VII. Die Wipperlandschaft. — Mansfelder Bergbaugebiet.
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Aus dem Gebiet der Selke treten wir in das der Wipper über, die sich in der Nähe von Bernburg in die Saale ergießt. Der erste ihr dienstbare Bach, die Eine, läuft, zumal wenn wir die bei Stangerode einmündende Leine als Hauptbach ansehen, von ihrer Quelle auf der Hochebene von Harzgerode bis Aschersleben der Selke in geringem Abstande parallel. Zwischen den beiden genannten Bächen liegt zwischen Kartoffelfeldern, auf baum- und poesieloser Ebene das ärmliche Dörfchen Molmerschwende, Bürgers Geburtsort, und links von der Leine das Dorf Pansfelde, das „Taubenhain“ einer fast vergessenen Bürgerschen Ballade. Oberhalb des hübsch von bewaldeten Bergen umschlossenen Stangerode finden wir bei der Einmündung des Wiebeeks in einem freundlichen Waldthale am Fuße des Hakeberges die interessanteste Wüstung des Harzes, das zuerst 1043 erwähnte Volkmannsrode: unter den weitschattenden Linden bei der Kirchenruine dieses schon ein halbes Jahrtausend verlassenen Dorfes wurde noch vor drei Jahrzehnten zweimal im Jahre das uralte Rügegericht gehegt, ein in unsere nüchterne Zeit fremdartig hineinreichender Rest des alten germanischen Gerichtsverfahrens. Ruine, Gerichtslaube und Linden werden auf Weisung der Herzoglichen Regierung noch jetzt mit Pietät erhalten.

Abb. 103. Luther-Denkmal in Eisleben.
Arnstein.
Aber das Eineflüßchen hat noch eine dritte Überraschung für uns bereit: unfern des Dorfes Harkerode erhebt sich auf steilem Felsen die Ruine Arnstein, eine der besterhaltenen unserer Lande. Da die Edlen von Arnstedt, die mit dem aus Württemberg stammenden Erzbischof Hanno von Köln eines Geschlechts waren, sich zuerst 1136 von Arnstein nennen, so muß die Burg damals erbaut sein. Es war ein angesehenes Geschlecht: ein Walther hatte eine Enkelin Albrechts des Bären zur Gemahlin, ein Gebhard, mütterlicherseits mit den Staufen verwandt, war lange Zeit Kaiser Friedrichs II. Stellvertreter in Italien. Graf Walther V., der letzte des Geschlechts, übergab 1296, um in den deutschen Orden einzutreten, die Herrschaft seinem Schwager Otto von Falkenstein. Die Nebenlinie der „Grafen von Barby“ erlosch erst 1659.
Durch Kauf 1387 in den Besitz der Grafen von Mansfeld gelangt, wurde sie 1530, als hier eine der Linien des „Vordernorts“ ihre Residenz nahm, gründlich restauriert. Aber zwei Jahrhunderte später war sie bereits Ruine. Die Mauern des fünfstöckigen Hauptgebäudes stehen noch 20 Meter hoch, und der riesige Rundturm ist noch auf 100 Stufen im Treppenturm zu ersteigen.
Unterhalb Stangerodes verflachen sich die Hügel, und Kornfelder verdrängen völlig den Wald. Doch folgen wir der Eine noch bis Aschersleben zu flüchtigem Besuche. Schon zur Zeit der Karolinger als Ascegeresleben in Thüringen in einer Schenkungsurkunde für das Stift Fulda erwähnt, hat sich die im Mittelalter mit Quedlinburg und Halberstadt stets eng verbündete Stadt zu einer der wohlhabendsten und gewerbfleißigsten der Harzlande entwickelt und zählt jetzt 27250 Einwohner. Neben dem Reichtum an Altertümern, mit denen ihre Schwesterstädte prunken dürfen, kann sie nur wenig mehr als die gotische Stephanikirche, das schöne Rathaus im Stile der Renaissance und die unbedeutende Ruine der schon 1140 zerstörten Askanierburg stellen.
Das Wipperthal.
Die Wipper, welche mit der Selke fast gleiche Länge und Richtung hat, entspringt am Ostabfall des Auerbergs, greift aber mit andern Quellbächen nach allen Seiten weit hinaus, im Norden bis Neudorf, im Süden fast bis nach Dietersdorf. Kurz vor dem Flecken Wippra vereinigt sie die in der Alten und der Schmalen Wipper gesammelten Wasser.
Ihr Oberlauf ist anmutiger als der der Selke; besonders wirkungsvoll ist die Bewaldung der Schmalen Wipper: auf der Sonnenseite Buchen, auf der Winterseite Fichten. Ein Prunkstück, wie es die Selke zwischen Alexisbad und Mägdesprung uns vorhält, hat die Wipper dagegen nicht aufzuweisen; aber ihr Thal von Wippra abwärts hält den Vergleich mit dem Selkethal unterhalb Mägdesprungs wohl aus, wenn auch die sanft gewellten Höhen das breite Wiesenthal nirgends um 100 Meter übersteigen. Ihr Gefälle bis Leimbach beträgt 1 : 156, das der Selke bis Meisdorf 1 : 104 (das der Bode von der Quelle bis zur Blechhütte bei Thale 1 : 77).
Wippra liegt mit seinen Feldern und Wiesen freundlich in üppige Wälder gebettet, hat aber außer spärlichen Resten einer Burg nichts von Bedeutung aufzuweisen. Doch bald schon schimmert über prachtvolle Laubwälder das schöne im dreizehnten Jahrhundert erbaute Schloß Rammelburg, halb Brandruine, halb bewohnt, auf einem von drei Seiten umflossenen Bergvorsprunge sich mitten in das Thal schiebend, uns entgegen. Mögen andre Harzschlösser mit der Rammelburg um großartige Schönheit streiten, aber diese thalauf und -ab fast gleich wirkungsvolle Schaustellung ist nur dieser eigen. Und wenn andre Burgen uns aus alter Zeit des Interessanten viel zu berichten wissen, so erinnert uns die Rammelburg an zwei schlichtbürgerliche bedeutende Männer der neueren Zeit: der große Forstmann Pfeil, der „Erzieher des deutschen Waldes“, ist hier als Sohn eines Justizamtmannes geboren, und in der Schloßkapelle ist Hermann August Francke getraut.

Abb. 104. Sachsa. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Abb. 105. Kloster Walkenried. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Harzluft und Waldesduft zu atmen und uns an friedlicher Stille zu erquicken, ist uns nur eine kurze Strecke im Wipperthale beschieden: turmhohe, rauchwirbelnde Schornsteine, mächtige schwarze Schlackenhalden, das Thal beengend und täglich noch wachsend, Schächte und Hütten mit ihrem geschäftigen Treiben, mit allem Geklapper und Gerassel der Maschinen melden uns wuchtig, daß wir hier bei Leimbach an einer der Hauptarbeitsstätten der heiligen Barbara angekommen sind, der neuen Patronin des Bergbaues, die mit ihrem Pulver und Lärm die alten ruhigeren Bergheiligen Sankt Joachim und Sankt Anna vom Stuhle gestoßen hat. Bis Hettstedt und darüber hinaus reiht sich, miteinander wechselnd, Schacht an Schacht und Hütte an Hütte. Hier im Freiesleben-, dort im Eduardschacht und in den Lichtlöchern des 31 Kilometer langen Schlüsselstollen werden die Kupferminern gewonnen, hier in der Eckard-, dort in der Kupferkammerhütte gebrannt und geschmolzen, hier in der Katharinenhütte wird Silber und Kupfer aus dem Rohprodukt geschieden, dort auf der Saigerhütte die Raffinierkrätze zugute gemacht (Abb. 92 u. 93). Und in all das Getriebe schaut verwundert die stille Ruine der alten Burg Örner vom Waldhügel hernieder.
Mansfelder Bergbau.
Bei Hettstedt, dem östlichsten Punkte des Harzes, entlassen wir die Wipper aus unserm Geleit und wenden uns der mit Leimbach fast verbundenen Stadt Mansfeld und ihren Erinnerungen an D. Luther zu.
Doch zuvor statten wir schon an dieser Stell „seines Vaters lieben Schlägelgesellen“ einen kurzen Besuch ab.
Nach alten Nachrichten sollen zwei Bauern, Nappian und Naucke, am 12. Juni 1199 beim damaligen Dorf Hettstedt den ersten Kupferschiefer gewonnen haben, und die Grafen im Jahre 1215 vom Kaiser Friedrich II. mit dem Bergregal belehnt worden sein. Wenn nun auch jene Angabe richtig sein und die Ortschaft Kupferberg bei Hettstedt 1199 entstanden sein mag, so haben doch die Grafen von Mansfeld schon lange vor dieser Zeit Bergbau betrieben. 1364 gab ihnen Kaiser Karl IV. diesen auch innerhalb einer über die Grafschaft hinausreichenden Grenze zu Lehen. Kaiser Friedrich III. aber verwies sie damit 1480 an die Herzöge von Sachsen. Im vierzehnten und fünfzehnten und auch noch im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts gelangte der Bergbau zu großer Blüte, aber sein Verfall bereitete sich schon vor: die stets um Geld verlegenen Grafen nahmen Vorschüsse von den Kupferhändlern, verpfändeten Hütten und gaben andre zu Lehen. Die Teilung der damals vorhandenen 95 Hütten („Feuer“) unter die sechs Grafenlinien im Jahren 1536 konnte den Vermögensverfall nicht aufhalten. Als die Schuldenlast der Grafen die für jene Zeit ungeheure Summe von zweiundeinhalb Millionen Gulden erreichte, nahmen Sachsen und Magdeburg als Lehnsherren 1570 Bergbau und drei Fünftel der Grafschaft in Sequester; damit waren die Grafen trotz ihres Protestes mediatisiert. Während des dreißigjährigen Krieges und noch mehrere Jahrzehnte nachher beschränkte man sich darauf, alte Halden und offene Schächte auszuklauben. Erst durch die „Freilassung“ im Jahre 1671, die jedermann gestattete, Bergwerke zu muten und zu bauen, kam der Bergbau wieder in geordneten Betrieb. Die fünf Gewerkschaften, welche sich nun nach und nach bildeten, haben sich im Jahre 1852 zu einer einzigen, der „Mansfeldschen Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft“ vereinigt, die ihren Sitz in Eisleben hat.
Es ist ein einziges muldenförmiges Kupferschieferflöz, auf dem die Mansfelder Gruben bauen. Das Erz kommt in diesem in der Regel als „Speise“ vor, d. h. in sehr feinen Stäubchen eingesprengt, die auf dem Querbruch metallisch schimmern. Doch treten neben dieser Speise, die goldgelb, blau, rot und grau sein kann, auch feine Schnüre von Buntkupfererz und Kupferglas auf, wie in den Sanderzen bei Sangerhausen dicht zusammengedrängte Kupferkiesstäubchen als „gelbe Tresse“.

Abb. 106. Denkmal Ernst VII., des letzten Grafen von Hohnstein, im Kloster Walkenried. (Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)

Abb. 107. Kreuzgang im Kloster Walkenried. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Die „gültigen“ Schieferlager sind nur sieben bis dreizehn Centimeter mächtig, doch muß das Nebengestein, damit der Bergmann Platz findet, bis zur Gesamthöhe von einem halben Meter mit weggehauen werden. Der Häuer liegt bei der Arbeit auf der linken Seite und schützt sich gegen das kalte und nasse Gestein durch ein angeschnalltes Beinbrett und ein lose liegendes Achselbrett. Die durch Schrämen (Abb. 94) und Sprengen gewonnenen Schiefer werden durch die Schlepper, 14- bis 19jährige Burschen, in Hunden (Förderwagen) an die Förderstrecke gezogen. Der Schlepper schnallt sich ein mit acht Centimeter hohen Stollen (Langeisen) versehenes Beinbrett vorn auf den linken Oberschenkel, nimmt das Achselbrett zur Hand und legt sich vor den Hund. Dann richtet er sich soweit auf, daß er das Knöchelgelenk des rechten Fußes mit einem Riemen an den Hund knebeln kann, legt sich, wenn dies geschehen ist, mit dem linken Oberarm auf das Achselbrett, stützt sich mit der rechten Hand auf das Liegende (den Boden) und hakt mit den Stollen des Beinbretts auf dieses auf. Nach dieser Vorbereitung kann die Fortbewegung des Hundes beginnen. Der Schlepper zieht das freie linke Bein an, stemmt die Fußsohle desselben, um einen festen Halt zu gewinnen, gegen das Dach und streckt sich, das Achselbrett mit der linken Hand weiterschiebend, gerade; dabei zieht das gefesselte rechte Bein den Hund selbstverständlich ein Stückchen mit fort.
Enthielten die Mansfelder Schiefer nur Kupfer, so hätte der Bergbau längst eingestellt werden müssen. Denn nachdem Spanien, Colorado, die Gegend am Oberen See und andere Länder Amerikas in die erste Reihe der Kupferproduzenten getreten sind, kommt jetzt jährlich mehr als das Vierfache der früheren Jahresproduktion in den Handel. Nur der hohe Silbergehalt, ½ Pfd. Silber im Zentner Kupfer, sichert dem Mansfelder Bergbau trotz der Entwertung des Silbers um die Hälfte seinen Fortbestand. Aber die Gewerkschaft hat noch mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei der Abteufung (Abb. 95) neuer Schächte ist man mehrfach auf weit verzweigte Schlotten gestoßen, von Gips eingeschlossene Hohlräume, welche durch Auflösung des ursprünglich hier abgelagert gewesenen Steinsalzes entstanden und jetzt mit Wasser angefüllt sind. Die Bewältigung dieser Wassermassen ist aber sehr schwierig und kostspielig; um dem Übel gründlich beizukommen, hat man darum in der Annahme einer unterirdischen Verbindung den Salzigen See trocken gelegt.
Welche Bedeutung das Wohl und Gedeihen des Mansfelder Bergbaues auch für den Staat hat, folgt schon daraus, daß er 80000 Personen — Berg- und Hüttenleuten mit deren Familien — ihr ausreichendes Brot gewährt.
Mansfeld.
Mit dem ‚Mannesfeld‘, welches das Stift Fulda im Jahre 974 tauschweise an Magdeburg abtrat, ist das Dorf Kloster-Mansfeld gemeint, denn die nach dieser „Rodung des Mano“ benannte Burg ist erst im elften Jahrhundert erbaut, und die Stadt (Thal-) Mansfeld erst unter dem Schutze der Burg an deren Fuße entstanden.
In diesem Städtchen, das vor 100 Jahren erst 1000 Einwohner zählte, hat Luther seine Kinderjahre verlebt. Das Haus, das sein Vater im Jahre 1484 erwarb und 1530 auf seinen Sohn Jakob vererbte, ist nur noch teilweise vorhanden: über der vermauerten rundbogigen Hofpforte aus rotem Sandstein findet sich noch erkennbar das alte Luthersche Wappen, Rosen und Armbrust, mit den Buchstaben J. L. 1530.
Nicht viel besser ist es dem Grafenschlosse ergangen, das 65 Meter tief auf die an den Seitenhängen eines Thales sich hinziehende Stadt hinabsieht. Der erste, der sich nach ihm nennt und auch wohl sein Erbauer sein wird, ist Kaiser Heinrichs V. Feldherr Hoyer, der 1115 am Welfesholze fiel. Mit dem Tode des Grafen Burchard gingen 1230 Burg und Namen auf seinen Schwiegersohn, den Edelherrn Burchard von Querfurt über. Zu Luthers Zeit spalteten sich seine Nachkommen in drei Linien mit sieben Zweigen, aber ein und einhalb Jahrhunderte später war nur noch die in den Reichsfürstenstand erhobene Linie Bornstedt übrig, und auch diese erlosch, nachdem bereits 1710 der Eislebensche oder lutherische Zweig verdorrt war, am 31. März 1780 mit dem in Österreich lebenden Fürsten Joseph Wenzel von Fondi. Nun fielen die Besitzungen bis auf einige Allodialgüter, welche auf Joseph Wenzels Schwiegersohn, den Fürsten Coloredo und seitdem „Grafen von Mansfeld“, vererbten, zu ⅗ an Kursachsen und zu ⅖ an Preußen (Magdeburg).

Abb. 108. Ellrich. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Der meistens nur „Ernst von Mansfeld“ genannte Held des dreißigjährigen Krieges, den der Tod am 26. November 1626 im bosnischen Dörfchen Wrakowicz ereilte, war der Sohn des Fürsten Peter Ernst I. aus dessen morganatischer Ehe mit der schönen Anna von Eicken.
Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts wurde die Burg durch Hinzufügung eines dritten Schlosses, des „Hinterortes“, bedeutend erweitert und in ihrem ganzen Umfange stärker befestigt. Aber gerade das sollte ihr den Untergang bringen: da sie im dreißigjährigen Kriege, statt das Land schützen zu können, die Heere aller Parteien angelockt hatte und bald erobert wurde, bald wieder verloren ging, so verfügte der Landesherr 1674 unter Zustimmung der Grafen ihre Zerstörung; 400 Mann arbeiteten daran, aber da Kalk und Gestein untrennbar verkittet waren, mußte ihnen noch ein Trupp von 30 Bergleuten mit Bohrer und Pulver zu Hilfe kommen.
Aber noch immer stehen einzelne Reste der Mauer stolz und fest, als wären sie mit dem natürlichen Fels, der sie trägt, zu einem Stück verwachsen. Ein breiter, tief in den Fels gehauener Graben, der die Burg von Nordost bis Nordwest umgibt, zeugt von den ungeheuren Anstrengungen, die einst auf die Befestigung des Platzes verwandt sind. Ein einziges, ehemals noch durch Außenwerke gedecktes Thor führt auf dieser Seite in den noch jetzt von festen, zum Teil doppelten Mauern und Kasematten umschlossenen öden Burghof, auf dem uns von allen Seiten in romantisch-malerischen Gestaltungen die alten Wohnsitze entgegentreten. Vom Vorderort hat sich fast nichts als ein starker Wallturm, die Gewölbe der Münze und ein altes Wachthaus auf den Umfassungsmauern erhalten. Im Mittelort, in dem sich neben der würdig restaurierten gotischen Kirche das jetzige Herrenhaus inmitten hübscher Gartenanlagen befindet, fallen die Umfassungsmauern eines stattlichen Gebäudes, in dem hohe Fichten wurzeln, besonders ins Auge: es ist der 1532 erbaute „Goldene Saal“, der gemeinschaftliche Prunksaal der Häuser Mittel- und Vorderort; und im Anschauen der über den Nebenpforten eines großen Turmgebäudes angebrachten Steinbilder, eines auf dem Fasse sitzenden Bacchus und zweier Männer, von denen der eine mit seiner leeren Weinkanne nach dem den vollen Humpen leerenden Kumpan schlägt — Umschrift: Quid est? bapsi! — Darstellungen, welche den schwelgerischen Humor der Erbauer wiedergeben, müssen wir des strafenden Wortes gedenken, das D. Luther seinen lieben alten Landesherren zurief, da ihm der Wein auf der Treppe entgegenrann: „Die Herren düngen gut, es wird brav Gras danach wachsen.“ Auf und in den völlig zusammengebrochenen Mauern des Hinterorts, dessen ausgedehnte Gebäude einst als die schönsten gepriesen wurden, wuchern schon lange Bäume und Gesträuch.
Die Grafen von Mansfeld hatten sich den heil. Georg zum Patron erkoren, den vom wütenden Volke am 24. Dezember 361 beim Regierungsantritt des Kaisers Julian ermordeten Bischof von Alexandria, der sich gegen das Ende der Kreuzzüge in den ritterlichen Drachentöter, den Schutzpatron der Waffenübungen und des englischen Ordens vom blauen Kniebande verwandelte. Gleich den ungarischen wurden die mansfeldischen Georgsthaler schon im dreißigjährigen Kriege als Amulett gegen Hieb, Schuß und Stoß getragen. Der abgebildete (Abb. 96), i. J. 1620 geprägte Thaler der drei vorderortschen Grafen Volrat († 1627), Wolfgang I. († 1638) und Johann Georg II. († 1647) zeigt den Heiligen im Harnisch auf rechts schreitendem Turnierpferde, wie er mit der Lanze den Kopf des Lindwurms durchbohrt. Die Inschrift Ora pro (nobis) auf der Decke ist nicht zu erkennen. Die Umschrift ist zu lesen: Volrat, Wolfgang, Johann Georg, „patroni, comites et domini in Mansfeld, nobiles domini in Heldrungen“. Der quadrierte Wappenschild enthält im ersten und vierten, wieder viergeteilten Felde die sechs Querstreifen von Querfurt und die sechs, in zwei Reihen gestellten Wecken (oder Gerstenkörner) von Mansfeld, im zweiten den Adler von Arnstein und im dritten den Löwen von Heldrungen mit doppeltem Zagel. Als Helmzier dienen die acht mansfeldischen Fähnchen und der Arnsteiner Adler.
Der zweite, 1811 geprägte Thaler (Abb. 97) zeigt den Kopf des lustigen Hieronymus, von seines Bruders Gnaden Königs von Westfalen. Der dritte (Abb. 98) ist bereits in Berlin i. J. 1862 geprägt, mit dem beim Übergange der Verwaltung an die Gewerkschaft die besondere Vermünzung des im Mansfeldischen gewonnenen Silbers aufhört.

Abb. 109. Ilfeld, vom Herzberg gesehen. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Eisleben.

Abb. 110. Ruine Hohnstein. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Unser letzter Besuch an diesem Harzrande gilt der Lutherstadt Eisleben. (Abb. 99 und 100) Nach den großen verheerenden Feuersbrünsten, namentlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, hat sie trotz ihres hohen Alters kein altertümliches Gepräge. Unser Rundgang darf sich deshalb im wesentlichen auf die Lutherstätten beschränken. Das Lutherhaus (Abb. 101) enthält im Erdgeschoß, das bei einem Brande im Jahre 1689 unversehrt blieb, das Geburtszimmer des großen Bergmannssohnes und in den Sälen des 1694 im Stil der Renaissance erneuerten Oberstocks eine Art Luthermuseum. — Um mit seinem Rate die zwischen den Grafen, namentlich inbetreff des Bergbaus schwebenden Streitigkeiten beseitigen zu helfen, war Luther im Winter 1545/46 dreimal in Eisleben; „abgelebt und müde“ kam er am 28. Januar, von den Grafen und einem Gefolge von 113 „Pferden“ von der Grenze ab ehrenvoll geleitet, zum drittenmal hier an und stieg bei dem ihm befreundeten Stadtschreiber Dr. Drachstedt ab. In Gemeinschaft mit den beiden andern gewählten Schiedsrichtern, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt und dem Grafen Heinrich von Schwarzburg, gelang ihm zu seiner großen Freude der völlige Ausgleich; und obwohl schwach und hinfällig, unterschrieb er am 17. Februar 1546 auch noch den letzten, abschließenden Vertrag. Doch bald darauf steigerte sich die Krankheit; das Einhorn, das Graf Albrecht ihm schabte, und das stärkende Wasser, mit dem die Gräfin ihm den Puls rieb, blieben wirkungslos, und in der dritten Morgenstunde des 18. Februar ging der große Reformator zur ewigen Ruhe ein. Das Sterbezimmer ist die kleine, trauliche straßenwärts liegende Kammer im oberen Stock des wohl erhaltenen gotischen Hauses (Abb. 102). In der gegenüberliegenden Andreaskirche hat Luther seine letzten vier Predigten gehalten, die letzte zwei Tage vor seinem Tode ( 99).
Diese mit ihren aus dem dreizehnten Jahrhundert stammenden Hausmannstürmen stolz aufragende Hauptkirche, als deren Pfarrer 1609–11 der in Ballenstedt geborene Johann Arnd sein „Wahres Christentum“ schrieb, gibt auch dem ansteigenden Marktplatze, auf den von der Rathausecke der gekrönte Kopf des hier gewählten Königs Hermann von Salm, das Wahrzeichen der Stadt, herunterblickt, den wirkungsvollen Hintergrund. Auf der Mitte des Platzes ist am 400. Geburtstage Luthers das Bronzestandbild (Abb. 103) des Mannes enthüllt, in dessen Hand nach den Worten des Katholiken Döllinger „Sinn und Geist der Deutschen wie die Leier in der Hand des Künstlers“ waren. In der Linken die Bibel, schickt sich der Reformator an, die Bannbulle ins Feuer zu werfen; die Reliefs am Sockel zeigen ihn in der Disputation mit Dr. Eck und der edlen Musika pflegend im Kreise seiner Familie.
Ein großartiges Fest andrer Art sah der wundervoll geschmückte Marktplatz am 12. Juni 1900: die 700jährige Jubelfeier des Mansfelder Bergbaues, verherrlicht durch die Gegenwart unsers allgeliebten Kaiserpaares.