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Der Held von Uganda

Fünftes Kapitel. Auf dem Marsche.

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Wir haben Mackay verlassen, als er sich in Kottbus zur Rückreise nach England rüstete. Daß er sobald von der Missionsgesellschaft angenommen wurde, verdankte er u. a. auch der guten Empfehlung, die ihm sein väterlicher Freund in Berlin, der Hofprediger Baur, gab: »Ein Kind frommer Eltern, unermüdlich im Studium der Heiligen Schrift und von einem glühenden Verlangen beseelt, das Evangelium, dessen Kraft er an sich erfahren hat, auch anderen mitzuteilen, erscheint er mir als hervorragend geeignet für das Missionsfeld. Er ist selbstverleugnend im Lebensgenuß, bereit, anderen zu helfen, und ich kann mir gut vorstellen, daß er vermöge seiner selbstlosen Hingabe im Verein mit seinem klaren Verstand und entschiedenen Willen auch in schwierigen Lagen seinen Weg finden und nicht nur durch die Predigt des Wortes, sondern auch durch seine ganze Lebenshaltung einen wohltätigen Einfluß auf seine Umgebung ausüben wird.«

Im März 1876 ist er schon in London und rüstet sich zur Ausreise. Nach seinen persönlichen Angaben und unter seiner Aufsicht wird rasch ein zerlegbares Boot und ein zerlegbarer Dampfkessel zur Mitnahme gebaut. Dann galt es sich noch zu üben in allerlei Künsten, die auf dem Felde not sind, z. B. Impfen, Photographieren und Handhaben geographischer Instrumente. Dazu noch die tausenderlei Dinge, die eingekauft und mitgenommen sein wollten. Kaum nahm er sich Zeit, dem Vater und der Schwester Lebewohl zu sagen. Für weitere Verwandte oder Freunde war er in dieser Zeit überhaupt nicht zu haben.

Die Abordnung und Aussendung der ersten Ugandamissionare fand in London am 25. April 1876 in aller Stille statt. Es waren acht junge, blühende Menschenleben, die sich hier auf den Altar Gottes legten, ein Pfarrer, ein Architekt, ein Beamter, ein Handwerker, ein Arzt, ein Kaufmann, ein Ingenieur und als Leiter der Expedition der frühere Leutnant Smith, welcher in Afrika gedient, dort die Leute liebgewonnen und nun keinen größeren Wunsch hatte, als ihnen das Evangelium zu predigen. Der Sitte gemäß sagte jeder Missionar bei der Feier ein Abschiedswort. Mackay kam als jüngster – er war jetzt 26 Jahre alt – zuletzt an die Reihe. Er schlug einen ernsten Ton an, als er sagte: »Eins haben meine lieben Brüder noch nicht gesagt, das möchte ich noch erwähnen. Ich möchte das Komitee daran erinnern, daß es binnen eines halben Jahres wahrscheinlich hören wird, daß einer von uns – tot ist. Ja, ist es irgend wahrscheinlich, daß acht Engländer, die nach Zentralafrika gehen, nach sechs Monaten alle noch leben? Wenigstens einer von uns, vielleicht bin ich es, wird zuvor fallen. Aber was ich sagen möchte, ist dies: Wenn die Nachricht kommt, so werdet nicht mutlos, sondern sendet sogleich einen anderen für den erledigten Posten.«

Als später im Missionshause in London eine Todesnachricht nach der anderen aus Zentralafrika einlief, hat man sich dieser Abschiedsworte unseres Helden wohl erinnert. Nach Gottes unerforschlichem Ratschluß war er nach drei Jahren allein übriggeblieben von den Acht, die hoffnungsvoll hinauseilten, um die Hölle zu besiegen. Die anderen wurden zum Teil ermordet, zum Teil erlagen sie dem ungesunden Klima.

In Southampton, einer bedeutenden Hafenstadt an der Südküste Englands, verließ die mutige Streiterschar den heimatlichen Boden, begleitet von den heißen Gebetswünschen aller, die ein warmes Interesse für die Mission und ein Herz für Afrika hatten. Vor der Ausreise schrieb Mackay noch einmal seinem Vater. Der Brief spricht die Sprache des Mutes, der Zuversicht und des demütigen Glaubens: »Es ist ja Gottes Werk. Es muß gelingen, ob ich nun seine Vollendung erlebe oder nicht. Der Herr möge mir Gesundheit und Kraft verleihen und mich zu einer so herrlichen Arbeit wie die Ausbreitung Seines Reiches geschickt machen. Betet für mich, daß ich Gnade habe, dieses große Ziel allezeit vor Augen zu haben.«

Die Fahrt ging durchs Mittelländische und Rote Meer nach der Insel Sansibar. Seine Reiseeindrücke vertraute Mackay sorgfältig einem Tagebuche an, das er später bei dem ersten Unfall an der Ostküste Afrikas verlor. Es wurde aber am Strand aufgefunden und durch den Sultan von Sansibar wieder seinem Herrn zugestellt. Am ersten Sonntag auf dem Schiff empörte ihn das Verhalten einiger blasierter Männer, die den Gottesdienst im Salon nicht besuchten, sondern auf Deck blieben, um zu rauchen. Beim Anblick Spaniens bedauert er das arme Volk in dem herrlichen Land, dessen Lebensader durch die Regierung eines heruntergekommenen Fürstengeschlechts und durch Roms Einfluß ebensosehr unterbunden sei wie in Italien. Die Umrisse der Nordküste Afrikas lassen ihn daran gedenken, daß dieses Land Jahrhunderte hindurch ein dunkler Hort des Aberglaubens und menschlicher Grausamkeit ist; im Geiste aber sieht er über dem Lande Hams die Sonne der Gerechtigkeit mit Heil unter ihren Flügeln aufgehen. Gelobend ruft er aus: »Ich will mit der Hilfe und im Namen Gottes an den Ufern des Viktoria Niansa meine Druckerpresse aufstellen und nicht ruhen noch rasten, bis das Evangelium von Jesu in der Karagua- und Ugandasprache gedruckt ist und alle gelehrt werden können, die frohe Botschaft zu lesen und daran zu glauben!«

Die Insel Sansibar mit ihrer an der Westküste gelegenen gleichnamigen Hauptstadt ist der Ostküste Afrikas etwa vierzig Kilometer vorgelagert und bildet den Hauptstapelplatz und Verkehrsmittelpunkt für Ostafrika. Die Bevölkerung, welche etwa eine halbe Million zählt, stellt eine Mischung von Suaheli und Arabern dar. Der Religion nach gehören sie zum Islam. Der Sultan von Sansibar, damals noch unabhängiger Herrscher, stellte sich freundlich gegen die Expeditionen, die von Sansibar aus ins Innere gingen. Von hier aus brach Stanley mit zweihundert Trägern auf, als er Livingstone aufsuchte. 1873 schloß England mit dem Sultan einen Vertrag zur Unterdrückung des Sklavenhandels, der hier in besonderer Blüte stand. Dieses Abkommen wurde zuerst als ein großer Sieg gefeiert, erwies sich aber als toter Buchstabe. Der Strom des scheußlichen Menschenhandels wurde dadurch nicht verstopft, sondern nur in ein anderes Bett gelenkt.

Ende Mai 1876 landete Mackay mit seinen Genossen in Sansibar. Die eigentliche Reise sollte aber jetzt erst beginnen. Uganda liegt etwa tausend Kilometer von der Küste entfernt, etwa so weit wie Paris von Berlin oder Hamburg von Venedig. Fahrstraßen oder etwas Ähnliches gab es damals noch nicht. Die Reise war also ein umständliches Unternehmen. Der ganze Weg mußte zu Fuß zurückgelegt und sämtliches Gepäck auf den Köpfen oder Schultern eingeborener Träger befördert werden. Dazu mußte es in Lasten von sechzig bis siebzig Pfund verpackt, wasserdicht verschlossen und so fest vernäht und verschnürt sein, daß es allen Unbilden des Transportes und der Witterung ein Jahr lang und noch länger trotzen konnte. Wie viele Lasten aber waren da zu schnüren! Die Missionare mußten ja alles mit sich führen, was sie an Hilfsmitteln der Kultur auf der Reise gebrauchten oder nach Uganda verpflanzen wollten. Da waren Bücher, Kleider, Betten, Stühle, Zelte, Kochgeschirre, Konservenbüchsen, Eßgeschirre, Gewehre und Munition, Werkzeuge aller Gattung vom Schmiedeamboß und Blasebalg bis zum kleinsten Nagel, Pflüge, Gartengeräte, Sämereien, allerlei wissenschaftliche Instrumente, eine kleine Druckmaschine, ein ganzes Dampfboot mit Dampfkessel und allem Zubehör. Und dann das Reisegeld! Was wir in einer Brieftasche in einigen Dutzenden von Hundertmarkscheinen bequem mitnehmen, müssen dort sechzig bis siebzig Träger in Lasten a siebzig Pfund fortschaffen. Das ist das schwerfällige Tauschgeld, welches in Tauschwaren von Zeug, Kaliko, Glasperlen, Messingdraht und Kaurimuscheln besteht. Damit werden auch die Träger bezahlt. Eine ganze Zahl von ihnen war also schon nötig, um den Lohn derselben fortzuschaffen.

Nun werden wir uns nicht wundern, daß zu dieser Ugandamissionskarawane vierhundert Träger erforderlich waren. Die alle in Zucht und Ordnung zu halten und immer genügend Lebensmittel für sie zu besorgen, das war keine geringe Aufgabe für unsere Missionare. Dazu noch allerlei andere Schwierigkeiten, z. B. das böse Klima, die wilden Tiere im Urwald und vor allem die wilden Volksstämme, durch deren Gebiete der Weg führte. Wahrlich, eine solche Reise ist an sich schon eine Heldentat. Wir bewundern darum den tapferen Mut, das feste Gottvertrauen und die freudige Liebe zum Missionsdienste, welche diese und andere Männer vor Not und Gefahr nicht zurückschrecken ließen, um Seelen für Christum zu gewinnen.

Der Expedition, die Leutnant Smith leitete, war angeraten, auf einem der beiden Küstenflüsse den Wasserweg soweit als möglich zu benutzen. Zu diesem Zweck unternahmen Smith und Mackay eine achttägige Probefahrt auf dem Wami, der Sansibar gegenüber mündet. Die Fahrt war beschwerlich und gefährlich. Je weiter sie kamen, desto seichter wurde das Wasser. Die Uferbewohner zeigten sich feindlich, und später erfuhr Mackay, daß sie zu den Menschenfressern gehören. Ihr Nachtlager suchten sich die Missionare im Dickicht des Ufers, und Gott schützte sie vor Überfall. Als Leutnant Smith dann einen heftigen Fieberanfall bekam und still im Boot liegen mußte, wandte Mackay um und fuhr stromabwärts. In der Mündung geriet das Boot unter Wasser. Nur mit Mühe retteten sie sich und ihre Habe. Mackay brachte den kranken Freund beim Häuptling zu Sadani unter, mietete ein arabisches Boot und ruderte hinüber nach Sansibar, wo er nach sechs Stunden ankam. Glücklicherweise war inzwischen das Missionsschiff »Lassin« angekommen. Mit diesem fuhr Mackay wieder nach Sadani, um das Boot zu bergen und den Leutnant Smith zu holen.

Als sie sich der Küste näherten, war es schon dunkel geworden. Das Schiff setzte ein Boot aus, mit dem Mackay und Robertson an Land ruderten. Sie befanden sich auf einer schlammigen Uferpartie. Nach einigen Untersuchungen wollten sie in ihr Boot, fanden es aber im Dunkel nicht mehr, denn die eingetretene Ebbe hatte es zurückgezogen. Durch den Uferschlamm wateten sie nun nach dem festen Lande, wo sie neben einem großen Holzfeuer einen schlafenden Knaben entdeckten und weckten. Er war hier den ganzen Tag mit Holzsammeln beschäftigt gewesen und hatte sich das Feuer zum Schutz gegen wilde Tiere angelegt. Die Engländer erfuhren von ihm, daß sie sich etwa zwölf Kilometer südlich von Sadani befanden. Sie kampierten die Nacht über mit dem schwarzen Jungen am Feuer und trockneten ihre Kleider. Am Morgen gewahrten sie das vermißte Boot, und auch das Schiff kam wieder in Sicht. Es hatte sich die Nacht über in der Nähe gehalten und auf die beiden mit ihrem Boot gewartet. Nachdem sie an Bord gegangen, holten sie in Sadani den Kranken ab, bargen das unter Wasser liegende Boot und fuhren nach Sansibar zurück.

Der Gedanke an den Wasserweg, den Stanley empfohlen, wurde aufgegeben und die gewöhnliche Karawanenstraße durch das heutige Deutsch-Ostafrika gewählt. Vor Aufbruch erfüllten sie eine traurige Pflicht und bestatteten den ersten Gefallenen. Der Kaufmann Robertson, welcher sein Geschäft verkauft und Weib und Kind daheim gelassen hatte, um auf seine eigenen Kosten Missionar zu werden, war der Ruhr erlegen, ehe er das afrikanische Festland betrat.

In vier Kolonnen brachen die Missionare auf. Mackay führte die dritte, welche mit zweihundert Trägern am 26. August den Küstenort Bagamoyo verließ. Auf dem Marsche durch Ugogo erkrankte er und mußte nach der Küste zurück. Sein Edinburger Freund Dr. Smith hätte ihn gern begleitet, wenn es Mackay erlaubt hätte. Er verzichtete im Interesse der Expedition, die den Doktor auch nötig hatte, auf die Hilfe des Freundes und trennte sich von ihm in der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen. Die Hoffnung sollte sich auf Erden nicht erfüllen. Als die Karawane schon am Viktoria Niansa war, ergriff den gesunden Arzt das Fieber und raffte ihn bald dahin – ein unersetzlicher Verlust für die Missionskarawane, die jetzt nur noch aus drei Missionaren bestand, denn außer Mackay mußten noch zwei andere krank zurückreisen, ehe sie den See erreichten.

Von den übrigen blieb O'Neill in Kagai am See, um das mitgebrachte Boot »Daisy« instand zu setzen, und die anderen beiden, Leutnant Smith und Pastor Wilson, fuhren in einem Kanu über den See und erreichten glücklich Uganda, nachdem sie ein Jahr, drei Monate und neunzehn Tage auf der Reise waren. Der König Mtesa empfing sie freundlich und gewährte ihnen sofort Lehrfreiheit. Dann kehrte Smith nach dem See zu O'Neill zurück und wurde mit diesem vom Häuptling Lukonge erschlagen. Von den acht Missionaren, die Ende Mai 1876 Sansibar erreichten, waren nun noch zwei in Afrika: Pastor Wilson allein am Ziel in Uganda und Alexander Mackay an der Küste.

Illustration from Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Transport des Gepäcks. (Text siehe Seite 35.)

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