Erster Teil. Westeuropäisches (continued 2)
E. K. Rahsin translation
Da taucht aber plötzlich für Deutschland eine neue Sorge auf, eine neue, unerwartete Wendung der Sache, die die Aufgabe arg erschwert. Was ist das nun für eine Aufgabe, und worin besteht diese neue Wendung der Sache?
Ein genial-mißtrauischer Mensch (Bismarck)
Diese Aufgabe, diese unvorhergesehene Sorge Deutschlands, hat sich, wenn man will, schon längst erklären wollen, aber erst jetzt ist sie, vielleicht etwas zu plötzlich, allen sichtbar geworden – und zwar infolge der unvorhergesehenen klerikalen Umwälzung in Frankreich. Man kann sie etwa in der Form folgenden Zweifels ausdrücken: Hat sich nun der deutsche Organismus tatsächlich in ein einziges Ganzes vereinigt, durch die genialen Anstrengungen der Führer Deutschlands in den letzten fünfundzwanzig Jahren? Und überdies noch: Hat er sich denn wirklich politisch vereinigt, ist nicht vielleicht auch das nur ein Trugbild, ungeachtet des Deutsch-Französischen Krieges und des nach ihm proklamierten, früher undenkbar gewesenen großen Deutschen Reiches?
Die ganze Schwierigkeit dieser Frage besteht hauptsächlich darin, daß man sie fast bis zur allerjüngsten Zeit als überhaupt nicht vorhanden annahm – wenigstens, wenn man dabei an die große Mehrzahl der Deutschen denkt. Begeisterung für sich selber, Stolz und unanfechtbarer Glaube an ihre unumschränkte Macht haben ja alle Deutschen ohne Ausnahme nach dem Kriege wie trunken gemacht. Dieses Volk, das ungewöhnlich selten gesiegt hat, dafür aber bis zur Seltsamkeit oft besiegt worden ist, – dieses Volk besiegte plötzlich einen Feind, der fast immer und überall Sieger gewesen. Da es aber nun einmal klar war, daß es ihn nicht nicht-besiegen konnte, infolge der mustergültigen Organisation seiner großen Armee und der eigenartigen Umgestaltung derselben nach völlig neuen Grundsätzen, und außerdem, da es so geniale Führer an der Spitze hatte, so war es für den Deutschen natürlich ganz unmöglich, darauf nicht bis zur Trunkenheit stolz zu werden. Hier braucht man gar nicht den uralten Zug des deutschen Charakters, die selbstzufriedene Prahlerei eines jeden Deutschen, in Betracht zu ziehen. Anderseits: aus dem so kürzlich noch zerstückelten staatlichen Organismus entstand plötzlich ein so festes Ganzes, daß der Deutsche nicht gut auch hierüber in Zweifel geraten konnte und daher einwandlos glaubte, die Einigung sei nun tatsächlich für immer vollbracht, und für den deutschen Organismus bräche nun eine neue, glänzende und große Phase der Entwicklung an. Und so wuchsen denn nicht nur Stolz und Chauvinismus, sondern es schoß sogar richtiger Leichtsinn auf. Was konnte es noch für Fragen geben, – nicht nur für irgendeinen kriegerischen Ladenjüngling oder Bäckergesellen, sondern selbst für einen Professor oder Minister? Einstweilen aber blieb doch noch ein kleiner Kreis von Deutschen übrig, der schon sehr bald, fast sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege, zu zweifeln und nachzudenken begann.
Das Haupt dieses Kreises war zweifellos Fürst Bismarck.
Noch hatten die deutschen Truppen Frankreich nicht verlassen, als er schon einsah, daß mit „Blut und Eisen“ zu wenig getan worden war, daß man, wenn man Ziele von solcher Größe vor sich hatte, wenigstens zweimal mehr hätte tun müssen, da die Gelegenheit nun einmal so günstig war. Allerdings, militärische Vorteile blieben immerhin unvergleichlich mehr auf seiten Deutschlands, und das noch für lange. Frankreich ist nach der Abtretung der beiden Provinzen Elsaß und Lothringen für eine Großmacht an Landumfang so klein geworden, daß im Fall eines neuen Krieges nach ein oder zwei für Deutschland erfolgreichen Schlachten die deutschen Heere schon im Zentrum Frankreichs stehen würden und es somit in strategischer Beziehung erobert hätten. Sind nun aber diese Siege so gewiß, kann man sich wirklich auf diese zwei erfolgreichen Schlachten mit solcher Sicherheit verlassen? 1870–71 haben ja die Deutschen eigentlich nicht Frankreich besiegt, sondern nur Napoleon und seine Institutionen. Nicht immer werden in Frankreich die Heere so schlecht organisiert sein und kommandiert werden; nicht immer werden dort Usurpatoren herrschen, die aus dynastischen Interessen gezwungen sind, solche klägliche Fahrlässigkeit zu dulden, daß ein reguläres Heer sich nicht ein paar Monate im Felde erhalten kann. Nicht immer wird sich auch ein Sedan finden, denn Sedan war ja im Grunde nur ein einzelner Fall, der sich aus dem Umstande ergab, daß Napoleon nach Paris nur durch die Gnade des Königs von Preußen hätte zurückkehren können. Und nicht immer werden dort so wenig begabte Generale wie Mac-Mahon oder solche „Verräter“ wie Bazaine sein. Die Deutschen, trunken von einem bis dahin noch nie erlebten Triumph, konnten natürlich alle bis auf den letzten glauben, alles das hätten sie, und nur sie allein, einzig mit ihrem kriegerischen Genie gemacht. In jenem zweifelnden Kreise jedoch dachte man anders, ... besonders nachdem der besiegte Feind, noch eben so zerrüttet und erschüttert, plötzlich mit einem Schlage fünf Milliarden Kontribution bezahlte und dabei nicht mal die Miene verzog. Das, versteht sich, betrübte sehr den Fürsten Bismarck.
Von der anderen Seite stellte sich dem zweifelnden Kreise noch eine zweite, vielleicht noch wichtigere Frage, und zwar: Hat sich nun wirklich die staatliche und bürgerliche Vereinigung innerhalb des Organismus vollzogen? Ich glaube, in ganz Europa, und besonders bei uns in Rußland, hat bis jetzt noch niemand daran gezweifelt. Überhaupt haben wir Russen alles, was in Deutschland in den letzten zehn, fünfzehn Jahren geschehen ist, für etwas Endgültiges, im höchsten Grade nicht Zufälliges, sondern durchaus Natürliches angesehen, für etwas, das sich nun nicht mehr verändern kann. Die vollbrachten Taten flößten uns außerordentliche Achtung ein. Währenddessen aber nahm wohl in den Augen so genialer Menschen, wie Fürst Bismarck, kaum alles, so wie er es sich innerlich wünschte, bereits die Gestalt endgültiger Dauerhaftigkeit an. Das, was heute noch dauerhaft scheint, kann dies vielleicht nur in der Phantasie sein. Es ist schwer, anzunehmen, daß eine so alte Gewöhnung der Deutschen an politische Zerspaltung so schnell verschwunden sei wie ein ausgetrunkenes Glas Wasser. Der Deutsche ist schon von Natur starrsinnig. Zudem wurde die jetzige Generation der Deutschen von den Erfolgen bestochen, trunken gemacht durch den Stolz und von der eisernen Hand der Führer gelenkt. In Zukunft aber, wenn diese Führer in das Jenseits abgerufen sein werden und ihren Platz im Diesseits anderen überlassen haben, werden sich vielleicht doch die zeitweilig unterdrückten Probleme und Instinkte wieder einstellen. Sehr wahrscheinlich ist gleichfalls, daß dann die Energie der Einheitsbewegung wieder erschlafft sein wird und im Gegenteil die alte Energie der Opposition von neuem ersteht und das ins Wanken bringt, was so mühsam aufgebaut wurde. Es wird sich das Bestreben, sich abzusondern, sich zurückzuziehen, einstellen, und das gerade dann, wenn sich im Westen der furchtbare Feind von dem Schlage ganz und gar erholt hat, dieser Feind, der auch jetzt nicht schläft, nicht müßig ist, und von dem man weiß, welches seine erste Aufgabe sein muß von allen, die er sich gestellt hat. Und da kommt dann noch zum Überfluß, sagen wir, das Naturgesetz selber hinzu: Deutschland ist doch in Europa immerhin das Land, das in der Mitte liegt: wie stark es also auch sein mag – auf der einen Seite bleibt Frankreich, auf der anderen Rußland. Es ist ja wahr, die Russen sind vorläufig noch höflich. Wie aber, wenn sie plötzlich erraten, daß nicht sie das Bündnis mit Deutschland brauchen, wohl aber Deutschland das Bündnis mit Rußland; und überdies noch: daß die Abhängigkeit von dem Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die verhängnisvolle Bestimmung Deutschlands ist, und besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege –?[12] Das ist es ja, warum an die allzu große Ehrerbietung Rußlands selbst ein von seiner Kraft so überzeugter Mensch, wie Fürst Bismarck, nicht imstande ist, zu glauben. Ja, bis zu diesem letzten, unvorhergesehenen Zwischenfall in Frankreich, der plötzlich die ganze Sachlage verändert hat, hoffte Fürst Bismarck immer noch, daß die ungewöhnliche Höflichkeit Rußlands noch lange unerschütterlich anhalten werde. Und nun plötzlich dieser Zwischenfall! Ja, es ist in der Tat etwas Ungewöhnliches geschehen.
Ungewöhnlich für alle, doch nicht für den Fürsten Bismarck! Jetzt erweist es sich, daß sein genialer Blick dieses „Ereignis“ schon längst vorausgesehen hat. Oder ist es nicht sein Genie, sein scharfes Auge, das den Hauptfeind bereits vor so langer Zeit entdeckte? Warum haßte er denn gerade so den Katholizismus, warum verfolgte er alles, was von Rom, – d. h. vom Papste – ausging, nun schon so viele Jahre lang? Warum bemühte er sich so weitsichtig, sich das Bündnis – so kann man sich ausdrücken – mit Italien zu sichern, wenn nicht, um mit Hilfe der italienischen Regierung die Wurzel des Papsttums in der Hand zu haben, wenn die Zeit kommen wird, da ein neuer Papst gewählt werden muß? Nicht den katholischen Glauben verfolgte er, sondern den römischen Ursprung dieses Glaubens. Zweifellos handelte er dabei als Deutscher, als Protestant; er arbeitete gegen die Grundmacht der äußersten westlichen, Deutschland immer feindlichen Welt – trotzdem sahen viele, sehr, sehr viele von den intelligentesten und liberalsten Denkern Europas auf diesen Feldzug des mächtigen Bismarck gegen den nichtssagenden Papst wie auf den Kampf eines Elefanten mit einer Mücke. Manche erklärten sich das mit einer Marotte oder einer Laune des genialen Mannes. Das wichtigste war aber, daß der geniale Politiker, vielleicht als einziger von allen Staatsmännern der Welt, einzuschätzen verstand, wie stark das römische Element noch in sich selbst und inmitten der Feinde Deutschlands ist, und was für einen furchtbaren Kitt es in Zukunft abgeben kann, wenn es heißt, alle diese Feinde zu vereinigen. Er allein war fähig, zu erraten, daß sich vielleicht einzig in der römischen Idee eine solche Fahne wird finden lassen, unter der man in dem unheilvollen und in Bismarcks Augen unabwendbaren Augenblick alle von ihm schon erdrückten Feinde Deutschlands wieder zu einem furchtbaren Ganzen wird zusammenbringen können. Und siehe, der geniale Argwohn hat sich plötzlich bewahrheitet: alle Parteien im besiegten Frankreich, die eine Bewegung gegen Deutschland hätten beginnen können, waren zersprengt, und keine einzige konnte die anderen besiegen und die Macht in Frankreich an sich reißen. Vereinigen konnten sie sich gleichfalls auf keine Weise, da jede ihre besonderen, entgegengesetzten Ziele im Auge hatte. – Und nun vereint die Fahne des Papstes und der Jesuiten mit einem Male alle! Der Feind erhebt sich, und dieser Feind ist nicht mehr Frankreich, sondern der Papst selbst. Es ist der Papst, der Führer aller, dem die römische Idee vermacht ist, der da kommt, um sich auf Deutschland zu stürzen.
Wie aber sieht es nun im Lager dieser Gegner Deutschlands aus?
Ärger und Macht (Papstmacht)
Der Papst liegt im Sterben und wird bald gestorben sein. Die ganze katholische Welt, die an Christus in der Gestalt der römischen Idee glaubt, ist schon lange in ungewöhnlicher Aufregung: der unheilvolle Augenblick rückt heran – da heißt es denn, Nichts versäumen und außer acht lassen; denn sonst ist das Todesurteil der römischen Idee gefällt. Es kann nämlich geschehen, daß der neue Papst unter dem Druck der Regierungen ganz Europas, also nicht „frei“, gewählt wird, und daß er, zum Papst ausgerufen, einwilligt, auf ewig und im Prinzip jedem Landbesitz zu entsagen, wie auch natürlich dem Titel des weltlichen Herrschers, auf den Pius IX. nicht verzichtete, vielmehr in demselben verhängnisvollen Augenblick, da ihm Rom und das letzte Stück Land genommen wurde und ihm nur noch der Vatikan blieb, wie zum Trotz seine Unfehlbarkeit verkündete und zu gleicher Zeit die These vertrat, daß ohne irdisches Reich das Christentum auf Erden nicht bestehen könne, – also im Grunde sich für den Herrscher der Welt erklärte, und vor den Katholizismus dogmatisch als einziges Ziel die universale Monarchie hinstellte, nach deren Verwirklichung zu streben er zum Ruhme Gottes des Vaters und des Sohnes auf Erden einfach befahl –! Selbstverständlich belustigte er damit seinerzeit alle geistreichen Leute: „Er ärgert sich, doch hilft ihm das nichts,“ sagte man damals. Und jetzt, plötzlich, wenn der neugewählte Papst bestochen wird, wenn sogar das Konklave selber unter dem Druck ganz Europas gezwungen wird, mit den Gegnern der römischen Idee einen Kompromiß zu schließen, – nun, dann kann man sie ja begraben! Denn, wenn einmal ein regelrecht gewählter, folglich also ein „unfehlbarer“ Papst im Prinzip die Würde eines weltlichen Herrschers ablehnt, so wird es auch weiterhin und auf ewig so bleiben. Anderseits: tut der durch das Konklave neugewählte Papst fest und über die ganze Welt hin kund, daß er nichts abzulehnen gedenke und ganz und gar in der alten Idee verbleibe, und schleudert er das Anathema gegen alle Feinde Roms und des römischen Katholizismus, so können ihn die Regierungen Europas, wenn sie wollen, nicht anerkennen und somit eine so verhängnisvolle Erschütterung der römischen Kirche heraufbeschwören, daß die Folgen derselben unberechenbar und unabsehbar wären.
Oh, für die Politiker und Diplomaten fast ganz Europas war der gestürzte, im Vatikan gefangene Papst in den letzten Jahren solch eine Nichtigkeit, daß sie sich schämten, ihn auch nur zu erwähnen, besonders die geistreichen und liberalen unter ihnen. Der Papst, der Allokutionen hielt und Syllabusse herausgab, Pilger empfing und verfluchend im Sterben lag, glich in ihren Augen einem Narren, der bloß zu ihrer Belustigung lebte. Daß die größte Idee der Welt, die Idee, die aus dem Kopfe des Teufels entsprungen während seiner Versuchung Christi in der Wüste, die Idee, die in der Welt schon zweitausend Jahre lebt, daß diese Idee so einfach mir nichts dir nichts sich hinzulegen und sterben werde, womöglich in einer kurzen Minute – das wurde als unbestreitbar angenommen! Der Fehler lag hier natürlich in der Auffassung der religiösen Bedeutung dieser Idee, lag darin, daß zwei Bedeutungen verwechselt wurden: „Da heutzutage,“ hieß es, „selten jemand in der Welt noch an Gott glaubt, von dem Gott der römischen Auslegung schon ganz zu schweigen, in Frankreich aber selbst das Volk nicht mehr glaubt, höchstens noch die höhere Gesellschaft – aber auch die nicht wirklich mehr glaubt, sondern nur so tut – ergo, was können dann in unserem Jahrhundert der Bildung der Papst und der römische Katholizismus noch für eine Macht haben?“ – das ist es, wovon jetzt die geistreichen Leute überzeugt sind. Doch die religiöse Idee und die Papstidee sind grundverschieden. Und diese selbe Papstidee hat nun plötzlich in unseren Tagen, im ganzen erst vor zwei Monaten, mit einemmal solch eine Lebenszähigkeit bewiesen, solch eine Kraft, daß sie in Frankreich die radikalste politische Umwälzung zustande gebracht, ganz Frankreich den Zaum aufgelegt hat und es jetzt sklavisch nach sich zieht.
In Frankreich bildete sich in den letzten Jahren die parlamentarische Mehrheit aus Republikanern: und sie führten ihre Sachen ziemlich gut, ehrlich, ruhig, ohne Aufregungen durch. Sie verbesserten die Armee, bewilligten für sie ohne ein Wort des Streites riesige Summen, dachten aber nicht einmal an den Krieg, und alle begriffen, in Frankreich wie in Europa, daß, wenn es irgendwo eine friedliebende Partei gab, es zweifellos diese republikanische in Frankreich war. Ihre Führer zeichneten sich durch Mäßigung und eine an ihnen ganz ungewohnte Vernunft aus. Einstweilen aber sind das in Wirklichkeit lauter abstrakte Leute und Idealisten, Sänger eines schon längst verklungenen Liedes und furchtbar kraftlose Menschen: liberale, ergraute, doch sich jünger machende Greise, die sich einbilden, immer noch jung zu sein. Sie sind bei den Ideen der ersten französischen Revolution stehen geblieben, d. h. beim Triumph des dritten Standes, und sind im vollen Sinne des Wortes die Verkörperung des Begriffes „Bourgeoisie“. Das ist ganz dieselbe Julimonarchie, aber nur mit dem Unterschied, daß sie Republik heißt und es keinen König in ihr gibt – versteht sich, letzteren im Sinne von „Tyrann“. Alles, was sie Neues gebracht haben – das ist das Anno 48 eingeführte allgemeine Stimmrecht, das von der königlichen Juliregierung so gefürchtet wurde, und aus dem nicht nur nichts Gefährliches entstanden ist, sondern umgekehrt, sogar sehr viel für die Bourgeoisie Nützliches. Sehr zustatten kam diese Idee auch der Regierung Napoleons III. Doch die alten Herren waren im höchsten Grade zufrieden mit ihr, und es beruhigt und lullt sie ein wie kleine Kinder, daß sie „Republikaner“ sind. Das Wort „Republik“ hat bei ihnen etwas Komisch-Ideales. Man sollte meinen, daß diese unschuldige Partei Frankreich und die Franzosen vollkommen zufriedenstellen könnte, das heißt, die städtische Bourgeoisie und die Grundbesitzer. Doch siehe, in Wirklichkeit ist es umgekehrt. In der Tat, warum erschien die Republik in Frankreich immer als eine unzuverlässige Regierungsform? Und wenn die Republikaner nicht immer gehaßt worden sind, so werden sie doch immer von der großen Mehrzahl der Bourgeoisie wegen ihrer Kraftlosigkeit verachtet, oder wenn auch nicht gleich verachtet, so doch immerhin nicht wirklich geachtet. Auch das Volk hat ihnen fast nie getraut. Jedesmal, wenn in Frankreich die Republik die Regierung antrat, verlor geradezu alles im Lande seine Festigkeit und sein Selbstvertrauen. Bis jetzt ist die Republik immer nur ein Übergangszustand gewesen – zwischen revolutionären Versuchen allerschrecklichster Art und irgendeinem, zuweilen allerdummdreistesten Usurpator. Und da sie fast immer ein solches Ende genommen, hat sich auch die Gesellschaft gewöhnt, sie danach zu beurteilen. Dieses Mal war es nicht anders: kaum daß die Republik begann, fingen alle an, sich gleichsam in einem Interregnum zu fühlen – und wie vernünftig die Republikaner auch regieren mögen, die Bourgeoisie bleibt doch im stillen überzeugt, daß früher oder später der rote Bund aufflammen oder wieder irgendeine Monarchie beginnen wird. Das Ergebnis ist, daß der Bourgeoisie nun die monarchische Regierung viel lieber geworden ist als die republikanische, sogar ungeachtet dessen, daß die Monarchie, wie zum Beispiel die Napoleons III., gewissermaßen Versuche einer Vereinbarung mit den Sozialisten gemacht hat, während doch in der ganzen Welt niemand und nichts den Sozialisten feindlicher sein kann als die echten Republikaner: für die ist ja nur das Wort „Republik“ nötig, die Sozialisten aber suchen nicht Worte, sondern Taten. Nach den Prinzipien der Sozialisten ist’s ihnen einerlei – bilden sie eine Republik oder eine Monarchie, bleiben sie Franzosen oder werden sie womöglich Deutsche, und, offen gestanden, selbst wenn sich die Sache irgendwie so wenden sollte, daß ihnen der Papst zustatten käme, so würden sie selbst den Papst wählen. Sie suchen vor allen anderen Dingen zuerst ihre Sache durchzuführen, das heißt, den Sieg des vierten Standes sowie Gleichheit in der Verteilung der Rechte bei der Nutznießung der Lebensgüter, unter welch einer Fahne jedoch – das ist ihnen einerlei, meinetwegen unter der allerdespotischsten.
Auffallend ist, daß Fürst Bismarck den Sozialismus nicht weniger als das Papsttum haßt, und daß die deutsche Regierung, besonders in der allerletzten Zeit, scheinbar schon etwas zu sehr die sozialistische Propaganda zu fürchten anfängt. Zweifellos geschieht das nur, weil der Sozialismus die nationale Grundlage aufhebt, überhaupt die Wurzel der Nationalität untergräbt: das Prinzip der Nationalität aber ist die Grundlage der ganzen deutschen Einheit, die Hauptidee alles dessen, was in Deutschland in den letzten Jahren vollführt worden ist. Es kann jedoch sehr leicht möglich sein, daß Fürst Bismarck noch tiefer sieht und sich folgendes sagt: Der Sozialismus ist für ganz Westeuropa eine zukünftige Macht oder doch Kraft, und wenn das Papsttum irgendeinmal von den Mächten dieser Welt verlassen und verworfen sein wird, so kann es sehr, sehr leicht geschehen, daß es sich in die Arme des Sozialismus wirft und mit ihm zu einem Ganzen verschmilzt. Der Papst kommt mit bloßen Füßen zu allen Armen und sagt, daß alles, was sie lehren, schon längst in der Bibel geschrieben stehe, daß bisher bloß die Zeit für sie noch nicht gekommen wäre, dieses zu wissen, jetzt aber sei sie endlich angebrochen, und nun sei er, der Papst selber, bereit, ihnen Christus zu opfern, und statt an Ihn, gleichfalls an den menschlichen Ameisenhaufen zu glauben. Der römische Katholizismus – das liegt auf der Hand – bedarf nicht Christi, sondern der Weltherrschaft: „Also ihr braucht eine Vereinigung gegen den Feind? Vereinigt euch unter meiner Macht; denn ich allein bin von allen Mächten und Machthabern der Welt universal, – laßt uns zusammengehen!“ Dieses Zukunftsbild stellt sich wahrscheinlich Fürst Bismarck vor; denn von allen Diplomaten hat er allein einen so scharfen Blick gehabt, um die Lebenszähigkeit der römischen Idee und diese ganze Energie zu erkennen, mit der sie bereit ist, sich zu verteidigen, ohne jetzt noch die Mittel zu wählen. Leben will sie höllisch gern, sie zu töten aber ist schwer, denn sie ist eine Schlange! – Der einzige, der das erkennt, ist Bismarck – der größte Feind des Papsttums und der römischen Idee!
Doch siehe, die sich immer jünger machenden alten Herrchen, die französischen Republikaner, sind nicht fähig, dies zu verstehen. Den Klerus hassen sie schon aus bloßem Liberalismus, den Papst halten sie für machtlos und verächtlich und die römische Idee für vollständig überlebt. Sie verfallen nicht mal darauf, sich mit der furchtbaren klerikalen Partei zu versöhnen, wenn auch nur politisch, um sich etwas mehr Festigkeit zu verleihen. Wenigstens könnten sie es doch vorläufig unterlassen, die Klerikalen zu reizen, sie mit einem so anmaßenden Selbstvertrauen zu foppen, ja, sie könnten ihnen sogar einige Unterstützung bei der so nah bevorstehenden Wahl des neuen Papstes versprechen. Sie aber tun gerade das Gegenteil – entweder aus der idealen Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen, oder einfach aus Leichtsinn. In der letzten Zeit haben sie noch zum Überfluß angefangen ganz besonders den Klerus zu verfolgen, und zwar genau in dem Augenblick, da dem Papsttum nur noch Frankreich als einzige Stütze verblieb. Denn wer könnte wohl im Notfalle für die „Freiheit“ der Papstwahl und für die Freiheit des gewählten Papstes das Schwert ziehen? Und dieses Schwert muß zudem noch stark und mächtig sein. Es blieb keine andere Wahl als Frankreich und seine große Armee. Und nun Frankreich an der Spitze der Feinde! Freilich, Marschall Mac-Mahon ist gehorsam, doch ist er selber in der Klemme und kann sich nicht mal selbst befreien: Die Mehrheit der Kammer ist republikanisch und liberal, und keine einzige der anderen Parteien vermag sie zu stürzen. Kurz, die republikanische Mehrheit zu verdrängen ist unmöglich ... Und nun plötzlich befreit dieser Klerus – dieser verachtete, machtlose Klerus! – den Marschall Mac-Mahon und beweist der ganzen Welt eine Macht, wie sie niemand von ihm mehr erwartet hätte. Die Pfaffen geben den Parteien zu verstehen, daß sie sich nur unter der Fahne des Klerus vereinigen können, und die Parteien, frappiert durch die Augenscheinlichkeit dieser Wahrheit, sind sofort mit ihnen einverstanden. In der Tat: für die Legitimisten wie für die Bonapartisten ist der größte und nächste Feind – diese selbe republikanische Mehrheit. Wenn jede dieser Parteien einzeln für sich arbeiten wollte, so würde sie nichts erreichen, zusammen aber, vereint, können sie eine Macht bilden, die am Ende fähig wäre, alle zu besiegen und selbst die Republikaner zu verjagen. Dann aber, wenn sie die Republik erdrosselt haben, wird jede Partei sich um sich allein kümmern können und, versteht sich, jede von ihnen wird dann um so größere Aussichten auf Erfolg haben, je mehr sie dem Klerus Gefallen erweist. Alles das hat der Klerus mathematisch berechnet und – – die Vereinigung ist zustande gekommen: schon hat die klerikale Mehrheit des Senats den Marschall Mac-Mahon ermächtigt, die Republikaner anzugreifen.
Das schwarze Heer. Die Meinung der Legionen als neues Element der Zivilisation
Nachdem der Klerus plötzlich solch eine unerwartete Macht und Gewandtheit bewiesen hat, wird er fraglos noch weiter gehen. Dieses schwarze Heer wird einfach in der entscheidenden Stunde Deutschland den Krieg erklären – und das ist es, was Fürst Bismarck alsbald durchschaut hat! Das Wichtigste haben sie ja schon erreicht: Mac-Mahon hat eingewilligt, Frankreich in die Abenteuerpolitik zu stürzen. Nun, und die Klerikalen sind nicht derart, um vor dem Weiteren zurückzuschrecken. Die haben kein Mitleid mit Frankreich. Wie alles in der Welt, brauchen sie auch Frankreich nur so lange, wie sie aus ihm Nutzen ziehen können. Dieses Land, das ihre einzige Hoffnung ist und ihnen so viele Jahrhunderte lang treu gedient hat, könnten sie eigentlich wohl verschonen! Aber ihre Stunde im Jahrtausend hebt schon an zum Schlage, und wenn ihnen da gerade Frankreich in die Hände fällt: warum sollen sie dann nicht aus ihm Kräfte herausquetschen, soviel sie eben nur können, und wenn sie damit auch hundertmal seine Existenz, sein Leben aufs Spiel setzen? Sie müssen alles nehmen, was es noch hergeben kann, und vor allen Dingen dürfen sie keinen Augenblick versäumen: wollten sie nur ein wenig später beginnen, so wäre es für sie schon zu spät. Darum heißt es gerade jetzt versuchen, Bismarck zu schlagen; denn wenn jemand bei der Wahl des Papstes stören wird, so ist es natürlich nur er. Und hinzu kommt jetzt noch, daß Bismarck gerade in diesem Augenblick ganz allein ist, ohne einen einzigen Verbündeten: Rußland – seine ganze Hoffnung – ist durch den Krieg in Anspruch genommen. Und schließlich, wenn es gelingt, Bismarck, wenn auch nur zeitweilig, zu besänftigen, so heißt es für sie doch, so schnell wie nur möglich, das Zukünftige anbahnen: den günstigen Augenblick benutzen und ein für allemal aus Frankreich einen dauerhaften Bundesgenossen machen, einen, der zu allem bereit ist und gehorsam bleibt, und der einwilligt, zu diesem Zweck daselbst eine radikale, diesmal aber ernstliche, auf ewig geltende Umwälzung zustande zu bringen. Zweifellos ist damit viel gewagt, doch schwanken können wohl andere, nicht aber die Jesuiten. Die Sache liegt nämlich so, daß sie gegenwärtig überhaupt keine andere Wahl haben, als riskieren und riskieren und nochmals riskieren ... Sich mit der klerikalen Umwälzung in Frankreich begnügen, – ohne Krieg mit Deutschland und ohne ernstliche Revolution in Frankreich, ist ihnen einfach unmöglich: derart ist jetzt ihre Lage. Sie wollen alles haben – oder nichts –, und da würde wenig nehmen, sich mit irgendeinem „Einfluß auf die Regierung“ zufrieden geben, ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ihre Bedürfnisse aber sind jetzt riesengroß! Und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als va banque zu spielen. Wenn ihnen aber, nehmen wir an, der Coup in Frankreich nicht gelingt, wenn, sagen wir, die Deutschen nochmals siegen und Frankreich den letzten Todesstoß geben, so kommt es für sie doch auf eins heraus: sie, also der Klerus, werden es deswegen nicht schlechter haben als jetzt, ich meine, als wenn sie jetzt artig die Hände in den Schoß legten und keine Umwälzung beabsichtigten: sie würden beim Alten bleiben, bei dem, wo sie vor den „Abenteuern“ waren, das heißt soviel wie in der allerschlimmsten Lage, die nur einen Trost hat, nämlich den, daß sie nicht mehr schlimmer werden kann. Eine andere Sache ist es mit Frankreich: wird es nochmals besiegt, so ist es unrettbar verloren. Doch nicht den Jesuiten steht es an, davor zurückzuschrecken: sie wissen, daß sie, wenn Frankreich siegt, alles bekommen und sich dann endgültig einnisten können. Dazu aber haben sie ihre besonderen Mittel, in Frankreich noch unerhörte Mittel!
Alle anderen Revolutionäre, selbst die wildesten „rotesten“, verbinden sich doch, wenn sie den Umsturz vollbracht, mit irgend etwas Allgemeinem, vorher Gegebenem und sogar Gesetzmäßigem. Die revolutionären Jesuiten jedoch können nicht gesetzmäßig, sondern nur ungewöhnlich handeln. Dieses schwarze Heer steht außerhalb der Menschheit, außerhalb des Bürgertums, außerhalb der Zivilisation und geht ganz von sich allein aus. Das ist ein status in statu, das ist die Armee des Papstes, die braucht nur den Triumph einzig ihrer Idee, – das übrige mag untergehen, was ihr im Wege liegt, mag verderben, was nicht mit ihnen übereinstimmt, mag sterben – Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft! Sicherlich wollen sie Frankreich zu einer neuen und jedenfalls endgültigen Form umarbeiten, wenn bloß die Gelegenheit ihnen günstig ist; und wollen aus dem Lande allen Kehricht hinausfegen, und zwar mit einem Ofenbesen, wie ihn bis jetzt noch niemand gesehen hat, auf daß nicht einmal ein Geruch von irgendeinem Widerstande im Lande bleibe; und wollen dann dem Französischen Staat eine neue Verfassung geben, die ewig unter der strengsten Vormundschaft der Jesuiten bleiben muß.
All das kann auf den ersten Blick lächerlich absurd erscheinen. In der französischen Presse – und auch in der unsrigen – sind alle wohlgesinnten Leute fest davon überzeugt, daß die klerikale Partei sich bei den nächsten Wahlen unbedingt das Bein brechen werde. Die französischen Republikaner sind in ihrer geistigen Unschuld gleichfalls vollkommen überzeugt, daß „die ganze activité dévorante der von neuem ausgesandten Präfekten und Maires so gut wie nichts erreichen wird und nur die früheren Republikaner gewählt werden, die dann wiederum die frühere Mehrheit ausmachen und alsbald den Absichten Mac-Mahons ein Veto entgegensetzen werden; darauf wird dann der ganze Klerus verjagt und mit ihm vielleicht auch Mac-Mahon“. Doch diese Überzeugung ist leider nicht sehr begründet, und sicher machen sich die Klerikalen in der Beziehung die geringsten Sorgen. Die Sache ist nämlich eigentlich die, daß die naiven, harmlosen Greise, wie es scheint, immer noch nicht, trotz der vielen Erfahrungen, im ganzen Umfang begreifen können, mit was für Leuten sie es zu tun haben. Denn so wie die Wahlen für die Klerikalen nur ein wenig unvorteilhaft ausfallen, werden sie auch die neue Kammer auflösen, ungeachtet aller konstitutionellen Rechte derselben. Man wird vielleicht einwenden, dieses sei ungesetzmäßig, illegitim und darum unmöglich? Das ist allerdings wahr, doch wann kümmert sich dieses schwarze Heer um das Gesetz und die Rechte? Sie werden bestimmt – wir haben ja schon Tatsachen, die davon zeugen – ihrem gehorsamen Marschall den tollkühnen Gedanken eingehen, ein Mittel zu gebrauchen, das in Frankreich noch nie angewandt worden ist, und zwar: den militärischen Despotismus. Man wird natürlich sofort sagen, daß das ein altes Mittel sei, daß es schon mehrmals angewandt worden wäre, zum Beispiel von den Napoleonen! Und doch wage ich zu behaupten, daß es in seiner ganzen Gewaltsamkeit tatsächlich noch kein einziges Mal in Frankreich gebraucht worden ist. Hat sich der Marschall Mac-Mahon der Armee versichert, so kann er die ganze zukünftige Versammlung der Landesvertreter, wenn sie gegen ihn ist, einfach mit dem Bajonett auseinanderjagen und darauf dem Volke erklären, daß die Armee es so gewollt habe. Wie ein römischer Imperator der Verfallszeit kann er daraufhin ruhig kundtun, daß er sich hinfort „nur noch nach der Meinung der Armee richten werde“. Dann kommt der allgemeine Belagerungszustand und der militärische Despotismus, – und Sie werden sehen, meine Herrschaften, das wird furchtbar vielen in Frankreich sogar ungemein gefallen! Glauben Sie mir, wenn es not tut, werden auch die Abgeordneten kommen und mit der Stimmenmehrheit ganz Frankreich den Krieg gestatten und die nötigen Gelder dazu hergeben. In seiner kürzlichen Rede an das Heer hat sich der Marschall wenigstens in diesem Sinne ausgedrückt, und seine Worte haben großen Anklang gefunden. Wir können also nicht mehr zweifeln, daß das Heer mehr auf seiner Seite ist. Hinzu kommt noch, daß er jetzt schon zu weit gegangen ist, um noch stehenbleiben zu können, andernfalls würde er seinen Posten nicht mehr behalten, während doch seine ganze Politik und seine ganze Person sich in dem einen Wort „J’y suis et j’y reste“ ausdrückt. Über diese Phrase hinaus ist er bekanntlich noch nicht gegangen, doch wird er selbstverständlich alles für den Triumph derselben tun, wird, wenn’s drauf ankommt, selbst die Existenz Frankreichs aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit und Bereitwilligkeit zu solch einem Wagnis hat er ja schon einmal im Deutsch-Französischen Krieg bewiesen, als er sich unter dem Einfluß der Bonapartisten entschloß, aus Treue zur Dynastie Napoleons, Frankreich bewußt seiner Armee zu berauben. Die Klerikalen haben ihm bestimmt sein „J’y suis et j’y reste“ sicher gestellt. Zweifellos haben sie es schon verstanden, Mac-Mahon geschickt darauf hinzuweisen, daß man im Notfalle – sind erst einmal die Parteien, die Bonapartisten und Legitimisten, unter der Fahne vereinigt – daß man im Notfalle, wie gesagt, auch ohne Chambord und ohne Bonaparte auskommen könne und man sie durchaus nicht zu rufen brauche, ja, dieses sogar in keinem Fall, sondern daß einfach der Marschall Mac-Mahon Diktator und unabsetzbarer Regent – doch dann nicht nur auf sieben Jahre – werden könne. Auf diese Weise würde sich also die These „J’y suis et j’y reste“ ohne Wunder verwirklichen – wenn man nur erst das Einverständnis der Armee hätte! Die Zustimmung Frankreichs kommt später ganz von selbst hinzu, denn eine feste Diktatorenhand an der Spitze der Macht wird vielen, sehr vielen gefallen. Solcher schmeichelhaften Hinweise wird es, wie gesagt, fraglos schon gegeben haben. Vielleicht wird man Bedenken tragen, ob ein Mann wie Mac-Mahon so etwas unternehmen und auch ausführen kann? Nun, erstens hat er schon die eine Hälfte ausgeführt, und zwar diejenige Hälfte, die, was Entschlossenheit anbetrifft, keineswegs leichter ist als die andere. Und zweitens, – gerade solche Leute, die an und für sich nicht im geringsten unternehmend sind, können, wenn sie plötzlich unter irgend jemandes höheren, energischen Einfluß kommen, eine ganz unerwartete, verhängnisvolle Entschlossenheit bekunden – nicht etwa weil sie Genies sind, sondern viel eher aus dem entgegengesetzten Grunde. Hier handelt es sich nicht um Erwägung, sondern einfach um das In-Bewegung-Setzen, darum daß man den Anstoß gibt; und hat man solche Menschen erst einmal ordentlich vorwärtsgestoßen, so ziehen sie eben die Karre so lange schnurgerade weiter, bis sie entweder mit dem Kopf die Wand einrennen oder aber sich selbst die Hörner abstoßen.
Ein ziemlich unangenehmes Geheimnis (Ausblicke)
All das begreift man in Deutschland nur zu gut. Wenigstens halten alle offiziösen Organe der Presse, die vom Fürsten Bismarck beeinflußt werden, den Krieg für unvermeidlich. Wer von den Gegnern sich zuerst auf den anderen stürzen wird, und wann gerade, – das kann man natürlich nicht voraussagen, doch kann der Krieg sehr, sehr leicht ausbrechen. Selbstverständlich „kann“ das Gewitter auch vorüberziehen, nämlich wenn Mac-Mahon plötzlich Angst befällt vor dem, was er auf sich genommen, und er, wie einstmals Ajax, in Zweifeln befangen, auf halbem Wege stehenbleibt. Dieser Zufall ist allerdings möglich, doch kann man wohl kaum irgendwie auf ihn oder mit ihm rechnen. Vorläufig verfolgt Fürst Bismarck mit fieberhafter Aufmerksamkeit alles, was in Frankreich vor sich geht, und beobachtet und wartet. Für ihn besteht das Verhängnisvolle gerade darin, daß die Sache nicht in dem Augenblick angefangen hat, in dem er es erwartete. Jetzt jedoch sind ihm die Hände gebunden. Am unangenehmsten aber ist, daß sich plötzlich die Wunden aufgedeckt haben, die bis jetzt so sorgsam geheimgehalten wurden. Über die größte von ihnen habe ich schon einmal gesprochen – das ist die Befürchtung, Rußland könnte erraten, wie mächtig es ist, und welch eine Bedeutung sein entscheidendes Wort jetzt, gerade in diesem Augenblick haben kann, und – die Hauptsache – „daß die Abhängigkeit vom Bündnis mit Rußland allem Anschein nach die Schicksalsbestimmung Deutschlands ist, besonders seit dem Deutsch-Französischen Kriege“. Dieses deutsche Geheimnis könnte jetzt plötzlich ans Licht kommen – und das wäre für die Deutschen zum mindesten peinlich. Wie aufrichtig gewogen uns auch die Politik Deutschlands in den letzten Jahren gewesen ist: dieses Geheimnis ist von allen Deutschen streng bewahrt worden, niemals auch nur angedeutet worden – auch nicht in der Presse. Bis jetzt hatten die Deutschen immer eine ruhige und stolze Haltung, die natürlicherweise der Macht, die niemandes Hilfe braucht, eigen ist; nun aber muß die schwache Stelle leider herauskommen. Denn wenn das klerikale Frankreich sich zum verhängnisvollen Kampf entschließt, so ist es damit nicht getan, daß man seinen Angriff, falls es zuerst angreifen sollte, zurückschlägt, sondern man muß es für immer entkräften, es einfach erdrücken und die Gelegenheit ausnutzen – das ist die Aufgabe! Da aber Frankreich zudem reichlich eine Million Soldaten hat, so muß es den Sieg, um des Endes der Sache gewiß zu sein, unbedingt sicher stellen; denn anders lohnt es sich überhaupt nicht, anzufangen. Und die einzige Sicherstellung wäre, sich des entscheidenden Wortes Rußlands zu vergewissern. Kurz, am unangenehmsten ist, daß all das so plötzlich und unvorbereitet herauskommt. Alle früheren Berechnungen sind umgeworfen, und jetzt sind es schon die Ereignisse, die die Berechnungen lenken – nicht umgekehrt, wie früher. Heute oder morgen kann Frankreich im Innern mit sich zur Ruhe kommen. Es hat sich in eine Abenteuerpolitik gestürzt, und daher kann man sich wohl fragen, wo diese Abenteuer aufhören werden, wo ihnen eine Grenze gezogen sein wird? Das ist sehr unangenehm: noch vor so kurzer Zeit zeigten die Deutschen ein so unabhängiges Auftreten, besonders im letzten Jahre. Erinnern wir uns, daß in diesem Jahre auch Rußland sich bemühte, in Europa zu erkennen, wer ihm freund war, und die Deutschen kannten unsere Sorgen und machten ihre feierlich-festlichste Miene, die wohl den Umständen am angemessensten war. Es ist ja verständlich, wenn Deutschland sich über jede slawische Bewegung immer ein wenig beunruhigt; doch kann man wohl sagen, daß die Kriegserklärung Rußlands vor zwei Monaten für Deutschland vielleicht sogar nicht einmal so ganz unangenehm war: „Nein, jetzt werden sie es schon bestimmt nicht erraten,“ dachte man in Deutschland vor zwei Monaten, „daß wir es sind, die ihrer bedürfen, jetzt werden die Russen, an der Donau, dem ‚deutschen Strom‘, stehend, vollkommen überzeugt sein, daß, umgekehrt, mir sie allein uns furchtbar nötig haben und es am Ende des Krieges ohne unser gewichtiges Wort unmöglich abgehen wird. Und es ist gut, daß die Russen so denken, das kann uns später sehr zustatten kommen.“ Fraglos hat es viele kluge Deutsche gegeben, die vor zwei Monaten so von uns gedacht haben; ihre ganze Presse dachte und schrieb so und – nun plötzlich hat diese klerikale Stimmung durch alles einen Strich gezogen und alles umgestürzt! „Oh, jetzt werden sie es erraten, jetzt werden sie alles erraten! Und außerdem ist es unbedingt nötig, daß Rußland so schnell wie möglich diesen Krieg beendet und wieder frei wird! Doch wäre es äußerst gefährlich, hierbei eine Beeinflussung zu versuchen. Vielleicht wird es vor England und Österreich Angst bekommen – was aber nicht anzunehmen ist. Uns aber England und Österreich zur Beeinflussung Rußlands anzuschließen, daran ist nicht zu denken: die werden später sowieso nicht helfen, und Rußland würden wir nur verärgern. Sonderbare Lage! Oder sollte man Rußland womöglich helfen, damit es den Krieg schneller los wird? Nun ... das könnte man auch ohne Waffen tun, einfach mit politischem Druck, auf Österreich zum Beispiel ...“ So ungefähr überlegen jetzt dieselben Politiker, und es kann sehr, sehr leicht geschehen, daß all das in Wirklichkeit eintrifft.
Um es kurz zu machen – ich wollte nur meine Überzeugung äußern, meinen Glauben, daß Rußland nicht nur so stark und mächtig wie immer ist, sondern jetzt, gerade jetzt, die stärkste aller europäischen Mächte ist, und daß noch niemals sein entscheidendes Wort in Europa so geschätzt werden konnte wie im gegenwärtigen Augenblick. Mag Rußland jetzt auch mit den Türken beschäftigt sein, so kann doch schon seine Entscheidung für diesen oder jenen die Wage der europäischen Politik je nach seinem Wunsch und Willen in starkes Schwanken bringen. Sogar England selbst sieht jetzt, wie es, in Anbetracht der Möglichkeit äußerst umständlicher neuer Ereignisse in Westeuropa, sogar in den Augen der Russen zwei Drittel seines Prestige verliert, und wie doch endlich auch die mißtrauischsten Russen begreifen, daß es ihm, England, nicht einfällt, es auf einen Krieg ankommen zu lassen, wenn Rußland fest entschlossen ist, seine Sache fortzuführen, und daß England weit mehr auf eine Teilung des Erbes nach dem Tore des „kranken Mannes“ spekuliert, als daß es sich entschlösse, für denselben, in dieser ohnehin schon ungemütlichen Zeit, noch einen offenen Krieg zu beginnen. In der Tat, sollte es geschehen, daß etwas Unerwartetes, Unheilvolles in Westeuropa ausbräche, so wird doch England sich nie und nimmer in eine so heikle Sache gar zu sehr einmischen, die dem gewohnten Charakter seiner Interessen so überaus unähnlich sieht, und wird, versteht sich, bloß eine aufmerksam beobachtende Stellung einnehmen und nach seiner alten Gewohnheit den günstigen Augenblick abwarten, in dem sich irgendwo irgendeine Teilung der Beute ausschnüffeln läßt, um sich dann geschwind mit seinen Forderungen einzufinden. Jetzt jedoch, das heißt, vor der Klärung der Verhältnisse im Westen, wäre es keine Berechnung für England, gegen Rußland irgend etwas Ernstes zu unternehmen. Anderseits: was kann Österreich machen, wenn es allein bleibt? Ist es doch unwahrscheinlich, daß die klerikale Verwicklung der Sache in Westeuropa nicht auch auf Österreich hinüberwirken wird. Und so harrt denn natürlich auch Österreich, ganz wie alle anderen, der ferneren Dinge und der Entscheidungen der Fragen, so daß auch ihm jetzt, ganz wie allen anderen, die Hände teilweise gebunden sind. Ja, allen sind jetzt die Hände irgendwie gebunden, nur Rußland hat die seinen noch frei. Nun, und da hat denn auch schon etwas Unvorhergesehenes zu unseren Gunsten eingesetzt. Wie soll man auch nicht mit dem Unvorhergesehenen rechnen, wenn es sich um die Geschicksentscheidung der Menschheit handelt?
Gott und seine Gesetze regieren die Welt, und wenn über Europa sich wirklich etwas Neues mit Schicksalsmacht entladen soll, so ist es wohl nötig, daß es früher oder später geschieht. Gebe Gott, daß ich mich täusche. Gebe Gott, daß die heraufziehende Wolke sich verzieht und all meine Vorahnungen sich nur als meine eigenen „hitzigen“ Phantasien erweisen – als Phantasien eines Menschen, der von der Politik nichts versteht. Die ganze Frage ist ja nur –: Haben die offiziösen Organe der deutschen Presse, die den Krieg prophezeien und ihn erwarten, recht oder unrecht? Anderseits versichern die Minister Mac-Mahons den Franzosen und der ganzen Welt aus allen Kräften – übrigens ohne jegliche beschuldigende Anspielungen –, daß „Frankreich den Krieg nicht beginnen wird“. Nun, da wird man doch wohl zugeben müssen, daß all dieses zum mindesten verdächtig ist, und daß die Lösung der Zweifel, schon nach dem Gang der Sache selbst zu urteilen, in äußerst kurzer Zeit eintreffen kann. Wie aber, wenn jetzt so viel von der „Meinung der Armee“ abhängt? Schlimm, wenn es soweit kommt: dann ist es zu Ende mit Frankreich. Übrigens kann das ja nur mit Frankreich allein geschehen und sonst mit niemandem in der ganzen Welt. Doch gebe Gott, daß es auch mit ihm nicht geschehe: Das würde ein schlimmer Anfang sein und ein noch schlimmeres Beispiel.
Die Lage Frankreichs
Unselige Pechvögel (Französische Republikaner)
Es ist schwer, sich etwas Unglückseligeres vorzustellen, als es die französischen Republikaner und die Französische Republik sind.[13] Nun ist es bald schon hundert Jahre her, daß diese Einrichtung auf die Welt gekommen. Und seit der Zeit ist es immer wieder geschehen – jetzt zum drittenmal –, daß, wenn gewandte Usurpatoren die Republik sozusagen konfiszierten, sich niemand erhob, sie ernstlich zu verteidigen, außer vielleicht irgendeinem kleinen Häufchen Machtloser. Eine allgemeine, starke Unterstützung der Republik von seiten des ganzen Volkes hat es noch nie gegeben. Und selbst in den Zeiten, da sie ein Recht hatte, zu existieren, hat sie selten jemand für eine nicht vorübergehende, für die definitive politische Institution Frankreichs genommen. Nichtsdestoweniger gibt es wohl kaum Leute, die von der Sympathie des ganzen Landes für die Republikaner überzeugter wären als die französischen Republikaner selbst.
Übrigens, während der zwei ersten Versuche, in Frankreich die Republik zu begründen, im vorigen Jahrhundert sowie 1848, konnten die damaligen Republikaner noch einige Gründe haben, besonders zu Anfang ihrer Versuche, auf die Sympathie des Landes zu rechnen. Die jetzigen Republikaner jedoch, – diese selben, denen es bestimmt ist, in allerkürzester Zeit samt ihrer Republik von irgend jemandem kurz und bündig aufgehoben zu werden – die, sollte man meinen, hätten schon wirklich keinen Grund mehr, sich Hoffnungen auf eine sichere Zukunft zu machen, selbst wenn ihnen das Land auch einige Zuneigung entgegenbrächte, eine Zuneigung, die, nota bene, in Frankreich nicht allzu zuverlässig ist; denn das Volk sympathisiert jetzt ja nur negativ mit ihnen, etwa nach dem Sprichwort: bei Fischmangel ist auch der Krebs ein Fisch – mit anderen Worten: im Notfalle nimmt man mit allem fürlieb. Währenddessen aber sind sie noch am Vorabend ihres sicheren Sturzes von ihrem Siege fest überzeugt. Und doch: was waren das für unglückliche Leute, was war das für eine Republik, diese dritte, die der selige Thiers wohl anerkannte, doch eben nur wie den Krebs bei Fischmangel! Wir brauchen uns ja nur der Geburt dieser dritten Republik zu erinnern: fast zwanzig Jahre lang erwarteten diese Republikaner den „ruhmvollen“ Augenblick, da der Usurpator gestürzt sein und „das Land sie zurückrufen“ werde. Und was geschah? Als diese Pechvögel nach Sedan glücklich die Herrschaft an sich gerissen hatten, waren sie gezwungen, diesen furchtbaren Krieg auf ihre Schultern zu nehmen, diesen Krieg, den sie niemals gewollt hätten, und den ihnen der Usurpator hinterließ, als er Frankreich verließ, um in das schöne Schloß Wilhelmshöhe einzuziehen und dort seine Zigarren weiterzurauchen. Und wenn dieser geriebene Usurpator, als er dann durch die Alleen des deutschen Schloßparks spazierte, sich auch über sie geärgert haben mag, die seine Macht an sich gerissen hatten, so wird er zuweilen doch bestimmt auch boshaft gelächelt haben, bei dem Gedanken, wie gut er sich an ihnen gerächt, indem er seine Schuld auf ihr schwaches Haupt gewälzt hatte. Denn, wie dem auch sein möge – später beschuldigte Frankreich doch eher sie als ihn alles dessen, worüber es sich zu beklagen hatte: daß sie den hoffnungslosen Krieg überhaupt weitergeführt und nicht verstanden hatten, sofort Frieden zu schließen, daß sie zwei große Provinzen, fünf Milliarden fortgegeben, das Land zugrunde gerichtet, sich schlecht geschlagen und ihre Anordnungen aufs Geratewohl getroffen. Letzteres wirft man noch heute dem damaligen Diktator Gambetta vor, der jedoch an nichts schuld ist, im Gegenteil, alles getan hat, was unter jenen Verhältnissen möglich war. Kurz, die Anklage gegen die Republikaner, daß sie ungeschickt gewesen seien und das Land ins Verderben gestürzt hätten, hielt sich und hält sich auch jetzt noch unangefochten aufrecht. Was tut’s, wenn alle wissen, daß Napoleon die erste Ursache des Unglücks war, es heißt trotzdem: „Warum haben sie denn die Sache nicht besser gemacht, wenn sie sie einmal übernahmen? Und wenn’s nur das wäre – aber sie haben sie ja noch so verschlimmert, wie man sie sich schlimmer gar nicht vorstellen kann.“ – Ein schöner Vorwurf! Doch das ist noch nicht alles: zusammen mit dieser Anschuldigung heftete sich ihnen auch noch etwas Verächtliches und Lächerliches an, bei dem Gedanken, in welch eine Klemme sie gleich zu Anfang ihrer Herrschaft geraten waren. Und doch – was hätten sie anderes tun können? Den Krieg nicht weiterzuführen, gleich nach Sedan Frieden zu schließen, war unmöglich: Die Deutschen würden auch dann Land und Geld gefordert haben, und was wäre da aus den Republikanern geworden, wenn sie auf diese Bedingungen eingegangen wären? Man würde sie einfach Feiglinge oder „Traitres“ genannt haben, wenn sie, „noch im Besitze einer Armee“, sich nicht verteidigt, sondern schmählich ergeben hätten. Das wäre eine schöne Empfehlung für ihre neue Republik gewesen! Da ihnen aber die Republik und deren Errichtung in Frankreich viel mehr am Herzen lag als die Rettung des Landes, so waren sie eben gezwungen, den Krieg weiterzuführen, trotz der Ahnung, daß nach dem Kriege sie eine noch weit größere Schande erwartete! Also stand vor ihnen Schande, und stand hinter ihnen Schande – eine Lage, die nicht nur unglücklich, nicht nur tragisch, sondern in gewisser Beziehung sogar komisch war; denn wahrlich nicht in der Gestalt hatten sie sich den Antritt ihrer Herrschaft nach dem Sturz des „Tyrannen“ erträumt!
Diese Komik wurde noch durch den Umstand verstärkt, daß sie trotz allem mit dem leichtesten Herzen die Herrschaft ergriffen, trotz allem ... das heißt, Verzeihung, ich will keineswegs behaupten, sie hätten nicht um Frankreich getrauert – oh, unter ihnen gibt es, was Gefühle anbelangt, vortreffliche Leute und sogar wirkliche Diener des Vaterlandes, versteht sich, im Falle es Republik heißt. Vielleicht gibt es sogar solche, einen oder zwei, die selbst die Republik an die zweite Stelle setzen würden, wenn nur Frankreich glücklich wäre – obgleich es kaum wahrscheinlich ist, daß es solche gibt, höchstens, wie gesagt, einen oder zwei, jedenfalls bestimmt nicht mehr. Die Sache war nun aber die: die Republikaner bildeten sich nämlich sofort ein – kaum daß der Friede mit Deutschland geschlossen war und sie sich angeschickt hatten, das Land in Ruhe zu verwalten –, sie hätten schon die Liebe Frankreichs errungen, und zwar gleich auf ewig, für alle kommenden Zeiten. Das war es, was so komisch wirkte! Entschieden hat jeder französische Republikaner die verhängnisvolle, verderbliche Überzeugung, es genüge das Wort „Republik“, es genüge schon, das Land eine Republik zu nennen, und sofort werde es für immer glücklich sein. Jedes Mißlingen der Republik schreiben sie unentwegt stets einem äußeren störenden Umstand zu, wie zum Beispiel dem, daß es auch Usurpatoren in der Welt gibt und überhaupt böse Menschen; und kein einziges Mal denken sie an die ungemeine Schwäche jener Wurzeln, die die Republik im Boden Frankreichs geschlagen, und die in ganzen hundert Jahren nicht haben erstarken und tiefer eindringen können. Überdies ist es den Republikanern in diesen sechs Jahren noch nie eingefallen, daß ihre komische Lage, wie Napoleon III. sie ihnen hinterlassen hat, auch jetzt noch besteht und daß, wenn das alte Unglück vergangen ist, ein neues Unglück, ein dem alten ähnliches, sich nähert, und zwar eines, das sie bestimmt in die allerkomischste Lage bringen wird, in eine so ungemein komische Lage, daß sie sich vielleicht schon in allernächster Zukunft nicht mehr werden halten können. Diese Komik besteht darin, daß dieses kommende Unglück, erstens ganz so wie das vergangene, in ihrer Erfüllung der hohen Pflicht liegt, dem Vaterlande wissentlich zum Verderben dienen zu müssen; zweitens, daß dieses Unglück wieder ganz so wie das erste vollkommen unabwendbar ist; drittens, daß es sie in eine ebensolche Klemme zu bringen droht, wie die, in der sie 1871 staken; und viertens, daß es, zur Vollendung des Verdrusses, ihnen ganz so wie das erste Mal von diesem selben Napoleon III., den sie so hassen und dessen Andenken sie so verfluchen, vermacht worden ist. In der Tat: wer ist jetzt der eifrigste Anhänger der Französischen Republik? Zweifellos Fürst Bismarck. So lange, wie in Frankreich die Republik besteht, ist jeder Revanchekrieg unmöglich. Man stelle sich nur vor: die Republikaner entschlössen sich, den Deutschen den Krieg zu erklären!! Nun, Fürst Bismarck begreift die Lage. Und währenddessen ist es doch sonnenklar, daß der große Organismus Frankreichs – vierzig Millionen – nicht ewig schmachvoll unter der Vormundschaft Deutschlands bleiben kann. Die Wunden werden zuheilen, die Erschütterung wird allmählich in Vergessenheit geraten, es werden sich neue Kräfte ansammeln, Mittel, Heere ... Und kann denn überhaupt eine Nation, die so lange politisch die erste Rolle gespielt hat, nach ihrem alten Ansehen in Europa nicht verlangen? Der Augenblick, in dem das geschehen wird, ist vielleicht nicht mehr gar so fern: die Fülle innerer Kraft muß unbedingt darnach streben, die Vormundschaft Bismarcks abzuschütteln und ihre frühere Unabhängigkeit wiederzugewinnen; denn augenblicklich kann man Frankreich unmöglich unabhängig nennen. In besagtem Falle aber würde eben ganz Frankreich sofort beim ersten Schritt mit dem Kopf an seine Republik stoßen. Wie kann man sich also, wiederhole ich, nur vorstellen, daß die jetzigen Republikaner überhaupt wollen könnten, dem Fürsten Bismarck in irgendeiner Angelegenheit „grob zu kommen“, und sogar in solch einer Weise, daß sie einen Krieg mit ihm riskierten!? Erstens, welch ein Franzose wird denn mit ihnen gehn, sogar in dem Falle, wenn Frankreich den Krieg wollte? Und zweitens wird sich doch jeder Franzose die unabweisbare, furchtbare Frage stellen: Was aber dann, wenn die Deutschen uns wieder schlagen? Dann ist ja für die Republik in Frankreich das letzte Ende gekommen: dann wird Frankreich ausschließlich den Republikanern die Schuld an der Niederlage zuschreiben und sie dann aber endgültig verjagen, wobei es natürlich ganz vergessen wird, daß es selbst nach der „Vergeltung“ und der alten dominierenden Stellung verlangt hatte ... Sollten aber anderseits die Republikaner festen Fuß fassen, auf die neuen Stimmen und Schreiereien nicht hören, den Krieg nicht erklären – so hieße das gegen den Wunsch des Landes gehen, das sie dann wiederum absetzen und sich dem ersten besten gewandten Führer anvertrauen würde. Mit einem Worte: – vorne Sedan und hinten Sedan! Inzwischen haben die Republikaner aber bestimmt noch nicht einmal angefangen an all das zu denken, obgleich der neue Ausbruch des Volkes vielleicht nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Und gleichfalls haben sie auch daran noch nicht gedacht, daß sie im Grunde nichts anderes sind, als die Protégés des Fürsten Bismarck, daß Frankreich aber diese Situation mit jedem Jahr mehr und mehr begreifen muß, und zwar im genauen Verhältnis zur Wiedererstehung und Erstarkung seiner Kräfte, und daß es folglich sie, die Republikaner, immer mehr verachten wird, anfänglich im geheimen und noch nicht bewußt, allmählich jedoch immer bewußter und schließlich offen und laut ...
Doch die Republikaner erkennen ihre Komik nicht an – bewahre: das sind pathetische Leute. Im Gegenteil, gerade jetzt haben sie neuen Mut geschöpft, jetzt, nachdem Mac-Mahon, der Präsident der „Republik“, sie nach Haus geschickt und die Kammer bis zu den nächsten Oktoberwahlen vertagt hat. Jetzt sind sie die „Verfolgten“ und fühlen sich deshalb ungeheuer in ihrer Aureole. Sie erwarten, daß ganz Frankreich plötzlich die Marseillaise anstimmen und der Ruf „on assassine nos frères!“ von Mund zu Mund gehen werde; wie einst zur Zeit der Revolution. Jedenfalls vertrauen sie auf den „Sieg der Gesetzmäßigkeit“ und erwarten, daß das Land im Unwillen über den Maréchal Mac-Mahon, über dieses kaum an seine Schale pickende Usurpatorenküchlein, wieder die ganze republikanische Mehrheit in die Kammer wählen wird – und womöglich noch neue republikanische Kandidaten dazu – und daß dann die neue versammelte Kammer dem Maréchal ein strenges Veto sagen und dieser, erschreckt durch die „Gesetzmäßigkeit“, sich von dannen machen wird. Von der Macht dieser „Gesetzmäßigkeit“ sind sie felsenfest überzeugt, – und nicht vielleicht aus Mangel an Intelligenz, sondern einfach, weil sie, diese guten Leute, zu sehr Leute ihrer Partei sind und etwas zu lange in ihrer Ecke gesessen haben. Sie haben zu lange um ihre geliebte Republik gelitten, darum glauben sie so fest an die republikanische „Vergeltung“. Sonderbarerweise glauben auch bei uns in Rußland viele unserer Zeitungen an ihren bisherigen Triumph und den unfehlbaren Sieg ihrer „Gesetzmäßigkeit“. Wodurch aber ist diese „Gesetzmäßigkeit“ gesichert, wenn Mac-Mahon nicht geruht, sich ihr zu unterwerfen, wovon er übrigens dem Lande schon in seinem bewunderungswürdigen Manifeste Mitteilung gemacht hat? – Durch den Unwillen, den Zorn des Landes? Aber der Marschall wird doch sofort in diesem selben Lande unzählige Anhänger finden, wie das ja in ähnlichen Fällen in Frankreich immer gewesen ist. Was soll man dann machen? Barrikaden bauen? Doch bei dem heutigen Gewehr, der heutigen Artillerie sind die alten Barrikaden unmöglich! Ja, und Frankreich wird sie ja gar nicht bauen wollen, selbst wenn es wirklich die Republik wollte. Ermüdet und überdrüssig der hundertjährigen politischen Unordnung wird es auf die allerprosaischste Weise sich überlegen, auf welcher Seite die Kraft ist, und sich dann der Kraft unterwerfen. Die Kraft aber liegt jetzt in der Armee, und das ahnt das Land. Folglich kann die ganze Frage nur sein: Für wen steht die Armee?
Ein merkwürdiger Charakter (Mac-Mahon. Französische Reaktionäre)
Über die Legionen, als die neue Kraft, die da emporsteigt, um Frankreich noch einmal zu einem ersten Platz in Europa zu verhelfen, habe ich schon früher geschrieben, lange vor dem Manifest des Maréchal-Président – und siehe, es ist alles so in Erfüllung gegangen, wie ich es damals erwartet hatte. In diesem Manifest, das alle Welt nicht wenig Wunder genommen hat, tut der Marschall unumwunden kund, – wenn er auch verspricht, der „Gesetzmäßigkeit“ zu folgen, den Frieden aufrechtzuerhalten, usw. – daß er, wenn das Land sich mit seiner Meinung nicht einverstanden erklären und ihm in den bevorstehenden Wahlen wieder die ganze frühere republikanische Mehrheit schicken sollte, gezwungen sein werde, sich dann seinerseits mit der Meinung des Landes nicht einverstanden zu erklären und sich dem Willen desselben nicht zu fügen. Solch ein erstaunliches Manifest des Marschalls muß seine besonderen Gründe haben! In solch einer Sprache und in solchem Tone hätte er nicht mit dem Lande sprechen können – Frankreich ist doch nicht irgendein Dorf –, wenn er nicht seiner Macht und des Erfolges sicher gewesen wäre! So dürfte es wohl klar sein, daß er seine Hoffnungen auf die Armee setzt. Und wirklich, als der Marschall im Sommer durch Frankreich reiste, wurde er zwar in vielen, ich glaube, schon in allzu vielen Städten und Provinzen recht zweideutig empfangen, das Heer jedoch und die Flotte bekundeten überall volle Anhänglichkeit und begrüßten den Marschall mit begeisterten Hurras. Fraglos darf man an den guten und, sagen wir, unschuldigen Gefühlen des Marschalls nicht zweifeln. Hat er auch etwas mehr als ungewöhnlich gehandelt, indem er im voraus zu verstehen gab, daß er dem rechtmäßigen Willen des Landes nicht gehorchen werde, wenn dieses nicht ihm gehorcht, so hat er das natürlich nur getan, weil er auf seine Weise dem Lande Wohlergehen bringen will und überzeugt ist, daß er dazu auch fähig sei. So braucht man denn wegen der moralischen Eigenschaften des Marschalls weiter keine Bedenken zu tragen, wohl aber vielleicht in Betreff irgendwelcher anderen ... Er scheint einer jener Charaktere zu sein, die immer unter irgend jemandes Vormundschaft stehen müssen: von dieser Seite betrachtet, bietet sein Charakter einzelne bemerkenswerte Sonderheiten. Zum Beispiel fragt es sich, – für wen arbeitet er jetzt? Für wen bemüht er sich so sehr, und für wen wagt er so viel? Zweifellos ist er unter der strengsten Vormundschaft, doch bin ich überzeugt – allerdings ist das nur meine persönliche Meinung: nur er allein ist in ganz Europa bis jetzt noch überzeugt, daß er unter niemandes Einfluß steht und daß er nur von sich aus handelt. Die geschickten Leute, die sich seiner bemächtigt haben, werden ihn wahrscheinlich, solange sie es für gut befinden, in diesem Glauben bestärken – und ihn inzwischen dorthin lenken, wohin sie ihn haben wollen. Das ist natürlich nur möglich, weil sie die Eigenschaften und die Eigenliebe solcher Charaktere vorzüglich kennen. Doch solche geschickten Leute kann man nur in einer einzigen Partei finden, allerdings, der größten und stärksten: in der klerikalen. Alle anderen politischen Parteien Frankreichs zeichnen sich nicht durch Gewandtheit aus. In der Tat nun, unter wessen Vormundschaft steht eigentlich der Marschall? Es ist jetzt wohl schon allgemein bekannt, daß die Legitimisten in Bewegung sind, daß eine ganze Reihe von Kandidaten vorhanden ist, ja – es heißt sogar, daß der Marschall sie protegiere –, daß sie von ihrem Siege bei den Wahlen im voraus überzeugt sind, und ferner, daß sie sich auf das Heer verlassen können, und daß im übrigen der kaiserliche Prinz schon auf das Festland zurückgekehrt sein soll, ja, man sagte sogar, er werde sich nach Paris begeben. Soll man nun wirklich glauben, daß der Marschall Mac-Mahon, dieser so selbstbewußte Präsident der „Republik“, so viel Arbeit und Gefahren auf sich nimmt, einzig um den kaiserlichen Prinzen auf den Thron zu setzen? Ich glaube – wiederum nur meine ganz persönliche Ansicht –, ich glaube, daß das nicht der Fall ist. Ich nehme natürlich den anderen Fall aus, daß es irgendwelche ganz besondere Kombinationen gibt, wie zum Beispiel, daß der Prinz sich mit der Tochter des Marschalls verlobt habe, wie es vor einem Monat verlautete: dann ist es natürlich etwas anderes. Gibt es aber keine solchen besonderen Kombinationen oder geheimen Abmachungen, so scheint mir, daß der Marschall eher geneigt wäre, das Land zu seinem Vorteil zu beglücken, als zum Vorteil eines anderen, und wenn er die bonapartistischen Kandidaten protegiert, so tut er das wohl nur, weil er sie für die verläßlichsten hält, später aber sie so, wie es ihm gefällt, zu lenken gedenkt. Gott mag wissen, was für Gedanken in diesem Hirn entstanden sind. Nicht umsonst hat doch ein Bischof beim Empfange des Marschalls in seiner Begrüßungsrede erwähnt, daß er, Mac-Mahon, weiblicherseits von Karl dem Großen abstamme. Mit einem Wort, ein paar Jahre Präsidentschaft haben vielleicht genügt, um in seine Seele einige erregende und phantastische Gedanken zu pflanzen. Zudem ist er Soldat! Übrigens sind alle diese Erwägungen nur abstrakte Versuche, diesen wirtschaften Charakter zu erklären. Die Wahrheit beschränkt sich vorläufig auf die Tatsache, daß der Marschall in den Händen der Klerikalen ist, und daß diese ihn lenken, nicht aber er sie, wie er es wohl glaubt. Das Schicksal Frankreichs hängt im gegenwärtigen Augenblick entschieden nur von ihnen ab, ausschließlich von ihnen. Zweifellos geht die furchtbare unterirdische Intrige immer noch weiter, und obgleich ganz Europa schon von Anfang an weiß, daß die Klerikalen in der gegenwärtigen westeuropäischen Bewegung eine große Rolle spielen, so ist es diesen, glaube ich, denn doch gelungen, den Umfang und die Macht dieser ihrer Rolle zu verheimlichen, sich hinter anderen zu verstecken, hinter dem Marschall, zum Beispiel, hinter den Bonapartisten, und das wird so fortdauern, bis sie das gewünschte Ziel erreicht haben. Im Grunde ist es ihnen ganz gleich, wer da siegt, der Marschall oder der Prinz. Persönliche Sympathien haben sie nicht und sollen sie auch nicht haben. Sie haben bloß eine Aufgabe: daß Frankreich so schnell wie möglich sein Schwert zieht und sich auf Deutschland stürzt. Nun, und zu diesem Zweck haben sie denn auch die Republikaner, die unfähig waren, für den Papst einzustehen, einfach beseitigt. Jetzt aber warten sie noch ab: wer wird schließlich für ihre Absichten vorteilhafter sein? Sollte der kaiserliche Prinz ihnen wirklich mehr Aussichten für den Krieg bieten, so werden sie sich an ihn machen und ihn nach Paris bringen, natürlich ohne dann noch an Mac-Mahon zu denken. Doch vorläufig scheinen sie sich noch an den Marschall zu halten. Bei der Gelegenheit – vor kurzem noch hieß es, der Marschall habe in einem Gespräch gesagt, selbstverständlich so, daß alle es hören konnten: „Man sagt von mir, ich hätte die Absicht, die republikanischen Einrichtungen zu annullieren, und vergißt dabei natürlich, daß ich, als ich die Präsidentschaft der Republik übernahm, mein Wort gegeben habe, sie zu erhalten.“ Diese Worte bestätigen durchaus die Annahme von der moralischen Unschuld des Marschalls, trotz aller Anschuldigungen der Republikaner. Als ehrlichem Menschen und Offizier ist ihm sein Ehrenwort heilig und er wird es selbstverständlich nicht brechen. Wenn er aber die Republik erhält und zu gleicher Zeit die Republikaner verjagt, so heißt das wohl, daß er die Republik ohne Republikaner fortzuführen gedenkt. Man sollte meinen, dieses wäre tatsächlich sein politisches Programm, und man habe ihn überzeugt, daß es wirklich durchführbar sei. Dieses Programm mit der These: „J’y suis et j’y reste“ – „hab’ mich mal hier hingesetzt und gehe nicht mehr fort“ – bildet augenscheinlich das A und O all seiner politischen Überzeugungen und wird es noch rund bis zum Jahre 1880 bilden, wann die Frist für seine Präsidentschaft und folglich auch die für sein Ehrenwort abläuft. Dann jedoch beginnt schon der Traum ... Das dankbare Land wird, wenn es sieht, daß er die Präsidentschaft niederlegen will, ihm für die Rettung vor den Demagogen eine neue Würde anbieten, nun, meinetwegen die Karls des Großen, und dann wird wieder alles wie geölt gehen ... Selbstverständlich werden die ihn lenkenden Schlauköpfe, im Falle er wirklich sein Ehrenwort halten und die republikanischen Einrichtungen bestehen lassen wollte, ihn sofort gegen Bonaparte eintauschen, wenn diese Republik ohne Republikaner ihren weiteren Plänen unvorteilhaft sein sollte. In Anbetracht dessen haben sie ihn denn auch, wie es scheint, veranlaßt, die bonapartischen Kandidaturen zu unterstützen – natürlich mit der Versicherung, es sei für ihn selbst vorteilhaft. Jedenfalls bleibt er unter so unbarmherziger Vormundschaft, daß er auf keine Weise aus ihr heraus kann. Ja, irgendwelche großen, noch nie dagewesenen Ereignisse erwarten die Welt, man ahnt, daß die Armee in Tätigkeit treten wird, ahnt die mächtige Bewegung des Katholizismus. Die Gesundheit des Papstes, schreibt man, sei „befriedigend“. Doch wehe, wenn der Tod des Papstes mit den französischen Wahlen zusammenfällt, oder wenn der Papst auch nur bald nach ihnen stirbt. Dann kann sich die Orientfrage mit einem Schlage in eine europäische verwandeln ...
Die katholische Verschwörung
Den Gedanken einer katholischen Verschwörung[14] habe ich schon früher einmal[15] recht ausführlich behandelt, doch scheint der Hauptpunkt meiner Ausführungen, – daß der Kern der gegenwärtigen wie der bevorstehenden Ereignisse ganz Europas in der katholischen Verschwörung und der baldigen, zweifellos mächtigen Bewegung des Katholizismus, die mit dem Tode des alten und der Wahl des neuen Papstes zusammenfallen wird, liegt, – dieser Hauptpunkt scheint übersehen worden zu sein. Heute bin ich noch fester von meiner Ansicht überzeugt, als vor zwei Monaten. Seit der Zeit ist so vieles geschehen, was mich in meiner Lösung des Rätsels bestärkt hat, daß ich an ihrer Richtigkeit nicht mehr zweifle. Seit der Zeit haben auch die Zeitungen, die unsrigen wie die ausländischen, angefangen über dasselbe Thema zu schreiben, – wenn auch, wie es scheint, immer noch nicht so recht entschlossen, die letzte Folgerung zu ziehen.
Ich will hier eine Stelle aus dem vorzüglichen Leitartikel der „Moskauer Nachrichten“ anführen, die unter anderem auch die Meinungen der Korrespondenten englischer Blätter zitiert:
Die Korrespondenten der englischen Blätter ergehen sich in recht aufrichtigen Erklärungen. Der Schlüssel der europäischen Politik ist nach ihrer Meinung in den Händen Deutschlands. Deutschland aber wäre aus sehr begreiflichen Gründen aufgelegt, gerade jetzt sich noch fester als zuvor Rußland anzuschließen. – Erstens hat man in Berlin bemerkt, daß die Mißerfolge der russischen Strategie Österreich belebt und sogar ermuntert haben, also dasjenige Land, welches, wie man annimmt, immer noch einigen Unwillen gegen Preußen nährt. Zweitens, daß die Hauptfeinde Deutschlands, Frankreich und der Katholizismus, ihre ganze Sympathie der Türkei entgegenbringen. Zu Anfang der Balkanwirren allerdings, da liebäugelte Frankreich noch mit Rußland, doch wenn es damals vielleicht noch einiges Wohlwollen für uns dort gab, so hat sich dasselbe jetzt nicht nur vermindert, es hat sich sogar mit dem ganzen Herzen den Türken zugewandt. Und was den kriegerischen Katholizismus anbetrifft, so hat er nicht erst jetzt, sondern von Anfang an, wie allen bekannt, leidenschaftlich die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland unter seinen Schutz genommen. Die Gesinnungslosigkeit des eifernden Klerus ist sogar so weit gegangen, daß sich ein Vertreter dieser Partei mit unmißverständlicher Zärtlichkeit über den Koran geäußert, so daß selbst die ultramontane „Germania“ es für nötig befunden hat, ähnliche Ausfälle durch die Bemerkung abzuschwächen, daß, wenn man sich auch der Siege der Türken über die verhaßten Russen freuen müsse, es doch nicht ganz angebracht sei, gleich Sympathie für den Islam zu bekunden. Da nun das mot d’ordre des Katholizismus auffallend mit der Veränderung der öffentlichen Meinung Frankreichs zugunsten der Türken zusammenfällt, und da die Interessen des gleichfalls katholischen Österreichs den Interessen Rußlands zuwiderlaufen, so fürchtet man natürlich in Berlin die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga, in die vielleicht später die ultramontanen Interessen sowie die separatistischen Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. So schreiben nämlich die englischen Korrespondenten, doch kann hierüber wohl kein Zweifel bestehen, daß es England ist, das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt. Also bleiben wir wieder allein mit der Türkei.
Das ist ja alles ganz wunderschön, doch ist es einstweilen noch immer nicht das erklärende und letzte Wort, das zu sagen sich offenbar niemand getraut. Doch spricht man in diesem Leitartikel wenigstens auch von dem kriegerischen Katholizismus und der Bedeutung, die er in den Augen Bismarcks hat, und von dem gegenwärtigen Einfluß des ersteren auf Frankreich; und endlich sogar von der Liga: daß man in Berlin natürlich die Möglichkeit solch einer katholischen und antideutschen Liga fürchte, in die vielleicht später die Ultramontanen und die separatistischen Elemente Süddeutschlands und „sogar England“ hineingezogen werden könnten. Nun, von einer katholischen Liga, von einem katholischen Komplott sprach ich ja gerade vor zwei Monaten, doch sagte ich damals auch mein letztes abschließendes Wort darüber: nämlich, daß gerade in der Verschwörung die ganze Sache bestände, daß von ihr jetzt alles in Europa abhänge, und daß sogar der ganze Balkankrieg sich in kürzester Zeit in einen alleuropäischen verwandeln könne – und dieses einzig nur infolge dieser mächtigen Verschwörung des sterbenden Katholizismus. Währenddessen wollen die englischen Korrespondenten und die „Moskauer Nachrichten“ diesen Gedanken gewissermaßen noch nicht zugeben, und letztere behaupten statt seiner sogar, daß „zweifellos England es ist, das die Hauptrolle in diesen Intrigen spielt“, und daß „wir mit der Türkei wieder allein bleiben werden“. – Wirklich? Steht es uns nicht vielleicht schon in allernächster Zukunft bevor, daß wir uns plötzlich nicht der Türkei, sondern ganz Europa allein gegenüber befinden?
In der Tat, was ist denn das für ein „kriegerischer Katholizismus“, den zu bemerken und in den gegenwärtigen Ereignissen zuzugestehen, sich alle bequemen? Woher kommt dieser kriegerische Mut, der sogar „bis zur Leidenschaft“ wird, mit dem der Katholizismus die „rechtgläubige“ Türkei gegen das schismatische Rußland in seinen „Schutz“ nimmt? Sollte das wirklich nur deshalb geschehen, „weil Rußland das abtrünnige Land ist“? Der Katholizismus hat heutzutage so viel Scherereien und ernste Sorgen, daß ihm an all diese alten Kirchenstreitigkeiten nicht mal zu denken Zeit übrigbleibt. Doch vor allem eine Frage: Woher kommt denn diese „katholische Liga“, die man in Berlin so fürchtet? Übrigens, eben davon habe ich ja schon früher gesprochen, und meine Folgerung war damals, daß diese Liga, die jetzt auch schon von anderen zugegeben wird, eine feste, streng organisierte katholische Verschwörung ist, mit der Absicht, die römische Weltherrschaft wiederherzustellen, ferner, daß sie sich schon heute über ganz Europa verbreitet hat, und daß infolgedessen der Schlüssel der gegenwärtigen Intrigen weder hier noch dort und nicht nur in England allein, sondern gerade in dieser universalen katholischen Verschwörung liegt!
Der kriegerische Katholizismus stellt sich eifrig und „leidenschaftlich“ gegen uns auf die Seite der Türken. Selbst in England, selbst in Ungarn gibt es augenblicklich keine so eifernden Hasser Rußlands, wie diese kriegerischen Klerikalen. Nicht irgendein Prälat, sondern der Papst selber hat in den Versammlungen im Vatikan freudig von den „türkischen Siegen“ gesprochen und Rußland eine „furchtbare Zukunft“ prophezeit. Dieser sterbende Greis, der sich noch dazu das „Haupt der Christenheit“ nennt, hat sich nicht geschämt, öffentlich zu gestehen, daß er jedesmal freudig erregt von den Niederlagen der Russen höre. Ein so furchtbarer Haß wird sofort begreiflich, wenn man zugesteht, daß der römische Katholizismus jetzt tatsächlich „Krieg führt“, daß er in Wirklichkeit und mit dem Schwert in Europa gegen seine verhängnisvollen Feinde im Felde steht. Doch wer ist denn in Europa augenblicklich der größte Feind des römischen Katholizismus, das heißt, der Weltmonarchie des Papstes? Fraglos Fürst Bismarck. Rom selber wurde dem Papst ausgerechnet in der Stunde der Größe und Herrlichkeit Deutschlands und Bismarcks genommen, in der Stunde, da Deutschland den ersten Verteidiger des Papsttums, Frankreich, vernichtete, wodurch es bekanntlich dem italienischen König die ersehnte Freiheit zum Handeln gab – der dann auch unverzüglich Rom einnahm. Seit der Zeit hat Rom nur eine einzige Sorge gehabt, und zwar: einen Feind und Gegner Deutschlands und des Fürsten Bismarck zu finden. Fürst Bismarck wiederum begreift seinerseits schon längst und besser, als man es sich denkt, daß der römische päpstliche Katholizismus – abgesehen von seiner ewigen Feindschaft gegen das protestantische Deutschland, das seinerseits wiederum so viele Jahrhunderte lang gegen Rom und die römische Idee in allen ihren Gestalten und gegen alle Verbündeten und Beschützer und Anhänger Roms protestiert hat –, daß der Katholizismus namentlich jetzt, also in der für das geeinte Deutschland gefährlichsten Zeit, das allerschädlichste aller diese Vereinigung erschwerenden Elemente ist, mit anderen Worten, daß Rom die Vollendung dieses Gebäudes verhindern will, das zu errichten das mühevolle Lebenswerk Otto von Bismarcks gewesen ist. Außer dieser „Möglichkeit“ einer katholischen, antideutschen Liga fürchtet man jetzt in Berlin noch, was man eigentlich schon lange vorhergesehen hat: daß der Katholizismus, sei es früher oder später, jedenfalls aber einmal, die Ursache der nächsten Erhebung Frankreichs sein wird, um Rache an Deutschland zu nehmen, von dem es erniedrigt und besiegt worden ist – und daß die Veranlassung dazu der römische Katholizismus früher und sicherer als alle anderen Feinde geben wird, und daß folglich er die größte Gefahr für das geeinte Deutschland bleibt. Diese Berliner Befürchtung hat sich aus der ganz natürlichen Kombination ergeben, daß erstens das Papsttum in der Welt keinen anderen Verteidiger hat, als immer noch dasselbe Frankreich, das sich einzig auf sein Schwert verlassen kann, wenn es ihm nur gelingt, dieses Schwert wieder fest mit der Hand zu fassen, und zweitens, daß der römische Katholizismus noch längst kein toter Feind ist, daß er schon tausendjährig ist, daß er mit wahrer Leidenschaft leben will und seine Lebensfähigkeit geradezu großartig ist, daß er Kräfte hat in Überfülle, und daß eine so mächtige Idee, wie die weltliche Papstmacht, nicht in einer Minute sterben kann. Ja, in Berlin hat man nicht nur den Feind erkannt, sondern auch seine Macht. In Berlin verachtet man seine Feinde nicht vor dem Kampf.
Wenn nun aber der Katholizismus mit solchem Drange leben will und leben muß, und wenn das Schwert, das ihn verteidigen könnte, sich nur in Frankreichs Hand befindet, so ist es wohl klar, daß Rom Frankreich nicht aus den Fingern lassen wird, besonders wenn es den günstigen Augenblick abwartet. Dieser günstige Augenblick kam nun im Frühling – das war der Russisch-Türkische Krieg, die Aufrollung der Balkanfrage. In der Tat: wer ist der Hauptverbündete Deutschlands? Selbstverständlich Rußland. Und das hat Rom vorzüglich eingesehen. Da haben wir nun den Grund, warum sich der Papst über die russischen „Mißerfolge“ freut: durch sie ist der größte Bundesgenosse des furchtbarsten Feindes der päpstlichen Macht von seinem uralten und natürlichsten Verbündeten durch den Krieg abgelenkt worden, und folglich ist Deutschland jetzt allein, – das heißt aber so viel, daß jetzt der Augenblick gekommen ist, den der Katholizismus so lange ersehnt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, sollte es wohl am besten sein, den alten Haß zu schüren und Frankreich in den Rachekrieg zu treiben?
Zudem nähern sich für den Katholizismus noch andere gefährliche Krisen, so daß es jetzt wirklich für ihn heißt: keinen Augenblick verlieren. So naht unaufhaltsam der Tod Pius’ IX. und damit die Wahl des neuen Papstes. In Rom aber weiß man nur zu gut, daß Fürst Bismarck seine ganze Genialität und seine ganze Kraft anwenden wird, um den letzten, furchtbarsten Schlag gegen die päpstliche Macht auszuführen: daß er aus allen Kräften die Wahl des neuen Papstes zu beeinflussen versuchen wird, und zwar, um ihn aus einem weltlichen Herrscher und Machthaber in nichts weiter als einen gewöhnlichen Patriarchen zu verwandeln, und das wenn möglich noch mit seiner eigenen Zustimmung – um darauf, nachdem der Katholizismus sich dann in zwei feindliche Lager gespalten hat, ihn zerbröckeln und all seine Absichten, Ansprüche und Hoffnungen auf ewig vernichten zu können. Wie soll sich da der Katholizismus nicht beeilen, alle Maßregeln, die gegen Bismarck zu ergreifen sind, so schnell wie möglich zu treffen! Und siehe, da kommt gerade zur rechten Zeit die Orientfrage dazwischen! Oh, jetzt wird man für Frankreich schon Verbündete, die es so lange vergeblich gesucht, mit Leichtigkeit finden können! Jetzt wird sich sogar eine ganze Koalition zusammentreiben lassen! Und wenn auch Europa von Blutströmen überschwemmt wird, – was hat das zu sagen! Dafür wird der Papst triumphieren, – das aber ist für die römischen Verkünder Christi alles!
Nun, und da haben sie sich denn an die Arbeit gemacht. Als erstes, versteht sich, mußte man erreichen, daß Frankreich für sie einsteht. Wie das machen? Sie haben es verstanden! Jetzt wird es schon von allen Staatsmännern und der ganzen Presse zugegeben, daß die Maiumwälzung in Frankreich von den Klerikalen veranlaßt worden ist; nur, wiederhole ich, scheinen sie alle dieser Tatsache noch nicht die volle Bedeutung zugestehen zu wollen, die sie zweifellos in sich schließt. Man könnte glauben, Europa hätte sich vor vier Monaten endgültig überzeugt, daß die Klerikalen und der Klerus den Staatsstreich in Frankreich bloß deshalb gemacht, um letzterem daselbst mehr Freiheit, gewisse Nutznießungen und größere Rechte zu verschaffen, während es doch unmöglich ist, auch nur anzunehmen, daß dieser Umsturz nicht mit den allerradikalsten Zielen vorgenommen worden sei, um – in Anbetracht der baldigen Unruhen in der römischen Kirche bei Gelegenheit der Papstwahl – den möglichst sofortigen Ausbruch des nun nicht länger aufschiebbaren Krieges zwischen Frankreich und Deutschland zu bewirken! Ja! gerade den Krieg wollen sie! Womit die Sache auch enden mag: sie werden ihren Willen doch durchsetzen, werden es doch zu dem Kriege bringen, durch den, falls Frankreich siegen sollte, dann auch der Papst vielleicht wieder zu seiner weltlichen Macht kommen kann.
Sie haben es bewunderungswürdig gewandt begonnen: schon allein, daß sie eine Zeit gewählt, in der alles zu ihrem Vorteil wie vorherbestimmt zusammentraf. Beginnen mußten sie unbedingt damit, daß sie die Republikaner, die den Papst um keinen Preis unterstützen, und die sich niemals zu einem neuen Krieg gegen Deutschland entschließen würden, nach Hause schickten. So haben sie es denn auch getan. Darauf hieß es, den Marschall Mac-Mahon zwingen, einen unverbesserlichen Fehler zu begehen – unbedingt einen unverbesserlichen –, um ihn auf einen Weg zu treiben, auf dem es kein Zurück mehr gibt. Das ist gleichfalls glücklich geschehen: er hat die Republikaner verjagt und verkündet, daß sie nicht mehr zurückkehren würden. So ist jetzt schon ein guter Grundstein gelegt, und die Klerikalen sind vorläufig zufrieden: sie wissen, daß, im Falle das französische Volk wieder die republikanische Mehrheit schicken sollte, der Marschall die Abgeordneten zurückschicken wird. Gambetta hat allerdings erklärt, Mac-Mahon müsse sich entweder der Entscheidung des Landes fügen oder seinen Posten verlassen. Dasselbe erklären nach ihm auch alle Republikaner; doch vergessen sie bloß, daß die Devise des Marschalls „J’y suis et j’y reste“ ist, und er sich von seinem Sessel nicht erheben wird. Seine Hoffnung setzt der Marschall natürlich auf die Ergebenheit der Armee. Dieser Ergebenheit der Armee – dem Marschall oder sonst wem – wollen sich nun auch die Klerikalen bedienen. Wäre nur erst die staatliche Umwälzung für sie vollzogen, dann könnten sie ja schon steuern, wohin sie wollen! Am wahrscheinlichsten ist, daß es so auch geschehen wird: sie werden den Usurpator einfach umringen und dann nach Gutdünken lenken. Doch selbst, wenn sie nicht mehr da wären, würde die Sache jetzt schon ohne sie ganz von selbst gehen: die gute Saat ist von ihnen in den richtigen Boden gesät, – wenn nur die staatliche Umwälzung sich vollziehen würde! Sie wissen, welch einen kolossalen Eindruck auf den Fürsten Bismarck jede staatliche Veränderung in Frankreich macht. Schon 1875 wollte er Frankreich den Krieg erklären, da er fürchtete, der Feind könne, wenn es mit seiner Erholung und Erstarkung immer so weiter bergauf ginge, gar bald gefährlich werden. Die Republikaner freilich, die er begünstigte, hätten es um nichts in der Welt gewagt, mit ihm einen Krieg zu beginnen, und so war er denn bis jetzt zum Teil beruhigt, da er sie an der Spitze des feindlichen Reiches wußte, sogar trotz der von Jahr zu Jahr größeren Erstarkung desselben. Dafür aber regt ihn jede neue Regierungsveränderung in Frankreich natürlich ungemein auf. Und in welch einem Augenblick: da Deutschlands natürlicher Verbündeter durch den Krieg gegen die Türkei in Anspruch genommen ist, da Österreich – der alte Gegner Deutschlands –, in dem so viel Deutschland feindliche katholische Elemente stecken, plötzlich seinen Wert so hoch schätzt, und da England schon seit dem Ausbruch des Türkenkrieges mit einer so gereizten Ungeduld sich in Europa einen Bundesgenossen sucht! Wie nun, wird man in Berlin denken, wenn Frankreich mit seiner zukünftigen Regierung an der Spitze, die von den Klerikalen beherrscht und gelenkt wird, – wie nun, wenn Frankreich plötzlich errät, daß für den Vergeltungskrieg, wenn er überhaupt einmal geführt werden soll, eine bessere Gelegenheit, als die gegenwärtige, sich niemals mehr wird finden lassen, und ebensowenig jemals wieder so bedeutende Verbündete, wie jetzt? Und wie nun, wenn gerade zu der Zeit der Papst stirbt? Wie, wenn die Klerikalen die neue französische Regierung zwingen, Bismarck zu melden, daß seine Ansichten über die Wahl des neuen Papstes mit den Ansichten Frankreichs nicht übereinstimmen, – was bestimmt geschehen wird, wenn die Republikaner sich stürzen lassen – –? Wie, wenn auch die neue französische Regierung zu gleicher Zeit errät, daß sie, wenn es ihr gelänge – in Anbetracht der Möglichkeit, in Europa mächtige Verbündete zu finden – wenigstens eine der 1871 verlorenen Provinzen zurückzuerobern, dadurch ihre Macht und ihren Einfluß im Lande mindestens auf zwanzig Jahre befestigen könnte? Nun, wie soll man sich da nicht aufregen?
Und dann gibt es hierbei noch einen kleinen Umstand: der Deutsche ist hochmütig und stolz, der Deutsche wird Ungehorsam nicht ertragen. Bis jetzt war Frankreich gehorsam unter voller Vormundschaft Deutschlands, gab Rechenschaft auf seine Anfragen fast über jede Bewegung, die es tat, mußte Entschuldigungen machen und Erklärungen schicken für jede dem Heere neu hinzugefügte Division, für jede neue Batterie. Und plötzlich erkühnt sich dieses selbe Frankreich, das Haupt zu erheben! So können die Klerikalen eigentlich darauf rechnen, daß Fürst Bismarck womöglich selber als erster den Krieg beginnen wird. Er hat es ja schon einmal tun wollen, – 1875. Den Krieg jetzt nicht beginnen, heißt Frankreich auf ewig aus den Händen lassen. Allerdings war 1875 die Situation nicht wie heute, doch wenn Österreich zu Deutschland hält, so ... Mit einem Wort, bei der kürzlichen Zusammenkunft der deutschen und österreichischen „Premiers“ ist wahrscheinlich nicht nur über die Balkanfrage gesprochen worden. Und wenn es jetzt irgendwo ein Reich gibt, das in der vorteilhaftesten außenpolitischen Lage ist, so ist das zweifellos Österreich!
Österreichs gegenwärtige Gedanken
„Wieso?“ wird man fragen.[16] „In Österreich sind jetzt Unruhen; halb Österreich will nicht, was seine Regierung will; in Ungarn kommt es zu Manifestationen; Ungarn brennt vor Begierde, mit den Türken gegen die Russen zu kämpfen; man hat sogar eine Verschwörung entdeckt, tatsächlich: eine englisch-magyarisch-polnische! Anderseits sieht die österreichische Regierung auch auf die slawischen Elemente, die ihr Land bewohnen, mit einem gewissen Mißtrauen, obgleich diese bis jetzt noch zur Regierung halten. Wie kann man also sagen, daß Österreich zurzeit in der vorteilhaftesten politischen Lage sei, in der sich ein europäisches Reich nur befinden kann?“
Ja, das ist wahr. Wahr, daß die katholische Tätigkeit sich fraglos auch auf Österreich erstreckt. Die Klerikalen sind weitsichtige Leute: wie sollten sie die augenblickliche Bedeutung dieses Landes nicht zu schätzen wissen, wie sollten sie die Gelegenheit vorübergehen lassen! Und schon, versteht sich, haben sie die Gelegenheit benutzt, um in diesem katholischen „allerchristlichsten“ Lande alle möglichen Unruhen unter den bis zur Unkenntlichkeit verschiedensten Vorwänden, Formen und Ausartungen zustande zu bringen. Nun noch eines: wer weiß, vielleicht ist man in Österreich, obgleich man sich natürlich den Anschein gibt, als ärgere man sich sehr über diese Unruhen, in Wirklichkeit gar nicht so ungehalten über sie. Ja, vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall: man „bewahrt“ diese Unruhen für alle Fälle auf, in Anbetracht dessen, daß sie sich in nächster Zukunft vielleicht verwerten lassen ... Am augenscheinlichsten ist übrigens, daß Österreich, wenn es sich auch, was die laufenden Angelegenheiten betrifft, in der glücklichsten politischen Lage fühlt, sich für eine weitsichtige und sehr bestimmte Politik doch noch nicht entschlossen hat, sondern erst überlegt und abwartet: was wird ihm die Vernunft zu tun raten? Sollte es sich aber doch zu irgend etwas Bestimmtem entschlossen haben, so wäre das wohl höchstens in betreff der nächstliegenden politischen Fragen der Fall – und selbst das nur bedingt. Überhaupt ist es in der glücklichsten Gemütsverfassung: es entschließt sich, ohne sich zu beeilen, es wartet ruhig, da es weiß, daß es alle auf sich warten macht, und alle es brauchen, es lauert auf seine Beute, die es selber auswählen wird, und leckt sich schon wonnig die Lippen beim Gedanken an die nun bald ihm zufallenden, unentwischbaren Bissen.
Während der Zusammenkunft der Kanzler beider deutschen Reiche, die kürzlich stattfand, ist vielleicht sehr viel „Bedingungsweise-Mögliches“ berührt worden. Wenigstens hat die österreichische Regierung schon in ihrem Lande kundgetan – doch so, daß alle Länder es hören mußten –, daß am Balkan nichts geschehen noch entschieden wird, was den Interessen Österreichs entgegen ist: ein ungemein schwerwiegender Gedanke. So ist Österreich schon überzeugt, ohne noch die Hand an irgend etwas gelegt zu haben, daß es bedeutenden Anteil an den russischen Erfolgen, falls es zu solchen kommen sollte, haben wird, und vielleicht noch bedeutenderen Anteil, falls es zu ihnen nicht kommen sollte. Und das bloß mit der „Augenblickspolitik“! Was wird es da erst mit der ferneren Politik geben? – Schon jetzt brauchen alle dieses Österreich so notwendig, horchen auf seine Meinung, suchen seine Neutralität, machen ihm Versprechungen und womöglich Geschenke, und alles das dafür, daß es bloß stillsitzt und den Mund hält! Wie kann nun diese Macht, die sich jetzt so hoch schätzt, nicht auch auf die Aussichten ihrer ferneren Politik rechnen, die, davon bin ich überzeugt, noch allen unbekannt ist, trotz der freundschaftlichen Zusammenkunft der Kanzler!? Und überzeugt bin ich gleichfalls, daß diese Politik bis zur allerletzten, allerverhängnisvollsten Stunde allen unbekannt bleiben wird – was durchaus den alten Traditionen der österreichischen Politik entsprechen würde. Und habsüchtig, heißhungrig sitzt es jetzt da und lauert auf Frankreich und erwartet dessen Schicksal, erwartet neue interessante Fakta und tut’s – vor allem, vor allem nicht zu vergessen – in der selbstzufriedensten Gemütsverfassung. Doch nicht lange wird es so bleiben können: vielleicht wird es sich schon sehr bald zu einer viel weiter reichenden Politik entschließen müssen – und das dann endgültig: eine Aufregung, die in seiner Lage sogar angenehm sein mag, doch die nichtsdestoweniger stark sein wird. Österreich begreift doch, und vielleicht sogar sehr feinfühlig, daß mit jeder so leicht und so bald möglichen Veränderung in Frankreich, daß mit jeder neuen Regierung daselbst – nur nicht wieder der republikanischen – die Gefahr eines Zusammenstoßes Frankreichs mit Deutschland entschieden unvermeidlich ist: und das sogar in dem Falle, wenn die neuen Regenten Frankreichs für ihre Person den Krieg überhaupt nicht wollten und sich womöglich aus allen Kräften bemühen würden, den alten Zustand zu erhalten. Oh, Österreich ist vielleicht fähig, besser als alle anderen zu verstehen, daß es im Leben der Nationen solche Momente gibt, in denen schon nicht mehr Wille und Berechnung sie zu gewissen Taten treiben, sondern das Schicksal selber.
Ich werde mir jetzt erlauben, aus der Phantasie heraus ein Bild von dem zu entwerfen, was – nach meiner Annahme – Österreich in der gegenwärtigen unbestimmten Stunde über diese seine fernere Politik, für die es sich natürlich noch nicht entschieden hat, eigentlich denkt. Einstweilen hört es jemanden schon an die Tür klopfen, es sieht, jemand will unbedingt eintreten, sogar die Klinke ist schon einmal niedergedrückt worden, doch die Tür hat sich noch nicht geöffnet ... und wer eintreten wird – das weiß niemand. In Frankreich liegt das Rätsel, dort muß es auch zuerst gelöst werden ... Vorläufig sitzt Österreich und denkt. Ja, wie soll es da auch nicht nachdenklich werden! Wenn nun Deutschland und Frankreich zum Entscheidungskampf die Schwerter ziehen und sich aufeinander stürzen – für wen soll dann Österreich einstehen, auf wessen Seite Österreich sich halten? Das ist die fernere Frage und vielleicht – wird es sie schon sehr bald beantworten müssen!
Wie soll es da nicht seinen Wert, seine Bedeutung zu schätzen wissen: zu wem es sich hält, der wird siegen! Was die Kanzler der beiden deutschen Reiche unter sich gesprochen, das kann niemand wissen, doch Andeutungen wird es zwischen ihnen bestimmt gegeben haben. Wie hätte es auch anders sein sollen! Vielleicht ist einiges auch deutlicher gesagt oder vorgeschlagen worden – wer kann es wissen? Kurz, Geschenke und Belohnungen sind ihm in Mengen versprochen, und die sind so gut wie sicher; so kann es vollkommen überzeugt sein, daß es, wenn es Deutschland im Falle eines Krieges gegen Frankreich nicht verrät, dafür ... viel bekommen wird. Und zwar für eine lumpige Neutralität, bloß dafür, daß es etwa ein halbes Jahr lang stillsitzt, in Erwartung der Belohnung für sein artiges Betragen. – Das ist doch wirklich nicht übel! Denn zu einer aktiven Tätigkeit gegen Frankreich würde es, glaube ich, kein einziger Kanzler bringen können: solch einen Fehler wird Österreich nie und nimmer begehen! Nein, Österreich wird sich nicht verleiten lassen, mitzuhelfen, wenn Deutschland Frankreich den Todesstoß gibt, o nein! Vielleicht aber wird es umgekehrt in der letzten verhängnisvollen Sekunde durch diplomatische Verwendung Frankreich vor allzu Bösem beschützen und sich auf diese Weise auch von dort noch eine Belohnung verdienen. Es kann doch nicht ganz ohne Frankreich bleiben, besonders nicht in der freundschaftlichen Umarmung solch eines Riesen, zu dem nach einem zweiten Sieg über Frankreich das junge Deutschland heranwachsen muß! Womöglich wird dieser Riese es dann plötzlich so umarmen und so an sich pressen, daß er es, aus Versehen natürlich, wie eine Fliege zerdrückt. Und zu der Zeit wird dann vielleicht noch ein anderer Gigant erwachsen, im Osten, rechts vom lieben Österreich, und sich endlich von seiner Lagerstätte, auf der er jahrhundertelang geschlafen hat, erheben ...
„Gutes Betragen ist eine gute Sache,“ denkt Österreich jetzt wahrscheinlich bei sich, „aber ...“ Es wäre nicht gut möglich, daß ihm nicht auch noch ein anderer Gedanke käme, übrigens ein äußerst phantastischer, – nämlich:
„Die Umwälzung in Frankreich kann sogar schon in diesem Herbst beginnen und vielleicht schnell, sehr schnell beendet sein. Stürzt die Republik, oder bleibt sie bloß in einer nominellen, in irgendeiner absurden Form bestehen, so wird man es vielleicht bis zum Winter mit Deutschland schon zu Meinungsverschiedenheiten gebracht haben können. Jedenfalls werden dafür die Klerikalen sorgen, um so mehr, als der Papst bis dahin bestimmt gestorben sein wird und dann die Neuwahl sofort den gewünschten Vorwand zu Mißverständnissen und Spannungen abgeben kann. Stirbt der Papst jedoch nicht, so vermindern sich die Gelegenheiten, Spannungen zu verursachen, deshalb noch nicht im geringsten. Ist also Deutschland nur fest entschlossen, so kann im Frühling der Krieg ausbrechen. Am anderen Ende Europas ist augenscheinlich die Winterkampagne gegen die Türkei unvermeidlich, so daß Deutschlands Verbündeter im Frühjahr immer noch gebunden sein wird. Ergo, entbrennt der Revanchekrieg, so findet Frankreich sofort zwei Bundesgenossen: England und die Türkei.
Deutschland wird folglich allein sein ... mit Italien, d. h. so gut wie allein. Oh, natürlich, Deutschland ist mutig und mächtig. Aber auch Frankreich hat Zeit gehabt, sich zu erholen: Frankreich hat eine Armee von einer Million, und England ist immerhin doch auch eine gewisse Hilfe: man wird die deutschen Häfen vor seiner Flotte beschützen müssen, und das fordert Mannschaften, Artillerie, Gewehre, Vorräte. Das wird Deutschland in irgend etwas doch ein wenig schwächen. Wie gesagt, Aussichten, mit Erfolg diesen Krieg zu führen, hat Frankreich auch ohne mich genügend, sagt sich Österreich, – wenigstens zweimal mehr als 1870, da es jetzt sicherlich nicht seine Fehler von damals wiederholen wird. Und dann, einerlei ob Frankreich besiegt wird, oder nicht, ich bekomme das Meine im Osten sowieso, denn: Nichts wird im Osten vor sich gehen, was den Interessen Österreichs zuwider ist! Das ist ja schon festgesetzt und unterschrieben. Aber wie, wenn ich ... im letzten ... entscheidenden Augenblick, ... nachdem ich vernünftigerweise die ganze Freiheit der Entscheidung zurückbehalten, ... plötzlich einfach für Frankreich eintrete und noch dazu die Klinge ziehe!?“
In der Tat, was dann?
Dann befindet sich Österreich sofort zwischen drei Feinden: Italien, Deutschland und Rußland. Rußland jedoch wird durch seinen Krieg so in Anspruch genommen sein, daß es eine Offensive kaum würde ergreifen können. Italien ist jedenfalls nicht allzusehr zu fürchten. Bleibt – Deutschland. Muß Deutschland dann auch gegen Österreich ein Heer schicken, so wird dieses doch nicht allzu groß sein, denn es braucht ja alle seine Kräfte gegen Frankreich. In der Tat: wollte sich Österreich zu einer Verbindung mit Frankreich entschließen, so würde Frankreich vielleicht sogar Deutschland zuerst angreifen, selbst wenn Deutschland den Krieg nicht einmal wollte. Frankreich, Österreich, England und die Türkei gegen Deutschland und Italien – das ist ja eine furchtbare Koalition! Erfolg wäre sehr, sehr leicht möglich. Nach einem Erfolg aber kann Österreich all das wiedergewinnen, was es bei Sadowa verloren hat, und vielleicht noch unendlich viel mehr als das. Außerdem können ihm seine Vorteile im Osten und all das ihm schon Versprochene gleichfalls nicht verloren gehen. Und die Hauptsache: es wird im katholischen Deutschland zweifellos großen Einfluß gewinnen. Wird dagegen Deutschland besiegt, oder nicht mal besiegt, sagen wir: kehrt Deutschland aus dem Kriege nicht ganz glücklich zurück – so ist die Einheit des Deutschen Reiches plötzlich stark erschüttert. Im katholischen Süden erhebt sich dann der Separatismus – um den sich die Klerikalen aus allen Kräften bemühen werden und dessen sich selbstverständlich auch Österreich bedienen wird: erhebt sich vielleicht sogar in solch einem Maße, daß zwei geeinte Deutsche Reiche entstehen, ein katholisches und ein protestantisches. Und darauf könnte Österreich, nachdem es sich um so viel Deutsche verstärkt hat, es ja auch auf seinen „Dualismus“ ankommen lassen: Ungarn in das alte ehrerbietige Verhältnis zu sich zurückbringen und, wenn das geschehen, versteht sich, auch über seine Slawen verfügen, und zwar jetzt endgültig und unwandelbar. Mit einem Wort, der Vorteile könnte es unzählige geben. Sogar in dem Fall, wenn Deutschland Sieger bliebe, wäre Österreich nicht so schlimm daran, denn so entscheidend wie 1871 könnte Deutschland eine so mächtige Koalition schließlich doch nicht besiegen: es würde auch als Sieger seine Wunden haben. So ließe sich denn ohne besonders furchtbare Folgen der Friede schließen. „Also, für wen soll ich mich entscheiden? Wie ist es besser, mit wem ist es vorteilhafter?“
In Anbetracht der gegenwärtigen europäischen Verhältnisse, meine ich, sind solche Gewissensfragen in Österreich ganz zweifellos vorhanden ...
Als ich das vorhergehende Kapitel schrieb, gab es noch nicht jene Tatsachen und Meldungen, die jetzt so plötzlich die ganze europäische Presse erfüllen, so daß alles, was ich damals noch mehr mutmaßlich sagte, jetzt schon beinahe pünktlich eingetroffen ist. Mein Artikel wird erst im nächsten Monat, am 7. Oktober, erscheinen, heute haben wir erst den 29. September, und meine sogenannten „Prophezeiungen“, zu denen ich mich nicht ohne Risiko hatte verleiten lassen, werden teilweise schon als veraltete Tatsachen bekannt sein. Darum erlaube ich mir, meine Leser an meine Ausführungen im Mai zu erinnern. Fast alles, was ich damals über die nächste Zukunft Europas geschrieben, hat sich entweder schon bestätigt oder beginnt gerade, sich zu bestätigen. Und doch hörte ich damals strenge Urteile über diesen Artikel, allerdings von Privatleuten, die ihn eine „phantastische Übertreibung“ und ein „verschrobenes Hirngespinst“ nannten. Über die Macht und die Bedeutung der klerikalen Verschwörung wurde einfach gelacht und eine „Verschwörung“ überhaupt nicht anerkannt. Übrigens hatte ich vor zwei Wochen Gelegenheit, die Meinung einer „kompetenten“ Persönlichkeit zu hören, die dahin lautete, daß der Tod und die Neuwahl des Papstes an sich vollkommen bedeutungslos seien und in Europa unbemerkt vorübergehen würden. Jedoch ist schon jetzt bekannt, welch eine Bedeutung Fürst Bismarck ihnen beilegt, und was in Berlin mit Crispi gesprochen worden ist. Ich habe in meinem Maiartikel gesagt, Fürst Bismarck hätte sofort nach dem Deutsch-Französischen Kriege begriffen, daß der furchtbarste Feind des neugeeinten Deutschlands kein anderer ist als der römische Katholizismus, der zu allererst den Vorwand abgeben werde zum großen „Vergeltungskrieg“ und gesamteuropäischen Weltkrieg. Dieses fand man unsinnig, ungereimt, usw., usw. Und das alles, weil ich es zu einer Zeit geschrieben, da noch niemand, weder bei uns noch in der europäischen Presse, sich wegen dieser Frage zu beunruhigen gedachte, – trotz des Orientkrieges, der schon ausgebrochen war und alle Welt besorgt machte. Alle glaubten damals, er würde auch dort fern im Orient enden, und auch jetzt noch glaubt vielleicht niemand ernstlich an die Gewißheit eines europäischen Krieges in nächster Zukunft. Im Gegenteil, man lenkte noch kürzlich ernstlich die Aufmerksamkeit auf die Meinung jener Engländer, die es ja wissen mußten, daß Rußland und die Türkei sehr wohl noch vor dem Winter Frieden schließen könnten. So ist es denn vielleicht überflüssig, daß ich mein Kapitel für überlebt halte: obgleich die ersten Fakta sich schon gemeldet haben, obgleich über ganz Europa etwas Unheilvolles heraufzieht, und der Ausbruch vielleicht eines Weltkrieges nicht mehr fern ist, bin ich doch überzeugt, daß viele auch jetzt noch meine Erklärungen dieser Fakta abermals für erdichtet, lächerlich, phantastisch und übertrieben halten werden, denn alle halten sie ja das Vorsichgehende für unvergleichlich bedeutungsloser, als es in Wirklichkeit ist. Da nähern sich zum Beispiel die Wahlen in Frankreich, und vielleicht schickt das Land wieder die frühere republikanische Mehrheit in die Kammer, was sehr leicht geschehen kann, und dann – davon bin ich so gut wie überzeugt – wird man sofort versichern, daß alles glücklich beendet sei, daß der Himmel sich aufgeklärt und Mac-Mahon sich gefügt habe, daß die machtlosen Klerikalen schmählich abgezogen seien, und in Europa wieder Friede und „Gesetzlichkeit“ oder „Rechtmäßigkeit“ herrsche. Alle meine „Erfindungen“ werden sich dann wieder als „Produkte müßiger Einbildungskraft“ erwiesen haben. Wieder wird man sagen, daß ich Dingen, die womöglich schon geschehen sind, eine ungenaue Bedeutung zugeschrieben, und vor allem eine, die ihnen sonst nirgendwo zugeschrieben wird. Doch warten wir lieber die Ereignisse ab, bevor wir urteilen, welche Deutung die richtige ist. Zur Übersicht aber werde ich versuchen, zum Schluß noch einmal die Richtung und besondere Art dieses vor allen sich öffnenden Weges zu zeigen – den zu betreten allen, ob sie wollen oder nicht, bestimmt zu sein scheint. Ich tue es zur besseren Übersicht, damit man später vergleichen und prüfen kann. Es ist zudem nur eine einfache Zusammenfassung dieses selben Kapitels.
1. Der Weg beginnt in Rom und führt aus dem Vatikan, wo der sterbende Greis, das Haupt der ihn umringenden Jesuiten, diesen Weg schon längst bezeichnet hat. Als die Orientfrage aufgeworfen wurde, begriffen die Jesuiten gar bald, daß die günstigste Zeit angebrochen sei. Auf dem vorgezeichneten Wege machten sie sich in Frankreich an ihr Werk und brachten es in solch eine Lage, daß sein baldiger Krieg mit Deutschland nun so gut wie sicher ist, selbst dann, wenn es ihn überhaupt nicht will. All das ist vom Fürsten Bismarck schon lange, lange vorhergesehen worden. Wenigstens scheint nur er allein, und vielleicht schon vor mehreren Jahren, seinen größten Feind entdeckt und durchschaut zu haben und damit auch die große Bedeutung jenes letzten Kampfes ums Dasein, den der päpstliche Katholizismus, vor seinem Untergange, in allernächster Zukunft mit der Welt aufnehmen wird.
2. Dieser vom Schicksal bestimmte Kampf spitzt sich im gegenwärtigen Augenblick schon zu, und die Notwendigkeit, die letzte Schlacht zu schlagen, naht mit furchtbarer Schnelligkeit. Frankreich ward ausersehen und bestimmt für den ungeheuren Kampf – und der Kampf wird stattfinden. Der Kampf ist unvermeidlich, darüber besteht kein Zweifel. Allerdings gibt es noch eine kleine, kleinste Möglichkeit, daß er aufgeschoben wird – doch das dann gewiß nur auf die allerskürzeste Zeit. In jedem Fall ist er unvermeidlich und nahe.
3. Sowie der Kampf beginnt, wird er sich sofort in einen alleuropäischen verwandeln. Die Orientfrage und der Orientkampf werden durch die Macht des Schicksals mit dem alleuropäischen Kampf zusammenfließen. Eine der wichtigsten Episoden dieses Kampfes wird die definitive Entscheidung Österreichs sein: zu welcher Partei soll es sich halten? Doch der allerwesentlichste Teil dieses letzten Kampfes wird einerseits darin bestehen, daß durch ihn die tausendjährige römisch-katholische Frage gelöst wird, und daß das östliche Christentum durch den Willen der Vorsehung seinen Platz einnehmen kann. Auf diese Weise erweitert sich unsere russische Orientfrage zu einer universalen Frage mit ungewöhnlicher vorbestimmter Bedeutung, wenn sich diese Bestimmung auch vor blinden Augen vollzogen hat, die sie nicht anerkennen, und die fähig sind, bis zur letzten Stunde das Sichtbare nicht zu sehen, und den Sinn des Vorherbestimmten nicht zu begreifen. Endlich –