VI. Land und Leute.
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Es gibt in Deutschland kein zweites Beispiel dafür, daß sich auf einem so eng umgrenzten Gebiete, wie es der Harz einnimmt, so viel verschiedene Volksstämme nachweisen und noch heute, namentlich in ihrer sprachlichen Verschiedenheit, klar erkennen lassen. An der Hand der Geschichte haben wir in der Völkerwanderung Schwaben und Silinger, Friesen und Hessen und nicht lange danach auch Holsteiner (Elbingerode) neben den alteingesessenen Thüringern, Engern und Ostfalen sich niederlassen und in der Kaiserzeit Slaven und Flamländer die sumpfigen Vorlande besiedeln sehen. Dazu kamen noch zur Zeit der Reformation die mit wenig Franken untermischten Obersachsen, die heutigen Bewohner des Oberharzes.

Abb. 32. Goslar, von der Klus gesehen. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Die Bevölkerung.
Nach der bis vor kurzem landläufigen Ansicht stammen diese aus Franken. Aber man verwechselt sie dabei mit der ersten, in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts der Pest erlegenen schwachen Bevölkerung, die es bis zur Städtegründung nicht gebracht hat. Als im sechzehnten Jahrhundert fast gleichzeitig in den Gebieten von Braunschweig-Wolfenbüttel (Zellerfeld, Wildemann), Braunschweig-Grubenhagen (Klausthal) und Hohnstein (St. Andreasberg) an den Stellen, wo einst jener „Alte Mann“ oberflächlich Bergbau getrieben hatte, edle Gänge erschürft wurden, und die Strahlen, die aus der silberblinkenden Teufe aufschossen, den im Winterschlafe liegenden, verödeten Oberharz zu neuem Leben erweckten, vermochte ihm der infolge der Fehde mit Heinrich dem Jüngeren schwer krankende Rammelsberg durch Abgabe von Bergleuten um so weniger zu helfen, als die Goslarschen nur mit dem „Feuersetzen“ (dem Anzünden großer Holzstöße zum Mürbemachen des Gesteins) zu arbeiten wußten, nicht aber zu „sinken“ (Schächte abzuteufen), zu „längen“ (Stollen und Strecken zu treiben) und zu „gewältigen“ (das Grubenwasser abzuführen) verstanden; dazu bedurfte man „meißnischer Berggesellen“. Und angelockt durch die viel verheißenden „Bergfreiheiten“ strömten jene dem deutschen Peru namentlich aus dem westlichen Erzgebirge, der Gegend von Schneeberg, Annaberg und Joachimsthal, wo der Bergbau stark im Niedergang begriffen war, in großen Scharen zu, so daß die Städte fast wie Pilze aus der Erde schossen.

Abb. 33. Domkapelle in Goslar. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)
Mundarten.
Die Verschiedenartigkeit der Volksstämme im Harze zeigt sich vor allem in der Mannigfaltigkeit der hier herrschenden Mundarten.

Abb. 34. Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches. Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar. (Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)
Der größte Teil des Harzes spricht niedersächsisch („Plattdeutsch“), der ganze Westrand vom Ravensberg (zwischen Sachsa und Lauterberg) bis Hahausen und der Nord- und Ostrand von Hahausen bis Ballenstedt, sowie bis auf die Sprachinsel des Oberharzes der ganze Nordosten des Gebirges bis Braunlage, Benneckenstein, Trautenstein, Hasselfelde, Suderode und Gernrode. Dieser ganze niedersächsische Harz gehört zu dem einen der beiden großen „Michquartiere“ in Deutschland: der Akkusativ mek und dek (mich und dich) wird auch für den Dativ gebraucht; auch wird dem zweiten Partizip statt des hochdeutschen ge ein kurzes e vorgeschlagen, z. B. bei hett mek eraupen oder eröupen (er hat mich gerufen), hei hett et mek egeeben (er hat es mir gegeben). Ek und mek wird im Osten lang, im Westen kurz, und das s in den Anlauten sm, sl, sn, sw, sp, st nur im Osten sch gesprochen. Auffällig ist auch die Verschiedenheit in der Konjugation des Präsens; der Westen und Norden sagt: weï drinket, jei (jï) drinket, sei drinket, das südöstliche Drittel wie im Hochdeutschen wei (in Elbingerode, Schierke, Benneckenstein mei), jï, sei drinken. Die nördlichsten Orte dieses Drittels sind Braunlage, Elend, Schierke, Elbingerode, Blankenburg, Börnecke.

Abb. 35. Karl der Große zerstört die Irmensäule. Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar. (Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)
Im einzelnen lassen sich die Mundarten der Gaue, wenn auch deren alte Grenzen hierbei nicht überall scharf hervortreten, an charakteristischen Eigentümlichkeiten gut unterscheiden. Nur im engernschen Lisgau, also auch in den der oberdeutschen Sprachinsel nicht angehörenden oberharzischen Ortschaften Lerbach, Buntenbock, Riefensbeek, Kamschlacken, Lonau und Sieber hört man ssehr (sehr), chout (gut), loapen (laufen). Die ostfalische Mundart, welche im Ambergau, Densigau und Lerigau den Harz berührt, in der Nähe des Gebirges aber auch auf das rechte Ufer der Oker hinüberspringt, wird durch eine Fülle von Diphthongen gekennzeichnet, deren nach den Orten wechselnde Färbung längst nicht mit den hochdeutschen Vokalen wiedergegeben werden kann. Mein Haus lautet (bis dicht vor Hannover, wo zuerst der einfache Vokal mîn hûs auftritt) etwa maïn oder meïn hius, greulich gruilich, gräulich gröulich. Vielfach wird g wie j gesprochen: gut jiut, geben jeeben; Gott lautet in der Einzahl gott, in der Mehrzahl aber jötter; ebenso hochdeutsch Garten in der Mehrzahl järten. In andern Wörtern wie grot (groß), Goslär (Goslar), Gurke tritt das j nie auf.
Die sich östlich anschließende Harzgauische Mundart kennt die ostfalischen Diphthonge und das anlautende scharfe st, sl etc. nicht und spricht nur in dem östlichen Streifen (Halberstadt, Quedlinburg) an der Bode das anlautende g wie j: Joslar, jut, jross. Zum Vergleiche zwischen dieser und der ostfalischen Mundart diene folgende Strophe aus der „willen Jagd“:
Wernigerode:
Mîn Vader, mîn Vader, horche mal rut, Dat hult da buten, dat hult sau lut; Dat bellt un schtampt, dat gröhlt un brüllt Hoch öwwer de Böme grulich un wild.
Bockenem:
Maïn Vader, maïn Vader, horche mal rüut, Dat hüult da butten, dat hüult söu lüut, Dat bellt un stampet, dat greelt un brillt Hoch ower de Beme gruilich un wild.
Einlautig ist auch die Mundart des Schwabengaues, die ohne scharfe Umgrenzung etwa von Westerhausen und Thale bis an den Streifen bei Suderode und Ermsleben reicht, in dem seit Jahrhunderten das Mitteldeutsch kämpfend weiter nach Norden vordringt. Sie spricht stets anlautendes g wie j und — wie schon manche Orte des Harzgaues — hiser, nicht hüser für Häuser.

Abb. 36. Luther und Karl V. auf dem Reichstage in Worms. Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar. (Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)
Die niederdeutschen Mundarten haben denselben Konsonantenstand wie das Gotische. Sie sind von der konsonantischen Lautverschiebung, welche schon zur Zeit der Völkerwanderung zunächst bei den Alemannen in der Schweiz begann, und wellenförmig nach Norden fortschreitend im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert in die südlichen Harzlande gelangte und die niederdeutsche Mundart in eine hochdeutsche umwandelte, nicht beeinflußt; sie halten noch das altdeutsche t fest, wo unsere hochdeutsche Schriftsprache z setzt (tämen = zähmen); für das hochdeutsche t haben sie noch d (Dochter = Tochter), für f noch p (lopen = laufen), für ch k (eck und ick = ich) beibehalten. Dagegen haben die Thüringer im Helmegau nebst den dort eingewanderten Flamländern, sowie die Hessen und Friesen diese Lautverschiebung angenommen, so daß der ganze Südharz bis zum Ravensberge jetzt hoch-(mittel-) deutsch spricht. An die frühere Zugehörigkeit auch dieser Gegenden zum niederdeutschen Sprachgebiet erinnern nur noch wenige Spuren, so im Mansfeldischen die Flexion des Infinitivs bei zu (ze thune für zu thun) und mant für nur.
Es lassen sich hier, wenn auch nicht in genauem Anschluß an die Gaugrenzen, drei mitteldeutsche Mundarten unterscheiden: süd- oder unterharzisch, mansfeldisch und nordthüringisch. Ihr Konsonantenstand ist derselbe wie der des Hochdeutschen, nur ist das niederdeutsche pp und mp am Ende der Wörter geblieben: Kopf und Strumpf werden noch Kopp und Strump gesprochen; und das niederdeutsche p im Anlaut ist nicht in pf, sondern in f umgewandelt: Pferd und Pfennig lauten Ferd und Fennig.
Stimmen hierin die drei Mundarten überein, so ist dagegen die sogenannte bayerische Vokalverschiebung, die Verbreiterung der alten Vokale î und û zu ei und eu, welche durch die süddeutschen Kanzleien und namentlich durch Luthers Bibelübersetzung in unser Neuhochdeutsch gedrungen ist, nur von der mansfeldischen Mundart angenommen; sie spricht mei haus, feier, ihr, eich (euch), eier (euer), wo jene beiden min hûs, fier, ji, uch, uer sprechen. Die wesentlichsten unterscheidenden Merkmale zwischen der unterharzischen und der nordthüringischen Mundart sind, daß nur diese den Infinitiv um n verkürzt; im Osten: ich kann spreche, im Westen: ich kann gespreche; und das anlautende g nicht wie j, sondern wie g und k spricht: nicht wie Mansfeld und Unterharz jestern und janz, sondern gestern und ganz neben kestern und kanz. Zum Michquartier gehören sie alle drei.

Abb. 37. Oderteich. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Nicht aber, als die einzige im ganzen Harzgebiete, die in das niederdeutsche Sprachgebiet inselartig eingesprengte oberharzische Mundart, welche sich auf die Städte und Ortschaften beschränkt, die dem Silberbergbau ihre Entstehung verdanken: Klausthal, Zellerfeld, Andreasberg, Wildemann, Lautenthal, Hahnenklee, Bockswiese, Festenburg, Oberschulenberg und teilweise Unterschulenberg und Altenau. Die Lautverschiebungen sind nicht bis hierher gedrungen, sondern die Einwohner haben ihre oberdeutsche Mundart schon aus ihrer Heimat mitgebracht, und da sie keine anders sprechende Bevölkerung vorfanden, unbeeinflußt bewahren können.
Das Oberharzisch hat die bayerische Vokalverschiebung (mei haus), aber andern Konsonantenstand als die vorhin genannten drei mitteldeutschen Mundarten: im Anlaute ist das alte p in pf umgewandelt (also Pfeng, nicht Fennig). In ganz Deutschland hat nur noch die Mundart des oberen Erzgebirges diese Merkmale. In beiden hört man Pfâr für Pferde neben schtoppen für stopfen und Napp für Napf; in beiden klingt kn im Anlaut fast wie gn (Gnabe statt Knabe), wird mr (mer) für wir und für man gebraucht, rsch für rs im Auslaut gesetzt (des Schteiersch = des Steigers), dasselbe helle a mit weitgeöffnetem Munde gesprochen (Ahng = Augen). Bei weiterem Vergleiche zeigt sich die völlige Übereinstimmung der oberharzischen gerade mit der Mundart des westlichen Erzgebirges (der sächsischen Städte Schneeberg und Annaberg und der böhmischen Stadt Joachimsthal). Nur hier, nicht im Osten desselben, wird z. B. das n der Endung gen in die vorausgehende Silbe versetzt und als Nasenlaut gesprochen (Morring Morgen, mit solling Leitn mit solchen Leuten), der Infinitiv auf a (kumma kommen, brenga bringen) und das Adjektiv öfter auf et (narbet narbig, lampet abgetrieben) gebildet. Diese gemeinschaftlichen Besonderheiten der westerzgebirgischen und oberharzischen Mundarten, die letztere allgemeiner festgehalten hat, als erstere, sind auf fränkische Einwirkung zurückzuführen. Fränkisch sind z. B. die erwähnte Adjektivendung et, die Verkleinerungssilbe le la (Heisl, Mehrzahl Heisla Häuschen), das häufige ä für hochdeutsches ei (Äch Eiche, Gäst Geist, dräzen dreizehn, Schrä Schrei etc.). Fränkisch sind auch viele oberharzische Wörter, die im Erzgebirge heutzutage nicht mehr üblich sind (z. B. wallen gin spuken, zochen umziehen, zipperig furchtsam, porren reizen, kâzen vor Uebermut laut schreien, greina weinen).

Abb. 38. St. Andreasberg. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Die fränkische Färbung der beiden Mundarten weist darauf hin, daß die Auswanderung aus dem Erzgebirge nach dem Oberharze in einer Zeit stattfand, in der dort fränkische Bergleute unter der aus dem Meißnischen zuströmenden Bevölkerung sich seßhaft machten; und der Umstand, daß diese Färbung im Oberharze stärker ist als im Westerzgebirge, findet schon in der inselartigen Abgeschlossenheit des Oberharzes ausreichende Erklärung; daneben steht aber auch fest, daß bei der Aufnahme des oberharzischen Bergbaues einzelne Knappen direkt aus Franken zuwanderten.
Dorfanlage.
Inbetreff des Hausbaues weisen die einzelnen Gaue kaum noch nennenswerte Eigentümlichkeiten auf. Mag einst, wie einige der am Ostsaum aufgefundenen „Hausurnen“ schließen lassen, der altsächsische „Einbau“, der Menschen- und Viehhaus samt den Kornfächern unter einem Dache vereinigt, bis an den Fuß der Harzberge gereicht haben, so waren doch schon zur Zeit der Abfassung des Sachsenspiegels in dem ehemaligen Nordthüringen getrennte Scheunen üblich, und heute hat das fränkische Haus das sächsische völlig verdrängt: denn obgleich am Nordrande die Bauernhäuser bis über Bockenem hinaus vielfach die Giebelseite der Straße zukehren, so befindet sich doch der Eingang in der den Wirtschaftsgebäuden zugekehrten Breitseite.

Abb. 39. Lauterberg im 17. Jahrhundert (nach Merian).
Abgesehen von den in die engen Gebirgsthäler eingeklemmten und sich oft fast stundenlang ein- oder zweireihig hinziehenden Ortschaften bieten die übrigen fast sämtlich das Bild des unregelmäßigen Haufendorfes, denn wenn auch die ursprüngliche Hufeisen- und Rundlingsform der Wendendörfer in der Goldenen Au sich aus dem jetzigen Befunde meist noch herausschälen läßt, so haben doch Durchbrechungen des Ringes und Anbauten außerhalb desselben für das nicht historisch geschulte Auge den Unterschied vom Haufendorfe so gut wie verwischt.

Abb. 40. Lauterberg.
Wenn auch der Harz in seinen Steinbrüchen von jeher eine Fülle und Mannigfaltigkeit vorzüglichen Baumaterials namentlich zu seinen herrlichen und großartigen Kirchen und ähnlichen Bauten geliefert hat, und wenn sich gleich in letzter Zeit selbst in oberharzische Städte, das Auge beleidigend, hie und da in das stimmungsvolle Bild sich harmonisch und komplementär nicht einfügende rote Backsteinbauten eingedrängt haben, so erfreut sich doch der alte Harzer Fachwerksbau, zu dem die schier unerschöpflichen Wälder geradezu aufforderten, auch in den Städten noch immer der wohl begründeten Vorliebe, und manches in verständnisloser Zeit dem Abbruch oder doch dem Verfall bestimmte künstlerisch oft reich gestaltete Haus ist als eine Perle der Baukunst erkannt und soweit möglich in seiner ursprünglichen Schöne restauriert.

Abb. 41. Wiesenbeeker Teich.
Volkstrachten.
Von den alten Volkstrachten hat sich in den Harzlanden wenig erhalten. Die kleidsame Tracht des Bergmanns — grüner Schachthut ohne Rand, schwarzer Leinwandkittel mit Puffen, blankes Hinterleder mit Messingschloß und schwarzen Beinkleidern (Abb. 4) — sieht man fast nur noch an bergmännischen Festen und bei Beerdigungen, sie ist zur bloßen Uniform geworden; den blauen Leinwandkittel des Bauern hat vielerorts bereits ein langer Rock von unbestimmter grauer oder brauner Farbe verdrängt, nur der Fuhrmann, besonders auch der oberharzische, trägt ihn noch — wie die früher allgemein üblichen Gamaschen — regelmäßig als Arbeitsgewand; aber der schneeweiße Leinwandkittel des Fuhrherrn (Abb. 5), zu dem gelbe Gamaschen und hoher schwarzer Seidenhut gehörten, ist seit einigen Jahrzehnten völlig verschwunden. — Und auch die Frauentracht fügt sich, wenn auch mit einiger Verspätung, mehr und mehr der Mode. Den mit breiten farbigen Samtstreifen mehrfach umsäumten Rock und die schwarze, mit Band und Spitze verzierte Mütze sieht man nur noch bei der älteren Generation, und auch bei dieser nur ganz vereinzelt das kleine tütenförmige Mützchen mit den breiten, fast bis auf die Fersen herabhängenden Seidenbändern, wie es z. B. die Bäuerinnen im Ambergau noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein trugen. Aber die „Landgängerinnen“ des Oberharzes kennzeichnet noch ausnahmlos der buntgeblümte, die mit Butter und Eiern gefüllte „Kiepe“ vor neugierigen Blicken schützende langkragige Kattunmantel (Abb. 6).

Abb. 42. Ruine Scharzfels. (Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)
Inbetreff des Charakters und der Begabung läßt sich zwischen den Bewohnern der einzelnen Gaue kaum eine Grenzlinie ziehen, wohl aber zwischen dem Niedersachsen, dem der meist starkknochige, etwas lebhaftere und redegewandtere thüringische Harzer nahesteht, und dem Obersachsen des westlichen hohen Harzes. Im Norden und Osten meistens gedrungen und kräftig, im Lisgau lang und hager, aber sehnig, ist jener bedächtig, aber nachhaltig, nicht beredsam, doch nicht sprechfaul, etwas zugeknöpft gegen Fremde, aber treu in Zuneigung und Freundschaft, rechthaberisch, doch versöhnlich, starrköpfig, wo seine Rechte in Frage kommen, aber ein Feind arglistiger Schädigung, fleißig, genügsam und sparsam, doch fast verschwenderisch, wo es die Ehre des Hofes und der Familie gilt, karg im Geben, doch bereit zu jeder Hilfe, die kein bares Geld kostet; ohne sprudelnden Witz und lebhafte Phantasie, aber klaren Verstandes und gesunden Urteils; konservativ, doch nicht unzugänglich für Neuerungen, kirchlich und gottesfürchtig, doch nicht frei vom Vertrauen auf Kartenschlagen und Besprechen.
Der Oberharzer erscheint neben dem Nordthüringer und Niedersachsen fast schmächtig und schwächlich, übertrifft beide aber an Gewandtheit und Ausdauer. Er ist gastfrei und gesellig, mäßig und nüchtern, sucht seine Freude in der Familie, in Wald und Halde, in Vereinigungen zu Gesang und Musik; entschlossen und überlegend, ausgerüstet mit bewundernswerter Geistesgegenwart, ist er ein anstelliger, vorzüglicher Arbeiter. An Mutterwitz und Schlagfertigkeit übertrifft er den Niedersachsen weit, doch keineswegs an Schärfe des Verstandes und Tiefe des Gemüts.