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Der Vampyr, oder

Siebenzehntes Kapitel.

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Während der gefühllose Herr von Krauthof sich vergebens in allerhand Vermuthungen verlor, durch welche Ursache die Ohnmacht der schönen Fremden hervorgebracht sein könnte, waren Helene, ihr Mann und der Arzt eifrig beschäftigt, Lodoiska’n in’s Leben zurückzurufen. Aber ihre Bemühungen waren fruchtlos, und der Oberst benutzte diese Augenblicke, den lächerlichen Edelmann zurechtzuweisen.

„Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist; in diesem Falle muß auch sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß, verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen können.“

Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre, gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse, und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten, da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was auch geschahe; aber sie lag noch lange Zeit auf ihrem Bette völlig kalt und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?

„Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben, antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.“

— Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen Willens bedeckt? —

„O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der Oberst; das Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse, vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.“

Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.

Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und seiner Gemahlin folgende Erklärung: „Ich weiß nicht recht, fing er an, wie ich es machen soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben, giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden, seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau Oberstin, um mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.“

Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner Frau. Diese billigte Wildenau’s Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben verbittere.

„Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist verloren; aber die Ländereien sind noch da, und Sie wissen, daß man bei den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande einen Jugendfehler in Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten. Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.“

Helene, von Wildenau’s Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese Unterhaltung endete, und da der Arzt am andern Morgen in ziemlicher Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.

Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.

Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er plötzlich von einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag in’s Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.

Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch, und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.

Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.

Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.

Lodoiska trat in’s Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.

Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, und befahl dann Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. —

„Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat sie mir eingegeben.“

— Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt haben, ohne nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt? Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? —

„Von allem Diesem ist durchaus nicht die Rede; aber glauben Sie denn, daß Sie ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand wird sich um die Verhältnisse eines gewöhnlichen Frauenzimmers bekümmern. Man geht an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken; aber Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die Augen, als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen könnte. Sie setzen ohne Zweifel mehr als ein Herz in Bewegung, von denen einige sich Ihnen nähern möchten, um auch das Ihrige zu rühren; und diese haben einiges Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob Sie noch frei sind, ob keine frühere Verbindung Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über Ihre Hand verfügen können?“

Ein melancholisches Lächeln ging der Antwort voraus, die Lodoiska hierauf zu geben im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick darüber nachzudenken, richtete dann ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen mit einem Blick der vollkommensten Gleichgültigkeit ansehend:

„Wenn es bei der Kenntniß meines Schicksals bloß auf meine jetzige Lage ankommt, so kann ich mich über diese erklären, ohne zu erzählen, was mir früher begegnete. Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre ich mir selbst nicht an. Ich habe mein Herz verschenkt, und nicht das Recht, es wieder zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin ich von demjenigen getrennt, den ich bis zum Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich habe kein Vaterland mehr, ich gehöre der ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht weiter; Sie haben jetzt Alles gehört, was ich Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.“

— Ich würde mich ohne Zweifel mit einer solchen Erklärung begnügen, so dunkel sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, daß Andere nicht damit zufrieden sein werden. Und nun erlauben Sie, daß ich mit Ihnen ein Wort der Vernunft spreche. Sie sind hier weit von Ihrem Vaterlande entfernt, allein und unabhängig; Sie können nicht hoffen, sagen Sie, demjenigen jemals anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: was wollen Sie aber dann in einem fremden Lande machen? Wird nicht eine Zeit kommen, wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, das Bedürfniß eines Freundes fühlen werden? Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland zurückkehren? Das Schicksal könnte Ihnen unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, etwas ausgeschlagen zu haben, was Sie jetzt vielleicht verschmähen. —

„Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich meine jetzige Lage für jedes andere Frauenzimmer sein würde, das sich in einem der gewöhnlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen verlassen zu sein? Wohl! so glauben Sie, daß ich nicht Ursach habe, mich über meine Zukunft zu beunruhigen; sie ist schon seit mehreren Jahren fest bestimmt, und kann sich nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen Kreis, den ein allmächtiges Wesen mir vorgeschrieben hat, und von dem ich mich nicht entfernen kann. Sie glauben, daß mir eine Stütze, ein Freund nöthig werden möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie darein willigen, eine solche Stütze anzunehmen. Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen hat, mit mir hierüber zu sprechen, er möge alle Hoffnung aufgeben, vorzüglich aber eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn gefährlich werden könnte. Der Unverständige! Er weiß nicht, daß Jeder, welcher mich liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, Frau Oberstin! Ach, warum ist es mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde Ihnen dann den schrecklichsten Abscheu einflößen .... und dennoch — ich nehme Gott zum Zeugen, den ich fürchte — habe ich über keine meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren stets übereinstimmend mit der Tugend, und wenn ich mir selbst Böses anthat, so ist mir wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. Hören Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in mich zu dringen, und lassen Sie mich in der Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange nichts von den Menschen; gern wünschte ich mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber sie ist mir versagt!“

Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre ganze Verzweiflung durch einen sonderbaren, fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem Stuhle auf, beurlaubte sich bei Helenen, und begab sich in ihr Zimmer.

„Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene zu sich selbst, als sie sie fortgehen sahe; unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was hat sie gethan? Warum kam sie hierher? Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, und gewiß hat sie den Becher des Unglücks mit vollen Zügen geleert.“

Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten und des Arztes, welche beide zugleich kamen, in das tiefste Nachdenken versunken. „Armer Freund! rief sie dem Letztern entgegen; man giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die geringste Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie mir aber, ich bitte, die weitere Auseinandersetzung meiner Unterhaltung mit der Fremden, und begnügen Sie sich damit, zu wissen, daß sie mir nichts von ihren Schicksalen erzählt hat, und daß Sie nicht glücklich sind.“

Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu befriedigen, verlangte Wildenau eine ausführlichere Erklärung, und Helene sträubte sich vergebens: sie mußte Alles genau wieder erzählen, was gesprochen worden war. Es läßt sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme der Oberst zuhörte.

„Meine Eigenliebe, sagte endlich der Arzt, ist bei dieser Gelegenheit durchaus unverletzt geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame eine Liebe fühlt, welcher nicht Genüge geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; dieß ist eine zu heftige Maßregel, die ich nicht nachahmen will, und da sie sich weigert, meine Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr treuer Freund.“

— Das heißt vernünftig gesprochen! sagte der Oberst, sein langes Stillschweigen brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie mir; stellen Sie sich völlig gleichgültig, und vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten daran denken, werden Sie dieses stolze Herz sich geöffnet sehen. —

Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert war, so wußte er doch sehr gut seinen wahren Zustand zu verbergen; aber er gab seine Liebe noch nicht auf, denn auch er kannte den Werth und Einfluß der Zeit, welche allen Dingen nach und nach eine veränderte Gestalt giebt.

Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, indem sie sagen ließ, daß sie unpäßlich sei, und in ihrem Zimmer essen würde. Man glaubte anfangs, daß sie bloß nicht mit dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, und in der heftigsten Unruhe zu sein scheine.

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