I. Einleitung.
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„Mag Samaria und Judäa ein sehr fruchtbares Land gewesen sein, ich lobe mir dafür meine Güldene Au.“ So sprach, wie D. Luther erzählt, Botho der Glückselige, Graf zu Stolberg, als er am 9. Februar 1494 von seiner „Meerfahrt“ in das Gelobte Land in seine harzische Heimat zurückkehrte. Ja, und wenn es auch gar viel gewaltigere Gebirge gibt mit himmelanstrebenden, von den Wolken benetzten Spitzen und Hörnern, mit glitzernden Gletschern und ewigem Firn: ich lobe mir doch meinen bescheidenen Harz und ich liebe ihn und preise ihn, so gut ich kann.
„Größ're Gebirge wohl gibt's, doch keines, das ihn überträfe Beides an Wald und Wild ...“
singt Heinrich Rosla (gegen 1300) in seiner Herlingsberga; und Konrad Celtis, der die Vorlande unseres Gebirges im Jahre 1498 durchreiste, rühmt an diesem die Fülle mannigfaltigen Erzes, die mit Taxus und Fichte geschmückten Höhen, die dunkelschattigen Thäler, die rauschenden, jählings durch die Felsen herabstürzenden Gießbäche, wodurch die matterleuchtete Gegend das Ansehen der Unterwelt gewönne.
„Vom Harz der Fichte“ leitet Celtis den Namen unseres Waldgebirges ab, und noch Johann Rauws spricht's hundert Jahre später ihm nach. Aber wenn sie hierin auch irren, strömt uns nicht aus dem Worte „Harz“ gleichsam der würzige Duft der unabsehbaren Nadelwälder erfrischend entgegen, hören wir nicht bei seinem Klange gleichsam das geheimnisvolle Rauschen und Flüstern der weithin schauenden Wipfel unserer „nordischen Palme“? Und die Töne der Schwarzdrossel und ihrer sangeskundigen Schwestern klingen melancholisch darein, und über die klaren, blinkenden Teiche hallt leise und feierlich wie aus „verlorener Waldkirche“ das harmonische Geläut der friedlich weidenden braunen Rinderherden herüber, und der Gießbach stimmt murmelnd ein in den Abendpsalm. Und wenn die Schwingen des Waldes ruhen und die Töne mählich verklingen und nur noch die Saiten des Herzens andächtig nachzittern, und der letzte Sonnenstrahl, der so eben noch hier die grüne Nacht des Hochwaldes zu durchdringen sich bemühte, dort auf dem weichen, dichten Moospolster und den dichtgedrängten, losen Farnwedeln neckisch spielte, scheidend erlischt — dann erheben Sage und Märchen ihr Haupt. Schaut hier nicht König Hübich Gaben verheißend aus dem Felsenspalt, schreitet dort nicht der Bergmönch mit flackerndem Grubenlicht hinter dem ältesten der Baumriesen hervor? Und das zottige Flechtengewirr an den Zweigen und die knorrigen, weit hervorragenden Wurzeln nehmen gar seltsame Gestalten an, und wie ein Geisterhauch fliegt's durch die Kronen.
Wohl ist die Rottanne oder Fichte dem Harze nicht ausschließlich eigen, aber es gibt in Deutschland kaum ein zweites Gebirge von gleicher Höhe, in dem ihre Herrschaft so wenig beschränkt wird; und mindestens dem Westharz, seinen hohen Bergen und tiefen Thälern prägt sie durch ihre dunklen, lang hinziehenden Massen, in denen der einzelne Baum gleichsam untergeht, den eigenartigen Charakter auf.

Abb. 3. Kaiserhaus in Goslar. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Den Inseln gleich im grünen Waldmeere liegen, weithin, doch nicht planlos verstreut, große und kleine Wiesenfluren und inmitten einer jeden, meist der Form und dem Zuge des Thales sich anschmiegend, die Bergstädte und oberharzischen Ortschaften, auf den kleinsten Eilanden wenigstens ein Forsthaus, oder ein Zechenhaus oder eine Mühle. Längst hat der rote Ziegel die schwärzlich graue Holzschindel verdrängt, und mit frischen Farben leuchten diese kleinen Siedelungen — in den unabsehbaren grünen Teppich gewobene Blumen — zu der Höhe herauf, von der wir Umschau halten, und fesseln unsere Augen.
Und wie ganz anders rollt das Bild sich ab, wenn wir unsern Fuß rüstig wandernd gen Osten setzen. Sind wir denn wirklich im Gebirge? Kein Bergzug umrandet die Ebene, versteckt und verdeckt liegt selbst der Vater Brocken, der sonst nach allen Seiten seine Grüße versendet; kein Gießbach schäumt, fast unhörbar und in Mäanderschlingen schleichen träge die Bäche vorüber. Nur die kärglich bestandenen Fluren mit ihren sich verspätenden Saaten und die in der Ferne sich kräuselnden Rauchwolken, die einem Hüttenwerke entstammen müssen, heben unsere berechtigten Zweifel.
Doch weiter! Bald ist sie überwunden — diese Einförmigkeit der unterharzischen Hochebene, die doch niemals zur Langweiligkeit ausartet, vielmehr dem Wanderer nur einige Stunden ruhiger Beschaulichkeit gewährt und sein Gemüt vorbereitet zu rechter Würdigung und zu vollem Genusse des Kommenden.
Mählich beginnen die Thäler sich einzuschneiden und die buchenbestandenen Höhenzüge zu wachsen; die kleinen Flüßchen bekommen Leben, und nicht lange, so erhält das anmutige Hügelgelände überzeugend den wirklichen Gebirgscharakter. Berg türmt sich auf Berg, wunderliche Felsgebilde steigen empor und recken sich höher und höher, um hier in die schwindelnde Tiefe mit ihrem brausenden Bergstrom, dort wie eine Gefahr dräuende Riesenburg weit hinaus zu schauen in die blühenden Vorlande.
Hart dem Saume des Gebirges folgend, reihen sich hier blühende Städte, rührige Flecken und schmucke Dörfer zu einem lieblichen Kranze. Wo auch nur ein Fluß oder Bächlein aus dem Harze heraustritt, da haben — gerade an diesem Austrittspunkte — unsere Vorfahren mit Verständnis einst ihre Wohnungen aufgeschlagen und von hier aus nach dem Vorbilde eines Klosters, unter dem Schutze einer Burg den Kampf mit der Wildnis aufgenommen, und unermüdlich die blanke Axt schwingend dem Urwalde die fruchtbaren Fluren abgerungen, auf denen sich jetzt der goldige Weizen mit schwerer Ähre im Winde wiegt und die gehaltvolle Zuckerrübe reichen Ertrag gewährt.
Nur spärlich ist die Zahl der Urkunden, welche aus jener Zeit berichten, wo dieser engste Saum von Ortschaften, von denen dann allmählich unternehmende Pioniere in den inneren Harz eindrangen, um unser Gebirge gelegt wurde, und vielfach verstummt sogar verschämt die sonst selten verlegene Sage. Aber die Städte und Ortschaften selbst tragen in ihrem Namen eine untrügliche Inschrift, ein unauslöschliches Merkmal der Zeit ihrer Entstehung.