XI. Die Oderlandschaft.
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Der Bruchberg-Acker.
Von der Klausthaler Hochebene, deren Flüsse uns bislang als Wegweiser gedient haben, wird das „Andreasberger Dreieck“ durch den Bruchberg-Acker abgetrennt. Eine Wanderung den auf dem Kamme des Ackers laufenden Fastweg entlang wird durch die stetig wechselnden Bilder, die sich bald rechts nach Klausthal hin, bald links über Andreasberg auf den Ravensberg und Jagdkopf (Stöberhai) aufthun, zuletzt aber durch den großartigen Fernblick von den ruinenartigen Felsgruppen, welche sich, von Rentier- und isländischer Flechte, von Sumpf- und Moosbeere überwuchert, aus dem Tannendickicht meist nur wenig erheben, der Hanskühnenburg (810 Meter) und den Seilerklippen (750 Meter), reichlich belohnt. Und welchen Genuß gewährt eine Fahrt von der Stieglitzecke (828 Meter), wo unfern des Hammersteins (800 Meter) mit seinem Blick in die schluchtenartigen Seitenthäler jener Fastweg sich abzweigt, auf der Klausthal-Andreasberger Poststraße nach dem als Sommerfrische rühmlichst bekannten Sonnenberge und von hier, links abbiegend, der imponierenden Achtermannshöhe entgegen nach dem waldumschlossenen Oderteiche (Abb. 37) und den Rehbergergraben entlang nach Andreasberg.
Ganz gegen den Charakter des Harzes zeigt sich in dem „Dreieck“ nicht einmal der Ansatz zur Plateaubildung; aus tief eingeschnittenen Thälern steigt man 200 bis 250 Meter hoch auf schmale Bergrücken oder abgerundete Kegel und wieder hinunter in ein schluchtenartiges Thal. Den besten Blick in dies wunderbar zerstückelte Gebiet gewähren die Porphyrkegel des Knollen bei Lauterberg (687 Meter), des Ravensberges (660 Meter) und des Stöberhais (719 Meter). Der Ravensberg heißt nicht mit Unrecht der Brocken des Südharzes. Wohl ist das Panorama hier und auf dem mit ihm zusammenhängenden Stöberhai enger begrenzt, aber es gewinnt dadurch an plastischer Klarheit und Schönheit. Im Norden und Westen umfaßt der Blick den ganzen hohen Harz bis zum Brocken und Acker, im Osten und Süden aber thut sich das Land weit auf bis zum Possen bei Sondershausen und zum Thüringerwalde, bis zu dem Ohmgebirge und dem Göttinger- und Habichtswalde.
Andreasberg.
Ist regellose Abwechselung von schroffer Bergeshöhe und wildem Thalsturz der Charakter des „Dreiecks“, so macht die Stätte, auf der die Stadt Andreasberg erbaut ist, davon keine Ausnahme; fast jäh schießen ihre Straßen von eng begrenzten Bergkuppen (640 Meter) in das „Unterland“ (520 Meter) hinunter. Aus einem Hause sieht man in zwei Thäler hinunter, ein andres hängt, als wäre es aus Wildemann hierher versetzt, wie ein angeklebtes Schwalbennest an der Bergwand, und ein drittes liegt fast so geschützt zwischen aufsteigenden Höhen, wie manche Stadtteile in Grund oder Altenau. Solche interessanten Gegensätze bietet nur diese einzigartige Stadt (Abb. 38).

Abb. 76. Hexentanzplatz, vom Hirschgrund gesehen. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Die erste urkundliche Nachricht über Bergbau „am Andreasberge“ ist aus dem Jahre 1487, aber zu rascher Entwickelung gelangte es erst im Jahre 1521, als am Beerberge in einer Klippe ein handbreiter Gang mit Glanzerz und reichhaltigen Nestern Rotgülden erschürft wurde, so daß die Grafen von Hohnstein sich beeilten, für ihr Gebiet die erste Bergfreiheit zu erlassen; Stadtrechte erhielt der Ort anscheinend schon 1535. — In fieberhaftem Eifer drängten sich Gewerken und Bergleute herzu, um des gepriesenen Dorado Schätze zu heben, aber gar bald folgte eine gewaltige Ernüchterung. Wohl wurden 116 Gruben aufgenommen, aber in den acht Jahren 1542 bis 1549 zahlte nur eine einzige Ausbeute, und zwar auch nur einmal einen Thaler auf den Kux. Am Ende des Jahres 1577 waren nur noch 39 Gruben, von denen aber 37 Zubuße erforderten, im Betriebe, und 40 Häuser standen unbewohnt und unverkäuflich; zu Anfang des dreißigjährigen Krieges gingen die beiden letzten Gruben ein, und die Silberhütte ward abgebrochen. Unsäglich war das Elend in der verarmten Stadt. Und doch war ihr noch einmal eine Blütezeit beschieden: in den Jahren 1700 bis 1730 betrug die jährliche Ausbeute durchschnittlich 60000 Mark. Von da aber ging's erst allmählich, dann immer rascher abwärts, zumal 1796 eine Feuersbrunst 249 Wohnhäuser in Asche legte. Doch geht der Bergbau noch heute auf der Grube Samson in vier Schächten mit Vorteil um, und trotz deren bedeutender Teufe gibt es noch viel unverritztes Feld für die Zukunft. Die Silberhütte, welche mit dem Bahnhofe 3¼ Kilometer von der Stadt entfernt liegt, verarbeitet neben den bei Andreasberg gewonnenen namentlich südamerikanische Kauferze. Nicht unbedeutenden Erwerb gewährt den Andreasbergern die Kanarienvogelzucht, mehr Geld aber noch bringen ihnen die Sommerfremden, deren Zahl etwa 5000 jährlich beträgt. Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von der Jordanshöhe. Sankt Andreasberg hat 3800 Einwohner.
Die starke Gliederung der Andreasberger Berglandschaft ist gleichsam ein Verdienst der Sieber mit ihren Zuflüssen und des Flußsystems der Oder: durch die Furchen, die sie in das Gelände, dieses in Einzelberge auflösend, gezogen, haben sie die große Mannigfaltigkeit geschaffen, die wir bewundernd betrachten.
Die Oder hat ihre Quellen bereits auf dem Brockenfelde. Nachdem sie ihre Wasser im Oderteiche gesammelt und den größten Teil derselben der Stadt Andreasberg zugesandt hat, um ihn später durch die Sperrlutter zurückzuhalten, rauscht sie zwischen dem Rehberge (894 Meter) und dem Königsberge in starkem Gefälle, bis zur Forstkolonie Oderhaus das unbekannteste der prächtigen Harzthäler bildend, gen Süden, geht unter dem Jagdkopfe in südwestliche Richtung über und verstärkt sich bei Lauterberg (d. i. Lutterberg) durch die Lutter (Abb. 39 u. 40).
Lauterberg. Burg Scharzfels.
Die Burg, unter deren Schutze der gleichnamige Flecken sich bildete, stand auf dem 421 Meter hohen Hausberge, einem schön geformten, mit Buchen bewaldeten Kegel. Zuerst im Jahre 1190 erwähnt, gehörte sie einem Zweige der Grafen von Scharzfeld, den Grafen von Lutterberg, als welfisches Lehen. Der Ort verdankte sein rasches Wachstum dem regen Bergbau, und als dieser erlosch, übernahm 1839 die Kaltwasserheilanstalt des Dr. Ritscher, dem ein Denkmal auf dem Scholm errichtet ist, nachhaltiger die Entwickelung des jetzt 5300 Einwohner zählenden Fleckens; aus den 170 Kurgästen des ersten Jahres sind inzwischen 5000 geworden.
Aber die Umgebung Lauterbergs, das nicht wie Herzberg, Osterode und Seesen am Harzrande liegt, sondern sich so in das Oderthal hineinpreßt, daß es auf drei Seiten hohe Berge hat, ist auch wunderschön. Alle diese Höhen, der Hausberg, der Kummel (601 Meter), der Scholm (572 Meter) bieten prächtige Aussicht, hier ein weithin Berg und Land umfassendes Vollbild, dort gleichsam einen eingerahmten Ausschnitt aus dem großen Gemälde. Über den idyllisch in Buchengrün und Wiesenflor gebetteten Wiesenbeeker Teich (Abb. 41), der seine Wasser der Königshütte liefert, und die Hohe Thür mit ihrem Durchblick auf die ruinenartige zackige Felsgruppe des Römersteins, den Sagen von Riesen und Zwergen umspielen, führt uns der Weg auf den Ravensberg; über den Hassenstein ersteigen wir den Stöberhai, den höchsten Punkt der Wasserscheide zwischen Weser und Elbe, mit seinem bezaubernd schönen Blick über die Tiefe des Oderthales hinaus auf die Riesen des hohen Harzes, den Acker und Rehberg, den Wurmberg und die Achtermannshöhe, denen der Brocken und die Hohneklippen über die Schulter sehen; und auch der Große Knollen liegt für den rüstigen Wanderer nicht zu fern.
Auf dem schattigen Philosophenwege wandern wir nun, der rauschenden Oder folgend, dem Dorfe Scharzfeld zu, das mit einer Felsenburg, einer Tropfsteinhöhle und einer Felsenkirche dreifach anzieht.
Burg Scharzfels.
Die Burg Scharzfels (Abb. 42), eigentlich Scharzfeld, zu der wir 120 Meter hoch durch Buchenhochwald hinaufsteigen, wird zuerst 1130 genannt. 1157 gab Friedrich Rotbart sie Heinrich dem Löwen gegen das Schloß Baden in Tausch, und die Grafen von Scharzfeld wurden damit Lehnsmannen des Welfen. Nach ihrem Erlöschen traten die Grafen von Hohnstein an ihre Stelle; und nach dem Tode des letzten dieses Geschlechts fiel 1590 die Grafschaft Scharzfeld-Lauterberg, in der die Bergstadt Andreasberg entstanden war, an die Welfen, und zwar zunächst an die Herzöge von Grubenhagen, zurück.

Abb. 77. Rathaus in Quedlinburg. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Bei der Erbauung der Burg ist der natürliche Felsen benutzt. Besonders stark war die Hochburg, die man nur durch einen rundbogig ausgehauenen Felsengang, zu dem man auf einer hohen Steintreppe gelangt, betreten kann. Von den Gebäuden auf dem Felsenkamme haben sich nur unbedeutende Mauerreste erhalten: die Burg ist 1756 in rühmlichem Kampfe zu Grunde gegangen; 10 Tage verteidigte sich die schwache Besatzung von noch nicht 400 Mann gegen ein Franzosenheer von 6000 Mann, das 562 Bomben und andre Geschosse hineinwarf; da war die zerschossene Burg nicht mehr zu halten, die freiwilligen Harzschützen schlugen sich in die Wälder, und die zurückbleibenden Invaliden kapitulierten mit Ehren. Welch ein Erfolg! Ganz Paris illuminierte und sang unter Freudenschüssen ein Tedeum. Und eiligst steckte der Sieger, der General Vaubecourt, den wir von Klausthal her schon kennen, die Gebäude in Brand, ließ die Mauern von Lauterberger Bergleuten sprengen, und machte sich dann, auf die Sprengung der Felsen verzichtend, aus dem Staube, denn die Hannoveraner unter dem Herzog Ferdinand waren im Anmarsch.

Abb. 78. Quedlinburg. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Ein kurzer Gang durch den herrlichen Buchenwald, der hier die Höhen schmückt, führt uns nach der Einhornhöhle. Viel früher bekannt, als die größeren und durch schönere Tropfsteingebilde ausgezeichneten Höhlen bei Rübeland, hatte sie hohen Ruf als die Fundstätte eines wertvollen und fast unfehlbar wirkenden Heilmittels, des „Einhorns“ d. i. der verkalkten Knochen vorweltlicher Tiere. Heute haben diese Knochen als die Schriftzeichen der fernsten Zeit einen ungleich höheren Wert, sie erzählen uns, daß die weiten Hallen dieser Höhle einst von Gletscherbächen durchspült wurden, denn die Knochen sind durch Rollung im Wasser gleich den Flußkieseln gerundet, daß aber die vor der jüngeren Eiszeit trockene Höhle von Menschenfressern bewohnt war, denn die Markknochen, darunter auch die von Menschen, sind zerschlagen.

Abb. 79. Altertümer in der Quedlinburger Schloßkirche. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Wenn wir unsere Wanderung durch den lauschigen, schattigen Wald ein Stündchen fortsetzen, stehen wir plötzlich unter dem Gipfel eines Berges, der mit wunderbaren Felsgebilden bedeckt ist, die an die Teufelsmauer oder die Bodensteiner Klippen erinnern, vor dem Eingange zur Steinkirche, einer natürlichen Höhle, deren Einrichtung als Kirche von der Sage dem heiligen Bonifatius zugeschrieben, von den Bauverständigen in dessen Zeit, in das achte Jahrhundert (spätestens in das neunte) gesetzt wird: der Steinaltar, die Kanzel, die Nischen für den Weihwasserkessel und ein Heiligenbild, die Balkenlöcher für das Schiff der Kirche sprechen deutlich für die Benutzung der Steinkirche als des Chores eines uralten Gotteshauses.
Von Scharzfeld wendet sich die Oder auf Pöhlde, die Klosterstiftung der edlen Königin Mathilde, bespült die vorgeschichtlichen Wallburgen des Rotenbergs und gibt ihre durch die Sieber verstärkten Wasser bei Catlenburg an die Ruhme ab, deren Quelle, die mächtigste in Deutschland, südlich von Pöhlde hervorbricht.
Die Sieber, diese Schwester der Oder, entspringt am Ostabhange des Bruchberges, verstärkt sich kräftig aus den Mooren des Rotenbruchs und hüpft und sprudelt zwischen dem Bruchberge und dem Sonnenberge in einem tief eingerissenen Thale, das trotz seiner malerischen Schönheit von den Touristen erst kaum entdeckt ist, an dem gleichsam aus den Alpen hierher versetzten Dörfchen Sieber vorüber, dem 250 Meter hoch gelegenen Flecken Herzberg zu, dessen hochragendes, weithin schimmerndes Schloß uns zu einem Besuche einladet.
Herzberg.
Wie Scharzfeld und Pöhlde war Herzberg (Abb. 43), das von Kaiser Lothar erbaut sein soll, ursprünglich Reichsgut und gelangte erst 1157 durch Tausch in den Besitz der Welfen. Nachdem es schon der Kaiserin Maria und mehreren Herzoginnen von Braunschweig als Witwensitz gedient hatte, nahm es Heinrich der Wunderliche (mirabilis), der Stifter der Linie Grubenhagen, zur Residenz, und solche ist es bis zum Erlöschen derselben im Jahre 1596 geblieben; und als 1617 infolge einer reichskammergerichtlichen Entscheidung das von Wolfenbüttel okkupierte Fürstentum der Celleschen Linie als der nächstberechtigten zugesprochen war, nahm hier Herzog Georg, der allein von den sieben Brüdern des Hauses Celle sich standesgemäß vermählen durfte, seine Residenz; unter den acht Kindern, die ihm hier geboren wurden, ist Ernst August, der erste Kurfürst von Hannover und Vater Georgs I., des ersten Königs von England aus dem Hause Hannover. Von der alten Burg sind nur noch die Keller vorhanden; der größte Teil des jetzigen Schlosses ist nach einem schrecklichen Brande im Jahre 1510, der alle Urkunden und Lehnbücher vernichtete und dem Herzog Philipp und seiner Gemahlin kaum die Möglichkeit ließ, unangekleidet durch einen Sprung aus dem Fenster das Leben zu retten, neu aufgeführt; der Graue Flügel stammt aber erst aus dem Jahre 1861.
Das auf der südlichsten, mit seinem Abfall dem Harz zugekehrten Kuppe des Osteroder Gipszuges malerisch gelegene Schloß wirkt bei seiner einfachen Architektur besonders durch seine große Ausdehnung.