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Der Held von Uganda

Drittes Kapitel. Als Ingenieur in Berlin.

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Im November 1873 reiste Mackay nach Deutschland, um hier praktisch tätig zu sein und die deutsche Sprache zu lernen. In Berlin-Moabit fand er bald eine gute Anstellung in einer Maschinenfabrik, die später einging. Die Arbeit machte ihm Vergnügen, aber der Umgang mit den ungläubigen Kollegen bereitete ihm manche bittere Stunde. Daß auch dies eine Vorbereitung für ihn war, erkannte er später mit Dank. Der klugen Schwester, die später seine Biographie schrieb, schüttete er brieflich das Herz aus: »Ich lebe hier unter den reinen Heiden. Fast alle sind Gottesleugner und geben das Dasein Gottes nur durch den ständigen Ausruf: ›Ach Gott!‹ zu. Da es ihnen nicht gelungen ist, mir die Torheit meines Glaubens zu beweisen, fangen sie an, sich in den entsetzlichsten Gotteslästerungen zu gefallen, um ihren Spott über Religion wirksamer an den Mann zu bringen. Man schaudert, wenn man sie hört. Das zwingt mich, so wenig als möglich mit ihnen zu reden. Ich kann also nicht soviel Deutsch sprechen, wie ich möchte.«

In seiner Berufsarbeit hatte er großen Segen. Er wurde befördert und als erster Werkführer aus dem Zeichensaal in die Abteilung für Lokomotiven berufen, wo er unter den Arbeitern einen willkommenen Wirkungskreis fand. Der Geist suchender Liebe ließ den Vorgesetzten vor allem an das Seelenheil seiner Untergebenen denken. In seinem Tagebuch seufzt er in dieser Zeit aber oft über innere Dürre und Kraftlosigkeit. Er geht ins Selbstgericht und fragt sich: »Bin ich ein Licht? Ich liege im Sündenschlaf und bin ein untreuer Haushalter. O Herr, vergib mir! O, daß ich die rechten Worte fände, ein Zeugnis abzulegen vom Herrn!« In einem Briefe wiederum: »Eins ist mir vor allem klar geworden: mein Christentum muß lebendig werden.«

An der Förderung seines inneren Lebens haben neben den Stürmen im Zeichenbureau noch andere Dinge mitgewirkt und schließlich dazu beigetragen, daß er sich der Mission widmete. Wie Israel in der Wüste ein Elim mit Wasser und Palmen, so fand Mackay im Babel an der Spree eine Oase im Hause des gottseligen Hofpredigers Dr. Baur. Die Predigerfamilie gewann ihn lieb, nahm ihn auf in ihr Haus und hielt ihn wie einen Sohn. Hier pflegte sich allwöchentlich ein Kreis ernster Christen und warmer Missionsfreunde zu einer Bibelbetrachtung zu versammeln, darunter eine Schwester Bismarcks, die Frau von Arnim, Gräfin Hake und Graf und Gräfin Egloffstein. Die letztere interessierte sich sehr für den jungen, frommen Ingenieur und blieb mit ihm später während seiner Kämpfe in Afrika auch in regelmäßigem Briefwechsel. Als er dort gefallen war, schrieb sie an seine Schwester in England: »Bei der unerwarteten, traurigen Nachricht von dem Tode Ihres hochherzigen Bruders rufe ich mir die Zeit ins Gedächtnis, in welcher wir seine Bekanntschaft machten bei Hofprediger Baur, wo wir mit lieben Freunden zusammen die Bibel lasen. Da lernten wir Ihres Bruders Bibelkenntnis wie das warme Interesse schätzen, mit dem er nach der Weisheit trachtete, die Gott denen gibt, die Ihn fürchten und lieben. Er war ein echter Christ und erinnerte uns oft an Miß Havergals Worte:

»Nimm mein Leben, es sei Dein; Laß es Dir geheiligt sein!«

Als er uns sagte, daß es sein Wunsch sei, seinen Beruf mit dem eines Missionars zu verbinden und seinem Heiland in dem dunkeln Weltteil zu dienen, waren wir nicht überrascht. Es schien uns so natürlich, daß dieser junge, ernste, charakterfeste Schotte in dem Weinberg des Herrn zu arbeiten begehrte. Ihm war das Leben eine Gabe, die er Jesu darbrachte.« Hofprediger Dr. Baur äußert sich ähnlich in der Vorrede zur Biographie, die später die Schwester schrieb, wenn er sagt: »Einem solchen Glauben an Gottes Gnade in Christo, einer solchen Dankbarkeit für die empfangene Gnade, einem solchen Erbarmen mit der seufzenden Kreatur, einer solchen Sehnsucht nach dem Kommen des Gottesreiches, wie Mackay sie hatte, lag die Mission unter den Heiden sehr nahe.«

Auch die äußeren Anstrengungen zur Mission fehlten in dieser Zeit nicht. Dr. Baur war gerade daran, aus der umfangreichen Lebensbeschreibung des Märtyrerbischofs von Melanesien, John Coleridge Patteson, für deutsche Leser ein knapperes Lebensbild zu gestalten. Die Arbeit wurde oft besprochen, und die Unterredungen sind in Mackays Seele mehr als man ahnte, das Samenkorn geworden, aus dem sein Missionsberuf erwuchs. Der Aufenthalt bei Baurs war also ein sehr wichtiger Ring in der Kette der Ereignisse, durch die der Held von Uganda seinem Felde zugeführt wurde. Ein Brief der Schwester aus Edinburg trug endlich dazu bei, daß ihr Bruder sich sofort als Missionar meldete. Sie berichtet ihm darin von einer interessanten Missionsversammlung in der Heimat, in der die jungen Ärzte dringend gebeten wurden, sich der Mission zu widmen. Mackay antwortet: »Ich bin freilich kein Arzt...., aber ich bin ein Ingenieur und erbiete mich, wenn es Gott gefällt, als Ingenieur-Missionar unter die Heiden zu gehen. Verdrehtes Zeug! wirst Du wohl sagen. Aber unmittelbar nach Empfang Deines Briefes schrieb ich an Dr. Bonar, bot mich zu der Arbeit an und erbat seinen Rat. Er schrieb zurück, daß ihm die Ideenverbindung von Missionsarbeit und Maschinenwesen etwas schwierig erscheine, er wolle aber zusehen, ob sich eine Anstellung für mich finden lasse.« Mackay selbst war diese Ideenverbindung nicht so schwer. Er war überzeugt, daß die Mechanik und das edle Handwerk der Mission gute Dienste leisten können. Als Ingenieur könnte er öffentliche Arbeiten, z. B. Eisenbahnen, Bergbau usw. unternehmen, in der Hauptsache aber Schulen gründen und die jungen Eingeborenen ebensowohl in Religion als in Wissenschaften unterrichten. »Mein Wunsch ist der,« schreibt er, »die vorhandenen Missionare zu unterstützen, nicht einen zu ersetzen. Gern möchte ich den Weg bereiten, auf dem andere nachkommen und bleiben können.« Das Land, an das er jetzt dachte, war allerdings Madagaskar. Dort fand vor nicht langer Zeit eine Verfolgung statt, in der etwa zweitausend Christen ermordet wurden. Das schreckte ihn nicht ab. »Warum sollte ich nicht gehen? Viel bessere Männer wie ich sind schon in heidnische Länder gegangen. Das Beste, was ein Mensch tun kann, ist demütiges Empfangen der Gnade Christi und dann hingehen und es anderen austeilen.«

Selbstverständlich hatte Mackay sich in dieser ernsten Frage auch an seinen Vater gewandt, wie wir aus folgendem Briefe ersehen. »Ich danke Gott und danke Dir, lieber Vater, daß Du mir geantwortet hast. Stimmst Du meinem Vorhaben zu, bin ich auch des Beifalls meines Gottes gewiß. Deine ernste Mahnung, mir Weisheit vom Herrn zu erbitten, habe ich treulich befolgt. Äußere Umstände können oft unser Leben in andere Bahnen lenken. Wenn Gott mich aber ruft, muß ich dann nicht antworten: ›Hier bin ich, sende mich!‹? Ich habe die Hand an den Pflug gelegt und will nicht zurücksehen. Darin wirst Du mit mir einer Meinung sein, des bin ich gewiß. Hast Du mich doch stets gelehrt, die Hand Gottes ebenso sehr in den kleinen als in den großen Dingen des Lebens zu erkennen...... Daß ich hier in Berlin so hart gegen den Unglauben kämpfen muß, sehe ich als eine mir von Gott bestimmte Vorschule an für den guten Kampf, den ich später mit einem nicht minder stärkeren Feinde, dem Götzendienste, kämpfen will.«

Nachdem Mackay sich vor Gott klar geworden und die Zustimmung des Vaters eingeholt hatte, meldete er sich bei der Londoner Missionsgesellschaft für Madagaskar. Man antwortete ihm, die Insel sei jetzt für seine Dienste noch nicht reif, in absehbarer Zeit könne man sie aber beanspruchen. Diese Antwort hätte ihn entmutigen können, wäre er weniger echt in seiner Begeisterung und weniger fest in der Überzeugung gewesen. So aber legte er sich aufs geduldige Abwarten und machte sich unverzüglich an das Studium der Sprache jenes Landes. Daneben suchte er in Berlin schon ein Seelengewinner zu sein. Wie eifrig war er, andere mit in den Gottesdienst zu nehmen! »Was machen wir,« konnte er oft beim Frühstück in frommer Sorge fragen, »was machen wir, daß wir die Berliner in die Kirche bringen?« Hofprediger Baur gibt ihm das Zeugnis, daß er tat, was er konnte, wär's auch nur gewesen, daß er für je einen Sonntag einen Jüngling warb, ihn in den Gottesdienst zu begleiten. Und wie ging ihm die geistliche Not der Großstadt nahe! An seinen Vater berichtet er u. a.: »Wollte Gott, ich wäre bereits auf dem Arbeitsfeld! Hier habe ich aber auch schon ein Arbeitsgebiet. Wenn es irgendwo Heiden gibt, dann ist es hier in der in alle Laster versunkenen Stadt. Trunksucht und Unzucht sind die Früchte, an der man sie erkennt. Mich jammert des Volks!« Und welche Entschiedenheit treffen wir jetzt bei ihm an: »Ich habe, Gott sei Dank, erkennen dürfen, daß das Christentum, wenn es überhaupt etwas wert ist, alles wert ist. Und wenn es einen bestimmten Grad von Eifer und Wärme verlangt, kann es nur der höchste Grad sein. Es gibt kein haltbares Mittelding zwischen dem Glauben, der voll Begeisterung ist, und dem Unglauben, der alles verwirft. Ich weiß auch, daß ich nur insoweit fähig bin, Seelen für das Lamm zu werben, als ich selbst geistliches Leben habe durch Lebens- und Liebesgemeinschaft mit dem auferstandenen Christus.«

Die Moabiter Firma, bei der Mackay beschäftigt war, löste sich 1875 auf. Der erste Direktor, ein reicher Jude, welcher die hohe Begabung und unbedingte Zuverlässigkeit Mackays wohl erkannt hatte, machte ihm den Vorschlag, mit nach Rußland zu kommen und in Moskau sein Teilhaber an einer Maschinenfabrik zu werden. Das Angebot war verlockend und versprach eine glänzende Zukunft im weltlichen Sinne. Mackay aber überwand die starke Versuchung, die für ihn darin lag, lehnte den Vorschlag ab und nahm in der Provinzstadt Kottbus eine ähnliche Stellung an, wie er bisher inne hatte. Hier wollte er warten, bis der Herr ihn in Seinen Weinberg rufen würde.

In seiner freien Zeit suchte er auch in Kottbus Gott zu dienen und beteiligte sich an Arbeiten der inneren Mission. Daneben übersetzte er eine Schrift seines verehrten Freundes, des schottischen Dichters und Predigers H. Bonar. Das besonders für Diener am Wort geschriebene Büchlein ließ Mackay auch auf seine Kosten drucken und versandte es an die Geistlichen in Deutschland. Inzwischen war in dem Londoner Tagesblatte der bekannte Brief Stanleys und bald danach der Aufruf der Kirchlichen Missionsgesellschaft erschienen. Mackay meldete sich sofort als Missionar bei dem Komitee in London und wurde angenommen. Mit derselben Post, mit der das Antwortschreiben kam, erhielt er auch einen Brief von dem schottischen Missionsmanne Dr. Duff, der ihn im Einverständnis mit seinem Vater dringend bat, seine Dienste in die Mission der heimatlichen Freikirche zu stellen. Für Alexander Mackay aber waren mit der sofortigen Annahme seiner Meldung in London bereits die Würfel gefallen. Es war ihm innerlich gewiß, daß der Herr ihn diesen Weg nach Uganda führen wollte, und er bereitete sich zur Rückreise nach England vor. Ehe wir ihm bei seiner Ausreise das Geleit geben, wollen wir aber das Land und die Leute, denen zu dienen Mackay sich geweiht hatte, etwas näher kennen lernen.

Illustration from Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Dorfbild in Uganda.

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