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Sämtliche Werke 13

Zweiter Teil. Russisches

E. K. Rahsin translation

Vom russischen Volk

Davon, daß wir gute Menschen sind. Die Ähnlichkeit der russischen Gesellschaft mit dem Marschall Mac-Mahon[17]

Ja, in der Tat: sind wir nicht alle gute Menschen, – nun, versteht sich, ausgenommen die schlechten? Ich füge sogar noch hinzu: es gibt bei uns überhaupt keine schlechten Menschen, sondern nur untaugliche. An die wirklich Schlechten reichen wir gar nicht hinan! Denken Sie nach, lachen Sie nicht über mich: aus Mangel an schlechten Menschen waren wir seinerzeit sehr bereit, verschiedene wirklich schlechte Menschen hochzuschätzen, wie es gewisse Typen unserer Literatur beweisen, die größtenteils der ausländischen entlehnt worden sind. Oh, nicht genug damit, daß wir sie schätzten, nein, sklavisch versuchten wir, sie im wirklichen Leben zu kopieren. Beinahe waren wir schon nicht mehr wir selbst, nicht mehr Russen! Erinnern Sie sich nur dieser vielen Petschorins, die es bei uns gab, die angeregt durch die Lektüre von Lermontoffs „Helden unserer Zeit“ in Wirklichkeit Schlechtigkeiten vollführten. Der Ahnherr all dieser schlechten Menschlein in unserer Literatur ist wohl der Typ Silvio, den unser herrlicher Puschkin dem Engländer Byron entlehnt hatte.

Wenn wir diese schlechten Menschen so achteten, so geschah es nur deshalb, weil diese Menschen eines andauernden Hasses fähig waren, im Gegensatz zu uns Russen, die wir nun einmal nicht richtig hassen können und uns darum damals nicht wenig selbst verachteten. Der russische Mensch ist in der Tat nicht imstande, ernstlich und lange zu hassen, weder Menschen noch Laster, weder Unwissenheit noch Despotismus, noch tiefsten Obskurantismus. Bei uns ist man sofort bereit, sich zu versöhnen, gleich bei der ersten Gelegenheit sogar. Oder ist das nicht wahr? In der Tat, warum sollte einer den anderen hassen? Wegen schlechter Handlungen etwa? Nun, lassen wir dieses Thema lieber, es ist zu zweischneidig. Und der Haß der Überzeugung? An den Haß glaube ich schon gar nicht bei uns. Früher einmal, gewiß, gab es bei uns Slawophile und Westler, und die haßten sich sehr – aber dann, als es mit der Aufhebung der Leibeigenschaft auch mit der Reform Peters des Großen zu Ende ging, und ein allgemeines „sauve qui peut“ eintrat, da waren Slawophile und Westler einig in demselben Gedanken, daß man jetzt alles vom Volke selbst erwarten müsse, daß es auferstehen werde, und daß nur das Volk allein uns in allem das letzte Wort sagen könne. Darüber hätten sich die Slawophilen und Westler ja nun versöhnen können, aber das ging auch wieder nicht an, denn die Slawophilen glauben an das Volk, weil sie das Eigene und Eigenartige seiner Anlagen anerkennen. Die Westler dagegen lassen sich nur unter der Bedingung herbei, an das Volk zu glauben, daß man ihm alles Eigene und Eigenartige nimmt. Und siehe da, der Kampf dauert fort. Doch an diesen Haß: Kampf gegen Kampf und Haß gegen Haß, an den glaube ich, wie gesagt, nicht. Warum können sich die Streitenden nicht auch zu gleicher Zeit liebhaben? Das geschieht bei uns nur zu oft in den Fällen, in denen sich gute, allzu gute Menschen streiten. Und warum sollten wir nicht gute Menschen sein? Auch streiten wir uns doch hauptsächlich nur, weil jetzt eine Zeit angebrochen ist, die von uns nicht mehr Theorien und Kritik, sondern Taten und praktische Entschlüsse verlangt. Plötzlich hatte man bei uns das Bedürfnis nach grundlegenden Worten über Pädagogik, Eisenbahnen, Semstwo, Hygiene und hundert andere Themata. Und alles wollte man sofort wissen, möglichst schnell, um nicht die Arbeit aufzuhalten. Da wir aber alle, nach hundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit, sogar von der kleinsten, uns als dazu unfähig erwiesen, so war es nur natürlich, daß wir uns gegenseitig in die Haare gerieten – und zwar stritt im allgemeinen derjenige am meisten, der sich zu ihr am allerunfähigsten erwies. Was ist dabei Schlechtes, frage ich Sie? Das ist doch bloß rührend und weiter nichts. Sehen Sie die Kinder an: die streiten sich nur dann, wenn sie noch nicht gelernt haben, ihre Gedanken auszudrücken: genau so machen wir es. Und es ist auch gar nichts Unerfreuliches dabei, im Gegenteil, es zeugt ja nur von unserer Frische und Unberührtheit und Jugend. In unserer Literatur beispielsweise beschimpft man sich aus Mangel an Gedanken buchstäblich mit allen Schimpfwörtern auf einmal: ein äußerst naives Verfahren, das man sonst nur bei den Urvölkern findet. Doch auch darin liegt beinahe etwas Rührendes, diese Unerfahrenheit, dieses kindliche Unvermögen sogar – sich tüchtig auszuschimpfen. Ich scherze durchaus nicht, und ich spotte über niemanden. Es ist aber bei uns allerorten ein ehrliches Wünschen und Erwarten des Guten. Das ist gewiß wahr. Der Wunsch nach allgemeiner Arbeit und allgemeinem Wohlergehen steht über jeglichem Egoismus. Die naivsten Wünsche werden wach, und alles ist voller Glauben bei uns. Es gibt bei uns keinen Kastengeist, oder höchstens nur in ganz kleinen und seltenen Erscheinungen, die kaum bemerkt werden. Das ist sehr wichtig! Doch genug davon. Weshalb sollte also noch von einem wirklichen Haß die Rede sein? Die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Gesellschaft unterliegt nicht nur keinem Zweifel, sondern fällt geradezu auf. Beobachten Sie doch nur, und Sie werden bemerken, daß der Glaube an die Idee, an das Ideal allem persönlichen, materiellen Wohlergehen vorangeht. Oh, natürlich, den schlechten Menschen gelingt es auch bei uns, ihre Geschäftchen abzuwickeln, Geschäftchen gerade im eigennützigsten Sinne, und in unserer Zeit, scheint es, mehr denn je. Doch dafür beherrschen diese nichtsnutzigen Menschen niemals die Meinung, gehen nie der Gesellschaft irgendwie voran, sondern sind selbst dann, wenn sie auf der sogenannten Höhe des Lebens stehen, überhäuft mit allen Ehren – selbst dann sind sie noch genötigt, sich dem Tone der Idealisten, der Jungen und Abstrakten, diesen in ihren Augen nur lächerlichen Menschen, irgendwie anzupassen. In diesem Sinne gleicht unsere Gesellschaft durchaus unserem einfachen Volke, darin liegt der Hauptpunkt seiner Einheit mit dem Volke, das auch seinen Glauben und seine Ideale höher schätzt als alles Materielle und Vergängliche. Der Idealismus ist ihm lieb, hier wie dort: ist der Idealismus verloren, so kann man ihn mit keinem Gelde zurückkaufen. Wenn unser Volk auch von seinen Lastern geknechtet wird, jetzt vielleicht mehr denn je, und wenn es auch noch in einer richtigen Anarchie lebt, so hat doch selbst der letzte Schurke bei uns noch niemals gesagt: „So wie ich es mache, ist es richtig.“ Im Gegenteil, immer weiß er und seufzt selbst darüber, daß er schlecht ist, und daß es ein Gutes in der Welt gibt, das besser ist als er und alles, was er tut. Der Glaube an die Ideale ist in unserem Volke unerschütterlich. Verbessert seine Lage, verringert die Lasterhaftigkeit, und das Volk wird sich aufrichten! Die Ideale aber stehen dann noch unerschütterlicher und heiliger da als je vorher. Unsere Jugend sucht große Taten und bringt ihren Ideen alles zum Opfer. Unser zeitgenössischer russischer Jüngling, von dem so viel in verschiedenem Sinne gesprochen wird, vergöttert oft das allersimpelste Paradox und weiht ihm sein Leben und sein Schicksal, nur, weil er das Paradox für eine Wahrheit hält. Es fehlt ihm nur noch an Aufklärung, aber das Licht wird sich schon verbreiten, und andere Anschauungen werden dann ganz von selbst auftauchen, und die Paradoxe werden verschwinden. Die Reinheit seines Herzens jedoch bleibt und damit auch der Durst in ihm nach Taten und Opfer: das aber ist das Gute. Nichtsdestoweniger gibt es eine Frage, die bei uns bis jetzt noch nicht beantwortet ist. Alle nämlich, die wir das Wohl aller und die Besserung der allgemeinen Lage in unserem Lande und unserem Volke wünschen – worin sehen wir nun die Mittel zu diesem Wohl und zu dieser Besserung? Man muß leider gestehen, daß bei uns in dieser Hinsicht noch wenig geschehen ist, und daß unsere Gesellschaft in diesem Sinne – dem Marschall Mac-Mahon sehr ähnlich sieht. Auf einer seiner Reisen durch Frankreich erklärte der ehrenwerte Marschall unlängst in einer feierlichen Rede, als Antwort auf eine Ansprache irgendeines Maires – die Franzosen sind ja solche Liebhaber von feierlichen Reden und Ansprachen –, daß nach seiner Meinung die ganze Politik in dem einen Worte enthalten sei: „Die Liebe zum Vaterlande“. Ein sehr sinniger Ausspruch, meine ich, in einem Augenblicke, da ganz Frankreich gespannt darauf wartet, was er sagen wird. Eine wichtige Behauptung, unbestreitbar lobenswert, aber – sonderbar unbestimmt. Der Maire hätte seiner Exzellenz antworten können, daß man mit derselben Liebe auch das Vaterland zugrunde richten könnte. Aber der Maire erwiderte nichts, vielleicht aus Angst, die Antwort zu erhalten: „J’y suis et j’y reste“, eine Phrase, über die der ehrenwerte Marschall nun einmal nicht hinauskommt. Nun, und gerade so steht es mit unserer Gesellschaft: wir alle verstehen uns in der Liebe zum Vaterlande oder zur „allgemeinen Sache“ – Worte tun’s nicht! Worin bestehen aber die Mittel, und nicht nur die Mittel, sondern worin besteht die allgemeine Sache selbst? Darüber herrscht bei uns, meines Erachtens, gerade solch eine Unklarheit, wie bei dem Marschall Mac-Mahon.

Von der Liebe zum Volke. Der unumgänglich notwendige Vertrag der Gesellschaft mit dem Volke

Vor kurzem schrieb ich, daß unser Volk noch roh und unwissend sei und dem Laster ergeben: „ein Barbar, der das Licht erwartet,“ wie ich mich ausdrückte! Bald darauf habe ich in der „Hilfe“ einen Artikel Konstantin Akssakoffs, unseres unvergeßlichen und allen Russen teuren Verstorbenen, gelesen, nach welchem unser russisches Volk schon lange aufgeklärt und gebildet sein soll. Ist nun dieser augenscheinliche Gegensatz meiner Meinung und derjenigen Konstantin Akssakoffs ein Widerspruch? Nicht im geringsten: ich teile seine Ansicht vollständig und fühle ihre Wahrheit schon lange. Trotzdem aber bleibt doch der Widerspruch? Gewiß – darin besteht gerade mein Geheimnis: während nach der Meinung anderer diese beiden Behauptungen unvereinbar scheinen, behaupte ich das Gegenteil. In dem russischen Menschen, in dem Volke muß man eben die Schönheit dieser Barbarei zu sehen verstehen. Der ganzen russischen Geschichte nach war unser Volk so dem Laster ergeben und dermaßen verdorben, verirrt und ständig gequält und gepeinigt, daß es wunderbar ist, wie es überhaupt noch sein menschliches Aussehen hat bewahren können, und nicht nur das allein, sondern auch noch seine volkliche Schönheit. Die aber hat es sich wirklich bewahrt! Wer ein aufrichtiger Freund des Volkes ist, wem das Herz nur einmal für die Leiden des Volkes geschlagen hat, der versteht es und wird auch den Schmutz entschuldigen, in den unser Volk gesunken ist, und die Perlen trotzdem zu finden wissen. Ich wiederhole es: Richtet nicht das russische Volk nach seinen Fehlern und Lastern, sondern beurteilt es nach seinen großen und heiligen Idealen, nach denen es in seinem Schmutze lechzt. Und es gibt in unserem Volke nicht nur Schurken und Verbrecher, sondern auch Heilige, die uns voranleuchten und unser Dunkel erhellen! Und ich glaube tief und fest, daß es bei uns keinen Schurken gibt, der nicht wüßte, daß er schlecht und gemein ist. Bei den anderen Völkern ist es anders: wenn dort jemand eine Gemeinheit vollführt, so stellt er sie zum Prinzip auf, bejaht sie, behauptet, daß in ihr die Ordnung und das Licht der Zivilisation läge – und der Unglückliche kommt schließlich so weit, daß er daran blind und sogar ehrlich glaubt. Nein, beurteilen Sie unser Volk nicht danach, wie es ist, sondern danach, wie es sein möchte. Seine Ideale sind stark und heilig, und sie retteten das Volk in all diesen Jahrhunderten vor dem Elend und dem völligen Untergang. Sie wuchsen mit seiner Seele zusammen und gaben ihr bis in alle Ewigkeit Einfachheit, Gutmütigkeit und Aufrichtigkeit und einen weiten, offenen Verstand – und alles das in einer anziehenden, zusammenklingenden, einer schönen Vereinigung. Und wenn trotzdem so viel Schmutz in dem russischen Menschen ist, so leidet er darunter selbst am meisten: er glaubt und hofft, daß das nur zeitlich und eine teuflische Versuchung sei, daß die Dunkelheit, die ihn umgibt, einmal aufhören und das ewige Licht dann auch auf ihn herniederscheinen werde. Ich will noch nicht einmal von seinen historischen Idealgestalten reden, von Feodossij Petscherski[18] oder Tichon Sadonski.[19] Übrigens: wie viele von uns kennen denn überhaupt einen Tichon Sadonski? Warum liest man nie etwas von ihm? Glauben Sie mir, Sie würden zu Ihrem Erstaunen wunderbare Sachen erfahren. Und abgesehen von diesen Volksheiligen: wie steht es mit unserer Literatur? Alles, was in ihr wahrhaft schön ist, das ist aus dem Volke genommen. Der Typ Belkin von Puschkin zum Beispiel! Bei uns ist alles von Puschkin. Seine Umkehr zum Volke, schon in der frühesten Zeit seiner Tätigkeit, ist so beispiellos und Erstaunen erregend und bedeutete einen für die damalige Zeit so unerwarteten und neuen Schritt, daß sie sich, wenn nicht durch ein Wunder, dann eben nur durch seine geniale Größe erklären läßt, die wir nur, füge ich hinzu, bis jetzt noch nicht die Kraft hatten, richtig zu werten. Erinnern Sie sich der „Oblomoffs“ von Gontscharoff, der „Väter und Söhne“ von Turgenjeff. In denen ist freilich nicht vom Volke die Rede, aber alles, was in den Typen Turgenjeffs und Gontscharoffs Ewiges und Schönes ist, das liegt dort, wo sie sich mit dem Volke kreuzen. Nur die Berührung mit dem Volke gibt ihnen diese ungewöhnliche Kraft. Diese Typen haben seine Gutmütigkeit, Reinheit und Bescheidenheit, die Weite seines Verstandes und seiner Güte, im Gegensatz zu allem Unnatürlichen und Falschem angenommen. Wundern Sie sich bitte nicht, daß ich plötzlich von unserer Literatur spreche; aber ihr gebührt das Verdienst, daß sie in ihren besten Vertretern und früher als unsere ganze Intelligenz, bemerken Sie das wohl, sich vor der Wahrheit des Volkes gebeugt und die Ideale des Volkes als die wahrhaft schönen anerkannt hat. Es ist wahr, daß unsere Dichter zum Teil dazu genötigt waren und es wohl mehr aus künstlerischem Instinkt, als aus gutem vaterländischem Willen taten. Doch genug von der Literatur – sprach ich von ihr doch nur im großen Zusammenhange mit dem Volke und mit der allgemeinen Frage der russischen Volklichkeit!

Diese Frage und das richtige Verständnis derselben ist für uns jetzt das Wichtigste: von ihr hängt unsere ganze, auch die praktische Zukunft ab. Aber das Volk ist für uns alle noch immer Theorie und ein Rätsel. Wir alle, wir Freunde des Volkes, sehen auf das Volk wie auf eine Theorie, und niemand liebt daher dasselbe so, wie es in der Tat ist, sondern so, wie er es sich vorstellt. Wenn das russische Volk in der Folge sich nicht als dasjenige erweisen sollte, als das ein jeder von uns es sich vorstellt, so würden wir, ungeachtet unserer vermeintlichen Liebe zu ihm, uns sofort und ohne jegliches Bedauern von ihm abwenden. Ich behaupte das von allen, die Slawophilen nicht ausgenommen: ja, die würden es vielleicht sogar noch früher tun als alle anderen. Was mich anbelangt, so verhehle ich nicht meine Überzeugung, und um Mißverständnissen vorzubeugen, weise ich geradezu auf sie hin. Ich glaube nämlich, daß wir Intellektuellen kaum so gut und vortrefflich sind, um uns als Ideal vor das Volk hinstellen und von ihm ohne weiteres verlangen zu können, daß es gerade so werde, wie wir sind. Wundern Sie sich nicht über die Frage (man ist ihr noch nie bei uns begegnet): „Wer ist besser – wir oder das Volk? Sollen wir uns nach dem Volke richten oder das Volk sich nach uns?“ Das ist die Frage, die uns jetzt alle beschäftigt, wenigstens diejenigen unter uns, die nicht aller Gedanken bar sind und die Sache des russischen Volkes in ihrem Herzen tragen. Denen kann ich auch aufrichtig antworten: daß wir uns vor dem Volke beugen müssen und von ihm alles zu erwarten haben, unsere Gedanken und Vorstellungen, daß wir uns vor der Wahrheit des Volkes beugen und sie als unsere Wahrheit anerkennen müssen, selbst in dem Falle, wenn sie zum Teil aus dem Leben der Volksheiligen käme. Mit einem Wort, wir sind die verirrten Kinder, die zweihundert Jahre nicht zu Hause waren, aber doch als Russen zurückkehrten, – was unser einziges Verdienst ist. Aber wir können uns nur unter einer Bedingung vor dem Volke beugen und das sine qua non: daß das Volk auch das von uns annimmt, was wir ihm Gutes mitgebracht haben. Ganz vernichten und aufgeben können wir uns doch nicht, selbst vor einerlei welcher Wahrheit des Volkes nicht; sonst behalten wir lieber das Unserige für uns, und müßten wir auch im äußersten Falle auf das Glück einer Vereinigung mit dem Volke verzichten. Dann mögen wir eben beide untergehen. Aber zu diesem Äußersten wird es nie kommen. Ich bin überzeugt, daß auch das Unserige, das wir mitbringen, in der Tat etwas ist: nicht ein Hirngespinst etwa, sondern daß es Bild, Form und Gewicht hat. Nichtsdestoweniger bleibt vor uns das Rätsel bestehen, das uns auf seine Lösung warten läßt – und es ist angstvoll, zu warten. Zweifel an der Zivilisation tauchen auf. Man behauptet, daß die Zivilisation das Volk verderbe. Der Gang der Dinge wäre danach der, daß neben der Erlösung und dem Lichte auch viel Falsches und Unwahres und eine große Unruhe heraufzöge. Nur den zukünftigen Geschlechtern würde ihr guter Samen aufgehen, aber uns und unseren Kindern drohe Verderben. Ist das auch Eure Meinung, die Ihr dieses lest? Ist es unserem Volke bestimmt, noch eine neue Phase von Lüge und Verderbnis durchzumachen, wie wir sie mit dem europäischen Pfropfreis von Zivilisation schon durchgemacht haben? Ich glaube, niemand wird es bestreiten, daß bei uns die Zivilisation zunächst mit der Sittenverderbnis anfing. Doch ich glaube auch, daß unser Volk von einer so ungeheuren Größe und Tiefe ist, daß alle neuen trüben und unreinen Ströme, die es aufnimmt, in ihm verschwinden werden, und es nur reine und klare wiederausströmen wird. Lassen Sie uns zusammenwirken, reichen Sie mir dazu die Hand, auf daß ein jeder mit seiner kleinen Arbeit das Seine beisteuere, auf daß die Dinge sich gerade und immer fehlerloser entwickeln! Wir selbst verstehen davon wenig: wir „lieben nur unser Vaterland“. In den Mitteln, ihm zu helfen, stimmen wir nicht überein und werden nicht aufhören, uns darüber zu streiten: aber nun ist doch wenigstens schon einmal ausgemacht, daß wir gute Menschen sind, und schließlich muß doch alles zu einer Ordnung kommen. Daran glaube ich, und ich wiederhole es, daß es nur die zweihundertjährige Entwöhnung von jeglicher Arbeit ist und weiter nichts. So, wie es jetzt ist, schließen wir unsere „Kulturperiode“ damit ab, daß wir allgemein aufhören, uns gegenseitig zu verstehen. Ich spreche nur von den aufrichtigen und ernsten Menschen – nur sie allein wollen sich nicht mehr verstehen. Spekulanten sind eine andere Sache: die haben sich bei uns immer und zu jeder Zeit verstanden.

Der Bauer Marei

Ich will, zur Abwechselung, einmal eine kleine Geschichte erzählen. Das heißt: eigentlich kann man das nicht recht eine Geschichte nennen; es ist nur eine alte Erinnerung. Ich war damals neun Jahre alt ... Doch nein: ich werde lieber mit meinem neunundzwanzigsten Jahre beginnen.

Es war am zweiten Osterfeiertag. Die Luft war warm, der Himmel hoch und blau und die Sonne so hell und schön. In meiner Seele aber war es dunkel und häßlich. Ich schlenderte hinter den Kasernen umher, betrachtete den Palisadenzaun, der unser Gefängnis umgab, und zählte die einzelnen Pfähle. Doch selbst das ewige Zählen wurde langweilig, wenn ich’s auch nur ganz mechanisch, aus Gewohnheit, tat. Es war schon der zweite Tag, daß im Gefängnis „gefeiert“ wurde: die Gefangenen brauchten nicht zu arbeiten, und so waren denn fast alle betrunken. In jedem Augenblick entstand ein neuer Streit, der mit Schimpfwörtern begann und mit Schlägen endete. Gemeine Lieder, Spielhöllen unter den Pritschen, mehrere für besonderen Unfug von den Kameraden halbtotgeprügelte Sträflinge, die man mit Pelzen bedeckt hatte und ruhig liegen ließ, bis sie wieder zu sich kommen und aufwachen würden; oft schon waren die Messer gezogen worden: all das hatte mich in den zwei Feiertagen bis zum Wahnsinn gequält.

Niemals habe ich betrunkenes Volk ohne Ekel sehen können; hier aber, an diesem Ort, war es mir ganz besonders widerlich. An solchen Feiertagen kamen nicht einmal die Beamten ins Gefängnis, um zu inspizieren oder nach dem verbotenen Branntwein zu suchen. Sie sahen wohl ein, daß man auch diesen Verstoßenen doch wenigstens einmal im Jahr etwas Freiheit lassen mußte, um Schlimmerem vorzubeugen.

Plötzlich ertrug ich die Qual nicht mehr. Heiße Wut packte mich. Da kam mir der Pole M...tzki, auch ein „politischer“ Zwangssarbeiter, entgegen; er blieb vor mir stehen und sah mich zornig, mit zuckenden Lippen, an. „Je hais ces brigands!“ stieß er halblaut durch die Zähne hervor und ging an mir vorüber. Ich kehrte in die Kaserne zurück, obgleich ich erst vor einer Viertelstunde halb wahnsinnig aus ihr hinausgelaufen war; denn sechs Kerle, wahre Athleten, hatten sich zugleich auf den betrunkenen Tataren Gasin gestürzt, um ihn mit den Fäusten zu „beruhigen“. Sie schlugen ihn unsinnig (ein Kamel hätte solche Schläge nicht überlebt), wußten aber, daß dieser tatarische Herkules viel aushalten konnte. Als ich nun zurückkam, sah ich in einer Ecke den schändlich zugerichteten Gasin, der ohne jedes Lebenszeichen auf seiner Pritsche lag. Man hatte ihn mit einem Pelz zugedeckt. Die anderen umstanden ihn schweigend. Wenn sie auch überzeugt waren, daß er am nächsten Tage wiedererwachen werde, so kratzte sich doch einer von ihnen den Kopf und meinte etwas besorgt: „Aber ... Weiß Gott doch ... Ist die Stunde vertrackt, so stirbt ’n Mensch wie nichts von solchen Schlägen.“ Ich ging zu meiner Pritsche am vergitterten Fenster, legte mich auf den Rücken, schob die Hände unter den Kopf und schloß die Augen. So lag ich immer gern: die Schlafenden werden gewöhnlich in Ruhe gelassen, und so kann man denken und träumen. Diesmal wollte es jedoch mit dem Träumen nicht gehen: mein Herz schlug unruhig, und in den Ohren klang mir noch das Wort: „Je hais ces brigands!“ Jetzt noch träume ich in mancher Nacht von jener Zeit; ich kenne keinen qualvolleren Traum.

Allmählich vergaß ich die Gegenwart und verlor mich unmerklich in Erinnerungen. In den langen Jahren, die ich dort verbrachte, erinnerte ich mich meines ganzen früheren Lebens: ich glaube, ich habe es so von Anfang an nochmals durchlebt. Diese Erinnerungen kamen, ohne daß ich selbst wußte, wie; nur selten habe ich sie gerufen. Gewöhnlich fingen sie mit irgendeinem Punkt, einem kleinen Zug an, dem sich dann immer mehr Züge anfügten, bis das Vergangene zum großen Bilde wurde. Ich analysierte dann die alten Eindrücke, fügte dem längst Erlebten neue Seiten hinzu und (die Hauptsache) verbesserte, verbesserte ununterbrochen: darin bestand ja mein einziger Zeitvertreib, meine Unterhaltung und Zerstreuung. An jenem zweiten Osterfeiertag nun stand mir plötzlich, ich weiß nicht warum, eine Stunde aus meiner Kindheit vor der Seele, eine Begegnung des Neunjährigen, die ich schon längst vergessen hatte; und ich liebte damals Erinnerungen aus meinen Kinderjahren ganz besonders.

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Mir fiel der Augustmonat auf unserem Landgut ein. Ein trockenen klarer Tag; ein wenig kühl und windig; der Sommer neigt sich dem Ende zu, und bald muß man wieder nach Moskau fahren, wieder den ganzen Winter über in französischen Stunden sich langweilen; und ich verlasse das Landgut so ungern! Ich ging hinter die Tenne und weiter in die Schlucht, von der sich auf der anderen Seite ein dichtes Gestrüpp bis zum Wald hinzog. Weiter und immer weiter drang ich in das Buschwerk ein und höre noch, wie, vielleicht dreißig Schritt vor mir, auf dem Neubruch einsam ein Bauer pflügt. Ich weiß: er muß steil den Abhang heraufpflügen, das Pferd hat es schwer, und manchmal tönt bis zu mir sein ermunternder Zuruf: „Nu, nu!“ Ich kenne alle unsere Bauern, weiß aber nicht, welcher von ihnen da gerade pflügt; ist mir auch einerlei. Ich bin ganz und gar in meine eigene Arbeit vertieft; denn auch ich bin beschäftigt: von einem Nußbaum breche ich mir eine gute Gerte, um mit ihr Frösche zu schlagen. Die Gerten von Nußbäumen sind so hübsch, viel besser als Birkenruten. Auch Käfer und andere Tierchen nehmen mich in Anspruch; ich habe sogar eine große Käfersammlung. Viele sind so putzig! Auch liebe ich die kleinen rotgelben Eidechsen mit den schwarzen Tüpfelchen; doch vor Schlangen habe ich Angst. Aber Schlangen trifft man viel seltener als Eidechsen. Pilze gibt’s hier wenig. Pilze muß man im Birkenwald suchen. Und ich mache mich auf, weiter durch das Gestrüpp in den Wald zu gehen. In meinem ganzen Leben habe ich nichts so geliebt, wie den Wald mit seinen Pilzen und Beeren, mit seinen Käfern und Vögeln, Igeln und Eichkätzchen, mit dem mich immer wieder entzückenden feuchten Duft faulender Blätter. Und noch jetzt, während ich dieses schreibe, rieche ich geradezu, atme ich den Duft unseres Birkenwaldes; solche Eindrücke haften fürs ganze Leben.

Da, plötzlich, inmitten der tiefen Stille, hörte ich laut und deutlich den Ruf: „Ein Wolf kommt!“ Ich schrie auf vor Schreck und lief schreiend auf die Wiese zu dem pflügenden Bauer.

Es war unser Bauer Marei. Ich weiß nicht, ob es den Namen gibt; aber bei uns nannten ihn alle Marei. Er war ein etwa fünfzigjähriger, stämmiger, ziemlich großer Mann, mit langem, schon stark ergrautem dunkelblondem Bart. Ich kannte ihn, hatte aber noch nie mit ihm gesprochen. Als er jetzt meinen Schrei hörte, hielt er das Pferd an und blieb stehen. Ich raste den Abhang hinab auf ihn zu und ergriff, um im vollen Lauf nicht zu fallen, hastig mit einer Hand die Pflugstange und mit der anderen seinen Ärmel: er beugte sich zu mir nieder; und da erst gewahrte er meinen Schreck.

„Ein Wolf kommt!“ keuchte ich atemlos.

Er hob schnell den Kopf und blickte sich unwillig um; einen Augenblick glaubte er mir.

„Es schrie ... Jemand schrie: Ein Wolf kommt! ...“ stammelte ich zitternd.

„Geh doch! Wo denn? Was für ’n Wolf soll denn – ... Ist dir ja nur so vorgekommen! Was kann denn hier für ’n Wolf sein!“ sprach er halblaut in den Bart, wie um mich zu beruhigen.

Ich aber zitterte noch immer am ganzen Leibe, klammerte mich noch fester an seinen Bauernkittel und war, glaube ich, sehr bleich. Er betrachtete mich mit besorgtem Lächeln; offenbar regte er sich meinetwegen auf.

„Sieh mal an! Du hast dich aber verschreckt! Ei – ei!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Genug schon, Kleinerchen, nun, laß gut sein!“ Er streckte die Hand aus und streichelte plötzlich meine Wange. „Nun, schon gut, Kleinerchen! Christus ist mit dir; mach ’n Kreuz!“

Doch ich bekreuzte mich nicht. Meine Mundwinkel zuckten. Das schien ihn besonders zu wundern: langsam erhob er seinen dicken, mit Erde beschmutzten Mittelfinger und berührte vorsichtig meine zitternden Lippen. „Sieh mal an! So was! Ei – ei!“ sagte er lächelnd (es war ein ganz besonderes, mütterlich zärtliches Lächeln). „Herrgott! Das ist doch ...“

Endlich begriff ich, daß der Schrei: „Ein Wolf kommt!“ in meiner Phantasie entstanden war. Der Schrei hatte so hell und deutlich geklungen, daß ein Zweifel ausgeschlossen schien; doch ich wußte, daß ich schon früher manchmal irgendeinen Schrei zu hören geglaubt hatte, während in Wirklichkeit alles still gewesen war. Später vergingen diese Halluzinationen der Kinderjahre.

„Jetzt werde ich gehen,“ sagte ich endlich, nachdem ich etwas Mut gefaßt hatte; doch blickte ich Marei noch fragend und schüchtern an.

„Nu, geh nur; und ich werde Dir nachsehen. Ich werde Dich schon nicht vom Wolf nehmen lassen!“ fügte er mit demselben mütterlichen Lächeln hinzu. „Nu, Christus ist mit dir, nu, geh nur“; und er bekreuzte mich mit seinen erdigen Fingern und bekreuzte sich dann selbst.

Ich ging. Doch jedesmal, wenn ich zehn Schritte gemacht hatte, blickte ich mich nach ihm um. Marei stand mit seinem Pferdchen, während ich die Schlucht hinunter- und wieder hinaufging, stand am Pflug und sah mir nach; und so oft ich mich umkehrte, nickte er mir mit dem Kopf zu. Ich schämte mich, offen gestanden, nicht wenig vor ihm: weil ich solche Angst gehabt hatte. Trotzdem fürchtete ich mich immer noch vor dem Wolf, bis ich glücklich auf der anderen Seite der Schlucht an der Getreidedarre ankam: hier verließ mich die Angst; und plötzlich kam auch noch, ich weiß nicht, woher, unser Hofhund Woltschok mir entgegengelaufen. Erst in dessen Begleitung fühlte ich mich ganz sicher; und so wandte ich mich denn zum letztenmal nach Marei um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr unterscheiden; aber ich fühlte, daß er mir noch ebenso freundlich zulächelte und mit dem Kopf zunickte. Ich winkte ihm noch einmal mit der Hand zu und er winkte mir wieder. Dann wandte er sich zum Pflug und trieb das Pferd an. „Nu, nu!“ Noch von fern her hörte ich seinen Zuruf; und das Pferd zog wieder den Pflug.

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Ich weiß nicht, warum mir das alles mit einemmal einfiel, und warum noch dazu alle Einzelheiten so deutlich vor mir standen. Ich wachte plötzlich auf, setzte mich auf die Pritsche; und ich weiß: auf meinem Gesicht fühlte ich noch das Lächeln der Erinnerung. Eine Weile dachte ich weiter nach und suchte mich des Folgenden zu erinnern.

Als ich damals von Marei nach Hause gekommen war, hatte ich keinem Menschen von meinem „Erlebnis“ erzählt. Was war denn da auch zu erzählen? Den Marei vergaß ich gar bald. Wenn ich ihn später traf, sprach ich niemals mit ihm, nicht nur nicht über den Wolf, sondern überhaupt nicht. Und nun, plötzlich, nach zwanzig Jahren, in Sibirien, steht diese Begegnung so deutlich, bis in die kleinsten Einzelheiten, vor mir. Also muß sie doch, mir unbewußt, in meiner Seele geblieben sein, ganz von selbst und vielleicht sogar gegen meinen Willen; und sie tauchte erst wieder auf, als die Zeit gekommen war. Mir fiel dieses zärtliche, mütterliche Lächeln des armen Leibeigenen ein, seine Bekreuzung und sein Kopfschütteln: „Ei – ei, du hast dich aber verschreckt, Kleinerchen!“ Und besonders der dicke, von der Erde beschmutzte Finger mit dem schwarzen Nagel, mit dem er vorsichtig, in so schüchterner Zärtlichkeit, meine zuckenden Lippen berührte. Natürlich: Ein jeder hätte ein erschrecktes Kind beruhigt; doch hier, bei dieser einsamen Begegnung, geschah etwas ganz anderes. Und wenn ich sein eigener Sohn gewesen wäre, hätte Marei mich nicht mit einer tieferen, helleren Liebe anzublicken vermocht. Wer aber zwang ihn dazu? Er war unser Leibeigener und ich immerhin sein Herrensohn. Niemand hätte jemals erfahren, daß er mich gestreichelt, niemand ihn dafür belohnt. Liebte er vielleicht kleine Kinder so sehr? Solche Leute gibt es allerdings. Die Begegnung geschah auf einsamem Feld, und nur Gott wußte, mit welch einem tiefen, heiligen menschlichen Gefühl, von welch einer weichen, fast weiblichen Zärtlichkeit die Seele eines rohen, tierisch unwissenden russischen Muschiks erfüllt sein kann. War es nicht dieses, was Konstantin Akssakoff meinte, als er von der tiefen inneren Bildung des russischen Volkes sprach?

Ich weiß noch: als ich von der Pritsche aufstand und mich umblickte, fühlte ich mit einemmal, daß ich diese Unglücklichen mit ganz anderen Augen betrachten konnte, und daß plötzlich, wie durch ein Wunder, aller Haß und alle Wut aus meinem Herzen verschwunden waren. Ich ging wieder hinaus und schaute aufmerksam in die Gesichter der Gefangenen, die mir begegneten. Dieser glattrasierte ehrlose Muschik mit dem gebrandmarkten Verbrechergesicht, der mit heiserer Stimme sein rohes Lied gröhlt, ist vielleicht auch so einer wie der Marei, der mich als Kind streichelte: ich kann ja nicht in sein Herz sehen.

Am selben Abend traf ich noch einmal den Polen M...tzki. Der Arme! Der konnte keine Erinnerungen an irgendeinen Marei haben und für alle diese Menschen nichts anderes empfinden als: „Je hais ces brigands!“ Wahrhaftig: diese Polen haben dort doch mehr gelitten als unsereiner!

Einiges über den Krieg[20]

Ich habe einen Freund, der sich durch sehr paradoxe Anschauungen auszeichnet. Ich kenne ihn schon lange. Es ist ein ganz unbekannter Mensch und ein höchst sonderbarer Charakter: er ist nämlich ein Denker. Ich werde unbedingt noch ausführlicher von ihm sprechen – doch später einmal. Jetzt ist mir nur zufällig eingefallen, wie er einmal, es ist schon etliche Jahre her, mit mir über den Krieg stritt. Er verteidigte den Krieg als solchen und vielleicht einzig um mit Paradoxen zu spielen. Ich bemerke hier noch, daß er nicht etwa Offizier ist, sondern der friedliebendste und gutmütigste Mensch, den es in der Welt und bei uns in Petersburg überhaupt geben kann.

„Toller Gedanke,“ sagte er unter anderem, „daß der Krieg eine Geißel für die Menschheit sei! Im Gegenteil, er ist das Nützlichste, was man sich überhaupt denken kann! Nur eine einzige Art Krieg ist verabscheuenswert und wirklich verderblich: das ist der innere, der Bürgerkrieg. Er lähmt und zerreißt den Staat, dauert immer viel zu lang und vertiert das Volk auf ganze Jahrhunderte. Der politische Krieg aber, der zwischen verschiedenen Völkern ausgekämpft wird, bringt einzig und allein Nutzen – in jeder Beziehung. Und dann ist er auch vollkommen unentbehrlich.“

„Aber hören Sie mal! Ein Volk geht aufs andere los, Menschen schlagen sich gegenseitig tot – was ist hier unentbehrlich?“

„Alles, und zwar im höchsten Grade. Doch erstens ist es nicht wahr, daß die Menschen in den Krieg gehen, um sich gegenseitig totzuschlagen. Das ist nie der Beweggrund gewesen, sondern sie gehen, um ihr eigenes Leben zu opfern, – das aber ist denn doch etwas ganz anderes. Es gibt keine höhere Idee als die, sein eigenes Leben zu opfern, indem man seine Brüder und sein Vaterland beschützt oder einfach, indem man die Interessen seines Vaterlandes verteidigt. Die Menschheit kann nicht ohne hochherzige Ideen leben, und ich vermute sogar, daß die Menschheit gerade deswegen den Krieg liebt, weil sie sich an einer hochherzigen Idee beteiligen will. Es ist ein Bedürfnis.“

„Ja, liebt denn die Menschheit den Krieg?“

„Ja, zweifeln Sie denn daran? Wer ist zurzeit eines Krieges noch kopfhängerisch? Alle sind sofort munter und ermutigt, und von der gewöhnlichen Schlaffheit und Langeweile der Friedenszeiten ist nichts mehr zu sehen und zu hören. Und nachher, wenn der Krieg beendet ist, mit welcher Hingabe denken sie an ihn zurück, selbst wenn sie geschlagen worden sind! Glauben Sie den Leuten nicht, wenn sie sich beim ersten Wiedersehen nach der Kriegserklärung kopfschüttelnd sagen: ‚Ach, welch ein Unglück! Ach, daß wir das noch erleben mußten!‘ sie tun es ja nur aus Wohlerzogenheit. Glauben Sie mir, jeder hat dann hohen Feiertag im Herzen. Wissen Sie, es ist furchtbar schwer, sich zu gewissen Ideen zu bekennen: gleich ist das Geschrei groß. – Tier! Barbar! schreien sie sofort und sind zum Verurteilen bereit. Das aber fürchtet man, und so zieht man vor, den Krieg lieber nicht zu loben.“

„Aber Sie sprechen von hochherzigen Ideen, von Menschlicherwerden. Lassen sich denn hochherzige Ideen nicht auch ohne Krieg finden? Ich glaube vielmehr, daß sie sich in Friedenszeiten noch leichter entwickeln können.“

„Ganz im Gegenteil, vollkommen umgekehrt! Die Hochherzigkeit verkommt in der Zeit eines langen Friedens, und an ihre Stelle treten Zynismus, Gleichgültigkeit, Langeweile und viel, viel boshafter Spott, und das noch dazu nur zur leeren Zerstreuung und nicht mal um einer Sache willen. Man kann geradezu behaupten, daß ein langer Friede die Menschen gefühllos macht. Das soziale Übergewicht geht dann immer auf die Seite alles dessen über, was in der Menschheit schlecht und roh ist – hauptsächlich zum Reichtum, zum Kapital. Ehre, Nächstenliebe, Selbstverleugnung werden in der ersten Zeit nach dem Kriege noch geachtet, sie stehen noch hoch im Preis, doch je länger der Friede dauert – desto mehr sieht man diese schönen und großen Tugenden verbleichen, einschlafen, absterben, und den Reichtum, die Sucht nach Erwerb alles ergreifen. Schließlich bleibt nur noch Heuchelei übrig – geheuchelte Ehre, geheuchelte Selbstverleugnung um der Pflicht willen. Und wenn man trotz des ganzen Zynismus auch noch fortfährt, diese großen Begriffe zu achten, so geschieht es dann doch nur in schönen Worten und bloß zum Anschein, aus Form. Die wirkliche Ehre ist nicht mehr, es bleiben nur Formeln übrig. Formeln der Ehre aber – die sind der Tod der Ehre. Ein langer Friede bringt Gleichgültigkeit hervor, niedrige Gedanken, bringt Sittenverderbnis und Abstumpfung der Gefühle. Die Vergnügungen werden nicht feiner, sondern wüster. Der plumpe Reichtum kann sich nicht an Idealen erquicken und verlangt nach anspruchsloseren, mehr ‚auf die Sache‘ gehenden Genüssen, d. h. nach unmittelbarster Befriedigung des Fleisches. Die Vergnügungen werden rein sinnlich. Sinnlichkeit ruft Wollust hervor, und Wollust immer Grausamkeit. Alles das werden Sie unmöglich leugnen, denn Sie können die erste Tatsache nicht verneinen: daß das soziale Übergewicht in der Zeit eines langen Friedens sich zum Schluß immer auf die Seite des Reichtums neigt.“

„Aber die Wissenschaft, die Kunst – können die sich denn während des Krieges entwickeln? Und das sind doch wirklich große und hochherzige Ideen!“

„Warten Sie, gerade hiermit fange ich Sie! Die Wissenschaft und die Kunst entwickeln sich immer und gerade in der ersten Periode nach dem Kriege. Der Krieg erneut sie, erfrischt sie, ruft sie hervor, stärkt die Gedanken und gibt ihnen gewissermaßen einen Stoß. In einem langen Frieden dagegen verkommt auch die Wissenschaft. Zweifellos fordert die Beschäftigung mit der Wissenschaft Mut und sogar Selbstaufopferung. Doch wie viele Gelehrte widerstehen denn der Pest des Friedens? Die geheuchelte Ehre, Selbstsucht und oberflächliche tierische Vergnügungslust erfassen auch sie. Versuchen Sie es nur einmal, mit solch einer Leidenschaft fertig zu werden, wie es beispielsweise der Neid ist: er ist roh und gemein, aber er wird trotzdem auch in die edelste Gelehrtenseele eindringen. Auch der Gelehrte will schließlich an dem allgemeinen Prunk und Glanz teilhaben. Was bedeutet vor dem Triumph des Reichtums der Triumph irgendeiner wissenschaftlichen Entdeckung, wenn sie nicht gerade so effektvoll ist wie die Entdeckung etwa eines neuen Planeten! Was meinen Sie wohl, ob unter solchen Umständen noch viel wirkliche Arbeitssklaven für das Allgemeinwohl übrigbleiben? Im Gegenteil, man sucht den Ruhm, und so kommt es dann zu Scharlatanerie, zur Jagd nach dem Effekt und, vor allen Dingen, zum Utilitarismus – denn man will doch zu gleicher Zeit auch reich werden! In der Kunst ist es genau so wie in der Wissenschaft: dieselbe Jagd nach dem Effekt, nach irgendeiner Verfeinerung. Einfache, klare, hochherzige und gesunde Ideen sind dann schon viel zu unmodern, man braucht etwas viel Verboteneres, Ungesünderes: die Künstlichkeit der Leidenschaften will man. Allmählich verliert sich dann das Gefühl für das Maß und die Harmonie, und man bekommt dafür die Entstellung der Gefühle und Leidenschaften, die sogenannte ‚Differenzierung‘ der Gefühle, die in Wirklichkeit nur ihre Verrohung ist. Sehen Sie, zu all dem entartet die Kunst in einem langen Frieden. Wenn es in der Welt keinen Krieg gäbe, so würde die Kunst einfach verkommen und verderben. Alle guten Ideen der Kunst ja ihre besten, sind vom Kriege, vom Kampf geschaffen worden. Lesen Sie eine Tragödie, sehen Sie sich die Statuen an, da haben Sie Horaz, und da haben Sie den Apollo von Belvedere, der selbst einen Wilden in Erstaunen setzen müßte ...“

„Aber die Madonnen, das Christentum?“

„Das Christentum erkennt das Faktum des Krieges vollkommen an und weissagt bekanntlich, daß das Schwert nicht vergehen werde, solange die Welt steht: das ist sehr bemerkenswert und sollte viele stutzig machen. Oh, natürlich im höheren, im moralischen Sinne verwirft es den Krieg und verlangt Nächstenliebe. Ich werde selbst der erste sein, der sich freut, wenn man die Schwerter in Pflugscharen umschmiedet. Doch fragt es sich: wann wird das möglich sein? Und lohnte es sich überhaupt, die Schwerter jetzt in Pflüge zu verwandeln? Der jetzige Friede ist immer und überall schlimmer als der Krieg, so unvergleichlich viel schlimmer, daß es zum Schluß geradezu unmoralisch wird, ihn noch aufrechtzuerhalten. Es gibt nichts mehr, was man schützen möchte, überhaupt nichts mehr, was wert wäre, erhalten zu bleiben, es ist beinahe gewissenlos und eine Schande, irgend etwas noch zu erhalten! Der Reichtum und die Roheit der Vergnügungen gebären Faulheit, und die Faulheit gebiert Sklaven. Um die Sklaven in der Sklaverei zu erhalten, muß man ihnen den freien Willen und die Möglichkeit der Aufklärung nehmen. Wer Sie auch sein mögen, mein Lieber, selbst wenn Sie der humanste Mensch sind: einen Sklaven werden auch Sie immer nur als Sklaven behandeln können – nicht wahr? Ich bemerke noch, daß in der Periode des Friedens Feigheit und Unehrlichkeit gute Wurzeln schlagen. Der Mensch ist naturgemäß stark zu Feigheit und Unehrlichkeit geneigt, und das weiß er selbst ganz genau. Deshalb vielleicht sehnt er sich auch so nach dem Kriege, und darum liebt er ihn so sehr: er ahnt in ihm das Heilmittel. Der Krieg entwickelt in ihm die Nächstenliebe und nähert und befreundet die Völker.“

„Wieso, befreundet?“

„Indem er sie lehrt, einander zu achten. Der Krieg erfrischt die Menschen. Die Menschenliebe entwickelt sich am meisten und fast ausschließlich auf dem Schlachtfelde. Es ist eine scheinbar sonderbare Tatsache, daß der Krieg weniger erbittert und aufreizt als der Friede. Irgendeine politische Beleidigung in der Friedenszeit, irgendeine herausfordernde Konvention, ein politischer Druck, anmaßende Forderungen – in der Art etwa, wie Europa sie uns 1863 stellte – erbittern viel mehr als ein offener Kampf. Erinnern Sie sich: haßten Sie etwa die Franzosen oder Engländer zur Zeit des Krimkrieges? Im Gegenteil, man kam sich näher, trat geradezu in Freundschaft miteinander. Wir interessierten uns für unsere Feinde und pflegten unsere Gefangenen. Unsere Soldaten und Offiziere gingen während des Waffenstillstands zu den feindlichen Vorposten, verbrüderten sich fast mit ihnen, tranken Wodka zusammen, und ganz Rußland las es schmunzelnd in den Zeitungen – was jedoch nicht hinderte, daß man sich prächtig schlug. Es entwickelte sich der Geist der Ritterlichkeit ... Und über die materiellen Schäden des Krieges lohnt es sich nicht einmal zu sprechen: wer kennt nicht die alte Erfahrung, daß nach einem Kriege alles wie mit neuen Kräften aufersteht? Die ökonomischen Kräfte des Landes treten zehnmal mehr hervor, ganz als ob eine Gewitterwolke Regen auf trockenen Boden niedergesandt hätte. Denen, die durch den Krieg gelitten haben, wird sofort und von allen Seiten geholfen, während in Friedenszeiten ganze Distrikte eher Hungers sterben können, bevor wir uns zur Hilfe rühren oder drei Rubel spenden.“

„Ja, leidet denn das Volk nicht am meisten unter dem Kriege, muß es nicht Verheerungen und Bürden ertragen, die unvergleichlich größer sind als die der höheren Gesellschaftsschichten?“

„Vielleicht; – doch immer nur zeitweilig, dafür aber gewinnt das Volk weit mehr, als es verliert. Gerade für das Volk hat der Krieg die besten und schönsten Folgen. Selbst wenn Sie der humanste Mensch sind, werden Sie sich doch für mehr als den Bauer halten. Wer mißt in unserer Zeit noch Seele mit Seele – mit dem christlichen Maß? Man mißt mit dem Geldbeutel, der Macht, der Kraft, – und der einfache Mann, der weiß das nur zu genau. Nicht daß hierbei Neid wäre, – aber es entsteht das unerträgliche Gefühl einer moralischen Ungleichheit, die viel verletzender für ihn ist, als wir es ahnen. Wie Sie die Menschen auch befreien oder welche Gesetze Sie ihnen auch geben mögen, diese Ungleichheit der Menschen wird in der jetzigen Gesellschaft doch nicht aufgehoben werden. Das einzige Heilmittel dagegen ist – der Krieg. Ein Palliativmittel vielleicht, doch ein tröstendes für das Volk. Der Krieg hebt den Geist des Volkes und die Erkenntnis des eigenen Wertes. Der Krieg macht in der Stunde des Kampfes alle gleich und versöhnt den Herrn mit dem Knecht in der allerhöchsten Erscheinung der menschlichen Würde, – im Opfer des Lebens für die gemeinsame Sache, für alle, für das Vaterland! Glauben Sie denn wirklich, daß die Masse, selbst die ganz unwissende Masse der Bauern und Bettler, nicht auch der aktiven Offenbarung hochherziger Gefühle bedarf? Worin kann nun die Masse im Frieden ihre Hochherzigkeit und ihre menschliche Würde beweisen? Auf die einzelnen Durchbrüche derselben sehen wir, wenn wir sie überhaupt zu beachten geruhen, mit verwundertem Lächeln, ja selbst mit ungläubigem Lachen, und zuweilen sogar mit unverhülltem Mißtrauen. Glauben wir aber einmal dem Heroismus eines einzelnen, so schlagen wir darob solch einen Lärm, als ob es etwas schier Unmögliches wäre; und was kommt dabei heraus? Unsere Verwunderung und unser Lob gleichen beinahe der Verachtung. In Kriegszeiten verschwindet all das ganz von selbst und die volle Gleichheit des Heroismus tritt an seine Stelle. Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache. Die gemeinsame Heldentat erzeugt die stärkste Verbindung zwischen den verschiedenen Ständen. Der Gutsbesitzer und der Muschik standen sich im Jahre 1812, als sie gemeinsam fürs Vaterland kämpften, näher als in Friedenszeiten zu Haus auf dem Gute. Der Krieg ist der Masse ein Anlaß, sich zu achten, und darum liebt das Volk den Krieg: es dichtet über ihn Lieder und kann sich nicht satt hören an den Geschichten und Erzählungen aus dem Kriege ... Noch einmal: Vergossenes Blut ist eine wichtige Sache! Nein, der Krieg ist in unserer Zeit unentbehrlich; ohne Krieg würde die Welt untergehen oder wenigstens sich in einen schmutzigen Schlamm verwandeln, in irgendeinen gemeinen Schmutz mit faulenden Wunden ...“

Ich widersprach ihm natürlich nicht weiter. Mit Denkern kann man nicht streiten. Aber es ist doch eine höchst sonderbare Tatsache: man fängt jetzt an über Dinge nachzudenken und zu streiten, die, wie man doch meinen sollte, schon längst allen klar und ins allgemeine Archiv des Abgetanen gestapelt worden sind. Jetzt wird das alles wieder ausgegraben ... Das auffallendste aber ist, wie mir scheint, daß dieses heutzutage überall geschieht.

Mein Paradox

Das Paradox

Wieder ein Zusammenstoß mit Europa![21] Und noch kein Krieg? Vom Kriege, sagt man, seien wir, d. h., sei Rußland noch weit entfernt ... Wieder ist die endlose Orientfrage aufs Tapet gebracht, wieder blickt Europa mißtrauisch auf uns Russen ... Doch was geht uns schließlich das Vertrauen Europas an? Hat es denn jemals vertrauensvoll auf uns geblickt? und kann es das überhaupt? Oh, versteht sich, irgendeinmal wird sich dieser Blick ändern, einmal wird Europa auch uns besser begreifen: und es lohnte sich wirklich, über dieses irgendeinmal zu sprechen. Einstweilen jedoch – einstweilen ist mir eine ganz nebensächliche Frage eingefallen, eine, mit deren Beantwortung ich noch kürzlich sehr beschäftigt gewesen bin. Wenn nun auch heute niemand mit mir übereinstimmen wird, so scheint mir doch, daß ich nicht so ganz unrecht habe.

Ich sagte, daß man die Russen in Europa nicht liebe. Nun, das wird, glaube ich, niemand bestreiten; aber unter anderem wirft uns Europa auch vor, daß wir alle, ohne Ausnahme, furchtbar liberal, ja selbst revolutionär seien, und immer, sogar mit einer gewissen Vorliebe, geneigt, uns eher den zerstörenden als den konservativen Elementen Europas anzuschließen. Zur Strafe dafür sehen viele Europäer spöttisch und von oben auf uns herab, nicht selten geradezu gehässig: es ist ihnen unbegreiflich, wie wir darauf kommen, in fremden Angelegenheiten Verneiner zu sein? Sie nehmen uns kurzerhand das Recht, nach europäischer Art zu verneinen – und zwar deshalb, weil sie uns für ein Volk halten, das nicht zur „Zivilisation“ gehört. Eher sehen sie in uns Barbaren, die sich in Europa herumtreiben und sich freuen, irgendwo irgend etwas zerstören zu können – zerstören bloß um der Zerstörung willen, um das Vergnügen zu haben, zuzusehen, wie das alles zusammenkracht – gleich den Hunnen, gleich einer Horde Wilder, die bereit ist, Europa wie das alte Rom zu überschwemmen und alles Große, Alte und Heilige zu zerstören, ohne auch nur zu ahnen, welch einen Schatz sie der Vernichtung weiht.

Daß die Russen tatsächlich in ihrer Mehrzahl sich in Europa als Liberale erwiesen haben – das ist wahr und ist sogar, ich gestehe es, sonderbar. Hat sich aber schon jemand die Frage gestellt, warum das der Fall ist? Warum beinahe neun Zehntel von den Russen, die in diesem Jahrhundert in Europa ihre Bildung erhalten hatten, sich immer derjenigen Partei der Europäer angeschlossen haben, die liberal war, der Partei der „Linken“, d. h. immer derjenigen Seite, die ihre eigene Zivilisation, ihre eigene Kultur verneinte? Das, was Thiers an der Zivilisation verneint, und das, was die Pariser Kommune an ihr 1871 verneinte, ist keineswegs dasselbe. Ebenso „mehr oder weniger“ liberal und ebenso verschieden liberal sind aber auch die Russen in Europa; doch immer sind sie, ich wiederhole es, geneigter als die Europäer, sofort zur äußersten Linken überzutreten, statt sich zunächst noch auf den unteren Stufen des Liberalismus aufzuhalten. Mit einem Wort, man findet unter den Russen weit weniger Thieristen als Kommunarden. Und man beachte wohl: das sind keineswegs irgendwelche vom Wind verwehte Leute – Ausnahmen natürlich zugegeben –, sondern Leute, die sogar sehr solid und zivilisiert aussehen, zuweilen fast schon Minister sind. Doch die Europäer trauen diesem Scheine nicht: „Grattez le Russe et vous verrez le Tartare,“ sagen sie. Das kann ja alles stimmen, aber, frage ich mich, woher kommt das? Schließt sich der Russe in seiner Gemeinschaft mit Europa der äußersten Linken an, weil er Tatar ist und die Zerstörung liebt, also als Wilder, oder bewegen ihn vielleicht andere Gründe dazu? – Das ist die Frage! ... Man wird mir wohl zugeben, daß sie nicht so uninteressant ist. Petersburg spielt jetzt nicht mehr die Rolle des Fensters, das uns aus Europa Licht bringt. Es beginnt etwas Neues, es muß wenigstens etwas Neues beginnen: das sieht jetzt ein jeder ein, der nur ein wenig nachzudenken gelernt hat. Kurz, wir fangen an mehr und mehr zu fühlen, daß wir zu irgend etwas bereit sein müssen, zu einem neuen Zusammenstoß mit Europa, und vielleicht einem viel eigenartigeren, als es die bisherigen waren, – ob es nun in der Orientfrage sein wird, oder sonstwo, wer kann das wissen! ... Darum aber sind ähnliche Fragen, Vermutungen, selbst Rätsel und sogar Paradoxe interessant – und wäre es auch nur, weil sie vielleicht auf einen richtigen Gedanken bringen können. Wie aber soll einem da nicht eine so auffallende Erscheinung zu denken geben, wie die, daß gerade diejenigen Russen, welche sich am meisten für Europäer halten und bei uns allgemein die „Westler“ genannt werden, die auf diesen Namen stolz sind und noch heute auf die anderen Russen wie auf Kwastrinker und Bauernkittel herabsehen, – wie soll es da nicht interessant sein, frage ich, daß gerade diese sich am schnellsten den Verneinern der Zivilisation, den Zerstörern der Kultur, der „äußersten Linken“ anschließen, und daß dieses in Rußland niemanden wundert, ja nicht einmal zum Nachdenken bringt? Wie soll einem das nicht merkwürdig erscheinen?

Ich habe schon eine Antwort auf diese Frage gefunden, doch werde ich meine Idee nicht beweisen, werde sie nur ein wenig zu erklären und die Tatsache zu entwickeln versuchen.

Mir scheint ... folgendes: Zeigt sich nicht in dieser Tatsache – d. h. im Anschluß unserer eifrigsten Westler an jene äußerste Linke, in Wirklichkeit an die verneinenden Elemente Europas, an die Verneiner Europas geradezu, – zeigt sich darin nicht die protestierende russische Seele, der die europäische Kultur von jeher, von Peter dem Großen an, verhaßt gewesen ist, und ihr Protest gegen diese Kultur, die sich in vielem, in allzu vielem, der russischen Seele als fremd erwiesen hat? Geradeso scheint es mir zu sein. Oh, versteht sich, dieser Protest ist fast die ganze Zeit nur unbewußt geschehen, doch wertvoll an ihm ist, daß er zeigt, wie gerade der russische Instinkt nicht erstorben ist: die russische Seele hat, wenn auch unbewußt, gerade im Namen ihres Russentums protestiert, im Namen ihres echt russischen, ursprünglichen, eigenen und dann unterdrückten Kulturversuchs. Natürlich wird man sagen, es sei noch kein Grund vorhanden, sich zu freuen, wenn dem auch so wäre: „Immerhin bist du ein Verneiner – Hunne, Barbar, Tatar –, der nicht im Namen eines Höheren verneint, sondern im Namen seiner eigenen Niedrigkeit, da er ja in ganzen zwei Jahrhunderten die europäische Höhe noch nicht einmal hat begreifen können.“

Ich gebe zu, daß das eine offene Frage ist, doch werde ich nicht versuchen, sie zu beantworten. Ich sage nur, daß ich diesen Einwand aus allen Kräften verneine – eine Begründung würde zu weit führen. Oh, wer wird jetzt noch von uns Russen, und besonders, nachdem das alles vergangen ist – denn diese Periode ist jetzt tatsächlich vergangen –, wer wird jetzt noch gegen die Tat Peters sein, sich gegen das „durchbrochene“ Fenster auflehnen und vom alten Zarenreich Moskau träumen? Doch nicht davon spreche ich jetzt; ich meine nur: wie schön und gut auch alles gewesen sein mag, was wir durch das Fenster erblickt haben, so war doch auch so viel Häßliches und Schädliches darunter, daß der russische Instinkt nicht aufgehört hat, sich dagegen aufzulehnen und zu protestieren, ... wenn er sich auch vielleicht so weit verloren haben mag, daß er selbst nicht mehr wußte, was er mit diesem Protest eigentlich tat. Und er hat nicht aus seinem Tatarentum heraus protestiert, sondern in der Tat vielleicht deswegen, weil er in sich etwas Höheres und Besseres fühlte als das, was er durch das Fenster erblickte ... Versteht sich, der Instinkt hat ja nicht gleich gegen alles protestiert: wir haben viel Gutes und Schönes bekommen, und wollen nicht undankbar sein; nun, aber gegen die Hälfte zum mindesten hat er, glaube ich, doch protestieren können.

Ich wiederhole nochmals, daß dieses ungemein sonderbar vor sich gegangen ist: gerade unsere feurigsten Westler, gerade unsere Kämpfer für die Reform wurden zu gleicher Zeit zu Verneinern Europas und stellten sich in die Reihen der äußersten Linken. Nun, und so geschah es, daß sie sich selbst gerade dadurch zu den eifrigsten Russen machten, zu Kämpfern für Rußland und den russischen Geist. Hätte man ihnen das seinerzeit erklärt, so würden sie entweder – gelacht haben, oder sie wären entsetzt gewesen. Es kann darüber kein Zweifel bestehen, daß sie nicht im geringsten die Höhe und eigentliche Bedeutung ihres Protestes erkannt haben. Im Gegenteil: sie haben ja die ganzen zwei Jahrhunderte hindurch ihren eigensten Wert fortgesetzt verleugnet, und nicht nur den allein, sondern sogar die Achtung vor sich selbst – solche gab es ja auch unter ihnen! – und in einem Grade, der ganz Europa mit Recht wundergenommen hat. Und nun stellt es sich heraus, daß gerade sie sich als die wahren Russen erwiesen haben. Ebendiese meine Deutung aber nenne ich „mein Paradox“. Belinski[22] zum Beispiel, ein von Natur leicht und leidenschaftlich begeisterter Mensch, ist fast als erster direkt zu den europäischen Sozialisten, die schon die ganze Form der europäischen Zivilisation verneinten, übergetreten, und zu gleicher Zeit hat er bei uns, in der russischen Literatur, bis zum Schluß gegen die Slawophilen gekämpft – scheinbar für das ganz Entgegengesetzte. Wie erstaunt wäre er gewesen, wenn ihm diese selben Slawophilen damals gesagt hätten, daß gerade er der erste Kämpfer für das russische Recht, für den russischen Geist und Anfang, gerade für all das, was er in Rußland an Europa bekämpfte, wenn man ihm bewiesen hätte, daß in Wirklichkeit gerade er der russische Konservative sei – und das ausschließlich, weil er in Europa Sozialist und Revolutionär war? Und so war es ja beinahe auch wirklich. Es wurde von beiden Seiten ein großer Fehler begangen, nämlich der, daß alle damaligen Westler Rußland mit Europa verwechselten, im Ernst für Europa hielten und, Europa samt seinen Formen verneinend, ernstlich glaubten, dieselbe Verneinung gälte auch für Rußland, während Rußland durchaus nicht Europa war, sondern nur in einem europäischen Rock steckte, unter ihm aber ein vollkommen anderes Wesen barg. Davon sich zu überzeugen, forderten die Slawophilen auf, indem sie direkt auf die Tatsache hinwiesen, daß die Westler Unvergleichbares verglichen oder gar für identisch hielten, und daß die Folgerung, die für Europa paßte, sich keineswegs auch auf Rußland anwenden ließ: teilweise schon deshalb nicht, weil all das, was sie in Europa wünschten, in Rußland schon längst vorhanden war und ist, jedenfalls wenigstens im Keim und in der Möglichkeit, und sogar sein Wesen ausmacht, nur nicht in revolutionärer Form, sondern gerade in derjenigen, in welcher diese Ideen der universalen Erneuerung der Menschheit erscheinen müssen: in der Gestalt der Wahrheit Gottes, der Wahrhaftigkeit Christi, die sich irgendeinmal auf der Erde doch verwirklichen wird, und die sich unversehrt allein in unserem Glauben erhalten hat. Sie forderten auf, erst Rußland kennen zu lernen und dann Folgerungen zu ziehen. Doch damals waren – um die Wahrheit zu sagen – keine Möglichkeiten vorhanden, etwas von Rußland kennen zu lernen. Und wer konnte denn damals etwas von Rußland wissen? Die Slawophilen wußten, natürlich, hundertmal mehr als die Westler – und das ist das Minimum –; doch auch sie handelten fast nur tastend und tappend, apriorisch und abstrakt, indem sie sich mehr auf ihren bloßen Instinkt verließen. Irgend etwas kennen zu lernen ist erst in den letzten zwanzig Jahren möglich geworden, doch – wie viele wissen denn selbst jetzt etwas von Rußland? Es ist viel, sehr viel, daß schon ein Anfang damit gemacht worden ist. Trotzdem erhebt sich kaum eine wichtige Frage, und alle sind sofort verschiedener Meinung bei uns. Nun, und jetzt erhebt sich von neuem die Orientfrage: Hand aufs Herz, wie viele sind ihrer und welche sind es, – die fähig wären, in dieser Angelegenheit übereinzustimmen, und wenn es sich auch nur um einen einzigen Entschluß handelt? Und das noch in einer so wichtigen, großen, in einer so verhängnisvollen und nationalen Frage! Was Orientfrage! man denke doch bloß an unsere hundert, unsere tausend inneren Tagesfragen: – welch eine allgemeine Verwirrung, welche unbeständigen Anschauungen, welch eine Ungewohntheit zu handeln! Rußland wird inzwischen entwaldet, die Gutsbesitzer und Bauern fällen mit wahrer Wut ihre Bäume. Es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß der Holzpreis auf ein Zehntel des früheren herabsinkt. Noch bevor unsere Kinder groß werden, wird schon zehnmal weniger Holz auf dem Markt sein. Was daraus folgt, ist vielleicht unser Verderben. Doch versucht man einmal, etwas von der Einschränkung der Rechte des Waldfällens zu sagen, was bekommt man dann zu hören? Von der einen Seite „staatliche und nationale Notwendigkeit“ und von der anderen „Verletzung der Eigentumsrechte“: zwei entgegengesetzte Begründungen. Sofort bilden sich zwei Lager, und noch weiß man nicht, in welches die liberale, alles entscheidende Meinung treten wird. Und sind es wirklich nur zwei Lager? So wird denn diese Frage noch lange unentschieden bleiben. Einer der heutigen Liberalen hat versucht, einen Witz zu reißen: jedes Übel, meinte er, habe auch sein Gutes, und so müsse hinfort, wenn der ganze russische Wald abgeholzt sei, wenigstens endgültig die Körperstrafe aufhören – denn woher wollen die Landrichter Ruten nehmen, wenn keine Wälder mehr da sind? Natürlich ist das eine kleine Beruhigung, doch traut man auch ihr nicht allzusehr: sind keine Bäume mehr vorhanden, so bleiben doch noch Sträucher, oder man kann ja Ruten aus dem Auslande beziehen. Neuerdings werden die Juden Gutsbesitzer – und überall schreibt und schreit man, daß sie den Boden Rußlands ruinieren, daß der Jude sofort, nachdem er das Gut gekauft, um das Kapital mit den Prozenten zurückzugewinnen, alle Kräfte und Reichtümer des gekauften Landes aussaugt. Versucht jemand, etwas dagegen zu sagen – so wird sofort von allen Seiten losgeschrien, man verletze das Prinzip der ökonomischen Freiheit und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung! Möge man doch wenigstens hierbei die Gleichberechtigung aus dem Spiel lassen, da es sich in erster Linie um den ausgesprochensten Talmud-status in statu handelt; wenn hier nicht nur Aussaugung des Bodens, sondern auch die Aussaugung unseres Bauern droht, der nun, befreit vom Gutsbesitzer, in die Sklaverei dieser neuen „Herren“ gerät, derselben, die aus dem westrussischen Bauern schon alles gezogen, was aus ihm noch zu ziehen war, die jetzt nicht nur Güter und Bauern kaufen, sondern auch die liberale Meinung – und zwar mit gutem Erfolg. Warum aber ist das alles so bei uns? Warum diese Unentschlossenheit und diese Uneinigkeit bei jedem Entschluß? Meiner Meinung nach kommt das durchaus nicht von irgendeiner Unbegabtheit und Unfähigkeit zur Tat, sondern von unserer fortdauernden Unkenntnis Rußlands, seines Wesens, Sinnes und Geistes, obgleich seit Belinski und den Slawophilen schon zwanzig Jahre vergangen sind. Und es gibt sogar noch einen anderen Grund: in diesen zwanzig Jahren ist die Kenntnis Rußlands in Tatsachen und Einzelheiten weit, weit fortgeschritten, – der russische Instinkt aber hat sich verringert im Verhältnis zu früher. Der Grund hierfür? Wenn nun die Slawophilen durch ihren russischen Instinkt gerettet worden sind, so muß doch dieser Instinkt auch in Belinski gewesen sein und sogar so stark, daß die Slawophilen ihn für ihren besten Freund gehalten haben! Hier lag aber ein großes Mißverständnis von beiden Seiten vor. Nicht umsonst hat man einmal von Belinski gesagt: „wenn er langer gelebt hätte, so wäre er bestimmt zu den Slawophilen übergetreten“. In diesen Worten war ein Gedanke.

Das Ergebnis des Paradoxons

„Sie behaupten also,“ wird man mir sagen, „daß jeder Russe, der sich in einen europäischen Kommunarden verwandelt, allein schon dadurch sofort zum russischen Konservativen wird?“ Nein, das zu behaupten, wäre denn doch etwas zu gewagt. Ich wollte nur bemerken, daß in dieser Idee, selbst wenn man sie wörtlich nimmt, etwas Wahres liegt. Es ist vor allen Dingen viel Unbewußtes dabei und meinerseits vielleicht ein zu starker Glaube an den unvergänglichen russischen Instinkt und an die Lebenszähigkeit des russischen Geistes. Doch schön, schön, mag ich auch selbst wissen, daß es ein Paradox ist, so will ich doch die Folgerung aus ihm ziehen: das ist gleichfalls eine Tatsache, eine Folgerung aus der Tatsache. Ich habe vorhin gesagt, daß die Russen sich in Europa durch Liberalismus auszeichnen, und daß sich ihrer wenigstens neun Zehntel der Linken und äußersten Linken anschließen, sobald sie nur mit Europa in Berührung kommen ... vielleicht sind es auch nicht neun Zehntel: auf der Zahl will ich nicht bestehen. Ich bestehe nur darauf, daß es unvergleichlich mehr liberale Russen gibt, als unliberale. Doch haben wir natürlich auch solche. Tatsächlich gibt es, und hat es immer gegeben, Russen – die Namen einiger von ihnen sind weltberühmt –, die nicht nur die europäische Kultur nicht verneint, sondern, im Gegenteil, sie dermaßen angebetet haben, daß sie schon ihren letzten russischen Instinkt verloren, ihre russische Persönlichkeit und ihre Muttersprache, Russen, die ihre Heimat gewechselt und, wenn sie auch nicht zu fremden Völkern übertraten, so doch ganze Generationen hindurch in Europa blieben. Tatsache ist nun, daß alle diese Russen, im Gegensatz zu den liberalen, im Gegensatz zu deren Atheismus und Kommunismus, sich alsbald zur Rechten und äußersten Rechten geschlagen haben und echte europäische Konservative geworden sind.

Viele von ihnen haben ihren Glauben gewechselt und sind zum Katholizismus übergetreten. Sind das nicht echte Konservative, ist das nicht schon die äußerste Rechte? Sie sind Konservative in Europa und umgekehrt – die vollkommensten Verneiner Rußlands geworden. Sie werden zu Zerstörern, zu Feinden Rußlands! Da sieht man, was das heißt, sich aus einem Russen in einen Europäer verwandeln, sich zum „wahren Sohn der Zivilisation“ machen, – eine bemerkenswerte Tatsache, die zweihundert Jahre Experiment uns gegeben haben. Daraus folgt, daß der Russe, der wirklich Europäer wird, nicht anders kann, als zu gleicher Zeit auch der natürliche Feind Rußlands werden: War es das, was die wollten, die „das Fenster durchbrachen“? Hatten sie das im Auge? Und so bekamen wir zwei Typen des zivilisierten Russen: den Europäer Belinski, der zu gleicher Zeit Europa verneinte und sich im höchsten Grade als Russe erwies, und den echten, altadligen russischen Fürsten Gagarin, der es, nachdem er Europäer geworden, für notwendig befand, nicht nur zum Katholizismus überzutreten, sondern auch noch gleich unter die Jesuiten zu gehen. Wer ist von beiden der größere Feind Rußlands? Wer ist mehr Russe geblieben? Und bekräftigt nicht dieses zweite Beispiel von der äußersten Rechten mein voriges Paradox, daß die russischen europäischen Sozialisten und Kommunarden – vor allen Dingen keine Europäer sind und zum Schluß echte, prächtige Russen werden, sobald das Mißverständnis sich aufklärt und sie ihr Land kennen lernen! Und zweitens, daß kein einziger Russe ernstlich Europäer wird, wenn er nur noch ein bißchen, wenn auch nur verschwindend wenig, Russe bleibt! Ist dem aber so, – dann muß folglich auch Rußland etwas vollkommen Selbständiges und Besonderes sein, etwas, das Europa nicht im geringsten gleicht. Ja, und Europa selbst ist vielleicht gar nicht im Unrecht, wenn es die Russen tadelt und über ihr Revolutionärtum lacht: „Wir sind also Revolutionäre nicht nur für die Zerstörung, dort, wo nicht wir gebaut haben, nicht wie die Hunnen und Tataren, sondern für irgend etwas anderes, das wir bis jetzt selbst noch nicht wissen – die aber, die es wissen, behalten es für sich. Kurz, wir sind – Revolutionäre aus irgendeiner eigenen Notwendigkeit heraus, sozusagen Revolutionäre aus Konservativismus ...“

Doch all das sind Übergangsstadien, wie ich schon gesagt habe, all das ist nebensächlich und liegt abseits – heute wenigstens, da sich die ewig unbeantwortete Orientfrage wieder erhoben hat.

Utopische Geschichtsauffassung

In diesen ganzen hundertfünfzig Jahren nach Peter dem Großen haben wir nichts anderes getan, als die Gemeinschaft mit allen nur möglichen menschlichen Zivilisationsformen zu erwerben versucht, durch die Teilnahme an der Geschichte und durch die Bekanntschaft mit den Idealen aller Völker. Zuerst haben wir uns gezwungen und dann haben wir uns gewöhnt, die Franzosen zu lieben, die Deutschen und all die anderen gleichfalls, als ob das unsere Brüder gewesen wären, ganz abgesehen davon, daß sie uns nie geliebt haben und wohl auch willens sind, uns hinfort nicht zu lieben. Doch darin bestand ja unsere Reform, die ganze Tat Peters des Großen: sie hat in anderthalb Jahrhunderten unseren Blick erweitert, – eine Tatsache, die vielleicht noch bei keinem Volk, weder in der alten noch in der neuen Geschichte, vorgekommen ist. Das Rußland vor Peter war tätig und festgefügt, wenn es sich auch politisch langsam entwickelte. Es hatte sich zur Einheit herausgearbeitet und schickte sich an, seine Grenzen zu befestigen, und bei sich wußte es, daß es einen Schatz in sich trug, wie es keinen zweiten in der Welt mehr gibt – die Rechtgläubigkeit; wußte, daß es der Hüter der Wahrheit Christi ist, wirklich der gewißlichen Wahrheit, des wahrhaften Ebenbildes Christi, das sich in allen anderen Glaubensformen und bei allen anderen Völkern verdunkelt hat. Dieser Schatz, diese ewige, in Rußland gegenwärtige Wahrheit, deren Aufbewahrung uns als Aufgabe zugefallen, befreite geradezu das Gewissen der besten damaligen Russen (nach ihrer eigenen Meinung) von der Pflicht, sich um das Wissen anderer Völker zu kümmern. Ja, in Moskau kam man sogar zu der Überzeugung, daß jede engere Berührung mit Europa schädlich und demoralisierend auf das russische Gemüt und auf die russische Idee wirken, die Rechtgläubigkeit selbst entstellen und Rußland auf den Weg des Verderbens bringen könnte, „nach dem Beispiel aller anderen Völker“. So schickte sich denn das alte Rußland in seiner Abgeschlossenheit an, Unrecht zu tun, – Unrecht an der Menschheit, indem es sich dafür entschied, ratlos seinen Schatz, seine Rechtgläubigkeit bei sich zu behalten und sich von Europa, d. h. von der Menschheit, abzuschließen, – in der Art unserer Sektierer, die mit niemandem aus einer Schüssel essen, sondern es für eine heilige Pflicht halten, daß ein jeder sich eine besondere Tasse und einen besonderen Löffel anschafft. Dieser Vergleich stimmt buchstäblich, denn vor Peter waren unsere politischen wie geistigen Beziehungen zu Europa von derselben Art. Seit der Reform Peters jedoch gewannen wir die beispiellose Erweiterung des Blicks, – und darin, wiederhole ich, besteht die ganze Größe der Tat unseres „Ehernen Reiters“. Dieses ist der Schatz, den wir, die obere kultivierte Schicht Russen, nach einer anderthalb Jahrhunderte langen Abwesenheit aus unserem eigenen Lande dem Volke bringen, und den das Volk, nachdem wir uns selber vor seiner Wahrheit gebeugt, von uns annehmen muß, sina qua non, „widrigenfalls die Vereinigung beider Schichten sich als unmöglich erweisen und alles untergehen wird.“

Was ist das nun für eine „Erweiterung des Blicks“, worin besteht sie und was für eine Bedeutung hat sie?

Das ist nicht die Aufklärung oder Erleuchtung im eigentlichen Sinne des Wortes, auch nicht die Wissenschaft, es ist auch kein Verrat an den russischen moralischen Grundsätzen im Namen der europäischen Kultur. Nein, das ist etwas, was einzig dem russischen Volke eigen ist: denn eine ähnliche Reform hat es nirgends und noch niemals gegeben. Das ist unsere wirklich und in der Tat fast brüderliche Liebe zu den anderen Völkern, eine Liebe, die wir in anderthalb Jahrhunderten Berührung mit ihnen uns erworben haben. Das ist unser Bedürfnis, der ganzen Menschheit zu dienen, zuweilen sogar zum Nachteil der eigenen, wichtigsten und nächsten Interessen; das ist unsere Aussöhnung mit ihren Kulturen, unser Begreifen und Verzeihen ihrer Ideale, selbst dann, wenn sie sich mit den unsrigen nicht vertragen. Das ist unsere Fähigkeit, die wir uns selbst anerzogen haben, in jeder der europäischen Kulturen, oder richtiger, in jeder europäischen Persönlichkeit die in ihr enthaltene Wahrheit zu entdecken, sogar ungeachtet alles dessen, womit wir grundsätzlich nicht übereinstimmen können. Das ist endlich das Bedürfnis, in erster Linie – gerecht zu sein und nur die Wahrheit zu suchen. Mit einem Wort, das ist vielleicht gerade der Anfang, der erste Schritt dieser aktiven Anwendung unseres Schatzes, unserer Rechtgläubigkeit, zum Dienste der ganzen Menschheit – wozu sie ja bestimmt ist und was ihr wirkliches Wesen ausmacht. Auf diese Weise hat die Reform Peters die Erweiterung unserer früheren Idee bewirkt, unserer alten russisch-moskowitischen Idee: wir bekamen ein vervielfachtes und verstärktes Verständnis für dieselbe: wir erkannten unsere Weltbestimmung, unsere Persönlichkeit und unsere Rolle in der Menschheit, übersahen aber, daß diese Bedeutung und diese Rolle grundverschieden sind von denen der anderen Völker; denn dort lebt jede nationale Persönlichkeit einzig für sich und in sich, wir aber werden, wenn unsere Zeit kommt, gerade damit beginnen, daß wir die Diener Aller werden, um der allgemeinen Versöhnung willen. Das ist durchaus nicht schmählich für uns, im Gegenteil, es ist unsere Größe, denn es führt zur endgültigen Vereinigung der Menschheit. Wer der Höchste im Reiche Gottes sein will, – der werde der Diener Aller. So verstehe ich die russische Prädestination in ihrem Ideal.

Der erste Schritt unserer neuen Politik nach Peter spezifizierte sich denn auch ganz von selbst: dieser erste Schritt lag in dem Plan, das ganze Slawentum unter den Flügeln Rußlands zu vereinigen. Und diese Vereinigung nicht etwa zur Aneignung fremden Besitzes, nicht zur Vergewaltigung, nicht zur Vernichtung der einzelnen slawischen Völkerpersönlichkeiten durch den russischen Koloß, sondern um sie zu erneuen und in das ihnen zustehende Verhältnis zu Europa und zur Menschheit zu bringen, ihnen endlich die Möglichkeit zu geben, friedlich leben zu können und sich nach ihren unzähligen, jahrhundertelangen Leiden zu erholen, um sich im gemeinsamen Geiste zu versammeln und, nachdem man seine neue Kraft gefühlt, auch sein Scherflein in die Schatzkammer des menschlichen Geistes zu bringen, auch sein Wort in der Kultur zu sagen. Oh, natürlich, man kann ja über diese meine „Illusionen“ von russischer Prädestination lachen soviel man will, doch bitte ich wenigstens eines sagen zu dürfen: wünschen etwa nicht alle Russen die Befreiung und Erhebung der Slawen gerade auf dieser Basis, gerade für deren volle persönliche Freiheit und die Auferstehung ihres Geistes, und durchaus nicht, um sie für Rußland politisch zu gewinnen und durch sie Rußland politisch zu verstärken, wie es einstweilen Europa argwöhnt? Das ist doch so, nicht wahr? Dann aber sind doch meine „Illusionen“ zum Teil schon gerechtfertigt? Freilich versteht es sich von selbst, daß zu diesem selben Zweck Konstantinopel – früher oder später doch unser werden muß ...

Herrgott, wie spöttisch ein Österreicher oder Engländer lächeln würde, wenn er diese ausgedachten „Illusionen“ lesen könnte und plötzlich solch eine positive Folgerung fände!

„Konstantinopel, das Goldene Horn, der erste politische Punkt der Welt! – das soll keine politische Eroberung sein!?“

Ja, das Goldene Horn und Konstantinopel – all das wird dereinst unser sein, doch nicht um der Eroberung und der Vergewaltigung willen, antworte ich. Und vor allen Dingen: das wird ganz von selbst geschehen, wenn die Zeit dazu kommt. Es ist der natürliche Ausgang der Balkanfragen. Wenn es bis jetzt noch nicht geschehen ist, so war eben die Zeit noch nicht gekommen. In Europa glaubt man an irgendein „Testament Peters des Großen“. Das ist nichts weiter als ein von Polen geschriebenes, untergeschobenes Papier. Doch wenn Peter auch der Gedanke gekommen wäre, anstatt Petersburg zu gründen, Konstantinopel zu erobern, so hätte er doch diesen Gedanken aufgegeben: selbst dann, wenn er die Macht gehabt hätte, den Sultan zu vernichten – denn damals wäre das unzeitgemäß gewesen und hätte sogar Rußlands Verderben sein können.

Schon in dem finnischen Petersburg sind wir dem Einfluß der benachbarten Deutschen nicht entronnen, – wenn er auch nützlich gewesen ist, so hat er doch die russische Entwicklung, bevor sie ihren rechten Weg fand, ungemein gelähmt, – wie hätten wir dann in Konstantinopel, der großen, eigenartigen Stadt, mit den Resten der ältesten und mächtigsten Kultur, dem Einfluß der Griechen entrinnen können, dieser unvergleichlich „geschliffeneren“ Menschen, als es die rauhen, uns vollkommen unähnlichen Deutschen sind, dem Einfluß dieser Menschen, die bedeutend mehr Berührungspunkte mit uns haben, dieser zahlreichen höfischen Griechen, die sofort den Thron umringt hätten und viel früher als die Russen gelehrt und gebildet geworden wären, die unseren Peter selber, nicht nur seine Nachfolger, bezaubert hätten, schon allein durch ihre Kenntnis der Schiffahrt, – seiner schwachen Seite –?? Kurz, sie hätten Rußland politisch erobert, hätten es, wieder auf irgendeinen neuen asiatischen Weg gelockt, nun, und dem wäre natürlich das damalige Rußland nicht gewachsen gewesen. Seine russische Kraft und Nationalität wären in ihrer Entwicklung unterbrochen worden. Der mächtige Großrusse wäre abseits in seinem dunklen schneeigen Norden geblieben und hätte nur als Material für die Zarenstadt gedient, und vielleicht würde er es zum Schluß sogar überflüssig gefunden haben, ihr noch weiter zu folgen. Der Süden Rußlands aber wäre den Griechen anheimgefallen. Ja, vielleicht hätte sich sogar die Rechtgläubigkeit selber in zwei Welten geteilt: in die südlich-zaristische und die nördlich-altrussische ... Kurz, die Sache wäre im höchsten Grade unzeitgemäß gewesen. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes.

Jetzt ist Rußland schon in Europa gewesen und ist nicht mehr so unwissend wie damals. Die Hauptsache aber – es hat seine ganze Kraft erkannt und ist wirklich stark geworden; und außerdem weiß es jetzt, wodurch es dereinst am stärksten sein wird. Jetzt weiß es, daß Konstantinopel uns gehören kann, auch ohne dabei die Hauptstadt zu sein; vor zweihundert Jahren aber, da hätte Peter nach der Eroberung von Byzanz nicht umhingekonnt, dorthin seine Residenz zu verlegen, was das Verderben Rußlands gewesen wäre – denn Byzanz ist nicht Rußland und kann auch niemals Rußland werden. Angenommen aber, daß Peter diesen Fehler nicht begangen hätte, so wären doch bestimmt seine Nachfolger dorthin gezogen. Wenn aber Byzanz heute unser wird, so wird es deshalb noch nicht Rußlands Hauptstadt und somit auch nicht die Hauptstadt des Panslawismus, wie einige träumen. Der Panslawismus ohne Rußland wird sich im Kampf mit den Griechen entkräften, selbst dann, wenn er aus seinen Teilen irgend etwas politisch Ganzes bilden könnte. Daß aber die Griechen allein Byzanz erben, ist jetzt schon unmöglich: einen so wichtigen Punkt der Erde kann man ihnen nicht abtreten, das wäre denn doch etwas zuviel für sie. Der Panslawismus aber mit Rußland an der Spitze – oh, der ist natürlich etwas ganz anderes! Aber ist dieses Andere auch etwas Gutes, fragt es sich? Und würde das nicht wie ein Einstecken der Slawen aussehen, was wir durchaus nicht nötig haben? Also im Namen wessen, im Namen welches moralischen Rechtes könnte denn Rußland Konstantinopel begehren? Auf welche höheren Ziele gestützt, könnte es Byzanz von Europa fordern? Nur als Führer der Rechtgläubigkeit, als ihr Beschützer und Erhalter – in der Rolle, die ihm schon seit Iwan III.[23] zusteht: zum Zeichen dessen hat dieser den zweiköpfigen byzantinischen Adler über das alte Wappen Rußlands gestellt, wenn Rußland dieser Führer auch erst seit Peter dem Großen wirklich geworden ist, als es die Kraft in sich fühlte, seine Bestimmung zu erfüllen, und in der Tat der einzige wahrhafte Beschützer und Erhalter der Rechtgläubigkeit, wie der ihr angehörigen Völker wurde. Dieser Grund, dieses Recht auf das alte Byzanz, wäre selbst den auf ihre Unabhängigkeit eifersüchtigsten Slawen und sogar den Griechen verständlich und hätte nichts Kränkendes für sie. Damit würde sich das wirkliche Wesen dieser politischen Beziehungen selbst zu erkennen geben, Beziehungen, die sich unfehlbar in Rußland zu allen übrigen rechtgläubigen Völkern herstellen müssen – ob Slawen oder Griechen, bleibt sich gleich. Rußland ist ihre Beschützerin und vielleicht sogar ihre Führerin, doch nicht ihre Herrscherin. Sollte Rußland aber einmal ihre Zarin werden, so wird das nur auf ihre eigene Wahl hin geschehen können, mit der Aufrechterhaltung alles dessen, was sie selbst zur Sicherung ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit und Eigenart bestimmen ... so daß zu solch einem Vaterlande auch die nicht rechtgläubigen Slawen werden hinzutreten können, denn sie würden selbst sehen, daß die Vereinigung unter dem Schutze Rußlands nur eine Sicherstellung der unabhängigen Persönlichkeit eines jeden ist, da sie ohne diese große, vereinende Kraft sich vielleicht wieder in Streitigkeiten untereinander entkräften würden, selbst wenn sie einmal von Muselmännern oder Europäern, denen sie jetzt gehören, politisch unabhängig werden sollten.

Wozu mit Worten spielen, wird man mir sagen: was ist das, diese „Rechtgläubigkeit“? und worin liegt hier eine so besondere Idee, solch ein besonderes Recht auf die Vereinigung der Völker? Ist das nicht ganz ebensolch ein politischer Verband wie alle übrigen, wenn auch auf den breitesten Grundlagen, in der Art der Vereinigten Staaten Amerikas vielleicht, oder womöglich auf noch breiteren?

Ich werde diese Frage sofort beantworten.

Nein, es wird nicht dasselbe sein, und es ist auch kein Spiel mit Worten, sondern hierdurch wird wirklich etwas Besonderes und noch nicht Dagewesenes geschehen. Es wird nicht nur eine politische Vereinigung sein und noch weniger eine politische Aneignung oder Vergewaltigung, – wie Europa es sich nicht anders denken kann; und nicht im Namen eines Krämerwesens, oder persönlicher Vorteile und der ewigen, immer gleichen vergötterten Laster unter dem Schein des offiziellen Christentums, an das in Wirklichkeit niemand mehr außer dem Pöbel glaubt. Nein, hierdurch soll die Wahrheit Christi zur Wirklichkeit werden, diese Wahrheit, die einzig im Osten noch erhalten wird, die wirkliche, neue Herrschaft Christi und die Verkündung des endgültigen Wortes der Rechtgläubigkeit, deren Haupt schon längst Rußland ist. Das wird ja das Ärgernis sein für alle Starken dieser Welt, die bis jetzt hienieden triumphiert haben, die immer auf ähnliche „Erwartungen“ mit Verachtung und Spott herabgesehen und nicht einmal begreifen können, wie man ernstlich an die Brüderlichkeit der Menschen, an die Allversöhnung der Völkerschaften glauben kann, an einen Bund, der auf der Basis der Alldienstbarkeit der Menschheit gegründet ist, und endlich selbst an die Erneuerung der Menschen auf Grund der wahrhaften Lehre Christi. Ist aber der Glaube an dieses „neue Wort“, das Rußland als Haupt der vereinten Rechtgläubigkeit der Welt sagen kann, eine „Utopie“, die nur des Spottes wert ist, so möge man auch mich zu diesen Utopisten rechnen, und den Fluch der Lächerlichkeit will ich dann gerne tragen.

„Schon das allein ist Utopie,“ wird man vielleicht noch einwenden, „daß man Rußland irgendeinmal einfach erlauben werde, an die Spitze der Slawen zu treten und in Konstantinopel einzuziehen. Man kann ja nicht verbieten, sich Illusionen zu machen, doch bleiben es immerhin Illusionen.“

Ist das wirklich so? Doch abgesehen davon, daß Rußland stark ist und vielleicht noch viel stärker, als es selbst ahnt, ganz abgesehen davon – waren es nicht unsere eigenen Augen, die noch in den letzten Jahrzehnten zwei riesige, Europa beherrschende Mächte sich aufrichten sahen, von denen die eine in Staub und Schutt zusammenbrach, in einem Tage vom Sturme Gottes hinweggefegt, und an deren Stelle sich ein neues Reich erhob, dem ein an Kraft ähnliches, sollte man meinen, die Erde noch nicht getragen hat? Und wer hätte das voraussehen können? Wenn aber solche Veränderungen möglich sind, schon in unseren Tagen und vor unseren Augen, wie kann dann der menschliche Verstand vollkommen und buchstäblich das Schicksal des Ostens weissagen wollen? Wer hat wirklich Ursache, in der Hoffnung auf die Auferstehung und Einigung der Slawen zu verzagen? Unbekannt sind uns Menschen die Wege Gottes allzeit gewesen.

Foma Daniloff, der zu Tode gemarterte russische Held

Foma Daniloff

Es ist jetzt[24] wohl ein Jahr her, daß die Zeitungen die Nachricht brachten von dem Märtyrertode des Unteroffiziers des 2. Turkistanischen Schützenbataillons, Foma Daniloff. Er war in die Gefangenschaft der Kiptschaken geraten und von ihnen in Magelan nach vielen raffinierten Foltern endlich am 21. November barbarisch umgebracht worden, weil er nicht in ihren Dienst und zum Mohammedanismus hatte übertreten wollen. Der Chan selber hat ihm Belohnungen, seine Gunst und alle möglichen Ehren versprochen, wenn er eingewilligt hätte, Christus zu verleugnen. Daniloff aber hat geantwortet, daß er das Kreuz nicht verraten könne und als Untertan des Zaren, wenn auch in der Gefangenschaft, seine Pflicht dem Zaren und dem Christentum gegenüber erfüllen müsse. Seine Peiniger haben sich über die Kraft seiner Seele gewundert und ihn einen Helden genannt.

Damals rief diese Nachricht, wenn sie auch von allen Zeitungen mitgeteilt wurde, doch kein besonderes Interesse in der Gesellschaft hervor; ja, selbst die Blätter, die sie nur wie eine gewöhnliche Tagesneuigkeit brachten, fanden es nicht für nötig, sich noch besonders darüber zu verbreiten. Darauf kamen die slawische Bewegung, Tschernjäjeff[25], die Serben und manches andere. Es kamen Spenden und Freiwillige, und der gefolterte Foma geriet in völlige Vergessenheit – das heißt in den Zeitungen. Erst kürzlich hörten wir wieder etwas von ihm, oder vielmehr von seiner Familie, nach der der Gouverneur von Samara inzwischen geforscht hatte. Daniloff hat eine 27jährige Frau, Jewrossinja, und eine sechsjährige Tochter, Ulita, in ärmlichen Verhältnissen zurückgelassen. Eine Sammlung für sie ergab 1320 Rubel, von denen 600 für die Tochter bis zu ihrer Mündigkeit verzinst werden sollen, während den Rest die Mutter erhält; außerdem hat eine Schule die kleine Ulita als Stipendiatin aufgenommen. Bald darauf benachrichtigte dann der Chef des Generalstabes den Gouverneur von Samara, daß nach Allerhöchster Bestimmung der Witwe eine lebenslängliche Pension von 120 Rubel jährlich ausgezahlt werden solle. Und nun – wird die Sache wahrscheinlich wieder vergessen werden, besonders in Anbetracht der gegenwärtigen Aufregungen, politischen Befürchtungen, der schwebenden Fragen, Krachs usw.

Oh, ich will durchaus nicht behaupten, daß unsere Gesellschaft sich zu dieser ungewöhnlichen Tat gleichgültig, wie zu einem nicht beachtenswerten Geschehnis, verhalten hätte! Tatsache ist nur, daß darüber wenig gesprochen worden ist, oder richtiger, daß niemand davon als von etwas Besonderem gesprochen hat. Übrigens, vielleicht hat man es auch irgendwo getan, bei Kaufleuten, bei Geistlichen zum Beispiel, nicht aber in der „Gesellschaft“, nicht in den Kreisen unserer „Intelligenz“. Das Volk natürlich wird diesen großen Tod nicht vergessen. Dieser Held hat Qualen für Christus erduldet und ist ein großer Russe gewesen: das versteht das Volk zu schätzen, und solche Taten vergißt es nie. Und doch ist es mir, als hörte ich schon einige mir so wohlbekannte Stimmen sagen: „Tja, das ist allerdings Kraft, Stärke, und wir erkennen sie ja auch an, aber – es ist doch immer eine blinde, sagen wir wie das Volk: eine ‚dunkle‘ Kraft, die sich in etwas allzu vorsintflutlicher Gestalt geoffenbart hat, und darum – was hätten wir da als etwas Besonderes besprechen sollen? Nicht von unserer Welt ist das. Eine ganz andere Sache aber ist Kraft, die sich intellektuell, die sich bewußt zeigt. Es gibt noch andere Dulder und andere Kräfte, es gibt auch Ideen, die unvergleichlich höher sind – die kosmopolitische Idee zum Beispiel ...“

Doch trotz dieser vernünftigen und „intellektuellen“ Stimmen scheint es mir erlaubt und verzeihlich, etwas Besonderes auch über Daniloff zu sagen. Ja, ich glaube sogar, daß es selbst unsere Intelligenz nicht gar so sehr erniedrigen würde, wenn sie sich etwas aufmerksamer zu dieser Tat verhalten hätte. Mich, zum Beispiel, wundert am meisten, daß sich damals nirgendwo Verwunderung geäußert hat, – gerade Verwunderung. Ich rede nicht vom Volke: dort ist Verwunderung nicht nötig, und darum wird es sich auch in diesem Falle nicht gewundert haben: die Tat Daniloffs kann ihm nicht ungewöhnlich erscheinen, schon allein wegen des großen Glaubens unseres Volkes an sich selber nicht. Seine Antwort auf diese Heldentat wird nur ein mächtiges Gefühl und eine tiefe Rührung sein. Sollte aber etwas Ähnliches in Europa geschehen, ich meine, ein solcher Beweis von Mut und Größe, sei es bei den Engländern, bei den Franzosen oder bei den Deutschen, so würde der Ruhm des betreffenden Helden über die ganze Welt hin erschallen. Nein, hört mal, wißt ihr auch, wie mir dieser „dunkle“, unbekannte Soldat des Turkistanischen Bataillons vorkommt? Ja, der ist doch – der ist doch das Symbol ganz Rußlands, unseres ganzen volklichen Rußlands, das wahrhafteste Abbild dieses selben Rußlands, dem unsere Zyniker und Allwissenden jetzt schon jeden Geist abstreiten, wie jede Möglichkeit der Erhebung und Offenbarung eines großen Gedankens oder großen Gefühls. Hört mal, ihr seid ja gar nicht diese Zyniker. Ihr seid ja im ganzen nur intellektuell-europäisierte Russen, das heißt, im Grunde die gutmütigsten Leute! Auch ihr, nicht wahr, leugnet doch nicht, daß unser Volk im vergangenen Sommer stellenweis ungewöhnliche Geisteskraft bewiesen hat: viele Bauern verließen bekanntlich ihre Häuser und Kinder und gingen hin, um für den Glauben zu sterben, für die bedrückten Brüder, – weiß Gott wohin und weiß Gott mit welchen Mitteln, ganz genau so, wie einst vor neun Jahrhunderten in Europa die ersten Kreuzfahrer auszogen, – diese selben Kreuzfahrer, deren Wiedererscheinen manch einer unserer Intellektuellen für fast lächerlich und beleidigend halten würde, „in unserem,“ wie er sagt, „Jahrhundert des Fortschritts, der positiven Aufgaben usw.“ Schön, mag diese unsere Bewegung im vorigen Sommer auch nach eurer Meinung blind und sogar „nicht recht gescheit“ gewesen sein, sozusagen „kreuzfahrerisch“, so könnt ihr doch nicht leugnen, wenn ihr nur ein wenig größer schaut, daß es eine überzeugungsvolle und großmütige Bewegung gewesen ist. Eine mächtige Idee erwachte und erweckte und zog vielleicht Hunderttausend, vielleicht Millionen Seelen mit einem Schlage aus der Gleichgültigkeit, dem Zynismus und dem Schmutz, in dem sie sich bis dahin gewälzt. Wie ihr wißt, hält man unser Volk bis jetzt noch, wenn auch für gutmütig und geistig sogar sehr begabt, doch für eine dunkle, elementare, erkenntnislose Masse, die ohne Ausnahme Lastern und Vorurteilen ergeben und fast durchweg sittenlos ist. Nun aber erdreiste ich mich, etwas auszusprechen, das man, wenn man will, ein Axiom nennen kann, und zwar: Um über die sittliche Kraft eines Volkes und darüber, zu was es in Zukunft fähig sein kann, zu urteilen, muß man nicht den Grad der Verderbnis, bis zu der es sich zeitweilig und womöglich in seiner Mehrzahl selbst erniedrigt, in Betracht ziehen, sondern nur die Geisteshöhe, bis zu der es sich wird emporschwingen können, wenn die Zeit dazu gekommen sein wird. Denn Verderbnis ist nur ein temporäres Unglück und hängt so gut wie immer von den vorhergehenden und vorübergehenden Umständen ab, von der Sklaverei, der Unterdrückung, Verrohung; die Gabe aber der Großmut ist ewig, elementar, ist eine Gabe, die mit dem Volke geboren wird und um so höher zu ehren ist, wenn sie durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Unglücks und der Armut sich trotzdem im Herzen dieses Volkes unverletzt erhalten hat.

Foma Daniloff war dem Ansehen nach vielleicht eines der allergewöhnlichsten und unauffälligsten Exemplare des russischen Bauern, so unauffällig wie das russische Volk selber. – Oh, viele haben dieses Volk überhaupt noch nicht bemerkt! – Möglich, daß er seinerzeit nicht ungern ohne Arbeit war und ein Gläschen trank, möglich, daß er nicht einmal viel betete, wenn er auch natürlich seinen Gott nie vergaß! Und plötzlich befiehlt man ihm nun, seinen Glauben zu ändern, – unter Androhung des Märtyrertodes! Dabei nicht zu vergessen, was das für eine Folter ist, diese asiatische Folter! Vor ihm sitzt der Chan in eigener Person und verheißt ihm seine Gnade und alles Schöne. Und Daniloff begreift nur zu gut, daß seine Weigerung den Mächtigen unbedingt reizen wird und es die Eigenliebe der Kiptschaken kränken muß, daß „ein Christenhund es wagt, den Islam so zu verachten“. Doch trotz allem, was ihn erwartet, nimmt dieser unansehnliche russische Mensch die grausamen Qualen auf sich und stirbt, seine Peiniger in Erstaunen setzend. Wißt ihr auch, daß von uns kein einziger das getan hätte? Vor aller Augen leiden, mag zuweilen sogar angenehm sein, hier aber ging doch die Qual ganz weltfern vor sich, in einem stummen Winkel: keiner sah ihn; und Foma selber konnte nicht wissen, daß seine Tat über das ganze Land der Russen hin bekannt werden würde. Ich glaube, gar manchen großen Märtyrern, sogar solchen aus den ersten Jahrhunderten des Christentums, gereichte es, wenn sie das Kreuz auf sich nahmen, nicht wenig zum Trost und zur Erleichterung, sich sagen zu können, daß ihr Tod den Zaghaften und Schwankenden ein Beispiel sei und noch mehr Jünger für Christus werben werde. Foma Daniloff konnte selbst diesen großen Trost nicht haben: er war allein unter seinen Henkern – niemand, mußte er sich sagen, würde erfahren, was mit ihm geschah. Er war noch jung und hatte Weib und Kind in der Heimat, – niemals würde er sie wiedersehen – doch sei es! „Wo ich auch bin, gegen mein Gewissen kann ich nicht handeln; ich wähle den Märtyrertod,“ – Wahrheit um der Wahrheit willen und nicht zum Ruhme! Und weder Lug noch Trug noch sophistisches Spiel mit dem eigenen Gewissen: „Werde den Islam einfach zum Schein annehmen, errege lieber keinen Anstoß, es wird ja doch niemand sehen, später kann ich ja Buße tun, das Leben ist lang, werde der Kirche spenden, Gutes tun ...“ Nichts davon war in ihm, sondern nur wundernehmende, uranfängliche, elementare Ehrlichkeit. Nein, ich glaube nicht, daß wir ebenso gehandelt hätten!

Doch das sind wir, – aber für unser Volk, wiederhole ich, hat die Heldentat Daniloffs vielleicht sogar nicht das geringste Verwunderliche. Das ist es ja, daß hier geradezu ein Symbol des russischen Volkes geboten wird, eine ganze Darstellung unseres Volkes: deswegen berührt dieser Tod mich so nah und auch euch, natürlich auch euch! Gerade so liebt unser Volk die Wahrheit nur um der Wahrheit willen und nicht um des Ruhmes willen. Möge es auch noch so roh und gemein und sündig und unscheinbar sein; doch laßt nur seine Zeit kommen, laßt nur die Zeit der Volkswahrheit anbrechen, so werdet auch ihr erstaunen über seine Geistesfreiheit, die seine Größe dann vor dem Joch des Materialismus, der Leidenschaften, der Geld- und Habgier, und sogar unter Androhung des grausamsten Foltertodes, beweisen wird. Und all das wird es einfach, ohne Phrasen und Gesten tun, nur fest in seiner Überzeugung, ohne Belohnung oder Lob zu verlangen, ohne mit seiner Tat zu prahlen: „Woran ich glaube, das bekenne ich auch.“

Wißt, man muß die Wahrheit nicht zu umgehen suchen: ich glaube, daß wir solch ein Volk nichts mehr lehren können. Das ist ein Sophismus, versteht sich, doch kommt er einem zuweilen unwillkürlich in den Sinn. Oh, natürlich, wir sind gebildeter als das Volk, aber was sollen wir es denn lehren – fragt es sich! Ich rede hier nicht von den Handwerken, nicht von der Technik, nicht von der Mathematik, – das werden ihm auch die zugereisten Deutschen schon für Lohn beibringen, wenn wir es selbst nicht tun. Nein, aber wir, was sollen wir es lehren? Wir sind doch Russen, sind Brüder diesem Volke und folglich verpflichtet, es zu erleuchten. Was können wir ihm Moralisches, welches Höhere können wir ihm geben, was ihm erklären, und womit diese „dunklen“ Seelen erleuchten? Volksaufklärung ist unser Recht und unsere Pflicht im höchsten christlichen Sinne: wer das Gute weiß und das wahrhafte Wort des Lebens kennt, der muß, der ist verpflichtet, es seinem nichtwissenden, im Dunkel irrenden Bruder zu sagen, lehrt uns die Bibel. Was sollen wir nun dem Irrenden sagen, was er selbst nicht besser wüßte als wir? Zuerst natürlich, daß „lernen nützlich ist und man lernen muß“, – nicht wahr? Aber das Volk hat schon vor uns gesagt: „lernen – ist Licht, nicht lernen – ist Finsternis“. Besiegung der Vorurteile, zum Beispiel, Vernichtung der Götzen? Aber in uns selber ist doch solch eine Unmenge von Vorurteilen, und Götzen haben wir uns so viele zugelegt, daß das Volk uns offen sagen wird: „Arzt, heile dich selber.“ – Und unsere Götzen versteht es bereits ganz vorzüglich zu erkennen! Oder sollen wir es Selbstachtung lehren, persönliche Würde? Aber unser Volk, als Ganzes genommen, achtet sich selber viel mehr als wir uns, ehrt und begreift seine Würde viel tiefer als wir. In der Tat, wir sind so furchtbar in uns selbst verliebt, aber wir achten uns dabei doch nicht im geringsten, und persönliche Würde, einerlei worin sie auch bestände, gibt es bei uns überhaupt nicht. Oder sollen wir dem Volk etwa Achtung vor fremden Überzeugungen beibringen? Unser Volk beweist schon seit Peters des Großen Zeiten, daß es auch die Überzeugungen Fremder zu achten versteht, wir aber verzeihen ja nicht einmal unter unseresgleichen die kleinste Abweichung von unseren Überzeugungen, und wer mit uns nicht übereinstimmt, den halten wir einfach für einen Dummkopf, wobei wir ganz vergessen, daß, wer so leicht die Achtung für andere verliert, in erster Linie sich selbst nicht achtet. Oder sollen wir etwa das Volk Glauben an sich und seine Kräfte lehren? Das Volk hat Foma Daniloffs zu Tausenden, wir aber glauben überhaupt nicht an russische Kräfte, ja, und halten diesen Unglauben noch für höhere Bildung, und es fehlt nicht viel, auch noch für Heldenhaftigkeit. Aber so sagt doch, was können wir das Volk denn lehren? Wir verabscheuen, wir hassen sogar all das, was unser Volk liebt und ehrt, und wonach sein Herz sich sehnt. Nun also: was sind wir denn für Volksfreunde? Man wird vielleicht entgegnen, daß wir folglich das Volk nur um so mehr lieben, wenn wir, ihm Besseres wünschend, seine Unwissenheit verabscheuen. O nein, meine Herren, keineswegs: wenn wir wahrhaft und in der Tat unser Volk liebten und nicht nur in Artikeln und Broschüren, so würden wir etwas näher zu ihm hingehen und uns bemühen, erst einmal das kennen zu lernen, was wir jetzt, wie es uns gerade beliebt, nach europäischer Schablone in ihm vernichten wollen: dann würden wir vielleicht selbst so viel Neues lernen, wie wir uns jetzt noch nicht einmal träumen lassen.

Übrigens haben wir einen Trost: unseren großen Stolz vor unserem Volke. Darum verachten wir es ja auch so: verachten es, weil es national ist und aus seiner ganzen Kraft auf dieser seiner Nationalität besteht, wir aber – wir haben kosmopolitische Überzeugungen, haben uns als unser Ziel die Allmenschheit gesetzt und uns über unser Volk somit selbst hinausgehoben. Nun, und das ist ja unsere ganze Zwietracht, unser ganzer Bruch mit dem Volk. Und so sage ich denn meine Meinung: versöhnen wir uns mit ihm in diesem Punkte, so hört sofort auch unser Zwist mit ihm auf. Dazu aber gibt es eine Möglichkeit, die außerdem sehr leicht zu finden ist. Im übrigen wiederhole ich nochmals nachdrücklichst, daß sogar unser allerschroffster Widerspruch im Grunde nur eine – Selbsttäuschung ist.

Doch was ist das nun für eine Versöhnungsmöglichkeit?

Die Versöhnungsmöglichkeit außerhalb der Wissenschaft

Zuerst hebe ich das am meisten Bestrittene hervor und beginne ohne weiteres damit:

„Jedes große Volk glaubt und muß glauben, wenn es nur lange am Leben bleiben will, daß in ihm, und nur in ihm allein, die Rettung der Welt liegt, daß es bloß lebt, um an die Spitze aller Völker zu treten, sie alle in das eigene Volk aufzunehmen und sie, in harmonischem Chor, zum endgültigen, ihnen allen vorbestimmten Ziele zu führen.“

Ich behaupte, daß es so mit allen großen Völkern der Erde war, mit den ältesten, wie mit den jüngsten, daß nur dieser Glaube allein sie zu der Möglichkeit, jedes zu seiner Zeit einen großen Einfluß auf die Schicksale dir Menschheit auszuüben, erhoben hat. So war es zweifellos mit dem alten Rom, und so war es später mit dem zweiten Rom in der katholischen Periode der Geschichte dieser Stadt. Als dann Frankreich seine katholische Idee erbte, geschah ganz dasselbe auch mit Frankreich, und im Zeitraum von fast zwei Jahrhunderten, bis zu seinem Sturz in unserem Jahrhundert und seiner jetzigen Resignation, glaubte Frankreich sich zweifellos die ganze Zeit über an der Spitze der Völker, hielt sich, wenigstens moralisch, zeitweilig aber auch politisch, für ihren Führer und Wegweiser zur Zukunft. Danach strebte freilich auch Deutschland in seinen Träumen und stellte der katholischen Weltidee und ihrer Autorität seinen Protestantismus und die unbegrenzte Freiheit des Geistes und der Forschung gegenüber. Ich wiederhole, dasselbe geschieht mehr oder weniger mit allen großen Nationen auf der Höhe ihrer Entwicklung. Man wird mir sagen, daß das nicht wahr sei, daß das ein Irrtum von mir sei, und wird mich auf das Bewußtsein dieser selben Völker aufmerksam machen, auf die Erkenntnis ihrer Gelehrten und Denker, die gerade auf die gemeinschaftliche, die vereinte Bedeutung der europäischen Nationen hingewiesen haben, der Nationen, die vereint an der Schöpfung und Vollendung der europäischen Zivilisation mitgewirkt haben ... nun, und ich werde diesen Einwand selbstverständlich nicht ohne weiteres abweisen. Doch abgesehen davon, daß solche Vernunftschlüsse im allgemeinen gewissermaßen das Ende des lebendigen Lebens eines Volkes bedeuten, will ich einstweilen nur auf eines hinweisen: diese selben kosmopolitischen Denker haben, was sie da auch von der Weltharmonie der Nationen geschrieben, immerhin zu gleicher Zeit und meistenteils mit unmittelbarem, lebendigem und aufrichtigem Gefühl, ganz so wie die Masse ihres Volkes, fortgesetzt geglaubt, daß in diesem Chor der Nationen, die die Weltharmonie und die gemeinsame Zivilisation ausmachen, gerade sie (sagen wir, zum Beispiel, die Franzosen) das Haupt dieser ganzen Vereinigung sind, sie die vordersten, sie diejenigen, denen es vorherbestimmt ist, zu führen, die anderen aber ihnen nur nachfolgen: daß sie (die Franzosen) von diesen anderen Völkern nun, meinetwegen, vielleicht auch etwas entlehnen, doch immerhin nur etwas, daß dafür aber jene anderen Völker von ihnen alles übernehmen, wenigstens alles Erstrangige, und nur von ihrem Geist und von ihrer Idee zu leben vermögen, ja, und ihnen überhaupt nichts übrigbleibe, als sich schließlich ihrem Geiste anzuschließen und sich mit ihnen, den Franzosen, früher oder später zu verschmelzen. Und auch in dem heutigen resignierten und innerlich zerfallenen Frankreich lebt noch eine derartige Idee, die eine neue, doch meiner Meinung nach vollkommen natürliche Phase gerade seiner früheren katholischen Weltidee in ihrer Entwicklung ist; und nicht weniger als die Hälfte aller Franzosen glaubt auch jetzt, daß in ihr und nur in ihr allein die Rettung nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen Welt liegt: das ist ihr französischer Sozialismus. Diese Idee – das heißt, dieser ihr Sozialismus – ist natürlich unwahr und aussichtslos; doch jetzt handelt es sich nicht mehr um ihre Qualität, sondern darum, daß sie jetzt vorhanden ist, ein lebendiges Leben lebt, und daß diejenigen, die sich zu ihr bekennen, nicht von Wehmut und Zweifeln befallen sind, wie alle übrigen Franzosen. Anderseits sehe man sich doch den Engländer an, einerlei was für einen, den Lord oder den Arbeiter, den Gelehrten oder den Ungebildeten, und man wird sich überzeugen, daß jeder einzelne Engländer sich bemüht, vor allen Dingen Engländer zu sein, in allen Lebenslagen Engländer zu bleiben, im öffentlichen wie im Privatleben, in der Politik wie in der Gesellschaft und im Geschäft: und sogar die Menschheit zu lieben, bemüht er sich nicht anders, denn nur als Engländer. Und wenn dem auch so wäre, wird man mir entgegnen, so wie ich es behaupte, dann würde doch solch ein Eigendünkel jedes großen Volkes unwürdig sein: der Egoismus und unsinnige Chauvinismus würden seine Bedeutung verringern oder gar sein nationales Leben schon gleich zu Anfang schädigen und verderben, statt ihm Lebenskraft zu geben. Man wird sagen, daß ähnliche sinnlose, stolze Ideen keiner Nachahmung wert seien, sondern, im Gegenteil, von der Vernunft, die alle Vorurteile vernichtet, ausgerottet werden müßten. Nun, wenn das von der einen Seite auch sein Wahres hat, so muß man doch, denke ich, nichtsdestoweniger die Frage auch von der anderen Seite nehmen: dann aber erscheint meine Meinung durchaus nicht erniedrigend, sondern sogar umgekehrt – erhebend. Was tut’s, daß der lebensfremde Jüngling träumt, dereinst ein Held zu werden? Glaubt mir: stolze und hochmütige Träume können diesem Jüngling viel nützlicher und lebenbringender sein als die „Vernünftigkeit“ eines Knaben, der schon mit sechzehn Jahren an der weisen Regel festhält, daß „Glück besser als Heldentum“ sei. Glaubt mir, das Leben jenes Jünglings wird nach durchlebter Armut und mißglückten Versuchen als Ganzes doch schöner sein als das behagliche Dahinvegetieren seines vernünftigen Schulkameraden, der sein Leben unter allen nur denkbaren Bequemlichkeiten verbringt. Solch ein Glaube an sich ist nicht unmoralisch und keineswegs eine Selbstüberhebung. Und ebenso ist es auch mit den Völkern: mag es auch vernünftige, friedliche und zufriedene Völker geben, die ohne Überschwenglichkeiten ein gutes Leben führen, Handel treiben, Schiffe bauen, und sich mit Behagen ihres Lebens freuen: nun, Gott hab’ sie selig, weit werden sie es nicht bringen! Daraus wird doch nur so eine echte Mittelmäßigkeit entstehen, von der die Menschheit nichts, aber auch nichts hat: die große Energie, die mächtige Selbstachtung fehlt ihnen! Jene Kraft ist nicht unter ihnen, die alle großen Völker treibt. Der Glaube daran, daß du der Welt das letzte Wort sagen willst und kannst, daß du die Welt mit dem Überfluß deiner lebendigen Kraft erneuen wirst, der Glaube an die Heiligkeit der eigenen Ideale, der Glaube an die Kraft der eigenen Liebe und des eigenen Verlangens, der Menschheit zu dienen, – nein, solch ein Glaube ist das Unterpfand für das allerhöchste Leben der Nationen, und nur mit ihm bringen sie der Menschheit den ganzen Nutzen, den zu bringen ihnen vorherbestimmt gewesen, jenen ganzen Teil ihrer Lebenskraft und organischen Idee, die die Natur selber bei ihrer Schöpfung ihnen vorausbestimmt hat, als Erbe der späteren Menschheit zu vermachen. Nur die eines solchen Glaubens fähige Nation hat das Recht auf ein höheres Leben. Der legendäre Ritter der alten Zeiten glaubte, daß er alle Hindernisse, alle Gespenster und Ungeheuer besiegen, daß er alles erreichen werde, wenn er nur treu sein Gelübde „Gerechtigkeit, Keuschheit und Armut“ bewahrte. Ihr sagt: „Ach, das sind Legenden und alte Lieder, an die nur ein Don Quijote noch glaubt! nicht derart sind die Gesetze des wirklichen Lebens der Nationen.“ Nun, dann fange und überführe ich euch zum Trotz und sage, daß auch ihr ganz solche Don Quijotes seid, daß auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuen wollt!

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