Zwölftes Kapitel. Mtesa, ein Heide durch und durch.
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Die Afrikaforscher, welche durch ihre günstigen Berichte über den »humanen König« von Uganda die Missionare in die Höhle dieses Löwen lockten, lernten während ihres kurzen Aufenthaltes nur die Außenseite kennen, die allerdings einen guten Eindruck machte. Die Waganda zeichneten sich durch einen gewissen Grad von Zivilisation von den übrigen Stämmen, die in trostlosem Zustande lebten, vorteilhaft aus. Ihr König regierte als absoluter Herrscher zeitweilig mit rechtlichem Sinn und in fortschrittlichem Geiste. Bei den Untertanen genoß er göttliches Ansehen. Sie brachten ihm das Beste ihres fruchtbaren Landes als Steuer dar. Die Araber waren schon seit Generationen am Hofe heimisch. Die Fremden wurden stets freundlich und großartig am Hofe empfangen, freilich nicht aus königlicher Tugend, sondern aus heidnischer Eitelkeit. Der Reisende Speke, welcher den Niansa entdeckte, lernte Mtesa noch als Heide kennen. Stanley fand ihn bei seinem ersten Besuch als Mohammedaner vor und brachte ihn soweit, daß er vor versammeltem Hofe eine Art öffentliches Bekenntnis zum Christentume ablegte. Ein religiöses Verlangen lag diesem Wechsel aber nie zugrunde, sondern die unersättliche Gier nach Ansehen, Ehre und Macht. In seiner Eitelkeit verstieg er sich soweit, daß er an Mackay das Ansinnen stellte, ihm die Tochter der Königin Viktoria von England zur Frau zu verschaffen. Diese »Heirat« leuchtete ihm um so mehr ein, nachdem man ihm klargemacht hatte, daß er, statt tausend Elefantenzähne zu zahlen, einen Brautschatz bekommen würde.
»Wenn man länger hier lebt,« berichtet Mackay, »dann verschwindet Glanz und Gastfreundschaft schnell. Man wird über die barbarischen Zustände am Hofe selbst mit Ekel erfüllt. Erhebt man erst die Stimme gegen die Treulosigkeit, Verlogenheit und Lasterhaftigkeit, gegen die Mordgier und Grausamkeit, dann wendet sich das Blatt, und der wahre Charakter des Volkes kommt zum Vorschein. Statt Gastfreundschaft findet man Haß, anstatt des täglichen Brotes kann man dem Hunger ausgesetzt werden. Man wird nicht mehr als willkommener Wohltäter des Volkes, als Lehrer der Wahrheit, als Führer zum Licht und Recht, sondern als lästiger Spion betrachtet, der neue Sitten einführen und das gute Alte stürzen will.«
»Mtesa ist ein Heide durch und durch. Er besitzt alle teuflischen Eigenschaften und ist unfähig, seine tierischen Leidenschaften zu zügeln. Alles dreht sich bei ihm ums liebe Ich.« Mehrjährige Erfahrung und Beobachtung lehrte Mackay und seine Mitarbeiter, daß alle scheinbaren großmütigen Handlungen des Königs darauf berechnet waren, Ruhm zu ernten. Eitelkeit war die Mutter seiner Tugenden. Nach seiner Ansicht ist Uganda und die ganze Welt nur seinetwegen da.
Im Jahre 1881 sandte er ein Heer nach Osten und eins nach Westen, nicht um Krieg zu führen, sondern um zu morden, zu rauben und zu plündern. Ein Jahr später gab er den Befehl, jeder Mann im Lande müsse am Handgelenk eine Perlenschnur tragen; wer dem Befehl nicht nachkomme, dem werde die Hand abgehackt werden. Jede Frau hingegen solle eine Perlenreihe um die Taille tragen, sonst werde an dieser Stelle der Körper durchschnitten werden.
Jedes Verbrechen und jede Scheußlichkeit war in dem Lande zu Hause. Täglich wurden aus schändlichem Mutwillen viele unschuldige Opfer umgebracht. Lange Zeit hindurch wußten die Missionare nichts davon. Man tat es aus Rücksicht auf sie nicht so öffentlich wie früher. Nach und nach erst durchschauten sie das grausige Treiben der zahlreichen königlichen Scharfrichter, welche abends auf den einsamen Wegen ihren Opfern auflauerten, sie knebelten und am anderen Tage ermordeten, nicht weil sie etwas verbrochen hatten (danach fragte man nicht), sondern weil der König geruhte zu wünschen, daß täglich ein Quantum Menschenblut zur Mehrung seiner Ehre und Macht fließe. Die Scharfrichter mußten zusehen, wie sie ihre Beute finden konnten. Und das niedere Volk, welches keine mächtigen Häuptlinge zu Beschützern hatte, mußte diese Opfer stellen.
»Es ist dunkel, 10 Uhr abends. Alles ist ruhig. Auch drüben auf der anderen Seite des kleinen Tales ist der letzte Trommelwirbel verklungen, weil dort der Scharfrichter seine Opfer für den Tag beisammen hat. Ihr Blut wird morgen fließen. Plötzlich ertönt ein gräßlicher Schrei vom Wege nach dem Missionsgehöft herüber, dann das Geschrei verworrener Stimmen, wiederum ein Schrei, der das Blut erstarren macht – und alles ist wieder still. ›Hihihi! – hast du's gehört?‹ grinste einer der jungen Burschen, die bei Mackay waren, ›sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten! Hihihi!‹ Und er lachte. Es war das teuflische Lachen der Waganda aus Freude an der Grausamkeit.« – Der arme Mensch war allein und spät auf dem Wege von den Aufpassern des Königs, welche abends für Ruhe und für Sicherheit zu sorgen haben, aufgefunden und sofort getötet worden, weil es dem blutgierigen Hofe also gefällt und die Aufpasser nur dann höher in der Gunst steigen, wenn sie durch solche Aufmerksamkeit ihre Tüchtigkeit erweisen. »Wer kann sie alle zählen, die am Morgen Gottes Sonne schauen und ehe der andere Morgen dämmert, gewaltsam in die Ewigkeit befördert sind!«
Daß »der humane König«, wie er oft genannt wurde, als er zum Islam übertrat, an einem Tage zweihundert Jünglinge lebendig verbrennen ließ, weil sie bei Annahme der neuen Religion etwas weiter gingen als er selbst und sich noch beschneiden ließen, haben wir früher schon angedeutet.
Mit den Einzelhinrichtungen begnügt sich die teuflische Mordgier jedoch nicht. Fast alljährlich fanden Massenabschlachtungen, sogenannte Kiwendo statt. Mtesas Vater pflegte solche öfters anzuordnen, und der Sohn durfte nicht hinter dem Beispiel seines Vaters zurückbleiben. Zu einem zünftigen Kiwendo gehörten zweitausend Opfer, die man vorher mit großer List einfing und dann an einem Tage abschlachtete. Solche Kiwendos fanden statt, während die Missionare am Hofe jahrelang und täglich lehrten.
Im Jahre 1880 ließ der König die Grabstätte seines Vaters neu aufbauen. Um dieselbe her sind hundert kleine Hütten errichtet worden. Sie dienen den vielen Zauberinnen als Wohnort, in die der Geist des verstorbenen Königs gefahren sein soll. Als der Umbau sich der Vollendung näherte, wurden die Scharfrichter angewiesen, ein Kiwendo vorzubereiten. Am Tage der Vollendung wurde dem abgeschiedenen Geiste des mordgierigen Suma zweitausend unschuldige Menschen als Sühnopfer dargebracht. Überwacht wurde der Hüttenbau sowohl wie die Massenhinrichtung von drei Häuptlingen, die bei den Missionaren lesen und Gottes Wort kennen gelernt hatten.
Ein Jahr später befahl Mtesa abermal ein großes Kiwendo. Ein Zauberer hatte es ihm im Interesse seiner königlichen Genesung angeraten. Die Häscher waren fleißig bei der Sache, und bald hatten sie ihre Zahl (zweitausend) beisammen. Fünf Personen ergriff man vor dem Tore des Missionshofes. Bei der Abschlachtung wurden einigen die Hälse abgeschnitten, andere aber zu Tode gefoltert. Man schnitt ihnen die Ohren ab, stach ihnen die Augen aus oder schnitt ihnen Stücke Fleisch aus Armen und Beinen und briet sie vor ihnen. Dann erst verbrannte man die Ärmsten bei lebendigem Leibe.
Um diesen Massenmord zu verhindern, schrieben Mackay und sein Mitarbeiter Pierson an den König einen Brief und erbaten dazu auch die Unterschrift der katholischen Missionare. Die Jesuiten aber weigerten sich, dieselbe zu geben. Obwohl sie auch täglich am Hofe waren, erhoben sie nicht ihre Stimme, um dem grauenvollen Treiben zu steuern. In dem Briefe erinnerte Mackay den König an das Gebot: »Du sollst nicht töten«, an die Entvölkerung des Landes, die durch diese Morde entstand, und an die Sage, Kintu, der Begründer des Landes, sei verschwunden, weil Uganda mit Blut überschwemmt gewesen sei. Die kühne Bitte der edeln Missionare fand kein Gehör. Sie hatten aber ihre Pflicht getan und überließen die Folgen dem allmächtigen Gott.
Mackays Geschicklichkeit und Dienstwilligkeit wirkten oft besänftigend auf den grausamen König und stimmten ihn freundlich gegen die Mission. Bei allen Schwankungen der Stimmungen im Gemüt dieses Tyrannen und am Hofe fügte es Gott doch so, daß die Missionare Schutz hatten, wenngleich ihr Leben auch einigemal in großer Gefahr stand. Solange Mtesa lebte, hatten sie gewisse Rechte und Lehrfreiheit trotz der vielen Verbote und Drohungen und trotz der Wühl- und Hetzarbeit der Mohammedaner. Gott lenkte auch diesem Könige das Herz, daß er wider Willen dem Evangelium zum Eingang in seinem Lande verhalf.
Ergreifend ist der Bericht, in welchem Mackay erzählt, wie er Mtesa zum letztenmal zur Rettung seiner Seele aufforderte. Sie hatten miteinander eine Unterredung über Tod und Ewigkeit. Mtesa antwortete auf das Zeugnis Mackays mit seinen gewöhnlichen Ausreden: »Liest der Araber sein Buch (Koran), so sagen die Weißen, das seien Lügen. Lesen die Weißen ihr Buch (Bibel), dann rufen die Araber: ›Das sind Lügen!‹ Was ist nun wahr?« Mackay stand nun auf und trat vor den König an der Matte, auf welcher der Katikiro saß. Dort kniete er nieder und sagte mit heiligem Ernste: »O Mtesa, mein Freund, gebrauche nicht immer diese Ausreden. Wenn du und ich am großen Tage des Gerichts vor Gott stehen werden, kannst du dann dem Allmächtigen sagen, du hättest nicht gewußt, was du glauben solltest, weil Masudi (ein Araber) dir das und Mackay dir etwas anderes sagte? Nein! Du hast das Neue Testament, lies es doch! Gott wird dich danach richten. Es hat noch niemand darin die Wahrheit gesucht, der sie nicht gefunden hätte.«
Mtesa blieb, was er war: ein Heide durch und durch. Charakteristisch ist eine Erklärung, die er Mackay einmal vor versammeltem Hofe gab: »Nehmen wir das Christentum an, so dürfen wir nur eine Frau haben. Werden wir Mohammedaner, so dürfen wir kein Fleisch essen.« Man muß es als eine besondere Fügung Gottes betrachten, daß Mackay dennoch der erklärte Liebling Mtesas blieb und mit der königlichen Gunst auch den königlichen Schutz genoß, solange Mtesa lebte. Die Hoffnung, den König für Jesum zu gewinnen, mußte der Pionier Ugandas endlich aufgeben. Er tat's mit schwerem Herzen, hatte aber die Genugtuung, daß sich die Pagen und Diener des Hofes immer empfänglicher für die Wahrheit zeigten.
Nach vierjähriger Wirksamkeit konnten im März 1882 die Erstlinge der Waganda getauft werden. Es waren fünf hoffnungsvolle Jünglinge. Der erste unter ihnen nannte sich in dankbarer Anerkennung dessen, was sein Lehrer ihm geworden, Sembera Mackay. Wir können es verstehen, daß Mackays Herz voll Freude und Dank war über diese Erstlingsfrucht und daß er auf sie mit derselben zärtlichen Liebe blickte wie eine Mutter auf ihr erstgeborenes Kind.
Im gleichen Jahre starb die Königinmutter. Sie war der biblischen Lehre stets abhold gewesen und verschied unter den Zaubersprüchen der Götzenpriester. Mtesa ließ sie mit großem Gepränge beisetzen. Auf seinen Wunsch hatte Mackay dazu drei ineinandergehende Särge, darunter einen aus Kupfer, angefertigt. Diese Arbeit nahm einen ganzen Monat in Anspruch. Während dieser Zeit war große Landestrauer vorgeschrieben; es durfte keine weitere Arbeit verrichtet, keine Reise unternommen, keine Last getragen werden. Nach der Beerdigung wurde Mackay reichlich beschenkt.
Im folgenden Jahre baute Mackay am Ufer des Niansa das Missionsboot »Eleonore«. Die Arbeit hielt ihn monatelang fern. In der Hauptstadt wurde unterdessen das Missionswerk unter der treuen Arbeit der Missionare O'Flaherty und R. Ashe im Segen fortgesetzt.
In der ersten Hälfte des Jahres 1884 war die Zahl der Bekehrten schon auf 68 gestiegen. Dann aber zog eine dunkle Wolke herauf und hing schwarz und schwer über dem hoffnungsvollen Erntefeld. Die oft erwähnte Krankheit des Königs verschlimmerte sich mehr und mehr. Man erwartete unter allgemeiner Spannung seine baldige Auflösung und damit das Signal zur Christenverfolgung in Uganda. Die junge Gemeinde stärkte sich in Gott und bereitete sich täglich im Glauben auf schwere Stürme vor.
Am 29. Oktober 1884 flog die Trauerkunde vom Königshügel durch die Stadt und die Dörfer des Landes, daß der König Mtesa verschieden sei. Unseren Helden Mackay erreichte die Botschaft am See, wo er das Missionsboot ausbesserte, um es zu einer eventuellen Flucht benutzen zu können. Nach Empfang der Todesnachricht sandte er vier seiner Leute zur Hauptstadt, um Erkundigungen einzuziehen. Sie wurden unterwegs schon überfallen und beraubt. Ihr Leben retteten sie durch die Flucht. Das waren böse Vorboten. Am nächsten Tage erschienen hundert Krieger und holten im Auftrage des Kanzlers (Katikiro) Mackay nach der Hauptstadt ab, um den Sarg für Mtesa zu machen. Er unterzog sich gern diesem Auftrage und hoffte sich damit die Gunst der maßgebenden Häuptlinge und des noch unbekannten Thronfolgers zu erwerben.