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Der Harz

V. Geschichtlicher Überblick.

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Vorgeschichte des Harzes.

Wenn sich in dem weit wilderen Alpengebirge uralte Pfade schon in der vorgeschichtlichen Zeit nachweisen lassen, so ist die Annahme, daß solche auch im Harze vorhanden gewesen sein müssen, um so weniger gewagt, als der einzige dem Oberharze angehörende Fund aus der Steinzeit, ein gebrauchfertiges und gut erhaltenes Steinbeil aus nichtharzischem Gestein (Oberharzer Museum) gerade auf dem Brockenfelde gemacht ist, über das der „Heidenstieg“ lief, der später in den fahrbaren „Kaiserweg“ umgestaltet ward.

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Abb. 27. Schloß Derneburg.

Im übrigen wurde in vorgeschichtlicher Zeit das Innere des Harzes und insbesondere der hohe Westharz mit seinen undurchdringlichen Urwäldern, seinem wegsperrenden Klippengewirr und seinen Gefahr drohenden Mooren wohl nur hin und wieder von einzelnen kühnen Jägern betreten, die Elch und Schelch, Ur und Wisent, Bär und Wolf bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel zu verfolgen wagten.

Zu dauernder Ansiedelung aber konnten den Menschen der Steinzeit, dem Waldwirtschaft und Bergbau, die Vorbedingungen der späteren Besiedelung des eigentlichen Harzes, völlig fremd blieben, nur die dem Harze vorgelagerten Hügellandschaften und Flußebenen einladen.

Die Pfahlbauten in den Brüchen und trockenen Seen am Ostrande, die Feuerstätten unter dem Tropfsteinboden der Einhornhöhle, die zahlreichen in neuerer Zeit ausgegrabenen Wohn- und Grabstätten mit ihren Hausurnen und Steinkisten, die noch unverwischten Befestigungen mit all ihren wertvollen Funden reden eine gar deutliche Sprache, und eine Zusammenstellung der Orte, die durch ihren Namen als heidnische Opferstätten gekennzeichnet sind (Wodansberg, Hübichenstein, Thorsthor, Pholidi, d. i. Pöhlde, die Bocksberge und andre) ergänzt als zweite wichtige Urkunde jenen Bericht.

Beim Eintritt in die geschichtliche Zeit müssen die Harzlande freilich vorerst stumm von ferne stehen, wenn Süddeutschland und die Rhein- und Weserlande so viel des Interessanten aus der Römerzeit zu erzählen haben; aber dafür dürfen sie sich dessen rühmen, daß in ihnen der erste Versuch und Ansatz einer reindeutschen Staatenbildung gemacht ist: die südlichen und östlichen Vorlande bildeten das Mittel- und Kernstück des Königreichs Thüringen, das sich im ersten Viertel des sechsten Jahrhunderts von der oberen Donau bis an die Grenze des Bardengaues erstreckte. Die zahlreichen Ortsnamen auf —leben (das ist Aufenthaltsort) und —stedt (Wohnstätte) erinnern noch daran.

Als die Franken 529–531 die Macht der Thüringer mit Hilfe der Sachsen brachen, blieb ihnen nur der Helmegau (Walkenried, Nordhausen), der ganze Süd- und Ostrand vom Sachsgraben bei Wallhausen bis an die Oker fiel den Sachsen als Kriegsbeute zu, doch mußten sie für die südliche Hälfte den Franken jährlich 500 Kühe als Tribut liefern. Um sich von dieser drückenden Fessel der Unfreiheit zu befreien, folgten die Bewohner dieses Gaues 568 gern dem Rufe des Longobarden Alboin zum Einmarsch in Italien, und in die verödeten Lande zogen nun Nordschwaben, Friesen und Hessen ein, denen es 575 gelang, die zurückkehrenden Sachsen in zwei mörderischen Schlachten zu vernichten.

Einführung des Christentums.

Das Christentum ist in die Harzlande zuerst in der abgeschwächten Form des Arianismus durch die Thüringerkönigin Amalaberga, Theoderichs des Ostgoten Nichte, gekommen; doch hat die schwache Pflanze die Stürme jenes Vernichtungskrieges nicht überdauert. Erst Bonifatius und sein Schüler Wigbert haben es in den drei südlichen Gauen (Helme, Hessen, Friesen) sicher begründet, und in dem Schwabengau, in dem sich nur einige vorpostenartig vorgeschobene Wigbertikirchen (z. B. in Quedlinburg) finden, ist es vom Hausmeier Karlmann und seinem Bruder Pipin im Kampfe gegen den auf seine „Hoseoburg“ trotzenden Häuptling Theoderich 746–748 mit Waffengewalt eingeführt.

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Abb. 28. Schloß Henneckenrode. (Nach einer Photographie von F. H. Bödeker in Hildesheim.)

Wie weit dann auf friedlichem Wege das Christentum am Westrande des Harzes vorrückte, zeigt die Grenze des Mainzischen Sprengels, die im Pandelbach bei Münchehof mit der Nordgrenze des Lisgaues, des einzigen von Engern bewohnten harzischen Gaues, zusammenfällt. Die nördlich anschließenden Lande, der Ambergau (Seesen, Bockenem), der Wenzigau (Goslar), der Lerigau (Wöltingerode) und der Harzgau (Wernigerode, Blankenburg) sind erst durch den Schwertapostel Karl den Großen bekehrt. Ströme des Bluts, wie in Westfalen, sind im Harze nicht geflossen. Schon 775 unterwarf sich der Ostfalenherzog Hessi freiwillig an der Oker und hielt die gelobte Treue; seine Tochter gründete in Wenthausen, dem heutigen Thale, das erste Kloster in den Harzlanden.

Als Karl 809 für Ostfalen rechts der Oker in Halberstadt ein Bistum gründete, wies er diesem auch den Südrand bis zum Sachsgraben zu, so daß dem fernen Mainz nur der Helme- und der Lisgau verblieben. Für Ostfalen links der Oker gründete Karl 818 das Bistum Hildesheim; und an der Vertiefung des vielfach nur äußerlich angenommenen Christentums arbeiteten mit jenen Bischöfen auch die Klöster Fulda und Hersfeld weiter.

Besiedelung des Harzes.

Die Ortschaften, welche bis zu dieser Zeit etwa in den Harzlanden entstanden waren, gehören drei verschiedenen Gruppen an. Die älteste umfaßt diejenigen, deren Namen auf —hausen und —heim (—um, —em), auf —leben und —stedt endigen, also auf eine Einzelsiedelung, auf das von den zugehörigen Hütten der Laten umgebene Haus eines seßhaften freien Mannes hinweisen, die zweite solche, deren Namen auf —ingen und —ungen endigen, Siedelungen einer ganzen Sippe. Auch die Orte mit bloßen Naturnamen, wie z. B. Goslar (Einöde am Gießbach), Steina (Siedelung an der Grenze, nämlich zwischen Sachsen und Thüringern), sowie die, welche auf —a, —see, —leite, —berg u. s. w. ausgehen, gehören zum größten Teil der frühesten Zeit an. Die dritte Gruppe bilden die Orte, welche sofort als „Dorf“ entstanden sind.

Die Volksmenge ward allmählich dichter, die unter dem Pfluge liegenden Ackerflächen genügten nicht mehr, und notgedrungen nahmen die Bewohner der Vorlande auch die öden Gebiete in Angriff, lichteten den Urwald mit Axt und Feuer, legten die Sumpfgegenden durch Gräben und Dämme trocken und machten den so dem Walde und dem Wasser abgewonnenen Boden durch den Pflug zu ertragsfähigem Lande.

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Abb. 29. St. Hubertus-Kapelle am Heinberge. (Nach einer Photographie von F. H. Bödeker in Hildesheim.)

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Abb. 30. Romkerhaller Wasserfall. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Liegen die Orte, welche in dieser Zeit der „ausbauenden Kolonisation“ entstanden sind, auf ehemaligem Waldboden, so endigt ihr Name auf —loh, d. i. Wald (Braunlage = brauner Wald), auf —feld (Mansfeld u. s. w.), auf —hain und —hagen, —rode und —schwende; ist ihre Flur durch Entwässerung des Sumpfes gewonnen, auf —riet. Noch jetzt umzieht ein dichter Kranz solcher Ortschaften den Harz, die meisten aber sind längst wieder eingegangen, weil die Länderei die Arbeit nicht lohnte. Ganz besonders trifft dies die zahlreichen „Hagen“, d. i. auf Waldblößen angelegte Ortschaften mit eingefriedigter Feldmark, und die noch häufigeren Rodungen. Von den an der Endung —schwende (von suantjan, schwinden machen) kenntlichen Brandrodungen, die nur im Ostharze vorkommen, ist Molmerschwende die bekannteste.

Das Jahr, selbst das Jahrhundert der Erbauung all dieser späten Siedelungen läßt sich nur bei einigen annähernd angeben. —

Die Kaiserzeit.

Hatte einst das mächtige Thüringerreich im Südostharze seinen Mittelpunkt, so stand später, als das von Karls des Großen Weltreich abgetrennte und in Selbständigkeit erstarkte Deutsche Königreich, bald vom Glanze der römischen Kaiserkrone umstrahlt, den Höhepunkt seiner Macht erreichte, zur Zeit der Ludolfinger, Salier und Staufer, der Harz hellleuchtend im Vordergrunde der deutschen Reichsgeschichte. Wie nirgends sonst im ganzen Deutschland reihten sich um den Harz Königshöfe und Pfalzen zu einem prächtigen Kranze zusammen: im Norden Dahlum, Seesen, Werla, Ilsenburg, im Osten und Süden Frose, Walbeck, Quitelingen, Allstedt, Tilleda, Wallhausen, Nordhausen und Pöhlde.

Unter den ludolfingischen Kaisern liegt der Schwerpunkt vorerst im Süden und Osten: in Wallhausen, Nordhausen und Quedlinburg, zu denen dann noch aushelfend Pöhlde und Gernrode kommen. So dankbar die Aufgabe wäre, diese Könige, besonders Heinrich I. und Otto den Großen, von einer Harzpfalz zur andern zu begleiten: wir müssen es uns um des Raumes willen versagen. Mit dem Erlöschen der Ludolfinger trat die alte Kaiserstadt Quedlinburg in den Hintergrund. An der stolzen Stiftung des ausgestorbenen einheimischen Hauses nehmen die fränkischen Kaiser nur geringen Anteil, ihr Lieblingsaufenthalt ward Goslar, dem unter dem mächtigen Heinrich III. eine wahrhaft glänzende Zeit erstand. Auf der Höhe des Kaiserbleekes erbaute er den großartigen Reichspalast (Abb. 3) und in dessen Nähe den herrlichen Dom, einen leuchtenden Schmuck für das ganze Sachsenland. Damals war Goslar in Wahrheit das clarissimum regni domicilium. Und wenn unter Heinrich IV., dem Harzer von Geburt, der Glanz zu erblassen schien und die burggekrönten Harzberge trauernd das Haupt neigten, so kehrten jene Tage des Ruhmes unter dem Sachsen Lothar und unter den beiden Friedrich von Staufen noch einmal wieder auf lange Zeit: ja der Reichstag, den Barbarossa im Juni 1154 in Goslar hielt, überstrahlte alle andern, die der Harz je gesehen hat.

Viermal spitzte sich die deutsche Reichsgeschichte zu einem Kampfe zwischen dem Kaiser und dem Sachsenherzoge zu, aber keiner von ihnen, auch kein späterer Krieg, hat je die Harzlande so schwer betroffen, so viel Städte in Asche gelegt, so viel Burgen gebrochen, als der letzte, in dem um jedes Panier, um das des Welfen Heinrich des Löwen und das waiblingische Barbarossas Harzer Grafen und Harzer Bürger sich scharten.

Im Jahre 1253 sah Goslar zum letztenmal einen Kaiser in seinen Mauern: Wilhelm von Holland, der König der welfischen Partei, ließ sich hier vom Glanze der alten Kaisererinnerungen bestrahlen. Dann stand die Kaiserpfalz öde und vergessen, bis in unseren Tagen in die alten Mauern, die länger als sechs Jahrhunderte trauernd und verlangend nach einem Kaiserantlitz ausgeschaut hatten, der greise Kaiser Wilhelm der Große, der siegreiche Einiger und Mehrer des Reichs, einzog.

Die Harzgrafschaften.

Mit dem Untergange der Hohenstaufen und der Zertrümmerung des starken sächsischen Stammesherzogtums verliert die Harzer Geschichte ihren einheitlichen Charakter. Eine Vielheit von Territorien, geistlichen und weltlichen, umspannten den Harz und hatten das Innere in größeren Bruchstücken und kleinen Splittern zu eigen. Der Oberharz gehörte dem 1235 in seiner Herzogswürde anerkannten Welfenhause, im Osten griffen — wie noch heute — die Besitzungen des Hauses Anhalt, der Selke folgend, tief in das Gebirge hinein; dem Süd- und Ostrande aber gaben die Harzgrafschaften Wernigerode, Regenstein, Falkenstein, Mansfeld, Stolberg, Hohnstein, Scharzfeld u. a. ihr charakteristisches Gepräge. Bis auf das durchlauchtige Haus Stolberg, mit dem jeder Harzer sich gleichsam landsmännisch verwachsen fühlt, sind diese mächtigen Geschlechter, allen voran das kaisertreue Woldenberg-Harzburgische, dessen Glanz fast schon mit dem der Hohenstaufen erbleicht, eins nach dem andern erloschen. Nach manchen Wechselfällen breitet heute der preußische Königsadler, dem braunschweigischen Löwen und dem anhaltischen Bären ihren Raum gönnend, schirmend seine Flügel über den Harz und dessen Vorlande.

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Abb. 31. Markt mit Rathaus in Goslar. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

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