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Der Harz

XIV. Die Holtemme.

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Während die Ilse noch der Oker und damit der Weser zuströmt, gehört die am Renneckenberge entspringende Holtemme bereits der Bode und also dem Elbegebiete an. Fast so eilfertig wie die Ilse, hat sie nächst dieser (1 : 10½) das stärkste Gefälle (1 : 18) von allen Harzgewässern. Durch einen unter den wilden Hohneklippen, welche die Hochebene um 400 Meter steil überragen, entspringenden Bach verstärkt, hat sie ihren Glanzpunkt in der Steinernen Renne (Abb. 54): in einer engen, finstern Waldschlucht stürzen ihre fast zu Schaum sich auflösenden Wasser in einer langen Reihe von Kaskaden, die zur Zeit der Schneeschmelze oder nach einem kräftigen Gewitterregen wohl an alpine Wasserstürze erinnern können, über die von Granitblöcken gebildeten Terrassen wild in das Thal hinab.

Wernigerode.

Von rechts vereinigt sich mit dem Thal der Holtemme das Drängethal, in welchem Chaussee und Eisenbahn von Wernigerode aus über „Drei Annen-Hohne“, die Hochebene, Schierke und den Brocken erklettern. In dem bei der Vereinigung sich weitenden und seine Schönheit einbüßenden Thale erstreckt sich unendlich lang das Dorf Hasserode, ein Vorort Wernigerodes, und im rechten Winkel dazu setzt sich östlich an die Stadt der Flecken Nöschenrode, der sich fast in gleicher Länge im Zillier- (oder Mühlen-) Thale hinaufzieht. Der Zillierbach hat seine Quellen südlich von den Hohneklippen am Erdbeerkopfe und wird auf seinem linken Ufer von nicht unbedeutenden Höhen, dem 535 Meter hohen Salz- und dem 518 Meter hohen Hilmarsberge, begleitet, sein Thal hat aber, im Gegensatz zum Thal der Holtemme, unterharzischen Charakter.

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Abb. 87. Anhaltischer Thaler von 1861.

Auf mächtigem, waldigem Berge erhebt sich, 120 Meter über der Stadt, inmitten herrlicher Gärten und Parkanlagen, mit stattlichen Türmen und blinkenden Zinnen das fürstliche Schloß (Abb. 55), ein prachtvoller Neubau, in den sich die benutzbaren Reste der alten Grafenburg harmonisch einfügen. Entzückend schön ist dort oben der Blick über die reizvollen Waldthäler, unter denen das Christianenthal (Abb. 56) mit seinen Teichen und Wiesen, seinen Weiden und Riesenfichten sich durch Lieblichkeit auszeichnet, in die tannengekrönten Harzberge bis hin zum alles beherrschenden Brocken und über die stattliche Stadt zu Füßen hinweg in die weite, lachende Ebene mit den dicht hingestreuten Ortschaften. Nimmt es unter den Harzschlössern jetzt entschieden die erste Stelle ein, so werden ihm überhaupt nur wenige Bergschlösser in Bau und Lage an Schönheit gleichkommen.

Die erste Burg über dem von einem unbekannten Werniger angelegten Dorfe erbaute zwischen 1117 und 1121 der Graf Adalbert von Haimar und schrieb sich seitdem Graf von Wernigerode. Als dessen Nachkommen am 3. Juni 1429 mit dem Grafen Heinrich ausstarben, gingen die Besitzungen des Geschlechts an die mit ihm erbverbrüderten Grafen zu Stolberg über. In den nächsten Jahrhunderten war Wernigerode nicht die ständige Residenz des regierenden Grafen, sondern meistens nur der Wohnsitz der jüngeren Söhne und Brüder; doch feierte Graf Wolfgang, das Haupt der Familie, hier im Juni 1541 seine Vermählung mit der Gräfin Dorothea von Blankenburg. Erst Graf Christian Ernst, der 1712 nach dem Tode seines Oheims Ernst zur Regierung kam, versetzte die Hofhaltung von Ilsenburg, das seit der Erbteilung von 1645 Residenz geworden war, dauernd nach Wernigerode. Die von seinen Brüdern begründeten Linien Gedern und Schwarza erloschen 1804 und 1748, so daß die reichen Besitzungen des durchlauchtigen Hauses wieder sämtlich vereinigt sind.

Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich von 4036 im Jahre 1813 auf 11600 im Jahre 1900 gehoben. Damals durch ihre engen, schmutzigen Straßen mit abscheulichem Pflaster bekannt, gehört „die Stadt vor dem Brocken“ (Abb. 57) mit ihren ansehnlichen, schmucken Neubauten, ihren breiten, wohlgepflegten Straßen, mit denen schöne Promenaden wetteifern, jetzt entschieden zu den schönsten unserer Harzstädte. — Von mittelalterlichen Bauwerken hat sich außer dem stilgerechten Rathause (Abb. 58) von 1498 noch manches interessante Wohnhaus erhalten, von denen besonders das Gadenstedtsche aus dem Jahre 1582, das Gotische und das Frankenfeldsche der Besichtigung wert sind (Abb. 59). Von Wernigerode wendet sich die Holtemme über Halberstadt der Bode zu.

Halberstadt.

Der berühmte Bischofssitz Halberstadt (Abb. 61) ist eine der ältesten Städte in unsern Gegenden und trägt in seinen alten Straßen ein ehrwürdiges, mittelalterliches Gepräge. Besonders interessant ist der in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Fachwerk erbaute Ratskeller am Fischmarkte. Ihm gegenüber erhebt sich das altertümliche Rathaus (Abb. 60), ein gotischer Steinbau aus der Zeit von 1360 bis 1381 mit späteren, jedoch die Wirkung des Bildes nicht störenden Anbauten. Den Domplatz, an dem auch der Petershof, die frühere Residenz der Fürstbischöfe, liegt, begrenzen zwei alte Gotteshäuser, die mit vier Türmen gezierte romanische Liebfrauenkirche, deren älteste Teile fast bis zum Jahre 1000 zurückreichen, und der majestätische Dom (Abb. 62), das herrlichste, großartigste Gotteshaus der Harzlande: bald nach dem Jahre 1179, in dem Heinrich der Löwe die erste bischöfliche Kirche niederbrannte, begonnen, konnte er erst 1491 geweiht werden, und die Türme, an denen auch gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, sind gar erst vor wenigen Jahrzehnten in Abschluß der 1847 angefangenen Restauration der Kirche in ihrer ganzen Höhe fertig gestellt. Wie vor dem Rathause ein riesengroßer Roland, so befindet sich vor dem Dome der Lügenstein, das Wahrzeichen der Stadt. Hinter dem Domchor liegt das einfache Haus des „Vaters“ Gleim, der hier von 1747 bis 1803 als Domsekretär lebte. In seinem „Freundschaftstempel“ umschließt es mehr als hundert Bildnisse von Dichtern und Schriftstellern, Fürsten und Helden, einst fast alles Gäste dieses Hauses, sowie ihren Briefwechsel mit Gleim und eine wertvolle Bibliothek.

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Abb. 88. Schloß Falkenstein. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Im Süden wird Halberstadt fast von dem Goldbache berührt, der sich bei Wegeleben in die Bode ergießt. Von diesem Bache erstrecken sich drei parallele Hügelketten von Nordwest nach Südost bis an die Ufer der Bode. Die nördliche beginnt mit den Spiegelsbergen, einem schönen öffentlichen Parke, den der Domdechant von Spiegel, Gleims Zeitgenosse, auf der bis dahin öden Anhöhe geschaffen hat; unter den wirkungsvollen Baumgruppen fallen besonders die alten Kiefern ins Auge. An diesen Park, dessen Turm auch eine hübsche Aussicht bietet, schließt sich die hochinteressante Felsenstadt der bewaldeten Klusberge, die sogenannte Halberstädter Schweiz. Am nordwestlichen Fuße des dritten Zuges, der im Hoppelberge bis zu 309 Meter aufsteigt und einen wundervollen Blick auf Berg und Land gewährt, liegt, vom Goldbach bespült, inmitten eines herrlichen Parkes das Schloß Langenstein, in dem einst Goethe die schöne Frau von Branconi, die Geliebte des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und Freundin Lavaters, besuchte. An der Ruine der benachbarten Altenburg und weiterhin finden sich in den Felsen gehauene Höhlungen, die noch heute — wohl ein Unicum in ganz Deutschland — als Wohnungen benutzt werden.

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Abb. 89. Schloßhof von Falkenstein. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Kloster Michaelstein.

Dem Goldbach aufwärts bis zum Gebirge und dann im lauschigen Klostergrunde dem Rippenbach folgend, gelangen wir bei seinem Quell, dem Volkmarsbrunnen, an den Volkmarskeller, zwei in den Fels gehauenen Gewölbe, in denen im Anfange des zehnten Jahrhunderts die fromme Klausnerin Liutburg, die selbst der heilige Ansgar von Bremen besuchte, und später der Einsiedler Volkmar mit seinen Genossen hauste. Die auf der benachbarten Klippe jüngst bloßgelegten Grundmauern sind die letzten Reste des ältesten Klosters Michaelstein, das sich zwischen 1139 und 1148 aus jener Brüderschaft entwickelte. Aber den Cisterziensern, die aus Altenkampen hier einzogen, war der Ort zu rauh und abgeschieden, schon nach einigen Jahrzehnten zogen sie thalabwärts und gründeten am anmutigen Ausgange des Klostergrundes Neu-Michaelstein (Abb. 63 und 64). Von allen Seiten reich begabt, gedieh das Kloster trefflich bis in das sechzehnte Jahrhundert. Im Frühling 1525 aber stürmten es die Rotten wütender Bauern, und acht Jahre später ward es von Wilhelm von Haugwitz, einem Feinde des Herzogs Georg von Sachsen, niedergebrannt. In dem wieder erstandenen und zu Luthers Lehre übergetretenen Kloster, in dem zeitweilig eine Schule eingerichtet war, führten bald die Grafen von Regenstein und nach deren Erlöschen die Herzöge von Braunschweig den Abtsstab. Der letzte dieser fürstlichen Abte ist der „tolle Christian“ des dreißigjährigen Krieges, zugleich Bischof von Halberstadt. Auf unsere Tage sind vom alten Kloster nur der schöne gotische Kreuzgang, das romanische Refektorium und eine Krypta gekommen.

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Abb. 90. Schloß Ballenstedt. (Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)

Dem Klostergut Michaelstein gegenüber, das jetzt ein Vorwerk der Domäne Heimburg bildet, steigt 100 Meter hoch aus der Ebene der Regenstein (Abb. 65) auf, ein 2 Kilometer langer Quadersandsteinfelsen, eine natürliche Festung mit ruinenartigen Türmen und Thoren. An der kleinen Roßtrappe, einer interessanten Felsbildung, vorüber, gelangen wir an die Trümmer der um das Jahr 1100 erbauten Grafenburg. Alle Gemächer, auch die im Anfange dieses Jahrhunderts zum Tanzsaal entweihte Kapelle, sind in den gewachsenen Felsen eingehauen, von den auf den jäh abstürzenden Platten und Kuppen einst vorhanden gewesenen Türmen, Mauern und Gebäuden sind nur noch Spuren vorhanden.

Blankenburg.

Das mächtige Grafengeschlecht, dem auch die Linien Blankenburg und Heimburg angehören, beherrschte nicht nur das heutige braunschweigsche Fürstentum Blankenburg, sondern besaß auch noch einen großen Teil der Vorlande des Harzes, und die ihm zustehende Edelvogtei des Kaiserstiftes Quedlinburg verlieh ihm noch besondere Bedeutung und Glanz. Da begannen im vierzehnten Jahrhundert die Bischöfe von Halberstadt, vor allem Albrecht V. aus dem Hause Braunschweig, mit großer Beharrlichkeit die Grafen aus ihrer Machtstellung im Harzgau zu verdrängen. Nicht ohne Bewunderung und Teilnahme kann man das mannhafte, aber unglückliche Ringen der Grafen gegen den mächtigen Nachbar, der auch unwürdiger Waffen sich zu bedienen keinen Anstand nahm, ihr einmütiges Zusammenhalten im Kampfe um ihr gutes Recht im einzelnen verfolgen, und der Heimburger Albrecht III., den die Volkssage als den Raubgrafen bezeichnet, diesen thatkräftigsten aller Regensteiner, der auch in der Notwehr das Recht des andern achtet, darf unsrer wärmsten Sympathie sicher sein, wenn wir ihn 1348 unter tückischem Schwert verbluten sehen.

Albrechts Nachkommen verarmten im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert trotz aller Sparsamkeit — Graf Ulrich verbrauchte für seine Person jährlich nur 939 Gulden — mehr und mehr, und am 4. Juli 1599 ging still und ruhmlos, in Elend und Dürftigkeit, von niemanden beklagt, von niemanden beachtet, der Letzte des Grafenstammes zu Grabe, der einst zu den mächtigsten, geachtetsten und gefürchtetsten gehört, der Hunderte von Rittern, Kirchen und Klöstern mit reichen Besitzungen beschenkt und beliehen hatte, dessen Waffen einst im fernen Norden ebenso laut und siegreich erklangen wie im fernen Süden am Grabe des Erlösers.

Im Jahre 1670 bemächtigte sich der Große Kurfürst als Inhaber des Bistums Halberstadt des Regensteins und begann nach Fargells Plane den Umbau der Festung, der sich 50 Jahre lang hinzog. Die zahlreichen in den Felsen gesprengten Kasematten rühren aus jener Zeit. Aber als sich die Festung im Ernstfalle nicht bewährte — zweimal fiel sie im siebenjährigen Kriege in die Hände der Franzosen — ließ Friedrich sie schleifen, die Mauern bis auf den Boden, die Gebäude bis auf den Grund zerstören. Noch heute ist der Regenstein eine preußische Enklave im braunschweigischen Gebiete.

Einer Lilie gleich im Kranze grüner Waldberge, die sie im Halbkreise umgeben, leuchtet die Blankenburg (Abb. 66) von dem hellen Kalkfelsen des Blankensteins weit hinaus in die Vorlande.

Während alle andren Randstädte des Harzes am Ausgange eines Flußthales liegen, steigt Blankenburg (Abb. 67 u. 68), als wollte es an die schützende Burg sich anschmiegen, terrassenförmig, wie aus südlichen Landen hieher versetzt, den Schloßberg hinan. Vom hochgelegenen Marktplatze, an dem wir das in seinem ältesten Teil schon aus dem Jahre 1233 stammende Rathaus betrachten, klimmen wir auf 76 Stufen zur Bartholomäuskirche hinauf, von der ehemals statt des jetzigen steilen Weges eine Treppe von 266 Stufen zur Schloßrampe hinaufführte.

Die älteste Blankenburg fand ihren Untergang in den Kämpfen Heinrichs des Löwen und Kaiser Barbarossas. Das neue Schloß, anfangs ein einfacher Bau, ward im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, als es den Grafen auf dem Felsenneste im Regenstein ungemütlich wurde, bedeutend erweitert und umgebaut, doch brannte 1546 das „Haupthaus“ in einer entsetzlichen Feuersbrunst, aus welcher Graf Ulrich, ohne seiner erstickenden Gemahlin helfen zu können, kaum das Leben rettete, wieder nieder; und kaum war nun endlich 1595 der Bau vollendet, da schloß der letzte Blankenburger, ein Knäbchen von drei Jahren, die Augen.

Im Jahre 1690 wurde Blankenburg, sehr zur Freude und zum Vorteil der durch den dreißigjährigen Krieg schwer geschädigten Bürger, ständige Residenz. Herzog Ludwig Rudolf schlug hier seinen glänzenden Hof auf und suchte Ludwig XIV. in üppigen Festen und Jagden und Komödien zu überbieten und was sonst an Zeit noch blieb, mit Pegnitzer Schäferspielen und adeligen Bauernhochzeiten auszufüllen. Und als die älteste Prinzessin die Gemahlin des (späteren) Kaisers Karl VI. und die zweite die des russischen Thronfolgers Alexei ward, gestaltete sich die Hofhaltung noch luxuriöser. Doch bald waren die Tage des Glanzes vorüber, denn als Ludwig Rudolf 1731 auch Braunschweig erbte, verlegte er dahin seine Residenz.

Daß die Kaiserin Maria Theresia einen großen Teil ihrer Kinderjahre bei den Großeltern in Blankenburg verlebt hatte, kam der Stadt im siebenjährigen Kriege zu gute: die österreichischen Truppen mußten sie schonend behandeln.

Von 1796–98 war Blankenburg die Zufluchtsstätte des späteren französischen Königs Ludwig XVIII.; da wohnten Grafen, denen in der Heimat kaum ein Schloß geräumig genug gewesen war, in engen Dachkammern.

Das außen nüchtern sich darstellende Schloß enthält viele Prunkzimmer und wertvolle Gemälde, aber schöner noch ist der Blick durch die Fenster auf die waldumkränzten Berge, in die reichgeschmückten Thäler, und ein Gang durch die prächtigen Gartenanlagen, die unmittelbar in hohen Buchenwald übergehen.

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Abb. 91. Ballenstedt. (Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

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