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Der Vampyr, oder

Vierzehntes Kapitel.

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Unter allen Begebenheiten, welche je das Leben des Obersten Lobenthal beunruhigt haben mochten, war ohne Zweifel die Erscheinung der jungen Lodoiska in Deutschland diejenige, welche ihn am meisten überraschen mußte. Ihr energischer Charakter, den er so schlecht beurtheilt hatte, ihre leidenschaftliche Liebe, wovon sie ihm durch ihre Gegenwart den auffallendsten Beweis gab, mußten in seinem Herzen Gefühle erregen, von denen er sich selbst noch nicht Rechenschaft zu geben wagte. Nicht allein, um ihm seine Treulosigkeit vorzuwerfen, konnte sie einen so weiten Weg aus ihrem Vaterlande her zurückgelegt haben; ohne Zweifel mußte sie mehr haben wollen, und er zitterte, wenn er an die bevorstehenden Auftritte dachte. Von der andern Seite, durch einen seltsamen, aber so gewöhnlichen Widerspruch in dem menschlichen Herzen, fürchtete er, dem es sehr lieb gewesen sein würde, dieses Mädchen nie wieder zu sehen, daß er sie jetzt auf immer verlieren könnte, und er hätte einen großen Theil seines Vermögens hingegeben, wenn er dadurch die Gewißheit ihrer Wiederherstellung erhalten konnte. Er wünschte, wenigstens nur ein einziges Mal mit ihr zu sprechen, sagte er zu sich selbst; er wollte aus ihrem eigenen Munde hören, wie sie es angefangen habe, um bis nach R.... zu gelangen. So verbarg der Oberst vor sich selbst das Wiedererwachen einer höchst gefährlichen Empfindung unter dem Namen einer bloßen Neugierde; aber während er sich mit allen diesen Dingen beschäftigte, nahm er sich vor, sie tief in seinen Busen zu begraben, und nie den geringsten Anlaß zu geben, wodurch Helene zur Eifersucht verleitet werden könnte. Er beschloß, sich gegen Lodoiska wie gegen eine ihm völlig Unbekannte zu benehmen, wenn sie selbst ihn nicht durch eine Unvorsichtigkeit zur Entdeckung seines Geheimnisses zwingen würde.

Durch die Sorgfalt eines dienstfertigen Nachbars und des gefühlvollen Pfarrers war die Veranstaltung getroffen worden, daß am andern Morgen schon ganz frühe, ohne alles Geräusch, die Leichname des jungen Wilhelm und Werners aus dem Schlosse entfernt und zur Erde bestattet wurden. Als daher Helene ihren Sohn noch einmal sehen wollte, gerieth sie in neue Verzweiflung, daß ihr nun von ihrem Wilhelm nichts mehr übrig geblieben sei, als eine herzzerreißende Erinnerung. Beschäftigt, diesen heftigen Schmerz seiner Gattin, den er selbst theilte, durch Trostgründe zu mildern, vergaß der Oberst fast, wie nahe ihm jetzt Lodoiska sei, und erst gegen Mittag, als Wildenau, der Arzt, zu ihm kam, dachte er daran, sich nach ihrem Zustande zu erkundigen.

„Ich habe Ihnen schon gesagt, antwortete Wildenau, daß bei dieser jungen Person etwas Unerklärliches obwaltet, was ich vergebens zu ergründen suche. Noch nie war die Rückkehr in’s Leben so unverhofft, als bei ihr; doch kann ich noch nicht versichern, ob sie am Leben bleiben wird, oder nicht. Ihre Wunde war ohne Zweifel tödtlich, und schon vorher mußte eine andere, die bis in’s Herz gegangen zu sein scheint, ihrem Dasein ein Ende gemacht haben.“

— Eine andere Wunde, sagen Sie? Lieber Doktor, Sie setzen mich in Erstaunen, denn mich dünkt, als hörte ich gestern bei meiner Ankunft nur von einer einzigen, durch einen Pistolenschuß verursachten Wunde sprechen. —

„Ganz richtig, weil nur diese Wunde frisch war, und die andere schon vor langer Zeit durch ein schneidendes Werkzeug gemacht worden ist. Weit entfernt, völlig vernarbt zu sein, blutet sie vielmehr noch, und hat eine ganz eigenthümliche Beschaffenheit, die meine bisherigen Kenntnisse völlig zu Schanden macht. Bei jedem andern Menschen müßte sie unmittelbar den Tod nach sich ziehen, und dennoch scheint es, daß diese Dame schon lange Zeit damit gelebt hat, ohne davon gehindert worden zu sein. Wahrlich! sie hat sich über die wunderbare Lebenskraft, die ihr von der Natur zugetheilt ist, nicht zu beklagen. Außerdem habe ich noch eine andere Sonderbarkeit bei ihr gefunden: ihre linke Hand ist nämlich mit einem Handschuh bedeckt, der aus einer sehr dicken Haut besteht. Ich wollte ihn aufschneiden, um der Kranken völlige Freiheit der Bewegung zu verschaffen; aber als ich ihren Arm berührte, gerieth er in ein beispielloses krampfhaftes Zittern, und die anfangs offene Hand schloß sich mit solcher Kraft, daß ich nicht im Stande war, mein Vorhaben auszuführen.“

— Wunderbar! Erstaunenswürdig! Aber lassen Sie nicht ab, lieber Doktor, ich bitte Sie: die Menschlichkeit befiehlt uns, dieser Unglücklichen uns nach Kräften anzunehmen. Uebrigens kann sie allein uns die Begebenheiten der gestrigen Schreckensnacht erklären, und vielleicht ertheilt sie uns Aufschlüsse, die uns in den Stand setzen, jene Bösewichter zu entdecken, deren Versuch ohne Nutzen für sie, für uns so unglücklich ausgefallen ist. —

„Ihre Ermahnungen sind ganz überflüssig, Herr Oberst. Meiner Pflicht nicht zu erwähnen, deren Erfüllung mir mein Stand vorschreibt, so kann ich Ihnen nicht verbergen, daß diese junge Dame mir die lebhafteste Theilnahme eingeflößt hat. Die seltene Vollkommenheit in allen Theilen ihres Körpers, die Schönheit ihres Gesichts haben, ich gestehe es Ihnen erröthend, auf meine Sinne einen außerordentlichen Eindruck gemacht. Wenn ich sie dem Leben wiedergeben könnte, wünschte ich mehr von ihr zu erlangen, als bloße Dankbarkeit ..... Aber warum erstaunen Sie so über dieses Geständniß? Sollte es Ihnen verdammungswürdig erscheinen?“

— Wem? Mir? Ei, lieber Doktor, mit welchem Rechte könnte ich es tadeln? Es scheint mir nur, daß Alles, was jetzt hier um uns vorgeht, außerordentlich ist. Sie, zum Beispiel, lieben heute eine Person, die Sie gestern noch nicht kannten, und zwar hat sie Ihr Herz in dem Augenblick erobert, wo sie noch mehr dem Tode als dem Leben angehört. Wie wird es erst werden, wenn sie mit ihren körperlichen Vorzügen noch die weit hinreißenderen des Geistes verbindet, die ihr ohne Zweifel nicht mangeln! —

„Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich Ihnen gerade heraus sage, daß Sie ziemlich leicht über einen solchen Punkt sprechen. Ich kannte diese Lustigkeit an Ihnen noch nicht.“

— Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber Herr Doktor; in meiner jetzigen Stimmung weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat mich der Schmerz übermannt, daß meine Worte der Zerrüttung meines Verstandes entsprechen. In meiner Lage, deren ganze Qual Sie nicht zu würdigen im Stande sind, mag es wohl erlaubt sein, gegen die Regeln der Höflichkeit zu fehlen, wie es wohl sonst bei mir nicht der Fall ist. —

Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung, daß der Oberst in der That durch den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch seiner Verstandeskräfte verloren habe, und er fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht, großen Theil an des Obersten Worten gehabt habe. Der Letztere, voller Scham, einen Augenblick lang seinen Entschluß vergessen, und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor, ihn in der Meinung zu lassen, daß das Uebermaß des Schmerzes ihm Abbruch in dem folgerechten Gange seiner Gedanken thue; und erst, als er in den Augen des Doktors las, daß derselbe wirklich dieser Meinung sei, war er vollkommen beruhigt. Er suchte darauf dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und bat den Arzt, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen, so lange der Zustand der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin seine Gegenwart nöthig machen würde.

„Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses Schloß vor der Hand zu meinem Hauptquartiere machen, und es nur dann auf kurze Zeit verlassen, wenn meine Gegenwart an andern Orten nicht entbehrt werden kann. Sein Sie daher in dieser Hinsicht ganz ruhig.“

Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt zu der Fremden erhalten könne, um ihr dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten.

„Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr Oberst, es zu thun; aber noch lange Zeit hindurch werden Sie Ihre Komplimente an einen fast leblosen Körper richten. Die junge Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage lang in völliger Bewußtlosigkeit verharren, wovon ihr starker Blutverlust die Ursache ist; und wir können uns glücklich schätzen, wenn sie in Zeit von vier Wochen unsere Fragen beantworten kann.“

— So müssen wir uns bis dahin gedulden, sagte der Oberst in einem Tone, dem er den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben strebte. —

In diesem Augenblicke trat Lisette in’s Zimmer, und meldete voller Angst, daß Helene ohnmächtig geworden sei. Beide Herren eilten nun, wohin ihre Pflichten und Gefühle sie riefen. Die Oberstin blieb noch mehrere Tage lang in diesem Zustande der Schwäche, die aus dem Uebermaße ihres Schmerzes entstand, und nichts konnte sie zerstreuen; nur ein einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft.

Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu sein, alle Behauptungen und Voraussetzungen des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit war in weit kürzerer Zeit wieder hergestellt, als es nach seiner Meinung möglich war, und er genoß nicht einmal das Glück, die schöne Fremde zuerst sprechen zu hören. Einige Tage nach jener Schreckensnacht trat Alfred, der schon öfter in das Zimmer der Kranken gekommen war, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und hörte von der Wächterin, daß man vergessen habe, ihr das Frühstück zu bringen; er erlaubte ihr daher, es selbst zu holen, während er bei der Kranken zu bleiben und ihre Rückkehr abzuwarten versprach. Die Wächterin, voll Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und vielleicht in der Furcht, daß es nicht des Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim Worte, und entfernte sich augenblicklich.

In den ersten Minuten blieb Alfred fast unbeweglich vor dem Bett, in welchem Lodoiska, der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; beim Anblick dieser fest geschlossenen Augen, dieser magern und leichenblassen Gesichtszüge, verfiel er in ein höchst schmerzliches, träumerisches Nachdenken. Die Kranke lag völlig unbeweglich, und kaum merkte man an ihrem schwachen Athemzuge, daß noch Leben in ihr sei.

„Armes Mädchen! sagte Alfred halb laut; so sollte ich dich also wiedersehen, nachdem dich deine unglückliche Liebe bis hierher geführt hat?“

Ein Seufzer, der von Lodoiska’s Lippen erschallte, machte den Obersten aufmerksam, und er näherte sich dem Bette noch mehr. Bald sahe er, wie sich die Augenlieder der Kranken fast unmerklich bewegten; endlich schlug sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf eine plötzliche Röthe ihr Gesicht überzog, und ihr Mund den Namen Alfred aussprach.

„Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte der Oberst, der Heftigkeit seiner Gefühle fast unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich verabscheuen!“

— Alfred! liebst du mich? —

Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht leicht zu beantworten war, fühlte sich der Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge war im Begriff ein zufriedenstellendes Wort auszusprechen; aber seine Vernunft hielt dasselbe zurück; er konnte nur sein Gesicht mit beiden Händen bedecken, und schweigen.

„Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! willst du mir den Tod geben, dem ich jetzt entrinne?“

O, wie schrecklich war es für Alfred, die Unglückliche nicht beruhigen zu dürfen! Sie schien nur in’s Leben zurückzukehren, um vom ersten Augenblicke an allen den Kummer von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit zu fühlen, der schon seit so langer Zeit an ihrem Herzen nagte. Aber konnte der Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch neue Nahrung geben? War er nicht Helenens Gatte? Konnte er sie so hintergehen? Die verschiedensten Gefühle und Gedanken kämpften in seinem Innern mit einander, und er war noch unentschlossen, als ein abermaliger Seufzer Lodoiska’s seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit Schrecken erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht zurückgesunken sei.

Da der Oberst fürchtete, der armen Kranken den letzten Stoß gegeben zu haben, so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit lauter Stimme den Arzt und die Bedienung herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde anfangs zu sich selbst gekommen sei, und einige Worte gesprochen habe, worauf sie wieder in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen sei.

„Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache ganz gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. Wenn es aber dennoch wahr ist, so weiß ich nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren Wesen denken soll!“

Der Oberst versicherte, daß die Kranke gesprochen habe, und daß ihre Worte: Wo bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich gewesen seien. Freilich hatte sie so nicht gesagt, aber Alfred hütete sich wohl, die Wahrheit zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska ein heftiges Fieber hatte, und verhehlte nicht, daß sie sich in großer Gefahr befände, weil sie eine große Erschütterung in ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei dieser Erklärung war der Oberst wie vom Blitze getroffen, und aus Furcht, sich zu verrathen, entfernte er sich. Ueber eine Stunde lang ging er in dem großen Saale auf und nieder, ohne zu wagen, sich zu seiner Gattin zurück zu begeben, noch in Lodoiska’s Zimmer zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff war, ihren letzten Seufzer auszuhauchen. O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über seinen unverzeihlichen Fehler, in dem unschuldigen und gefühlvollen Herzen Lodoiska’s eine Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so schrecklich waren! Er sahe jetzt ein, daß die Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, bei gewissen Charakteren ewig währen kann; denn Lodoiska’s Beständigkeit gab ihm den Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern im Stande gewesen war. Die Entfernung und lange Trennung, selbst die schlechte Behandlung waren an ihrem Herzen vorübergegangen, ohne es zu erkälten, und er selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der Liebe, das ihn ehemals trunken machte. Welche Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst nun zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter einer finstern Wolke, und voller Schrecken ergab er sich seinem Schicksale. Quälte ihn nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, die zwischen ihm und dem Arzte entstehen zu wollen schien? Der Letztere, der noch jung und von sehr liebenswürdigem Aeußeren war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde er jetzt anfangen, Lodoiska mit seiner Leidenschaft zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten selbst zur Mittelsperson machen wollen, wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! —

Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska ging, wider alle Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung mit raschen Schritten entgegen. Kaum waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie schon aufrecht in ihrem Bette sitzen, und die an sie gerichteten Fragen beantworten. Helene entschloß sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, weil ihr Anblick ihr Wilhelms Tod so lebhaft in’s Gedächtniß zurückrief, daß sie beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch mangelte es der kranken Lodoiska nicht an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch der Oberst, durch ein unwiderstehliches Gefühl dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche seltener zu machen. Indessen suchte er es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska allein war, weil er eine zweite Erklärung von ihrer Seite fürchtete.

Vergebens suchte Lodoiska öfters, die lästigen Zeugen zu entfernen, wenn sich der Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr auf seiner Hut, daß er sich stets entfernte, wenn der Zufall es hätte herbeiführen können, sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe allein zu befinden. In solchen Augenblicken sah man denn in den sonst gleichgültigen Gesichtszügen Lodoiska’s den heftigsten Verdruß vorherrschen, der sich oft gegen ihre Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. Der Letztere, der sich immer mehr gefesselt fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine Leidenschaftlichkeit, von welcher er die wahre Ursache durchaus nicht ahnete, sondern die er nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.

Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie aufstehen wolle, wobei der Arzt fast in Verzweiflung gerieth. Er versicherte, daß sie noch zu schwach sei, um ihren Wunsch befriedigen zu können, und daß sie sich wenigstens noch vier Wochen gedulden müsse, weil er sonst nicht dafür stehen könne, daß sie in die größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett verlassen wollte. Lodoiska antwortete nicht, wie sie es stets gewohnt war, wenn man ihr einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. Aber sobald Wildenau sich entfernt hatte, bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht herbeizuholen, nach deren Genuß sie großes Verlangen fühle, und kaum war sie allein, so eilte sie, sich anzukleiden.

Das Erstaunen der Wächterin, als sie in’s Zimmer zurückkehrte, war unbeschreiblich; sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei Seite setzte, und drohte ihr mit dem höchsten Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber diese Drohung machte nicht den geringsten Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit lang im Zimmer auf und nieder gegangen war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe ihren Besuch annehmen könne.

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