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Der Vampyr, oder

Vier und zwanzigstes Kapitel.

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Mehrere Monate vergingen, ehe der Oberst weitere Schritte zur Erreichung seiner Wünsche that, bis er endlich beschloß, Lodoiska’n durch Ueberraschung dahin zu vermögen, daß sie seine Gattin würde. Ohne ihr also das Geringste zu sagen, besprach er sich mit dem Pfarrer darüber, und vertraute ihm freimüthig alle Umstände an, welche seiner Braut eine so große Furcht vor dem Anblick eines Geistlichen verursachten. Der Pfarrer war ein vernünftiger Mann, und bedachte, daß er sich leicht von der strenge vorgeschriebenen Ordnung ein wenig entfernen könne, wenn dadurch ein unangenehmer Auftritt vermieden würde. Er versprach also, um Mitternacht, in Gegenwart dreier Zeugen, in der Schloßkapelle, die Ehe des Obersten mit Lodoiska einzusegnen.

Zufrieden, so weit mit seinen Vorbereitungen gekommen zu sein, sandte er eiligst seinen Bedienten nach der Stadt, um sogleich einen Notarius nebst einigen Zeugen mitzubringen. Hierauf begab er sich zu seiner Geliebten, und sagte ihr, daß er den heutigen Abend dazu festgesetzt habe, vorläufig einen Ehevertrag mit ihr abzuschließen, und daß schon alle nöthigen Anstalten dazu getroffen seien.

Eine plötzliche Röthe überflog bei dieser unvermutheten Ankündigung die Wangen der schönen Fremden; zu gleicher Zeit verbreitete sich aber auch in ihren Augen eine düstere Traurigkeit; sie zitterte am ganzen Körper, und war gezwungen, sich an dem neben ihr stehenden Tische zu stützen.

„Schon heute, Alfred? sagte sie; warum eilen Sie so? Können Sie es nicht länger mit ansehen, daß unser Glück noch einige Zeit dauert?“

— Zerstören wir es denn, wenn wir es auf immer an uns fesseln? Kann unsere Vereinigung dadurch an ihrer Süßigkeit verlieren, wenn sie unauflöslich wird? —

„Sie glauben es, weil Sie nur an die Gegenwart denken, und nicht an die Zukunft.“

— O gewiß denke ich an die Zukunft, und male sie mir mit den freundlichsten Farben aus. Aber warum wollen Sie noch immer bei Ihrer Schwermuth beharren? Was führte Sie denn anders hierher, als die Hoffnung, sich mit mir zu vereinigen? Forderten Sie nicht meine Person als Ihr Eigenthum zurück, und jetzt, da ich Ihre Rechte anerkenne, wollen Sie mich von sich stoßen? —

„Daß Sie mir angehören, kann mir nicht bestritten werden, denn Ihr mit Ihrem Blut geschriebenes Versprechen ist mir ein sichreres Unterpfand, als alle diese Ceremonien, die mir gleichgültig sind. Aber ich bin zufrieden, Sie nur zu sehen, und ich fürchte den Augenblick, der mir ein schreckliches Recht über Sie geben wird. Ach, Alfred, glaube mir, ändere deinen Entschluß, denn du ahnest nicht, welches Unglück dir bevorsteht, wenn du dich unwiderruflich an mich fesselst.“

Nach diesen Worten eilte sie pfeilschnell aus dem Zimmer, und begab sich in das ihrige, wo der Oberst sie nicht zu stören wagte. Er erstaunte über ihre Rede, schob aber Alles auf ihre abergläubische Furcht vor der Gegenwart eines Geistlichen, und beharrte bei seinem Entschlusse, diese Furcht mit Gewalt zu überwinden. Zu Zeugen bei der Trauung hatte er seinen Bedienten und den Verwalter der zum Schlosse gehörigen Ländereien gewählt, weil ihm beide zu jeder Zeit zu Gebote standen; unmittelbar nach dieser Ceremonie wollte er sich mit seiner neuen Gemahlin in einen Wagen setzen, und sich erst nach Prag, dann aber nach Berlin begeben, um daselbst seinen festen Wohnsitz wieder aufzuschlagen. Der Aufenthalt im Schlosse R.... schien ihm jetzt unerträglich zu sein, weil er in ihm zu traurige Erinnerungen hervorrief.

Endlich wurde es Abend. Lodoiska, die noch immer in ihrem Zimmer blieb, äußerte den Wunsch, dasselbe nicht eher, als bis im letzten Augenblick zu verlassen. Während dieser Zeit irrte der Oberst in der größten Unruhe hier und dort umher, und fand nirgends seines Bleibens. Es hatte sich ein fürchterlicher Sturmwind erhoben, der bis in das Innere des Schlosses drang, und durch sein Pfeifen bald die Klagen eines Leidenden, bald ein höllisches Gelächter nachzuahmen schien. Er setzte die Fensterscheiben in Bewegung, daß sie klirrten, erschütterte selbst die inneren Thüren in ihren Angeln; kurz, die Wuth dieses Sturmes war so groß, daß der Oberst sich eines unwillkührlichen Schreckens nicht erwehren konnte.

Bei seinem Umherirren im Schlosse kam Lobenthal auch zufällig in die Nähe der Gesindestube, wo die Knechte und Mägde von der Meierei beim Abendessen versammelt waren. Sie sprachen unter einander von dem Befehle, den er gegeben hatte, den Reisewagen um Mitternacht fertig zu halten, und suchten die Absicht dieser plötzlichen Reise zu errathen.

„Ich wundere mich gar nicht darüber, sagte einer der Knechte; denn wir wissen ja schon seit langer Zeit, daß der Oberst keine ruhigen Nächte haben kann, und es muß ihm daher angenehmer sein, um diese Zeit zu reisen, als in seinem Bette den schrecklichen Besuch abzuwarten, den er dort empfängt.“

— Was sagst du da, Peter? rief eins der Mädchen mit einer Stimme, die schon ihr Entsetzen bezeichnete; von was für Besuchen sprichst du denn? —

„Nun, von den Besuchen, die ihm die verstorbene Oberstin alle Nächte abstattet! Der Schulze, der Küster und auch die alte Mutter Rieben, die eben kein Geheimniß daraus macht, haben es ja schon öfters gesehen, wie unsere verstorbene gnädige Frau aus ihrem Grabe emporsteigt, ihren kleinen Sohn beim Namen ruft, der dann ebenfalls aufsteht, und mit ihm nach dem Schlosse geht.“

„Das ist eine abscheuliche Lüge,“ sagte Johann, der Bediente des Obersten, der in einer großen Stadt erzogen war, und daher weniger Aberglauben besaß.

— Nun, sei nur nicht böse, Johann, es könnte dir Schaden thun, erwiderte Peter. Auch du wirst noch zu sehen bekommen, was Andere schon gesehen haben, und es scheint mir, als wenn das Wunder heute Nacht noch etwas früher als sonst geschehen werde. Als ich vom Felde hereinkam, begegnete ich der alten Mutter Rieben. „Höre, Peter, sagte sie zu mir, du gehst nach dem Schlosse; aber bete vorher ein Vaterunser, wenn du mir glauben willst; denn es werden sich heute dort seltsame Dinge zutragen. Die nächtlichen Geister haben sich heute früher als sonst aus ihren Gräbern erhoben, woran wahrscheinlich der wüthende Sturmwind Schuld ist, der sie gerufen hat, und ich habe sie so eben vorbeigehen sehen.“

Als der Oberst diese außerordentliche Erzählung mit anhörte, schauderte er unwillkührlich, und um nicht noch mehr zu erfahren, entfernte er sich mit langsamen Schritten, und stieg die Treppe hinauf. Eben befand er sich an der Thür des großen Saales, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er stand still und blickte sich um .... zwei weiße Gestalten schwebten schnell bei ihm vorüber und verloren sich dann in der Finsterniß. Er glaubte, sie zu erkennen .... seine Kniee wankten unter ihm; es war ihm unmöglich, seines Schreckens Herr zu werden, und an einen Wandpfeiler hinsinkend, blieb er lange Zeit in einem fast sinnlosen Zustande.

Mehrere Stimmen, die er unten an der Treppe hörte, weckten ihn aus seiner Betäubung. Er raffte sich schnell empor, und sahe nun den Notarius und dessen Zeugen, die von seinem Bedienten mit einem Lichte begleitet, die Treppe heraufkamen. Kaum hatte er noch so viel Zeit, sich einigermaßen wieder zu sammeln. Die erste Frage, die der Notarius an ihn that, war nach seinem Gesundheitszustande, so sehr zerstört sahen seine Gesichtszüge noch aus. Der Oberst antwortete ihm ausweichend, und führte ihn in das Gesellschaftszimmer, wo er ihn auf einige Augenblicke verließ, um Lodoiska’n seine Ankunft anzukündigen.

Lodoiska fuhr zusammen, als sie ihn eintreten sahe, und erbebte, sobald er sich erklärt hatte. Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich so viel verschiedene Empfindungen malten, daß es unmöglich gewesen wäre, sie zu beschreiben. Ihre Trauerkleidung hatte sie abgelegt; ein weißes, einfaches Gewand umhüllte ihren prächtigen Wuchs; ein Halsband von Perlen und ein Kranz in ihrem Haar war der ganze Schmuck, den sie sich erlaubt hatte.

Der Oberst mußte seine Bitte mehrere Male wiederholen, ehe sie sich entschloß, ihm zu folgen; man sahe, wie gern sie den Augenblick noch verzögern wollte, den er so sehnlich herbeiwünschte. Endlich schien sie alle ihre Kräfte zusammenzunehmen, erhob ihre Arme und Augen gen Himmel, und schien ihn als Zeugen anzurufen, daß sie gezwungen würde, oder ihn um Gnade zu bitten, die sie gleichwohl nicht zu erhalten hoffte.

Beim Eintritt in das Gesellschaftszimmer und beim Anblick des Notarius und der Zeugen gerieth Lodoiska einigermaßen in Verwirrung; doch erholte sie sich bald wieder, und antwortete mit Bescheidenheit auf die Komplimente, die der Notarius an sie richtete. Sein Geschäft war bald abgemacht, worauf er sich wieder entfernte, ungeachtet der Oberst ihn dringend bat, bis zum andern Tage auf dem Schlosse zu bleiben.

Unterdessen beschäftigte sich Johann, der Bediente des Obersten, mit den nöthigen Vorbereitungen zu der feierlichen Ceremonie, die nun noch Statt finden sollte. Er hatte den Auftrag, den Pfarrer in die Schloßkapelle zu führen, den Verwalter herbeizuholen, und sich dann zu dem Obersten zu verfügen, unter dem Vorwande, seine etwanigen Befehle zu vernehmen, ehe er sich niederlegte, in der That aber, um ihm durch seine Gegenwart anzukündigen, daß Alles bereit sei.

Lodoiska, die nun mit Alfred allein geblieben war, zeigte immer noch die größte Unruhe. Ihr Busen wogte mit Ungestüm, ihre Blicke irrten unstät umher, und jedes Mal, wenn ihr Bräutigam sich ihr näherte, ergriff sie ein krampfartiges Zittern, und sie streckte die Hände vor sich hin, gleichsam um ihn von sich abzuhalten. Alfred bemerkte den außerordentlichen Kampf, der in ihrem Innern vorging, und versuchte sie zu beruhigen; aber vergebens. Sie sprach nichts, als unzusammenhängende Worte, welche bald die Heftigkeit ihrer Liebe ausdrückten, bald eine schauerliche Zukunft vorhersagten; sie riefen den Himmel um Mitleiden an gegen die bevorstehenden Qualen der Hölle.

Es schlug zwölf Uhr, und Johann erschien im Zimmer. Bei seinem Anblick wandte sich der Oberst an Lodoiska:

„Nur noch ein wenig Muth, Geliebte, sagte er; in einigen Augenblicken wird Alles vorbei sein. Folge mir jetzt; in Zeit von einer Stunde sitzen wir schon im Wagen; vorher haben wir aber noch eine Pflicht zu erfüllen, und wir müssen uns jetzt in ein anderes Zimmer begeben.“

— Giebt es einen Ort, antwortete Lodoiska mit dumpfem Tone, wo ich Ruhe finden kann, wo ich von der rachsüchtigen Frau nicht verfolgt werde? —

„Von welcher Frau?“ fragte Alfred lebhaft.

— Wissen Sie es denn nicht? Haben Sie sie denn nicht gesehen, wie sie mit ihrem Kinde umherstreicht? Es ist nicht meine Schuld, wenn sie nicht ihrer drei sind; warum hat sie mich verhindert, mein Geschäft gänzlich zu vollenden! —

„Lodoiska, ich beschwöre Sie bei meiner Liebe, erholen Sie sich; Sie machen mich zum unglücklichsten aller Männer. Was fehlt Ihnen? Was wollen Sie?“

— Ich habe Durst, großen Durst! —

„Er ist ja leicht zu befriedigen.“

— Oh, nicht so leicht! Blut muß ich haben! Blut! und zwar das deinige, Alfred! —

„Ach, Unglückliche, wie kann Ihr Verstand Sie so gänzlich verlassen! Beruhigen Sie sich; vergessen Sie, was geschehen ist, und bedenken Sie, daß wir für einander bestimmt sind.“

— Ja, ja! im kühlen Grabe, wo ich schon einmal geruht habe. —

„Ich höre nicht weiter auf Sie; kommen Sie jetzt, um das Letzte zu erfüllen.“

Mit diesen Worten schlang er seinen Arm um Lodoiska, und zog sie schnell zur Kapelle hin, während sie ein lautes Geschrei ausstieß, das sich in das Heulen des Sturmwindes mischte.

„Alfred! mein Alfred! so bald willst du sterben? .... Ja, ja, du gehörst mir an, und mein schreckliches Geschäft wird nun erfüllt werden!“

Unter so unerklärbaren Ausrufungen der halb bewußtlosen Lodoiska gelangte der Oberst endlich in die Kapelle, sie mehr tragend als führend. Ein fürchterliches Angstgeschrei war die erste Wirkung, die der Anblick des erleuchteten Altars und des Geistlichen auf sie machte.

„O, grausames Schicksal! rief sie aus; so ist es denn wahr, daß du erfüllt werden mußt?“

Fast mit Gewalt zog Alfred sie bis vor den Altar. Jetzt leistete sie keinen Widerstand mehr, sondern schluchzte nur und zerfloß in Thränen; dann schienen ihre Gesichtszüge sich zu verzerren, und der Kreislauf ihres Blutes sich zu hemmen. Nur an einem dünnen Faden schien das Leben Lodoiska’s noch zu hängen, während der Pfarrer die Trauungsceremonie anfing. Jetzt sollten die Ringe gewechselt werden; aber Lodoiska’s Hand war mit dem Handschuh versehen, dessen wir schon mehrmals erwähnten. Voll heftiger Ungeduld riß der Oberst diesen Handschuh herunter, ehe es Lodoiska verhindern konnte .... und die Abscheu erregenden knöchernen Gebeine eines Skelets fielen ihm und dem erstaunten Geistlichen in die Augen! —

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr allen Zeugen dieses schrecklichen Schauspiels. Lodoiska fiel leblos auf den Fußboden nieder, und aus drei geöffneten Wunden quoll ein unreines, stinkendes Blut hervor. —

Am dritten Tage ward der Leichnam der Fremden zur Erde bestattet. Aber mit den ersten Strahlen des Mondes, die ihr Grab beschienen, erhob sie sich abermals aus ihrer Ruhestätte, und .... am andern Morgen fand man den Obersten todt in seinem Bette ..... An drei verschiedenen Orten waren ihm die Adern geöffnet, und in seinem ganzen Körper war auch kein Blutstropfen mehr vorhanden, der von seinem ehemaligen Dasein zeugte. —

Ende.

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert.

Die variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... könnnen Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ... ... können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des ...

... „Von allem Diesen ist durchaus nicht ... ... „Von allem Diesem ist durchaus nicht ...

... Obersten ein solches Beben zn verursachen, ... ... Obersten ein solches Beben zu verursachen, ...

... und diese ließ sich vor Niemanden ... ... und diese ließ sich vor Niemandem ...

... „Sie zu sehen, Frau Oberstin, antworwortete ... ... „Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete ...

... Ruderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ... ... Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, ...

... dich vor dem Dämon beschützen werden, der ... ... dich vor dem Dämon beschützen werden, das ...

... ich nicht; nur hätten sie vielleicht mit ... ... ich nicht; nur hätten Sie vielleicht mit ...

... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüden ... ... sie wußte, welche Grausamkeit ihr noch auszuüben ...

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