte .... der Oberst stand still .... die Thür öffnete sich, und Lodoiska trat herein ..... Kaum konnte er sie erkennen, so sehr verschwand sie durch die Einhüllung in ihren schwarzen Shawl in der Finsterniß, die das Licht nicht verscheuchen konnte; doch bemerkte er bei dem schwachen Schimmer desto besser die Leichenblässe ihres Gesichts. Sie schien kein menschliches Wesen zu sein, und gleich einer überirdischen Erscheinung durch den dunkeln Raum einherzuschweben; ja die Einbildungskraft Alfred’s stellte sie ihm auf einen Augenblick beflügelt und von Blute triefend vor; aber dieser Anblick ging mit der Schnelligkeit des Blitzes vorüber, obgleich der Oberst darüber fast erstarrte. Lodoiska, ohne das geringste Erstaunen über den Anblick ihres Geliebten zu zeigen, den sie sogleich erkannte, stand still, und stützte sich auf einen alten Lehnstuhl, als wenn sie sich von einer langen Anstrengung einen Augenblick lang hätte erholen wollen.
Jetzt näherte sich Alfred, obgleich nicht ohne heftige innere Bewegung, der jungen Fremden.
„Endlich, sagte er, sehe ich Sie wieder, und zwar an demselben Orte, und in derselben Stunde, wo Sie mir vor einiger Zeit Ihre Entfernung von hier ankündigten. Wie seltsam ist dieses Zusammentreffen! Ich mußte es also dem bloßen Zufalle verdanken?“
— Es ist möglich, antwortete Lodoiska mit ihrem gewöhnlichen schwermüthigen Tone, daß in Absicht auf Sie der Zufall hier sein Spiel treibt; was aber mich betrifft, da ich in jeder Nacht mich in diesem Saale zu erholen pflege, so sehe ich in diesem Zusammentreffen nur Etwas, das auf jeden Fall früher oder später Statt finden mußte. —
„Wie! Lodoiska, in jeder Nacht, sagen Sie, kommen Sie hier her? Welchen Reiz kann dieser weite und verfallene Saal für Sie haben, wo man nur unangenehmen Vorstellungen ausgesetzt ist, sobald das Licht des Tages nicht mehr leuchtet?“
— Ich mache mir wenig aus dem Glanz der Sonne oder aus dem schauerlichen Anblick der Finsterniß. Ich lache über Alles, was Andere meines Geschlechts in Furcht setzt; ich verspotte das Schrecklichste, und durch ein trauriges Schicksal gefalle ich mir am besten in der Mitte des Fürchterlichsten und Verabscheuungswürdigsten für alle übrige Menschen. —
„Ach, werden Sie denn nie Ihre Gesinnungen ändern? Werden Sie nie zu fröhlichen Vorstellungen zurückkehren? Die Vergangenheit, deren Andenken anfangs so peinlich ist, verliert durch die Länge der Zeit den unangenehmen Eindruck auf uns, ja öfters verwandelt der Lauf der Dinge das heftigste Leid in Freude. Sollte Ihr Herz dieser Wirkungen nicht empfänglich sein?“
— Nein! sie gleiten eindruckslos an mir vorüber. Sie sprechen von der Vergangenheit; ich kenne sie nicht mehr; für mich ist die Gegenwart Alles, da ich weder rückwärts noch vorwärts gehen kann. Ich bin nur an einen festen Punkt gebannt, und die Hoffnung, welche selbst der Elendeste der Menschen noch in seinem Herzen nährt, sie ist mir völlig fremd. Was wollen Sie dagegen thun, Alfred? Sie selbst haben Lodoiska’s Schicksal bestimmt; wundern Sie sich also nicht, wenn es unveränderlich bleibt. —
„Je mehr ich Sie reden höre, grausame Freundin, desto mehr zerreißen mir Ihre unerklärbaren Worte das Herz. Was ist es für eine grenzenlose Verzweiflung, der Sie sich überlassen? Sind Sie die Einzige, die nicht mehr auf die Zukunft hoffen darf? Ach, kehren Sie zu sich selbst zurück, überzeugen Sie sich, daß Ihre Lage sich noch ändern kann; das Glück wird Ihnen nicht stets entgegen sein.“
— Kann es machen, Alfred, erwiederte Lodoiska lebhaft, daß Ihr Versprechen wieder aus dem Grabe ersteht, wo ich es auf ewig verborgen habe? —
„Mein Versprechen, sagen Sie?“
— Ja, Ihr Versprechen, das Sie mit Ihrem Blute unterzeichneten, und das Sie unwiderruflich an mich fesselt. —
„Ist dieß der Augenblick, mich daran zu erinnern? Und wie auch meine geheimen Empfindungen sein mögen, sehen Sie nicht, daß ich Trauerkleider trage? Denken Sie nicht an die schmerzliche Begebenheit, die vor Kurzem Statt fand?“
— Ich weiß, daß Sie, obgleich Sie behaupten, nichts als mein Glück zu wünschen, noch nie angestanden haben, meinem Herzen eine neue Wunde zu schlagen. Ich weiß, daß Sie mich schändlich betrogen haben; dieß ist der einzige Umstand aus der Vergangenheit, dessen ich mich noch erinnere, der Sie vernichten muß, und über den Sie auf ewig seufzen werden! —
„Ich wünschte, Sie wieder zu sehen, Lodoiska; aber ich wußte nicht vorher, daß dieß nur geschehen würde, um Ihre Vorwürfe anzuhören. Wie ungerecht sind Sie, und wie wenig kennen Sie mich!“
Ein Strahl von Freude glänzte in den Augen der Fremden, und ihre Lippen verschlangen einige Worte, die sie auszusprechen im Begriff war. Es folgte ein Augenblick des Schweigens, der nicht ohne Süßigkeit für sie war, und schon erschien eine gewisse Heiterkeit auf ihrer Stirn, die seit langer Zeit davon verscheucht gewesen war, als ein bitterer Gedanke Alles wieder zerstörte. Lodoiska’s Blick wurde wilder, und sie legte ihre Hand auf ihr Herz, gleichsam um dessen schmerzliches Klopfen zu unterdrücken.
„Auch ich wünschte Sie wiederzusehen, Alfred, sagte sie, weil es mir schien, als wenn Sie noch derselbe sein könnten, wie früher; aber ich besitze jetzt keinen von den Reizen mehr, die Sie vormals entzückten.“
— Ich liebte damals die vortrefflichen Eigenschaften Ihres Herzens eben so sehr, als Ihre Reize. Die Zeit konnte Ihnen einen kleinen Theil der letzteren rauben; aber vermochte sie etwas gegen die inneren Vorzüge Ihrer Seele? —
„Ich kann Ihnen nichts darauf antworten, Alfred. Unsere Unterhaltung, die uns nur Kummer verursacht, hat schon viel zu lange gedauert. Leben Sie wohl, ich muß mich entfernen. Erwarten Sie, was die Vorsehung entscheiden wird. Ach, wie schrecklich ist das Schicksal, womit mich ihr Zorn belastet hat!“
— Ja, lassen wir die Zeit ruhig verstreichen; wir werden uns einst wieder vereinigen, und dann .... —
„Und dann gehen wir beide gerade dem Grabe zu, das uns als Hochzeitbett dienen wird!“
— Welche schreckliche Vorhersagung! Lodoiska, wie können Sie so grausam sein? Sehen Sie denn nichts als einen Sarg in der Zukunft? —
Lodoiska antwortete nicht, sondern entfernte sich mit größter Eile. Als sie sich auf der Treppe befand, ließ sie ein lautes Gelächter erschallen, welches einen so schrecklichen Eindruck auf den Obersten machte, daß er wie erstarrt dastand, und das Hohngelächter eines höllischen Wesens gehört zu haben glaubte.
„Armes Mädchen, sagte er endlich, dein Unglück hat dich eines Theils deiner Verstandeskräfte beraubt und deinen liebenswürdigen Charakter völlig entartet. Aber dennoch bleibt sie immer höchst interessant, und vielleicht kehrt sie zu andern Vorstellungen zurück, wenn die Ursache ihres Unglücks aufgehört hat.“
Während er diese Worte ziemlich lebhaft und laut aussprach, glaubte er hinter sich einen tiefen Seufzer zu hören. Er drehte sich schnell um, und erblickte nun in dem finsteren Theile des Saales eine weiße Gestalt, die ein Kind an der Hand führte, und mit ihm aus dem Saale in das anstoßende Zimmer ging. Ungeachtet seines Muthes erbebte der Oberst bei diesem Anblicke. Seine Einbildungskraft gab der Gestalt Gesichtszüge, die ihm ein theures Andenken hervorriefen. Anfangs wußte er nicht, was er thun sollte; dann aber ergriff er das Licht, und folgte den Erscheinungen in’s anstoßende Zimmer. Er fand es einsam und leer; nur seine eigenen Schritte unterbrachen das tiefe Schweigen der Nacht .... und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen. Von Angst gefoltert und mit großen Schweißtropfen bedeckt, kehrte er endlich in sein Schlafzimmer zurück.