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Der Harz

IX. Die Innerstelandschaft.

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Die Innerste, der zweite und wichtigste Fluß der Klausthaler Hochebene, hat ihre Quelle in dem auf alten Karten Innerstesprung genannten Entensumpfe, unfern des Dorotheer Zechenhauses, verstärkt sich durch die Abflüsse der großen Bergwerksteiche, von denen der Bärenbrucher, der Pixheier, der Schwarzenbacher, der Ziegenberger und der Große Sumpfteich bei Buntenbock die bedeutendsten sind, sammelt ihre Wasser in dem schön gelegenen, 477000 Kubikmeter fassenden Prinzenteiche bei der Ziegelhütte und schlägt in einem von hier ab deutlich ausgeprägten Thale nördliche Richtung ein. Wo ihr der Zellbach die Wasser von 19 Teichen von rechts zuführt, wirbelt die Klausthaler oder Frankenscharner Silberhütte ihre Rauchwolken verwüstend in die Luft.

Rauchblößen.

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Abb. 59. Das Frankenfeldsche Haus in Wernigerode. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Wenn wir uns einer im Walde oder in der Nähe desselben belegenen Silberhütte, nicht bloß der Klausthaler, nähern, so fällt es uns auf, daß die Fichten an den Berghängen statt des normalen Grün ein eigentümliches Blaugrau oder ein schmutziges Dunkelgrün, oder häufiger noch ein ganz helles Gelbgrün zeigen. Und treten wir, um ihn näher zu betrachten, an einen solchen Baum heran, so finden wir neben normalgrünen fahle, mißfarbige, gelb-, trocken-, rotspitzige und ganz rote Nadeln; je näher wir der Hütte kommen, desto mehr nimmt diese Entfärbung von Grün in Rot zu, und da die roten Nadeln meist abfallen, so überzieht eine hohe, lose Nadelschicht den Waldboden, die Bäume werden fast kahl, die Äste und bei jüngeren Bäumen auch der Stamm dunkel bis kohlschwarz, die Äste trocken, die Kronen licht, und noch ehe wir die Hütte erreichen, endet der Wald mit weit auseinanderstehenden, ganz dünn benadelten Baumkrüppeln, die aussichtslos den letzten Kampf um ihr Leben kämpfen.

Waldvergiftung.

In unmittelbarer Nähe der Hütte aber wächst weder Baum noch Strauch noch Grashalm. Diese Rauchblöße der Klausthaler Hütte umfaßt 200 Hektar früheren Waldboden gegen 10 Hektar im Jahre 1750. Daran schließen sich aber noch 180 Hektar stark beschädigte Bestände mit spärlicher Heide und kümmerlichem Grase. Wie von dem völlig vegetationslosen Blößenterrain, dessen zusammenhaltende Grasnarbe längst weggeräuchert ist, der Boden bis auf den letzten Rest von den Regengüssen abgespült wird, so daß demnächst nur der nackte Fels erhalten bleibt; so werden die jetzt lückigen Bestände allmählich in vollständige Blößen übergehen und die mäßig und schwach geschädigten nacheinander lückig werden. Aber da die klimatischen Verhältnisse und die Terrainbildung dieselben bleiben, so wird wenigstens das Gesamtschädigungsgebiet sich schwerlich noch vergrößern.

Was den Wald vergiftet und tötet, ist nicht etwa der metallische Flugstaub, den die Hütten im Hüttenrauch in die Luft senden. Der schadet wohl dem Rindvieh, das in der Nähe der Hütten weidet — der zuweilen tödliche „Kopfjammer“ ist eine Bleivergiftung; der ruft auch bei Hirschen, die dort äsen, die abnormen Geweihbildungen hervor, die wir in den Harzer Forsthäusern mit Verwunderung betrachten; und die halbgelähmten Drosseln und Finken, die wir im Herbste kraftlos von einem Steinhaufen an der Chaussee zum andern flattern sehen, haben sich an den mit feinem Bleistaub bedeckten, verlockenden Vogelbeeren den Tod geholt. Aber das Gift, das den Pflanzen durch den Hüttenrauch zugeführt wird, ist die schweflige Säure. Wie die Chausseebäume bei Silbernaal zeigen, ist die schädliche Wirkung dieser Säure bei den Laubbäumen bedeutend geringer als bei den Nadelbäumen, denn während das im Rauch erkrankte Laubblatt bald durch ein gesundes ersetzt wird, summiert sich in den Nadeln die Schädigung für mehrere Jahre. Nach den gemachten Erfahrungen und angestellten Versuchen sind die Eiche und die Ahornarten am widerstandsfähigsten, und nur mit dem Eichenniederwalde kann der Verwüstung mit Erfolg Halt geboten und dann vom Bestandesrande aus auch den Rauchblößen schrittweise wieder Terrain abgerungen werden.

Metallaufbereitung.

Ehe wir in die Hüttengebäude eintreten, werfen wir einen kurzen Blick in die oberhalb des Hüttenbahnhofes terrassenförmig aufsteigende Aufbereitungsanstalt, die größte der Welt. Oben beim Ottiliäschacht beginnend, wo bis vor kurzem die mit Erz gefüllten Eisenkästen unmittelbar aus den Schiffen 400 Meter hoch gehoben und gestürzt wurden und jetzt die Wagen der elektrischen Bahn, welche die Erze des Burgstätterzuges herzuführt, entladen werden, nehmen wir die entsetzlich prasselnden Steinbrecher und weiter die Walzwerke (zur Zertrümmerung) und Trommeln (zur „Klassierung“, Sonderung nach dem spezifischen Gewicht) in Augenschein, durchwandern die Sortierhäuser, wo das Klauberz durch der Pochknaben flinke Hand in Bleiglanz, Blende, Kupfer- und Schwefelkies, „Pocherz“ und „Berg“ geschieden wird, die Pochwerke, wo 176 je 180 Kilogramm schwere eiserne Stempel mit ihrem stählernen „Schuh“ die Erze in Tiegeln aus Hartguß unter so entsetzlichem Lärme zerschmettern, daß man auch den lautschreienden Nachbar kaum versteht, sehen dann Stoßherd, Setzmaschine und Kehrrad arbeiten und treten durch die Schlammwäsche wieder ins Freie.

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Abb. 60. Markt und Rathaus in Halberstadt. (Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin.)

Auch auf der Hütte steigen wir zunächst in die oberen Räume, sehen hier die Schliechvorräte der einzelnen Gruben lagern und abwägen, dann nieder steigend auf der „Gicht“ die Beschickung der Öfen (Schliech, Niederschlagsmaterial, Flußmittel) und im Hüttengebäude selbst von den von den bläulichen Flammen umzuckten und umspielten Öfen die glühenden Metallmassen zischend und wieder aufwallend in die kesselartigen Vertiefungen strömen, die Kruste des Bleisteins herausheben und das Werkblei in lange, schmale Formen füllen und nehmen zum Schluß, mit dem Silberblick auf Lautenthal vertröstet, auf dem Hüttenhofe die Röstung des Bleisteins, die jenen die Vegetation zerstörenden Hüttenrauch hinaussendet, in Augenschein (Abb. 21).

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Abb. 61. Halberstadt. (Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin.)

Grund. Wildemann. Lautenthal.

Weiter der Innerste folgend, gelangen wir unterhalb des „Silbernaals“ an die Stelle, wo der Fluß einen Teil seiner Wasser den Gruben bei Grund durch den den Bauersberg durchsetzenden Schultestollen zusendet.

In ein nach oben sich verzweigendes, aber nur nach dem Lande zu offenes Thal eng und geschützt eingebettet, ist die Bergstadt Grund (Abb. 24) der älteste der oberharzischen Kurorte, übt aber, nur durch einen rings umher laufenden, meist stark ansteigenden grünen Wiesenstreifen vom frischen Laub- und Nadelwald getrennt, durch die Anmut seiner Lage und die Schönheit seiner Umgebung noch immer seine alte Anziehung aus. Obwohl nur etwa 300 Meter hoch und fast am Rande des Oberharzes gelegen, erhält es durch die einschließenden Berge, namentlich durch den fast jäh aufsteigenden Iberg (das ist Eibenberg) wirklichen Gebirgscharakter. Unsern Weg zu diesem 562 Meter hohen Korallenriff nehmen wir über den Hübichenstein und die Tropfsteinhöhle. Jener ist der 40 Meter hohe feinkörnige Kalksteindoppelfelsen, unter dem der wohlthätige Zwergkönig Hübich, der verzwergte Wuotan, seine reichen Schätze bewacht; diese enthält eine ganze Reihe schöner Gebilde, von denen der „versteinerte Wasserfall“ am überzeugendsten wirkt; in der Nähe seines Einganges steht die einzig übriggebliebene Gruppe alter Eiben (Taxus), von denen der Berg seinen Namen hat. Von der Plattform des die hohen Buchen überragenden Holzturmes überblickt man einen Teil des westlichen Oberharzes, vor allem aber über das zu den Füßen „im Grunde“ liegende Städtchen hinaus die welligen Hügellandschaften bis zum Turmberge bei Hackenstedt und Griesberge bei Almstedt im Norden und den die Kahle Zelle bei Grünenplan überragenden Wesergebirgen im Westen und dem Herkules und Meißner und den Thüringer Bergen im Süden.

Ein bequemer Abstieg führt uns über den „Schweinebraten“ zurück in das sich immer tiefer einschneidende Innerstethal. In eine halbkreisförmige Krümmung desselben und in das hier mündende Spiegelthal liegt Wildemann (Abb. 23), die kleinste der sieben Bergstädte, hart eingeklemmt. Die Berge steigen unmittelbar hinter den Häusern so steil an, daß das duftige Heu der Bergwiesen nur in „Säumen“ auf dem Rücken von den Frauen eingeschafft werden kann, und daß vor einigen Jahren ein Riß am Berge eine Häuserreihe in die Innerste zu schieben drohte. Bei der Linde vor dem Rathause, die nach der Inschrift der wilde Mann höchst eigenhändig gepflanzt hat, erinnern wir uns daran, daß der zum Sinnbild des Harzes gewordene Wildemann, der die Moosweibchen (die Wolken) jagt, mit dem Sturmgott Wuotan, dem wilden Jäger, identisch ist.

Da die Innerste das Gebirge in „widersinniger“ Richtung zerreißt, so bietet ihr in seinen Windungen so abwechselungsvolles Thal neben dem Flußbett kaum Platz für die Fahrstraße, schon die Eisenbahn hat sich durch und in die Felsen graben müssen. So sind denn auch Siedelungen an ihr, selbst die Zechen- und Forsthäuser und Sägemühlen, nur da möglich gewesen, wo durch Einmündung eines Baches eine Thalerweiterung entsteht. Die Berge um Lautenthal (Abb. 25) sind noch höher als bei Wildemann, aber die nur noch 300 Meter — 125 Meter tiefer als diese — belegene Stadt konnte sich etwas behäbiger ausbreiten: die Straßen ziehen sich im Thale der Laute und auf einem mählich steigenden Berghange auf dem rechten Ufer ziemlich weit hinauf. Von der Höhe über der „Prinzeß Karoline“, die der schöne Fußweg über die Schildauköte nach Seesen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick auf die Stadt.

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Abb. 62. Inneres des Domes zu Halberstadt. (Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)

Bei Langelsheim, wo — wie in Lautenthal — eine Silberhütte dampft, tritt der Fluß durch eine majestätische Gebirgspforte in das Vorland. Bei niedrigem Wasserstande erscheint sein Wasser schon hier fast durchsichtig; der giftiges Bleioxyd führende Pochsand hat sich im kiesigen Flußbett nach und nach niedergeschlagen. Rührt aber Hochwasser diese Schlammmassen auf und reißt sie brausend mit fort, dann ist die Innerste eine graue, dicke Flüssigkeit, und wo sie über ihre Ufer steigt, lagert sie unglaubliche Mengen des feinen Pochsandes auf Wiesen und Äcker im unteren Innerstethal ab.

Auf ihrem linken Ufer eilt der Innerste das Flüßchen Neile zu, die das Schlachtfeld von Lutter und die Heimat des sagenhaften „Thedel von Wallmoden Unverfehrt“ bespült.

Längeren Laufes und wasserreicher als die Neile, die bei der Darmpfuhlsmühle mündet, ist die Nette, welche der Innerste alle Wasser zuführt, die von dem hohen Bergzuge auf dem linken Ufer dieses Flusses bei Wildemann nach Westen rinnen. Am höchsten greift der Pandelbach, die alte Grenze zwischen Engern und Ostfalen, zwischen Mainz und Hildesheim, hinauf; seine Quelle liegt an dem allen Harzwanderern bekannten „Keller“, einem haustief in das bröcklige Gestein steil eingeschnittenen schmalen Hohlwege, auf dem einst den Walkenrieder Hütten im oberen Nettethal die Rammelsbergschen Erze zugeführt wurden. Welch ein beschwerlicher Umweg! Aber die Gegend zwischen Langelsheim und Hahausen war ehemals — und noch zur Zeit der Schlacht bei Lutter — ein unpassierbarer Sumpf.

Münchehof. Kirchberg.

Bei Münchehof (das ist Hof der Walkenrieder Mönche) tritt der Pandelbach, in dessen klaren Wassern das üppige Buchengrün flimmernd sich spiegelt, aus dem Oberharze heraus. Gleich darauf bespült der verstärkte Bach das alte, aber außen und innen modernisierte Schloß Kirchberg, das mit seinem Burggraben und seinem von prächtigen Baumgruppen begrenzten Schloßteiche sich von dem fruchtbaren Gefilde gar ausdrucksvoll abhebt. Nach ihm benannten sich Heinrichs des Jüngeren legitimierter Sohn Heinrich Theuerdank und dessen Mutter Eva von Trott.

Die nicht bedeutenden Ruinen der Staufenburg — namentlich ein dicht von Epheu umwobener zerspaltener Turm und Reste des Eingangsthores, vor dem eine mächtige Linde von hohem Alter steht — finden sich auf einem Kegel, der aus dem buchenbestandenen Muschelkalkzuge, der den Oberharz im Westen in geringem Abstande begleitet, wenig auffällig hervorragt. Hervorragende Bedeutung für die Kulturgeschichte des Oberharzes erhielt die Burg, als 1505 hier die Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel ihren Witwensitz nahm und dem Bergbau ihre ganze Liebe zuwandte. Um sich an der sich mehr und mehr ausdehnenden Montanindustrie zu erfreuen, besuchte sie gar oft persönlich den rasch aufblühenden Ort „im Grunde“, dessen Kapelle sie zur Pfarrkirche erhob. In ihre Fußstapfen trat 1521 ihr Großsohn und Erbe, Herzog Heinrich der Jüngere. Mochte ihn vielfach auch die Sehnsucht nach seiner geliebten Eva, an deren Statt er eine ausgestopfte Puppe nach fein gespielter Todeskomödie mit Sang und Klang in Gandersheim hatte begraben lassen, nach der Staufenburg ziehen, wo sie in stillster Einsamkeit, mehr einer Gefangenen als einer fürstlichen Geliebten ähnlich, ihre Jugendjahre verlebte; so besuchte er doch auch später, als er 1541 Eva mit ihren Kindern nach der festeren Liebenburg geschickt hatte, häufig die Staufenburg, um von hier aus seine neu entstandenen Bergstädte Zellerfeld und Wildemann, deren Gruben und Hütten in Augenschein zu nehmen. — Von seinen Nachfolgern aber hat keiner auf der verschwiegenen Burg auch nur vorübergehend residiert. So verfiel sie nach und nach, und 1778 fand man den Aufenthalt in dem alten Gemäuer selbst für die Gefangenen und deren Wärter zu lebensgefährlich.

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Abb. 63. Michaelstein. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

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Abb. 64. Mönchseiche bei Michaelstein. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Die Nette, welcher der Pandelbach und mehrere andre größere und zahlreiche kleine Bäche ihr Wasser zuführen, entspringt am Netteberge bei Herrhausen. Ihr Gebiet führt — sogar noch im Volksmunde — den Namen Ambergau.

Von rechts nimmt die Nette die aus dem Oberharze kommende Schildau auf. Der Weg von der Schildauköte am Fuße des Schildberges, der die unbedeutenden Ruinen einer vom Grafen Hermann von Winzenburg um 1148 erbauten Burg trägt, auf dem „Forellenstieg“ an dem schäumenden Flüßchen hinunter über den „Grünen Jäger“ nach Seesen gehört zu den schönsten im ganzen Harze.

Seesen.

Seesen, in den Friedensverhandlungen zwischen Heinrich dem Zänker und den sächsischen Großen 984 zuerst erwähnt, hat erst nach Anlage der Eisenbahnen, die von ihm strahlenförmig nach fünf Seiten laufen, kräftigen Aufschwung genommen und weniger begünstigte Städte raschen Schrittes überholt. Unter den wenigen alten Häusern, welche die häufigen Feuersbrünste überstanden haben, ist außer dem früheren Schlosse kaum ein architektonisch bedeutsames.

Obwohl Seesen in einer Höhe von nur 219 Meter am Rande des Oberharzes liegt, fühlt und glaubt man sich hier mitten im Gebirge, denn die Höhen, welche den Ambergau im Westen begrenzen, und die Berge, welche von Hahausen das rechte Netteufer begleiten, erscheinen dem Auge fast von gleicher Höhe wie der eigentliche Harz. Mit besonderem Wohlgefallen aber ruht es auf dem Bergzuge des Heber, dessen helles Laubgrün zu dem gegenüberliegenden dunkeln Harzwalde einen freundlichen Kontrast bildet. Gleich einem verwitterten, halb zertrümmerten Felsen ragt aus den hohen, schlanken Buchen ein altes Gemäuer hervor und überschaut wie ein Herrschersitz den Gau thalauf und -ab. Es ist die Ruine der Burg Woldenstein, der Sage nach die Heimat des vom heiligen Bernward, seinem Verwandten, erzogenen gelehrten Bischofs von Meißen (1066–1106) und eifrigen Bekehrers der Wenden, des vom Papste Hadrian VI. 1523 heilig gesprochenen St. Benno. Aber die Burg ist erst 1295 von den Grafen von Woldenberg erbaut. Ihr Ende fand sie 1519 in der verwüstenden „Stiftsfehde“.

Der Nette folgend, treten wir bei Rhüden, wo aus den oberen Schichten des bunten Sandsteins eine schwache Sole quillt, in die Gegend des erst einige Jahrzehnte alten, aber lohnenden Kalibergbaues ein, der von hier den Nordrand des eigentlichen Harzes im Halbbogen umzieht.

Bockenem.

Über die durch ihre geschmackvollen Gußwaren rühmlichst bekannte Wilhelmshütte und die durch Steinbrüche zerwühlte Stätte der Pfalz Königsdahlum gelangen wir nach Bockenem, der anmutig gelegenen, alten Hauptstadt des Ambergaues, die von den Grafen von Woldenberg, deren Wappen sie noch heute führt, schon im Jahre 1300 Stadtgerechtsame erhielt. Nach den großen Feuersbrünsten von 1685 und 1847 arm an altertümlichen Bauwerken, macht doch die vom Flußufer sanft aufsteigende Stadt mit ihren breiten, sauberen Straßen und behäbigen Bürgerhäusern, ihrem geräumigen, mit Linden bepflanzten und von zwei Kirchen begrenzten Marktplatze einen wohlthuenden Eindruck. Weit blickt der mächtige 60 Meter hohe Turm der Pancratii-Kirche, dessen unterer, festungsartiger Teil wohl noch aus der Zeit Ludwigs des Frommen stammen mag, rings in die Lande hinaus. Im Innern des einfach-schönen Gotteshauses, einer dreischiffigen, gotischen Hallenkirche, fallen besonders die sehr alten aus Holz geschnitzten Standbilder der Apostel und der heiligen Jungfrau, welche — lange unter Steingeröll begraben — vom Professor Küsthardt kunstverständig renoviert, das in Formen der Spätrenaissance reich dekorierte messingene Taufgefäß und das von dem aus Bockenem stammenden Maler Nepperschmidt herrührende Wandgemälde „der barmherzige Samariter“ ins Auge. In ihrer Nähe liegt das einzige Fachwerkhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert, die alte Generalsuperintendentur; im Winter 1626 diente sie Tilly als Hauptquartier.

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Abb. 65. Burg Regenstein. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Schloß Söder.

Vom Dorfe Werder aus, nach dessen Burg sich das Dynastengeschlecht der Grafen von Werder und später ein Zweig der Woldenberger schrieb, ersteigen wir auf bequemem Waldpfade den Weinberg, der uns bis dahin das Schloß Söder verdeckte. Da, wo die Bockenem-Hildesheimer Chaussee vom Dorfe Nette aus die Höhe des Weinbergs in Schlangenwindungen erklettert, hat man einen großartig schönen Blick über die wellenförmige Bockenemer Ebene auf das Harzgebirge: auf den üppig bewaldeten Muschelkalkzug der Nauer Berge und der Osterköpfe türmen sich terrassenförmig die dunklen oberharzischen Berge von Lautenthal, Goslar und Klausthal auf, und über sie alle schaut aus weitester Ferne der Vater Brocken mit dem Königsberge herüber, oft noch weißgelockt, wenn hier schon alles grünt und blüht, oft auch im Strahl der scheidenden Sonne mit flammenumspieltem Scheitel. Wirkungsvoller als dieser ist kein andrer Blick auf den Harz.

Eine viertelstündige Wanderung durch stattlichen Buchenwald führt uns nach dem Schlosse Söder (Abb. 26). Überraschend schön liegt es inmitten seines herrlichen Parkes mit blinkenden Teichen, prächtigen Baumgruppen und sammetartigen Rasenflächen. Anfang des vorigen Jahrhunderts war dieses Schloß des kunstsinnigen Domherrn Moritz von Brabeck der Sammelpunkt berühmter und hochstehender Personen; von seinen Gästen nenne ich nur C. von Strombeck, den Freiherrn zum Stein, Graff und Iffland, Karoline von Humboldt und Marie Körner; auch die Königin Luise von Preußen war hier im Jahre 1805.

Schloß Derneburg. Der Woldenberg.

Bildet Söder mit seiner Flur eine stille, liebliche Waldoase, so blickt das Schloß Derneburg (Abb. 27), der Familiensitz des Fürsten Münster, frei ins Land hinaus. Gar wirkungsvoll heben sich die rotbedachten Schloßgebäude mit ihren vielen Türmchen vom dahinter aufsteigenden buchengrünen Donnersberge ab.

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Abb. 66. Schloß Blankenburg. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Ein noch fahrbares Stück der mittelalterlichen Augsburger Straße benutzend, ersteigen wir von dem Marktflecken Holle aus, der Heimat des Ritters Berthold von Holle, der als der erste in diesem Teile Deutschlands im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts in deutscher (höfischer) Sprache dichtete, den Woldenberg, den alten Herrschersitz dieser Lande weit und breit. Dem weitverzweigten Grafengeschlecht der Woldenberger, dessen Stammvater Ludolf vom Kaiser Lothar ausdrücklich zu den „Fürsten“ gezählt wird, kam zur Zeit der Staufer in den Harzlanden kein andres an Macht und Ansehen gleich; im Besitze vieler Burgen und Schirmvogteien, übten sie den Königsbann in acht Gauen. Die „Seele der kaiserlichen Partei“ in Norddeutschland, haben die Woldenberger ihre Kräfte im Kampfe für die Hohenstaufen verzehrt, und Graf Gerhard, der Letzte des Geschlechts, starb 1383 ziemlich verarmt.

Vorübergehend Residenz des Fürstbischofs, ward der Woldenberg 1641 durch Kaiserliche teilweise zerstört, doch konnte die Burg noch anderthalb Jahrhunderte als Amthaus bewohnt werden, ehe man sie als Steinbruch benutzte. Vor etwa 50 Jahren ist der hohe Bergfried, aus dem oben die Bäume ihre grünen Arme herausstreckten, vor der weiteren Zerstörung geschützt und zu einem herrlichen Aussichtspunkte umgewandelt. Nach allen Seiten reicht der Blick weit über Wald und Land, über fruchtbare Thäler und immer höher sich auftürmendes Gebirge. Überaus anmutig leuchtet im westlichen Vordergrunde das Schloß Henneckenrode (Abb. 28), die Blumsche Waisenstiftung, mit seinen Teichen über das Waldgrün hervor, und nicht weniger herzerquickend ist der Blick auf den mittleren Teil des Ambergaues mit seinen reichen, gesegneten Fluren, seinen schmucken Dörfern, die sich um die einst woldenbergsche Stadt Bockenem gruppieren. Wohl erhalten ist auch das von zwei Türmen flankierte Thorhaus, von denen der eine in Form eines Dreiviertelkreises in den trockenen, in den Fels gebrochenen Burggraben vorspringt und in seinem Obergeschoß ein polygonales, aus Fachwerk gebautes Turmzimmer trägt.

Der Hainberg.

An der Felsschlucht unterhalb des Binnenhofs, die uns den Wahlspruch eines „Drosten“: „Solitudo solo beatitudo!“ nachruft, vorüber, lenken wir unsere Schritte den lauschigen Wald uralter Eichen und Buchen hinab, wie man sie in solcher Schönheit nur selten noch zu sehen bekommt, dem auf scharf abfallendem Felsvorsprunge in stiller Waldeinsamkeit des Hainbergs belegenen St. Hubertus-Jägerhause zu, an dessen Felsenkapelle (Abb. 29) sich die Sage von der Bekehrung des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, knüpft. Das von Künstlerhand zu beiden Seiten des Altars in die Felswand gehauene Relief — hier der Hirsch mit dem zum Kruzifix gewordenen Jagdspieß im Geweih, dort auf den Knieen der Jäger mit anbetend erhobenen Händen, hinter ihm der Knappe mit dem Jagdroß, — stammt nach der an der gegenüberliegenden Grottenwand eingehauenen Inschrift aus dem Jahre 1733; älter ist die arg beschädigte und vom Rauch geschwärzte Darstellung am äußeren Felsen, nach welcher der vom Hirsch durch eine Schlucht getrennte Hubertus sein Roß selbst hält.

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Abb. 67. Blankenburg im 17. Jahrhundert (nach Merian.)

In etwa einer Viertelstunde erreichen wir vom Jägerhause die „Bodensteiner Klippen“, aus dem üppigen Buchenwalde hoch und steil aufsteigende, kahle Sandfelsen, ähnlich der Teufelsmauer bei Blankenburg und offenbar derselben geognostischen Bildung angehörend. Der Aufstieg auf eine der zugänglich gemachten Klippen gewährt bei guter Beleuchtung der Landschaft hohen Genuß.

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