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Sämtliche Werke 13

Zweiter Teil. Russisches (continued 3)

E. K. Rahsin translation

Die „Neue Zeit“ schrieb darauf am folgenden Tage, übrigens nur ganz flüchtig, daß die „Moskauer Nachrichten“ wohl ein wenig zu weit gegriffen hätten, und daß der „Regierungsanzeiger“ vielleicht einfach irgendein bedeutungsloses Geschwätz gemeint haben werde. Möglich, daß es sich so verhält und die Warnung des „Regierungsanzeigers“ in der Tat nur durch ein „Geschwätz“ hervorgerufen worden ist. Nichtsdestoweniger hat die Annahme der „Moskauer Nachrichten“ fraglos ihren Grund. Nur weiß ich nicht, was das für Anglo-Magyaren sein sollen? Bei uns – meine ich vielmehr –, besonders in unseren Grenzgebieten, aber auch im Innern, ließen sich vielleicht nicht wenige „römische Klerikale“ finden, die in verschiedenen Röcken stecken. Heute wissen und schreiben bereits alle von der klerikalen Allerweltsverschwörung, und sogar unsere liberalsten Blätter geben zu, daß dieser Bund seine Bedeutung hat. Wäre es nun, meine ich, nicht sonderbar, wenn die vatikanische Verschwörung unsere römischen Klerikalen außer acht lassen und sie nicht zu ihren Zwecken gebrauchen würde? Unruhen im Rücken der russischen Armee kämen dem Vatikan gerade recht, besonders im gegenwärtigen Augenblick. Doch ich will noch einen Auszug aus der „Neuen Zeit“ anführen. Sie zitiert u. a. die Meinung der „Stimme“ über verschiedene Artikel, die in der „Morning Post“ und anderen ausländischen Zeitungen erschienen sind.

„Die ‚Morning Post‘ vom 22. Oktober bringt einen interessanten Artikel, in dem das turkophile Blatt von Unterhandlungen spricht, die zwischen Rußland und Deutschland in betreff der Abtretung des West-Weichselgebietes an Deutschland stattgefunden haben sollen. Selbstverständlich handelt es sich hier in den Augen der ‚Morning Post‘ um das Ergebnis einer Abmachung, derzufolge Deutschland sich verpflichtet, Rußland ‚bei den Eroberungen am Balkan zu helfen‘. Das Londoner Blatt fährt darauf fort, auf das bestimmteste zu behaupten, daß die Polen des Weichselgebiets an einen Aufstand jetzt überhaupt nicht dächten, ‚da sie nicht in noch bitterere Sklaverei fallen‘, d. h. nicht an Preußen fallen wollten, und daß, wenn im ‚russischen Polen‘ irgendwelche Unordnungen vorkommen sollten, diese einfach ‚die Folgen der russisch-preußischen Intrigen‘ sein würden ... Es ist auffallend, daß ein paar Tage vorher der ‚Dziennik Polski‘ über dasselbe Thema gesprochen, wenn auch in etwas anderem Tone, indem er mitteilte, die russische Regierung habe, als sie die Truppen aus dem Weichselgebiet zurückzog, daselbst unter den Bauern Blätter verteilt, in denen sie die Bauern aufforderte, von sich aus eine Art Dorfwacht zu bilden zur Beaufsichtigung der Pane und zur Unterdrückung etwaiger Versuche eines Aufstandes. Die ‚Stimme‘, die diese beiden Auszüge bringt, fragt verwundert, wozu der ‚Dziennik Polski‘ und die ‚Morning Post‘ plötzlich die unsinnige Fabel von dem russischen Aufruf an die Weichselbauern und den russisch-preußischen agents provocateurs erfunden haben – zu welch einem Zweck?

Irgendein Ziel müssen diese unerwarteten Ausfälle doch verfolgen. Die genannten Zeitungen müssen wahrscheinlich Nachrichten erhalten haben, die sie einen Ausbruch von Unruhen im Weichselgebiet befürchten lassen, und so bemühen sie sich denn, den Sinn, die Ursache der Bewegung, deren Folgen sie augenscheinlich fürchten, im voraus zu entstellen. Dieses Verfahren ist nicht neu. Bekanntlich ist es auch 1863 von den Polen und deren westlichen Freunden angewandt worden. Diese Erinnerung allein zwingt schon, sich einzugestehen, daß die beiden Artikel nicht bedeutungslos sind und eine gewisse geheime Verbindung mit den früheren Artikeln der Magyarenpresse haben müssen: über die Neigung der Polen zu den Türken und ihren geheimen Wunsch, Rußlands Lage durch revolutionäre Agitation in unserem Westen zu verschlimmern. Auffallend ist dabei, daß diese beiden Artikel mit der Nachricht von der Kandidatur des Kardinals Ledochowski für den Papststuhl zusammentreffen. Wir gehören nicht, sagt ‚Die Stimme‘, zu jenen, die so gern eine übertriebene Bedeutung allen phantastischen Kombinationen zuschreiben, an die sich die Feinde Rußlands klammern, in der Hoffnung, einen für uns günstigen Ausgang des jetzigen Krieges zu verhindern. In diesem Fall aber scheint uns die Sache doch zu ernst zu sein, als daß man eine so bedeutsame Tatsache, wie das unerwartete und scheinbar durch nichts veranlaßte Erscheinen der Artikel des ‚Dziennik Polski‘ und der ‚Morning Post‘ zweifellos ist, übersehen könnte.“

Also gibt es vielleicht auch bei uns etwas, das einem Zweig der klerikalen Verschwörung ähnlich sieht. Man bedenke nur das Unsinnige der Nachricht von der Kandidatur Ledochowskis, der natürlich Pole ist – denn nur der leichtsinnige Kopf eines polnischen Agitators kann ernstlich glauben, daß das Konklave, das sich aus so feinen Köpfen zusammensetzt, fähig sein könnte, sich dermaßen zu verirren, d. h. Ledochowski zu wählen, der sich als Papst doch nur mit der Wiederherstellung seines Polens beschäftigen würde, nicht aber mit der römischen universalen Herrschaft der Päpste! Aber abgesehen davon sind die Zweige der klerikalen Verschwörung in Rußland doch nur zu ersichtlich. Die „Neue Zeit“ fügt noch hinzu:

„Die zurzeit so hartnäckige Polemik des ‚Journal de St.-Petersbourg‘ mit den italienischen klerikalen Zeitungen wegen der vermeintlichen Unterdrückung des Katholizismus in Polen zeigt gewissermaßen, daß doch Anzeichen irgendeiner Agitation in unseren westlichen Grenzgebieten vorhanden sein müssen.“

Nun, ich glaube, daß es durchaus nicht nur „Anzeichen“ sind! Das scheint vielmehr jene Partei zu sein, von der die „Moskauer Nachrichten“ sagen, daß sie im Einverständnis mit den Feinden Rußlands handelt ... und der „jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution stellt, – die Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt ...“

Ja, gerade die europäische Korrespondenz aus Rußland kann leicht, sehr leicht ihr Werk sein. Dieses Frohlocken über Rußlands Mißerfolge und dieses leichtsinnige Freudengeheul darüber, daß Rußland sich plötzlich, wie sie sagen, als „schwach erweist: ohne Geld, mit schlechtem Heer, mit unzufriedenem und schon murrendem Volke, mit einer Gesellschaft, die der Nihilismus zersetzt,“ – all diese Kleinigkeiten tragen nur zu deutlich die Merkmale ihrer bekannten Herkunft. Wie wäre es möglich, daß sich nicht auch russische Federn fänden, die bereit wären, all’unisono mit den Klerikalen zu schreiben! Aber diese Korrespondenz kann, glaube ich, trotzdem nicht von Russen geschrieben worden sein: das wäre denn doch schon zu niederträchtig, zu abscheulich. Trotzdem lenken die Klerikalen, und vielleicht sogar ohne besondere Mühe, die russischen Federn nach ihrem Willen. Vielleicht überreden sie sie weder, noch lassen sie sich sonstwie auf mittelbare oder unmittelbare Unterhandlungen mit ihnen ein; denn diese gewandten liberalen Federn gehören zuweilen den ehrlichsten Leuten an, die, wenn sie das nackte Angebot eines Klerikalen hörten, ihn vielleicht ohne weiteres die Treppe hinunterbefördern würden. Dafür aber weiß der Klerikale, wenigstens der, der sich bei uns ein wenig umgesehen hat, daß er zu solchen Leuten überhaupt nicht zu gehen braucht, daß die gewandte russische Feder ihm ganz umsonst alles schreiben wird, einzig, weil sie denkt – o ihr meine Lieben! –, es sei ehrlich und es sei liberal! Die gewandte Feder, zum Beispiel, empört sich über die Klerikalen, die in Frankreich Mac-Mahon umgarnen, und schreibt drohende Artikel gegen sie. Währenddessen aber bringt sie es fertig, den russischen Römisch-Klerikalen bei uns nicht nur nicht zu bemerken, sondern sie stimmt womöglich noch mit ihm in allem vollkommen überein. Wahrhaftig, solche Russen gibt es! Und diese schlauen Römisch-Klerikalen wundern sich gewiß nicht wenig über sie. „Was das ihnen doch für ein Vergnügen macht, sich immer zwischen die Stühle zu setzen,“ denken sie wohl kopfschüttelnd bei sich. „Und wie uneigennützig dabei! Ja, ja, man muß in allem bis zum Schluß liberal sein. Da schreiben sie nun, daß Rußland nicht einmal das Recht habe, die Slawen zu befreien! Herrgott! das wäre ja mit Hunderttausend noch zu wenig bezahlt! Und immer, immer wieder zwischen die Stühle; allaugenblicklich, allaugenblicklich! Daß es ihnen nicht endlich weh tut! ...“

Zu Anfang des Sommers versuchten diese klerikalen Agitatoren sogar durch die russischen Zeitungen eine Demonstration bei uns zu veranstalten. Die Wölfe warfen sich in Schafspelze und begannen in einem Tone zu sprechen, als ob sie Abgesandte der sämtlichen polnischen „Emigranten“ im Auslande wären. Zuerst schlugen sie eine Aussöhnung vor: nehmt auch uns auf, hieß es, wir sehen, daß die künftige Vereinigung aller Slawen keinem Zweifel mehr unterliegt – und so wollen wir nicht zurückstehen. Sie sprachen ungemein zärtlich und hoben ihre Gründe hervor:

„Wir haben,“ sagten sie, „Ingenieure, Chemiker, Techniker, Handwerker usw. Viele von ihnen sind emigriert. Laßt sie zu euch!“ „Habt ihr etwa,“ fragt der Litauer, der in den „St. Petersburger Nachrichten“ einen Artikel geschrieben hat, „keine Arbeit für jenen Kreis, der zuerst Tengoborski für Rußland, Wolowski für Frankreich hervorgebracht hat? und in den Künsten, die die Sitten und den Charakter veredeln, den weltberühmten Bildhauer Brotzki und den Maler Mateiko? Solltet ihr solche Leute wirklich nicht nötig haben? Und was ließe sich noch alles von der Schar der Literaten, Publizisten, Fabrikanten und aller Art Gewerbetreibender sagen! Könntet ihr die etwa auch nicht brauchen?“ („Neue Zeit.“ Aus dem Artikel Kostomaroffs.)

Herr Kostomaroff hat darauf in der „Neuen Zeit“ als Russe geantwortet. In klaren und treffenden Auseinandersetzungen weist er nach, daß dieser ganze polnische Versöhnungsversuch für uns nur eine Falle ist, einzig zu dem Zweck erdacht, uns nichts als Verräter zuzuführen, und daß der Pole des Alten Polens Rußland und den Russen nun einmal instinktiv und leidenschaftlich haßt. Kostomaroff gibt dabei durchaus zu, daß es auch treffliche Polen gibt, Polen, die sogar mit einem Russen in Freundschaft leben, ihm in der Not helfen, ja, ihn sogar retten können. Das ist natürlich wahr. Doch sollte, wenn auch nach zwanzigjähriger Freundschaft, dieser selbe Russe diesem selben trefflichen Polen plötzlich in russischem Geiste seine politischen Überzeugungen in betreff Alt-Polens darlegen, so würde dieser Pole sofort, im selben Augenblick der offene oder geheime Feind seines russischen Freundes werden, – und zwar fürs ganze Leben, bis übers Grab hinaus, würde unversöhnlich und maßlos in seiner Feindschaft sein! Letzteres hat Kostomaroff vergessen hinzuzufügen.

Dieser ganze „Aussöhnungsversuch“ im Sommer, der sogar russische Anhänger und in Kostomaroff einen so mächtigen Opponenten gefunden hat – ist zweifellos auf klerikale Umtriebe zurückzuführen: er war einfach eine Abzweigung der europäischen klerikalen Verschwörung. Oh, diese Polen Alt-Polens versichern natürlich, daß sie keineswegs klerikal, noch papistisch, noch römisch seien, und daß wir dieses schon längst von ihnen wissen müßten. Man stelle sich jedoch nur einmal vor, daß Alt-Polen, daß all diese polnischen Emigranten, sich nicht an den Papst halten sollten! Wie lächerlich die bloße Vorstellung schon ist! Die Polen sollten nicht zum Vatikan halten, sie, die so genau seine Macht zu schätzen verstehen und immer verstanden haben!? Der Vatikan ist doch Alt-Polen niemals untreu geworden, sondern hat im Gegenteil immer alle seine Pläne, mochten sie noch so phantastisch sein, aus allen Kräften unterstützt, auch wenn die anderen Reiche längst nichts mehr von ihnen wissen wollten! Dieser sommerliche Versöhnungsvorschlag ward gerade in der Zeit gemacht, als die ganze polnische Emigration gegen Rußland arbeitete, als die polnischen Legionen gegründet wurden, als die emigrierten Aristokraten in Konstantinopel mit großen Geldsummen – versteht sich, nicht ihren eigenen – erschienen. Dieser ganze Versöhnungsvorschlag war nichts als eine einzige Hinterlist, wie Kostomaroff sehr richtig bemerkt. Übrigens: sie bieten uns ihre Gelehrten, Techniker, Künstler an und sagen: „Nehmt sie auf, habt ihr sie denn etwa nicht nötig?“ Diese Polen halten uns wohl für ein wildes Volk und scheinen nicht zu ahnen, daß wir alles, was sie uns da anbieten, vielleicht selber besser haben. Doch nichts für ungut, und vor allen Dingen: warum kommen sie denn nicht? Wir haben mehrere talentvolle Polen gehabt, und Rußland hat sie geachtet und verehrt und sie nicht im geringsten vor den Russen zurückgesetzt. So kommt doch! Wozu soll man sich da noch besonders verabreden? Versöhnt euch und ergebt euch, doch wißt, daß Alt-Polen niemals mehr aufleben wird. Es gibt ein neues Polen, ein vom Zaren befreites, ein auferstehendes, eines, das fraglos dasselbe Schicksal erwarten kann, das einmal allen slawischen Völkern gemeinsam beschieden sein wird, wenn das Slawentum sich befreit und in Europa aufersteht. Doch ein Alt-Polen wird es niemals mehr geben, kann es neben Rußland nie mehr geben. Sein Ideal war, in der slawischen Welt an die Stelle Rußlands zu treten. Sonderbar, daß der polnische Journalist nur von den Gelehrten und Künstlern spricht. Aber die Führer der Emigranten, die Aristokraten? Man stelle sich doch bloß das Bild vor: Rußland würde den schmeichlerischen Worten Gehör geben und sich zur Versöhnung bereit erklären, und da kämen diese dann und fragten hochmütig: „Wie lauten eure Bedingungen?“ Denn wenn man uns vorschlägt, die Emigranten nach Rußland kommen zu lassen, die nun aber zunächst nicht kommen, so heißt das doch offenbar, daß sie Bedingungen erwarten. Und nun stelle man sich vor, daß Rußland sie plötzlich als ein Etwas anerkennt und sich auf derartige Unterhandlungen einläßt! Und da würden sie denn nach Rußland zurückkehren, und die Magnaten würden sofort auftrotzen und bedeutende Posten und Auszeichnungen verlangen; und darauf würde sich das Geschrei erheben, daß wir sie betrogen hätten, und schließlich würde es zu einem neuen polnischen Aufstande kommen ... Und in diese Falle sollte Rußland hineingehen! Solch eine Dummheit sollte es begehen!

Die Polen haben natürlich selber nicht geglaubt, daß sie mit diesem ungeschickten Vorschlag Rußland fangen könnten; doch rechneten sie wohl auf die russischen Parteigänger, die ja immer noch so gutmütig und reinen Herzens sind. Daß hinter allem aber die Machenschaft des Klerus steckt, daß das Ganze ein klerikaler Schritt nach Rußland ist – darüber kann kein Zweifel mehr bestehen. Es fragt sich nur: wozu dieser Schritt? – Nun, haben die Klerikalen es etwa nicht nötig, die Lage zu sondieren, die Gedanken zu verwirren, ihre eigentlichen Unternehmungen und Absichten zu verbergen, russische Parteigänger zu werben, Russisch-Polen aufzuwiegeln usw.? Als ob diese Klerikalen nicht überall ihre Berechnungen hätten!

Russische Finanzen[33]

„Und die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel über die Finanzen?“ – fragt man mich. Ja, bin ich denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es wagen, über die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der hier das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, weil ich im voraus überzeugt bin, daß ich von den Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes übergehen werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den Mut zu einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja selbst, daß ich gar nicht fähig bin, über unsere Finanzen zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen nicht vom europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt nicht daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt bei uns einnehmen kann, aus dem einfachen Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind und im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben.

In Europa z. B. veränderten sich die Beziehungen der niederen Stände zu den höheren, feudalen, im Laufe von Jahrhunderten, und zuletzt durch die Revolution: alles vollzog sich mit einem Wort „historisch und kulturell“. Bei uns dagegen wurde die Leibeigenschaft mit allen ihren Folgen in einem einzigen Augenblick abgeschafft, und das geschah Gott sei Dank ohne jegliche Revolution. Aber warum mußte das gleichwohl eine so ungeheuere finanzielle Erschütterung verursachen? Wahr ist ja allerdings, daß das, was plötzlich fällt, immer gefährlich fällt. Versteht sich, nicht ich bedauere es, daß die Leibeigenschaft plötzlich fiel, im Gegenteil, groß und gut war es, daß diese ganze schwere geschichtliche Sünde durch das machtvolle Wort des Zar-Befreiers von uns genommen wurde. Nichtsdestoweniger war das Naturgesetz nicht zu umgehen, und die Erschütterung war groß. Nun gut: sie mußte ja groß sein, aber warum war sie denn so ungeheuer? Jede politische Umwälzung hat ihre historischen Gesetze, und ohne Zweifel wird es auch heute schon Menschen geben, die bereits klar erkennen, warum die Folgen dieser Umwälzung so groß waren. Leider kann ich dieses Thema nicht weiter entwickeln, denn es ist zu gewaltig und umfangreich; erst ein Historiker des nächsten Jahrhunderts wird ihm gewachsen sein. Ich will nur auf einzelne Wirkungen, die von ihr ausgingen und die auffallen und beunruhigen, hinweisen. Sehen wir uns die Sache näher an. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben, denn sie behinderte alles, sogar die Entwicklung der Landwirtschaft. Jetzt, so schien es, mußte der Bauer seine Lage verbessern können! Doch nichts von alledem geschah: in der Landwirtschaft kam der Bauer gerade auf das Minimum von dem, was ihm sein Land geben konnte. Unser jetziges Unglück besteht hauptsächlich darin, daß es uns unbekannt ist, ob sich in Zukunft solch eine Kraft finden und worin sie bestehen wird, durch die der Bauer über das Minimum hinauskommen und seine Erde zum Maximum des Ertrages zwingen kann. Die Klugen im Lande werden behaupten, daß diese Frage längst beantwortet sei, ich aber bin fest überzeugt, daß sie noch längst nicht beantwortet sein kann, daß sie viel weiter reicht, viel tiefer greift und unvergleichlich inhaltsvoller ist, als man von ihr voraussetzt. Die ganze frühere herrschaftliche Landwirtschaft sank bis zur Kläglichkeit; doch gleichzeitig begann eine Neuordnung des Besitzstandes, es schien ein neues intelligentes Einheits- und Gesamtvolk zu entstehen. Nun, Schöneres, Besseres hätte man sich nicht wünschen können, als eine derartige Erneuerung, denn eine intelligente Führung hat das Volk nötig und es sucht nach ihr. Aber bedauerlicherweise ist auch das bei uns erst nur ein Ideal, ist wie ein schöner Vogel, der unter den Wolken herumfliegt. Die Wirklichkeit ist von diesem Ideal weit entfernt! Ja, will denn der grundherrschaftliche Stand, der frühere Gutsbesitzer, überhaupt mit dem Volke zu einer klugen, einer intelligenten Gesamtnation zusammenwachsen? Das ist die Frage, die allerwichtigste, die allerbedeutendste, die es zurzeit bei uns überhaupt gibt, und von der vielleicht unsere ganze Zukunft abhängt!

Währenddessen aber wissen wir noch längst nicht, auf welchem Wege wir sie beantworten können. Will nicht, im Gegenteil, der besitzende Stand sich über das Volk erheben, und sucht er es nicht wieder mit Macht zu beherrschen, zwar nicht mehr wie zur Zeit der Leibeigenschaft, versteht sich, aber immerhin: will er nicht, statt eine Vereinigung mit dem Volk zu erstreben, aus seiner Bildung eine neue und scheidende Macht aufrichten und es mit einer Aristokratie der Intelligenz bevormunden? Oder will er das Volk aufrichtig als seinen Bruder im Blute wie im Geiste anerkennen, das achten, was unser Volk achtet, einwilligen zu lieben, was unser Volk mehr liebt als sich selbst? Denn sonst wird er sich nie mit ihm vereinigen können! Was das Volk achtet und liebt, das hält es fest und gibt es nicht hin, auch für keine Intelligenz, selbst dann nicht, wenn es auch noch so sehr nach dieser verlangt. Alles das ist bei uns noch ganz unentschieden, ist eine Frage, die Zeit, Geschichte, Kultur und Generationen verlangt, uns aber steht es wieder bevor, sie in einem einzigen Augenblicke zu entscheiden. Das ist ja eben der Unterschied zwischen uns und Europa, daß bei uns die Dinge nicht auf „historischem und kulturellem“ Wege sich entwickeln können, sondern schnell und ganz plötzlich sich entwickeln müssen, oft geradezu – wie in diesem Falle – auf völlig unvorhergesehenen staatlichen Befehl und Willen. Sie werden mir zugeben, daß Europa eine solche Geschichte nicht kennt. Wie kann man da von uns „Europa“ verlangen, und gar Finanzen nach „europäischem System“? Ich, zum Beispiel, glaube wie an ein ökonomisches Axiom, daß in einem Staate nicht die Eisenbahnaktionäre, nicht die Industriellen, nicht die Millionäre, nicht die Banken und nicht die Juden das Land beherrschen, sondern allen voran und ganz allein die Landwirte: denn wer das Land bearbeitet, der zieht alles andere mit sich. Der Landmann ist die Quintessenz, der Kern, das Mark des Reiches. Wie ist es aber bei uns, ist es hier nicht gerade umgekehrt? Beherrschen uns nicht gerade die ökonomischen Kräfte, der Eisenbahnaktionär und der Jude? Europa baute seine Eisenbahnen ein halbes Jahrhundert lang – und das bei seinem Reichtum! Bei uns dagegen wurden die letzten fünfzehn- bis sechzehntausend Werst Eisenbahn in zehn Jahren gebaut – und das bei unserer Armut und in einer ökonomisch so zerrütteten Zeit: gleich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft! Alles Kapital wurde dorthin gezogen, gerade als das Land es am meisten brauchte. Die Eisenbahn wurde gleichsam auf die zerrüttete Landwirtschaft gebaut. Und ist denn die Frage des privaten Landbesitzes bei uns überhaupt schon beantwortet? Wird der Einzelbesitz sich neben dem Bauernland halten können und seine bestimmte Arbeitskraft finden, aber eine gesunde und feste, und nicht auf das Proletariat und die Schenke angewiesen sein? Was kann da Gutes herauskommen, solange nicht eine vernünftige Lösung dieses Problems gefunden ist? Wir haben gesunde Entschlüsse nötig, früher werden wir nicht zur Ruhe kommen. Und nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft. Wie kann man bei uns jetzt europäische Budgets und geordnete Finanzen verlangen, wo es doch noch ein Rätsel ist, wie wir überhaupt all dem haben standhalten können, was auf uns einstürmte? – Nur mit der großen, verbindenden Volkskraft haben wir standzuhalten vermocht!

Ruhe haben wir wenig, besonders geistige Ruhe fehlt uns, und gerade diese wäre die Hauptsache, denn ohne geistige Ruhe wird nichts. Dem schenkt man aber bei uns gar keine Aufmerksamkeit, denn man strebt nur nach zeitlichem materiellem Wohlergehen. Wenn wir keine geistige Ruhe haben, so haben wir auch keine Festigkeit, weder in unseren Überzeugungen, noch in unseren Ansichten, unseren Nerven, und zu guter Letzt auch nicht in unserem Geschmack. Arbeit und die Erkenntnis, daß du nur durch Arbeit „erlöst wirst“ – fehlt bei uns sogar ganz. Das Pflichtgefühl geht uns völlig ab, ja, und woher sollten wir es auch haben, da wir anderthalb Jahrhunderte lang eine falsche Kultur bei uns hatten, oder, besser gesagt, gar keine?! „Warum soll ich mich bemühen, wenn ich durch ebendiese meine Kultur dahin gekommen bin, alles um mich herum zu verneinen? Und wenn es Dummköpfe gibt, die das Gebäude durch irgendwelche europäische Formen zu retten glauben, so verneine ich die Dummköpfe und behaupte: ‚je schlechter desto besser!‘ Das ist meine ganze Philosophie!“ – Ich versichere Sie, daß bei uns viele so denken, die einen laut, die anderen leise für sich. Die Leute mit solchen Aphorismen sind indessen selbst durchaus von Fleisch und Bein. „Je schlechter desto besser,“ sagen sie, aber wünschen tun sie dabei sicher das „schlechter“ nur für die anderen, das „besser“ jedoch wohlweislich für sich selbst; so wird man wohl ihre Philosophie verstehen müssen. Denn er hat ja einen Wolfshunger, dieser Russe. Groß ist er wie ein Bär, aber Nerven hat er wie eine Frau; verweichlicht und verwöhnt, grausam und leidenschaftlich ist er, ertragen kann er nichts, „ja, und wozu sich abmühen und aushalten?“ Ist es zu Ende mit den Diners im Restaurant, ist es zu Ende mit den Kokotten, wozu lohnt’s sich dann noch zu leben, denkt er und – krach, schießt er sich eine Kugel vor den Kopf! Und gut ist es noch, wenn er sich eine Kugel vor den Kopf schießt, sonst geht er hin und bestiehlt einen anderen auf irgendeinem mehr oder weniger gesetzlichen Wege. Aber arbeiten? – nein, das wird er nicht! Und so entsteht eine allgemeine Armut bei ständig wachsendem Appetit.

Unter anderem möchte ich noch bemerken, daß der Gogolsche Typ des „Hauptmann Kopeikin“ sich in zahllosen Varianten, bis zum aufgeblasensten Weltmann hinauf, bei uns erschreckend vermehrt hat. Alle fletschen sie nach dem Bargelde die Zähne, alle bilden sie sich, wenn auch nicht zu Räubern auf der offenen Landstraße wie der wirkliche „Kopeikin“, so doch zu Taschendieben aus, einige unter dem Deckmantel des Staats, andere ohne ihn. Einige von ihnen behaupten sogar stolz: „Ich handle darum so, weil ich alles verneine und jegliche Verneinung fördere.“ Oh, es gibt sogar liberale Kopeikins! Die haben nur zu gut verstanden, daß der Liberalismus in Mode ist, und daß man mit ihm gut fährt. Wer hat sie nicht gesehen, diese Allerweltsliberalen und billigen Atheisten, wie sie jetzt dem Volke gegenüber mit ihrer Fünfkopekenweisheit großtun. Es ist der niedrigste Typ von all unseren liberalen Erscheinungen, aber nichtsdestoweniger hat auch er jenen ungeheueren Appetit. Er ist der erste, der an eine mechanische Heilung der Wurzeln von außen glaubt. Diese Leute gruppieren sich und haben einen Einfluß, der sich oft bis auf die ehrlichsten Leute erstreckt, die eigentlich nicht schuld daran sind, daß sie solch ein Kontingent haben: „Jegliche Veränderung ist gut, wenn sie nur ohne Mühe vor sich geht.“ Der liberale Kopeikin fügt dann noch in Gedanken hinzu: „Bei jeder Umwälzung fällt für mich immer etwas ab!“ Und gerade von dieser Seite ist er am gefährlichsten, wenn er auch nur ein – Kopeikin ist. Aber mit ihm wollen wir uns jetzt nicht weiter beschäftigen. Das bisher Gesagte ist ja sowieso nur eine Ergänzung zu unserem Thema. Doch nun zu den Finanzen, zu den Finanzen!

Es ist nun einmal meine Angewohnheit, immer gleich mit dem Ergebnis zu beginnen, den Kern meiner ganzen Idee vorauszuschicken. Niemals habe ich es verstanden, ihn allmählich herauszuschälen und ihn erst dann bloßzulegen, wenn es mir gelungen ist, alles vorher klarzumachen und nach Möglichkeit zu beweisen. Meine Geduld reicht dazu nicht aus, mein Charakter verhindert es einfach; damit schade ich mir freilich sehr, denn manch eine Idee setzt, geradeaus gesagt, ohne jegliche Vorbereitung, ohne vorhergegangenen Beweis, nur in Erstaunen und Verwunderung, wenn sie nicht Gelächter hervorruft. So komme ich denn auch hier gleich wieder mit einer Behauptung, über die man – ich fühle es schon im voraus – lachen wird, wenn man nicht auf sie vorbereitet ist. Meine Behauptung ist folgende: „Wenn die Finanzen in einem Staate gewisse Erschütterungen erlitten haben, so denke man nicht so sehr an gegenwärtige Bedürfnisse, wie schreiend diese auch sein mögen, sondern zuerst an die Gesundung der Wurzeln, und – die Finanzen werden sich von selbst bessern.“

An sich ist das ja nichts Neues: welcher Finanzminister hätte sich nicht schon darum bemüht, besonders unser jetziger, der gerade an so eine Wurzel faßte, als er die Salzsteuer aufhob. Man erwartet sogar noch andere Reformen, große, wirklich die Hauptwurzel erfassende. Freilich wurden auch früher schon, bereits vor zehn Jahren, „zur Gesundung der Wurzeln“ viele Mittel angewandt: Revisionen wurden eingeleitet, Kommissionen berufen zur Untersuchung und Verbesserung der Lage unseres russischen Bauern, seines Gewerbes, seiner Gerichte, Verwaltung, seiner Krankheiten, Sitten und Gewohnheiten. Die Kommissionen teilten sich in Unterkommissionen zur Sammlung statistischer Unterlagen, und die Sache ging wie geölt, das heißt auf dem allerbesten administrativen Wege, den es nur geben kann. Aber ich habe ja gar nicht davon sprechen wollen; denn nicht nur die Unterkommissionen, sondern sogar so wesentliche Reformen wie die Aufhebung der Salzsteuer oder das große noch zu erwartende Steuersystem, sind meiner Meinung nach nur Palliativmittel, etwas Äußeres, und noch keineswegs die Wurzel Heilendes. Das aber ist es, worauf ich hinweisen möchte. Eine Heilung der Wurzel würde es dagegen sein, wenn wir z. B. wenigstens zur Hälfte das Nur-Gegenwärtige vergessen könnten: alle Tagesfragen, die schreienden Bedürfnisse unseres Budgets, die Zinsen der ausländischen Anleihen, die Defizite, den Rubel, den Staatsbankerott sogar, – der übrigens nie bei uns eintreten wird, wie sehr ihn auch unsere schadenfrohen ausländischen Feinde prophezeien mögen; mit einem Wort, wenn wir alles Nur-Gegenwärtige vergessen und so lange für die Wurzel arbeiten würden, bis wir in Wirklichkeit eine reiche und gesunde Frucht ernten können. Dann kann man ja wieder mit der Gegenwart leben oder, besser gesagt, mit dem neuen Kommenden; denn in diesem Zwischenraum, das muß man sich sagen, wird alles Frühere (d. h. das jetzt Gegenwärtige) sich so radikal verändert und einen so neuen Charakter angenommen haben, daß wir es nicht wiedererkennen werden. Ich begreife natürlich, daß alles, was ich jetzt behaupte, allen sehr sonderbar erscheinen muß: nicht an den Rubel zu denken, an das Bezahlen der Schulden, an den Bankerott, an das Heer, kurz, an all das, was man anscheinend zuerst bedenken und zufriedenstellen muß. Ich versichere Sie, auch ich verstehe das und ich gestehe Ihnen, daß ich mit Absicht meine Behauptung so scharf hingestellt und meine Wünsche bis zum unerreichbaren Ideal gesteigert habe. Ich dachte dabei, fange ich beim Absurden an, so werde ich später allen verständlicher, und so sagte ich denn: wenn wir nur zur Hälfte das Gegenwärtige vergessen könnten und unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkten, in eine Tiefe, in die bis jetzt in Wahrheit noch niemand geschaut hat – denn Tiefe suchte man bisher doch nur an der Oberfläche. Ich will aber gleich auch diese meine Formel noch abschwächen und statt ihrer vorschlagen: wenn nicht einmal die Hälfte – auf die Hälfte will ich verzichten – wenn nur ein zwanzigster Teil vom Gegenwärtigen zu vergessen möglich wäre, und wenn man jedes folgende Jahr zu diesem zwanzigsten Teil noch einen zwanzigsten Teil hinzufügen könnte und so weiter und so weiter bis zu drei Vierteln des Ganzen! ... Nicht der Teil ist hierbei wichtig, sondern wichtig wäre das Prinzip, das man damit aufstellt, und dem man folgt.

Aber wie soll man denn das Gegenwärtige lassen?! Man kann doch die Wirklichkeit nicht einfach ausstreichen! Ich sage „nicht ausstreichen“, weiß ich doch selbst, daß man die Wirklichkeit nicht unwirklich machen kann ... Aber wissen Sie – manchmal kann man auch das! Wenn wir von unserer krankhaft erregten Aufmerksamkeit jährlich nur einen zwanzigsten Teil auf etwas anderes ablenkten! Dabei ist gar nicht zu befürchten, daß sie der Gegenwart verloren ginge, nein, ich wiederhole es: wenn sie sich nur auch etwas anderem zuwendete, sich einem neuen Prinzip unterwerfen würde, einem, das die Gedanken und den Geist umbildet – zu etwas Besserem, zu etwas viel Besserem! Man wird sagen, daß ich in Rätseln spreche, aber dem ist nicht so. Doch gut, ich werde zunächst ein kleines Beispiel anführen, um zu zeigen, auf welche Weise man den Übergang vom Nur-Gegenwärtigen zur Heilung der Wurzeln sofort beginnen könnte.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn Petersburg plötzlich – sagen wir, durch irgendein Wunder – von seinem Hochmut dem übrigen Rußland gegenüber abließe? Welch ein großer erster Schritt wäre das schon zur Gesundung der Wurzeln! Denn wie steht es jetzt mit Petersburg? Es ist doch schon so weit gekommen, daß Petersburg sich für ganz Rußland hält, und dieser Irrtum steigert sich noch von Generation zu Generation. Es will in gewissem Sinne dem Beispiel von Paris folgen, ungeachtet dessen, daß es Paris gar nicht ähnlich ist. Für Paris hat es die historische Entwicklung mit sich gebracht, daß es ganz Frankreich, sein politisches wie soziales Leben, in sich aufsog. Nehmen Sie Frankreich Paris, was würde ihm dann noch verbleiben? Nur seine geographische Lage. Nun, und auch bei uns glauben einige schon, daß ganz Rußland in Petersburg enthalten sei. Doch Petersburg ist längst nicht Rußland, für die größere Hälfte des russischen Volkes hat Petersburg nur dadurch eine Bedeutung, daß sein Zar dort lebt. Unsere Petersburger Intelligenz aber, das wissen wir alle, versteht von Generation zu Generation Rußland immer weniger, und das wohl darum, weil Petersburg, eingeschlossen in seinem finnischen Sumpf, mehr und mehr eine falsche Vorstellung von Rußland bekommt. So hat sich bei einigen von diesen Herren der Horizont bereits arg verengert, ja, er ist fast schon so eng geworden wie der Horizont von Karlsruhe.[34] Aber blicken Sie nur über Petersburg hinaus: und vor Ihnen liegt ein ganzes weites Meer russischen Landes, ein uferloser Ozean. Doch siehe, der Sohn der Petersburger Väter verneint auf die gleichmütigste Weise dieses russische Volksmeer und verhält sich zu ihm wie zu etwas Passivem und Unbewußtem, geistig Nichtigem und jedenfalls im höchsten Grade Rückständigem. „Vielköpfig ist es, aber dumm, taugt nur dazu, uns zu erhalten, wofür wir ihm Verstand beibringen und es an eine staatliche Ordnung gewöhnen müssen.“ Tanzend und das Parkett polierend, werden in Petersburg die zukünftigen Sohne des Vaterlandes gebildet, und die Petersburger Beamten studieren ihr Vaterland in den Kanzleien. Versteht sich: irgend etwas erlernen sie schließlich in ihnen, nur ist das nicht Rußland, sondern etwas ganz anderes, etwas sehr Besonderes. Und dieses ganz Andere und Besondere wird dann Rußland aufgebunden. Doch währenddessen bewegt sich das Volksmeer nach seinem eigenen Gesetze und sondert sich mehr und mehr von Petersburg ab. Und sagen Sie nicht, daß es, wenn auch ein mächtiges, so doch unbewußtes Leben führe, was nicht nur die Petersburger allein glauben, sondern auch noch andere Russen, die Rußland besser kennen. Wenn man nur wüßte, wieviel Erkenntnis sich schon im Volke angesammelt hat! Und das Erkennen wächst noch von Tag zu Tag. Wie würden sich die Petersburger wundern, wenn sie wüßten, wie vieles dem Volke schon zugänglich und verständlich ist! Wenn sich das auch noch nicht im großen Ganzen äußert, so tut es sich doch schon an allen Ecken und in allen Hütten kund, wofern man es nur zu fühlen und zu sehen versteht. Wie sollte es sich auch schon im Ganzen äußern können, das Ganze ist ja ein Meer! ein Ozean! Aber wenn es sich einmal äußern wird, in welch maßloses Erstaunen wird es da den intelligenten Petersburger versetzen! Freilich wird das europäische Menschlein das Volk noch lange verneinen und wird sich dem Volke noch immer nicht ergeben wollen. Ja, viele werden so hinsterben, ohne von ihm überhaupt etwas zu ahnen. Wäre es da nicht besser, wiederhole ich, um großen heraufkommenden Mißverständnissen vorzubeugen, er ließe, wenn auch nur in seinen besten Vertretern, ein wenig ab, von seinem Hochmut Rußland gegenüber? Nur ein wenig mehr Eingehen, Verständnis, nur ein wenig mehr Demut im Herzen vor dieser großen russischen Erde, vor diesem Volksmeer – das ist es, was uns nottut. Das wäre der erste Schritt, den wir zur „Heilung der Wurzeln“ machen müßten.

„Aber erlauben Sie, mein Herr,“ unterbricht man mich, „was Sie bis jetzt gesagt haben, sind doch nur alte, verbrauchte, unrealisierbare Phantastereien der Slawophilen. Und was wollen Sie damit sagen: zur ‚Heilung der Wurzeln‘? Welcher Wurzeln? Und was verstehen Sie darunter?“

„Sie haben recht, meine Herren, ich muß zunächst doch noch einiges über die Wurzeln sagen.“

Die Hauptwurzel, die einer Heilung zu allererst bedarf, ist ohne Zweifel dieses große russische Volksmeer selbst, von dem soeben die Rede war. Ich spreche jetzt von unserem einfachen Mann und Bauern, von der bezahlten Kraft unserer schwieligen, abgearbeiteten Hände: von unserem russischen Volksozean. Oh, wie sollte ich nicht wissen, was die Regierung für ihn getan hat und noch ununterbrochen tut, von der Aufhebung der Leibeigenschaft an? Sie sorgt für seine Bedürfnisse, seine Aufklärung, für seine Gesundung, vergibt ihm sogar manches Mal seine Rückständigkeit, mit einem Wort, sie tut viel für ihn, wer wollte das leugnen! Aber nicht davon soll hier die Rede sein, sondern von der seelischen Heilung dieser Hauptwurzel, die der Anfang zu allem sein müßte. Unser Volk ist seelisch krank; noch ist das Innerste seiner Seele gesund, aber die Krankheit ist trotzdem schwer. Welcher Art ist nun diese Krankheit? Es ist unmöglich, sie in einem Worte auszudrücken. Man könnte sie so formulieren: Es ist ein „unstillbarer Durst nach Wahrheit“. Das Volk sucht und sucht die Wahrheit, kann aber den Weg zu ihr nicht finden. Ich wollte meine Ansicht über diese Krankheit auf das Finanzielle begrenzen, aber ich muß doch noch einmal auf anderes zurückkommen.

Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft tauchte im Volke das Bedürfnis nach etwas Neuem, noch nicht Dagewesenem auf: es war ein Durst nach Wahrheit, der ganzen vollen Wahrheit, und nach einer Auferstehung zu einem neuen Leben. Das Volk verlangte nach neuen Anschauungen, neue Gefühle stiegen in ihm auf, und es begann, mit ganzer Seele an die neue Ordnung zu glauben. Aber etwas anderes trat ein, etwas, was es nicht erwartet hatte. Die neue Ordnung, an die das Volk so gern geglaubt hätte, die – verstand es nicht. Es begriff sie nicht, wurde irre an ihr und verlor zuletzt seinen Glauben an sie. Sie erschien ihm als etwas Fremdes, Äußerliches und nicht als sein Eigenes. Doch dieses Thema immer wieder vorzubringen, das schon so oft besprochen worden ist, lohnt sich nicht: andere wissen mehr davon als ich – lesen Sie unsere Zeitungen. Es kam damals eine wilde Verzweiflung über unser Volk: wie ein trunkenes Meer wogte es über Rußland hin, und wenn man auch versuchte, den Durst nach Wahrheit in Strömen von Branntwein zu stillen, so wurde er doch nicht befriedigt. Niemals war das Volk allen fremden Einflüssen mehr preisgegeben als jetzt. Nehmen Sie als nur ein Beispiel etwa die „Stunde“,[35] und sehen Sie, welch einen Erfolg sie im Volke hat: was aber beweist das? Doch nur das Suchen nach Wahrheit und die innere Unruhe unseres Volkes. Gerade die Unruhe ist es: das Volk ist seelisch aufgewühlt, und ich bin überzeugt, wenn die nihilistische Propaganda bis jetzt ihren Weg ins Volk noch nicht gefunden hat, so geschah das nur dank der Unfähigkeit und Dummheit ihrer Führer, die das Volk nicht zu nehmen verstehen. Aber sonst, bei der geringsten demagogischen Fähigkeit wäre auch sie so ins Volk gedrungen, wie das Luthertum durch die „Stunde“. Wie soll man das Volk vor Ähnlichem bewahren, denn es ist gesagt: „Es werden Zeiten kommen, wo man euch sagen wird: weder hier ist Christus, noch dort, glaubet nicht!“ So steht es auch jetzt bei uns, und nicht nur mit unserem Volk, sondern auch mit unserer Intelligenz.

Verschiedene ungewöhnliche Gerüchte dringen ins Volk, man spricht von Veränderungen, Anweisungen eines Landanteils, von einer goldenen Urkunde! Unlängst las man ihm in den Kirchen eine öffentliche Warnung vor, daß es nicht daran glauben solle, daß nichts davon wahr wäre – und was geschah? Gerade nach dieser Warnung befestigte sich das Gerücht nur noch mehr im Volke. Ich weiß von einem Fall, wo Bauern sich bei einem benachbarten Gutsbesitzer Land kaufen wollten und schon mit dem Preise einig waren, nach dem Verlesen dieser Warnung sich aber vom Kaufe zurückzogen. „Wir bekommen es noch ohne Geld,“ sagten sie und – warten. Und was die Hauptsache ist: das Volk steht bei uns allein, ist nur seinen eigenen Kräften überlassen, und niemand unterstützt es moralisch. Es hat zwar sein „Semstwo“, aber das ist „Obrigkeit“. Sein Gericht, aber – auch das ist „Obrigkeit“. Und seine „Gemeinde“ scheint sich gleichfalls dazu entwickeln zu wollen. Die Zeitungen sind voll von Beschreibungen, wie das Volk seine Vertreter wählt, natürlich immer in Gegenwart der Obrigkeit, deren Mitglied der neu Erwählte denn auch meist ist. Und was ergibt sich daraus? Da sieht solch ein armer einfältiger Kerl um sich und kommt plötzlich zum Schluß, daß es nur den Ausbeutern und Schmarotzern gut geht und alles nur für sie gemacht zu sein scheint: „Also werde auch ich dasselbe tun!“ – Nun, und so tut er es denn auch. Ein anderer betrinkt sich wieder, nicht etwa weil die Armut ihn drückt, sondern weil ihn die Rechtlosigkeit so anwidert. Was läßt sich da machen? Das ist Fatum! Man sollte meinen, da gibt es doch eine Verwaltung und Vorgesetzte, da müßte doch alles wie am Schnürchen gehen – doch gerade das Gegenteil ist der Fall. Es ist ausgerechnet worden, daß für das Volk in unserer Zeit fast zwanzig Regierungsämter eingerichtet worden sind, ausschließlich für das Volk, um es zu beschützen und zu beraten. Nun sind aber für den armen Menschen ohnehin schon alle und jeder „Obrigkeit“ – und jetzt hat er noch zwanzig solcher „Obrigkeiten“ hinzubekommen! Seine Bewegungsfreiheit ist ja gleich der einer Fliege, die in einen Teller mit Honig gefallen ist. Doch eine solche Freiheit ist nicht nur vom moralischen Standpunkte aus schädlich, sondern auch vom ökonomischen Standpunkte aus. So ist denn das Volk im Grunde doch allein und ohne Ratgeber. Es hat niemanden außer Gott und dem Zaren – mit diesen beiden moralischen Kräften, mit diesen beiden großen Hoffnungen hält es sich aufrecht. Alle anderen Ratgeber gehen an ihm vorüber, ohne es auch nur zu berühren. Die ganze fortschrittliche Intelligenz, zum Beispiel, geht glatt an ihm vorüber, und das ist schade; denn auch in unserer Intelligenz gibt es begabte Menschen – bloß für das russische Volk haben sie wenig Verständnis. Bei uns verneint man es nur; oder man beklagt sich ununterbrochen: warum sich die Gesellschaft nicht zu dieser Idee einer Vereinigung mit dem Volke „beleben“ läßt! und was das für sie für eine Aufgabe wäre! Man sollte aber doch wissen, daß man sich zu ihr gar nicht „beleben“ kann, einfach, weil das Volk der Gesellschaft fremd ist. Die letztere bildet nur eine Schicht über dem Volke – mit der einzigen Beziehung zu ihm, daß das Volk durch seine Arbeit ihr dient, ihr die Möglichkeit verschafft, sich europäische Bildung anzueignen. Doch in diesen zwei Jahrhunderten europäischer Bildung hat das Volk sich nur noch mehr von ihr entfremdet. Wenn die fortschrittliche Intelligenz jetzt behauptet: „Wir sind es, die um das Volk leiden, wir, die so viel über dasselbe schreiben und es zu uns emporziehen wollen,“ so ist doch das russische Volk instinktiv überzeugt, daß es sich hier nur um ein imaginäres Volk handelt, ein in den Köpfen der Intelligenz entstandenes, daß das wirkliche Volk aber von der Intelligenz nur verachtet wird. Ich gebe zu: das verächtliche Verhalten zum Volk ist bei einigen von uns gar nicht bewußt, ja, man kann ruhig sagen, unabsichtlich. Es ist ein Überbleibsel des Leibeigenschaftsverhältnisses und stammt aus der Zeit, als das Volk um unserer „europäischen Bildung“ willen staatlich erdrosselt wurde; und es ist zweifellos auch jetzt noch in uns, obschon das Volk nun „auferstanden“ ist. Deshalb wird es uns auch noch lange unmöglich sein, uns mit dem Volke zu vereinigen, wenn nicht ein Wunder in russischen Landen geschieht. Das Volk ist in seiner großen Masse rechtgläubig und lebt nur der religiösen Idee, es braucht sich sogar dieser Idee gar nicht bewußt zu sein. Im Grunde genommen hat es überhaupt keine andere Idee außer dieser, aus ihr kommt alles bei ihm. Wenigstens will das Volk mit seinem ganzen Herzen und aus seiner tiefsten Überzeugung, daß alles, was bei ihm geschieht und was man ihm gibt, aus dieser „Idee“ heraus geschehe, auch ungeachtet dessen, daß vieles beim Volke selbst nicht von dieser Idee ausgeht, daß es oft willenlos von dunklen, verbrecherischen, barbarischen Instinkten beherrscht ist. Aber jeder Verbrecher und Barbar, mag er auch noch so sündig sein, betet doch zu Gott in den besseren Minuten seines Seelenlebens und bittet ihn, seine Sünden auszulöschen und ihn wieder seiner „Idee“ leben zu lassen. Diese Idee will nun unsere Intelligenz nicht anerkennen. Unsere Intellektuellen weisen auf seine Sünde und seinen Schmutz hin, an dem sie, die das Volk zwei Jahrhunderte lang geknechtet haben, doch selbst Schuld tragen, weisen auf seine Vorurteile und religiöse Gleichgültigkeit hin, und einige behaupten sogar, daß das russische Volk geradezu „verkörperter Atheismus“ sei. Ihr größter Irrtum besteht eben darin, daß sie im russischen Volke keine Kirche anerkennen wollen. Ich spreche jetzt nicht von der Herde Christi, sondern von unserem russischen „Sozialismus“, dessen Ziel es ist, die „Kirche“ aller Völker zu werden, soweit die Erde diese „Kirche“ überhaupt verwirklichen kann. Ich spreche ferner von dem unstillbaren Durst nach der großen, allgemeinen, allbrüderlichen Vereinigung im Namen Christi, einer Idee, die im russischen Volke immer gegenwärtig ist. Und wenn diese Vereinigung auch erst im Wunsche und im Gebet besteht, nicht in der Tat, so treibt doch der religiöse Instinkt dieser millionenköpfigen Masse nicht zu mechanischen Formen: nicht im Kommunismus liegt der Sozialismus des russischen Volkes, sondern es glaubt, sein Seelenheil in der Vereinigung aller Völker im Namen Jesu Christi zu finden. Das ist unser russischer Sozialismus! Über diese höhere vereinigende kirchliche Idee im russischen Volke lachen unsere Europäer. Oh, es gibt noch viele solcher „Ideen“ im Volke, mit denen die Herren nicht übereinstimmen werden, und die sie aus ihrer europäischen Weltanschauung heraus als „tatarisch“ verurteilen. Man kann daher ruhig die Behauptung aufstellen: wer diese Hauptidee des Volkes, die Erwartung des in ihm heraufkommenden Schöpferischen, das Gottesschicksal seiner weltumfassenden Kirche nicht versteht, der wird auch nie das russische Volk selbst verstehen und es auch nie lieben können. Bei manch einem von unseren Europäern ist das Herz rein, gerecht und sehnt sich nach Liebe, – aber lieben wird er nicht das Volk, sondern nur jene Vorstellung, die er sich von ihm macht. Da das Volk aber Volk bleibt, d. h. es selbst bleibt, so kann man für die Zukunft nur einen unvermeidlichen und gefährlichen Zusammenstoß voraussehen. Denn meine Behauptung hat auch eine umgekehrte Auslegung, nämlich die, daß das Volk solch einen russischen Europäer niemals als zu sich gehörig betrachten wird: „Liebe zuerst mein Heiligtum, achte, was ich achte, dann erst bist du wie ich, bist mein Bruder, ungeachtet dessen, daß du nicht so angekleidet bist wie ich, daß du ein Herr bist, daß du zur ‚Obrigkeit‘ gehörst, und daß du dich manchmal nicht einmal in russischer Sprache richtig auszudrücken verstehst.“ Das wird ihnen das Volk sagen, denn unser Volk hat einen klugen und weiten Verstand. Es achtet und liebt auch gewiß jeden guten und klugen Menschen, dankt ihm für seine Ratschläge und befolgt sie gern, ohne daß jener an dasselbe zu glauben brauchte, woran das Volk glaubt. Das russische Volk vermag mit einem jeden auszukommen, denn es hat viele Typen gesehen, vieles beobachtet und behalten in seinem langen, schweren Leben während der letzten zwei Jahrhunderte. Aber sich einleben und sich mit einem Menschen eins fühlen – sind zwei verschiedene Sachen. Doch ohne Zusammengehörigkeitsgefühl kann keine Vereinigung stattfinden.

So ist die Kluft zwischen der Intelligenz und dem Volke außergewöhnlich groß, das Volk ist allein, sich selbst überlassen; außer in seinem Zaren, an den es unerschütterlich glaubt, sieht es in nichts und niemandem eine Stütze. Froh wäre es, eine zu erblicken – aber vergeblich schaut es danach aus. Welch eine große, schöpferische, Segen bringende, neue Kraft aber würde in Rußland erstehen, wenn bei uns eine geistige Vereinigung der Intelligenz mit dem Volke erfolgte! Oh, meine Herren Finanzminister, ganz andere jährliche Budgets werden Sie dann aufstellen als die, welche sich jetzt ergeben! Milch und Honig würden in unserem Reiche überfließen, und alle Ideale wären mit einem Schlage erreicht! – „Ja, aber wie das anfangen, und ist es denn wirklich unsere europäische Aufklärung, die uns daran hindert?“ Nein, nicht diese, denn im Grunde gibt es diese Aufklärung bei uns überhaupt nicht, auch heute noch nicht. Ich denke so: existierte bei uns eine wirkliche Aufklärung, so wäre eine Trennung zwischen Volk und Intelligenz nie erfolgt, denn auch das Volk verlangt doch nach Aufklärung. Wir aber sind, „Aufklärung“ suchend, auf den Mond geflogen und haben den Weg zum Volke verloren. Wie wäre es nun uns verflogenen Menschen möglich, die Sorge um die Heilung des Volkes auf uns zu nehmen? Was können wir tun, damit der beunruhigte Volksgeist sich wieder stärkt und beruhigt? Seine Finanzen, sein Kapital verlangt moralische Ruhe, denn sonst wird es versiegen. Was soll man tun, damit der Geist des Volkes die Wahrheit findet und sich in ihr beruhigt? Diese Wahrheit ist ja vielleicht schon da, aber was soll man tun, damit das Volk an sie zu glauben lernt? Wie soll man es ihm in die Seele pflanzen, daß die Wahrheit in der russischen Erde liegt? Was soll man tun, damit das Volk an sein Gericht, an seine Obrigkeit zu glauben anfängt und sie anerkennt als Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blut? Oh, wenn die Wahrheit wenigstens für die Zukunft im Volke ungefährdet bliebe, damit es den Glauben nicht verlöre, daß sie einmal doch bestimmt noch kommen wird! Wenn die Fliege sich nur ein wenig von dem Teller mit Honigseim fortbewegen könnte, so wäre das schon eine große, große Beruhigung. Und nochmals sage ich: das ganze Unglück kommt von der Trennung der höheren intelligenten Stände vom unteren, niedrigeren – von unserem Volke. Wie aber dieses Volksmeer mit unserer Intelligenz aussöhnen, damit es nicht zu einem großen Aufruhr in ihm kommt?

Dazu gibt es nur eine Möglichkeit, ein magisches Wort, das lautet: „Vertrauen zeigen“! Zu unserem Volke kann man Vertrauen haben, denn es ist dieses Vertrauens wert. Ruft die grauen Bauernkittel und fragt sie, was ihnen fehlt, und was sie nötig haben, und sie werden euch die Wahrheit sagen, und wir alle werden dann vielleicht zum ersten Male die Wahrheit hören. Dazu sind keine großen Versammlungen nötig: das Volk kann man an allen Orten und in jeder Hütte fragen, denn an jedem einzelnen Ort sagt es Wort für Wort dasselbe; was die ganze Masse zusammen auch sagen würde, das Volk ist überall eins. Auch die getrennte Einheit würde nur das eine wiedergeben, denn der Geist ist derselbe. Jede Ortschaft würde vielleicht eine kleine örtliche Besonderheit hinzufügen, aber im ganzen, im allgemeinen würde alles in allem übereinstimmen. Man muß sich nur in acht nehmen, daß es auch wirklich der Bauer ist, der echte Bauer, nicht etwa der Schmarotzer oder Ausbeuter. Aber schließlich, selbst der Freischlucker wird der Erde nicht untreu und wird die Wahrheit sagen – das ist schon so eine Eigenschaft unseres Volkes. Wie soll man aber diesen Vorschlag ausführen? Oh, Menschen, die die Macht dazu haben, können das besser bestimmen als ich; ich möchte nur behaupten, daß es dazu besonderer Formeln nicht bedarf. Unser Volk jagt nicht nach Formeln, besonders nicht nach fertigen, fremdländischen, die hat es nicht nötig und die wird es auch nie nötig haben. Es hat etwas ganz anderes im Kopfe, hat seine eigene Ansicht über die Sache; und in seinen Anschauungen ist ein Volk wie das unsrige durchaus unseres Vertrauens würdig. Und wer der Russen Liebe zum Zaren gesehen und gefühlt hat, der weiß, daß sie des Zaren Kinder sind und der Zar ihr Vater ist. Wer daran nicht glaubt, versteht nichts von Rußland. Nein, darin liegt eine tiefe und ursprüngliche Idee: und sie bedingt einen lebendigen, mächtigen Volksorganismus, der mit seinem Zaren in eins verschmilzt. Diese Idee ist eine Kraft, und diese Kraft ist mit den Jahrhunderten noch gewachsen, besonders in den letzten für das Volk so schrecklichen zwei Jahrhunderten, die wir wegen unserer europäischen Aufklärung so preisen, – wobei wir freilich ganz vergessen, daß diese Aufklärung uns nur durch das Kreuzesleiden unseres Volkes ermöglicht wurde. Aber das Volk glaubte an seinen Befreier, wartete auf ihn und – er kam! Wie sollen wir da nicht seine Kinder sein? Der Zar ist für das Volk keine äußere Kraft, nicht die Kraft irgendeines Besiegers – wie es z. B. die Dynastien der früheren Könige in Frankreich waren –, sondern eine volkliche, verbindende Kraft, die das Volk selbst wollte, die aus seinem Herzen wuchs, die es liebte, für die es litt, von der allein es seinen Auszug aus Ägypten erhoffte. Für das Volk ist der Zar die Verkörperung seines Selbst, seiner Idee, seines Glaubens und seiner Hoffnungen. Und diese Hoffnungen wurden ihm noch kürzlich so glänzend erfüllt, wie sollte es da weitere Hoffnungen aufgeben? Im Gegenteil, sie bestärken und befestigen sich, denn der Zar wurde nach der Aufhebung der Leibeigenschaft nicht nur in der Idee oder in der Hoffnung, sondern in der Tat zu seinem Vater. Diese Beziehung des Volkes zum Zaren als zu einem Vater ist die einzige felsenfeste Grundlage, auf der jede Reform bei uns geschaffen und aufgebaut werden kann. Wenn Sie wollen, so gibt es bei uns gar keine andere schöpferische, erhaltende und führende Kraft in Rußland als das organische und lebendige Bündnis des Volkes mit seinem Zaren: nur ihm entspringt bei uns alles. Wer hätte auf diese Bauernreform hoffen können, wenn er nicht im voraus geglaubt und gewußt hätte, daß der Zar dem Volke ein Vater ist, und daß der Glaube an den Zaren wie an seinen Vater das Volk retten und vor Unglück behüten werde. Wahrlich, schlecht wäre ein Sozialökonom als Reformator, der die wirklichen, lebendigen Kräfte des Volkes aus Vorurteil oder um fremder Überzeugungen willen außer acht läßt. Ja: wir – die Intelligenz – sind schon deshalb nicht eins mit dem Volke und können es nicht verstehen, weil wir, auch wenn wir seine Beziehung zum Zaren einsehen, doch das Wichtigste in seiner ganzen Tiefe und Bedeutung für unsere Zukunft nicht erfassen können: daß gerade durch diese Beziehung zu seinem Zaren das russische Volk sich von allen Völkern Europas und der ganzen Welt unterscheidet; daß das nicht ein zeitlicher, ein vorübergehender Zustand, nicht ein Zeichen von Volksjugend, wie manche klugen Köpfe vielleicht schließen, sondern eine ewige, immerwährende und niemals oder wenigstens lange noch nicht, sehr lange noch nicht sich verändernde Kraft ist. Wie sollte sich da nicht schon deswegen unser Volk von allen anderen Völkern unterscheiden, nicht seine eigene Idee in sich tragen? Ist es nicht klar, im Gegenteil, daß unser Volk schon den organischen Keim einer unterschiedlichen Idee in sich trägt? Diese Idee schließt eine so große Kraft in sich, daß sie natürlich unsere ganze weitere Geschichte beeinflussen wird, und da sie eine ausschließlich russisch-eigenartige ist, so kann auch unsere Geschichte nicht der Geschichte anderer europäischer Völker ähnlich und noch viel weniger ihre sklavische Kopie sein. Das ist es, was unsere klugen Köpfe nicht verstehen wollen, die da glauben, bei uns könne sich alles ohne jegliche Eigenart genau nach europäischem Muster verwandeln, und die sogar diese unsere Eigenart hassen, so daß es vielleicht noch mit einem Unglück enden kann. Daß aber bei uns alles anders und ursprünglich ist, dazu diene folgendes Beispiel. In unserer Zukunft, wenn wir die Periode unseres Pseudoeuropäismus überwunden haben werden, kann z. B. die bürgerliche Freiheit sich nur bei uns in einem Grade entwickeln, wie nirgends in Europa und nicht einmal in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Auf dieser felsenfesten Grundlage, auf der Liebe des Volkes zu seinem Zaren als seinem Vater, und nicht durch ein geschriebenes Gesetz wird diese Entwicklung sich vollziehen – denn Kindern kann man vieles erlauben, was bei anderen Völkern, die nach Kontrakten leben, undenkbar ist, Kindern kann man ebenso vieles auch anvertrauen und ebenso vieles verzeihen, denn Kinder werden ihren Vater nicht verraten und wie Kinder von ihm jeden Verweis ihrer Fehler in Liebe entgegennehmen.

Und einem solchen Volke soll man nun nicht Vertrauen schenken? Mag es deshalb selbst von seinen Bedürfnissen reden und nicht andere für sich sprechen lassen: wir, die Intelligenz des Volkes, wir müssen erst hören, was es sagt. Oh, nicht aus politischen Gründen schlage ich etwa vor, zeitweise unsere Intelligenz aus dem Spiele zu lassen – schreiben Sie mir bitte nicht politische Ziele zu –, nein, ich habe den Vorschlag aus rein pädagogischen Gründen gemacht. Ja, hören wir zu, wie klar und vernünftig das Volk, ganz ohne unsere Hilfe, seine Wahrheit ausdrücken und wie es in der Sache gerade den Nagel auf den Kopf treffen wird, und ohne uns zu beleidigen, wenn auch von uns die Rede sein sollte. Mögen wir vom Volke lernen, wie man die Wahrheit spricht. Von ihm können wir Demut und Lebenserfahrung und Wirklichkeitssinn lernen. Sie werden mir antworten: „Soeben sagten Sie, wie leicht das Volk allen unsinnigen Gerüchten glaube, – welch eine Weisheit können wir da von ihm erwarten?“ Nun, Gerüchte sind etwas ganz anderes, und nicht – die Einheit in der allgemeinen Sache. Hier, im Volk, werden wir etwas Ganzes erblicken, und das Ganze wirkt durch sich selbst und das Ganze bringt zur Vernunft. Ja, für uns wird es in Wahrheit eine Schule sein, die fruchtbringendste Schule. Wir werden erstaunt sein, beim Volke so viel Lebenserfahrung und Ernst zu finden; freilich wird es auch solche geben, die ihren Augen nicht trauen wollen, aber solcher sind wenige, denn alle wirklich Aufrichtigen, die nach Wahrheit verlangt, und denen es um die allgemeine Sache und den allgemeinen Nutzen zu tun ist – die werden sich an die wahren Worte des Volkes halten. Alle diejenigen aber, die nicht aufrichtig der Sache ergeben sind, werden mit ihrem Mißtrauen nur ihre eigene Inhaltslosigkeit aufdecken. Und wenn es noch welche gibt, die dem Volke nicht Glauben schenken, so sind das nur Altgläubige und Doktrinäre der vierziger und fünfziger Jahre, alte, unverbesserliche Kinder, die nur lächerlich und ganz unschädlich sein werden. Doch alle anderen außer diesen werden sich die Augen reiben und endlich zu sehen anfangen. Das kann außerordentlich wichtige Folgen haben, denn ... denn auf diese Weise kann der Anfang, der erste Schritt zur Vereinigung unseres Standes, der Intelligenz, die so hoch über dem Volke zu stehen meint, mit dem Volke gemacht werden. Ich spreche nur von einer geistigen Vereinigung, denn die nur haben wir nötig, die wird uns zu allem verhelfen, wird alles umschaffen und eine neue Idee bringen. Unsere helle und frische Jugend, denke ich, wird die erste sein, die ihr Herz dem Volke schenken und es verstehen wird. Ich hoffe auch deshalb so sehr gerade auf sie, weil sie selbst so leidet im „Suchen nach Wahrheit“: in der Sehnsucht nach ihr wird sie sofort fühlen, daß auch das Volk nach ihr sucht. Und wenn die Jugend der Seele des Volkes nahestehen wird, dann wird sie auch diese Phantasien lassen, die jetzt so viele Jünglinge beherrschen, alle jene, die sich einbilden, die Wahrheit in den verstiegensten europäischen Lehren zu finden. Oh, ich glaube, daß ich nicht phantasiere und die heilsamen Folgen vergrößere, die aus diesem Ereignisse hervorgehen würden. Der Hochmut würde fallen und die Ehrfurcht vor der mütterlichen Erde wiedergeboren werden. Eine ganz neue Idee würde plötzlich in unsere Seele leuchten und alles erleuchten, was bis jetzt im Dunkeln gelegen, und mit ihrem Lichte die Lüge ertöten. Und, wer weiß, vielleicht wäre das der Anfang einer Reform, die durch ihre Bedeutung hoch über der Reform der Leibeigenschaft stände: wäre sie doch gleichfalls eine Befreiung – eine Befreiung unserer Geister und Herzen von dem Leibeigenschaftsverhältnis zu Europa, in dem wir zwei Jahrhunderte gestanden, ganz ähnlich unserem Bauern – unlängst noch ein Sklave wie er. Und wenn diese zweite Reform sich verwirklichen könnte, so wäre sie auch nur eine Folge der großen ersten Reform, der Aufhebung der Leibeigenschaft zu Anfang der Regierung unseres Zar-Befreiers. Mit der einen wäre die materielle Wand gefallen, die das Volk von der Intelligenz trennte, mit der zweiten fiele diese Wand auch ideell. Was könnte höher stehen, was wäre fruchtbringender für Rußland als dieser geistige Bund aller Stände? Die, welche sich bis jetzt des Volkes schämten, des angeblich barbarischen und jegliche Entwicklung hemmenden, die werden sich dieses Schämens schämen und sich mit dem Volke aussöhnen und vieles wieder achten können, was sie früher verachteten. Und wenn das Volk ihnen geantwortet, seine Sache ihnen vorgelegt hat und sein demütiger Mund verstummt – dann fragen Sie meinethalben auch unsere Intelligenz, und wär’s auch nur nach ihrer Meinung über das Volk, und sie werden sofort die Folgen bemerken. Oh, auch ihr Wort wird dann fruchtbar werden, denn sie ist doch nun einmal die Intelligenz, und das letzte Wort gehört ihr. Das uns alsdann vom Volke gegebene Beispiel würde uns auf jeden Fall von Unüberlegtheiten und Dummheiten abhalten, die von uns, wenn wir zuerst das Wort gehabt hätten, unfehlbar begangen worden wären. Und Sie werden sehen: unsere Intelligenz würde dann nichts mehr im Widerspruch zum Volke sagen, sondern würde dessen Wahrheit in die ganze Breite seiner Bildung hineinentwickeln und sie wissenschaftlich erläutern und begründen – denn auch das Volk hat die Wissenschaft nötig. Ja, und wenn sich auch Widersprüche einstellen würden, Widersprüche gegen gewisse Grundlagen unseres Volkes, so würden sie es doch nicht wagen, sich so heftig gegen den Volksgeist aufzulehnen, und das ist sogar sehr wichtig.

Ja, es ist sogar sehr leicht möglich, daß unsere seelische Ruhe schon bei dem ersten Schritt wiederkehrt. Es würde eine allgemeine, alle vereinigende Hoffnung erstehen, und wir würden uns über unsere Ziele klarer werden. Das aber wäre wichtig: denn unsere bewußte Kraft, unsere Intelligenz, ahnt ja kaum, welchen Inhalts unsere nationalen und staatlichen Ziele sind oder sein können. Gerade hier liegt heute die Unsicherheit, und gerade die ist gewiß auch die Quelle unserer Ruhelosigkeit und Verstimmtheit, und nicht nur dem Gegenwärtigen, sondern noch viel mehr dem Zukünftigen gegenüber. Alles das könnte aufgeklärt und erläutert werden, oder wir bekämen einen Hinweis auf Mittel, mit denen man bei uns etwas erlangen könnte, wir würden auf neue Gedanken kommen ...

Doch genug! Ich habe gesprochen, wie ich es verstanden habe. Wenn man nicht alles versteht, wenn ich mich unzureichend ausgedrückt, so nehme ich die Schuld auf mich – aber das, was man versteht, möge man in einer friedlichen und unverletzenden Weise verstehen. Ich wünschte nur, daß man unparteiisch begriffe: daß ich zuerst und vor allen Dingen für das Volk stehe, daß ich an seine Seele, an seine Kräfte, deren Größe noch niemand von uns zu ahnen scheint, wie an ein Heiligtum glaube, hauptsächlich aber an die errettende Bedeutung des großen, alles erhaltenden und aufbauenden Volksgeistes. Mich verlangt nur nach einem: daß alle ihn erschauten – denn wenn sie ihn nur einmal erschaut haben, werden sie sofort auch alles Übrige verstehen.

Die Meinung eines geistreichen Bureaukraten über unsere Liberalen und Westler

... Ich will von einem geistvollen Bureaukraten erzählen, der mir vor kurzem in einer Gesellschaft eine sehr interessante Sache auseinandergesetzt hat – eine, die gerade jene Grundsätze berührt, die für die Veränderung unserer gegenwärtigen[36] Lage in Frage kommen.

Das Gespräch drehte sich um die Finanzen, um die allgemeine ökonomische Situation, und zwar speziell in dem Sinne, daß wir Russen unsere Mittel nicht verschwenden sollten, sondern vernünftig mit ihnen umzugehen versuchen müßten, damit auch nicht eine einzige Kopeke für irgendeine Phantasterei hinausflöge.

Über diese Art Ökonomie wird jetzt bei uns überall gesprochen, und die Regierung beschäftigt sich unausgesetzt mit diesem Problem. Es ist auch tatsächlich so etwas wie eine Kontrolle eingeführt worden, und alljährlich will man in den Etats eine bestimmte Summe zu streichen suchen. In der letzten Zeit sprach man sogar von einer Verringerung der Armeeausgaben. Manche meinten, man könne das stehende Heer auf die Hälfte der Truppen herabsetzen. „Deswegen“, hieß es, „würde doch nichts anders werden“. Das wäre ja alles ganz wunderbar, aber trotzdem gibt es etwas, was sich einem dabei unwillkürlich in die Gedanken einschleicht: Gut, wir reduzieren die Armee vorläufig um fünfzigtausend Mann, das Geld aber geht uns doch wieder durch die Finger, für dieses und jenes, natürlich nur für die Bedürfnisse des Staates, jedenfalls aber für Bedürfnisse, die so radikaler Opfer nicht wert sind. Die abgeschafften fünfzigtausend Mann jedoch werden wir dann niemals wieder einbringen können, oder höchstens mit Mühe und Not; denn was man einmal abgeschafft hat, ist schwer wieder anzuschaffen. Soldaten aber brauchen wir mehr als je und besonders jetzt, da in Europa alle einen Stein für uns bereit halten. Es ist gefährlich, diesen Weg zu betreten, doch nur in der gegenwärtigen Zeit. Wir würden nur dann uns überzeugen lassen, daß dieses heilige Geld wirklich für etwas Notwendiges ausgegeben wird, wenn wir, z. B. den Entschluß faßten, unerbittliche Ökonomie zu treiben, so wie etwa Peter sie durchgeführt haben würde, wenn er sich vorgenommen hätte, zu sparen. Sind wir nun aber dazu fähig, bei den „schreienden“ Nöten unserer gegenwärtigen Lage, in der wir nun einmal stecken? Ich bemerke hierbei, daß dieses einer der ersten Schritte wäre zu einer Umkehr vom alten, phantastischen Gegenwärtigen zum neuen, wirklichen und für uns notwendigen Zukünftigen. Wir reduzieren ziemlich oft die Etats, das Beamtenpersonal usw., doch das Ergebnis ist immer dasselbe: daß die Etats ganz von selbst sich wieder vergrößern und vermehren. Ja, sind wir denn überhaupt fähig zu einer richtigen Reduzierung, fähig, zum Beispiel, von vierzig Beamten mit einemmal auf vier herunterzugehen? Daß vier Beamte ohne Ausnahme dasselbe leisten können, was jetzt vierzig leisten, das wird natürlich niemand bezweifeln, besonders bei einer Vereinfachung des Eingaben- und Verordnungswesens mit all seinen Schreibereien, und überhaupt bei einer radikalen Veränderung der jetzigen Formen der Beamtenarbeit.

Auf dieses Thema kamen wir, wie gesagt, zufällig zu sprechen. Einige bemerkten, daß eine derartige Reform jedenfalls ein großer Bruch mit dem Alten wäre. Andere entgegneten, daß bei uns schon viel kapitalere Reformen als diese durchgeführt worden seien. Die Dritten fügten hinzu, daß man den neuen Beamten, also diesen vier, die die vierzig ersetzen sollen, das Gehalt sogar verdreifachen könnte, und daß diese dann gewiß treffliche Arbeiter abgeben würden. Und selbst wenn man das Gehalt auch für diese vier verdreifachte, so würde ihr Gehalt doch nur dem der jetzigen zwölf entsprechen; folglich wären die Ausgaben immer noch um fast drei Viertel der heutigen vermindert.

Hier aber geschah es, daß mich mein Bureaukrat unterbrach. Ich bemerke noch, daß auch er zu meiner größten Verwunderung gegen die Möglichkeit, durch vier vierzig zu ersetzen, nichts einzuwenden hatte: „Auch mit vieren wird es sich machen lassen.“ Doch was er angriff, war etwas ganz anderes: er wies auf das Grundsätzliche hin, auf die Fehlerhaftigkeit und das Verbrecherische dieses neuen „Prinzips“. Ich kann seine Entgegnung nicht wörtlich wiedergeben, und ich führe sie nur an, weil mir seine Meinung in ihrer Art bemerkenswert erschien und so etwas wie eine pikante Idee enthielt. Er hat sich natürlich nicht herabgelassen, auf Einzelheiten einzugehen, da ich in dieser Sache nicht „Spezialist“ bin: „verstehe wenig davon“, was vorauszuschicken ich mich beeile – aber sein „Prinzip“, so hoffte er, würde mir doch einleuchten.

„Die Reduzierung der Beamten von vierzig auf vier,“ begann er gemessen und in eindringlichem Tone, „ist für die Sache nicht nur unnütz, sondern allein schon ihrem Wesen nach direkt schädlich, trotz der tatsächlich beträchtlichen Verringerung der Staatsausgaben. Unmöglich und schädlich wäre nicht nur, von vierzig auf vier zu reduzieren, sondern selbst von vierzig auf achtunddreißig. Und das aus folgendem Grunde: es wäre ein verderblicher Anschlag auf das Grundprinzip. Jetzt sind es zweihundert Jahre her, d h. seit Peter, daß wir, die Bureaukraten, im Reiche alles sind; ja, im Grunde genommen sind wir das Reich und überhaupt alles; – das Übrige – ist nur Anhängsel. Wenigstens ist es bis vor kurzem, bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft, noch so gewesen. Alle früheren Wahlämter, als da sind ... nun, da, die der Adligen zum Beispiel, haben ganz von selbst, sozusagen infolge einer Anziehungskraft, unseren Geist und Sinn angenommen. Und wir haben uns deswegen, als wir das einsahen, keineswegs beunruhigt; denn das Prinzip, das vor zweihundert Jahren aufgestellt worden ist, wurde dadurch nicht im geringsten angegriffen. Nach der Bauernreform schien allerdings etwas Neues kommen zu wollen: es kam die Selbstverwaltung, es kam das Semstwo usw. ... Jetzt hat es sich deutlich erwiesen, daß auch all dieses Neue sofort und ganz von selbst unsere Form, unsere Seele und unsere Gestalt annimmt, sich sozusagen in unsere Form verwandelt. Und das ist nicht etwa durch Zwang geschehen – das wäre eine total falsche Auffassung –, sondern gerade ganz von selbst; denn es ist schwer, sich Jahrhunderte alter Gewohnheiten zu entledigen, und wenn Sie wollen, ist das auch nicht nötig, besonders nicht in einer so fundamentalen und großen Nationalfrage. Sie können mir das, wenn Sie wollen, nicht glauben; doch wenn Sie tiefer nachdenken, so werden Sie die Richtigkeit des Gesagten, dessen bin ich gewiß, anerkennen. Denn – was sind wir? Wir sind alles, sind bis jetzt alles gewesen und werden fortfahren, alles zu sein, – und wiederum ohne uns darum selber sonderlich zu bemühen, einfach nach dem natürlichen Gang der Dinge, also unwillkürlich! Es ist schon lange her, daß man sagt, unsere Arbeit sei tote, papierene Kanzleiarbeit, und Rußland wäre all dem entwachsen. Vielleicht ist es dem entwachsen, aber vorläufig sind wir immer noch die einzigen, die Rußland halten und es davor bewahren, daß es auseinanderfällt! Denn das, was Sie erstarrtes Kanzleitum nennen, – d. h. also wir, als Einrichtung, und dann auch unsere ganze Tätigkeit – das ist, wenn man sich eines Beispiels bedienen will, wie das Skelett, in einem lebendigen Organismus. Zerstören Sie das Skelett, werfen Sie die Knochen durcheinander – und der ganze lebendige Körper muß vergehen. Schön, mag die Sache auch noch so tot betrieben werden, dafür aber geht es nach dem System, nach dem Prinzip, dem großen Prinzip – erlauben Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache. Mag es auch auf Kanzleimanier geschehen, meinetwegen sogar schlecht, unvollkommen, so wird es immerhin irgendwie doch gemacht und, die Hauptsache: Rußland steht noch und fällt nicht! Das ist es ja, daß es noch immer nicht fällt! Ich bin bereit, Ihnen zuzugeben, daß wir im Grunde meinetwegen auch nicht gerade alles sind, – oh, wir sind klug genug, um einzusehen, daß wir nicht ganz Rußland sind und besonders jetzt nicht; dafür aber sind wir immerhin etwas, d. h. etwas bereits Wirkliches, tatsächlich Vorhandenes, wenn auch vielleicht teilweise Körperloses. Nun aber, was habt ihr, womit ihr uns ersetzen könntet? Woraufhin könnten wir uns mit der Überzeugung zurückziehen, daß auch bei euch ein Etwas entstanden ist, das uns wirklich ersetzen kann, – ohne daß alles fallen muß? All diese Selbstverwaltungen und Semstwos – das ist doch vorläufig immer noch ein Vogel in den Wolken, meinetwegen ein prachtvoller Vogel, einer, der unter dem Himmel herumfliegt, jedoch immerhin einer, der sich noch niemals auf die Erde herabgelassen hat. Folglich ist er trotz seiner Schönheit als Wert für uns eine Null, wir aber, wenn wir auch durchaus nicht ‚prachtvoll‘ sind und man unser sogar sehr überdrüssig geworden ist, wir aber sind dafür wenigstens etwas, und zwar nichts weniger als eine Null. Ihr nun werft uns vor und beschuldigt uns: wir seien daran schuld, daß der Vogel sich bis jetzt noch nicht auf die Erde herabgelassen hat, und wir bemühten uns, ihn, den prachtvollen Vogel, in unsere Bureauform umzuwandeln, unserem Kanzleigeist anzupassen. Es wäre natürlich sehr nett von uns, wenn das wirklich der Fall wäre; denn damit würden wir beweisen, daß wir für das ewige, grundlegende und edelste Prinzip einstehen, und eine nutzlose Null in ein nützliches Etwas verwandeln. Doch glauben Sie mir, hierbei tragen wir nicht die geringste Schuld, oder doch nur eine verschwindend geringe Schuld, und glauben Sie mir, der herrliche Vogel ist selber im Zweifel: er weiß selbst nicht, was er eigentlich werden soll – das, was wir sind? oder wirklich etwas Selbständiges? Wie gesagt, er ist noch selber unschlüssig und hat vielleicht sogar ein wenig den Kopf verloren. Ich versichere Sie, er ist aus eigenen freien Stücken zu uns gekommen, und wir haben ihn nicht im geringsten zu beeinflussen gesucht. So stellt es sich heraus, daß wir sozusagen ein natürlicher Magnet sind, zu dem in Rußland bis heute noch alles hingezogen wird – und das kann noch lange, lange so fortdauern. Sie glauben mir noch immer nicht? Es erscheint Ihnen vielleicht lächerlich? Und doch bin ich bereit, um einerlei was zu wetten: versuchen Sie es, lösen Sie Ihrem herrlichen Vögelchen die Flügel, gestatten Sie ihm alle Freiheiten, befehlen Sie zum Beispiel Ihrem Semstwo mit aller Strenge: ‚Von jetzt ab mußt du ein selbständiger und nicht mehr ein bureaukratischer Vogel sein!‘ – und, glauben Sie mir, daß alle Vögel, wie sie da sind, ohne eine Ausnahme, sich von selbst noch viel mehr zu uns drängen und schließlich damit enden werden, daß sie sich in echte, rechte Beamte verwandeln, unseren Geist und unsere Gestalt annehmen, alles von uns kopieren! Sogar der Bauer wird zu uns kommen, denn es würde ihm doch gar zu schmeichelhaft sein, uns ähnlich zu werden! Nicht umsonst hat sich der Gefallen, den sie an uns Beamten gefunden haben, zweihundert Jahre lang entwickelt. Und Sie verlangen nun, daß wir, das einzig Reale und Feststehende in Rußland, uns selber gegen dieses Rätsel eintauschen sollen, gegen diese Scharade, gegen diesen Ihren schönen Vogel in den Wolken? Nein, lieber behalten wir unseren Sperling in der Hand. Lieber verbessern wir uns selber irgendwie, nun, sagen wir, indem wir etwas Neues einführen, etwas mehr, wie Sie es nennen, Fortschrittliches, dem Geiste der Zeit Entsprechenderes: wir werden, sagen wir, etwas wohltätiger werden oder sonst irgend etwas von der Art ... Aber gegen das Hirngespinst, den plötzlich erschienenen Traum, tauschen wir nicht unser einziges reales Etwas ein; denn es ist klar, daß wir vorläufig niemanden haben, der uns ersetzen könnte! Wir widersetzen uns der Vernichtung sozusagen durch unseren mächtigen passiven Widerstand. Dieser Widerstand ist es gerade, der an uns wertvoll bleibt, denn nur durch ihn allein hält sich noch alles in unserer Zeit. Darum aber wäre der Versuch, uns von vierzig auf achtunddreißig zu reduzieren (von einem ‚von vierzig auf vier‘ ganz zu schweigen) grundschädlich, ja wäre sogar unmoralisch! Man würde Kopeken sparen, dafür aber das Prinzip zerstören. Vernichten Sie, verändern Sie jetzt noch unsere Formel, wenn Sie nur das Gewissen dazu haben: Es würde ein Verrat an unserem ganzen russischen Europäismus, an unserer ganzen Bildung sein! – wissen Sie das auch? Das wäre die Verneinung dessen, daß auch wir ein Reich, auch wir Europäer sind, das wäre Verrat an Peter! Und wissen Sie, Ihre Liberalen – übrigens die unserigen gleichfalls –, die in den Zeitungen so heftig für die Semstwos gegen das Beamtentum eintreten, widersprechen sich im Grunde genommen alle selbst. Denn diese Semstwos, alle diese Neuheiten ‚im volklichen Geiste‘ – das sind doch dieselben ‚Volksgrundsätze‘, oder die beginnende Formulierung dieser Grundsätze, über die jene Partei, die unseren europäisierenden Russen so verhaßt ist, eben die ‚russische Partei‘ zetert (vielleicht haben Sie schon gehört, daß man sie in Berlin so benannt hat?); das sind diese selben ‚Grundsätze‘, die unser russischer Liberalismus und Europäismus so wütend leugnet, die er verlacht und sogar nicht einmal als vorhanden anerkennen will! Oh, er fürchtet sie sehr: Nun, wie, wenn sie tatsächlich vorhanden sind und sich verwirklichen – dann ist’s doch in gewissem Sinne eine unangenehme Überraschung! Also sind alle Ihre Europäer genau genommen mit uns und wir mit ihnen ... was sie eigentlich schon längst hätten einsehen und sich merken sollen. Wenn Sie wollen, sind wir nicht nur mit ihnen, sondern sogar wir sind sie, denn wir sind ein und dasselbe: in ihnen, in ihnen selber ist unser Geist enthalten und sogar unsere Gestalt, gerade in diesen Ihren Westlern. Ja, das ist tatsächlich so! Und ich werde Ihnen noch etwas sagen: Europa, d. h. das russische Europa oder Europa in Rußland – das sind ja nur wir allein! Wir sind die Verkörperung der ganzen Formel des russischen Europäismus und enthalten sie restlos in uns. Wir allein sind ihre Ausleger. Ich begreife nicht, warum man diesen unseren Europäern nicht für ihren Europäismus gewisse Kennzeichen verleiht, wenn wir mit ihnen doch nun einmal so ohne weiteres zusammenfließen? Mit Vergnügen würden sie sie tragen, und damit könnte man auch noch viele anlocken. Aber bei uns versteht man’s nicht. Nichtsdestoweniger schimpfen sie auf uns – die Eigenen erkennen die Eigenen nicht! Doch, um mit Ihren Semstwos und all diesen Neuheiten endlich abzuschließen, sage ich Ihnen ein für allemal: Nein! Denn dieses ist eine lange Sache und keineswegs so kurz, wie Sie vielleicht annehmen. Dazu bedarf es einer eigenen vorhergehenden Kultur, einer eigenen, neuen, vielleicht noch einmal zweihundertjährigen Geschichte. Nun, sagen wir, einer hundertjährigen, oder meinetwegen auch fünfzigjährigen, da wir ja jetzt das Jahrhundert der Telegraphen und Eisenbahnen haben. Also immerhin doch eine fünfzigjährige Entwicklung: also geht es nicht sofort. Augenblicklich jedenfalls wird nichts anderes entstehen als unseresgleichen. Und so wird es noch lange bleiben.“

Damit verstummte mein Bureaukrat stolz und würdevoll, und, wissen Sie, ich habe ihm auch nichts entgegnet, denn in seinen Worten war gerade solch ein „Etwas“, irgendeine traurige Wahrheit, die wirklich, wirklich da ist. Selbstverständlich war ich innerlich nicht mit ihm einverstanden. Und zudem – in solchem Ton sprechen nur Leute, die sich überlebt haben. Aber trotzdem war in seinen Worten „etwas“ ...

Die Judenfrage[37]

Vorbemerkungen

Oh, bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier wirklich, die „Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift habe ich nur zum Scherz hingeschrieben. Ein Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, das unter seinen Söhnen drei Millionen Juden zählt, – solch ein Problem zu lösen geht über meine Kraft. Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung haben, und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele Juden sich plötzlich für diese Meinung interessieren. Seit einiger Zeit schreiben sie mir Briefe, in denen sie mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele über sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen seiner „Mängel“, „nicht als Ausbeuter“, sondern gerade als „Juden“, als Volk, also etwa in dem Sinne von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben mir „gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, einem zu verstehen zu geben, daß sie bei ihrer Bildung schon längst nicht mehr die „Vorurteile“ ihrer Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche erfüllen, wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies für unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott glaubten sie nicht mehr, schreiben sie. Dazu will ich vorläufig nur bemerken, daß es von diesen „höheren Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen, einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte lebenden Jehova zu vergessen und zu verleugnen. Es ist nicht nur aus dem Gefühl der Nationalität heraus Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen Gründen. Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden ohne Gott gar nicht denken kann? Doch dieses Thema gehört schon zu den ganz großen, daher müssen wir von ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich eines: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden als Volk, als Nation, ja, für einen Judenhasser hält? Den Juden als Ausbeuter und für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... aber nur in Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch schwerlich einen reizbareren und kleinlicheren Menschen als den gebildeten Israeliten finden, einen, der sich leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch wann und wodurch habe ich Haß auf die Juden, als Volk, bewiesen? Da ich in meinem Herzen nie so etwas gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, dieses wissen, so weise ich ein für allemal eine solche Beschuldigung, noch bevor ich auf die Judenfrage näher eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun zu müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen des „Hasses“, weil ich statt „Israelit“ „Jude“ sage? Erstens habe ich nicht geglaubt, daß dieser Name kränken könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit ich mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten Idee bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ u. dgl. m. Es hat sich dabei stets um einen gewissen Begriff, eine besondere Richtung, um die Charakteristik irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über diese Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, aber man kann doch nicht das Wort als beabsichtigte Kränkung auffassen.

Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen Schreiben eines äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, das mich ungemein interessiert hat: es enthält eine der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen mich wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben worden sind.

... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: das ist Ihr Haß auf den „Juden“, der fast in jedem Heft Ihres „Tagebuches“ durchbricht.

Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur gegen den Juden auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter im allgemeinen? Ich verabscheue nicht weniger als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich habe nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals werde ich zugeben, daß schon im Blute dieser Nation das gewissenlose Aussaugen der anderen liege.

Sollten Sie denn wirklich nicht das Grundgesetz jedes sozialen Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme alle Bürger eines Staates, wenn sie nur alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an allen Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat gewährt, Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter des Gesetzes, für die schädlichen Mitglieder der Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz gelten muß? ... Warum müssen alle Israeliten in den Rechten beschränkt werden, und warum werden sie nach besonderen Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die Ausbeutung durch die Ausländer – die Juden sind doch immerhin russische Untertanen –: durch die Deutschen, Engländer, Griechen, deren es in Rußland so unzählige gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung? Wodurch sind die russischen rechtgläubigen Aufkäufer, Blutsauger, Schmarotzer, Branntweinverkäufer, die betrügerischen Prozeßführer für die Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden können, besser als dasselbe Handwerk betreibende Juden, die doch immer nur ein begrenztes Feld der Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter als jener?

Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten Juden mit ähnlich berüchtigten Russen, natürlich solchen, die ersteren in nichts nachstehen. Was beweist das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie, heben sie doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im Gegenteil, wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht ehrenwert sind.

... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden stellen. Währenddessen verstehen Sie, wenn Sie vom „Juden“ sprechen, unter diesem Begriff die ganze bettelarme Masse der drei Millionen Israeliten Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf um ihre elende Existenz führen und doch sittlicher sind, ja, nicht nur sittlicher als die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von Ihnen vergötterte russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem Namen die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, die eine höhere Bildung genossen haben, die sich auf allen Gebieten des Staatswesens auszeichnen, wie z. B. ...

Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen ich nicht das Recht zu haben glaube; denn mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte es vielleicht unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer Herkunft sind. Dann fährt er fort:

... und Goldstein, der in Serbien für die slawische Idee den Heldentod gefunden hat, und alle die anderen, die fürs Wohl der Gesellschaft und der Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“ erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich selbst nicht einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten abstammt, und der die englische konservative Politik selbstverständlich nicht vom Standpunkt des „Juden“ leitet ... (?)

Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser Volk, weder sein Leben, noch seinen Geist, noch endlich seine vierzig Jahrhunderte alte Geschichte. Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch unbewußt der riesigen Masse eines bettelarmen Volkes Schaden zufügen. Die mächtigen „Juden“ jedoch, die die Mächtigen dieser Welt in ihren Salons empfangen, fürchten natürlich weder die Presse noch selbst die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch nun genug über dieses Thema! Schwerlich werde ich Sie überzeugen können – wohl aber wünschte ich sehr, daß Sie mich überzeugten ...

Dieser Auszug dürfte genügen. Bevor ich jedoch etwas zu meiner Verteidigung sage – denn solche Anschuldigungen kann ich nicht ruhig hinnehmen – möchte ich noch auf die Wut des Angriffes und den Grad der Empfindlichkeit hinweisen. Erstens, so lange wie mein „Tagebuch“ erscheint, hat in ihm noch kein einziger Satz gegen den „Juden“ gestanden, der einen so erbitterten Angriff rechtfertigen könnte. Zweitens fällt es einem unwillkürlich auf, daß der verehrte Schreiber, wenn er auf das russische Volk zu sprechen kommt, sich in seinen Gefühlen nicht bezwingen kann und das arme russische Volk denn doch etwas zu sehr von oben herab behandelt. Jedenfalls zeigt dieser Ingrimm nur zu deutlich, mit welchen Augen die Juden selbst auf uns Russen sehen. Der Schreiber dieses Briefes ist gewiß ein gebildeter und begabter Mensch – nur glaube ich nicht, daß er auch ohne Vorurteile sei –; was für Gefühle aber soll man nun noch von den zahllosen ungebildeten Juden erwarten? Ich sage das nicht etwa als Beschuldigung: diese Gefühle sind ja ganz natürlich. Ich will nur darauf hinweisen, daß an unserer Unverschmelzbarkeit vielleicht nicht nur wir Russen die Schuld tragen, sondern, daß es auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung ausschließen, – und noch fragt es sich, auf welcher Seite es solcher Gründe mehr gibt?

Doch jetzt will ich einige Worte zu meiner Rechtfertigung sagen und überhaupt klarlegen, wie ich mich zu diesem Problem stelle; natürlich – es zu lösen, steht nicht in meiner Kraft, doch irgend etwas ausdrücken werde auch ich vielleicht können.

Pro und contra

Es mag vielleicht sehr schwer sein, hinter die vierzig Jahrhunderte alte Geschichte eines Volkes, wie das der Juden, zu kommen – ich weiß es nicht. Eines aber weiß ich bestimmt, nämlich, daß es in der ganzen Welt kein zweites Volk gibt, das so über sein Schicksal klagt, so ununterbrochen, bei jedem Schritt und jedem Wort, über seine Erniedrigung, über sein Leiden, über sein Märtyrertum jammert, wie die Juden. Man könnte ja wirklich denken, daß nicht sie in Europa herrschen. Wenn sie es auch meinetwegen nur auf der Börse tun, so heißt das doch, die Politik, die inneren Angelegenheiten, die Moral der Staaten regieren. Mag auch der edle Goldstein für die slawische Idee gestorben sein, – aber diese selbe „slawische“ Frage würde doch schon längst zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der Türken entschieden sein, wenn die jüdische Idee in der Welt nicht so stark wäre. Ich bin bereit, zu glauben, daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft von einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er wird sie bestimmt nicht vergessen haben!); daß er aber im letzten Jahre die englische „konservative“ Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet hat, daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln.

Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über die Juden Gesagte noch kein schwerwiegender Einwand ist – ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber kann ich dem Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos glauben. Meiner Ansicht nach trägt der russische Bauer oder überhaupt das niedrigere russische Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu tragen haben. Im zweiten Brief schreibt mir derselbe Herr, aus dessen erstem Schreiben ich vorhin schon einiges angeführt habe:

... Vor allen Dingen ist es unbedingt notwendig, uns Israeliten alle Bürgerrechte zu gewähren (bedenken Sie doch bloß, daß uns jetzt noch das allererste Recht verwehrt ist: die freie Wahl des Aufenthaltsortes, woraus sich eine Menge furchtbarer Konsequenzen für die große Masse der Israeliten ergeben), Bürgerrechte, wie sie alle anderen fremden Völkerschaften in Rußland genießen, und dann erst von uns die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber zu verlangen ...

Doch nun bitte auch ich Sie, mein Herr, bloß zu bedenken, da Sie auf der zweiten Seite dieses Briefes selbst schreiben, daß Sie „das schwer arbeitende russische Volk unvergleichlich mehr lieben und bedauern als das israelitische“ (was für einen Israeliten wohl etwas zuviel gesagt ist), bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur Zeit, da der Israelit lediglich nicht das Recht hatte, sich seinen Aufenthaltsort frei zu wählen, dreiundzwanzig Millionen des „schwer arbeitenden russischen Volkes“ in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, was, wie ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden sie damals von den Israeliten etwa bedauert? Ich glaube nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man Ihnen ausführlichst darauf Antwort geben. Auch damals schrien die Juden ganz ebenso nach Rechten, die das russische Volk nicht einmal selbst hatte, schrien und klagten, daß sie Märtyrer seien, und daß man erst dann, wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von ihnen auch „die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber verlangen“ könnte. Da kam nun der Befreier und befreite den russischen Bauern, und – wer war der erste, der sich auf ihn wie auf sein Opfer stürzte? – wer benutzte so vorzugsweise seine Schwächen und Fehler zu eigenem Vorteil? – wer umspann ihn sofort mit seinem ewigen goldenen Netz? – wer ersetzte im Augenblick, wo er nur konnte, die früheren Herren, – nur mit dem Unterschied, daß die Gutsbesitzer, wenn sie die Bauern auch stark ausbeuteten, doch darauf bedacht waren, ihre Leibeigenen nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen! Was aber liegt dem Juden an der Erschöpfung der russischen Kraft? Hat er das Seine, so zieht er weiter. Ich weiß schon, die Juden werden, wenn sie dies lesen, sofort losschreien, daß es nicht wahr, daß es eine Verleumdung sei, daß ich löge, daß ich all diesen Klatschereien nur glaubte, weil ich ihre „vierzig Jahrhunderte alte Geschichte“ nicht kenne, die Geschichte dieser reinen Engel, die unvergleichlich „sittlicher sind, nicht nur als die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von mir vergötterte russische Volk“ – Zitat aus dem mir gesandten Briefe, siehe oben. Nun schön, mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der Erde, vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe ich doch vor kurzem erst in der Märznummer des „Europäischen Boten“ die Nachricht gelesen, daß in Nord-Amerika (in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort auf die befreiten Neger gestürzt haben und sie jetzt bereits ganz anders beherrschen, als es die Plantagenbesitzer taten. Natürlich tun sie es wieder auf ihre bekannte Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz“, – wobei sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster des auszubeutenden Volkes zu bedienen verstehen! Als ich das las, fiel mir sogleich ein, daß ich diese Nachricht schon vor fünf Jahren erwartet hatte: „Jetzt sind die Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit, wie aber sollen sie in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses junge Opferlamm werden doch die Juden, deren es ja so viele in der Welt gibt, ganz zweifellos überfallen.“ Das dachte ich vor fünf Jahren, und ich versichere Sie, ich habe mich nachher noch des öfteren gefragt: „Wie kommt es nur, daß man aus Amerika nichts von den Juden hört, daß die Zeitungen von den Negern nichts zu berichten haben? Diese Sklaven sind doch ein wahrer Schatz für die Juden, sollten sie ihn wirklich ungehoben lassen?“ Nun, er ist ihnen also glücklich nicht entgangen. Und vor zehn Tagen las ich in der „Neuen Zeit“ einen Bericht aus Kowno, der auch ungemein charakteristisch ist: „Die Juden,“ heißt es, „haben dort fast die ganze litauische Bevölkerung durch den Branntwein zugrunde gerichtet, und nur den katholischen Priestern ist es noch gelungen, die Armen durch Hinweisung auf die Höllenqualen und durch Bildung von Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren.“ Der gebildete Berichterstatter errötet zwar für sein Volk, das noch Priestern und an Höllenqualen glaubt, und so fügt er denn hinzu, daß gleich nach den Priestern sich auch die Reicheren zusammengetan haben, um Landbanken zu gründen – um das Volk vom jüdischen Wucherer zu befreien –, und Landmärkte, damit der „arme, schwerarbeitende Bauer“ die notwendigsten Gegenstände zu angemessenem Preise kaufen könne, und nicht zu dem, den der Jude bestimmt. Ich zitiere nur, was ich gelesen habe; doch weiß ich schon im voraus, was man mir sofort zuschreien wird: „Alles das beweist noch nichts und kommt nur daher, daß die Israeliten selbst arm und unterdrückt sind; alles das ist bloß ‚Kampf ums Dasein‘ – was nur ein beschränkter Zeitungsleser nicht einsehen kann – und die Israeliten würden sich, wenn sie nicht selbst so arm, sondern im Gegenteil reich wären, sofort von der humanen Seite zeigen, und zwar in solchem Maße, daß die ganze Welt darüber in Erstaunen geriete.“ Aber, erstens, diese Neger und Litauer sind doch noch ärmer als die Juden, von denen ihnen das Letzte herausgepreßt wird, und doch verabscheuen sie – bitte, die Zeitungskorrespondenz zu lesen – diese Art Handel, auf die der Jude so erpicht ist. Zweitens ist es nicht schwer, human und moralisch zu sein, wenn man selbst satt ist und im Warmen sitzt; zeigt sich aber ein wenig „Kampf ums Dasein“, so „komm dem Juden nicht zu nah“! Meiner Meinung nach ist das gerade kein Zug, der „wahren Engeln“ zusteht. Und drittens, ich stelle ja diese beiden Nachrichten aus dem „Europäischen Boten“ und der „Neuen Zeit“ keineswegs als kapitale und alles entscheidende Tatsachen hin. Wollte man anfangen die Geschichte dieses Weltvolkes zu schreiben, so könnte man sofort hunderttausend solcher und noch wichtigerer Tatsachen finden, so daß zwei mehr oder weniger nichts zu bedeuten hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht jemand, sei es im Streit oder sonst aus irgendeinem Grunde, eine Auskunft über die Juden und ihre Taten, so gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er nicht in alten Büchern oder eigenen Notizen; nein, er strecke nur, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hand nach irgendeiner ersten besten Zeitung, die neben ihm liegt, aus, und dann suche er auf der zweiten oder dritten Seite: unbedingt wird er etwas finden, das von Juden handelt, unbedingt gerade das, was ihn interessiert, unbedingt das Allercharakteristischste und unbedingt immer dasselbe – d. h. immer die gleichen Heldentaten! Man wird mir wohl zugeben: das hat doch irgend etwas zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes hin, eröffnet einem doch ein gewisses Etwas über dieses Volk, selbst wenn man ein vollkommener Laie in der vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses Volkes ist!? Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, daß alle vom Haß verblendet seien und infolgedessen lögen. Natürlich ist es sehr leicht möglich, daß alle, bis auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich dann sofort eine andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so einem Haß beseelt sind, daß sie sogar lügen, so muß doch dieser Haß auch einen Grund, eine Ursache haben, und irgend etwas muß doch dieser allgemeine Haß bedeuten – „irgend etwas bedeutet doch das Wort ‚Alle‘!“, wie einstmals Belinski ausrief.

„Freie Wahl des Aufenthaltsortes!“ Können sich denn die unbemittelten Russen so vollkommen frei ihren Aufenthaltsort wählen? Leidet denn der russische Bauer nicht heute noch unter den früheren, aus der Zeit der Leibeigenschaft gebliebenen unerwünschten Freiheitsbeschränkungen in der Wahl seines Aufenthaltsortes, so daß selbst die Regierung dem schon längst ihre Aufmerksamkeit zugewendet hat? Und was die Juden betrifft, so kann sich ein jeder davon überzeugen, daß ihre Rechte in dieser Beziehung im Laufe der letzten zwanzig Jahre bedeutend vergrößert worden sind. Wenigstens sieht man sie jetzt in Rußland in Gouvernements, wo man sie früher nie gesehen hat. Aber die Juden klagen ja immer über Haß und Verfolgungen. Wenn ich auch die jüdische Lebensweise nicht kenne, eines jedoch weiß ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen: daß in unserem einfachen Russen ein apriorischer, stumpfer, religiöser Haß, in dem Sinne wie: „Judas hat Christus verkauft“, nicht vorhanden ist. Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder Betrunkenen, so sieht doch unser ganzes Volk, ich wiederhole es, ohne jeglichen voreingenommenen Haß auf die Juden. Davon habe ich mich fünfzig Jahre lang selbst überzeugen können. Ich habe mit dem Volk in ein und denselben Kasernen gelebt, auf denselben Pritschen geschlafen. Es waren dort auch einige Juden: niemand hat sie verachtet, niemand sie ausgestoßen oder verfolgt. Wenn sie beteten – und die Juden beten mit großem Geschrei und ziehen sich dazu besondere Kleider an – so hat niemand das sonderbar gefunden, noch sie gestört oder über sie gelacht, was man doch gerade von einem, nach unserer Meinung so „ungebildeten“ Volke, wie das russische, erwarten könnte. Im Gegenteil, sie sagten, wenn sie die Juden beten sahen: „Sie beten so, weil sie so einen Glauben haben,“ und ruhig, ja fast billigend, gingen sie an ihnen vorüber. Und diese selben Juden taten diesen selben Russen gegenüber fremd, wollten nicht mit ihnen zusammen essen und sahen auf sie fast von oben herab; und das an welch einem Ort? – im sibirischen Gefängnis! – Überhaupt zeigten sie überall Widerwillen und Ekel vor dem russischen, dem „eingeborenen“ Volke. Dasselbe geschieht auch in den Soldatenkasernen und überall in ganz Rußland. Man erkundige sich doch, ob der Jude in der Kaserne als „Jude“, seines Glaubens, seiner Sitten wegen beleidigt wird? Ich kann versichern: in den Kasernen wie überhaupt im Leben sieht und begreift der einfache Russe nur zu gut, daß der Jude mit ihm nicht essen will, daß er ihn verabscheut und ihn meidet, soviel er nur kann (das geben ja die Juden sogar selbst zu). Nun, und? – Anstatt sich durch solches Benehmen gekränkt zu fühlen, sagt der einfache Russe ruhig und vernünftig: „Das tut er, weil er solch einen Glauben hat,“ – d. h. nicht etwa weil er böse ist. Und nachdem er diesen tieferen Grund eingesehen, entschuldigt er ihn von ganzem Herzen. Nun habe ich mich aber zuweilen gefragt: was würde wohl geschehen, wenn in Rußland 3 Millionen Russen und, umgekehrt, 80 Millionen Juden wären, was würden dann die Letzteren aus den Russen machen, wie würden sie dann diese behandeln? Würden sie ihnen auch nur annähernd die gleichen Rechte geben? Würden sie ihnen erlauben, so zu beten, wie sie wollen? Würden sie sie nicht einfach zu Sklaven machen? Oder, noch schlimmer: würden sie ihnen dann nicht das Fell mitsamt der Haut abziehen? Würden sie sie nicht vollständig ausrotten, nicht ebenso vernichten, wie sie es früher in ihrer alten Geschichte mit anderen Völkerschaften getan? Nein, ich versichere Sie, im russischen Volk ist kein vorurteilsvoller Haß auf den Juden. Es ist aber vielleicht eine Antipathie gegen ihn vorhanden, besonders in gewissen Gegenden, und dort ist sie vielleicht sogar sehr stark. Ohne sie scheint es nun einmal nicht zu gehen, doch beruht diese Abneigung durchaus nicht auf irgendeinem Rassen- oder Religionshaß, sondern auf gewissen Tatsachen, an denen aber nicht das russische Volk schuld ist, sondern der Jude selbst.

Status in statu. Vierzig Jahrhunderte geschichtliches Dasein

Die Juden beschuldigen uns des Hasses gegen sie und dazu noch eines Hasses aus Vorurteilen. Da also von Vorurteilen die Rede ist, will ich zuerst fragen: hat der Jude gegen den Russen etwa weniger Vorurteile als der Russe gegen den Juden? – oder sollte er ihrer nicht doch noch mehr haben? Ich habe Briefe von Juden erhalten, und zwar nicht von einfachen, sondern von gebildeten Juden – und wieviel Haß gegen die „autochthone Bevölkerung“ ist doch in diesen Briefen! Das auffallendste aber – sie bemerken es selbst nicht einmal, daß sie gehässig schreiben.

Ein Volk, das vierzig Jahrhunderte auf der Erde existiert, also fast seit dem Anfang der historischen Zeitordnung, und noch dazu in einem so festen und unzerstörbaren Zusammenhang, ein Volk, das so oft sein Land, seine politische Unabhängigkeit, seine Gesetze, wenn nicht gar seinen Glauben verloren hat, – und sich noch jedesmal wieder vereinigen, sich in der früheren Idee wiedergebären, sich Gesetze und fast auch den Glauben von neuem hat schaffen können, – nein, ein so zähes Volk, ein so ungewöhnlich starkes, energisches, solch ein in der ganzen Welt beispielloses Volk hat nicht ohne status in statu leben können. Und diesen status hat es überall und während der schrecklichsten tausendjährigen Verfolgungen aufrechterhalten. Doch ich will hier keineswegs, indem ich vom status in statu rede, eine Anklage gegen die Juden erheben. Ich frage nur: worin besteht denn dieser status in statu, worin seine ewige, unveränderliche Idee, und worin das Wesen dieser Idee? Allerdings lassen sich Fragen von solcher Größe nicht in einem kurzen Artikel genügend auseinandersetzen, abgesehen davon, daß dies auch aus einem anderen Grunde ganz unmöglich wäre: noch ist die Zeit für das endgültige Urteil über dieses Volk nicht gekommen, trotz der verflossenen vierzig Jahrhunderte; noch steht das letzte Wort aus, das die Menschheit über dieses mächtige Volk zu sagen hat. Aber auch ohne in das Wesen der Sache einzudringen, kann man doch wenigstens einige, wenn auch nur äußerliche Kennzeichen dieses status in statu angeben. Diese Kennzeichen sind: die bis zum religiösen Dogma erhobene Absonderung und Abgeschlossenheit von allem, was nicht Judentum ist, und die Unverschmelzbarkeit mit anderen Völkern, der Glaube, daß es in der ganzen Welt nur ein einziges persönliches Volk gibt – die Juden –, und die Überzeugung, die anderen Völker, wenn sie auch vorhanden sind, doch so behandeln zu müssen, als ob sie nicht vorhanden wären. „Scheide dich aus von den Völkern und bilde deine Besonderheit und wisse, daß du von nun ab allein bei Gott bist. Die anderen vernichte oder mache sie zu deinen Sklaven oder beute sie aus. Glaube an deinen Sieg über die ganze Welt, glaube, daß alles dir untertan sein wird. Alle anderen Völker sollst du verabscheuen und mit keinem von ihnen Umgang pflegen. Und selbst wenn du dein Land und deine politische Persönlichkeit verlierst, selbst wenn du über die ganze Erde hin unter alle Völker verstreut sein wirst – gleichviel: glaube an all das, was dir verheißen ist, ein für allemal, glaube, daß es also geschehen werde, – inzwischen aber lebe, verachte, beute aus und – erwarte, erwarte, erwarte ...“ Das ist die Quintessenz dieses status in statu. Außerdem gibt es natürlich noch innere und geheime Gesetze, die diese Idee lebendig erhalten.

Notes in this chapter

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