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Der Harz

XVI. Die Selkelandschaft.

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Abb. 101. Luthers Geburtshaus in Eisleben.

Die Selke entspringt auf der einförmigen Hochebene des Unterharzes in 500 Meter Meereshöhe nördlich von Friedrichshöhe, fließt als einfaches Rinnsal, immer von der Bahn begleitet, über Güntersberge (410 Meter) nach Lindenberg-Straßberg und schlägt hier nordöstliche Richtung auf Mägdesprung ein. Erst bei der Silberhütte erhält das bis dahin flache Thal durch die von Fichten und Kiefern umsäumten Wiesengründe einen gewissen Reiz. Von dem 325 Meter hoch in einem freundlichen Laubwaldkessel belegenen Alexisbad (Abb. 85) an erschließen sich aber dem Wanderer von Schritt zu Schritt wechselnde liebliche Bilder. Aus dem herrlichen, mit Eichen, Birken und andern Laubbäumen, auch mit Fichten, durchsprengten Buchenwalde, welcher die Gehänge des Thales schmückt, starren hie und da, manche wie verstohlen, einzelne Klippen und ganze Felswände heraus; die bedeutendste ist die sagenhafte Mädchentrappe über dem durch seinen vorzüglichen Kunstguß rühmlichst bekannten Hüttenorte Mägdesprung (Abb. 86). Doch ist der Blick von der anliegenden Freundschaftsklippe noch schöner als von der mit einem drei Meter hohen eisernen Kreuze bezeichneten Trappe. Der Wellenschlag der vom Winde bewegten Wipfel der düsteren Waldung, über welche die ruhige Kuppe des Ramberges ernst herüberblickt, das frische, kräftige Grün unmittelbar über nacktem Fels, die weichen, geschwungenen Linien der Höhenzüge machen das für die Selkelandschaft charakteristische Bild trotz seiner Einfachheit anziehend und erhebend.

Harzgerode. Falkenstein.

Seitwärts liegt auf einer 395 Meter hohen Ebene, die nach altem Spruche „Korn und Geld“ trägt, im Mittelpunkte von acht großen strahlenförmig von hier ausgehenden Straßen, das 4300 Einwohner zählende Städtchen Harzgerode, einst Residenz einer Linie des Hauses Anhalt, deren Glieder unter der Kirche ihre Ruhestätte gefunden haben. In dem derben, doch würdigen Schlosse, aus dessen Münze die schönen anhaltischen Ausbeutethaler und auch jüngere Münzen tadellosen Gepräges (Abb. 87) stammen, befindet sich jetzt eine große Mineraliensammlung, welche seltene Prachtstücke aus den Gruben des Herzogtums enthält. Von Mägdesprung, wo die Eisenbahn sich an der Ruine der Heinrichsburg vorüber auf Gernrode wendet, schlängelt sich die Selke, von Wiesen besäumt, mäanderartig durch das breite, sich mehr und mehr vertiefende Thal, an dessen schönster Stelle, bei der Selkemühle, ein verbotener Aufstieg zu den spärlichen Trümmern der von Otto dem Reichen und seinem Sohn Albrecht dem Bären erbauten Burg Anhalt führt; und kurz vor ihrem Eintritt in das Flachland schaut der schimmernde Falkenstein 150 Meter auf die Thalsohle hernieder.

Um das Jahr 1080 erschlug Egeno von Konradsburg den Grafen Adalbert von Ballenstedt in hinterlistigem Überfall; zur Sühne dieses Mordes verwandelte sein Sohn Burchard die über Ermsleben belegene Stammburg in ein Kloster und erbaute sich die Burg Falkenstein, nach der er sich 1120 zum erstenmal benannte. Sein Enkel Graf Hoyer ließ um das Jahr 1230 auf dem Falkenstein durch den Schöffen Eike von Repgow aus dem Gewohnheitsrecht des alten Sachsenlandes und den Weistümern (Urteilen) der Freien- und Godinge den berühmten Sachsenspiegel zusammenstellen, der in seiner eigentlichen Gestalt in Norddeutschland, Preußen, Polen und einem Teil der russischen Ostseeprovinzen, in einer Nachahmung als „Spiegel aller deutschen Leute“ und dem auf diesem beruhenden Schwabenspiegel im übrigen Deutschland das nationale Gesetzbuch wurde. 100 Jahre später, 1332, verkaufte der letzte seiner Nachkommen, Graf Burchard, ohne die Rechte seiner an den Grafen Albrecht von Regenstein verheirateten Schwester Oda zu achten, die 1296 durch die Herrschaft Arnstein vergrößerte Grafschaft an den Bischof von Halberstadt, und die darob entbrennende, von dem Quedlinburger Julius Wolff im „Raubgrafen“ so anschaulich geschilderte Fehde vermochte daran nichts zu ändern. Wieder 100 Jahre später ging dann der Falkenstein, 1437 als Pfand-, 1449 als Lehnsbesitz, an die Herren von der Asseburg, die Nachkommen des zur Zeit des Kaisers Otto IV. hervorragenden Gunzel von Wolfenbüttel über, und diese „Grafen von der Asseburg-Falkenstein“ besitzen die noch immer bewohnbare Burg noch heute.

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Abb. 102. Luthers Sterbehaus in Eisleben.

Falkenstein. Ballenstedt.

Niemals in Krieg und Fehde beschädigt, nie von Feuersbrunst heimgesucht, bietet das herrliche Schloß (Abb. 88 u. 89) das einzige Beispiel im ganzen Harze, noch jetzt das völlig getreue Bild eines mittelalterlichen Grafensitzes dar. Dazu ist die Aussicht von der Galerie des gewaltigen runden Bergfrieds, der Blick auf das grüne Waldmeer mit den hochragenden Felsinseln des Rambergs und des Brockens und in das Flachland hinaus bis zu den Bergzügen des Huy und Hakel und zu den Domtürmen von Magdeburg wahrhaft entzückend.

An dem im schönen Parke belegenen Schlosse Meisdorf, dem jetzigen Grafensitze, über dem 275 Meter hoch die Reste des Klosters Konradsburg liegen, und an dem als Gleims Geburtsstadt bekannten Ermsleben, der Hauptstadt der Grafschaft, vorüber, strebt nun die Selke der Bode zu.

An der ihr vorher zufließenden Krummen Getel, dem „anhaltinischen Mäander“, liegt inmitten blumengeschmückter Gärten und einträglicher Obstplantagen 217 Meter hoch die freundliche, stille Stadt Ballenstedt (Abb. 91), die Sommerresidenz des Herzogs von Anhalt.

Ballenstedt.

Der erste aus dem schwäbischen Geschlechte der Askanier, der sich nach Ballenstedt nennt und demnach auf dieser Burg wohnte, ist Esike, Graf im Schwabengau. Als dessen Sohn Adalbert auf dem Wege nach Aschersleben erschlagen wurde, wandelten seine Nachkommen — sein Sohn Otto der Reiche und sein Enkel Albrecht der Bär — den Stammsitz Ballenstedt in ein Kloster um und erbauten sich auf einer Höhe im Selkethal die Burg Anhalt, nach der jetzt das ganze Herzogtum genannt wird. Doch war das Kloster geräumig genug, neben Abt und Konvent auch dem Stifter und Schirmherrn einen Wohnsitz zu gewähren. Als Albrecht der Bär, der große Markgraf von Brandenburg, der nach völliger Niederwerfung der Wenden die verödeten Gegenden an der Elbe, Havel und Spree mit niederländischen und rheinischen Kolonisten neu besiedelte und den Rest der Wenden durch Einführung des Christentums, deutscher Sprache und deutscher Gesetze germanisiert hat, 1168 lebenssatt die Regierung seinem Sohne Otto übergab, zog er sich auf sein väterliches Erbschloß und Stift am Harze zurück und ist hier in Ballenstedt, wo er 1106 das Licht der Welt erblickt hatte, auch am 18. November 1170 verschieden und an der Seite seines Vaters Otto und seiner Mutter Eileke, der reichen Tochter des letzten Billungers, und seiner Gemahlin Sophie, der Schwester des mächtigen Grafen Hermann II. von Winzenburg, beigesetzt.

Nachdem das Kloster 1525 im Bauernkriege sein Ende gefunden hatte, diente es den Fürsten hin und wieder, namentlich zur Zeit der Jagden, als Absteigequartier, von 1627 an aber mehrfach auf Jahre als Residenz oder Witwensitz. In den Jahren 1704 bis 1720 bedeutend vergrößert, erfuhr das Schloß unter dem Fürsten Friedrich Albrecht, der 1765 hier dauernd seine Residenz nahm, eine völlige Umgestaltung; und nach all diesen Bauten, die dem Schlosse (Abb. 90), dessen schönster Schmuck die edle, geschmackvolle Einfachheit ist, ein wahrhaft fürstliches Ansehen gegeben haben, ist vom Kloster außer Turm und Küche nicht viel mehr geblieben.

Die Gräber Albrechts und seiner Familie und jüngerer Glieder seines Geschlechts sind erst 1880 unter dem Glockenturm wieder aufgefunden; es sind sargähnliche in den Fels gehauene Höhlungen mit steinernen Deckeln.

Aus den Fenstern der mit wertvollen Gemälden älterer Meister (darunter Rembrandt und Van Dyck) geschmückten Zimmer hat man eine entzückende Aussicht. Aber auch auf der Terrasse in dem 1765 angelegten herrlichen Parke ist sie wunderschön. Hinter den scharf hervortretenden Felsen der Gegensteine breitet sich, mit Städten und Dörfern übersät, eine lebensvolle Landschaft aus; Quedlinburg und das ferne Halberstadt, links Blankenburg mit seinem hochragenden Schlosse und der Regenstein mit seinen verfallenen Türmen, rechts Hoym, Ermsleben und das Bernburger Schloß begrenzen den Horizont, hinterwärts lagert sich, von der Brockenkuppe überragt, das aufsteigende Gebirge mit seinen Wäldern, Bergen und Schluchten, — bei voller Beleuchtung, etwa an einem sonnigen Morgen nach einem Regentage, ein köstlicher Anblick!

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