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Der Held von Uganda

Fünfzehntes Kapitel. Zurückgeschlagen.

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Mackays Lage wurde immer unhaltbarer. Es war ihm nicht möglich, den unseligen politischen Verdacht, der sich auf ihn wälzte, gänzlich abzuschütteln. Einmal wallte sein Hochlandsblut über, als der König ihm vor versammeltem Hofe zurief: »Oli Mukasa, du bist ein Heuchler!«

»Ich bin kein Heuchler!« fuhr er zornig auf und erwartete dabei einen blutigen Ausgang. Die Sache nahm aber plötzlich eine komische Wendung, als Muanga unvermittelt seine Diener anschrie: »Gebt den Weißen ein paar Kühe, damit sie sich wieder beruhigen!«

Die wachsende Furcht der Machthaber Ugandas vor der Besitznahme ihres Landes durch die weißen »Länderfresser« war nicht unberechtigt. Denn heute hat die Selbstherrlichkeit der afrikanischen »Könige« längst aufgehört. Die Länder, von denen wir in diesem Buche hörten, sind seit zwanzig Jahren Kolonialbesitz von Deutschland und England. Man darf das nicht bedauern, denn die schwarzen Fürsten hatten das Maß ihrer Sünde voll gemacht und ihre Unfähigkeit, menschlich zu regieren, längst erwiesen. Mackay hat sich hierüber mit rücksichtsloser Offenheit ausgesprochen und deshalb manchen Tadel in Europa erfahren. »Wir fordern für uns und unsere schwarzen Brüder das Recht, Gott zu dienen, ohne dem Feuertode als Strafe dafür ausgesetzt zu sein. – Das Recht der Unglücklichen, die in Frieden leben wollen, steht höher als das Recht königlicher Räuber und Mörder. – Daraus, daß zu Neros Zeit keine christliche Macht da war, die dem Blutmenschen in den Arm fallen konnte, um dem Christentum Duldung zu verschaffen, folgt nicht, daß die kleinen Könige Afrikas in derselben Weise wirtschaften dürfen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. – Brutalität und Mord müssen in Gottes Weltall aufhören, denn die Welt ist Gottes und nicht des Teufels. – Afrika soll für die Afrikaner sein, aber Afrika wird niemals durch Afrikaner gerettet werden können. – Eine starke Hand muß gegen Tyrannei und Unterdrückung wirksam werden. Das Wort muß freie Bahn bekommen, daß es laufen und gepriesen werden kann.«

Unter der »starken Hand« verstand Mackay allerdings die sogenannten christlichen Staaten, besonders England. Er hielt die christlichen Völker für berufen, den menschenunwürdigen Zuständen in Afrika, dem Sklavenhandel und der Christenverfolgung, ein Ende zu machen und erhob freimütig seine Stimme, nicht zur gewaltsamen Ausbreitung des Christentums, wie man ihm vorgeworfen, sondern in erster Linie um Beistand und Schutz für die Verfolgten und Unterdrückten. Sein Herz brannte für sein geliebtes Afrika.

Muangas Argwohn gegen Mackay erhielt durch die fortwährenden Einflüsterungen der Araber und durch das Achselzucken eines befragten katholischen Missionars immer neue Nahrung. Als endlich noch die Meldung kam, daß der große Stanley mit einem zahlreichen Gefolge sich Uganda nähere, befürchtete der König seine Bestrafung für die Ermordung des Missionsbischofs und gab Befehl, Mackay solle sofort das Land verlassen. Der Häuptling Nautinde wurde beauftragt, den Ausgewiesenen zu begleiten und den Missionar Gordon, dessen Name dem Könige sehr gefiel, als Ersatz – eigentlich als Geisel – mitzubringen.

So war denn die gefürchtete Stunde des unfreiwilligen Scheidens von dem geliebten Uganda gekommen. Noch einmal versammelte Mackay die Gemeindeältesten um sich und legte ihnen die Sorge für die Herde Christi auf Herz und Gewissen. Noch einmal füllte sich das Haus mit seinen geistlichen Kindern, die mit Tränen von ihrem geliebten Vater Abschied nahmen. Dann verschloß er das Haus, übertrug die Bewachung desselben vier treuen Männern und zog schweren Herzens am 21. Juli 1887 von dannen. Am Hafen besserte er erst das Boot aus und segelte nach Ukumbi am Südende des Sees, wo er Gordon vorfand, der den lobenswerten Mut hatte, mit dem Häuptling zu gehen und den verlassenen Posten in Uganda einzunehmen.

Der vertriebene Held wollte seinem lieben Uganda so nahe als möglich bleiben und schlug deshalb sein Zelt nach verschiedenen Abenteuern in Usambiro im Gebiete eines befreundeten Häuptlings auf. An ein Ausruhen dachte er auch jetzt noch nicht, obwohl er hart mitgenommen war, sondern legte sofort eine neue Missionsstation an. Da galt es monatelang wieder Häuser zu bauen, Gestrüpp auszuroden, Ställe und Schuppen zu bauen, kurz gesagt: Pionierdienste zu tun. Daneben widmete er sich einer Schar von Christen, die aus Uganda zu ihm geflohen waren, und führte sie tiefer in die Schrift ein, um sie später als Evangelisten zurückzusenden.

Die Missionsgesellschaft, der Mackay angehörte, hatte nun mehrere Missionare und einen Bischof in den Uferländern des Niansa. Auch Ashe, unseres Helden treuester Freund, war wieder unter ihnen. Sie versammelten sich denn bei Mackay zu einer Konferenz. Die herrlichen Tage christlicher Gemeinschaft und brüderlicher Beratung wurden aber jäh unterbrochen durch den Tod des Bischofs Parker und des Missionars Blackburn, die ein Fieberanfall plötzlich aus ihrer Mitte riß. Es war nicht daran zu denken, Särge zu machen. Die Gefallenen wurden in Tuch gewickelt und von den weinenden Brüdern in die fremde Erde Afrikas gebettet. Traurig kehrten die Streiter auf ihre einsamen Posten zurück. Einer, Walker, ging nach Uganda zu Gordon, und Ashe blieb bei Mackay. Bald darauf mußte Ashe aber seiner Gesundheit wegen zum zweiten und, ach, zum letzten Male seinen unermüdlichen Kampfgenossen allein lassen und nach der Heimat zurückkehren.

Die Briefe Mackays, welche er in dieser Zeit an seine verheiratete Schwester schrieb, lassen uns einen Blick in seine Gemütsverfassung tun. »Am 21. Juli ist Dir nicht nur ein Sohn, sondern auch ein Bruder neu geschenkt worden. Denn ich durfte an diesem Tage Uganda verlassen, hoffe aber bald wieder dahin zurückzukehren. – Ich hoffe von Herzen, wenn Gott dazu die Kraft gibt, Euch alle zu besuchen, ehe ich wieder über den See nach Uganda gehe. – Seit ich Uganda verlassen habe, ist mir das Gefühl des Daheimseins abhanden gekommen. Doch muß ich wohl eine Weile hier aushalten. – Manchmal übermannen mich Traurigkeit und Schwermut, daß ich weinen muß wie ein Kind, aber die wunderbar tröstenden Psalmen Asaphs machen mein Herz immer wieder froh. – Die Eroberung Afrikas hat schon viele Opfer gekostet, doch jeder Tod bedeutet einen Schritt näher dem Himmel. Das Ziel, das wir im Auge haben, ist des Einsatzes wohl wert. – Sorge, daß Du jedes Jahr einen Mann findest, der sich unserem Werke weiht. Dann können wir Fortschritte machen.«

Es folgen nun ununterbrochen hochwichtige Ereignisse im Leben Mackays und in der Geschichte der ostafrikanischen Mission. Von dem Emin-Entsatzkomitee war für Stanley eine große Menge Waren bei Mackay angekommen. Das stachelte die Habgier der Nachbarhäuptlinge an. Sie erklärten dem Häuptling, in dessen Gebiet Mackay wohnte, den Krieg und versuchten das Missionshaus zu plündern. Drei Tage lang verteidigte Mackay seine kostbaren Besitztümer mit dem Häuptling, der zuletzt seine Feinde in die Flucht schlug. Bald darauf kamen die Missionare Gordon und Walker von Uganda an. Sie sahen ganz zerlumpt und angegriffen aus und erzählten, daß Muanga vom Thron gestoßen sei. Durch seine unsinnige Herrschaft hatte er sich immer mehr Gegner geschafft, selbst die Mohammedaner haßten ihn. Dann faßte er den wahnwitzigen Plan, alle Christen und Araber mit einem Schlage auszurotten. Dazu wollte er sich vorher seiner Leibwache, der er nicht traute, entledigen und schickte sie zu einem Kriegszuge nach einer Insel im See, von der alle wußten, daß sie unbewohnt war. Ihm blind ergebene Fischer sollten der Leibwache nach der Landung die Kähne wegnehmen, damit sie dem Hungertode preisgegeben wären. Der Plan wurde verraten, die Leibwache marschierte zurück und stürzte den König, der nach dem Süden des Sees floh. Sein Bruder Kiwiwa wurde König, aber nur für kurze Zeit. Denn die Mohammedaner kamen ans Ruder, stürzten die alte Ordnung und vertrieben alle Christen. Die beiden evangelischen Missionare flohen auf einem Kahn, erlitten noch Schiffbruch und kamen nach vielen Entbehrungen und Gefahren endlich bei Mackay an, um sich bei ihm auszuweinen und Rat und neuen Mut zu holen.

Nach ihnen konnte Mackay den auch von ihm vielbewunderten Afrikaforscher Stanley in seinem Hause begrüßen und zwanzig Tage beherbergen. Den Eindruck, welchen Stanley von unserem Helden und seinem Werk empfing, hat er im zweiten Bande seines Buches: »Im dunkelsten Afrika«, S. 386 ff. niedergelegt. Es ist ein glänzendes Zeugnis für den Heldencharakter Mackays. Stanley beschreibt das gesunde Aussehen Mackays, schildert seine Kleidung, seine Werkstätten, Werkzeuge und Haustiere. Dann läßt er uns in Mackays Zimmer eintreten, das aus Lehm erbaut und mit Missionsbildern geschmückt ist, zeigt uns die vollen Bücherregale und schildert das Behagen, mit dem er zum ersten Male seit dreißig Monaten wieder wirklichen Kaffee trank und sich hausbackenes Brot und Butter als Gast wohlschmecken ließ. Dann fährt er fort: »Ein bedeutender Schriftsteller hat kürzlich ein Buch geschrieben über einen Mann, der sich lange in Afrika aufgehalten hat. Das Buch ist von Anfang bis zu Ende ein langgezogener Seufzer. Der Verfasser sowohl wie sein Held wären von ihrem Seufzen geheilt worden, nachdem sie einen Blick in Mackays Leben geworfen hätten. Er hatte keine Zeit, unglücklich zu sein, zu jammern und zu seufzen. Gott weiß, daß, wenn irgend ein Mensch Anlaß hat, beim Gedanken an ›Gräber, Würmer und Vergessenheit‹ traurig zu sein und sich vereinsamt zu fühlen, so hatte Mackay alle Ursache dazu, als sein Bischof ermordet, seine Schüler verbrannt, die Christen erwürgt waren und nachdem man seine schwarzen Freunde erschlagen hatte und Muanga auch ihn mit dem Tode bedrohte. Aber der kleine Mann sah mit seinem ruhigen Auge allem gefaßt entgegen und zuckte mit keiner Wimper. Solch einen Mann zu sehen, der zwölf Jahre lang Tag für Tag unermüdlich gearbeitet hat und keine Klage, keinen Seufzer über ›öde Wildnis‹ laut werden läßt, und zu hören, wie er seiner kleinen Herde Gottes Güte am Morgen und Seine Treue am Abend ans Herz legt, verdient es, daß man seinetwegen eine lange Reise unternimmt und neuen Mut und Zufriedenheit aus seiner Nähe schöpft.«

Am herrlichen Ufer des schimmernden Niansa sagten sich die beiden großen Männer Stanley und Mackay Lebewohl und drückten sich zum letztenmal die Hand. Ein ergreifendes Bild! Jener kehrt zurück und eilt europäischen Rednertribünen und königlichen Empfängen zu, dieser wendet sich wiederum dem dunkelsten Afrika und einem Leben voll Selbstverleugnung zu. Während jener als Held des Tages in England begrüßt, gefeiert und bewirtet werden wird, trägt dieser still des heißen Tages Bürde auf einsamem Pfad unter einem wilden Volk! Aber »über ein kleines« und auch Mackays Stunde schlägt, und auch er hat seinen Willkomm und königlichen Empfang, freilich nicht an Höfen und in Palästen und vor Fürsten dieser armen Erde, sondern im Thronsaal des Königs aller Könige, um dort den unverwelklichen Lorbeerkranz und die Palme des Sieges zu empfangen.

Nur noch ein wenig Arbeit, Kampf und Last, Nur noch ein wenig Tränen, dann die Rast, Dann Sieg und Herrlichkeit beim lieben Herrn, O ew'ge Freude, du bist nicht mehr fern! Bald ist das Erdentagewerk getan. Welch sel'ge Scharen gingen schon voran! Am goldnen Tore harret Jesus dein, Wie köstlich wird der Tag der Heimkehr sein!

Illustration from Der Held von Uganda: Leben und Wirken des Pioniermissionars Alexander Mackay

Negerhütten in Afrika.

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