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Sämtliche Werke 13

Erster Teil. Westeuropäisches

E. K. Rahsin translation

Gedanken über Europa

Republik oder Monarchie

In Frankreich erleben wir heute[3] den Kampf zwischen Republik und Monarchie.

Die republikanische Partei hat zwar die meisten Anhänger, doch trotzdem glaube ich, daß das Ende der französischen Republik herannaht. Denn was ist schließlich solch eine Republik wie die eines Thiers? Das ist doch etwas durchaus Negatives. Thiers hat ja selbst von seiner Republik gesagt, daß sie eigentlich nur notwendig sei, weil keine einzige der anderen Regierungsformen, die die gegnerischen Parteien einführen wollen, in Frankreich zurzeit möglich wäre. Solch ein negativer Vorzug kann aber das müde Frankreich, das um jeden Preis Ordnung und eine sie erhaltende Kraft haben will und haben muß, unmöglich befriedigen – um so weniger als diese negative und, wie Thiers sagt, einzig mögliche Regierungsform im gegenwärtigen Frankreich die anderen Parteien keineswegs beseitigt, sondern sie durch ihre Negativität nur anspornt; denn jede der anderen Parteien ist überzeugt, daß sie etwas Positives bringen könnte. Die Republik so bezeichnen, wie es Thiers tut, heißt selbst an sie nicht glauben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum alle Franzosen ihre Republik unwillkürlich als etwas Vorübergehendes, fast als ein mehr oder weniger unvermeidliches Übel betrachten. Solch eine schiefe Stellung ist auf die Dauer unerträglich, und so wird sich die Republik in Frankreich wohl nicht sehr lange halten können.

Wie steht es aber mit der rechtmäßigen Monarchie?

Nun, stellen wir uns vor, daß der Graf von Chambord[4] den Thron schon bestiegen hat, daß die Partei der Republikaner schon aufgelöst worden ist, daß das Land sich allmählich beruhigt, wenigstens dem Anscheine nach, und alles schließlich in Ruhe seinen Verlauf nimmt. – Versichern doch viele Legitimisten, daß der Graf von Chambord den Franzosen „mindestens 18 Jahre Frieden und Ruhe“ geben würde; schön, wir glauben ihnen gern, – wenn auch nicht gerade, daß es „mindestens“ 18 Jahre sein würden –. Die Frage aber: was dann? bleibt nichtsdestoweniger bestehen. Wodurch wird das Schicksal Frankreichs entschieden, selbst wenn der Graf sich längere Zeit auf dem Throne behauptet? Wodurch werden Europa und die Welt beruhigt?

Louis Veuillot[5] sagt: „Die ganze Kraft des Prätendenten besteht in der unbedingten Aufrechterhaltung seiner Prinzipien; denn nur, wenn er diese nicht um ein Atom verändert, behält er die Möglichkeit, Frankreich zu retten und zu beruhigen.“ Ja, aber was wird denn der neue König tun, um Frankreich zu „retten“? Und was bedeutet eigentlich das Wort „Möglichkeit“ in diesem Falle?

Das Wesen der Prinzipien des Grafen besteht erstens und hauptsächlich darin, daß seine Macht eine – rechtmäßige Macht ist; zweitens, ... ja, was dann folgt, ist so phantastisch, daß man nicht begreift, wie es so ideale Dinge in der Wirklichkeit überhaupt geben kann. Das heißt, wenn die Triebfedern, die jetzt die ganze legitimistische Partei veranlassen, die Monarchie zu proklamieren, auch äußerst verständlich und nichts weniger als ideal sind, so sind doch der Graf von Chambord und alle, die ebenso denken wie er – es gibt ja auch solche unter seinen Anhängern –, vollkommen phantastische Erscheinungen. Die Hauptsache ist aber nicht, daß der König von der Rechtmäßigkeit seiner Macht überzeugt ist, sondern, daß alle Franzosen gleichfalls an die Rechtmäßigkeit seiner Macht glauben; das aber ist doch in Frankreich ganz unmöglich. Sollte dies dennoch einmal geschehen, so würde ja Frankreich nichts mehr zu wünschen übrigbleiben: es würde dann wieder stark und zum erstenmal in unserem Jahrhundert wirklich zu einem Ganzen vereinigt, es würde frei und glücklich sein.

Napoleon III. war während seiner ganzen Regierungszeit gezwungen, alle seine Kräfte zur Befestigung seiner Dynastie zu verwenden. Wäre er von dieser verhängnisvollen Sorge befreit gewesen, so würde er vielleicht noch heute Kaiser sein, und Frankreich hätte vielleicht kein Sedan erlebt. So jedoch mußte er vieles unternehmen, was Frankreich unmöglich zum Vorteil gereichen konnte. Die Franzosen aber begriffen das sehr bald, und zwar sehr gut. Wenigstens liegt hier der Grund, warum sie sich während der ganzen Regierungszeit Napoleons III. trotz des Glanzes ihrer damaligen Macht und ihres großen Ruhmes in einer zweideutigen, unhaltbaren Lage fühlten. Wenn sogar der Kaiser nicht an die Sicherheit seiner Macht glaubte, um wieviel weniger konnte das dann das Volk tun! Sollte aber jetzt das Wunder geschehen, daß schließlich alle an die Rechtmäßigkeit der Macht des Grafen von Chambord glauben, dann – ja dann wäre doch alles erreicht. Weiß der König, daß sein Volk an ihn glaubt, so muß auch er an sein Volk glauben. Erst wenn er keine Verschwörungen oder sonst irgendwelche Anschläge gegen sich zu fürchten braucht, kann er seinem Volke die größten Freiheiten geben, sagen wir: Preßfreiheit, Freiheiten in der inneren Verwaltung und überhaupt im ganzen staatlichen und bürgerlichen Leben, kann, wenn er will, sogar den Kommunismus einführen, ... wenn diese Neuerungen nur nicht dem Ganzen schaden. Aber solch ein allgemeines Einverständnis ist doch ein unrealisierbares Ideal. Man denke doch nur an das in Frankreich eingewurzelte Vorurteil gegen die alte Monarchie, an die hundertjährige Entwöhnung der Franzosen von derselben und die schon hundertjährigen ganz neuen Gewohnheiten, an die fünf oder sechs Generationen, die seit dem Sturze der alten Monarchie aufgewachsen sind, – und schließlich an das Volk, an den Pöbel, der die alte Monarchie gänzlich vergessen hat, sich von ihr überhaupt keine genaue Vorstellung machen kann und heutzutage bestimmt nicht begreift, warum er sich einem Grafen von Chambord unterwerfen soll. Der Graf sagt, er könne sich nicht als König bloß einer Partei denken; das bedeutet, daß er von allen gewählt sein will. Darin aber besteht ja die ganze Phantastik seiner Auffassung Frankreichs, daß er, wie es scheint, von der Möglichkeit solch einer Wahl vollkommen überzeugt ist. „Ohne die Zustimmung aller Franzosen und ohne die rechtmäßige Macht des Königs kann Frankreich nicht glücklich werden,“ sagen die Legitimisten. Schön; – wie aber diese allgemeine Zustimmung erreichen? – wie diese hundert Jahre überspringen? Das ist doch eine Illusion, die sie sich da machen! Ich wiederhole: alle diese Monarchisten, die um jeden Preis die Monarchie proklamieren wollen, sind durchaus verständlich, doch der Graf von Chambord, der ernstlich glaubt, daß ihn alle wählen könnten, und daß er nicht ein König bloß seiner Partei sein würde, – dieser Graf von Chambord kommt einem denn doch, gelinde gesagt, etwas wunderlich vor.

Diejenigen Legitimisten, denen es nicht ausschließlich darum zu tun ist, daß ein König den Thron einnimmt – der legitime Klerus hat natürlich seine eigenen, besonderen Ziele im Auge –, die, meine ich, müssen doch irgendeinen vernünftigen Plan haben; denn sie können doch schließlich nicht auch an die allgemeine Zustimmung, die plötzlich fertig vom Himmel fallen soll, glauben? Was kann aber das für ein Plan sein? Es wird doch nicht genügen, nach Paris zu kommen, sich auf den Thron zu setzen, den Mac-Mahons gehorsame Bajonette umringen würden, und König zu sein. Man wird doch auch etwas tun müssen. Man wird irgendeine neue Idee bringen, ein neues Wort sagen müssen, doch eines, das wirklich die Kraft hat, mit dem bösen Geiste der Uneinigkeiten des ganzen Jahrhunderts, mit der Anarchie und den zwecklosen Revolutionen, den Kampf aufzunehmen. Nicht zu vergessen, daß dieser böse Geist einen leidenschaftlichen Glauben in sich trägt – also wirkt er nicht durch Lähmung der Verneinung, sondern durch die Verführung der positivsten Versprechungen: er trägt den neuen antichristlichen Glauben in sich, also neue moralische Grundsätze für die menschliche Gesellschaft. Er versichert, daß er fähig sei, die ganze Welt von neuem aufzubauen, alle gleich und glücklich zu machen und endgültig den ewigen babylonischen Turm zu vollenden. Diesem Glauben gehören Menschen der höchsten Intelligenz an, sowie alle Geringen und Verwaisten, alle Mühseligen und Beladenen, die da müde geworden, das Reich Christi zu erwarten, alle der Erdengüter Beraubten, alle Besitzlosen – und in Frankreich gibt es derer schon Millionen! Und diese drohenden Scharen stehen bereits vor der Tür! Also muß doch der Graf von Chambord etwas sagen und tun; denn sonst – warum kommt er denn überhaupt? – Was aber wird nach seiner Krönung in Wirklichkeit geschehen? Am wahrscheinlichsten ist, daß sich der Faubourg St. Germain wieder bevölkern wird, daß die Priester sich bereichern und Vicomtes und Marquis wieder große Rollen spielen werden, daß viele neue Moden aufkommen, und mit ihnen eine Unmenge neuer Bonmots entstehen; daß man in der Hofetikette etwas Besonderes einführt, das dann sofort eiligst an allen anderen europäischen Höfen nachgeahmt wird; daß man sich etwas Neues für die Bälle und Balletts ausdenkt, daß neue Horsd’oeuvres und Konfitüren berühmt werden. Hinzu kommt dann vielleicht noch, daß in der Kammer, der vielleicht eine kleine Macht zugestanden wird, von einer Seite Doktrinäre, von der anderen die kleinen Helden der Linken sich erheben werden, und die Linke in ihrer ungereimten Lage dann doch noch dümmer sein wird als die Rechte. Darauf wird dann langsam eine dumpfe, unbestimmte Unzufriedenheit im Volke aufsteigen. Der böse Geist, der zunächst noch sehr jung ist, wird wachsen und wachsen und immer drohender werden. Und dann, an einem wundervollen Morgen, wird der König irgendeinen Befehl erlassen: – Paris braust auf! Das Militär greift zu den Waffen und – der böse Geist klopft mit starker Hand an die Tür ...

Nein, bestimmt gibt es unter den Legitimisten auch schon Männer, und zu ihnen gehört sicherlich auch der Graf von Chambord – natürlich, der unbedingt, – die da ganz anders vorzugehen gedenken, Männer, deren Absichten viel tiefer und edler sind. Sie brennen geradezu darauf, mit dem bösen Geist den Kampf aufzunehmen und ihn zu besiegen. Das ist ihr Ziel, nur zu diesem Zweck tun sie alles, was sie tun. Doch Wunsch und Tat sind zwei verschiedene Dinge. Nur fragt es sich: womit den Kampf mit dem neuen, auflösenden Element beginnen? Mit klerikaler Gewalt und Arglist ist dabei nichts mehr zu erreichen. Die Antwort kann natürlich nur lauten: „Der erste Schritt zum Ziel – das ist die Wiederherstellung der Weltmacht des Papstes.“

Oh, umsonst werden die aufgeklärten Legitimisten diese Idee ableugnen! Umsonst wird der Graf versichern, so wie er bis jetzt versichert hat, daß er des Papstes wegen keinen Krieg beginnen wird, daß er mit seiner Regierung nicht zugleich das Gouvernement der Patres bringen will. Nun – diesen Weg einzuschlagen, werden sie nicht verfehlen können! Auf den wird man sie gar bald gezogen haben! Manche Beobachter erraten denn auch schon, daß diese ganze legitimistische Bewegung, die so plötzlich und mit solch einer Anspannung aller Kräfte in Frankreich ausgebrochen ist, vielleicht nichts anderes ist als eine klerikale Machenschaft, und daß die Losung dazu in Rom gegeben und das Ziel des Ganzen – die Wiederherstellung der Papstmacht ist. Die Klerikalen haben sich natürlich weder Chambord noch die Legitimisten ausgedacht, dafür aber haben sie sich – ihrer bemächtigt. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß es sich so verhält. Die römische Bewegung hat im letzten halben Jahre ganz Europa durchzogen. Zwei Prätendenten im äußersten Westen, der Graf von Chambord und Don Carlos; die römisch-katholische Agitation in Deutschland, die die Katholiken des Reiches mit gerechtem Unwillen gegen das neue Kirchengesetz erfüllte; die Versuche, in Frankreich, Deutschland und der Schweiz dem Volke mit einer neuen Erfindung – der Veranstaltung von Volksgottesdiensten – näherzutreten; einige bis jetzt unerhörte demokratische Ausfälle und Aufrufe der katholischen höheren Geistlichkeit in Deutschland: all das bringt auf den Gedanken von einer großen, überall gleichzeitig eingeleiteten Agitation des Klerus zugunsten des unfehlbaren, doch besitzlosen Papstes. Diese ganze klerikale Bewegung ist dadurch bedeutungsvoll, daß sie vielleicht der letzte Versuch des römischen Katholizismus sein wird, noch einmal, zum letzten Male, die Könige und Großen dieser Welt um Hilfe anzugehen. Seine Hoffnungen werden aber nicht in Erfüllung gehen, und Rom wird zum ersten Male in 1500 Jahren sich sagen, daß nun die Zeit gekommen ist, da es mit den Großen dieser Welt brechen und die Hoffnung auf die Könige fallen lassen muß! Man glaube mir – Rom wird es von da ab verstehen, sich ans Volk zu wenden, an dieses selbe Volk, das die römische Kirche bis dahin immer nur hochmütig von sich gestoßen und dem sie sogar das Evangelium Christi vorenthalten hat, indem sie verbot, es zu übersetzen. Der Papst wird es verstehen, barfuß zum Volk zu kommen mit seiner Armee von zwanzigtausend Jesuitenkämpfern, diesen alterfahrenen Seelenjägern. Werden Karl Marx und Bakunin diesem Heer standhalten können? Wohl kaum! Der Katholizismus versteht es zu gut, wenn es nötig ist, nachzugeben und alles zu versöhnen. Was kostet es ihn, das dunkle und arme Volk zu überzeugen, daß der Kommunismus dieses selbe Christentum sei, und daß Christus überhaupt nur von ihm gesprochen habe! Es gibt ja selbst jetzt schon kluge und geistreiche Sozialisten, die überzeugt sind, daß dieses wie jenes – ein und dasselbe sei, und die im Ernst den Antichrist für Christus nehmen.

Heinrich V. wird schon allein deswegen den Krieg für den Papst nicht vermeiden können, weil die nächsten Jahre vielleicht die einzige Zeit sind, da ein Krieg für den Papst noch populär sein kann und das Volk sich zu ihm noch sympathisch verhalten wird. Wäre Heinrich V. fähig, in einem Kriege mit Deutschland die Milliarden und die Erniedrigung zu rächen und ihm Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, so würde er sich dadurch zweifellos den Thron auf Lebenszeit sichern. Wollte er aber, wenn er König geworden, Deutschland ohne weiteres den Krieg erklären – so würde ihm doch kein einziger folgen, ja man würde ihn den Krieg einfach nicht erklären lassen: das wäre den Franzosen denn doch zu unheimlich und ein viel zu großes Wagnis! Der Papst jedoch, der von Deutschland Verfolgte, würde in kurzer Zeit Sympathie für die Idee zu gewinnen verstehen. Wer aber ist jetzt sonst der Gegner des „Unfehlbaren“, wenn nicht Deutschland? Die Wiederherstellung der Macht des Papstes hält Deutschland für die schwerste Zukunftsdrohung und wird deshalb mit allem Nachdruck für Italien einstehen. Allmählich geht es dann von den Unterhandlungen zur Spannung über, und von der Spannung zur Tat und – das Papstproblem wird, im Falle der Thronbesteigung des Grafen von Chambord, seine Lösung in dem großen und unfreiwilligen Kriege zwischen Frankreich und Deutschland ganz von selbst finden. Unmittelbar für das Elsaß gehen die Franzosen nicht in den Krieg; aber so nach und nach, ohne es eigentlich zu wollen, werden sie sich, wenn sie einmal für den Papst eintreten, gutmütig, wie sie nun einmal sind, hineinziehen lassen, und es ist möglich, daß der Krieg dann sogar populär wird. Nein, solch eine Gelegenheit wird der Graf von Chambord nicht unbenutzt vorübergehen lassen können.

Nun, nehmen wir selbst an, daß er als Sieger aus dem Kampf hervorgeht, daß Frankreich sich wieder mit Ruhm bedeckt, die Provinzen zurückerobert, und daß dann der Papst womöglich nach Paris zur Grundsteinlegung irgendeines Domes fährt, worum man ihn schon kürzlich gebeten hat. Was dann aber weiter geschieht? Nicht das ist wichtig, daß Heinrich V. nach seiner Heldentat vielleicht glücklich seinen Thron bis zu seinem Lebensende behält. Wichtig ist vielmehr einzig die Frage, ob sich mit dem Grafen von Chambord die rechtmäßige Monarchie als solche in Frankreich unangefochten für die nächsten Jahrhunderte festsetzen kann, und was sie dem Lande geben wird? Welch ein Glück? Ob sie es beruhigen wird? und den bösen Geist, der so nahe an der Tür steht, auf ewig vertreiben kann?

Was will es besagen, daß der Papst nach Paris kommt und der römische Katholizismus wieder mit neuem, noch nie geschautem Glanze die Herrschaft ergreift! Kann denn etwa der Papst, der triumphierende und „unfehlbare“ und nicht der „barfüßige“, den bösen Geist verjagen? Können das etwa seine Jesuiten, die so geschäftigen „Geistlichen“ mit ihrem status in statu, diese geriebenen, schamlosen, abgefeimten? Nein, der böse Geist ist stärker und reiner als sie! Nicht mit diesem Heer kann der Graf von Chambord sein neues Wort sagen. Wenn aber nicht mit diesem, – mit welchem dann? Unwillkürlich glaubt man ja jetzt, daß der Graf tatsächlich ein höheres Wesen sei, so ein gebotener König mit dem reinsten Herzen. Und sicherlich wird er in der Verzückung seiner Seele begreifen, daß sein ganzes neues Wort – gerade dieser Kampf für Christus mit dem furchtbaren emporsteigenden Antichrist ist, daß man Frankreich retten muß, indem man seine Klugen, seine Denker zu Gott bekehrt und in die Herzen der Millionen „Ungetaufter“ das Heil Christi gießt und sie zum erstenmal mit seiner Lichtgestalt bekannt macht. Wodurch könnte denn sonst der neue „allerchristlichste“ König sein Frankreich retten? Er sagt doch selbst, daß er es retten will, und er glaubt doch an den Erfolg. Er weiß doch, daß die erste der Schlachten zwischen der zukünftigen neuen Gesellschaft und der alten Ordnung der Dinge auf Frankreichs Boden stattzufinden hat. Er weiß aber auch, daß gerade davor die ganze französische Gesellschaft zittert, alle Reichen und mit Erdengütern Beschenkten, daß sie gerade deswegen so nach einer starken Regierung verlangen und suchen, wo die Kraft ist, die sie nicht finden können; daß sie einzig zur Abwehr dieses neuen emporsteigenden Feindes auch Napoleon III. auf den Thron haben steigen lassen; und daß sie, wenn sie sich jetzt für den Grafen von Chambord entscheiden, es nur in der Hoffnung tun, daß er vielleicht irgendeine neue Kraft mit sich bringen wird, die sie beschützen kann? Ist dem aber so, wo soll er dann die Menschen zu diesem furchtbaren Kampf hernehmen? Ist er auch selbst schon so weit und so reif, um ihn zu verstehen? Trotz seines guten Herzens – bestimmt nicht. Wie soll er obendrein vor solch einer schrecklichen Armut der Mittel, mit denen er handeln könnte, nicht zurückschrecken? Schrickt er aber nicht zurück, – wie soll man ihn dann in solch einem Falle nicht entweder für einen beschränkten, unwissenden Menschen halten oder aber für einen, der nicht weit vom Irrsinn entfernt ist? Wo bleibt nun die Antwort auf meine Frage? Zu guter Letzt also, wodurch, mit welchen Kräften kann denn der Legitimismus Frankreich retten und heilen? Da wäre doch selbst ein Prophet Gottes zu wenig, nicht nur ein Graf von Chambord! Und sogar der Prophet würde gesteinigt werden! Der neue Geist kommt, die neue Gesellschaft wird zweifellos triumphieren – als das einzige, das eine neue, positive Idee bringt, als der einzige, ganz Europa vorherbestimmte Ausweg, als das einzige Heil. Darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Welt wird erst nach ihrer Heimsuchung durch den bösen Geist gerettet werden. Der böse Geist aber ist nah. Unsere Kinder vielleicht werden ihn schauen ...

Im übrigen habe ich nur sagen wollen, daß der Legitimismus für Frankreich nicht nur jetzt unmöglich, sondern überhaupt nicht nötig ist: niemals nötig war, noch in der Zukunft sein wird; denn er hat die geringsten Mittel, es zu retten.

Aber in Frankreich heißt es jetzt nun einmal: entweder Monarchie oder Republik, eine andere Regierungsform ist unmöglich. Mir jedoch will es scheinen, daß man auch der Republik in Frankreich müde und überdrüssig ist. Diese meine Worte zu rechtfertigen, damit man sie nicht etwa für ein Wortspiel oder eine absichtliche Leichtfertigkeit halte, werde ich in anderem Zusammenhange einmal versuchen.

Parteimenschen

Vor einem Monat hat in Versailles, im Trianon, der Prozeß des Marschalls Bazaine begonnen. Der Marschall ist des Verrates angeklagt. – Aber: des Verrats an wem? Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese Frage. Sie ist in Anbetracht der gegenwärtigen französischen Lage nicht uninteressant.

Zur Zeit der Regierung Napoleons III. zählte der Marschall Bazaine zu den fähigsten Generälen der kaiserlichen Armee. Als man vor jetzt anderthalb Jahren zuerst davon sprach, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde, rief ein Marschall, einer seiner Kameraden, aus: „Wie? Einer der ehrlichsten Soldaten! Schade! Il était pourtant le moins incapable de nous tous!“ Dieser „am wenigsten unfähige“ Marschall hatte also das Kommando über die größere Hälfte der Armee in diesem unheimlichen Kriege mit Preußen erhalten. Einen Generalfeldmarschall hatten die Franzosen nicht; der Kaiser selbst nannte sich nicht einmal so, sondern begnügte sich damit, in den Gang der Ereignisse oftmals störend einzugreifen – doch das war schließlich noch nicht das schlimmste! Alle diese alten Generäle wie Canrobert, Niel, Bourbaki, Frossard, Ladmirault usw., die als Bazaines Zeugen vor Gericht geladen sind, äußern sich über ihn mit großer Hochachtung. Für ihre Aussagen interessiert sich das Auditorium am meisten. Hauptsächlich zeugen sie von der außergewöhnlichen Tapferkeit Bazaines – zum Beispiel in der Schlacht bei St. Privat, wo er persönlich, ungeachtet seiner Stellung als Schlachtführer, sich in erster Reihe unter die Kämpfenden gemischt hatte – „obgleich er die Bedeutung dieser Schlacht nicht begriff,“ fügte einer von den Marschällen hinzu. Ob er sie nun begriff oder nicht begriff: jedenfalls kam es in dieser Schlacht dazu, daß aus Mangel an Patronen die Soldaten aus ihren modernen Chassepots nur alle zwei Minuten eine Kugel abschießen konnten und der Hauptteil der Armee in den Kampf eintrat, ohne seit vierundzwanzig Stunden etwas gegessen zu haben. Aber nicht darin bestand das Unglück, obgleich, wie bekannt, die schlechte und ordnungslose Versorgung der französischen Armee mit Lebensmitteln und Gewehren ganz Europa in Erstaunen setzte. Der Kaiser versäumte, zur rechten Zeit mit seinem ihm nach schweren Schicksalsschlägen noch verbliebenen Heer nach Paris zurückzukehren, was für ihn die einzige Rettung gewesen wäre, die beste Ausflucht aus seinem damaligen Unglück. Aber mit ihm geschah das, was ich vorhin schon erwähnte, als ich von den charakteristischen und verhängnisvollen Zügen seiner Regierung sprach, daß er um der Befestigung und Verwurzelung seiner Dynastie willen gezwungen war, während der ganzen Zeit seiner Herrschaft ununterbrochen eine Menge Dinge zu unternehmen, die immer zum Unglück Frankreichs und nie zu seinem Glück ausfielen. Auf diese Weise war dieser mächtige Herrscher, im Grunde genommen, sogar auf seinem Throne – kein Franzose, sondern nichts als der Mensch seiner Partei, ihr Hauptführer sozusagen. Den Rückzug nach Paris, wenn auch mit einer geschlagenem so doch immerhin noch mit einer Armee – diese Armee hat Frankreich in der letzten Schlacht sehr große Dienste geleistet –, wagte er nicht: er fürchtete die Unzufriedenheit des Landes, den Verlust der Anhänglichkeit des Volkes, fürchtete Aufstand, Revolution, kurz, er fürchtete Paris und zog es daher vor, sich in Sedan zu ergeben und sein Schicksal und das seiner Dynastie der Großmut seines Feindes anheimzustellen. Zweifellos ist auch jetzt noch nicht alles, was zwischen ihm und dem preußischen König bei ihrer Zusammenkunft verhandelt worden, der Geschichte bekannt. Viele Geheimnisse werden wohl erst lange nachher aufgedeckt werden; aber es ist unmöglich, nicht zu dem Schluß zu kommen, daß Napoleon mit seiner Übergabe und der seiner Armee darauf gerechnet hatte, daß er seinen Thron behalten werde. Damit, daß er seine Armee übergab, damit gedachte er wohl die Kräfte seines Feindes zu schwächen – ich meine die Kräfte der Revolutionäre ... denn an Frankreich dachte dabei der Parteimensch in ihm nicht.

Ebenso dachte auch der Marschall Bazaine nicht an Frankreich. Eingeschlossen in Metz mit einer sehr bedeutenden Armee, ignorierte er vollständig die Regierung der Nationalversammlung, die sich nach der Gefangennahme des Kaisers in Paris gebildet hatte. Er zog es vor, sich gleichfalls zu ergeben, und nahm damit Frankreich seine letzte Armee, die, selbst wenn sie in Metz eingeschlossen war, dem Vaterlande doch noch äußerst nützlich hätte sein können – wenn auch, wie gesagt, nur dadurch, daß sie einen bedeutenden Teil der feindlichen Kräfte festlegte. Es ist ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß der Marschall, als er sich in dieser Weise schnell und ohne rechten Grund ergab, nicht irgendwelche geheimen Bedingungen mit dem Feinde abgeschlossen, wenigstens nicht irgendwelche Versprechungen von ihm gefordert hatte ... die dann später nicht erfüllt wurden. Aber, wenn dem auch nicht so gewesen wäre, so ist es doch klar, daß der Marschall, ähnlich dem Kaiser, es vorzog, seine Armee den Preußen zu überlassen, anstatt sie für die Republik aufzusparen.

Der Marschall – wenn er auch jetzt vor dem Gerichte lügt und augenscheinlich die Absicht hat, bei diesem Verfahren zu bleiben – verheimlicht doch zum Teil seine damaligen Eindrücke und Empfindungen nicht. Er sagt geradeheraus, daß es in den Metzer Tagen eine gesetzliche Regierung nicht mehr gab, und daß er das damalige Chaos von Regierung in Paris als eine wirkliche Regierung nicht anerkennen konnte – das ist ungefähr der Sinn seiner Worte vor Gericht. „Wenn es für Sie damals keine Regierung gab – la France existait!“ rief darauf der Herzog d’Aumale, der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, aus.

Und damit war der Punkt, von dem die Richter ausgehen werden, gefunden. Diese Worte des Herzogs machten auf das Publikum, auf ganz Frankreich, einen großen Eindruck. Dem schuldigen Marschall wurde damit klar zu verstehen gegeben, daß ihn jetzt nicht eine Partei richte, keine Republik, keine unrechtmäßige Regierung, die er, wenn er will, auch jetzt nicht anzuerkennen braucht – sondern Frankreich, das er um einer rechtmäßigen Regierung willen verkauft, das Vaterland, das er verraten aus Parteiinteresse.

Man kann einen Verräter seines Vaterlandes niemals entschuldigen. Sind aber hier auch die im Recht, die über den Verräter zu Gerichte sitzen? Das ist es, worauf ich hinweisen will. Sind nicht im Gegenteil Bazaines Richter ein Teil jenes Grundübels, das den Organismus dieser großen Nation zerstört und erschöpft hat; verkörpern nicht auch sie ein Unglück, das wie eine schwarze Wolke ständig über ihr liegt? Und verstehen sie dieses Unglück jetzt; sind sie fähig, es zu begreifen? Ist der Marschall aber nicht ähnlich dem altjüdischen Opferlamm, auf das die Sünden des ganzen Volkes gelegt wurden?

In der Tat, was konnte er damals von Metz aus erwarten? Angenommen, der Parteimensch in ihm habe dem Bürger in ihm einmal Platz gegeben beim Anblick des ganzen großen nationalen Unglücks; angenommen, er habe aufrichtig gewünscht, dem Vaterlande zu dienen: was konnte er aber in dem damaligen Paris erblicken? Es ist wahr, die triumphierende Revolution des 4. September nannte sich nicht Republik, sondern „Regierung der Nationalverteidigung“. Diejenigen aber, die an der Spitze dieser Volksregierung standen, konnten Bazaine, General und Parteimensch, wie er war, einem tätigen und energischen Menschen zugleich, nur Widerwillen einflößen. Dieser talentlose Maniak, der General Trochu, alle diese Garnier-Pagès, Jules Favre, sind, wenn auch als Menschen aller Hochachtung wert, doch schließlich erbärmliche, talentlose Mumien, Phrasenhelden der ersten Tage einer Pariser Revolution und – leider – immer noch nicht den Parisern langweilig genug geworden. Wie mußte das dem Marschall und seinem scharfen beobachtenden Menschenkennerblick in Metz erscheinen!? Aber – mögen sie auch talentlos gewesen sein! Mag auch jegliche Aufgabe, der sie nicht gewachsen waren, von ihnen verpfuscht worden sein, solange sie die Macht hatten! Sie waren doch wenigstens treue Bürger, Leute mit reinem Herzen, wahre Söhne des Vaterlandes! War dem nicht so? Aber nein, das waren ja wiederum auch nur Republikaner! La république avant tout, la république avant la France – das war und ist auch jetzt noch ihre Devise! Und darum hätte der Marschall, wenn er, um gleichfalls „Bürger zu werden“, sich von der Partei des Kaisers losgesagt hätte – und wär’s auch nur zeitweilig und scheinbar gewesen, zur „Rettung des Vaterlandes“ – sich doch nicht den Rettern des Vaterlandes, sondern wieder nur Leuten einer anderen Partei anschließen müssen. Aber diese Partei haßte er, und ihr zu helfen: dazu konnte er sich nicht entschließen! Einige Zeit nachher kam aus dieser lächerlichen Gruppe ein Mann, der im Luftballon Paris verließ, um in den noch freien Teil Frankreichs zu gelangen: Gambetta. Er erklärte sich selbstherrlich zum Kriegsminister, und die ganze Nation, die sich nach irgendeiner Regierung sehnte, ernannte ihn sofort zu ihrem Diktator. Er aber verlor darüber nicht den Kopf, sondern wurde in Wahrheit ihr Diktator. Dieser Mensch zeigte eine große Energie, er regierte Frankreich und stampfte ein neues Heer aus dem Boden. Einige beschuldigen ihn jetzt unter anderem, daß er unnütz Geld verschwendet hätte und mit diesem Geld fünfmal mehr für das Heer hätte tun können. Gambetta könnte freilich seinen Anschuldigern mit Recht erwidern, daß sie, wenn sie auch fünfmal mehr Geld gehabt hätten als er, doch nicht einen einzigen Soldaten hätten aufstellen können. Und siehe da, dieser kluge und energische Mensch, der wirklich viel für Frankreich getan hat, und mit dem zu arbeiten Bazaine sich nicht hätte zu schämen brauchen – besteht doch auch auf der Devise: „la république avant la France!“ Jetzt sagt er das freilich nicht mehr laut, schlau und geduldig wartet er, bis an ihn die Reihe kommt, und wenn es nötig ist, so unterstützt er mit Eifer sogar Thiers, der ihn schon vor drei Jahren ersetzt hat. Aber auch dessen Devise ist: „la république avant tout“, und auch er ist vor allem und zuerst der Mensch seiner Partei! Diese seine Eigenschaft ist den Republikanern offenbar die liebste.

Und so ist alles in Frankreich Partei und sind alle Franzosen Menschen einer Partei. Es ist wahr, in Frankreich tauchten zur Zeit des schwarzen Jahres auch einige beruhigende Erscheinungen auf. Die Bretagner, gebotene Legitimisten, erschienen mit ihren Führern, um für ihr Vaterland zu kämpfen, und sie kämpften tapfer! Mit ihrem Muttergottesbild auf der Fahne schlossen sie sich zeitweise der Regierung der Republikaner und Atheisten an. Auch die Orleansschen Herzöge kämpften in gleicher Reihe mit ihren Feinden in der neugebildeten französischen Armee. Kämpften sie aber fürs Vaterland? Das ist heute mehr als zweifelhaft. Wenn man zurzeit ihre Rolle in Frankreich beobachtet, ihre Verschwörung gegen Frankreich zugunsten eines „legitimen Königs“ – so ist es wohl erlaubt, daraus zu schließen, daß sie vor drei Jahren nur deshalb mitgekämpft haben, weil sie darin endlich eine Chance für ihre Partei, die schon so lange auf eine solche gewartet hatte, erblickten. Und sie haben sich nicht in der Möglichkeit einer derartigen Chance getäuscht: sie strömten in großer Anzahl bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung herbei und brachten es auch richtig zu einer Mehrheit.

Überall Parteien! Freilich: wenn man alle diese Parteien zusammenlegt, so ist die Gesamtzahl ihrer Anhänger – ausgenommen die Partei der Kommunisten – sehr gering, im Vergleich zu der Anzahl aller Franzosen, denn die übrigen Franzosen sind indifferent. Sie erwarten alle, geradeso wie damals vor dem Erscheinen Gambettas im verhängnisvollen Jahr – einen Diktator, damit er sie väterlich in seine Gewalt nehme und ihnen ihr Leben und Gut behüte. Ihre Devise ist das bekannte Sprichwort: „Chacun pour soi et Dieu pour tous“. Aber auch bei dieser Devise gehört der Mensch seiner eigenen Partei an und – was kann für solch einen Menschen das Wort Vaterland bedeuten?

Das ist das Grundübel Frankreichs: der Verlust einer allen gemeinsamen Idee der Einigung! Man sagt von den Legitimisten, daß sie diese Idee mit Gewalt wiedererwecken wollten. Aber sogar die besten ihrer Partei denken nicht an die Idee, sondern nur an den Triumph ihrer Partei. Die Allerbegeistertsten von ihnen denken noch nicht einmal an den Legitimismus. Der Triumph des Grafen Chambord ist für sie – der zukünftige Triumph des Papstes und des Katholizismus. Das ist dann schon wieder eine Partei in der Partei.

Und so richten jetzt die Menschen der Partei den Marschall Bazaine dafür, daß er – der Anhänger seiner Partei blieb! Ist er nicht wirklich dem altjüdischen Opferlamm ähnlich, mit dem ich ihn verglich? ... Es kommt in Frankreich noch so weit, daß jeder Verrat des Vaterlandes nicht mit ruhigem Gewissen gerichtet werden kann – aus Mangel an Richtern; denn alle sind sie Menschen bloß der Partei und nicht des Vaterlandes. – Wenn die Franzosen Bazaine verurteilen, werden sie dann wissen, was sie tun?

Frankreich und Deutschland

In Deutschland wird die Nachricht von den gescheiterten Hoffnungen der französischen Legitimisten[6] fast von der ganzen Presse, sogar einschließlich der offiziösen preußischen Organe, mit unverhohlener Freude aufgenommen. Die nächstliegendste Erklärung dieser Freude wäre wohl in der Befürchtung zu suchen, daß die Thronbesteigung des Grafen von Chambord den Versuch einer Wiederherstellung der Papstmacht von seiten Frankreichs nach sich gezogen haben würde. Nun, und auf diesem Wege wäre ein Zusammenstoß mit Deutschland unvermeidlich gewesen. Erklärt man sich aber so die deutsche Zufriedenheit – um wieviel auffallender ist es dann, daß in Deutschland selbst die ernsten Blätter an die Dauerhaftigkeit dieser Restauration haben glauben können. Die Deutschen vertrauen, scheint es, etwas zu sehr auf den Erfolg von „Blut und Eisen“. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen französischen Krise – „der Gärung aller Geister und Wünsche“ – ein Staatsstreich in diesem Lande beinahe unmöglich ist: sie haben dort keinen einzigen, der ihn ausführen könnte! Das heißt, Liebhaber würden sich dazu schon finden, und (was am interessantesten ist) vielleicht gleichfalls eine außerordentlich große Anzahl Leute, die aufrichtig ihre eigene Vergewaltigung wünschen, und zwar: um der endgültigen Herstellung der Ruhe und Ordnung willen, sogar eine möglichst baldige Vergewaltigung herbeiwünschen. In diesem Lande aber genügt zu einer erfolgreichen Gewaltherrschaft nicht Kraft allein und selbst nicht einmal die Zustimmung der zu Vergewaltigenden. Dort bedarf die Gewalt unbedingt der Autorität: wenn es auch eine verhaßte und wenn es auch keine wahre Autorität ist, so muß es doch eine Herrscherautorität sein, eine, der man die Kraft der Macht wirklich zutrauen kann. Der Graf von Chambord nun hat nichts von solch einer Autorität, und selbst von seinen Anhängern werden wohl kaum alle glauben, daß er solch eine Kraft ist. Darum aber – ich wiederhole bereits früher von mir Gesagtes – wäre er zweifellos und sogar sehr bald wieder vertrieben worden. Doch selbst solch eine Wendung der Sache wäre für Frankreich vielleicht vorteilhafter gewesen als der jetzige chaotische Zustand – wenn auch nur insofern vorteilhafter, als es dann eine Partei weniger gegeben hätte und die Herrschaft der gemäßigten Republikaner somit wieder möglich gewesen wäre.

Nun aber will ein Teil der konservativen Presse Deutschlands der von der liberalen deutschen Presse angegebenen Begründung ihrer Freude über den Mißerfolg des Prätendenten nicht recht glauben; das heißt, will nicht glauben, daß die Furcht, Frankreich hätte den gefährlichen Weg der ultramontanen Politik einschlagen können, die Ursache dieser gegenwärtigen Freude wäre. Die „Kreuzzeitung“, zum Beispiel, erklärt unumwunden, daß die Liberalen der ganzen Welt sich solidarisch fühlten; daß im Radikalismus die Nationalitäten verschwänden, und darum sich auch die deutschen Radikalen für die französischen Radikalen freuten, wenn sie, wie hier, ihren Erfolg sähen. Es ist das vielleicht so unrichtig nicht. Merkwürdig nur, daß diese Bemerkung – die gewissermaßen wie ein Vorwurf und eine Befürchtung klingt – in einem Reiche gemacht wird, wo gerade in diesem Augenblick die nationalen Ideen so mächtigen Erfolg haben, wo nach dem kürzlichen Triumph über Frankreich das Gefühl der nationalen Selbstzufriedenheit sich bis zur Abgeschmacktheit gesteigert hat, wo sogar die Wissenschaft chauvinistische Züge aufweist. Sollte es wirklich wahr sein, daß der kosmopolitische Radikalismus auch in Deutschland schon Wurzel gefaßt hat? Daß auch dort schon die französische Lehre – der Kommunismus – an die Tür klopft? Wenn es fast seit dem Anfang des Jahrhunderts bei den europäischen „Geistern“ gang und gäbe ist, Rußland für einen „furchteinflößenden Koloß auf tönernen Füßen“ zu halten – während in Wirklichkeit, wenn es bei uns etwas besonders Gutes und Ganzes gibt, es gerade die Grundlage, das Volk ist, auf dem Rußland von jeher gestanden hat und auch hinfort stehen wird – so, sollte es dann, frage ich, vielleicht wirklich möglich sein, daß solch eine Annahme, wenn auch nur teilweise, auch von dem neuen germanischen Koloß zutreffend sein könnte?

Frankreich und die Kultur

Ein Pariser Telegramm berichtete unlängst aller Welt, daß ein gewisser Sir Henry Richard, eine ziemlich unbekannte Persönlichkeit, auf dem ihm zu Ehren gegebenen Diner in einer Rede über seinen Plan einer internationalen Vermittlerschaft unter anderem auch gesagt habe: „Keine einzige Idee kann sich verwirklichen ohne die Protektion Frankreichs, dem an Einfluß kein anderes Land gleichkommt, dessen Sprache und Literatur universal sind!“ ... Worte, die in Paris gierig aufgefangen und von den „erniedrigten“ Franzosen sofort allen sichtbar und hörbar gemacht worden sind. So hat man sie denn auch schon in Deutschland vernommen, doch haben sie dort, wie in Europa überhaupt, nur eine gewisse fragende Stirnfalte und mißbilligendes Kopfschütteln hervorgerufen. Nun, wir glauben natürlich an jedes Wort Sir Richards. Nichtsdestoweniger aber, – ist es nicht auffallend, daß man jetzt sogar in Paris solche Worte für ungewöhnlich hält? Wie lange ist es denn her, daß ähnliche Worte in Frankreich niemand bemerkt hätte, da sie wie schuldiger Tribut, wie etwas von der Art eines sine qua non, das zu erwähnen überhaupt nicht der Mühe wert ist, aufgefaßt worden wären?

Diese hochbegabte Nation, diese Erbin der Alten Welt, die 15 Jahrhunderte an der Spitze der romanischen Völker Europas gestanden und in den letzten Jahrhunderten fraglos erstrangigen Einfluß auf alle Nationen Europas gehabt hat, verlor vor nun bald hundert Jahren jene lebendige Kraft, die sie so lange bewegt und genährt hatte. Diese lebendige Kraft bestand in der Repräsentation des europäischen Katholizismus durch Frankreich – fast seit der allerersten Zeit des Christentums. Als darauf Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts mit der katholischen Idee vollkommen und bewußt brach, verkündete es sich laut über die ganze Welt hin als Erneuerin der Menschheit durch neue Grundsätze, deren Hauptträgerin und Beschützerin es allein sei. „Komm alle zu mir!“ rief es in pythischer Trunkenheit. Diese neuen und selbständigen Grundsätze der zukünftigen menschlichen Gesellschaft waren den Europäern bereits als die Grundsätze der von ihnen ausgearbeiteten Zivilisation bekannt –: die Wissenschaft und der Staat waren bereits einzig auf den Gesetzen der Vernunft begründet. Frankreich hat bloß die Selbständigkeit dieser Grundsätze revolutionär verkündet – ich meine ihre vollste Unabhängigkeit von der Religion. Dieses geschah zum erstenmal im Leben der Menschheit, und darin hat, behaupte ich, das eigentliche Wesen der Französischen Revolution bestanden. Über dieses ungemein wichtige Thema habe ich in diesen flüchtigen Zeilen nicht etwa deswegen einiges gesagt, um die vor hundert Jahren von Frankreich an der Spitze Europas verkündeten revolutionären Grundsätze zu untersuchen und sie ihrem Wesen nach zu beurteilen. Ich wollte nur bemerken, daß Frankreich, das für sich und die Menschheit so viel auf seine Schultern genommen – abgesehen davon, daß es diese Last, selbst wenn es gewollt, überhaupt nicht hätte ablehnen können –, von dieser Last doch noch niemals so zu Boden gedrückt gewesen ist wie in dem letzten, jetzt allmählich auslaufenden Jahrhundert seiner Geschichte: sie hat sich als viel zu groß erwiesen für die Kräfte des geistreichen Volkes. Die Führerin der Menschheit war nach ihrem letzten Unglück gezwungen, durch ihre besten Vertreter einzugestehen, daß sie die Grundlage des lebendigen Lebens fast ganz verloren hat, daß ihr Lebensquell versiegt und vertrocknet ist. Im gegenwärtigen Augenblick bietet das französische Volk ein sonderbares Schauspiel dar – was es auch selbst vollkommen begreift. Dieses Sonderbare besteht darin, daß der intelligente und politisch herrschende Teil dieser Nation sich wissentlich und wehmütig so gut wie von allen ihren einst so begeistert verkündeten Ideen entfernt hat und nun ohne Glauben, doch mit jener Angst um das eigene Sein, die Despotismus und Vergewaltigung nach sich zieht, wie eine Polizei über den anderen Teil der Nation wacht. Dieser andere Teil aber glaubt an seine Zukunft, glaubt, daß sie kommen wird mit der Verwirklichung der neuen Grundsätze in einer künftigen Gesellschaft, und, da er arm ist an Gütern des Lebens, da er lange gelitten hat, so ist er bereit, sich wie ein hungriges Tier auf seine glücklicheren Brüder zu stürzen und sie zu zerfleischen. Nachdem die Franzosen Baboeuf guillotiniert hatten, den ersten, der schon vor 80 Jahren den begeisterten Revolutionären gesagt, daß ihre ganze Revolution nicht die Erneuerung der Gesellschaft nach neuen Grundsätzen wäre, sondern nur der Sieg der einen mächtigen Gesellschaftsklasse über die anderen: nachdem sie diesen ersten lästigen Kritiker der Revolution beseitigt hatten, mußten die Führer der ganzen republikanischen und demokratischen Bewegung im neuen Jahrhundert allmählich einsehen, daß das ganze Leben Frankreichs sich mehr und mehr in eine erlogene Vorspiegelung verwandelte, in irgendein phantastisches Gebilde, und daß es jede Bedeutung eines lebendigen und notwendigen Lebens einbüßte. Alle diese Perioden seiner letzten Entwicklungsgeschichte – das Erste Kaiserreich, die Restauration, die Herrschaft der Bourgeoisie unter den Orleans, das Zweite Kaiserreich usf. – könnte man jetzt eher für Luftspiegelungen halten als für gewesene Wirklichkeit; jede dieser Erscheinungen hätte gewissermaßen gerade so gut auch nicht sein können, und die große Nation wäre vortrefflich auch ohne sie ausgekommem. Diese ganze vorübergehende Phantasmagorie hat der Seele der Nation, die sich immer nach lebendigem Leben gesehnt hat, nichts Wesentliches gegeben. Und darauf kam nun die Katastrophe dieses furchtbaren Krieges – mit dessen Ausgang in Frankreich alle diese Vorspiegelungen fast mit einem Schlage verschwanden und sich aller Augen öffneten. Diese Katastrophe sagte gleichsam jedem Franzosen: „Sieh, wie arm und blind, wie niedrig und nackt und nichtig du in deiner ganzen, phantasmagorischen Existenz warst – und das nun schon ein ganzes Jahrhundert lang!“

Wird nun die große Nation an der Aufgabe, die sie vor einem Jahrhundert auf sich genommen hat, und die sie doch zu einem Abschluß wird bringen müssen, mitsamt ihrem Genie zugrunde gehen, oder wird sie sich dieses Genie doch noch erhalten? Das ist die Frage! Wird ihr Genie solche Prüfung überstehen können? Oder wird vielleicht alles einstürzen und irgendeine neue, geniale Nation von Gott auserwählt werden, die westliche Menschheit zu führen? Das sind vom Standpunkt der vernünftigen und geschäftigen Leute aus selbstverständlich nur müßige Fragen, doch nichtsdestoweniger gab es und gibt es in ganz Europa viele Herzen und Gedanken, die angstvoll vor ihnen standen und noch stehen. In dieser verhängnisvollen Frage nach Leben oder Tod Frankreichs, nach Auferstehung oder Erlöschen seines großen, der Menschheit sympathischen Genies, liegt vielleicht die Entscheidung über Leben und Tod der europäischen Menschheit, – was auch immer die jungen Besieger Frankreichs, die Deutschen dazu sagen mögen. Wird denn Europa Frankreich überhaupt vermissen können? Ein Europa ohne Frankreich ist für viele sogar jetzt noch undenkbar, und nicht etwa nur für müßige Menschen, die unseres tätigen Jahrhunderts unwürdig sind. Einstweilen aber, nachdem ich die Frage gestellt habe, die natürlich ohne Antwort bleiben muß, sage ich noch bei der Gelegenheit, – meinetwegen in der Eigenschaft eines Reporters der Gegenwart, – daß es einige Anzeichen und Erscheinungen gibt, die von dem heißen Wunsch der geistvollen Nation zeugen, aus allen Kräften zu leben, und daß aus diesem Wunsch für Europa sogar in kürzester Zeit sehr viele Sorgen erwachsen können.

Vor einer Woche hat sich in Frankreich ein äußerst exzentrischer Zwischenfall zugetragen, der gar manchen Europäer belustigt haben dürfte. Als der Kriegsminister, General Dubarail, sein Budget der Versammlung unterbreitete, fiel man sofort von allen Seiten mit bitteren, heftigen Vorwürfen wegen der „Ärmlichkeit“ und „Nichtigkeit“ desselben über ihn her –: weil er so wenig Geld für den Ausbau des Heeres verlangte! Darauf soll man sogar die Regierung beschimpft und schließlich ganz ungewöhnliche Veränderungen vorgeschlagen haben. Erst nach einiger Zeit, sagt man, sei es dem General gelungen, die Versammlung zu beruhigen, und zwar nur durch die Erklärung, daß das Budget des nächsten Jahres sehr groß sein werde, daß allein die Veränderung des Armeematerials nicht weniger als 1380000000 Franken fordern würde. Diese Summe soll dann eine einigermaßen ernüchternde Wirkung auf die Gemüter ausgeübt haben.

Ich habe gesagt, daß diese große Nation leben will, – um jeden Preis! Doch, – ist es andererseits nicht wieder im höchsten Grade phantastisch, dieses „Leben der Vergeltung“, für das sie sich jetzt so einmütig entschließt, obgleich sie erst kürzlich fünf Milliarden an Deutschland gezahlt hat, indem sie sich einwandlos zu neuen Milliardenausgaben bereit erklärt – wenn nur dem verhaßten Feinde für die militärische wie moralische Erniedrigung heimgezahlt wird!? Also ist doch in dem moralisch so zerspaltenen Lande, das schon seit so langer Zeit wehmütig und skeptisch auf das Leben sieht, wo das allgemeine Gefühl bloß das allerbeschränkteste Gefühl der Selbsterhaltung und das „chacun pour soi“ die erste Regel ist, – also hat sich in diesem Lande doch plötzlich und unerwartet etwas gefunden, das sogar die feindlichsten Elemente vereinigen kann. Nein, der Quell des unmittelbaren Lebens versiegt in den Völkern doch nicht so leicht.

Deutschland und Rom

Das päpstliche Non possumus ist meiner Meinung nach so ernst zu nehmen, daß man in ihm überhaupt die Existenzfrage der Religion in Europa sehen kann. Lassen wir die protestantischen Glaubensbekenntnisse dabei ganz aus dem Spiel; denn wenn der römische Katholizismus fallen würde – wie sollten sich dann noch Glaubensbekenntnisse erhalten, deren Wesen der Protest gegen den Katholizismus ausmacht? Wenn nichts mehr vorhanden ist, wogegen es zu protestieren gilt, wozu dann noch ein Protest? Andererseits kann aber die römische Kirche in ihrer gegenwärtigen Form nicht weiterbestehen. Sie hat ja selbst erklärt, daß ihr Reich von dieser Welt sei, und daß ihr Christus sich „ohne Erdenreich auf der Erde nicht erhalten kann“. Die römische Kirche hat die Idee der römischen Weltherrschaft über die Wahrheit und über Gott gesetzt; zu demselben Zweck hat sie auch die Unfehlbarkeit ihres Oberhauptes als Dogma aufgestellt und hat das gerade in dem Augenblick getan, da die weltliche Macht schon an die Pforten Roms klopfte, um einzutreten: ein beachtenswertes Zusammentreffen, das vielleicht von dem „letzten Ende“ zeugt. Bis zur Stunde des Sturzes Napoleons III. konnte die römische Kirche noch auf den Schutz der Könige – und besonders der Könige Frankreichs, mit deren Hilfe sie sich so viele Jahrhunderte gehalten – rechnen. Kaum aber wurde sie von Frankreich verlassen – da fiel auch ihre weltliche Macht. Nun aber wird die katholische Kirche diese ihre weltliche Welt für keinen Preis, niemals und niemandem, abtreten und würde eher damit einverstanden sein, daß das Christentum vollkommen unterginge, als daß die weltliche Herrschaft der Kirche aufhörte. Ich weiß: gar manche klugen Leute werden meine Behauptung mit einem Lächeln aufnehmen, doch soll mich das nicht abhalten, sie mit allem Nachdruck zu verteidigen. Und so sage ich denn nochmals: Es gibt in Europa augenblicklich keine einzige Frage, die zu beantworten schwieriger wäre, als die katholische, und gleichfalls keine einzige politische, keine „soziale“ Schwierigkeit, mit der sich diese römisch-katholische Frage nicht vereinigte. Mit einem Wort: Das Schwerste, was Europa in Zukunft bevorsteht, ist die Lösung dieses Problems, wenn auch neunundneunzig Prozent aller Europäer augenblicklich vielleicht nicht einmal an dasselbe denken.

Ich habe bereits im Laufe des vorigen Jahres meine Gedanken über diese Frage mitgeteilt: – nach gewissen Anzeichen zu urteilen, kann man wirklich glauben, daß die katholische Kirche zur Wiederherstellung ihrer Macht bereit ist, sich mit dem niedrigen Volk zu verbinden und hinfort den Königen den Rücken zu kehren. – Allerdings haben die Könige sie zuerst verlassen. Doch ohne mich über diesen Punkt weitläufig zu verbreiten, will ich einstweilen nur sagen, daß von den europäischen politischen Begebenheiten des vorigen Jahres der Briefwechsel des Papstes mit dem Deutschen Kaiser zweifellos eine der wichtigsten war. In seiner Zuschrift erklärte ja der Papst, daß er der von Gott selbst eingesetzte Vater und Beschützer aller Christen sei, – gleichviel welch einem Bekenntnis sie angehören, und gleichviel, ob sie ihn für ihr Haupt anerkennen oder nicht, – wenn sie nur getauft sind.

Als die italienische Regierung dem Papst die Summe von drei Millionen Franken jährlich aussetzte und sie ihm anbot, da glaubte und hoffte sie natürlich doch, daß er dieses, übrigens sehr annehmbare Budget akzeptieren werde. Hätte der Papst das getan, so würde er sich mit dem Statuts quo einverstanden erklärt haben und – es wäre zu Ende gewesen mit dem römischen Katholizismus! An seiner Stelle aber hätte dann etwas ganz anderes, noch Unbekanntes begonnen. Doch der Papst nahm sie nicht an. Jetzt hoffen einige, der ihm folgende Papst werde es tun. Aber der 84jährige Greis weiß nur zu gut, daß auch sein Nachfolger, wer er auch sei, gleichfalls kein einziges Budget annehmen kann und allen und jedem, wie er es getan, erklären wird: „Non possumus.“

Abgesehen davon, daß der Deutsche Kaiser dem Papst gemessen und von oben herab geantwortet[7] hat, sieht man in Deutschland auf die gegenwärtige Lage der römischen Kirche denn doch etwas ernster, als die italienische Regierung es tut. Anderenfalls: womit könnte man sich sonst jene sonderbare Verfolgung des römischen – ultramontanen – Katholizismus in Deutschland erklären? Man könnte wirklich glauben, daß das kolossale neue Reich, in dem es so viel andere Schwierigkeiten und neue Fragen gibt, die römische Frage für die bedeutungsvollste von allen hält. Nun und –: das scheint auch in der Tat der Fall zu sein! Es ist natürlich kaum möglich, sich vorzustellen, daß solch ein mächtiges Reich und an seiner Spitze so mächtige Herrscher und Lenker plötzlich irgendwelche „lächerlichen“ ultramontanen Ansprüche eines „kraftlosen, armseligen Mönches“ fürchten könnten, und das noch in welchem Jahrhundert? – im neunzehnten, im Jahrhundert der Maschinen, der Philosophie und unserer Aufklärung! Zudem wäre es ein äußerst grober Fehler, in dem allgemeinen Indifferentismus durch die Verfolgung der Kirche den religiösen Fanatismus zu erwecken, was doch für solche Staatsmänner, wie Graf Bismarck einer ist, keinen Augenblick unklar bleiben dürfte. Wenn nun Graf Bismarck gegen die Kirche vorgeht – wie u. a. durch das Gesetz über die bürgerliche Ehe –, dann geht er scheinbar Hand in Hand mit den Feinden der Kirche, – nicht nur mit den Feinden der katholischen Kirche, sondern jeder christlichen Kirche überhaupt, – Hand in Hand mit den Atheisten und Sozialisten!!! Auf diese Weise werden zwei sich entgegengesetzte Fanatismen angefacht: der Fanatismus des Glaubens und der der Verneinung. Ist das aber geschickt von einem so großen Staatsmann, wie Graf Bismarck? Und folgt daraus nicht wiederum, daß die römische Frage von so weitsichtigen Staatsleuten für eine der wichtigsten zukünftigen Schicksalsfragen des Deutschen Reiches gehalten wird? Sonst würde man doch nicht zu ihrer Bewältigung so wichtige Interessen opfern! – Wie aber, wenn Graf Bismarck – oder, besser gesagt – wenn Deutschland seinen zukünftigen und dann wohl endgültigen Kampf mit Frankreich am ehesten für möglich hält – auf Grund der römischen Frage? Bedenken wir bloß eines: mag der letzte deutsch-französische Krieg auch als noch so „zufällig“ erscheinen, jetzt, nach seiner Beendung, können doch weder Deutschland noch Frankreich auf ihren stattgefundenen furchtbaren Kampf wie auf etwas Zufällig-Politisches, sozusagen bloß Napoleonisches sehen. Deutschland, das so viele Jahrhunderte hindurch alles gehabt: Reichtum, Zivilisation, Wissenschaft, und das nur eines, das Ersehnteste, nicht hatte – die politische Einheit –, mußte doch endlich begreifen, was es übrigens schon seit Jahrhunderten tat, daß es seine politische Einheit nicht erreichen konnte, solange an der Spitze Europas noch Frankreich stand; nun aber weiß es, daß es sich mit einer zweitrangigen Rolle, wie irgendein Italien, in Europa nicht begnügen kann, und daß doch wiederum zwei führende Mächte in Europa zu gleicher Zeit nicht möglich sind; daß es sich hier schließlich um die Frage des Geistes handelt, des Lebens und der Ideale; daß die Ideale der westlich-katholischen und der germanischen Kultur verschieden und unvereinbar sind – so daß denn der Deutsch-Französische Krieg schließlich nichts anderes gewesen ist, als der Zusammenstoß zweier europäischer Kulturen, der katholischen und der protestantischen, oder der französischen und der germanischen, der unvereinbaren und entgegengesetztem die sich schon seit Jahrhunderten zu diesem Kampf vorbereitet hatten. Andererseits muß Frankreich, der tausendjährige Repräsentant des westlichen Katholizismus, selbst jetzt noch, einsehen, daß es dieser Führer der katholischen Welt, sogar bei deren heutigem Zerfall, nur dann bleiben kann, wenn es dem Katholizismus und seiner Idee tatsächlich treu bleibt.

Ich will nur sagen, daß die Wiedererstehung des Katholizismus im Sinne der Grundidee der Nation in Frankreich vielleicht durchaus nicht so unmöglich ist, wie es viele glauben. Alles, was in Frankreich im letzten Jahrhundert, dem Jahrhundert der ununterbrochenen Schwankungen, vor sich gegangen ist, könnte in mancher Beziehung zur Bekräftigung solch einer Annahme dienen. In diesem letzten Jahrhundert haben alle die so verschiedenen Regierungen Frankreichs – die Könige, die Republiken, Napoleon III. – alle haben sie den Papst mit dem Schwert in der Hand unterstützt oder sind bereit gewesen, ihn zu unterstützen, wenigstens sind sie alle für Rom und seine weltliche Macht gewesen. Graf Bismarck aber muß doch vorausfühlen, wenn auch nur zum Teil, daß Frankreich sich niemals mit einem zweitrangigen Platz in Europa und einer solchen militärischen Niederlage zufrieden geben wird, daß dieses in seiner Art für Frankreich vielmehr gleichfalls ein Non possumus ist. Und warum soll er nicht auch voraussehen, daß dieses Frankreich, das noch nicht endgültig vernichtete, wohl aber so kürzlich noch vollkommen zu Boden geschlagene, das so plötzlich die ganze Welt durch seinen Reichtum und – vor allen Dingen – Kredit in Erstaunen gesetzt hat – was dem Grafen Bismarck so unerwartet kam –, daß dieses Frankreich den Kampf noch längst nicht aufgegeben hat, daß der Streit um die Vorherrschaft somit unvermeidlich noch einmal ausbrechen und es dann aber wirklich um Leben oder Tod der beiden Nationen gehen wird!? Wie sollte er es nicht begreifen, daß dieser Kampf eigentlich überhaupt erst anfängt, – geschweige denn, daß er beendet sei –? Und, da dieser Kampf schließlich der entscheidende und abschließende Kampf zweier so verschiedener europäischer Zivilisationen sein wird –, warum soll er da nicht annehmen, daß auch der entscheidende Zusammenstoß gerade dort stattfinden wird, wo das Wesen der beiden Zivilisationen liegt: auf dem Boden der Kultur, dort, wo Katholizismus und Protestantismus einander feindlich begegnen?

Diese Idee zu entwickeln, würde zu weit führen; lassen wir es genug sein, daß wir sie ausgesprochen haben. Ich wollte im übrigen bloß sagen, daß Graf Bismarck, wenn er den Katholizismus in seinem Zentrum angreift, vielleicht nur den jüngsten deutsch-französischen Krieg noch weiter fortführt und – sich zu einem neuen vorbereitet. Handelt er nun geschickt oder nicht – das mag vorläufig dahingestellt sein, jedenfalls aber handelt er mit einem scharfen Blick.

Frankreich, die Republik und der Sozialismus

Bei uns sprechen jetzt[8] alle über den Frieden. Alle glauben an einen langandauernden Frieden, überall sieht man helle Horizonte, neue Bündnisse, neue Kräfte. Daß in Paris die Republik wiederhergestellt ist, darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden, und daß diese Republik von Bismarck wiedereingesetzt wurde – sogar darin sieht man eine Bürgschaft für den Frieden. Zweifellos sieht man sie auch in der Übereinstimmung der großen östlichen Mächte – und vielleicht erblicken nicht minder einige in den jetzigen Unruhen der Herzegowina unzweifelhafte Zeichen für die Dauerhaftigkeit des europäischen Friedens ... vielleicht auch darum, weil der Schlüssel zu dieser Herzegowinafrage sich in Berlin befindet, und wiederum in der Schatulle des Fürsten Bismarck? Aber am meisten freut man sich bei uns über die Französische Republik. Übrigens, warum ist Frankreich immer noch auf dem ersten Platz in Europa, und nicht das siegreiche Deutschland? Das allerkleinste Ereignis in Paris erweckt nach wie vor in Europa mehr Sympathie und Aufmerksamkeit als manches schwerwiegende Berliner Ereignis. Unbestreitbar deshalb, weil dieses Land immer das Land des ersten Schrittes, der ersten Probe und der Anregung von neuen Ideen war! Darum erwarten alle von dort den „Anfang vom Ende“. Und wer wird wohl auch von allen zuerst diesen verhängnisvollen und endgültigen Schritt tun, wenn nicht Frankreich?

Darum vielleicht haben sich die unversöhnlichsten Parteibildungen gerade in diesem, seit alters alle Neuerungen vermittelnden Lande entwickelt. Ein Friede ist da überhaupt nicht eher möglich, als bis es einmal wirklich zu jenem „Ende“, zu einem großen Zusammenbruch gekommen sein wird. Diejenigen in Europa, die die Republik bewillkommnen, sagen, daß sie schon deshalb für Frankreich und für Europa unumgänglich nötig sei, weil nur in ihr ein Revanchekrieg mit Deutschland ausgeschlossen scheint, und daß nur die republikanische Partei, von allen zur Stunde Ansprüche erhebenden Parteien, ihn nicht wagen wird, noch überhaupt unternehmen will. Indessen sind das nichts als Luftspiegelungen. Im übrigen ist auch die Republik eines Kampfes wegen ausgerufen worden, wenn auch nicht zu einem Kriege mit Deutschland, so doch mit einem viel gefährlicheren Gegner: dem Feind und Gegner von ganz Europa – dem Kommunismus und Sozialismus. Dieser Gegner erhebt sich viel leichter in einer Republik als unter jeder anderen Regierung! Jede andere Regierung würde sich mit ihm schließlich einigen, die Katastrophe vermeiden; nur eine Republik wird ihm nichts abtreten wollen, sondern ihn selbst herausfordern, ihn zum Kampfe zwingen. Und so mögen die guten Leute nur behaupten, die „Republik sei der Friede“! In der Tat, wer hat dieses Mal die Republik errichtet, wenn nicht die Bourgeoisie und die kleinen Rentiers? Wenn diese Leute wohl auch schon seit langem Republikaner waren, so fürchteten doch gerade sie im Grunde die Republik, sahen in ihr nur Unordnung und den ersten Schritt zum Kommunismus. Der Konvent der ersten Revolution teilte in Frankreich den großen Besitz der Emigranten und der Kirche in kleine Teile und verkaufte sie in Anbetracht der ununterbrochenen damaligen Geldkrisis. Dieses Verfahren bereicherte einen großen Teil Franzosen und gab ihnen die Möglichkeit, achtzig Jahre später fünf Milliarden Kontribution zu bezahlen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber wenn dieses Verfahren zurzeit auch den Wohlstand sehr hob, so paralysierte es doch die demokratischen Bestrebungen, indem es die Zahl der Besitzenden vergrößerte und so Frankreich dem grenzenlosen Besitz der Bourgeoisie in die Hände gab – die aber ist der erste Feind des Demos, des eigentlichen Volkes. Ohne dieses Verfahren hatte sich die Bourgeoisie in Frankreich nie so lange an der Spitze des Staates und an Stelle des früheren Beherrschers von Frankreich, des Adels, erhalten können. So jedoch erbitterte das Volk und ward unversöhnlich: die Bourgeoisie verdarb selbst den natürlichen Gang der demokratischen Bestrebungen und verwandelte ihn in einen einzigen Haß und einen einzigen Neid. Die Scheidung der Parteien ging so weit, daß der ganze Organismus des Landes endgültig zusammenbrach und jegliche Wiederherstellung unmöglich wurde. Wenn sich Frankreich bis jetzt im Ganzen noch immer aufrechthält, so tut es dies nur nach dem Gesetz der Natur, nach dem sogar eine Handvoll Schnee nicht früher als in einer bestimmten Zeit auftauen kann. Diesen Schein eines Ganzen nehmen die unglücklichen Bourgeois und mit ihnen eine Menge gutmütiger Menschen in Europa noch für eine lebendige Kraft des Organismus, betrügen sich mit der Hoffnung, und zu gleicher Zeit zittern sie doch vor Furcht. Im Grunde hat die Einheit sich bereits vollständig aufgelöst. Die Aristokraten haben nur den eigenen Nutzen im Auge, die Demokraten nur den der Armen. Um den allgemeinen Vorteil dagegen, den Vorteil Aller und des zukünftigen Frankreichs, kümmert sich niemand, außer den Schwärmern von Sozialisten und den Träumern von Positivisten, die von der Wissenschaft alles erwarten, alles, d. h. eine neue Einigung der Menschen und neue Grundsätze eines gesellschaftlichen Organismus. Aber die Wissenschaft, auf die alle so große Hoffnungen setzen, wird kaum imstande sein, sich mit der Angelegenheit gleich zu beschäftigen. Es ist schwer, anzunehmen, daß sie schon so gut Bescheid um die menschliche Natur wissen wird, um fehlerlos neue Gesetze des gesellschaftlichen Organismus aufzustellen. Da man aber hier weder schwanken noch warten kann, so stellt sich von selbst die Frage ein: Ist die Wissenschaft sofort zu dieser Aufgabe bereit, und geht diese Aufgabe nicht über die Kräfte ihrer zukünftigen Entwicklung? Ich bin sogar bis jetzt geneigt, zu behaupten, daß diese Aufgabe allerdings über die Kräfte der menschlichen Wissenschaft gehen wird, trotz ihrer, wie ich zugebe, großen zukünftigen Entwicklungsmöglichkeit. Da also die Wissenschaft diesem Anspruch an sie nicht gerecht werden wird, so ist es klar, daß die ganze Bewegung des Volkes, des vierten Standes, in Frankreich, wie überall in der ganzen Welt, von Schwärmern – und die Schwärmer wieder von allen möglichen Spekulanten – geleitet werden wird. Ja, und selbst in der Wissenschaft, gibt es denn da keine Träumer? In der Tat, die Träumer haben jetzt mit Recht die Führung der Bewegung ergriffen; denn sie allein kümmern sich in Frankreich um die sogenannte Einigung aller, um das Zukünftige; und es scheint, daß moralisch ihnen allein das Erbe Frankreichs zufallen wird, ungeachtet ihrer augenscheinlichen Schwäche und Phantasterei – wie denn das so ziemlich alle auch fühlen! Aber am furchtbarsten ist es, daß neben all dem Phantastischen ein Bestreben sich kundtut, daß das grausamste und unmenschlichste ist und schon nichts Phantastisches mehr an sich hat, sondern real und historisch unvermeidlich erscheint. Es drückt sich in folgenden Worten aus: „Ôte-toi de là, que je m’y mette!“ – Fort von dem Platz, damit ich mich hinsetze! Bei den Millionen des unteren Volkes – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht – kommt in der ersten Linie und steht zu Anfang aller Wünsche: das Plündern der Besitzenden. Man kann dabei die Besitzlosen nicht einmal verurteilen: die Besitzenden selbst hielten sie bis zu dem Grade in der Dunkelheit, daß all diese Millionen unglücklicher, elender und blinder Leute ohne Zweifel und auf die naivste Weise glauben, daß sie durch diesen Raub sich bereichern können, und daß darin die ganze soziale Idee besteht, über die sich ihre Führer streiten. Ja, und wie können sie denn auch die Träume der Führer oder irgendeine Prophezeiung der Wissenschaft verstehen? Nichtsdestoweniger werden sie siegen, und wenn die Reichen ihnen vor der Zeit nichts abtreten, so kann es noch zu furchtbaren Ereignissen kommen. Aber keiner wird zur rechten Zeit etwas abtreten – vielleicht auch deshalb nicht, weil schon heute die Zeit der Abtretung überschritten ist. Ja, und die Besitzlosen wollen jetzt selbst nicht mehr eine Verständigung mit ihnen, wenn man ihnen auch alles gewähren würde: sie würden doch nur glauben, daß man sie wieder betrügt und übervorteilt. Sie wollen selbst und allein bestimmen.

Die beiden Bonaparte hielten sich dadurch, daß sie die Möglichkeit eines Ausgleichs mit ihnen wenigstens versprachen; und sie machten auch mikroskopische Versuche dazu, wenn auch immer nur hinterhältig und unaufrichtig. Aber die Oligarchen fühlten sich enttäuscht durch sie, und der Demos glaubte ihnen erst recht nicht. Was die royalistischen Prätendenten (älterer Linie) anbetrifft, so können die dem Proletariat als Rettung im Grunde nur den römisch-katholischen Glauben bieten, von dem jedoch nicht nur das Volk, sondern auch die Mehrzahl der Intelligenz in Frankreich schon lange nichts mehr wissen will. Man spricht davon, daß unter dem Proletariat in letzter Zeit mit außerordentlicher Stärke der Spiritismus sich entwickelt hat, vor allen Dingen in Paris. Die jüngere Linie der Könige, die Linie Orleans, ist sogar der Bourgeoisie verhaßt geworden, obgleich man eine Zeitlang gerade an diese Familie glaubte und sie für den eigentlichen Führer in der französischen besitzenden Klasse ansah. Aber ihre Unfähigkeit wurde bald von allen erkannt. Nichtsdestoweniger mußte die Bourgeoisie sich retten, sie mußte durchaus und so schnell wie möglich sich einen Führer suchen für die große und letzte Schlacht mit dem furchtbaren, von unten heraufkommenden Feind. Die Erkenntnis und der Instinkt ließen sie auf ein richtiges Mittel verfallen, und sie wählten – die Republik.

Es gibt ein politisches Gesetz und sogar ein Gesetz der Natur, nach dem von zwei starken und einander nahestehenden Nachbarn, wie befreundet sie auch miteinander sein mögen, doch der eine den anderen vernichten möchte und früher oder später diesen Wunsch auch in die Tat umsetzt. „Von der roten Republik gibt es einen Übergang zum Kommunismus,“ – dieser Gedanke erschreckte bis jetzt die französischen Bourgeois, und es mußte viel Zeit vergehen, bis plötzlich die Mehrzahl von ihnen erriet, daß diese nächsten Nachbarn zu den erhärtetsten Feinden werden würden, schon allein aus dem Prinzip der Selbsterhaltung. In der Tat, ungeachtet der so engen Nachbarschaft der roten Republik mit dem Kommunismus – wer kann in Wirklichkeit feindlicher und dem Kommunismus radikaler entgegengesetzt sein als die Republik? sogar, wenn man will, als die blutige Revolution der neunziger Jahre? In der Republik handelt es sich vor allem um die republikanische Form: „la république avant tout, avant la France“. In der Republik ist die ganze Hoffnung: die Staatsform; und ob der Mac-Mahonismus an die Stelle Frankreichs tritt – es bleibt sich gleich, wenn er sich nur Republik nennt! Das ist das Charakteristische der jetzigen „Siege“ der Republikaner in Frankreich. So sucht man denn in der bloßen Form die Rettung. Von der anderen Seite dagegen, was geht den Kommunismus die republikanische Staatsform an, da er im Grunde jede Regierungsform verneint, und nicht nur jegliche Form einer Regierung, sondern auch den Staat an sich und die ganze zeitgenössische Gesellschaft? Dieses gerade Gegenteil, diese gemeinsame Antithese zweier Kräfte vermochte die französische Masse erst in achtzig Jahren zu erkennen, zuletzt erkannte sie sie aber doch und – errichtete die Republik: dem Feinde stellte sie endlich den allergefährlichsten und allernatürlichsten Gegner entgegen; denn um nichts in der Welt will die Republik im Kommunismus und Sozialismus untergehen. Im Grunde ist die Republik der natürlichste Ausdruck und die gegebene Staatsform der Bourgeoisie, ja, die ganze französische Bourgeoisie ist doch das Kind der Republik, für sie geschaffen und für sie organisiert in der ersten Revolution. Auf diese Weise ist die Scheidung vollständig erreicht. Man sagt, der Kampf der beiden sei noch weit. Ob er so weit ist? Vielleicht ist es besser, die Katastrophe nicht noch hinauszuschieben. Schon jetzt hat der Sozialismus Europa durchsetzt, und bis zu der Zeit wird er es noch mehr durchsetzt haben. Fürst Bismarck weiß es, aber er baut nach deutscher Art zu sehr auf Blut und Eisen. Was kann man aber da mit Blut und Eisen ausrichten?

Katholizismus und Sozialismus

Man wird sagen: Aber jetzt wenigstens, jetzt gleich hat man nicht den geringsten Grund, sich aufzuregen; alles ist hell und klar: In Frankreich ist der Mac-Mahonismus, im Osten die große Einigung der Mächte, die Kriegsbudgets werden überall und außerordentlich vergrößert – wie soll es da keinen Frieden geben!

Aber der Papst? Wenn der heute oder morgen stirbt – was wird dann werden? Wie sollte der römische Katholizismus einwilligen, gleichsam ihm zur Gesellschaft mit ihm zu sterben? Oh, nie noch dürstete es ihn so, zu leben – wie jetzt! Übrigens, unsere Propheten, wie sollten sie nicht über den Papst lachen? „Eine Papstfrage gibt es bei uns ja überhaupt nicht mehr!“ Indessen ist die Frage des Katholizismus zu bedeutungsschwer und der Katholizismus selber so voll von grenzenlosen Widersprüchen, daß er diese nie um des Friedens willen, nicht um der ganzen Welt willen aufgeben würde. Ja, für wen denn auch, und zu wessen Nutzen sie denn aufgeben? Um der Menschheit willen etwa? Der Papst hält sich schon lange für höher als die Menschheit. Er hat bis jetzt nur um die Starken der Erde gebuhlt und auf sie gehofft bis zum letzten Augenblick. Dieser Augenblick ist heute gekommen, und nun scheint es, daß der römische Katholizismus endlich sich von den Großen der Erde abgewandt hat, die ihm ja doch schon lange untreu geworden waren und in Europa jene Hetzjagd auf ihn geplant hatten, die wir in unseren Tagen erlebten. Und haben wir von dem römischen Katholizismus nicht bereits die unglaublichsten Überraschungen erlebt? Einmal, wenn es nötig war, hat er Christus für weltlichen Besitz verkauft und das Dogma aufgestellt, „daß das Christentum auf der Erde ohne die weltliche Herrschaft des Papstes nicht bestehen könne“, und so einen neuen Christus geschaffen, einen, der dem früheren in nichts mehr ähnlich ist, der verführt war durch die dritte teuflische Versuchung, die weltliche Herrschaft: „Alles das gebe ich dir, bete mich an!“ Oh, ich habe heftige Ableugnungen dieses Gedankens gehört: man hat mir versichert, daß der Glaube an Christus und sein Bild in den Herzen der meisten Katholiken noch in alter Wahrheit und Reinheit weiterlebe. Das kann durchaus wahr sein, aber ich behaupte trotzdem: die Hauptquelle ist trübe und auf ewig verschüttet; denn nicht umsonst verfiel Rom dieser teuflischen Versuchung, seine weltliche Herrschaft in der Form eines unerhörten Dogmas zu verkünden – eine Tat, deren Folgen wir heute noch nicht absehen können. Bemerkenswert ist nur, daß die Verkündung dieses Dogmas gerade in dem Augenblick erfolgte, als das geeinte Italien vor den Toren Roms stand. Viele von uns lachten und spotteten über den Papst: wüten kann er, aber machtlos ist er doch, sagte man ... Wer weiß, ob er so machtlos ist! Nein, solche Menschen, die fähig sind zu solchen Entschlüssen, können nicht ohne Kampf sterben. Man wird mir erwidern, daß es immer so im Katholizismus gewesen und daß in ihm überhaupt keine Veränderung vor sich gegangen sei. Möglich, aber es hat in ihm doch immer ein Geheimnis gegeben: es hatte viele Jahrhunderte das Aussehen, als sei der Papst mit seinem kleinen Besitztum, mit dem Lande des Kirchenstaates, durchaus zufrieden – ... aber alles das war dann doch nur Allegorie. Die Hauptsache in dieser Allegorie, das Samenkorn des Grundgedankens, war die immer gegenwärtige Hoffnung des Papsttums, daß aus diesem Samenkorn dereinst ein prächtiger Baum werden würde, bestimmt, die ganze Erde zu beschatten. Und siehe da, als man ihm die letzte Quadratmeile seines westlichen Besitztums nimmt, da erhebt sich der Beherrscher des Katholizismus, seinen Tod voraussehend, und erklärt der ganzen Welt das Geheimnis: „Ihr glaubt wohl, daß ich nur dem Titel nach Herrscher des Kirchenstaates bin? So wisset denn, daß ich mich immer als den Herrscher der ganzen Welt, aller Herrscher der Erde, der geistlichen wie der weltlichen, gefühlt habe, als ihren wirklichen Herrn und Imperator. Ich – ich bin der Zar aller Zaren und der Herrscher aller Herrscher, und mir allein auf der Erde gehören die Schicksale und die Zeiten: und das erkläre ich aller Welt jetzt im Dogma meiner Unfehlbarkeit.“ Nein, dort steckt noch eine Kraft, das ist erhaben, aber nicht lächerlich; das ist eine Auferstehung der alten römischen Idee der Weltherrschaft, die nie im römischen Katholizismus aussterben wird; das ist das Rom Julian Apostatas, das nicht von Christus besiegte, sondern das Christum besiegende, in einem neuen und letzten Kampf! Auf diese Weise hat sich der Eintausch des wahrhaftigen Christus gegen ein weltliches Reich vollzogen. Und im römischen Katholizismus vollzieht er sich in der Tat! Ich wiederhole es, diese schreckliche Armee hat zu scharfe Augen, um nicht endlich zu erblicken, wo jetzt die wirkliche Kraft ist, auf die man sich stützen kann. In dem Augenblick, da er seine verbündeten Großen verliert, wird er sich an das Volk klammern. Er hat zu seiner Verfügung zehntausend Verführer, kluge, gewandte Herzensbesieger und Psychologen, Dialektiker und Sophisten. Das Volk war und ist überall redlich und gut. Außerdem – in Frankreich wie auch an anderen Orten Europas – haßt das Volk den Glauben, verachtet ihn, ohne das Evangelium zu kennen. Alle diese Herzenskundigen und Seelenkenner werfen sich nun auf das Volk und bringen ihm den neuen Christus, einen der in, alles einwilligt, einen, wie er auf dem letzten römischen Konzil aufgestellt wurde. „Ja, unsere Freunde und Brüder,“ werden sie sagen, „alles, was ihr euch wünscht – alles das steht schon längst in unseren Büchern, und eure Führer haben es von uns gestohlen. Wenn wir euch früher noch nichts davon gesagt haben, so ist es nur deshalb nicht geschehen, weil ihr bis jetzt noch wie unreife Kinder waret, für die es zu früh war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Aber jetzt ist die Zeit der Wahrheit für euch gekommen. Wisset, daß beim Papst die Schlüssel des heiligen Petrus sind – und der Glaube an Gott ist nur der Glaube an den Papst, der von Gott auf der Erde an Stelle Gottes eingesetzt worden ist. Er ist unfehlbar, und ihm ist göttliche Macht gegeben, er ist der Beherrscher der Schicksale und der Zeiten; er hat beschlossen, daß auch eure Zeit jetzt gekommen sein soll. Früher lag die Hauptkraft des Glaubens in der Ergebung, jetzt ist aber die Frist der Ergebung um, und der Papst hat die Macht, sie aufzuheben, da ihm alle Macht auf Erden gegeben ist. Ja, wir sind alle Brüder, und Christus selbst hat uns befohlen, Brüder zu sein. Wenn eure älteren Brüder euch nicht als Brüder anerkennen wollen, so nehmt Waffen, dringt in ihre Häuser ein und zwingt sie mit Gewalt, eure Brüder zu sein. Christus hat lange gewartet, daß eure älteren Brüder bereuen würden, aber jetzt hat er uns selbst befohlen: ‚Fraternité ou la mort!‘ – Sei mir ein Bruder oder stirb! Wenn dein Bruder zögert, sein Gut mit dir zu teilen, so nimm ihm alles; denn Christus hat lange gewartet auf seine Reue und Buße, jetzt schlägt die Stunde der Vergeltung und des Zornes. Wisset auch, daß ihr unschuldig seid an allen euren vergangenen und zukünftigen Sünden; denn eure Sünden kamen nur aus eurer Armut. Und wenn eure Führer und Lehrer das schon früher gesagt, und wenn sie euch auch die Wahrheit gesagt haben, so hatten sie nicht die Macht, es euch vor der Zeit zu verkünden; denn die Macht dazu hat nur der Papst von Gott selbst erhalten. Der Beweis dafür ist, daß diese Lehrer euch noch zu nichts Gescheitem gebracht haben, und daß all ihr Beginnen an sich unfruchtbar war; ja, und außerdem waren sie treulos; auf euch gestützt, erschienen sie stark, um sich dann für einen höheren Preis euren Feinden zu verkaufen. Aber der Papst wird euch nicht verkaufen, denn über ihm gibt es keine höhere Gewalt, er ist der Erste aller Ersten; nur glaubt an ihn, nicht an Gott, sondern nur an den Papst, und daran, daß er allein der Herrscher auf Erden ist, und sonst niemand, und daß alle anderen, wenn ihre Stunde kommt, verschwinden müssen. Freut euch jetzt, denn das Paradies auf Erden hat begonnen, alle werdet ihr reich sein und durch den Reichtum ehrlich und selig, weil alle eure Wünsche erfüllt sein werden und jeglicher Grund zum Bösen euch genommen wird.“ Diese Worte sind gleisnerisch, aber das Volk wird unbedingt den Vorschlag annehmen: es sieht in dem unerwarteten Verbündeten eine große vereinigende Macht, die auf alles eingeht, – eine reale, historische Macht an Stelle von verschwärmten Führern und Spekulanten, an deren praktische Fähigkeiten und auch an deren Ehrlichkeit die Menschen nicht mehr glauben. Dort ist der Stützpunkt gefunden und der Hebel in die Hand gegeben, jetzt heißt es, mit der ganzen Masse ihn umdrehen. Und zur Vervollständigung des Ganzen gibt man ihm wieder den Glauben und beruhigt mit ihm viele Herzen, denn viele von ihnen sehnen sich nach Gott ...

Ich habe schon einmal in einem Roman darüber gesprochen. Möge man mir meine feste Überzeugung verzeihen, aber ich bin sicher, daß alles sich einmal im westlichen Europa so zutragen wird, in der einen oder anderen Form, d. h. daß der Katholizismus sich der Demokratie zuwenden und die Großen der Welt verlassen wird, weil sie ihn verließen. Alle Macht in Europa verachtet ihn, denn er ist jetzt nach außen allzu arm und allzu überwunden. Und doch erscheint er lange nicht in einer so tragikomischen Lage, wie sich ihn gutmütigerweise unsere politischen Publizisten vorstellen. Indessen würde ein Fürst Bismarck ihn nicht so verfolgen, wenn er in ihm nicht seinen furchtbarsten und mächtigsten Feind der Zukunft sähe. Fürst Bismarck ist ein zu großer Mensch, um seine Kräfte an einen lächerlichen und machtlosen Feind zu verschwenden. Aber der Papst ist stärker als er. Ich wiederhole, daß das Papsttum vielleicht am stärksten den Weltfrieden bedroht. Und dem Frieden droht noch vieles sonst. Noch wie war Europa so angefüllt von feindlichen Elementen, wie in unserer Zeit: als wäre alles mit Dynamit unterlegt und wartete nur auf den zündenden Funken ...

„Ja, aber was geht das uns an? Das ist ja alles dort in Europa und nicht bei uns in Rußland!“ Nun, bei uns wird Europa dann anklopfen und uns anflehen, es zu retten, wenn die letzte Stunde seiner jetzigen Ordnung der Dinge schlägt. Und es wird unsere Hilfe verlangen, als ob es ein Recht darauf hätte: es wird uns sagen, daß auch wir Europa seien, daß auch bei uns diese „Ordnung der Dinge“ sein müsse, da wir es doch nicht umsonst zweihundert Jahre lang imitiert und uns gebrüstet hätten, Europäer zu sein, und daß wir, wenn wir Europa retteten, im Grunde nur uns selbst retten würden. Freilich wären wir vielleicht nicht sehr geneigt, diese Angelegenheit nur zugunsten der einen Hälfte zu entscheiden, denn diese Aufgabe wird auch über unsere Kraft gehen: und haben wir uns nicht schon längst entwöhnt, darüber nachzudenken, worin unser Unterschied von Europa als Nation und worin unsere wirkliche Rolle in Europa besteht? Wir verstehen nicht nur nichts von diesen Dingen, sondern wollen überhaupt solche Fragen nicht zulassen; und sie auch nur anzuhören, halten wir für rückständig. Wenn aber wirklich Europa bei uns anklopft und uns auffordert, hinzugehen und seine Ordnung zu retten, so werden wir vielleicht zum erstenmal und plötzlich begreifen, bis zu welchem Grade wir die ganze Zeit über Europa nicht ähnlich gewesen sind, ungeachtet unseres zweihundertjährigen Wunsches und unserer Träume, Europa gleich zu sein, wie sie sich manchmal bis zu den leidenschaftlichsten Ausbrüchen versteigen konnten. Übrigens, vielleicht werden wir das auch dann nicht einmal begreifen; denn es wird vielleicht auch dann schon zu spät sein. Wenn dem so ist, so werden wir freilich auch nicht verstehen, was Europa von uns haben will, und worin wir ihm in der Tat helfen könnten. Und würden wir dann nicht den Feind Europas und seiner Ordnung ebenso beruhigen wollen wie Fürst Bismarck –: mit Eisen und Blut? Nun, im Falle es dazu kommen würde, könnten wir uns allerdings als vollständige Europäer beglückwünschen.

Aber all das steht uns erst noch bevor und ist reine Phantasie – denn jetzt ist ja alles in Europa so klar, so klar, so klar!

Drei Ideen

Ich habe unlängst folgenden Satz geschrieben: „Alle unsere russischen Spaltungen und Sonderbestrebungen sind fast immer auf Grund von Zweifeln und Bedenken entstanden, und zwar auf Grund von solchen, zu denen eigentlich gar keine Veranlassung vorlag.“ Und heute[9] kann ich wiederholen, daß in der Tat alle unsere Streitigkeiten und Zerwürfnisse einzig aus dem Irrtum des Verstandes, nicht aber aus dem Irrtum des Herzens entstehen. In dieser Definition liegt das ganze Wesen unserer Uneinigkeiten und Zwiespälte – doch ist dieses Wesen an sich deshalb noch nicht so unerfreulich. Irrtümer und Zweifel des Verstandes verschwinden schneller und spurloser als die Irrtümer und Zweifel des Herzens; aufgehoben aber werden sie nicht so sehr von gelehrten Diskussionen und Disputen, als von der unabweisbaren Logik der Ereignisse des lebendigen Lebens, die nichts weniger als selten den richtigen Ausweg in sich tragen und auf den geraden Weg weisen, wenn auch nicht plötzlich, nicht im ersten Augenblick, so doch jedenfalls in sehr kurzer Frist, zuweilen sogar, ohne die nächste Generation abzuwarten. Anders ist es mit den Irrtümern des Herzens. Der Irrtum des Herzens wiegt schwerer: er bedeutet, daß der Geist, oft schon der Geist der ganzen Nation, an irgend etwas erkrankt, von irgend etwas angesteckt ist, und nicht selten führt diese Erkrankung, diese Ansteckung solch einen Grad von Blindheit mit sich, daß die ganze Nation nicht mehr geheilt werden kann – wieviel Rettungsversuche dem zunächst auch widersprechen und auf den richtigen Weg weisen mögen. Im Gegenteil, diese Blindheit entstellt die Tatsachen, wie es ihr gefällt, verändert sie nach den Wahnbildern des kranken Geistes, und es kommt sogar vor, daß eher die ganze Nation dem Untergange entgegengeht, im vollen Bewußtsein dessen, was sie tut, d. h. sogar nachdem sie ihre Blindheit eingesehen, als daß sie einwilligt, sich heilen zu lassen – denn nun will sie bereits nicht mehr geheilt werden. Möge man nicht im voraus über mich lachen, daß ich umgekehrt die Irrungen des Verstandes für leicht und schnell wieder gutzumachen halte. Und am lächerlichsten wäre es wohl für einerlei wen, für jeden, nicht nur für mich allein, in diesem Falle die Rolle des Ausgleichers zu spielen, der fest überzeugt ist, mit Worten durchdringen und die Tagesüberzeugungen in der Gesellschaft umkehren zu können. Alles das sehe ich vollkommen ein; doch nichtsdestoweniger darf man sich nicht seiner Überzeugungen schämen, und wer ein Wort zu sagen hat, der sage es.

Es will mir scheinen, daß jetzt eine Zeit gekommen ist, in der sich alle möglichst offen aussprechen müssen, ohne sich der naiven Nacktheit manches Gedankens zu schämen. Tatsächlich erwarten uns, d. h. ganz Rußland, vielleicht ungewöhnliche und große Ereignisse. „Es können plötzlich gewaltige Fakta dasein und unsere intelligenten Kräfte überraschen, und dann, – wird es dann nicht zu spät sein?“ habe ich damals gefragt. Ich dachte dabei nicht nur an die politischen Ereignisse der nächsten Zukunft, wenn sie auch heute derart sind, daß sie die Aufmerksamkeit selbst der kläglichsten, selbst der verjudetsten, d. h. der sich sonst um nichts, als nur um sich selbst kümmernden Geister in Anspruch nehmen. In der Tat, wer kann es wissen, was der Welt im nächsten Vierteljahrhundert bevorsteht, oder vielleicht schon in diesem Jahre? Europa ist unruhig. Aber ist es nicht vielleicht nur eine jähe vorübergehende Unruhe? Keineswegs: man fühlt, es ist die Zeit für etwas Tausendjähriges, für etwas Ewiges gekommen, für das, was sich auf der Erde seit dem Anfang ihrer Zivilisation vorbereitet hat.

Drei Ideen erheben sich vor der Welt und formulieren sich, scheint es, endgültig.

Von einer Seite – am Rande Europas – die Idee des Katholizismus, die, schon längst verurteilt, nun in großen Qualen und Zweifeln nicht weiß, was ihrer harrt: Sein oder Nichtsein, Leben oder schon – Sterben? Ich spreche nicht nur von der katholischen Religion, sondern von der ganzen katholischen Idee, und dem Los derjenigen Nationen, welche unter dem Joch dieser Idee seit einem Jahrtausend gelebt haben und ganz von ihr durchdrungen sind. In diesem Sinne ist Frankreich die vollkommenste Verkörperung der katholischen Idee im Verlaufe von Jahrhunderten gewesen, ist das Haupt dieser Idee, die es schon von den Römern und in durchaus römischem Geiste übernommen hat. Dieses Frankreich, das jetzt sogar jegliche Religion, man kann wohl sagen, verloren hat – Jesuiten und Atheisten sind dort ein und dasselbe –, das schon mehrmals seine Kirchen geschlossen und einmal sogar Gott selber der Ballotage einer Versammlung unterworfen hat, dieses selbe Frankreich, das aus den Ideen von 1789 seinen eigenen französischen Sozialismus entwickelt hat, d. h. die Pazifizierung und Organisation der menschlichen Gesellschaft ohne Christus und außerhalb Christi, ganz so wie sie der Katholizismus in Christus organisieren gewollt, doch nicht gekonnt hat: dieses selbe Frankreich ist und fährt fort, wie in seinen Revolutionären des Konvents, so auch in seinen Atheisten, seinen Sozialisten und seinen modernen Kommunisten – immer noch im höchsten Grade eine katholische Nation zu sein, bis ins Kleinste durchdrungen vom katholischen Geist und Buchstaben. Durch den Mund seiner bekannten Atheisten verkündet es „Liberté, Egalité, Fraternité – ou la mort,“ also auf ein Haar so, wie es der Papst selbst ausrufen lassen würde, wenn er genötigt wäre, liberté, égalité, fraternité zu proklamieren – ganz in seinem Stil, ganz in seinem Geist, in dem echtesten Geist und Stil der Päpste des Mittelalters. Selbst der heutige Sozialismus – scheinbar ein heftiger, verhängnisvoller Protest aller Nationen gegen die katholische Idee, aller Menschen, die sie gequält und erstickt hat, und die um jeden Preis leben wollen, aber leben ohne Katholizismus und ohne seine Götter, – selbst dieser Protest, der offiziell am Ende des vorigen Jahrhunderts begonnen hat, in Wirklichkeit aber viel früher, – ist in Frankreich nichts anderes als die treueste und geradeste Fortsetzung der katholischen Idee, ihre endgültige Vollendung, ihre verhängnisvolle Folge, von Jahrhunderten ausgearbeitet! Denn der französische Sozialismus ist nichts anderes als die gewaltsame Vereinigung der Menschen – eine Idee, die noch aus dem alten Rom stammt und sich unversehrt im Katholizismus erhalten hat. Auf diese Weise hat sich die Idee der Befreiung des Menschengeschlechtes vom Katholizismus gerade hier in die allerengsten katholischen Formen gehüllt, in Formen, die dem Herzen des katholischen Geistes, seinem Despotismus und wohl auch seiner Moral entlehnt sind.

Von der anderen Seite erhebt sich der alte Protestantismus, der nun bereits neunzehn Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee protestiert, gegen die alte heidnische, wie gegen die erneute katholische Idee, gegen Roms Weltgedanken, den Menschen auf der ganzen Erde zu beherrschen, moralisch wie materiell, gegen Roms ganze Kultur – der bereits seit den Tagen Armins und des Teutoburger Waldes protestiert, protestiert und immer wieder protestiert. Das ist der Germane, der blind glaubt, daß nur in ihm die Erneuerung der Menschheit liegt und nicht in jener katholischen Kultur. In seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung hat er ja von seiner Einheit nur geträumt, hat er nach ihr gelechzt nur, um sie verwirklichen zu können, seine stolze protestantische Idee! Sie aber hat sich schon im Luthertum selbst stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch bereits abgeschlossen. Und jetzt nach dem Sturze Frankreichs, der ersten, wichtigsten und „allerchristlichsten“ katholischen Nation – jetzt ist der Germane überzeugt von seinem Triumph und gleichfalls davon, daß niemand an seiner Stelle der Führer der Menschheit werden wird und ihr die Wiedergeburt bringen kann. Daran glaubt er fest, er glaubt, daß es etwas Höheres als germanischen Geist und Wort in der Welt nicht gebe, und daß Deutschland allein fähig sei, der Welt dieses Höchste zu geben. Es kommt ihm lächerlich vor, selbst nur anzunehmen, daß auch anderswo in der Welt irgendeine besondere Idee – meinetwegen nur im Keime – leben solle, eine Idee, die das zur Führung der Welt bestimmte Deutschland nicht gleichfalls haben könnte. Währenddessen wäre es jedoch alles andere als überflüssig, zu bemerken, daß Deutschland in all diesen neunzehn Jahrhunderten seines Daseins nichts anderes getan hat, als eben nur protestiert, und daß es selber sein eigenes neues Wort überhaupt noch nicht gesagt, sondern die ganze Zeit über nur der Verneinung seines Feindes gelebt hat, so daß in Zukunft vielleicht etwas überaus Seltsames geschehen kann: daß nämlich, wenn Deutschland dereinst alles zerstört haben wird, wogegen es neunzehn Jahrhunderte lang protestiert, es plötzlich geistig selbst wird sterben müssen, unmittelbar nach seinem Feinde, einfach, weil es dann keinen Grund mehr haben wird, zu leben; denn es wird ja nichts mehr geben, wogegen es protestieren kann! Doch möge das bloß eine Schimäre von mir sein – dafür ist Luthers Protestantismus um so mehr ein Faktum: der aber ist eben ein kritisierender und damit bloß verneinender Glaube, der dann, wenn der Katholizismus von der Erde verschwindet, nach ihm bestimmt auch verschwinden wird, da er, wenn er gegen nichts mehr zu protestieren hat, sich eben in reinen Atheismus verwandeln und damit sich selbst aufheben wird. Doch auch das ist vorläufig bloß eine Schimäre von mir.

Die slawische Idee wird von dem Germanen ganz ebenso verachtet wie die katholische, nur mit dem Unterschied, daß er die letztere immer als starken und mächtigen Feind geschätzt hat, die slawische Idee dagegen nicht nur für nichts wert hält, sondern sie sogar überhaupt nicht anerkennt, überhaupt kaum kennt. Erst seit ganz kurzer Zeit fängt er an, mißtrauisch zu den Slawen hinüberzusehen. Wenn es ihm auch jetzt noch lächerlich erscheint, anzunehmen, daß auch die Slawen irgendein Ziel oder eine Idee haben könnten, irgendeine Hoffnung, gleichfalls „der Welt etwas zu sagen“, so hat sich einstweilen nach dem Sturze Frankreichs sein mißtrauischer Verdacht doch verstärkt, und die Ereignisse des vorigen Jahres[10] haben ihm dieses Mißtrauen natürlich nicht nehmen können. Augenblicklich ist Deutschland sogar beinahe besorgt. In jedem Fall, sagt es sich, und vor allen etwaigen Orientgedanken, muß es erst seine Arbeit im Westen beenden! Wer aber kann da leugnen, daß Frankreich in diesen fünf Jahren nach seinem Zusammenbruch den Deutschen gerade dadurch beunruhigt, daß dieser es 1870/71 nicht total zertrümmert, zerstampft, vernichtet hat. 1875 erreichte diese Unruhe in Berlin einen sehr hohen Grad, und Deutschland würde sich bestimmt von neuem auf seinen uralten Feind gestürzt haben, um ihn, solange es noch Zeit ist, endgültig zu erwürgen, wenn nicht einige äußerst wichtige Umstände es daran gehindert hätten. Jetzt aber, in diesem Jahre, schreckt Frankreich, das seine Position mit jedem Tage verstärkt hat, Deutschland noch weit mehr als vor zwei Jahren. Deutschland weiß, daß sein Feind nicht ohne Kampf sterben wird, daß er vielmehr, wenn er sich ganz erholt hat, womöglich selbst zum Kampf rufen wird, so daß es nach drei, nach fünf Jahren für Deutschland schon zu spät sein kann. Und nun, in Anbetracht dessen, daß der slawische Osten Europas so ganz von einer eigenen, plötzlich entstandenen Idee durchdrungen ist und jetzt genug bei sich zu Hause zu tun hat, kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß Deutschland, sobald es seinen Rücken gesichert sieht, sich zum letztenmal auf seinen westlichen Feind stürzt und sich von diesem quälenden Alb befreit. Und das können wir schon in allernächster Zukunft erleben. Im allgemeinen jedoch kann man sagen, daß, sobald die Dinge im Osten ein wenig heikel oder gespannt sind, Deutschland in einer fast noch unvorteilhafteren Lage ist. Beinahe muß es dann noch mehr Befürchtungen und Sorgen haben, ganz abgesehen von seinem über die Maßen stolzen Ton – das könnten wir doch wenigstens etwas mehr beachten.

Währenddessen aber ist im Osten tatsächlich die dritte Weltidee großartig aufgegangen, sie, die slawische Idee, die Idee von morgen – vielleicht die dritte aufsteigende Möglichkeit einer Entscheidung über das Schicksal der Menschheit und Europas. Es ist schon heute allen klar, daß mit der Lösung des Orientproblems in die Menschheit ein neues Element dringen wird, eine neue Macht, die bis jetzt passiv dagelegen hat, und bei der es ganz ausgeschlossen ist, daß sie auf das Schicksal der Welt nicht stark und entscheidend wirken wird. Was aber ist das für eine Idee, was wird die Vereinigung aller Slawen mit sich bringen?

All das ist heute noch viel zu unbestimmt; doch daß wirklich etwas Neues gesagt werden muß – daran zweifelt jetzt wohl niemand mehr. Und alle diese drei mächtigen Weltideen drängen fast zur selben Zeit zu ihrer Entscheidung. Das sind keine Launen mehr, kein Krieg um irgendeine Thronfolge oder wegen der Zänkereien irgendwelcher hochgestellten Damen, wie im vorigen Jahrhundert. Hier ist etwas Allgemeines und Endgültiges, und wenn auch durchaus nicht alle Menschenschicksale Entscheidendes, so doch zweifellos etwas, das den Anfang vom Ende der ganzen früheren Geschichte Europas mit sich bringt, – den Anfang der Entscheidung über unsere ganze Zukunft, die in Gottes Hand steht, und die der Mensch nicht vorauswissen, wohl aber ahnen kann.

Die Frage, die sich nun jedem denkenden Menschen unwillkürlich stellt, ist: Können solche Ereignisse in ihrem Laufe stehen bleiben? Können sich Ideen von solcher Größe kleinlichen, jüdischen, drittklassigen Erwägungen unterordnen? Läßt sich ihre Entscheidung hinausschieben, und wäre das überhaupt wünschenswert? Zweifellos muß die Weisheit die Nationen beschützen und verteidigen und der Nächstenliebe und der Menschheit dienen, doch gewisse Ideen haben ihre gewaltige, alles fortreißende Macht. Die abgebrochene und fallende Spitze eines Felsens hältst du mit der Hand nicht auf! Wir Russen haben dabei zweierlei für uns, zwei Kräfte, die da allen anderen in der Welt zusammengenommen gleichkommen, das sind: die Ganzheit, die geistige Unteilbarkeit der Millionen unseres Volkes und dessen unlösbare Verbindung mit dem Zarentum. Es ist das natürlich etwas ganz Unbestreitbares, doch unsere „Klugen“ verstehen nicht nur nicht die russische Volksidee, sie wollen sie noch nicht einmal verstehen.

Die deutsche Weltfrage

Deutschland, die protestierende Macht

Sprechen wir jetzt[11] einmal von Deutschland, über seine jetzige Aufgabe, diese ganze verhängnisvolle und auch alle anderen Völker angehende deutsche Weltfrage.

Was ist das nun für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe denn erst jetzt für Deutschland in eine so schwierige Frage verwandelt, warum nicht schon früher, warum nicht schon längst, sondern erst vor einem Jahr, was sag’ ich, erst vor zwei Monaten?

Diese Aufgabe Deutschlands, seine einzige, hat es auch früher schon gegeben, hat es gegeben, solange es überhaupt ein Deutschland gibt. Das ist sein Protestantentum: nicht allein jene Formel des Protestantismus, die sich zu Luthers Zeiten entwickelte, sondern sein ewiges Protestantentum, sein ewiger Protest, wie er einsetzte einst mit Armin gegen die römische Welt, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß viele Leser über das, was ich soeben geschrieben, mit den Achseln zucken und lachen werden: „Wie kann man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und streiten, ganz so, als ob wir noch im Mittelalter wären! Es gibt ja allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich doch nur noch wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein armseliges, klägliches Häuschen rückständiger Leutchen. Wie kann man sie bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur erwähnen?“

Ich aber meine nicht den „Protestantismus“, noch denke ich dabei an die zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon vor zweitausend Jahren geboren wurde und seit der Zeit nicht gestorben ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Formeln verkörpert hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die ganze westeuropäische Welt, die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser übererbten alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen versteht, schon dermaßen augenscheinlich, daß es für ihn weiter keiner Erklärungen bedarf.

Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da glaubte und fest überzeugt war, sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum, – die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen römischen Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum universalen neuen Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch-katholische des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese westliche, römisch-katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf ihre Art, ohne den christlichen, geistigen Ursprung der Idee ganz zu verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, – nicht geistig, sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde – nicht verwirklichbar wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer universalen Monarchie – ganz und gar im Geiste der altrömischen Welt, aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, des Herrn dieser Welt.

Seit der Zeit hat dieser Versuch in der römischen Welt immer Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der Entwicklung dieses selben Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der christlichen Grundsätze gänzlich eingebüßt worden. Als aber die Erben der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah in der Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war wie die letzte Gestaltveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, da alle Nationen, die die altrömische Bestimmung übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte, – die Bourgeoisie – triumphierte natürlich und erklärte, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, – sie alle schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen Revolution 1789 proklamiert worden war, nichts erhalten hatten. Diese Geister verkündeten nun ihr neues Wort, gerade die Notwendigkeit der Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht, Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen Menschheit zu verschaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und auszunutzendes Mittel zum Glück dieses Viertels bestehen zu lassen, sondern im Gegenteil: um die Allvereinigung der Menschen auf den Grundsätzen der allgemeinen Gleichheit zustande zu bringen, mit der Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung aber beschlossen sie, sich jedes Mittels zu bedienen, d. h. also durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Kultur vorzugehen, sondern vor nichts mehr zurückzuschrecken.

Was hat nun das alles in diesen ganzen zweitausend Jahren mit Deutschland und den Deutschen zu tun gehabt? Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und besonderen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Bestimmung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, d. h. mit all den Erben der altrömischen Bestimmung. Es protestierte gegen diese Welt diese ganzen zweitausend Jahre hindurch, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach – und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee – so, glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit des römischen Christentums, kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk um die Vorherrschaft. Und endlich protestierte es in der mächtigsten Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war furchtbar und allgemein, – die Formel des Protestes war gefunden und ging in Erfüllung, – wenngleich es noch immer eine negative Formel blieb, und das positive Wort noch immer nicht gesagt wurde.

Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses neue Wort des Protestes gesprochen – erstarb er geradezu für eine Zeitlang, und zwar geschah das parallel mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die äußerste westliche Welt suchte, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen Wissenschaften und der neuen Grundsätze, sich in eine andere „neue Wahrheit“ umzugebären, gleichfalls in eine neue Phase einzutreten. Als der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der Französischen Revolution gemacht wurde, da war der germanische Geist in großer Verwirrung und nahe daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt dem Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der äußersten westlichen europäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschlands fühlte mehr denn je, daß er keinen, sagen wir, Körper und keine Form für seinen Ausdruck hatte. Und damals war es denn, daß in ihm das dringende Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich in einen einzigen festen Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht der neuen herannahenden Phasen seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. Hierbei ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: beide feindlichen Lager, beide Gegner, beide Kämpfer um die Hegemonie im alten Europa ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit – oder ungefähr ein und derselben – jeder eine Aufgabe, die der des anderen sehr ähnlich sieht. Die neue, noch phantastische zukünftige Formel der äußersten westlichen Welt – die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft durch neue soziale Grundsätze – diese Formel, die fast unser ganzes Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern und ihren halbwissenschaftlichen Vertretern, von allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr Aussehen und den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: vorläufig von der theoretischen Definition und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen und sofort den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt so viel wie sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem Zweck aber die Vereinigung aller zukünftigen Kämpfer für die neue Idee in einer einzigen Organisation zustande zu bringen, also des ganzen vierten 1789 umgangenen Standes, aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, aller Armen, und erst darauf die rote Fahne der neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen dieser Welt, es gab Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, neue Ordnungen, – mit einem Wort, im ganzen alten Westeuropa wurde der Grundstein zu einem neuen status in statu gelegt, und die zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die alte, die dort im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, begriff der deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, vor allen anderen Dingen und neuen Anfängen, vor jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus der alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur eine war –: die eigene politische Einheit herzustellen, die Schöpfung des eigenen staatlichen Organismus zu vollenden und, erst nachdem das geschehen war, sich Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. So geschah es auch: nachdem Deutschland seine Vereinigung innerlich vollendet hatte, warf es sich auf den Gegner und trat mit ihm in eine neue Kampfperiode ein, die mit Eisen und Blut begann. Der Kampf mit dem Eisen ist heute beendet, – jetzt steht nur noch bevor, ihn geistig zu beenden.

Notes in this chapter

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