Siebentes Kapitel. Blutsbrüderschaft mit dem Ukerewekönig Lukonge.
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Etwas nördlich von dem Karawanenort Kagai liegt die Insel Ukerewe. Ihr König ist der berüchtigte Lukonge, welcher vor drei Monaten die beiden Missionare erschlagen ließ. Zu einem Rachekrieg der arabischen Händler für den ermordeten Songoro war es dank ihrer Feigheit noch nicht gekommen. Als Mackay den Arabern sagte, er sei nicht als Rächer der Bluttat, sondern als ein Bote Christi gekommen, der nicht wie Mohammed die Schuld räche, sondern vergebe, waren sie aufs höchste überrascht.
Dem Häuptling (oder König) von Ukerewe sandte er Botschaft, daß er ihn sehen wolle, aber aus friedlicher Absicht. Die Bewohner von Kagai waren über Mackays Vorhaben sehr bestürzt und überzeugt, daß er nie wiederkehre. Er aber stärkte sich in seinem Gott wie David in Ziklag und bestand darauf, Lukonge zu besuchen, wenn derselbe es wünsche.
Nach einer Woche landete ein Kanu mit einer Gesandtschaft vom Ukerewefürsten, um Mackay zum Besuch ihres Gebieters abzuholen. Er hatte sich entschlossen, um jeden Verdacht auszuschalten, allein und ohne Waffen mitzufahren. Gleichwohl prüfte er die Gesinnung der Gesandtschaft, indem er verlangte, daß drei von ihnen als Geiseln in Kagai zurückblieben. Nach einigem Zögern willigten sie ein. Nun wußte Mackay, daß sie nichts Böses im Schilde führten und verzichtete zu aller Erstaunen auf die Geiseln. Mackay bestellte sein Haus für alle Fälle, steckte Chinin und Pulver gegen Fieber und Ruhr, sowie einige Mittel als Gegengift ein, da Lukonge als Giftmischer berüchtigt war, und trat nur in Begleitung eines Dolmetschers die Reise an.
In zwei Tagen kam das Boot ans Ziel. Nach einer kurzen Rast hatte er die erste Audienz. Lukonge saß in seiner Baraza, einer nach vorn offenen Hütte. Sein Thron bestand aus einem Holzschemel mit einem Bein. Um ihn her kauerten die Höflinge im Sand. Seine Majestät ging dem Missionar entgegen, gab ihm die Hand und setzte sich wieder mit großer Würde. Er trug mit sichtbarem Stolze ein Gewehrfutteral, das jedenfalls einem der ermordeten Missionare gehörte. Zur Feier des Ereignisses hatte er noch ein rotes Taschentuch als Kopfschmuck verwandt. An Armen und Beinen glänzten viele Ringe aus Eisen und Messing.
Die erste Audienz war der Sitte gemäß sehr kurz. Am folgenden Tage machte der König seinen Gegenbesuch in Begleitung seiner Häuptlinge. Dabei erzählte er Mackay die Geschichte von dem Unglück. Er habe nicht die weißen Männer töten, sondern nur den Araber Songoro, der ihm aus der Schuldhaft entlaufen sei, für seine Verräterei züchtigen wollen. Der Araber sei aber zu den Weißen gelaufen, die von ihm ein Boot gekauft hatten, und habe sie bewogen, ihn mit ihren Waffen zu schützen. O'Neill habe zehn seiner Leute erschossen und dreißig schwer verwundet. Als dem Araber und den Weißen die Munition ausging, hätten sie auf einem Kahn fliehen wollen; der Kahn sei aber verschwunden gewesen und ein weiterer Ausweg nicht vorhanden. Seine Leute wären sehr erbittert gewesen und hätten alle, den Araber mit zwanzig seiner Leute und leider auch die beiden Weißen, niedergemacht.
Mackay, der die Schwerverwundeten noch sah, erkannte, daß die Boten des Kreuzes durch die Rache eines Heiden für die Falschheit eines Muselmannes, der sich unter ihren Schutz stellte, das Leben verloren haben, weil sie leider ihre Waffen gebrauchten, um einen anderen zu verteidigen. Er ließ Lukonge wissen, daß er ihm glaube und das Vorgefallene bereue. Nun sei er aber gekommen, um Frieden zu machen. Er wisse noch nicht, was die mächtige Königin Viktoria, die mehr Soldaten habe, als Lukonge zählen könne, als Rache für ihre Söhne tun werde, er wolle aber bemüht sein, die Sache zu schlichten, wenn Lukonge bereit sei, Missionare auf seine Insel zu lassen, damit sie sein Volk lehren können.
Der schwarze König lachte über die Idee, als gäbe es einen mächtigeren Herrscher als ihn, und erwiderte, seine Leute hätten Furcht vor den Weißen. Nun lachte Mackay, daß die Leute des großen Königs von Ukerewe sich vor drei weißen Männern fürchten, wenn sie als Missionare kommen. Schließlich erhielt er die nachgesuchte Erlaubnis. Es sollten aber nicht so viele Lehrer kommen, fügte Lukonge noch hinzu.
Vor der Abreise trug Lukonge Mackay die Blutsbrüderschaft an, was dieser dankbar annahm. Unter feierlichem Zeremoniell wurde der Bund geschlossen. In einem Kreis von Zuschauern stand eine Ziege. Lukonge erfaßte ihre Vorderbeine und Mackay die Hinterbeine. Dann erklärte ein Dritter, daß dies das Siegel eines ewigen Bruderbundes sei, und schnitt mit scharfem Messer die Ziege in zwei Stücke. Hierauf erhoben alle Anwesenden unter Johlen ihre Hände gen Himmel, und die Sache war beendet. Als Gegengeschenk für die königliche Huld überreichte Mackay seinem nunmehrigen »Bruder« einen Schlafrock. Unter Freundschaftsbeteurungen aller Art wurde der Gast verabschiedet. Nach neuntägiger Abwesenheit landete er sicher und fröhlich wieder in Kagai.
Beim Landen wurde er vom wilden Freudengeheul der Eingeborenen begrüßt. Die Frauen tanzten wie toll auf dem Strande herum. Eine Tochter des Häuptlings Kaduma hatte sich dazu mit einer Last von Perlen behangen. Der alte Häuptling Kaduma aber zeichnete den Tag leider dadurch aus, daß er noch mehr Pombe (eine Art Bier) trank als sonst. Zu Mackays Leidwesen endete die Freudenfeier – echt europäisch – mit total betrunkenen Leuten. Auf seinem bisherigen Wege hatte er immer wieder Gelegenheit zu sehen, daß die Trunksucht der Fluch Afrikas ist. War genug Bier da, sah man nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder betrunken stehen und liegen. Mackay wurde dadurch ein Abstinent. Er äußerte, daß die Enthaltsamkeit das Geheimnis zur Erhaltung der Gesundheit in den Tropen sei und die erste Bedingung der Zivilisation in Afrika. »Die Westküste ist dem Rum zum Opfer gefallen; die Kaffern im Süden leiden ebenfalls daran; auf der Ostküste in Sansibar wird aus Zuckerrohr ein scheußlicher Trank gebraut, der überall an der Küste zum Ruin des Suahelistammes verzapft wird. Die Wanika bohren den Kokosnußbaum an und saugen mit Strohhalmen den Saft. Fast jedes Dorf gleicht morgens schon einem Saufgelage. Im Inneren wird das Getreide zu berauschendem Getränk verwandt. Am Niansa bereiten sie aus Pisang einen Wein, der König und Volk mit den Banden der Trunksucht umschlingt.«