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Der Held von Uganda

Sechstes Kapitel. Durchs heutige Deutsch-Ostafrika.

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Mackay hatte die Gesundheit wiedererlangt, ehe er die Küste erreichte, erhielt aber die Weisung, vor Verlauf der Regenzeit nicht wieder aufzubrechen und bis dahin soweit als möglich eine Fahrstraße für Ochsenwagen ins Innere zu bauen. Vorher rüstete er noch zwei Unterstützungskolonnen aus und sandte sie den vorausgezogenen Brüdern nach. Eine davon fiel unterwegs den Ruga-Ruga (Freibeutern) in die Hände, welche den Führer, einen Engländer, ermordeten und die Karawane ihrer wertvollen Habe beraubten.

Bald kam Mackay mit dem schändlichen Gewerbe des Sklavenhandels in unangenehme Berührung. Durch Sadani, wo er sich aufhielt, zogen trotz des Verbots immer wieder Sklavenzüge. Einmal gelang es ihm, den Händler in die Flucht zu jagen und die Sklaven, unter denen viele Weiber und Kinder waren, zu befreien. Bei einem anderen Befreiungsversuch setzten sich die arabischen Händler zur Wehr und erschossen einen seiner eingeborenen Leute. Er mußte nun, so leid es ihm auch tat, die Menschenhändler ruhig ihre teuflischen Pfade ziehen lassen, merkte er doch auch, daß der Herr Häuptling und seine Leute heimlich den Handel begünstigten. Und das alles trotz des Vertrags, den der Sultan von Sansibar mit England geschlossen hatte!

Den vom Komitee in London gewünschten, aber unzeitgemäßen Wegebau führte er mit vierzig Arbeitern, die zu allem erst mühsam angelernt werden mußten, in hundert Tagen unter vielen Schwierigkeiten aus. »Man stelle sich einen Wald voll hoher, schlanker Bäume vor, die durch ein dichtes Gewebe dorniger Schlingpflanzen verbunden sind und unten solch undurchdringliches Gestrüpp haben, daß kaum eine Katze durchkriechen kann; alles verzweigt, zugewachsen und verworren.« Durch dieses Gestrüpp mußte er sich einen Weg bahnen, überall breit genug, daß die größten Ochsenwagen sich ausweichen konnten. Die Vorüberziehenden sperrten Mund und Augen weit auf ob der »njia kubwa«, der großen Straße des weißen Mannes, und erzählten überall mit negerhafter Übertreibung von dem geschauten Wunder. Der Häuptling eines Dorfes, in dessen Nähe Mackay eine Brücke schlug, erklärte ihm mit soviel Würde, als sein schmutziges Gesicht nur zuließ, er wolle hundert Dollar dafür haben, daß ihm seine Bäume niedergeschlagen würden. Mackay setzte ihm darauf auseinander, daß der Herr Häuptling hundert Dollar für die Brücke zahlen solle, die er später doch als sein Eigentum betrachten und von der er sicher ein hohes Brückengeld von den Karawanen erheben würde.

Mit den Häuptlingen im Umkreise schloß er Freundschaft, und alle erkannten ihn als »Bruder« an. Das will in Afrika viel besagen und ist von großem Nutzen für die Sicherheit des Lebens und des Eigentums. Stanley war der »Bruder« von Mtesa und Miramba. Das brachte ihm viel Vorteil im ganzen Land.

Besondere Schwierigkeiten machten Mackay die Ochsenwagen. Vor einen Karren mußten 26 Ochsen gespannt werden, um ihn durch alle die Löcher fortzubringen. Die Leute verstanden nichts vom Fahren und die Ochsen erst recht nicht. Bald waren Bäume angefahren, bald lag die Karre in einem Loche. »Es ist zum Verzweifeln,« schreibt er, »wenn man einen Fluß überschreiten will und ein Ochs legt sich, ein anderer reißt sich los und läuft davon, andere kehren statt des Schwanzes die Hörner nach dem Wagen –.« Tagebuch und Briefe schrieb er abends auf dem Boden beim Schein eines trüben Schiffslaternchens, gequält von den Moskitos und umheult von Raubtieren, die es auf Ochsenbraten abgesehen hatten. Neben der Feder mußte er immer das Repetiergewehr für diesen ungebetenen Besuch bereitliegen haben.

Der Straßenbau war 230 englische Meilen weit gediehen. Da hörte Mackay, daß Leutnant Smith und O'Neill ermordet seien und Mtesa beabsichtige, zur Züchtigung des Häuptlings Lukonge eine Flotte von tausend Kanus hinzusenden. Diese Rache konnte das Unglück nicht ungeschehen machen, aber der Mission viel schaden. So schnell als möglich eilte daher unser Held vorwärts an die Stätte des Unglücks, um alle, die dem Häuptlinge Rache geschworen, zu besänftigen und weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Der Eilmarsch dauerte ein ganzes Vierteljahr, von März bis Juni 1878. Es ging oft durch riesenhafte Landstriche, die von erbarmungslosen Sklavenhändlern verheert waren. Die Erlebnisse Mackays würden Bände füllen, hätte er Zeit und Lust gefunden, alles niederzuschreiben. Nur einiges konnte er aufzeichnen und nach Hause berichten. Ein großer Häuptling verweigert ihm aus Furcht für sein kostbares Leben das Nachtquartier, aber ein kleiner teilt mit ihm die schmutzige Hütte, die zugleich Kuh- und Schafstall ist. Da kommt ein Streifzug der Wahehe, führt einen Kriegstanz vor der Hütte auf und verlangt einen Ochsen, den sie sofort erhalten. An Mackays Warenbündel zeigen sie ein besonderes Interesse, sind aber schließlich mit einer Elle Zeug zufrieden. Dann kam der Abschiedsgruß. Mackay saß auf dem Boden, neben sich die doppelläufige Flinte, die er aber nicht anrühren durfte. Er regte kein Glied, als sie mit eingelegten Speeren auf ihn losstürzten und hinter den großen bemalten Schilden aus Fellen einen Halbkreis um ihn schlossen. Einen Augenblick verharrten sie in dieser Stellung, dann senkten sie die Schilde und verneigten sich höflich. Hätte Mackay nur einmal nach seinem Gewehr gegriffen, wäre aus diesem Waffenspiel ein grausiger Ernst geworden.

Ein strömender Regen ging in der Nacht nieder, drang durchs Dach und machte die Hütte voll flüssigen Dunges. Über die Verpflegung während dieses Marsches schreibt er: »Ich bekomme jetzt einen dicken Brei von mwere und manchmal von mtama, das etwas besser ist zu essen, da die Diebe an meinem kleinen Vorrat von Zwieback Gefallen fanden. Mwere schmeckt wie Sägemehl und Asche, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran und würde es schließlich ganz genießbar finden, wenn nicht unter dem Mehl soviel Sand wäre. Tag für Tag auf die Nahrung angewiesen, die hier zu kaufen ist, lernt man so recht beten: ›Unser täglich Brot gib uns heute!‹ Oft bekommt man außer dem Korn noch ein Huhn. Aber schlimm ist es doch, nach dem ermüdeten Tagesmarsche sich erst etwas zum Essen auftreiben und dann warten zu müssen, bis das Korn zerstoßen und gekocht ist. Holz zur Feurung ist auch nur mit Mühe zu bekommen, und Trinkwasser, wenn man es so nennen darf, muß ebenfalls weit hergeholt werden. Frühstück und Mittagessen fallen da meistens zusammen. Da diese Mahlzeit erst gegen Abend zu bekommen ist, dient sie zugleich als Abendbrot. Aber wie im Psalm 104 geschrieben steht: ›die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott‹, so wahr ist es, daß ich nie Mangel hatte und sicher nie haben werde.«

Endlich erblickte er »den silberschimmernden See« und rief mit Inbrunst wie einst die Griechen des Anabasis: »Das Meer, das Meer!« Am 13. Juni erreichte er das Dorf Kagai am Südufer des Niansa, aber noch ein halbes Jahr sollte vergehen, ehe er seinen Fuß auf das jenseitige Ufer des Riesensees setzen und in Uganda Einzug halten konnte.

In einer großen, von dem Häuptling des Orts entliehenen Hütte, befand sich alles, was von dem wertvollen Eigentum der ihm vorausgegangenen Expeditionen noch übrig war. Die fürchterlichste Unordnung herrschte hier. Bücher, Muscheln, Gießformen, Papier, Angeln, allerlei Handelsartikel, Drucklettern, Zeltstangen, Patronen, Karbol, Sägen, Samen, Koffer, Konserven, Pumpen, Pflüge, Maschinenteile – alles durcheinander. Verzweifelt starrte Mackay nach der anstrengenden Reise auf diese Bescherung. Das Boot »Daisy«, welches in einzelnen Teilen auf den Köpfen der Träger den Weg von der Küste zum See gemacht hatte und von O'Neill zusammengesetzt worden war, lag in traurigster Verfassung da. Die heißen Strahlen der Tropensonne, die weißen Ameisen und Zähne der Flußpferde hatten ihm arg zugesetzt. Mehrere Wochen hatte Mackay vollauf zu tun, um einigermaßen Ordnung in dies Durcheinander zu bringen und das Boot flott zu machen.

Mit den Eingeborenen lebte er bald auf freundschaftlichem Fuße. Ihre Sprache ist mit der suahelischen, die Mackay bereits erlernt hatte, ziemlich verwandt. Er konnte sich also mit ihnen unterhalten und, dem Drange seines Herzens folgend, etwas von Gott und dem Heiland erzählen. Kam der Sonntag und die Arbeit ruhte, so fragten alle: Warum? Dann zeigte er seine Bibel, setzte ihnen auseinander, daß dies Buch Gottes Wort sei und Gott den Ruhetag eingesetzt hat. Viele zeigten Lust, lesen zu lernen, um selbst hören zu können, was Gott in diesem Buche für sie geschrieben hat.

Die missionarische Tätigkeit machte Mackay besondere Freude, offenbarte ihm aber auch die große Schwierigkeit derselben und die Notwendigkeit langer, gründlicher Pionierarbeit unter dem tief umnachteten Volk.

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