← Table of contents
Der Vampyr, oder

Zwanzigstes Kapitel.

Reading edition

Als Helene am andern Morgen die Anstalten zur Abreise sahe, schien ihr Versprechen ihr wieder leid zu werden, und sie bat ihren Mann, seinen Entschluß aufzugeben. Allein ihre Bitten waren vergebens; der Oberst blieb fest bei seinem Willen. Vor der Abreise schrieb Helene noch einige Zeilen an Lodoiska, um sie zu benachrichtigen, daß sie auf vierzehn Tage mit ihrem Gatten und ihrer Tochter nach Prag reisen würde; zugleich sprach sie den Wunsch aus, wie angenehm es ihr sein würde, einen Besuch von ihr in dieser Stadt zu erhalten, weßhalb auch ein Zimmer für sie in der Wohnung, die man wählen würde, bereit gehalten werden sollte.

Wildenau, der durch einen Boten herbeigeholt worden war, kam in dem Augenblicke an, wo die Familie sich in den Wagen setzen wollte. Kaum hatte der Oberst, ihn bei Seite nehmend, noch Zeit genug, ihm im Allgemeinen zu sagen, daß die Einbildungskraft seiner Frau durch schreckliche Vorstellungen angegriffen werde, weßhalb er es für nöthig gehalten habe, sie zu zerstreuen, und sie zu diesem Zwecke mitten in den Tumult einer großen Stadt zu führen. Der Arzt konnte diesen Plan nur billigen, und er versprach, die Familie in der Stadt öfters zu besuchen.

Der Wagen, mit vier raschen Pferden bespannt, eilte pfeilschnell auf der Landstraße, die nach der Stadt führte, fort, und nach zwei Stunden befand sich die Familie bereits in Prag, im Gasthofe zum Kaiser. Sie trat hier so lange ab, bis gegen Abend der Oberst, welcher die ganze Stadt durchlaufen hatte, zurückkehrte, mit der Nachricht, eine sehr bequeme Wohnung, ganz wie er sie wünschte, gefunden zu haben. Noch in dieser Nacht schlief die Familie in ihrer neuen Behausung, wo der Oberst sein Bett in das Schlafzimmer seiner Frau hatte setzen lassen.

„Du siehst nun, sagte er lächelnd zu ihr, was ich für Anstalten zu deiner Beschützung gemacht habe; ich bin hier mit Degen und Pistolen, um den Dämon mit Vortheil zu bekämpfen. Doch hoffe ich, nicht wirklich mit ihm ins Handgemenge zu gerathen, weil er uns wahrscheinlich nicht bis hierher folgen wird; denn die Gespenster und bösen Geister haben nur selten Erlaubniß in großen Städten umherzuwandeln; nur in den alten Schlössern vermögen sie zu spuken.“

Es war Alles vergebens, Helenen aufzuheitern; sie blieb stets schweigend und tiefsinnig, denn das Uebel, von welchem sie befallen war, hatte schon zu große Fortschritte gemacht. Sie legte sich zeitig schlafen, während ihr Mann noch lange wachte; aber als auch er endlich das Bett suchte, erstaunte er über die außerordentliche Müdigkeit, die ihn befiel, und kaum hatte er sich niedergelegt, so schloß der Schlummer seine Augen. Mit anbrechendem Tage erwachte er wieder, und da er hörte, daß seine Frau sich im Bette umwendete, um eine andere Lage zu suchen, fragte er sie, wie sie die Nacht zugebracht habe?

„Ganz so wie gewöhnlich, antwortete sie; meinen Aufenthalt habe ich verändert, aber meine Marter ist geblieben. Fahre immer fort zu lächeln; der Vampyr hat mich dessen ungeachtet nicht verlassen, ja er hat sich heute schrecklicher und blutgieriger als sonst gezeigt.“

Diese Antwort war für Alfred äußerst niederschlagend; denn da er an die Wirklichkeit ihrer Träume nicht glauben konnte, so mußte er annehmen, daß wohl gar ihr Verstand angefangen habe zu leiden. Er beschloß daher, sie auf alle Weise zu zerstreuen, sie in Gesellschaften, in’s Theater zu führen, und noch an demselben Morgen beredete er sie, sich mit ihm in den Wagen zu setzen, um in der Stadt umher zu fahren, und die Merkwürdigkeiten derselben zu besehen.

Helene ward wider ihren Willen durch die Menge und Verschiedenheit der Dinge, die sie zu sehen bekam, belustigt, und schien beim Mittagessen, wo sie mit vielem Appetit aß, sich sehr wohl zu befinden. Der Oberst sah sogar auf ihren blassen Wangen einen Anschein von Farbe, und fühlte sich von neuer Hoffnung erfüllt. Ganz seiner Pflicht lebend, entfernte er jeden Gedanken von sich, der ihm verbrecherisch scheinen konnte, und suchte die Erinnerung an Lodoiska völlig aus seinem Herzen zu verbannen.

Die Nacht kam heran. Um einen Versuch zu machen, ob seine Frau dadurch mehr ermuthigt werden könnte, bat er sie um Erlaubniß, sich neben ihr ins Bett zu legen, und Helene willigte ein. Er versprach ihr, so lange als möglich wach zu bleiben, um durch seine Gegenwart das gefürchtete Ungeheuer abzuhalten; aber er hatte sein Wort allzuverwegen gegeben. Es dauerte nicht lange, so befiel ihn der Schlaf mit solcher Gewalt, daß er vergebens dagegen kämpfte, und wider seinen Willen die Augen schloß.

Als er wieder erwachte, fühlte er auf der Stelle seines Herzens einen lebhaften Schmerz, und als er mit der Hand dahin tastete, wurde derselbe noch stärker. Er wendete sich gegen die neben dem Bett stehende Nachtlampe, und sein Erstaunen übertraf jede Vorstellung, als er auf seiner Haut den Abdruck von fünf Fingern, in gelben und schwärzlichen Flecken, erblickte! Er urtheilte sogleich, daß Helenens Hand diesen Druck hervorgebracht habe, aber schloß auch daraus, daß sein Schlaf außerordentlich fest gewesen sein müsse, weil er nichts davon gefühlt hatte.

Helene erwachte bald darauf ebenfalls; ihr Stillschweigen sagte hinreichend, daß ihr Zustand in dieser Nacht nicht besser gewesen sei, als sonst, und es war also dringender als je, ernstlich an ihrer Genesung zu arbeiten. Der Oberst fuhr heute wieder vor Tische mit Helenen spazieren, und benutzte diese Gelegenheit, zugleich dem berühmtesten Arzte in der Stadt seine Aufwartung zu machen. Er bat denselben dringend, Alles zur Herstellung seiner Frau anzuwenden, was der Arzt auch versprach; aber indem er diesen Trost gab, hatte er schon gesehen, daß Helenens Lebenskräfte auf dem Punkt waren, zu erlöschen.

Am folgenden Morgen war die Oberstin so schwach, daß sie nicht im Stande war, das Zimmer zu verlassen; sie empfing den Besuch Wildenau’s, der bloß nach Prag gekommen war, um einen Tag mit der Familie zu verleben; aber der erste Blick überzeugte ihn schon, daß die Kranke von einem Augenblicke zum andern in ein anderes Leben hinüberschlummern könne.

Bald darauf trat sein geschickter Amtsbruder ein, und beide beobachteten nun lange Zeit die Symptome des Uebels, das mit so fürchterlicher Schnelle wuchs; ihr Urtheil fiel völlig gleich aus. Sie sahen, daß die Oberstin höchstens noch eine Woche lang leben konnte, und hielten es für angemessen, ihren Gatten von dem ihm bevorstehenden Verluste in Kenntniß zu setzen.

Dieser unangenehme Auftrag mußte natürlich auf Wildenau fallen, weil derselbe mit dem Obersten schon länger in freundschaftlichen Verhältnissen stand; er bat ihn also einige Augenblicke mit ihm allein sein zu dürfen, und machte ihn nun mit der schrecklichen Wahrheit bekannt. Der Oberst überließ sich seinem aufrichtigen Schmerze; er wollte anfangs an der Wahrscheinlichkeit der ärztlichen Behauptung zweifeln, und auf dem Punkt, von seiner Gattin getrennt zu werden, fühlte er seine frühere Liebe zu ihr sich in ihrer ganzen Kraft erneuen. Es schien ihm grausam, Helenen von ihrem bevorstehenden Ende in Kenntniß zu setzen, und da er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte, kehrte er mit dem Arzte in Helenens Zimmer zurück, wo er sich dergestalt setzte, daß seine Frau ihn und seinen Kummer nicht sehen konnte.

Die Oberstin fragte den Arzt mit schwacher Stimme, ob er Lodoiska gesehen, oder Nachricht von ihr habe?

„Sie zu sehen, Frau Oberstin, antwortete Wildenau, ist unmöglich, denn sie kommt nie aus ihrem Hause, das beständig verschlossen ist. Können Sie wohl glauben, daß Herr von Krauthof den Muth gehabt hat, sich abermals bei ihr zu zeigen, ungeachtet der früher gemachten üblen Erfahrung?“

— Er ist also bei seinem zweiten Versuche nicht glücklicher gewesen? —

„Der Ausgang war ganz derselbe, wie das erste Mal, und er ist nun so entmuthigt, daß er geschworen hat, nie wieder einen Fuß in die Nähe des Hauses zu setzen.“

— So sind wir doch glücklicher gewesen, fuhr Helene fort, denn sie hat sich öfters sehr artig nach uns erkundigt. Das sonderbare Wesen! Was führt sie bei ihrer Jugend und Schönheit für eine Lebensart! Dabei bleibt sie stets kalt und gleichgültig, und erscheint mehr als eine Maschine, deren Räderwerk in Bewegung gesetzt worden ist, als wie ein menschliches Geschöpf. Indessen kann ich mir nicht erklären, welche Gewalt sie über mich erlangt hat. Seitdem wir von einander getrennt sind, vermisse ich sie beständig, und es scheint mir, als wenn ich sie in den letzten Stunden meines Lebens bei mir haben müßte; auch wünschte ich ihr nach meinem Tode die Aufsicht über meine Tochter anzuvertrauen. —

Diese mit schwacher Stimme ausgesprochenen Worte setzten die beiden Zuhörer in Schrecken. Der Oberst sprang heftig vom Stuhle auf, ergriff Helenens Hand, und stammelte einige Worte des Trostes und der Hoffnung. Wildenau, der mehr an dergleichen Szenen gewöhnt war, benutzte diese Gelegenheit, um die Oberstin aufzufordern, einen Geistlichen kommen zu lassen.

„Sie thun sich großen Schaden, Frau Oberstin, sagte er, daß Sie sich mit so düsteren Gedanken quälen. Ich wünschte, daß Sie Zutrauen genug in mich setzten, um mir die Mittel zu erleichtern, Ihren Gesundheitszustand zu verbessern; da Sie mir dieß aber verweigern, warum fragen Sie nicht einen jener frommen Geistlichen um Rath, die gewohnt sind, an dem Bette der Leidenden Trost zu ertheilen? Vielleicht würde dieß Ihrem Zustande am zuträglichsten sein.“

Ein schmerzliches Lächeln ging der Antwort Helenens vorher. „Sie kommen meinen Wünschen zuvor, sagte sie; ich war schon im Begriff, meinen Mann zu bitten, daß er einen Geistlichen kommen ließe. Zugleich komme ich aber auf meinen vorher erwähnten Wunsch zurück: ich sehne mich, die junge Fremde wiederzusehen, und sie einige Zeit bei mir zu haben.“

Der Ton, womit dieser Wunsch ausgedrückt wurde, bewies, wie sehr Helene an dessen Erfüllung hing, und die beiden Zuhörer wurden davon überrascht, am meisten aber der Oberst, der die Gefahr fühlte, welche für ihn aus Lodoiska’s Gegenwart entstehen mußte. Allein er wußte nicht, wie er diesem Wunsche seiner sterbenden Frau ausweichen sollte, und seine Verlegenheit hinderte ihn anfangs, eine Antwort zu geben. Helene, über sein Stillschweigen verwundert, fragte ihn daher, ob ihr Verlangen tadelnswürdig sei, und ob der Erfüllung desselben große Hindernisse entgegenständen?

Diese Frage weckte den Obersten aus seinen Träumereien, und er antwortete, daß er sich nur deßhalb nicht gleich erklärt habe, weil er fürchtete, daß die seltsame Fremde die Bitte abschlagen würde. „Da du aber auf ihrer Gegenwart bestehst, fuhr er fort, so versuche, ihr einige Zeilen zu schreiben, denen ich meine Bitten noch hinzufügen werde, und unser Bediente soll augenblicklich mit unserm Wagen nach R**** fahren. Ich hoffe dann, daß er sie mitbringen wird.“

Helene versuchte, den verlangten Brief zu schreiben, wozu sie fast eine Stunde gebrauchte. Der Oberst setzte dann folgende Worte hinzu:

„Ja, Madame, wir bitten Sie um die gütige Erfüllung unserer Wünsche. Wie strenge auch Ihre früheren Entschlüsse sein mögen, Sie dürfen sich jetzt dem Verlangen meiner Frau nicht weigern, die Ihre Gegenwart so sehnlich wünscht. Kehren Sie daher in unsere Gesellschaft zurück, ich wiederhole Ihnen nochmals meine Bitte; geben Sie uns diesen Beweis Ihres Wohlwollens.“

Während der Oberst schrieb, war Wildenau, der Prag genau kannte, fortgegangen, um einen Geistlichen herbeizuholen, der die Oberstin auf dem ihr noch übrigen kurzen Lebenswege geleiten und trösten möchte. Es gelang ihm, einen der würdigsten ausfindig zu machen, der ihm versprach, am folgenden Morgen sich einzufinden, worauf der Arzt zu seinen Freunden zurückkehrte. Da seine Geschäfte ihn auf das Land zurückriefen, so nahm er bald darauf von dem Obersten und dessen Frau den rührendsten Abschied.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings