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Der Vampyr, oder

Funfzehntes Kapitel.

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Die Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, war weit entfernt von dem Gedanken, die Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide fürchteten, daß sie ihrer Gesundheit Schaden zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu erwarten, begaben sie sich zu ihr.

„Mein Gott! sagte Helene eintretend, was beginnen Sie? So wenig beobachten Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er hatte Ihnen doch empfohlen, sich noch länger im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne seine Erlaubniß aufgestanden!“

— Ich hege die größte Meinung von den Kenntnissen des Herrn Wildenau, antwortete Lodoiska; aber ich glaube, daß die Arzneiwissenschaft gewisse Grenzen hat, über die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst vorgekommenen ähnlichen Fällen; aber bei mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen Daseins genieße: ich kann nicht völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis davon. Da ich mich nun stark genug fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften richten, die meine Genesung nur verzögern würden? —

Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, hatte sie schon die Erfahrung gemacht, daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen zu widersetzen. Sie begnügte sich daher, ihr zu antworten, daß sie besser als jeder Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, und daß sie dabei ohne Zweifel die Vorsicht nicht aus den Augen setzen würde. Der Oberst schwieg völlig. Erst heute sahe er eigentlich Lodoiska’n zum ersten Male wieder, und betrachtete mit stiller Rührung die Zerstörungen, welche Zeit, Unglücksfälle und Leiden in diesem schönen Körper angerichtet hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte Gesichtsfarbe, welche sonst ihre Reize so sehr erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben zu sein; aber dennoch mußte sie Aller Blicke auf sich ziehen, und den Männern Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre regelmäßigen Züge, ihr einnehmendes Wesen waren ihr noch geblieben.

Lodoiska behandelte den Obersten mit jener kalten Höflichkeit, die man gewöhnlich gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die Gefühle ihres Innern auf das Strengste zu verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte sich ihr Blick und machte dem Obersten die bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: Kehre zu mir zurück, und Alles ist verziehen. Alfred verstand diese Blicke nur allzugut, doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; er vergaß, daß man, um Gefahren dieser Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber ihnen die Spitze bieten muß. Zwei Herzen, die sich einst liebten, und die nach langer Trennung sich einander wieder finden, vereinigen sich fast immer.

Während sich unter diesen drei Personen eine Unterhaltung entspann, kam der Arzt von seinen Geschäften, die er in der Umgegend gehabt hatte, zurück. Schon bei seinem Eintritte in’s Schloß erfuhr er, wie wenig die Fremde seine Vorschriften befolgt habe; er nahm sich daher vor, ihr deßhalb Vorwürfe zu machen; allein sein ganzer Zorn verschwand, als er in’s Zimmer trat, und sie in einem Zustande sahe, der ihre völlige Wiederherstellung bewies.

„Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner Hülfe nicht mehr bedürfen, und Sie haben daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität zu entziehen; ich wünsche nur, daß sie es nie bereuen möchten.“

— Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete Lodoiska, habe ich viel zu verdanken; das Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie mir, daß ich mich jetzt vollkommen wohl befinde; aber je freier ich nun athme, desto mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen einen kleinen Beweis davon zu geben, was Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden. —

Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen prächtigen Brillantring von sehr bedeutendem Werthe, von dem Tische, und überreichte ihn dem Arzte, der vor Ueberraschung nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte er ein Geschenk von sich gewiesen, das er für zu kostbar für seine Bemühungen hielt; wie gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge Schönheit ihre Dankbarkeit auf eine andere Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er das ihm dargebotene Geschenk nicht ausschlagen konnte, und nach einigem schwachen Widerstande nahm er den Ring seufzend an, steckte ihn an seinen Finger, und gab dem Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß er gewünscht hätte, Lodoiska möchte ihm auf eine andere Art ihre Dankbarkeit zu erkennen gegeben haben.

Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was sich eigentlich in jener Schreckensnacht zugetragen hatte, deren Andenken nur mit ihr selbst in ihr untergehen konnte; aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit, daß sie noch nicht stark genug sei, diese Erzählung ruhig mit anzuhören. Daher stand sie von ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche zur Wiedergenesung der Fremden, und überließ es dem Obersten und dem Arzte, die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht von Lodoiska’n entgegen zu nehmen.

Diese erbebte unwillkührlich, als man sie über diesen Gegenstand befragte; man konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern sie es sehe, daß man sie daran erinnerte; daher schwieg sie auch einige Augenblicke, sei es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, ob man die Frage erneuern würde. Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und Lodoiska erzählte nun Folgendes:

„Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten Nachtwachen schon so sehr erschöpft, daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei dem unglücklichen Kinde zu wachen, das sie verloren hat.“

Bei diesen Worten stieß der Oberst einen tiefen Seufzer aus. Verwirrt hielt Lodoiska inne, und ein krampfhafter Schmerz verzog ihre Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, that dieß aber doch endlich folgendermaßen.

„Ich konnte es dieser großmüthigen Dame nicht abschlagen, und ungeachtet meines Widerwillens, wovon ich mir damals noch keine Rechenschaft geben konnte, der sich aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte ich ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm zuzubringen. Gegen Mitternacht überwältigte mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren nur selten meine Augen schließt, mit solcher Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken des Lehnstuhls, in welchem ich saß, und in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert. Was von diesem Zeitpunkte an geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich plötzlich durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. Kaum schlug ich die Augen auf, so erblickte ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete Männer, welche auf mich zukamen. Mein Schrecken war so groß, daß ich nicht im Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. Der eine von den Männern faßte mich beim Arme, ein anderer näherte sich dem Bette. In diesem Augenblicke wurde die Thür mit Ungestüm aufgerissen, und Werner erschien. Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, fühlte mich von einer Kugel getroffen, und stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ mich. Ohne Zweifel waren die Räuber durch’s Fenster eingestiegen; denn ich hörte nachher von meiner Wächterin, daß man eine Strickleiter am Fenster gefunden habe. Ich kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil ich nichts gesehen habe, als die Mörder und den Tod, den sie mir ohne Zweifel bestimmten. Auch weiß ich keine bestimmte Ursache für den Tod Ihres Kindes anzuführen. War dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, oder wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt worden? Ach, er kann es Ihnen nicht sagen, und kein Sterblicher wird je von den Geheimnissen des Todes unterrichtet werden.“ —

So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, und Niemand konnte die Wahrheit derselben bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein hatte die Begebenheit überlebt; diejenigen, welche die wahren Umstände derselben hätten bekannt machen können, waren auf ewig von dieser Erde verbannt, wo das Verbrechen und die Lüge nur allzuoft über Unschuld und Tugend den Sieg davon tragen. Eine so unvollständige Erzählung konnte übrigens nicht die geringste Aufklärung geben. Man hatte ungeachtet der eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von den Mördern finden können, und dennoch waren sie da gewesen. Lobenthal und Wildenau verloren sich in ihren Vermuthungen, während Lodoiska in ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit verharrte, und endlich den Wunsch äußerte, auf einige Zeit allein zu sein, um, wie sie sagte, sich von der Abspannung zu erholen, in welche ihre Erzählung ihre moralischen Kräfte gesetzt habe.

Dieser Wunsch war sowohl für den Obersten als für den Arzt ein Befehl. Sie entfernten sich augenblicklich, und begaben sich zu Helenen, der sie die eben angehörte Erzählung mittheilten, die aber davon wenig gerührt wurde, weil sie keinen Aufschluß über den geheimnißvollen und unerwarteten Tod ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige kümmerte sie wenig, und sie sah darin nichts weiter, als einen gewöhnlichen Angriff von Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen war, aber blutige Spuren hinterlassen hatte.

Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches Leben wieder an. Fast immer in ihrem Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur zur Zeit der Mahlzeit, und nur selten willigte sie darein, den Nachmittag mit der Familie zuzubringen. Ihre Unterhaltung war dann ernsthaft und schwermüthig; sie schien ihre Leidenschaft für den Obersten völlig vergessen zu haben, sowohl als die Worte, die sie bei ihrem ersten Wiedersehen ausgesprochen hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, einer Unterredung unter vier Augen auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu wünschen schien. —

Man befand sich jetzt mitten im Winter. Bald machte der Regen alle Wege ungangbar, bald verwandelte der eisige Hauch des Nordwindes die Erde in Stein, und machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei solchem Wetter befiel den Obersten seine alte Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit reicher Beute beladen nach Hause zurück. So war er auch eines Morgens in den Wald gegangen, wo ihm sogleich anfangs ein Reh in den Schuß kam; allein das arme Thier stürzte nicht sogleich todt zur Erde nieder, sondern lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell durch das dickste Gebüsch, von dem bellenden Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch Lobenthal folgte der blutigen Spur, bis er das Thier verendet fand, aber sich dabei so weit vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum mehr hoffen konnte, es zur Mittagszeit wieder zu erreichen.

Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt hatte, um sie desto besser fortzubringen, machte er sich auf den Rückweg, der ihn so ermüdete, daß er sich, nicht weit mehr vom Schlosse entfernt, auf einer in einen Felsen gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen beschloß. Tausend verschiedene Gedanken bestürmten seine Einbildungskraft, die ihn bald in seine Jugendjahre zurückführte; er glaubte, noch in den Gebirgen der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft eines Mädchens, das ihm damals ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel der Felsen erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein Gedicht ein, das er einst in jener glücklichen Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte nach einer in ihrem Vaterlande sehr beliebten Weise gesungen werden, und nachdem er die ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging er unvermerklich in jene Melodie über, bis er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit lauter Stimme sang.

Der Gesang war geendigt, und noch befand er sich in seinem träumerischen Zustande, als er daraus plötzlich durch das Herabfallen einiger Steine von der neben ihm befindlichen Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber wie erstaunte er, als er Lodoiska, die ihn so eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der Höhe herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht anders ausweichen, als wenn er gerade querfeldein lief, was nach den Regeln des Anstandes durchaus nicht thunlich war; aber er gerieth in die größte Unruhe über die Unterredung, die nun ohne Zweifel Statt haben mußte. In seiner Ueberraschung sprang er von seinem Sitze auf, während die junge Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, wie die seinigen, bestürmt, stehen blieb, und sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.

So standen beide einige Zeit lang einander gegenüber, ungewiß, was sie thun sollten; endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg fort, und befand sich nach einigen Augenblicken dicht bei dem Obersten.

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