Achtzehntes Kapitel.
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Am folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder blicken ließ, schien sie gar nicht mehr an die mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu denken. Wildenau befand sich noch im Schlosse. Sie behandelte ihn wie gewöhnlich, und war vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen den Obersten hatte sich ihr Betragen völlig geändert. Sie richtete häufig ihre Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit und selbst Zorn, der ihn beinahe in Schrecken setzte; sie war gegen ihn so trotzend und zu gleicher Zeit vertraulich, daß man leicht ihre frühere Bekanntschaft mit einander errathen haben würde, wenn man nicht überzeugt gewesen wäre, daß der Verstand der Fremden in manchen Augenblicken völlig zerrüttet sei.
Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt war, bebte über die Folgen, welche diese üble Laune Lodoiska’s haben könnte. Jemehr sie ihm nach und nach wieder theuer wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man es nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete er, daß eine Unvorsichtigkeit die Eifersucht seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich Lodoiska’n verständlich zu machen, indem er sie durch Blicke bat, ihn zu schonen, und ihres Versprechens eingedenk zu sein; aber seine Bemühungen waren vergeblich, und sie fuhr in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam ein Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar holte, welchen ein Schlagfluß befallen hatte; zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in ihrem Zimmer besorgen, und die beiden Feinde befanden sich nun allein einander gegenüber.
„Sie erinnern sich also nicht mehr an Ihr mir gegebenes Versprechen?“ sagte Alfred schnell.
— Sie haben ja auch vergessen, daß Sie mir Ihr Herz versprochen hatten! Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer Mann, können Sie mir vorwerfen, daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage mich gegen Sie, wie es mich gut dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns einander Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie sprechen, durchaus allein sprechen. —
„Wann?“
— Heute um Mitternacht. —
„Wo?“
— Im großen Saale; dort wird uns Niemand stören. —
„Was wollen Sie von mir?“
— Sie werden es erfahren. —
„Aber wenn man uns überrascht?“
— Sein Sie ohne Sorgen. —
„Es wird einen üblen Ausgang nehmen.“
— Werden Sie kommen? —
„Ich fürchte ....“
— Zittern Sie, wenn ich vergebens auf Sie warten muß. —
Helenens Rückkehr in’s Zimmer machte dieser Unterhaltung ein Ende, die nur halb laut geführt worden war. Sie kam so plötzlich, daß ihr Gatte in Verlegenheit gerieth, und sie überraschte ihn bei einer Bewegung, die ihr so manche Dinge hätte erklären können, wenn sie nicht in vollkommener Sicherheit gewesen wäre. Lodoiska war seit der Zeit ihres Aufenthalts im Schlosse noch nie so guter Laune gewesen, als heute. Sie vergaß ihre gewöhnliche Schwermuth, ja sie wurde sogar lustig, und es gelang ihr, Helenen ein Lächeln abzugewinnen, das erste seit dem Verluste ihres Sohnes.
Alfred, weit entfernt, Lodoiska’s Frohsinn zu theilen, wurde immer tiefsinniger und trauriger, jemehr sich der Abend näherte. Kaum öffnete er den Mund zum Sprechen; eine ihm unerklärbare Unruhe bewegte sein Inneres, und er wagte es nicht, weder Lodoiska’n noch seine Frau anzublicken. Vorzüglich fürchtete er, bei der bevorstehenden Zusammenkunft mit der Erstern, mitten in der Nacht überrascht zu werden, da hiervon seine ganze häusliche Ruhe abhing.
Endlich begab sich ein Jeder in sein Zimmer. Die Oberstin, die sich seit einiger Zeit über eine allgemeine Schwäche in allen Gliedern beklagte, legte sich zuerst zu Bett, und schickte bald darauf auch Lisetten fort. Der Oberst setzte sich in seinem Zimmer auf einen Lehnstuhl, und erwartete so, völlig angezogen, aber ohne Ungeduld, sondern zitternd, die Mitternachtszeit. Als endlich der letzte Schlag der zwölften Stunde erschallte, stand er seufzend auf, und ging mit leisen Tritten nach dem großen Saale, ohne ein Licht mit sich zu nehmen.
Die undurchdringliche Finsterniß in diesem weiten Saale, die schneidende Kälte, welche durch die schlecht geschlossenen Fensterscheiben eindrang, die Furcht, überrascht zu werden: alles dieß vereinigte sich, um dem Obersten ein solches Beben zu verursachen, wie er noch nie empfunden hatte, selbst als er früher, hundert Feuerschlünden gegenüber, den Tod in der ihm angewiesenen Position erwarten mußte. Aber damals lebte er mit seinem Herzen in Frieden, und sein Gewissen war ruhig; jetzt befand er sich mit sich selbst im Widerspruch. Er war auf den Befehl eines Frauenzimmers hierhergekommen, das zu seinem Glücke nichts mehr beitragen, wohl aber es zerstören konnte. Aber konnte er ihr ungehorsam sein? Mußte er nicht fürchten, daß sie, bei ihrem heftigen Charakter, seine ehemaligen Verhältnisse zu ihr öffentlich bekannt machte? Alfred glaubte, Alles thun zu müssen, um eine fast wahnsinnige Liebende in Schranken zu halten.
Sie ließ nicht lange auf sich warten. Sie trat durch die Thür ein, welche von der Haupttreppe in den Saal führte, mit einem weißen Kleide angethan, und halb in einen großen schwarzen Schleier verhüllt, der ihr das furchtbare Ansehen eines Gespenstes gab, das sie auch durch ihren leblosen Blick, durch die Leichenblässe ihres Gesichts nicht verläugnete. In der Hand trug sie ein Licht, das sie schnell auf den Fußboden setzte, als sie den Obersten erblickte; dann trat sie auf ihn zu, und gab ihm ihre Zufriedenheit über sein pünktliches Erscheinen zu erkennen.
„Ich werde stets gern erscheinen, wenn Lodoiska mich sehen will, vorzüglich seitdem sie mich versichert hat ....“
— Alfred, ich bitte Sie, rufen Sie mir ein Versprechen nicht mehr in’s Gedächtniß zurück, dessen Erfüllung mir zu viel kostet. Wie! soll ich mich denn unaufhörlich verstellen? Soll ich es ruhig mit ansehen, daß Sie alle Mittel aufsuchen, mich von hier zu entfernen, und daß Sie dergleichen Anträge unterstützen, wie man mir gestern mitgetheilt hat? —
„Glauben Sie mir, Lodoiska, daß ich dabei so viel gelitten habe, als Sie selbst, sobald man mich davon in Kenntniß setzte? Ja, es war mir schon unerträglich, es nur zu vermuthen; aber was konnte ich dagegen thun? Schweigen und das Weitere Ihnen überlassen. Ich hoffte .... ich wußte, wollte ich sagen, daß Ihre Antwort verneinend sei, und daß man Sie dann nicht weiter verfolgen würde.“
Ein Strahl von Freude blitzte bei diesen Worten in Lodoiska’s Augen auf.
„Sie hofften, sagen Sie. Ach, warum kann ich meinerseits nicht mehr hoffen! Ich bin die Zeugin eines Glücks, das mir über Alles verhaßt ist, und das ich niemals selbst schmecken werde. Jetzt muß ich mich einem Orte entreißen, der mir unerträglich wird. Ich habe Sie wiedergesehen; mein Unglück ist vollendet, und es bleibt mir nichts mehr übrig, als mich zu entfernen.“
— Sie wollen fort? Lodoiska, bedenken Sie unsere Freundschaft! —
„Unsere Freundschaft! Alfred, ich mache mir nichts daraus, und wenn Sie mir dieselbe auch ganz aufrichtig anbieten, ich nehme sie nicht an. Mein Loos ist gefallen, und ich weiß mich dabei zu erhalten! setzte sie mit einem boshaften Lächeln hinzu. Indem ich Sie durch meine Abreise von meiner Gegenwart befreie, gebe ich Ihnen zugleich Ihre Ruhe zurück. Sie werden nicht mehr zittern, wenn ich mich Ihnen zeige oder mit Ihnen spreche, und von der Liebe zu derjenigen, die Sie mir vorziehen, nicht mehr zerstreut werden.“
— Es steht Ihnen frei, zu bleiben oder abzureisen; ja ich weiß nicht, ob ich selbst Sie nicht zum Letzteren auffordern sollte. Aber sein Sie überzeugt, daß mein Herz Ihre Entfernung nicht wünscht; es würde zufrieden in Ihrer Nähe sein, wenn es Sie nicht mehr zu fürchten hätte, und es fühlt mehr als je, wie verführerisch Sie sind. —
„Nun? Und welchen Platz wollten Sie mir denn neben sich anweisen? Sie antworten nicht; was soll ich daraus schließen?“
— Daß ich höchst verlegen bin; denn was soll ich Ihnen antworten, um Sie zu befriedigen? Die Bande, welche mich an Helenen fesseln sind unauflöslich. —
„Ja unauflöslich, wie alles Uebrige bei den Menschen, bis zum Tode .....“
In dem Tone, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, lag ein so geheimnißvoller Sinn und ein so boshafter Ausdruck, daß der Oberst schaudernd einen Schritt zurücktrat, und Lodoiska’n erstaunt ansah; allein er bemerkte, daß ihre Augen von der gewöhnlichen außerordentlichen Gleichgültigkeit erfüllt waren, und ihr unbefangenes Wesen stand so sehr in Widerspruch mit dem, was schon der bloße Ton ihrer Stimme ausgedrückt hatte, daß Alfred glauben mußte, er habe sich geirrt. Es folgte ein langes Stillschweigen, wobei der Oberst in’s tiefste Nachdenken versunken war, bis endlich Lodoiska wieder das Wort nahm.
„Sie denken sehr ernsthaft nach, Alfred; beschäftigen Sie sich mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft?“
— Nein, nur mit der Gegenwart, die mich in die unbeschreiblichste Verwirrung setzt. —
„Sein Sie nicht böse, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre Schwäche kenne. Sie sind nicht im Stande, einen bestimmten Entschluß zu fassen, und Sie wissen selbst kaum, was Sie wollen.“
— Ach, Lodoiska, könnten Sie in mein Herz sehen! Aber ich möchte wohl wissen, wie Sie sich benehmen würden, wenn Sie sich in meiner Lage befänden. —
„Nach reiflicher Ueberlegung aller Gründe würde mein Entschluß sehr bald gefaßt sein, und den einmal eingeschlagenen Weg würde ich dann mit Muth und Dreistigkeit betreten.“
— Wenn aber dieser Weg Sie zum Irrthume, oder gar zum Verbrechen führte? —
„Auch dann würde ich ihn verfolgen, denn von allen Uebeln ist das schlimmste die Unschlüssigkeit. Aber haben Sie sich auch recht davon überzeugt, worin eigentlich die Verlegenheit in Ihrer Lage besteht? Wissen Sie denn bestimmt, wo das Böse und wo das Gute anzutreffen ist? Und seit wann ist es Sitte, daß neuere Rechte die ältern verdrängen können?“
— Lodoiska, was würden Sie also von mir fordern? —
„Alles oder Nichts, Alfred! Sie schaudern? O, dann sind Sie nicht würdig mich weiter anzuhören.“
— Wie könnte ich eine Gattin verlassen, der ich durchaus keinen Vorwurf zu machen habe! mich von einem Kinde trennen ..... —
„Alles oder Nichts, ich wiederhole es Ihnen. Worüber können Sie sich beklagen, da Sie völlig freie Wahl haben, und ich Ihnen deutlich zwei Wege zeige, aus Ihrer Verlegenheit zu kommen?“
— Wohl, Lodoiska! Aber so groß auch meine Anhänglichkeit an meine erste Liebe sein mag, so werde ich doch nie meinen Ruf so beflecken, eine tugendhafte Gattin, die ich freiwillig gewählt habe, wieder zu verlassen. —
„Allerdings! das können Sie auch nicht, ohne Ihrem Rufe, Ihrer Ehre zu schaden, die mir theuer sind. Aber wenn man Sie sprechen hört, sollte man glauben, daß diese Gattin unsterblich ist, oder einen Bund mit der Ewigkeit geschlossen hat.“
— Sie flößen mir Entsetzen ein, Lodoiska, und ich will Sie nicht verstanden haben; ja vielleicht verstehen Sie sich selbst nicht. —
Ein schauerliches Lächeln war die Antwort der Fremden, und in ihren Augen las der Oberst völlig klar ihre Gedanken, so daß ihm kein Zweifel mehr übrig bleiben konnte.
„Nein, nein, tausend Mal nein! Nie werde ich mich mit einem Verbrechen besudeln! Grausames Weib, ich verabscheue Sie!“
— Ja, ich weiß es, Sie waren ein geringerer Verbrecher, als Sie mein Herz zerfleischten, als Ihr Betragen, Ihre Briefe meinem Dolche den Weg zeigten. — Bei diesen Worten schlug sie ihren Schleier zurück, und zeigte dem erstarrenden Alfred die offene, noch blutende Wunde, welche mitten in’s Herz ging. — Auch mein Vater, meine Mutter, fuhr sie fort, fanden ihre letzte Zuflucht nur durch den Tod! Nein, damals war Alfred kein Verbrecher, und noch jetzt ist er der unschuldigste, der tugendhafteste der Männer! —
„O, Lodoiska! welche Verzweiflung! Welche schreckliche That haben Sie vollbracht! Wie, Ihr Blut ist geflossen, und Sie legten Hand an sich selbst? Und dadurch haben Sie auch Ihren ehrwürdigen Aeltern das Leben geraubt?“
— Nicht ich, Alfred! Nicht ich, sondern Sie, Sie allein sind an Allem Schuld. Ich war nur das Werkzeug, dessen Sie sich bedienten, eine ganze Familie von der Erde zu vertilgen. Und dennoch werden Sie ruhig schlafen, oder Ihr Schlaf wird bloß durch den Schrecken beunruhigt werden, den ich Ihnen verursache. Auf Wiedersehen! Urheber alles meines Elendes, der Sie meine ewige Verbannung aus dem Himmel verursacht haben! —
„Sie vernichten mich durch Ihre Vorwürfe! Aber wozu wollen Sie verzweifeln? Mein Vergehen war groß; doch ich hoffe Gnade vor Gott zu finden, und Sie, glauben Sie mir, daß Sie noch durch aufrichtige Reue .....“
— Reue! rief die Fremde mit einem lauten schrecklichen Lachen, daß der Saal davon erschallte; Reue giebt es nicht mehr für mich; ich habe sie sammt meinen übrigen menschlichen Empfindungen in meiner Hütte zurückgelassen. Mein Weg ist mir vorgeschrieben, ich kann nichts mehr thun, als ihn genau befolgen! —
Der Oberst erstarrte über diese Worte; aber als er bedachte, welche Vorurtheile Lodoiska in ihrem Vaterlande seit ihrer frühen Jugend eingesogen haben müsse, und daß ihr Unglück ohne Zweifel einen nachtheiligen Einfluß auf ihren Verstand gehabt habe, ward er von zärtlichem Mitleiden ergriffen; er suchte sie zu trösten und zu beruhigen, indem er sich ihr näherte, um die Hand Lodoiska’s zu ergreifen, über welche sie stets einen Handschuh trug. Allein sie errieth den Zweck seiner Bewegung, und trat erschrocken einen Schritt zurück.
„Nein, nein, Alfred! Geben Sie Ihre Versuche auf, mich anderes Sinnes zu machen. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß ich nicht länger hier bleiben kann, und das Schloß mit dem morgenden Tage verlassen muß. Ich habe mein abgebranntes Haus wieder aufbauen lassen, und vorgestern die Nachricht erhalten, daß es zu meiner Aufnahme bereit ist. Fürchten Sie nun nicht mehr, daß ich Ihnen durch meinen Anblick lästig fallen werde.“
— Ich kann die Ausführung Ihres Entschlusses nicht zugeben, Lodoiska. Warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie uns verlassen; denn wie können Sie mitten im Winter in ein neu erbautes Haus einziehen? Wissen Sie nicht, wie schädlich die Feuchtigkeit der Mauern auf die Gesundheit wirkt? —
„O, mir schadet sie nichts; denn in einer andern Wohnung fand ich eine weit größere Feuchtigkeit, und doch sehen Sie mich noch hier. Mein Entschluß ist unabänderlich, und Niemand wird mehr an mich denken, wenn ich mich entfernt habe.“
Nach diesen Worten eilte Lodoiska auf ihr Licht zu, nahm es in die Höhe, und ging fort, ohne auf Alfred’s wiederholte und dringende Bitten zu hören. Da er sie verschwunden sahe, kehrte er in sein Zimmer zurück, wo er die Nacht unter den peinlichsten Gedanken schlaflos zubrachte.