Ein und zwanzigstes Kapitel.
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Es war acht Uhr des Abends, als der Wagen, welcher um Mittag abgefahren war, vor dem Hause still hielt. Bei dem dadurch verursachten Geräusch erbebte der Oberst; er nahm rasch ein Licht, und eilte die Treppe hinab, weniger um der Fremden entgegenzugehen, wenn sie wirklich angekommen wäre, als um seine innere heftige Bewegung vor seiner Frau zu verbergen.
Als er auf den Hausflur gelangte, sahe er eine weibliche Gestalt, in einen großen schwarzen Shawl verhüllt, ernsten, langsamen Schrittes auf sich zukommen, so daß er sich über ihren Anblick überrascht fühlte, als wenn er eine übernatürliche Erscheinung gesehen hätte. Aber wie sehr vermehrte sich seine Verwirrung, sobald er beim Scheine des Lichts die Leichenblässe auf Lodoiska’s Gesichte wahrnahm. Sie schien ein Gespenst zu sein, so stier waren ihre Augen, so eingefallen ihre Wangen; man mußte glauben, daß sie dem Grabe hundert Mal näher sei, als die Oberstin, welche stündlich ihrem Ende entgegen sahe.
Der Oberst, voll Entsetzen über diesen Anblick, konnte kein Wort hervorbringen, um die Forderungen, welche Höflichkeit und Anstand an ihn machten, zu erfüllen. Unbeweglich stand er da, und betrachtete die Zerstörungen, welche ein so kurzer Zeitraum in den Gesichtszügen Lodoiska’s hervorgebracht hatte. Diese bemerkte sein Erstaunen, und mit einem wilden Lachen hob sie an:
„Hier bin ich! Sie haben mich gerufen. Schmeicheln Sie sich aber nicht, mich nun wieder zur Entfernung zu zwingen, wenn Sie es wünschen werden.“
Glücklicherweise wurden diese lebhaft ausgesprochenen Worte von Niemanden weiter gehört. Er erschrak über den Sinn derselben, suchte sich jedoch zu fassen, und antwortete ihr mit einem Anschein von Galanterie, wofür sie ihm einen fürchterlichen Blick zuwarf. —
Als Beide in das Zimmer der Oberstin traten, brach diese beim Anblick der Fremden, die so krank zu sein schien, wie sie selbst, in Thränen aus, und reichte ihr freundschaftlich die Hand entgegen.
„Ach, wie gut sind Sie, meine Bitte erfüllt zu haben! Aber Sie selbst scheinen der Hülfe eines Arztes zu bedürfen. Warum kamen Sie nicht früher nach der Stadt?“
— Mein äußeres Ansehen, erwiederte die Fremde, setzt Sie in Irrthum. Meine Gesundheitsumstände sind dieselben, wie vor einem oder zwei Monaten, und es ist schwer, mich besser oder schlechter zu befinden. Wenn Ihnen meine Züge entstellt erscheinen, die Blässe meines Gesichts Sie erschreckt, so setzen Sie dieß auf Rechnung der Verwirrung, in die ich durch Ihren Brief und den darin enthaltenen Befehl gerathen bin. Sie wissen, wie nothwendig mir die Einsamkeit ist, und ich habe mich nur schwer ihr entreißen können; aber, wenn man mich auf eine gewisse Art bittet, so habe ich nicht das Recht, mich zu weigern. Sie wollen mich haben, und ich bin hier; glauben Sie, durch mich den nöthigen Beistand zu finden? —
Diese eben nicht höfliche Rede machte einen unangenehmen Eindruck auf Helenen, die den wahren Sinn derselben nicht errathen konnte. Nach einigem Nachdenken fiel ihr indessen der seltsame Charakter der Fremden ein, und daß man bei ihr nichts beleidigend finden müsse, weil ihr Betragen ganz abweichend von allen übrigen Menschen war. Helene bedurfte der Gesellschaft, und hatte sich an Lodoiska gewöhnt; konnte sie sich also über deren Sonderbarkeit beklagen?
Ungeachtet ihrer anscheinend übeln Laune liebkosete Lodoiska doch die kleine Julie, welche kam, um ihr gute Nacht zu wünschen. Sie nahm das Kind mit so vieler Zärtlichkeit in ihre Arme, daß sie sich dadurch die Gewogenheit der Mutter in einem Augenblicke wieder erwarb. Der Oberst stand dabei, in Träumereien versunken, unfähig ein Wort hervorzubringen; er wagte es nicht, weder seine Frau noch Lodoiska anzusehen, und die Zukunft stellte sich ihm in einem schauerlichen Dunkel dar.
Am andern Morgen erklärte die Oberstin, daß sie heute eine schrecklichere Nacht als je gehabt habe. Dieß war auch leicht an dem matten und schmerzhaften Ausdrucke ihres abgemagerten Gesichts zu sehen; es war augenscheinlich, daß ihre Schwäche mit jeder Minute zunahm, und daß ihr Leben vielleicht bald entfliehen würde. Da der erwartete Geistliche sich noch immer nicht blicken ließ, obgleich es schon nach neun Uhr des Morgens war, so gerieth Helene darüber in Unruhe; bald darauf meldete indessen Lisette seine Ankunft an. Der Oberst ging ins Nebenzimmer, um ihn zu empfangen; aber Lodoiska stieß einen Schrei des Entsetzens aus, und floh eilig in das ihr angewiesene Zimmer.
Die tröstende Ueberredungskraft des würdigen Geistlichen, der Helenen neben der Aussicht auf ein künftiges, besseres Leben auch die Hoffnung zu ihrer Genesung zeigte, machte einen so guten Eindruck auf sie, daß sie sich ruhiger fühlte, als der Prediger sie verließ; er versprach ihr, am Abend und, wenn sie es wünsche, auch am folgenden Morgen wiederzukommen.
Nach seiner Entfernung kehrte der Oberst ins Zimmer seiner Frau zurück, wo auch bald darauf der Arzt erschien, welchen man in Prag angenommen hatte. Dieser fand sie nicht schwächer, als bei seinem letzten Besuche, und verschrieb ihr einen stärkenden Trank, wovon er sich die beste Wirkung versprach. Da der Oberst bemerkte, daß Lodoiska noch nicht wieder gegenwärtig war, begab er sich nach ihrem Zimmer, und klopfte leise an die Thür.
„Wer ist da? sagte Lodoiska; was soll ich?“
— Ich wollte Sie bitten, zu meiner Frau zurückzukehren. —
„Ist sie allein? Ist er nicht mehr da, der furchtbare Mann, dessen Anblick ich nicht mehr ertragen kann?“
Mit diesen Worten öffnete sie die Thür.
„Aber von wem sprechen Sie denn?“ fragte der Oberst.
— Von wem ich spreche? Von dem Geistlichen! Seitdem ich mein Vaterland verlassen habe, ist es mir unmöglich, in der Gegenwart von seines Gleichen auszuhalten; denn ich bin auf ewig von ihnen geschieden. —
Gerührt von dem Aberglauben dieser Unglücklichen, den er ihrem Versuche zuschrieb, sich das Leben zu nehmen, setzte der Oberst dieses Gespräch nicht fort, und sagte nur noch, daß kein Fremder im Zimmer sei.
„Dann will ich Ihnen folgen, fuhr Lodoiska fort; aber versprechen Sie mir, Alfred, wenn Sie nicht Zeuge des schrecklichsten Auftritts sein wollen, mich vor jedem Zusammentreffen mit einem Geistlichen zu bewahren. Ach, dieß ist wahrlich das Geringste, was Sie für mich thun können!“
Voller Mitleiden versprach der Oberst, was sie wünschte, und kehrte dann mit ihr zu Helenen zurück, die schon nach ihrem Anblick verlangte.
„Der Arzt, sagte sie, hat mir so eben neue Hoffnung zu meiner Genesung gemacht, und ich würde mich selbst über meinen Zustand täuschen, so lange es Tag ist; aber die schreckliche Nacht ist die gewisse Ursache meines Todes. (Lodoiska bebte unwillkührlich zusammen). Ich weiß am besten, daß es mit meinem Leben bald zu Ende sein wird; vorher aber habe ich noch einige Bitten, deren Erfüllung allein mich mit Ruhe sterben lassen kann.“
— Ach, theure Helene! rief der Oberst lebhaft, ohne sich durch Lodoiska’s Gegenwart stören zu lassen; gieb dich doch nicht so schwarzen Gedanken hin. Du wirst noch lange zum Glück deiner Familie leben, und deine Wünsche selbst erfüllen können. —
„Der eine meiner Wünsche, lieber Alfred, kann nicht durch mich selbst erfüllt werden, weil er mein Begräbniß betrifft. Ich will nach meinem Tode neben meinem Sohne, auf dem Kirchhofe zu R...., ruhen; jede andere Erde würde mir fremd sein, und nur dort soll man mich begraben.“
Seufzer und aufrichtige Thränen verhinderten den Obersten, zu antworten; aber er drückte die Hand seiner Frau in die seinigen, und gab ihr durch dieses stumme Zeugniß die Versicherung, daß er sich in ihren Willen füge. Sie bestand also nicht weiter darauf, und wandte sich nun an Lodoiska, die leichenblaß und mit stierem Blicke schweigend da saß.
— Was Sie betrifft, meine Freundin, fuhr die Oberstin fort, so bitte ich Sie, auf einige Zeit die Obhut über meine Tochter zu übernehmen. Sie haben sie bisher immer mit Zuneigung behandelt, und ich nehme daher die süße Ueberzeugung mit ins Grab, daß Sie ihr eine zweite Mutter sein werden, bis Ihre Angelegenheiten Sie aus dieser Gegend abrufen. —
Lodoiska stieß bei diesen Worten ein lautes, unbeschreibliches Angstgeschrei aus. Ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, sank sie in den Lehnstuhl zurück, auf welchem sie saß, und schien einem lebhaften Schmerze zu erliegen, ohne eine Antwort ertheilen zu können. Auch der Oberst erstarrte, als er hörte, daß seine Frau ihrer heimlichen Nebenbuhlerin empfahl, ihre Stelle zu vertreten; und er wagte es nicht, Lodoiska’n zu Hülfe zu eilen, aus Furcht, seine Gefühle zu verrathen.
Da die Fremde immer noch schwieg, so glaubte Helene, ihre Bitte wiederholen zu müssen. Jetzt stand Lodoiska schnell auf, richtete ihre dunkelflammenden Augen gen Himmel, und rief: „Du willst es, allmächtige Vorsehung! Wie könnte ich mich gegen deinen Willen sträuben! Ja, ich nehme es an, was du mir durch diese Unglückliche befiehlst; ja, ich will die Wärterin ihrer Tochter sein bis an ihren Tod!“
Der bittere Ton, mit welchem Lodoiska diese Worte aussprach, war für die arme Helene gleichsam ein Dolchstoß in’s Herz; doch wagte sie nicht, ihre Gefühle zu erkennen zu geben, und sagte nur: „Verlassen Sie wenigstens meine Tochter nicht eher, als bis Sie sie dem Gatten überliefern können, den ihr Vater für sie wählen wird.“
Ein verächtliches Lächeln war der Fremden ganze Antwort, und bald darauf entfernte sie sich aus dem Zimmer.
Fünf oder sechs Tage vergingen, während welcher Helene immer schwächer wurde. Vergebens verschwendete man an ihr alle Mittel der Arzneikunst: sie vermochten nichts gegen die fürchterliche, geheime Ursache, welche allmählich ihren Tod herbeiführte. Jede Nacht wachte der Oberst bei ihr in Gesellschaft einer an dergleichen Dienst gewöhnten Frau; aber durch ein seltsames Zusammentreffen verfielen Beide in jeder Nacht zu derselben Zeit in einen festen, todtenähnlichen Schlaf. Jeden Morgen beklagte sich Helene über ihre außerordentliche Erschöpfung, und im Geheimen bei ihrem Gatten über den unersättlichen Dämon, der ihr das Blut tropfenweis aussaugte. Alfred wußte am Ende hierauf nichts zu antworten, weil er glaubte, daß ihr Verstand immer mehr durch nächtliche Phantasien zerrüttet würde.
Während dieser ganzen Zeit gab Lodoiska ihrem ehemaligen Liebhaber weder durch ein Wort noch durch einen Blick ihre geheimen Empfindungen zu erkennen; sie betrug sich gegen ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte. Für Helenen zeigte sie jetzt während des Tages die größte Sorgfalt; aber mit Anbruch der Nacht begab sie sich in ihr Zimmer, das sie des Morgens erst spät wieder verließ.
Wildenau, der Freund der Familie, kam von Zeit zu Zeit nach Prag; er belästigte die spröde Lodoiska durchaus nicht mit seinen Seufzern, sondern schenkte seine ganze Aufmerksamkeit der Krankheit Helenens, deren Tod er bei seinem Besuche in der nächsten Nacht vorhersagte. Wirklich wurde auch sein Urtheil bestätigt; denn mit dem Anbruch des Tages war der letzte Hauch ihres Lebens aus ihrem Körper entflohen.
Wir versuchen es nicht, den Schmerz zu beschreiben, welchem der Oberst sich ergab; zu verschiedenen Malen mußte ihn Wildenau mit Gewalt von dem Leichname Helenens fortführen. Lodoiska ließ sich den ganzen Tag über nirgends blicken, so daß endlich der Arzt das Recht zu haben glaubte, sich gegen Abend nach ihrem Zimmer zu begeben, weil er fürchtete, daß auch sie der Hülfe bedürftig sein könnte. Nachdem er an die Thür geklopft hatte, erhielt er die Einladung einzutreten.
Lodoiska, den Kopf auf einen Tisch gestützt, saß in ihrem Lehnstuhle, ganz in ihren schwarzen Schleier verhüllt. Sie hörte den Worten Wildenau’s zu, ohne ihn anzusehen, und antwortete ihm mit schwachem, aber ruhigem Tone, daß sie keiner Hülfe bedürfe, daß sie aber nach dem Tode ihrer Freundin ihre Einsamkeit nicht verlassen wolle. Uebrigens würde sie ihr gegebenes Versprechen erfüllen, und sich daher morgen ganz allein nach dem Schlosse R.... begeben, wo sie die Ankunft des ihrer Obhut anvertrauten Kindes erwarte.
Wildenau, der auf eine ganz andere Antwort gefaßt war, indem er glaubte, daß Lodoiska doch wenigstens dem Leichenbegängniß der Oberstin beiwohnen werde, behielt seine Gedanken hierüber bei sich, und fragte nur, ob man ihr einen Wagen zur Reise bestellen solle?
„Ich danke Ihnen, erwiederte Lodoiska, immer noch ohne ihn anzusehen; ich selbst habe schon deßhalb die nöthigen Maßregeln getroffen. Ich werde ganz früh abreisen, weil es mir unmöglich ist, dem traurigen Leichenbegängniß beizuwohnen.“
Sie schwieg. Ihre fortwährende Unbeweglichkeit veranlaßte endlich den Arzt, sich voll Verwunderung über die Seltsamkeit dieser jungen Person zu entfernen. Er benachrichtigte den Obersten von ihrem Entschlusse, und dieser war insgeheim entzückt, daß Lodoiska ihn durch ihre Gegenwart nicht in der vollkommenen Erfüllung seiner Pflichten stören würde. Am folgenden Tage brachte man den Leichnam Helenens nach dem Schlosse R...., wo diese unglückliche Mutter neben dem Grabe ihres Sohnes ihre Ruhestätte fand.