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Sämtliche Werke 13

Dritter Teil. Balkan und Orient

E. K. Rahsin translation

Idealisten oder Zyniker

Erinnert sich vielleicht noch jemand der Abhandlung über die Orientfrage, die der unvergeßliche Professor und unvergleichliche Russe Timofei Nikolajewitsch Granowski – wenn es wahr ist – im Jahre 1855 geschrieben hat, also gerade zur Zeit unseres Krieges mit Europa, zu Beginn der Belagerung von Sebastopol? Ich habe sie jetzt[40] in Anbetracht der wieder akut gewordenen Orientfrage nach langen Jahren nochmals durchgelesen: und dieses alte ehrwürdige Schriftstück interessierte mich diesmal weit mehr als damals, da ich es zum erstenmal las und mit ihm vollkommen übereinstimmte. Es fiel mir jetzt besonders zweierlei auf: erstens – die Anschauung eines damaligen Westlers über unser Volk; und zweitens, und hauptsächlich – die, sagen wir, psychologische Bedeutung des Artikels. Ich kann es nicht unterlassen, meine Eindrücke hier mitzuteilen.

Granowski war ein beispiellos reiner, edler, guter Mensch: Idealist der vierziger Jahre, dabei zweifellos eine ganz eigene, sonderbare und äußerst originelle Erscheinung in der Reihe unserer damaligen bekannteren führenden Geister. Er war unser ehrlichster Stepan Trophimowitsch Werchowenski (in meinem Roman „Die Dämonen“ der Typ des Idealisten der vierziger Jahre; ich liebe diesen Stepan Trophimowitsch und achte ihn sehr), und vielleicht hatte Granowski nicht einmal den geringsten komischen Zug, der doch sonst diesem Typ gewöhnlich anhaftet. Übrigens sagte ich, daß mich die psychologische Bedeutung dieses Aufsatzes frappierte; und diese Bedeutung erschien mir sogar sehr ergötzlich. Ich weiß nicht, ob man mir zugeben wird, daß unser russischer Idealist, der sogenannte „patentierte“ Priester des „Schönen und Erhabenen“, wenn er plötzlich bei irgendeiner Gelegenheit das Bedürfnis empfindet, seine Meinung über eine Sache kundzutun – nicht etwa über ein Gedicht, o nein, sondern über eine praktische, wichtige und ernste Sache, sagen wir: über eine politische oder soziale Angelegenheit, und wenn er sie nicht nur nebenbei bemerken, sondern ein entscheidendes und richtendes Wort über diese Frage sagen und noch obendrein mit diesem Worte einen Einfluß ausüben will –, sich plötzlich wie durch ein Wunder nicht nur in einen fanatischen Realisten und Prosaiker verwandelt, sondern sogar in einen Zyniker. Ja, und nicht nur das: gerade auf diesen Zynismus, auf diese Prosaik ist er dann noch ganz besonders stolz. Die Ideale läßt er dann ganz beiseite: Ideale sind Unsinn, sind Poesie, sind Gedichte; an ihre Stelle aber setzt er die „reale Wahrheit“. Doch aus ebendieser Wahrheit wird dann immer gleich Zynismus: im Zynismus sucht er sie, im Zynismus allein scheint sie ihm enthalten zu sein. Je gröber, je trockener, je herzloser – desto „realer“ ist es seiner Meinung nach. Warum? Nun, weil unser Idealist im gegebenen Falle sich seines Idealismus schämt. Außerdem fürchtet er, man könnte ihm sagen: „Ach, Sie Idealist, was verstehen Sie denn von solchen Dingen! Predigen Sie doch das Schöne, wenn’s Ihnen Spaß macht, uns aber überlassen Sie die Geschäfte.“ Sogar Puschkin hatte diesen Zug: der große Dichter schämte sich mehr als einmal, daß er „nur Dichter“ war. Vielleicht gibt es diese Charaktereigenschaft auch bei Dichtern anderer Völker, doch ist es kaum anzunehmen, – wenigstens werden sie sie nicht in dem Maße haben wie wir Russen. In Europa haben sich die Menschen dank der uralten Gewöhnung aller und eines jeden an die Arbeit in den vielen Jahrhunderten schon klassifizieren können, je nach ihrer Beschäftigung und Stellung, und fast ein jeder von ihnen kennt, versteht und achtet sich – wie in seiner Tätigkeit so auch in seiner Bedeutung. Bei uns aber ist es nach zweihundertjähriger Entwöhnung von jeglicher Arbeit etwas anderes. Die heimliche, tiefinnerliche Nichtachtung seiner selbst finden wir sogar bei so großen Menschen wie Puschkin und Granowski. Da letzterer, dieser unschuldige, aufrichtige Mensch, es plötzlich für durchaus nötig fand, sich aus einem Professor der Geschichte in einen Diplomaten zu verwandeln, verstieg er sich in seinen Urteilen sofort bis zu den sonderbarsten Behauptungen – z. B., daß wir von Österreich für die Hilfe, die wir ihm während seines Kampfes mit den Ungarn gebracht, überhaupt keine Dankbarkeit erwarten dürften, und das nicht etwa, weil Österreich undankbar und falsch wäre – keineswegs! Nein, er sieht in der Haltung Österreichs nichts Schlechtes und behauptet sogar, daß es so, wie es gehandelt hat, habe handeln müssen, und daß unsere Hoffnung auf seine Dankbarkeit ein unverzeihlicher und lächerlicher Fehler unserer Politik gewesen sei. Ein Privatmann, sagt er, ist einer für sich, ein Staat aber – ist etwas anderes; ein Staat muß seine höheren Ziele, seine eigenen Vorteile im Auge behalten; und daher wäre Dankbarkeit verlangen, und zwar eine, die sogar bis zur Zurücksetzung der eigenen Interessen ginge, – einfach lächerlich. „Bei uns ist die Undankbarkeit und Falschheit Österreichs schon zu einem Gemeinplatz geworden,“ sagt Granowski, „doch ist in politischen Dingen von Dankbarkeit oder Undankbarkeit reden – nur ein Beweis der eigenen Naivität in der Politik. Der Staat ist keine Privatperson; er kann nicht aus Dankbarkeit seine Interessen opfern, um so weniger, als in politischen Dingen selbst die Großmut niemals uneigennützig zu sein pflegt.“ Dem Sinne nach heißt das etwa, daß sie es auch nicht sein soll. Mit einem Wort, der ehrenwerte Idealist behauptet sehr viel Vernünftiges und, was die Hauptsache ist, nur Reales: nicht immer also schreiben wir Gedichte! ... Seine Anschauung ist sehr klug, gewiß, sehr klug, – um so mehr, als sie nichts Neues ist, sondern etwas, das so lange schon existiert, wie es Diplomaten gibt. Doch trotzdem: die Haltung Österreichs mit solch einem Feuer zu verteidigen, ja, nicht nur zu verteidigen, sondern sogar zu behaupten, daß es so hat handeln müssen ... Nun, man kann ja niemandem das Wort verbieten; doch es ist dabei etwas, was man nicht zugeben kann, und das einem verbietet, ihm recht zu geben, trotz der außergewöhnlichen praktischen Klugheit, die unser Historiker, Dichter und Priester des Schönen so unerwartet kundtut. Mit dieser Anerkennung der Heiligkeit des jeweiligen Vorteils, des unmittelbaren und sofortigen Gewinnes, mit dieser Anerkennung, daß es recht und billig sei, auf Ehre und Gewissen zu spucken, wenn man einen Bissen an sich reißen will – allerdings: damit kann man es sehr weit bringen! Damit kann man ja auch die Politik Metternichs durch „höhere reale Ziele des Staates“ rechtfertigen! Aber machen denn nur die praktischen Vorteile, der sofortige Gewinn den wirklichen Vorteil der Nation und ihre „höhere“ Politik aus, im Gegensatz zum „Schillertum“ der Gefühle und Ideale? Das ist doch noch die Frage! Ist nicht im Gegenteil gerade die Politik der Ehre, Großmut und Gerechtigkeit, wenn auch scheinbar zum Nachteil der eigenen Interessen, – in Wahrheit aber nie zum Nachteil – die vorteilhaftere Politik für eine große Nation? Sollte unser Historiker wirklich nicht gewußt haben, daß es nur diese großen und ehrlichen Ideen sind – nicht aber die kleinlichen der zeitweiligen Vorteile –, die zum Schluß in den Völkern und Nationen triumphieren, trotz der ganzen, wie es scheint, lächerlichen „Unvernünftigkeit“ dieser Ideen und ihres ganzen Idealismus, der in den Augen der Diplomaten und Metterniche so erniedrigend ist? Und daß diese Politik der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit für eine große Nation nicht nur die „höhere“, sondern vielleicht auch die „vorteilhaftere“ ist, eben weil sie großzügig ist? Die Politik, die sich nach dem zeitweilig Praktischeren richtet, das ununterbrochene Hin und Her der Jagd nach dem nächsten Vorteil, führt die Nation ins Kleinliche und schließlich zur inneren Kraftlosigkeit des Staates. Der diplomatische Geist, der Geist des „Praktischen“ und Nächsten, des Tagesvorteils, hat sich stets als geringer denn Wahrheit, Ehre und Anstand erwiesen, und Wahrheit, Ehre und Anstand haben zum Schluß immer gesiegt; oder wenn sie noch nicht immer gesiegt haben, so werden sie siegen, denn also wollen es die Menschen. Als der Negerhandel aufgehoben wurde, gab es da nicht hunderttausend schwerwiegende Einwände, wie z. B., daß diese Aufhebung äußerst unpraktisch sei und sogar den Interessen aller Völker schaden werde? Man verstieg sich sogar bis zu der Behauptung, der Negerhandel sei moralisch durchaus notwendig, und rechtfertigte diese Notwendigkeit dann noch mit dem Rassenunterschied und schließlich mit der Folgerung, daß der Neger eigentlich überhaupt kein Mensch sei ... Als die nordamerikanischen Kolonien sich zum Kampf gegen England erhoben, schrie man da nicht im praktischen England, daß die Befreiung der Kolonien von der Herrschaft Englands der Untergang der englischen Interessen, eine Erschütterung, ein Unglück sein werde? Und erhoben sich nicht auch bei uns solche Stimmen, als unser leibeigener Bauer befreit werden sollte? Sagten da nicht alle praktischen Geister, daß der Staat einen schlechten, unbekannten, gefährlichen Weg einschlage, zum Unglück des ganzen Volkes, und daß nicht darin die höhere Politik bestünde; daß der Staat vielmehr reale Interessen verfolgen müsse, nicht aber Interessen, die bloß auf modernen ökonomischen Erwägungen oder auf noch nicht erprobten Theorien begründet sind, kurz, daß der Staat die Führung niemals dem „Sentiment“ überlassen dürfte!? Doch wozu so weit zurückgreifen! Vor uns steht jetzt die Slawenfrage: – rät man uns etwa nicht, sie auf immer auszuschalten!? Zwar behauptet Granowski, daß wir uns durch die Balkanslawen nur bereichern und im Westen befestigen wollen, doch glaube ich, daß er sich auch hierin täuscht; denn welch einen Vorteil könnte uns der Besitz der Balkanslawen einbringen (selbst in der Zukunft), und wodurch würden wir uns denn bereichern? Durch das Mittelländische Meer etwa, oder gar durch Konstantinopel, „das man uns nie und nimmer geben wird“? Das ist doch nur ein schöner Vogel, der in den Wolken herumfliegt und uns, wenn wir ihn fangen wollten, lediglich Ärger und Mühe bereiten würde – auf tausend Jahre womöglich. Wäre das nun ein praktischer Vorteil? Die Slawen werden uns nur Sorgen und viel Mühe bereiten; besonders jetzt, da sie noch nicht zu uns gehören. Ihretwegen sieht Europa schon hundert Jahre lang eifersüchtig auf uns Russen, und ihretwegen ist es auch jetzt noch bereit, das Schwert zu ziehen und seine Kanonen auf uns zu richten. Da ist es doch das Beste, die Slawen einfach Slawen bleiben zu lassen, um Europa endlich zu beruhigen. Würden wir aber selbst dann das Gewünschte erreichen? Europa würde uns doch bestimmt nicht mehr glauben, daß wir auf den Besitz der Balkanslawen verzichten wollten; also würden wir das Gegenteil erst zu beweisen haben: würden uns selbst auf die Slawen stürzen, sie brüderlichst erwürgen und die Türkei gegen sie unterstützen müssen. „Ja, ja, liebe Brüder, der Staat ist keine Privatperson: er kann doch nicht aus Großmut seine Interessen opfern! Wußtet ihr das wirklich noch nicht?“ Und wieviel praktische Vorteile – reale, nicht nur erträumte – hätte dann Rußland mit einem Schlage! Die Orientfrage würde sofort aufhören zu existieren, Europa würde uns, wenn auch nur auf kurze Zeit, sein Vertrauen schenken, unser Kriegsbudget würde entlastet werden, unser Kredit und der Wert unseres Rubels würden wieder steigen – was will man mehr! Und überdies würde ja der Vogel immer noch über unserem Haupte bleiben ... Aber die Frage muß doch einmal beantwortet werden! Und da sollen wir nun Finten machen und abwarten –: „Der Staat ist keine Privatperson, er darf nicht aus Großmut seine Interessen opfern, – doch mit der Zeit ... wenn es den Slawen nun einmal beschieden ist, ohne uns nicht auszukommen, so werden sie sich uns von selbst anschließen. Nun, und dann werden wir uns wieder mit unserer Liebe und Brüderlichkeit an sie heranschlängeln können.“ Übrigens findet Granowski, daß unsere Politik das ganze letzte Jahrhundert hindurch geradeso gehandelt habe (nämlich die Slawen unterdrückt und sie den Türken ausgeliefert), daß unsere Balkanpolitik immer eine Eroberungspolitik gewesen sei und anders überhaupt nicht hätte sein können, – also nach seiner Meinung so hätte sein „müssen“. Rechtfertigt er doch bei anderen Nationen dieselbe Politik, warum verteidigt er sie dann nicht auch bei uns, wenn wir, wie er sagt, dieselbe Politik treiben –?

Wie ist es nur möglich, daß unsere Politik in der Slawenfrage noch immer nicht allen klar geworden ist!?

Früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören

Unser Verhältnis zum Orient[41]

Es war im vorigen Jahr im Juni, daß ich schrieb, früher oder später müsse Konstantinopel doch uns gehören.[42] Es war damals eine heiße, eine herrliche Zeit: der Geist und das Herz ganz Rußlands erhoben sich und das Volk zog freiwillig aus, um Christus und die Rechtgläubigen zu verteidigen, um für unsere dem Glauben und dem Blute nach slawischen Brüder zu kämpfen. Wenn ich auch diesen meinen Artikel „Utopische Geschichtsauffassung“ betitelte, so glaubte ich doch fest an meine Worte und hielt sie keineswegs für utopisch. Die Gedanken, die ich in jenem Artikel aussprach, stellte ich durchaus nicht als solche hin, die sofort in Erfüllung gehen müssen, sondern als solche, die sich einmal in der Zukunft, jedenfalls aber bestimmt verwirklichen werden, dann nämlich, wenn die historische Zeit dazu gekommen sein wird, – die Zeit, deren Nähe oder Ferne man allerdings nicht voraussagen, wohl aber vorausfühlen kann.

Seit dem Erscheinen dieses Artikels sind neun Monate vergangen. Wir erinnern uns noch alle dieser begeisterten Zeit, die anfänglich so voll Hoffnungen war, dann aber so aufregend wurde, und die bis jetzt noch zu nichts geführt hat, so daß nur Gott allein wissen mag – ich glaube, nur so kann man sich ausdrücken –, womit sie enden wird: wird es zum Kriege kommen, oder wird sich die Entscheidung wieder auf lange hinausschieben? Doch was da auch kommen mag – aus irgendeinem Grunde drängt es mich, gerade jetzt noch einige ergänzende und erklärende Worte meinen Gedanken, die ich im Juni über das Schicksal Konstantinopels schrieb, hinzuzufügen. Was jetzt auch kommen mag, sei es Friede, sei es wieder ein Nachgeben von seiten Rußlands, früher oder später wird Byzanz doch uns gehören! Das ist es, was ich nochmals betonen will, doch dieses Mal noch von einem anderen, einem neuen Standpunkte aus.

Ja, Byzanz muß unser werden, und nicht nur als berühmter Hafen, als „Pforte“, als „Mittelpunkt der Welt“; nicht nur vom Standpunkt der längst anerkannten Notwendigkeit für solch einen Riesen wie Rußland, endlich aus seinem verschlossenen Zimmer, in dem er schon bis zur Decke gewachsen ist, in die weite Welt hinaustreten und die freie Luft der Meere und des Ozeans atmen zu können. Ich will nur eines hervorheben, etwas, das gleichfalls von großer Wichtigkeit ist, und demzufolge Konstantinopel Rußland nicht entgehen kann.

Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, daß die vierhundertjährige Bedrückung des Balkans durch die Türken dem Christentum und der Rechtgläubigkeit der Slawen einerseits sogar nützlich gewesen ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. Die bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker sahen in Christus und im Glauben an ihn ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den einzigen und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und volklichen Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, das letzte Brett, das ihnen vom zerschellten Schiff verblieb. Die Kirche erhielt diese Völker immerhin als Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte sie, wenn auch nicht alle, so doch einen großen Teil, sich mit den Besiegern zu vermischen, ihren Stamm und ihre alte Geschichte zu vergessen. Die bedrückten Völker fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger um das Kreuz. Andererseits wandte schon seit der Eroberung Konstantinopels (1453) die ganze große christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals sich kaum erst vom Tatarenjoche befreit hatte, und erriet geradezu in ihm das zukünftige allvereinende Zentrum der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen werde. Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des Ostens und setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler über sein altes Wappen.[43] Es nahm damit vor der ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich, diesen Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, vor dem Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit nahm auch das ganze russische Volk diese neue Bestimmung Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und höchste Name seines Rußlands und seines Zaren der, den es damals aussprach: „rechtgläubiges Rußland“, „rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte, erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen Bestimmung an: der Hüter, der Vereiniger und, wenn das Gebot Gottes ertönt, auch der Befreier der Rechtgläubigkeit zu sein, – das ganze Christentum, das ihr angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und der westlichen Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, und besonders seit der Zeit Peters des Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen der Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und sich zu verwirklichen. Und jetzt hat das Schwert Rußlands bereits mehrmals im Osten zu ihrer Verteidigung gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die Völker des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur den Befreiers, sondern auch ihren zukünftigen Zaren sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber drang europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis zu ihnen vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, seine Intelligenz, wurde im Osten, wie ja auch bei uns, mit der Zeit gleichgültiger in ihrem Verhalten zur Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung und Auferstehung zu einem neuen großen Leben für den Osten wie für Rußland enthalten sei. In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der gebildeten oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht, gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung Rußlands und dessen Lebenskraft zu sehen. – Im Gegensatz dazu glaubt unsere Intelligenz jetzt, all das in den modernen Anschauungen Europas finden zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf europäische Weise nur toten Formalismus und sinnlose Zeremonie und seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. Den Geist, die Idee, die lebendige Kraft vergaß man. Mit der Zeit aber kamen ökonomische Ideen westlichen Charakters auf; es kamen neue politische Lehren, es kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch die Wissenschaft, die natürlich nicht umhinkonnte, den Glauben an die alten Ideen zu untergraben ... In den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und in vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: es überfiel sie plötzlich die Angst, sie könnten womöglich, wenn sie vom türkischen Joch befreit sein werden, unter das russische geraten. Doch in unserem einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren erlosch niemals die Idee der Befreiung des Ostens und der christlichen Kirche. Die Bewegung, die das russische Volk im vorigen Sommer ergriff, hat bewiesen, daß das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese Bewegung unsere ganze Intelligenz so in Erstaunen, daß sie an diese „Bewegung“ einfach nicht glauben wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte sich, spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen wollten, einfach ausgedacht und vorgetäuscht worden. In der Tat, wer könnte denn in unserer Zeit, von unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen, von der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, daß unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, soziale und sittliche Bestimmung bewußt zu verstehen? Wer von ihnen würde es zugeben, daß diese rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen war und jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und überzeugt sein könnte, daß ihre Bestimmung ist: Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den christlichen Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit zu befreien? „Mag diese Masse sich auch von jeher ‚christlich‘ genannt haben, so hat sie doch weder von der Religion, noch selbst von Christus einen Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten Gebete!“ sagt man gewöhnlich von unserem Volke. Und wer sind es denn, die so sprechen? Ist es vielleicht – der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten bearbeitet, oder der angereiste Europäer, der Korrespondent einer politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter „höherer“ Jude (einer von denen, die an Gott nicht mehr glauben) oder gar einer von den im Auslande angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser Volk nur in Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der Flasche in der Hand vorstellen? Nein, – so denkt der größte Teil unserer russischen, unserer besten Gesellschaft; und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß in unserem Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen kann, sich doch das Wesen des Christentums beispiellos erhalten hat, daß der Geist Christi und seine Wahrheit es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges Volk dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in Glaubensdingen gleichgültige russische Europäer kann den Glauben ja gar nicht anders auffassen wie als Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum folgern sie, daß das Volk unter seinem Glauben nichts verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine bemalte Tafel anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein Geist bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. Den christlichen Geist haben sie in ihm überhaupt nicht bemerkt, vielleicht weil sie selbst diesen Geist schon längst verloren haben. Dieses lasterhafte Volk, dieses dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen seinen Legenden und Sagen hängt es an dem Glauben, daß der Schwache und ungerecht Erniedrigte und der um Christi willen Duldende über den Vornehmen und Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste Gericht anbricht. Auch liebt unser Volk von dem großen Leben seines tapferen und keuschen Ilja von Murom[44] zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich nie überhebenden Lieblingsrecken, dem großen, treuen, mit dem reinen Herzen. Und wenn es so einen Helden schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es ihn liebt – wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt erniedrigten Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken seiner großen, demütigen Einsiedler und Helden und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten der christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich selbst habe sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie wurden so andächtig erzählt, daß sie für mein ganzes Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die da hingehen und ihr Hab und Gut verteilen, für den großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit und Armut ... Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man es versteht. Einmal wird man begreifen, daß auch das Volk etwas bedeutet. Man wird endlich auch jenen wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in großen oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken der russischen Geschichte ohne dasselbe ausgekommen ist: daß Rußland volklich ist, das Rußland nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß in jedem bedeutenden Moment unseres geschichtlichen Lebens die jeweilig vorliegende Frage immer vom Volksgeist und von der Volksansicht beantwortet worden ist, von den Zaren des Volkes, die stets in einer höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. Diese ungemein wichtige historische Tatsache wird von unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen übersehen, und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, wenn wieder einmal eine große neue historische Entscheidung herannaht ... Doch ich bin von meinem Thema abgekommen.

Gedanken unserer Zeit

Die griechisch-katholische Kirche des Balkans, ihre Vertreter und der ökumenische Patriarch haben in diesen vier Jahrhunderten der Unterjochung ihrer Kirche mit Rußland und untereinander in Frieden gelebt – wenigstens in Glaubensfragen. Es hat weder große Unruhen, noch Ketzereien, noch Abtrünnigkeiten gegeben. Doch siehe, in unserem Jahrhundert, und besonders in den letzten zwanzig Jahren nach dem großen Kriege in Osteuropa,[45] fing es an von der Türkei gleichsam wie Modergeruch einer verwesenden Leiche herzuwehen: die Vorahnung des Todes, der Zersetzung des „kranken Mannes“, und die Ahnung vom Untergang der Herrschaft desselben wurde zum vorwiegenden, fast körperhaften Gefühl. Oh, natürlich: endgültig befreien kann die Balkanslawen trotzdem ja nur Rußland allein, dieses selbe Rußland, das auch jetzt wieder, in den allgemeinen Auseinandersetzungen mit Europa über den Osten, ganz allein für sie einsteht, während alle anderen Völker und Reiche der gebildeten europäischen Welt selbstverständlich froh wären, wenn es alle diese bedrückten Völkerschaften des Ostens überhaupt nicht geben würde. Ruft nun auch die ganze Intelligenz der Balkanslawen Rußland zu Hilfe, so fürchtet sie uns leider vielleicht doch ebensosehr wie die Türken: „Wenn uns Rußland auch von den Türken befreit, so wird es uns doch verschlingen und unsere Nationalitäten nimmer sich entwickeln lassen“ – das ist ihr Schreckgespenst, das alle ihre Hoffnungen vergiftet! Und überdies bricht zwischen ihnen selbst mehr und mehr die nationale Gegnerschaft durch. Der griechisch-bulgarische „Kirchenstreit“, den wir unlängst erlebt haben, war ja schließlich nichts anderes als ein nationaler Streit in dieser Verkleidung und kann gewissermaßen als ein Omen für die Zukunft angesehen werden. Als der ökumenische Patriarch den Ungehorsam der Bulgaren tadelte und sie, wie den eigenmächtig von ihnen erwählten Exarchen, aus der Kirchengemeinschaft ausschloß, hob er besonders hervor, daß man in Sachen des Glaubens weder das Ritual, noch den der Kirche schuldigen Gehorsam dem „neuen und verderblichen Prinzip der Nationalität“ opfern dürfe. Währenddessen aber hat er doch selbst, als er, der Grieche, diesen Bann gegen die Bulgaren schleuderte, zweifellos diesem selben Prinzip der Nationalität gedient, nur zugunsten der Griechen gegen die Slawen. Mit einem Wort, es läßt sich sogar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß, sobald der „kranke Mann“ stirbt, am Balkan sofort überall Unruhen und Streitigkeiten bei der ersten besten Gelegenheit ausbrechen werden, und zwar werden es vornehmlich gerade Kirchenunruhen sein, die zweifellos auch Rußland schaden können. Ja, selbst in dem Falle würden sie schaden, wenn Rußland sich von allen Balkanfragen ganz zurückzöge oder gar zwangsweise von der Teilnahme bei der Entscheidung der Orientfrage ausgeschlossen werden sollte. Das ist es: diese Unruhen werden auf Rußland noch nachteiliger wirken, wenn es sich von einem tätigen und führenden Anteil an der Schicksalsentscheidung des Balkans ganz zurückzieht. Und da wird nun plötzlich geschrieben – nicht nur in Europa, sondern auch bei uns von vielen erstrangigen Politikern –, daß das Türkische Reich eben untergehen und Konstantinopel nur eine „internationale“ Stadt werden müsse, also irgendein Mittelding, etwas Allgemeines, Freies, auf daß es um seinetwillen nur ja keine Streitigkeiten gäbe. Etwas Unsinnigeres hätte man sich wahrlich nicht ausdenken können.

Erstens schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil man einen so prachtvollen Punkt der Erde doch nicht als internationale Stadt, also als keinem einzigen gehörig, sich selbst überlassen würde. Bestimmt würden sofort die Engländer mit ihrer Flotte erscheinen, in der Eigenschaft als Freunde natürlich, um diese selbe „Internationalität“ zu beschützen und zu bewahren, in Wirklichkeit aber, um Konstantinopel sich anzueignen. Die Engländer aber von einer Stelle zu verdrängen, wo sie sich bereits niedergelassen haben, ist nichts weniger als leicht – sie sind nun einmal ein schnell Fuß fassendes und zäh stehendes Volk! Und überdies werden ja die Griechen, Slawen, Muselmänner Konstantinopels sie selbst rufen, werden sich mit beiden Händen an sie klammern, sich an ihre Rockschöße hängen und sie nicht fortlassen. Und der Grund dieser Anhängigkeit? – Immer dieses selbe Rußland! „Sie werden uns vor Rußland bewahren, vor unserem Befreier!“ Ja, wenn sie nicht wüßten, was die Engländer für sie sind, und überhaupt ganz Europa! Aber sie wissen ja auch jetzt schon besser als alle anderen, daß ihr Glück, d. h. das Glück der ganzen christlichen Rajah, die Engländer (wie auch in ganz Europa niemanden außer Rußland) überhaupt nichts angeht. Diese ganze Rajah weiß es vorzüglich, daß die Engländer, wenn es nur möglich wäre, die bulgarische Metzelei des vorigen Sommers irgendwie unauffällig und im geheimen zu wiederholen (was, wie es scheint, sehr leicht möglich wäre), die ersten sein würden, die die zehnmalige Wiederholung dieser Metzeleien wünschten. Und das nicht etwa aus Blutdurst – oh bewahre! In Europa sind doch die Völker human und aufgeklärt! Sondern einfach, weil solche Metzeleien, zehnmal wiederholt, die Rajah endgültig ausrotten würden und dann niemand mehr am Balkan gegen die Türken Aufstände machen könnte – das aber ist doch die Hauptsache. Es würden nur noch die lieben Türken übrigbleiben, und die türkischen Papiere würden dann mit einem Schlage auf allen europäischen Börsen schwindelnd hoch steigen. Rußland aber müßte alsdann mit seinem „Ehrgeiz und seinen Eroberungsplänen“ einpacken, da es am Balkan niemanden mehr zu verteidigen hätte. Die Rajah weiß, wie gesagt, nur zu gut, daß sie jetzt von Europa keine anderen Gefühle erwarten darf.

Ganz anders aber wäre die Sache sofort, wenn der „kranke Mann“ auf irgendeine Weise, sei es durch sich selbst, oder sei es durch Rußlands Schwert, endlich umgebracht werden würde. Dann würde sogleich ganz Europa in zärtlichster Liebe zu den befreiten Völkern entbrennen und sofort zu ihnen eilen, um sie „vor Rußland zu retten“. Anzunehmen ist, daß Europa selbst die Idee von der „Internationalität“ in deren neue Staatsordnung bringen werde: es wird zunächst voraussehen, daß über dem Leichnam des „Kranken“ zwischen den befreiten Völkern alsbald Streit und Hader und Eifersucht aufkommen müssen, – das aber ist es ja, was Europa will. Somit wäre der Vorwand gefunden, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, und vor allen Dingen der Vorwand, sie aufzuhetzen gegen dieses Rußland, das ihnen bestimmt nicht wird erlauben wollen, um das Erbe des „Kranken“ zu streiten. Und dann wird es keine Verleumdung mehr geben, die gegen uns zu verbreiten Europa sich scheuen wird. „Nur der Russen wegen haben wir euch nicht gegen die Türken helfen können,“ werden ihnen sofort die Engländer zuflüstern. Die Völker des Ostens wissen auch jetzt schon ganz genau, daß „England sich niemals an ihrer Befreiung beteiligen und dazu auch anderen nie seine Zustimmung geben wird; denn es haßt diese Christen wegen ihrer geistigen Verbindung mit Rußland. England will, und hat es auch nötig, daß die orientalischen Christen uns ebenso großen Haß, wie England selbst, entgegenbringen ...“ schreiben die „Moskauer Nachrichten“. Das also ist es, was diese Völker vorläufig wissen und was sie schon jetzt auf Rußlands zukünftige Rechnung gesetzt haben. Wir aber glauben immer noch, daß sie uns vergöttern!

In der „internationalen“ Stadt werden aber trotz aller beschützenden Engländer doch die Griechen die Herren sein – so wie sie dort von jeher die Herren gewesen sind. Nun bitte ich, nicht zu vergessen, daß die Griechen mit noch größerer Verachtung auf die Slawen blicken als die Deutschen. Da aber die Griechen die Slawen auch noch werden fürchten müssen, so wird sich die Verachtung in Haß verwandeln. Untereinander Schlachten schlagen, sich gegenseitig den Krieg erklären, werden sie natürlich nicht können; denn die Beschützer würden es so weit jedenfalls nicht kommen lassen, wenigstens nicht zu einem Krieg im ernsten Sinne. Nun und dann werden eben infolge der Unmöglichkeit eines offenen und ehrlichen Kampfes alle möglichen kleinen Streitigkeiten zwischen ihnen ausbrechen, Unruhen, die natürlich zuerst den Charakter von Kirchenwirren annehmen – damit fängt es ja in solchen Fällen gewöhnlich an, weil dieser doch der bequemste Vorwand ist. Das war es, worauf ich hinweisen wollte!

Ich kann ja darüber nur reden, weil das Programm doch schon aufgestellt wurde: die Bulgaren, hieß es, sollten Konstantinopel bekommen. Dazu aber sind wieder die Griechen zu stark, und das wissen sie selbst ganz vorzüglich. Dabei kann es in Zukunft nichts Furchtbareres für den ganzen Balkan und für Rußland geben als die Wiederholung eines solchen Kirchenstreites, – die leider so leicht möglich ist, wenn Rußland nur auf einen Augenblick mit seiner Protektion und der strengen Aufsicht über die Balkanslawen beiseite geschoben werden sollte. Wenn das nun auch alles noch in der Zukunft liegt und meine Ansichten nur Vermutungen sind, so wäre es doch unverzeihlich, diese Konflikte aus dem Auge zu lassen, und wär’s auch nur als Möglichkeiten. Oder sollen auch wir wünschen, daß die Herrschaft der Türken noch lange dauere? Sollten auch wir so weit gehen? Sollte es wirklich nicht klar sein, daß dann am Balkan die ganze Kircheneinigung höchstwahrscheinlich ins Wanken geraten wird und die Folgen dieser Erschütterung sich vielleicht noch weiter in den Osten erstrecken werden? Ja, man könnte sogar folgendes sagen: ob es nun diese Streitigkeiten geben wird oder nicht, – jedenfalls ist es wahrscheinlich, daß ein großes Konzil zur Ordnung der Angelegenheiten der neu erstehenden Kirche nicht zu umgehen sein wird. Warum das nicht beizeiten erwägen? In diesen vier Jahrhunderten der Verfolgung und Unterdrückung sind die Vertreter der östlichen Kirche immer den Ratschlägen Rußlands gefolgt; doch werden sie morgen von den Türken befreit und bietet ihnen noch außerdem Europa seinen Schutz an, so werden sie sich zu Rußland sofort anders verhalten. Die Vertreter der griechisch-katholischen Kirche, vorwiegend Griechen, würden, sobald Rußland sich ein wenig auf die Seite der Slawen neigen wollte, ihm vielleicht unverzüglich zu verstehen geben, daß sie weiterhin seiner Ratschläge nicht mehr bedürfen. Gerade deswegen würden sie sich damit beeilen, weil sie alle vier Jahrhunderte hindurch zu diesem Rußland nur mit andächtig gefalteten Händen emporgesehen haben. Und wie wird dann Rußlands Lage sein? Diese selben Bulgaren werden dann natürlich losschreien, daß in Konstantinopel sich ein neuer Papst auf den Thron gesetzt habe, und – wer weiß – vielleicht werden sie damit nicht einmal eine Unwahrheit sagen. Das internationale Konstantinopel kann tatsächlich einmal, wenn auch nur zeitweilig, einem neuen Papste zum Piedestal dienen. Dann wird für Rußland „die Griechen verteidigen“ gleichbedeutend sein mit „die Slawen verlieren“, und wiederum „für die Slawen eintreten“ vielleicht gleichbedeutend mit „auch sich die unangenehmsten und ernstesten Kirchensorgen zuziehen“. Augenscheinlich kann all dieses nur durch die Standhaftigkeit Rußlands in der Orientfrage, d. h. durch die energische Durchführung jener Politik, die uns unsere ganze Geschichte zur Pflicht gemacht hat, vermieden werden. In dieser Angelegenheit dürfen wir Europa keine einzige Konzession machen, denn hier handelt es sich für uns um Leben oder Tod. Konstantinopel muß unser werden, ob früher oder später bleibt sich gleich, und wenn auch nur zur Vermeidung schwerer Kirchenunruhen, die so leicht zwischen den jungen Völkern des Ostens ausbrechen können, da ihnen doch schon einmal im Streite der Bulgaren mit dem ökumenischen Patriarchen ein Beispiel geboten worden ist. Erobern wir aber Konstantinopel, so kann von alledem nichts eintreten. Die Völker des Westens, die so eifersüchtig jeden Schritt Rußlands beobachten, wissen und ahnen im gegenwärtigen Augenblick nicht einmal alle diese noch phantastischen und doch so leicht möglichen zukünftigen Konflikte. Würden sie dieselben aber jetzt erfahren, so wären sie doch unfähig, sie zu verstehen, oder sie würden ihnen keine besondere Wichtigkeit zuschreiben – das werden sie erst später tun, dann, wenn es zu spät sein wird. Das russische Volk, das die Orientfrage ausschließlich als Befreiung der ganzen orthodoxen Christenheit versteht, und von der großen Zukunft Rußlands die Vereinigung der ganzen Kirche erhofft, würde durch neue Unruhen und neue Uneinigkeiten rein kirchlichen Charakters zu sehr erschüttert werden, und fraglos würden diese in seinem ganzen Leben einen tiefen Widerhall finden. Das ist der einzige Grund, warum wir für keinen Preis und in keiner Weise unsere in die Jahrhunderte zurückreichende Anteilnahme an dieser großen Frage weder ganz aufgeben noch auch nur verringern können. Nicht nur der prachtvolle Hafen, nicht nur die Pforte zu den Meeren und Ozeanen verbinden Rußland so eng mit dieser verhängnisvollen Orientfrage, und nicht einmal die Vereinigung und Auferstehung der Balkanslawen tun dies ... Unsere Aufgabe ist tiefer, unendlich tiefer. Wir, Rußland, sind in der Tat unumgänglich notwendig für die ganze orientalische Christenheit wie auch für die Vereinigung der ganzen zukünftigen rechtgläubigen Menschheit. So haben es immer das Volk und seine Herrscher verstanden ... Mit einem Wort, diese furchtbare Orientfrage – das ist in Zukunft beinahe unser ganzes Schicksal. In ihr liegen geradezu alle unsere Aufgaben und, vor allem, unsere einzige Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit einzutreten. In ihr liegt auch unser endgültiger Zusammenstoß und unsere endgültige Vereinigung mit Europa, und zwar auf neuer, mächtiger, fruchtbarerer Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze uns vom Schicksal bestimmte Lebensbedeutung, die für uns in der Entscheidung dieser Frage liegt, jetzt schon begreifen?!

Nein: gleichviel, womit die gegenwärtigen, vielleicht notwendigen diplomatischen Unterhandlungen und Verträge mit Europa enden, früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören, und sei es auch erst im nächsten Jahrhundert! Das müssen wir Russen immer im Auge behalten, ein jeder von uns unverwandt und fest. Nur dies war es, was ich allen Russen sagen und ans Herz legen wollte, besonders in unserer jetzigen europäischen Zeit.

Der Krieg

Wir sind die Stärksten

„Krieg!! der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns vor zwei Wochen.[46] „Wird es auch zum Kriege kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist schon erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen wir, – aber wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ fuhren jene fort zu fragen.

Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht noch jetzt. Und nicht nur wegen der langen diplomatischen Unterhandlungen glaubt man nicht an den Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, das Grund zum Zweifeln gibt: hier ist es einfach – der Instinkt. Alle fühlen, daß etwas Entscheidendes beginnt, daß das Ende von etwas Früherem, jahrhundertelang Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt zu etwas ganz Neuem getan wird, zu etwas, was das Frühere zersprengt und zu neuem Leben auferweckt, und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von – Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht glauben können. Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, doch der Zweifel währt noch immer: „Rußland! Wie kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn dazu vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur materiell? Dort ist Europa, das ist leicht gesagt – Europa! Aber Rußland, was ist denn Rußland? Und nun solch ein Schritt!?“

Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem neuen und großen Schritt. Es ist das Volk, das sich mit seinem Zaren an der Spitze zum Kriege erhoben hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu Gott zu beten; als die Bauern auf dem Lande das Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie sich und beglückwünschten einander zu diesem Kriege. Das haben wir selbst hier in Petersburg gesehen und gehört. Und wieder geschieht dasselbe, was im vorigen Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach ihrem Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen Lebensmittel, Pferde und Wagen und plötzlich sagt dieses Volk: „Was sind Spenden, was Vieh und Pferde, wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten gegeben – ihre Namen kennt man nicht, denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche Tatsachen erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen sie wunder. Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk sich für die Wahrheit erhoben hat, zum Kriege für die heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – ganz wie sie im vorigen Sommer die Beweise der Sympathie unseres Volkes für die Balkanslawen leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch sind ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. Warum aber lachen sie nur, woher haben sie soviel Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch für eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, ohne die man nichts vollbringen kann. Indessen ist das Ende dieser ihrer Macht nicht mehr fern und immer schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren Untergang. Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird zu weichen, dann werden sie sich beeilen, in einer anderen Sprache zu reden, doch dann wird es zu spät sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte aufs Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen abwenden und ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der Zar und mit ihm sein Volk ist.

Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: nicht nur für unsere von den Türken gequälten „slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern auch zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die wir atmen, erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht unserer Verwesung und geistigen Beengtheit zu ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“ prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren Unordnungen ersticken und verderben würden und darum an Stelle des Krieges lieber einen langen Frieden wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, Ehrlichkeit und Ehre lernen können: „Dann erst geht und helft euren slawischen Brüdern,“ schließen sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, durch den sie es besser machen würden, eigentlich denken? Und auf welche Weise sie sich durch evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant wäre ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft gegen das allgemeine, allenthalben durchbrechende Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen. Nein, wie man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich und leiden und verschwinden dann spurlos, als ob es ihnen bestimmt gewesen wäre, niemals die Wahrheit zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich an die von anderen ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, daß die Autoritäten, daß Europa ihnen recht gebe. Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene und ihres Volkes Selbständigkeit glauben, pfeifen sie aus. Aber in der Wirklichkeit sind diese Schwärme schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne von ihnen sich der Wahrheit nähern oder von dieser wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen. Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich ziehen, die Führung ergreifen, die Idee gebären und sie als Vermächtnis den sich quälenden Menschenmassen hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon bei uns gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar viele. Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu lachen und immer noch von sich zu glauben, sie seien eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren, werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren Truppen, die schon die Grenze überschritten haben, sagen es sogar laut. „Wo soll’s denn Krieg geben? Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach ein militärischer Spaziergang und einige Manöver mit Verschwendung Hunderter von Millionen – zur Aufrechterhaltung der Ehre.“ Das ist ihre intime Auffassung der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime.

Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, oder unter dem Druck der Verhältnisse für Lappalien Frieden schließen, – oh, dann würden die „Klugen“ natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und Heidenlärm und Zynismus wird dann wieder beginnen, welch ein Bacchanal von Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung und Selbstverspottung wird dann wieder anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben bei uns zu erwecken, sondern gerade wegen des Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit, Unpersönlichkeit und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen Volkes und seiner Selbständigkeit beginnen, und – das Wichtigste – wird solche Macht ergreifen und so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die Jugend ihre Familien und ihr Elternhaus beschimpfen und vor der Weisheit der Greise davonlaufen, weil diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer die alten, allen überdrüssig gewordenen Lieder von der europäischen Herrlichkeit und von unserer Pflicht, möglichst unpersönlich zu sein. Das ist ja das Schrecklichste, daß es dann wieder dieselben alten Lieder, dieselben alten Worte geben wird und die Hoffnung auf etwas Neues dann auf lange, lange hinausgeschoben werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege! Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich fortsetzen ... was sag’ ich, „von früher“! – von heute, meine Herren.

Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: setzen wir den für uns schlechtesten Ausgang des begonnenen Krieges voraus, so wird doch, selbst wenn wir viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes altes Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß nicht ins Wanken gebracht werden und früher oder später das Seine nehmen. Das ist nicht nur meine Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In dieser Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu bringen, liegt unsere ganze Macht Europa gegenüber. Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige volkstümliche Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen Bewegungen haben allen, die zu sehen verstehen, deutlich unsere volkliche Einheit und Frische gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte von jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen hat, bewahrt geblieben sind. Und welch einen Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß die ganze Welt es hörte, wir seien arm und nichtig; sie versicherten spöttisch allen, einen Volksgeist hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein Volk vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie sein „Geist“ nur von der Phantasie einheimischer, moskowitischer Denker erfunden worden sei; daß die achtzig Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur Millionen passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern wären; daß von einer Verbindung des Zaren mit dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne – letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, alles losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; daß unsere Soldaten die Gewehre wegwerfen und wie die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, hieß es, sähen wir selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet hätten, und warteten jetzt nur auf einen Vorwand, um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, und beteten zu Gott, daß Europa uns diesen Vorwand ausdächte! Das ist die Meinung unserer „Weisen“ von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, wir sind arm, ja, in vielem sind wir sogar bedauernswert; ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes, daß der „Kluge“, und besonders wenn er noch unser „Kluger“ ist, nichts anderes tun kann, wenn er sich „treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu das Ende Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken unserer Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis seit dem Ausbruch des Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem europäischen Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie nur unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ angehört. Die Volkskraft und der Volksgeist sind ihnen allen entgangen. Und so ist denn auch schon die Nachricht, daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert worden. Als diese erste Botschaft noch vor dem Kriege hinauszog, da erbebten die Herzen unserer uralten Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten die Herzen vieler Tausende europäischer Juden und die Herzen vieler Millionen verjudeter „Christen“. Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm ward gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis zur beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen Krieg begönne – dermaßen groß, hieß es, sei seine „Friedensliebe“. Gott jedoch schützte uns und schlug sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang und die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen das Wichtigste entgehen: sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja, nur das ist ihnen entgangen! Außerdem konnten sie unmöglich begreifen und glauben, daß unser Zar wirklich friedliebend sei und wirklich nicht Menschenblut vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei uns nur „aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch sehen sie nichts von alledem: sie schreiben, daß bei uns plötzlich nach dem Manifest des Zaren der „Patriotismus“ ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, ist denn diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für die große Sache etwa nur Patriotismus? Darin besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von Rußland verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, daß wir durch nichts in der Welt besiegt werden können, daß wir meinetwegen Schlachten verlieren können, doch nichtsdestoweniger unbesiegbar bleiben, gerade durch die Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein: daß wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, daß wir nicht Europa sind, das ganz von den Börsen seiner Bourgeosie abhängt und von der „Ruhe“ seiner Proletarier, die bereits durch die letzten Anstrengungen der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf eine Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir wollen, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer Armeen; daß, wenn wir wollen, man uns nicht wird zwingen können, etwas gegen unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische Macht gibt, die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, daß man über diese Worte nicht nur in Europa lachen wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die wirklichen Russen unserer intelligenten Schicht – dermaßen wenig kennen wir uns selbst und unsere Urkraft, die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß bei uns, in unserem unabsehbaren und eigenartigen, Europa im höchsten Grade ungleichen Lande sogar die Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache! – der europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die Grundlagen der europäischen Taktik – Geld und wissenschaftliche Organisation militärischer Einfälle in unser Land – über dieses Land straucheln und hier bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen Geistes liegen. Doch mögen es vorläufig auch noch so viele gute Leute bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich ängstigen –; dafür wissen es unsere Zaren und fühlt es unser Volk. Alexander I. wußte um diese unsere eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich einen langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke in die Wälder gehen, doch könne er nicht das Schwert niederlegen und sich dem Willen Napoleons fügen. An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; denn zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch die Einheitlichkeit seiner Organisation aus. Wenn einst bei uns alle Russen wissen werden, daß wir so stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß wir nicht mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird man an uns glauben und dann wird uns Europa zum erstenmal entdecken, so wie es einst Amerika entdeckte. Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen wir uns selber, und zwar vor ihnen, entdecken, und muß unsere Intelligenz endlich begreifen, daß sie sich nicht mehr von unserem Volke absondern darf ...

Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die einzige Rettung

Doch unsere „Klugen“ haben sich auch an die andere Seite der Sache gemacht: sie predigen Nächstenliebe und „Humanität“, sie trauern um vergossenes Blut und sind tief unglücklich, daß wir zu unserer Vertierung in den Krieg ziehen, uns somit noch weiter von dem inneren Fortschritt, dem richtigen Wege, der Wissenschaft entfernen. Ja, der Krieg ist schließlich ein Unglück, doch vieles ist auch kurzsichtig gesehen in diesem Urteil der „Humanen“; vor allem aber haben wir wirklich genug von ihren bourgeoisen Moralpredigten! Die Heldentat des Selbstopfers für all das, was wir heilig halten, ist doch wohl ethischer als der ganze bourgeoise Moralkatechismus. Der Aufschwung des Geistes der Nationen für eine hochherzige Idee – ist ein Schritt nach vorn, aber nicht „Vertierung“. Natürlich können wir uns ja irren in dem, was wir eine hochherzige Idee nennen; ist aber das, was wir heilig halten, schimpflich und lasterhaft, so werden wir der Strafe der Natur nicht entgehen: das Schimpfliche und Lasterhafte trägt seinen Tod in sich und richtet sich früher oder später doch selbst. Der Krieg, der zur Eroberung fremder Reichtümer geführt wird, auf Wunsch der unersättlichen Börse, – wenn er auch vielleicht im tiefsten Grunde auf dem allen Völkern gemeinsamen Gesetz der Ausbreitung ihrer nationalen Persönlichkeit beruhen mag, so gibt es doch eine Grenze, die bei dieser Ausbreitung nicht überschritten werden darf, über die hinaus jede Aneignung schon Überfluß ist –: solch ein Krieg zeugt bereits von der Dekadenz der Nation und kann ihr nur den Tod bringen. So würde England, wenn es in diesem Kriege für die Türken eintreten und aus Interesse für seine handelspolitischen Vorteile die Leiden gequälter Menschen ganz und gar vergessen wollte, zweifellos ein Schwert erheben, das früher oder später auf sein eigenes Haupt zurückfallen würde. Und umgekehrt: welch eine Tat könnte reiner und heiliger sein als dieser Krieg, den Rußland jetzt unternommen hat? Man wird vielleicht sagen: „Auch Rußland will sich doch in diesen Völkern, die es jetzt, nehmen wir an, aus tatsächlich uneigennützigen Gründen zu befreien und selbständig zu machen beabsichtigt, durch diese selbe Tat für die Zukunft Verbündete, d. h. also, eine neue Kraft erwerben; – das aber geschieht natürlich nach diesem selben Gesetz der Ausbreitung der nationalen Persönlichkeit, dem zufolge auch England zu erobern strebt. Da aber das Ziel des ‚Panslawismus‘ durch seine Kolossalität Europa fraglos schrecken kann, so hat Europa allein schon nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes das Recht, uns aufzuhalten, ganz so wie wir das Recht haben, vorwärts zu gehen, ohne uns durch seine Angst auch nur im geringsten aufhalten zu lassen, und uns in unserem Gang nur nach dem zu richten, was uns die eigene politische Umsicht und Klugheit rät. Auf diese Weise gibt es hierbei weder Heiliges noch Schmähliches, sondern nur einen ewigen, sagen wir, tierischen Instinkt der Völker, dem sich ausnahmslos alle noch ungenügend und unvernünftig entwickelten Nationen der Welt unterwerfen. Trotzdem aber müssen die erworbene Erkenntnis, die Wissenschaft und Menschlichkeit endlich einmal, sei es wann es sei, den ewigen tierischen Instinkt der unvernünftigen Nationen schwächen und in ihnen allen den Wunsch nach Frieden, nach allvolklicher Vereinigung und philanthropischem Fortschritt entfachen. Daraus folgt, daß man Frieden und nicht Blut verkünden muß.“

Heilige Worte! Im gegenwärtigen Augenblick jedoch kann man sie nicht gut auf Rußland anwenden, oder, um es besser auszudrücken –: in der jetzigen historischen Epoche ganz Europas stellt Rußland gewissermaßen eine Ausnahme dar. Sollte sich Rußland, das sich jetzt uneigennützig zur Errettung der geknechteten Völker gerüstet hat, späterhin auch durch dieselben verstärken, so würde es doch selbst dann ein Ausnahmebeispiel bleiben, was natürlich Europa, das Rußland nur nach sich beurteilt, vorläufig noch keineswegs für möglich hält. Rußland wird sich, selbst wenn es sich durch das Bündnis mit den von ihm befreiten Völkern ungemein verstärkt, doch nicht mit seinem Schwerte auf Europa stürzen, nichts von ihm verlangen, nichts von ihm fortnehmen, wie es umgekehrt Europa bestimmt tun würde, wenn es die Möglichkeit fände, sich wieder als Ganzes gegen Rußland zu vereinigen, und wie es in Europa alle Nationen von jeher tun – wenn sich nur eine Gelegenheit findet, sich auf Kosten der lieben Nachbarin zu verstärken. Das geschieht dort seit den ältesten Zeiten, und noch kürzlich ist es wieder geschehen: die gelehrteste, aufgeklärteste aller Nationen stürzte sich auf die andere, ebenso gelehrte und aufgeklärte Nation und packte sie wie ein grimmes Tiers, sog ihr das Blut aus, preßte ihre Kräfte in Gestalt von Milliarden heraus und hieb ihr eine ganze Seite – die beste – ab! Ist es wirklich noch Europas Schuld, wenn es nach alledem Rußlands Bestimmung nicht verstehen kann? Wie sollten sie, die Stolzen, Gelehrten, Starken, sich auch nur träumen lassen, daß Rußland vielleicht gerade zu ihrer Rettung bestimmt und geschaffen ist, und daß es vielleicht erst zum Schluß sein erlösendes Wort aussprechen wird! – Oh, wahrlich wahrlich, wir werden ihnen nichts wegnehmen! – Doch gerade durch den Umstand, daß wir uns so ungemein verstärken – und zwar durch eine Vereinigung in Liebe und Brüderlichkeit, und nicht durch Überfall, Eroberung und Gewalt – gerade durch diese Tatsache wird es uns endlich möglich sein, das Schwert ruhen zu lassen und in der Ruhe unserer Kraft das Beispiel des wahren Friedens zu geben, der internationalen Allvereinigung und Uneigennützigkeit. Wir werden die ersten sein, die der Welt kundtun, daß wir nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit uns fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, sondern, im Gegenteil, Letzteres nur in der freiesten und selbständigsten Entwicklung aller anderen Nationen sehen und in der brüderlichen Vereinigung mit ihnen, die einen die anderen ergänzend, indem wir uns ihre organischen Besonderheiten einimpfen und ihnen auch von uns Pfropfreiser geben, uns gegenseitig seelisch und geistig aufnehmen, von ihnen lernen und wiederum sie lehren – bis die Menschheit dereinst sich durch den universalen Umgang der Völker bis zur allgemeinen Einheit vervollständigen und wie ein großer prachtvoller Baum die glückliche Erde beschatten wird. Mögen sie doch lachen über diese „phantastischen“ Worte, unsere jetzigen Kosmopoliten und Selbstbespeier! Wir aber fühlen keine Schuld in uns, wenn wir mit unserem Volke, das daran glaubt, Hand in Hand gehen. Fragt doch das Volk, fragt die Soldaten: warum erheben sie sich, warum ziehen sie jetzt westwärts, und was ersehnen sie von diesem begonnenen Kriege? Alle werden sie wie aus einem Munde antworten, daß sie gehen, um Christus zu dienen, und um die bedrückten Brüder zu befreien, – und keiner ist unter ihnen, sage ich euch, der da an Eroberung dächte! Ja, jetzt, gerade in diesem Kriege werden wir den Europäern unsere ganze Idee der zukünftigen Bestimmung Rußlands in Europa beweisen, indem wir uns nach der Befreiung der slawischen Länder von ihnen keine Scholle aneignen – was Österreich bereits heute beabsichtigt, in Zukunft für sich zu tun –; sondern indem wir, im Gegenteil, nur über ihr gegenseitiges Einverständnis wachen und ihre Freiheit und Selbständigkeit, sollte es darauf ankommen, auch gegen ganz Europa verteidigen. Ist dem aber so, dann ist unsere Idee heilig und unser Krieg nicht „ewiger tierischer Instinkt unvernünftiger Nationen“, wohl aber der erste Schritt zur Verwirklichung jenes ewigen Friedens, an den zu glauben wir das große Glück haben, zur Verwirklichung der fürwahr internationalen Vereinigung und des wahrhaften Gedeihens! Also sage ich euch: nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im Frieden allein liegt einzig die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg bringen.

Rettet denn vergossenes Blut?

„Aber es wird doch Blut dabei vergossen! – Menschenblut!“ rufen unsere Klugen entsetzt, und wieder beginnen sie ihr altes Lied. Alle diese Rumpelkammerphrasen von vergossenem Blut sind mitunter wirklich nichts weiter als eine Häufung der allernichtigsten schönen Worte zu einem bestimmten Zweck. Die Börsenspekulanten z. B. lieben es jetzt geradezu auffallend, über die Humanität zu philosophieren, – doch für wie viele von ihnen ist sie nur ein Geschäft! Indessen wäre ohne Krieg vielleicht noch mehr Blut vergossen worden. Glaubt mir, in nicht wenigen Fällen, wenn nicht in allen – abgesehen von Bürgerkriegen –, ist der Krieg ein Mittel, durch das man mit dem geringsten Blutvergießen, dem geringsten Weh und der geringsten Kraftverschwendung internationale Ruhe erreicht, und durch die sich, wenn auch nur annähernd, einigermaßen normale Beziehungen zwischen den Nationen herstellen. Selbstverständlich ist das traurig, doch was tun, wenn es so ist! Lieber einmal mit dem Schwerte dreinschlagen, als endlos Leid tragen. Und wodurch ist denn der jetzige Friede zwischen zivilisierten Nationen besser als – Krieg? Im Gegenteil: weit eher als der Kampf vertiert der Friede, besonders der lange Friede, den Menschen und macht ihn grausam. Ein langer Friede züchtet stets Gemeinheit, Feigheit und rohen, feisten Egoismus, vor allem aber – geistigen Stillstand. In der Zeit eines langen Friedens werden nur die Ausbeuter des Volkes fett. Man glaubt im allgemeinen, daß Friede Reichtum erzeuge, – aber das trifft doch nur für ein Zehntel der Menschheit zu! Und dieses Zehntel, das gar bald von den Krankheiten des Reichtums angesteckt ist, überträgt dann diese Krankheiten natürlich auch auf die übrigen neun Zehntel, versteht sich, ohne Reichtum. Krank aber ist es durch Verderbnis und Zynismus. Durch die übermäßige Anhäufung des Reichtums in den Händen Einzelner verrohen deren Gefühle bis zur Stupidität. Das Gefühl für das Vornehme verwandelt sich in die Gier launischen Übermutes und launischer Anormalitäten. Sinnenlust gebiert Grausamkeit und Feigheit. Die betrunkene rohe Seele des Wollüstlings ist grausamer als jede andere, selbst lasterhafte Seele. Mancher Wollüstling, der beim Anblick eines abgeschnittenen Fingers in Ohnmacht fällt, kann einem armen Schlucker nicht einmal eine lumpige Schuld verzeihen und bringt ihn ruhig ins Gefängnis. Grausamkeit aber erzeugt verstärkte, schon allzu feige Sorge um die Sicherstellung seiner selbst, und diese verwandelt sich am Ende eines langen Friedens in eine geradezu krankhafte Angst um die eigene Person, durchdringt schließlich alle Schichten der Gesellschaft und bringt die furchtbarste Gier nach Gelderwerb hervor. Der Glaube an die Solidarität der Menschen, an ihre Brüderlichkeit, an die Hilfe der Gesellschaft, geht verloren und die These: „Ein jeder für sich und nur für sich“ wird laut auf den Märkten verkündet. Der Arme sieht nur zu gut, was der Reiche ist, und was er ihm für ein „Bruder“ sein kann; und so sondern sich alle ab und vereinsamen. Großmut und Hochherzigkeit werden vom Egoismus ertötet. Nur die Kunst erhält in der Menschheit noch das höhere Leben: sie hält noch die Seelen wach, die in den Perioden langen Friedens einzuschlafen drohen und auch pflegen. Deswegen glaubt man auch, daß die Kunst nur zur Zeit eines langen Friedens blühen könne – welch ein Irrtum! Die Kunst, d. h. die wirkliche Kunst, entwickelt sich im Frieden ja nur deshalb, weil sie allen trunkenen, lasterhaften Einschläferungen der Seelen entgegengesetzt ist und durch ihre Schöpfungen in diesen Perioden stets zum Ideal ruft, Protest und Tadel aufwirbelt, die Gesellschaft bewegt und oftmals Menschen leiden macht, die da lechzen nach der Errettung aus der übelriechenden Grube. Und so erweist es sich, daß der lange bourgeoise Friede zu guter Letzt selber das Bedürfnis nach Krieg erzeugt, ihn wie eine traurige Folge gleichsam von selbst aus sich hervorbringt. Doch leider kommt es dann nicht zu einem Kriege mit einem großen, gerechten Ziele, das einer großen Nation würdig ist, sondern zu einem aus irgendwelchen erbärmlichen Börseninteressen, zur Erwerbung neuer Märkte für die Besitzer der Goldsäcke, mit einem Wort: zu einem Kriege aus Gründen, die nicht einmal durch die Notwendigkeit der Selbsterhaltung gerechtfertigt werden, sondern umgekehrt, nur von dem launischen, krankhaften Zustande des Nationalorganismus zeugen. Diese Interessen und die Kriege, die um ihretwillen geführt werden, verderben die Völker, ja, richten sie völlig zugrunde; während der Krieg mit einem hochherzigen Ziele – zur Befreiung Unterdrückter, für eine uneigennützige und heilige Idee – nur die von giftigen Miasmen erfüllte Luft reinigt, die Seele heilt, die schmähliche Feigheit und Faulheit verjagt, ein festes Ziel setzt und schließlich eine Idee gibt und sie verständlich macht, eine Idee, zu deren Verwirklichung diese oder jene Nation berufen ist. Ein solcher Krieg stärkt jede Seele durch das Bewußtsein des Selbstopfers und den Geist der ganzen Nation durch das Bewußtsein der Solidarität und Vereinigung aller, die die Nation ausmachen, vor allem aber durch das Bewußtsein der erfüllten Pflicht, der vollbrachten guten Tat –: „so sind wir doch noch nicht ganz gefallen und verderbt, so gibt es auch in uns noch Menschliches!“ Und womit fingen denn diese unsere jüngsten Prediger des Friedens und der „Menschlichkeit“ ihre Reden an? Mit der allerunmenschlichsten Härte. Sie wollten selbst nicht helfen und ließen auch nicht zu, daß andere den Gemarterten, die nach uns riefen, halfen. Sie, die scheinbar so „human“ und gefühlvoll sind, leugneten kaltblütig und spöttisch die Notwendigkeit des Selbstopfers und der geistigen Heldentat für uns. Sie wollten Rußland auf den erbärmlichsten, einer großen Nation unwürdigsten Weg stoßen, – ganz zu schweigen von ihrer Verachtung für das Volk, das in den slawischen Märtyrern seine Brüder anerkannte, und ihrer hochmütigen Abwendung vom Volkswillen, über den sie ihre falsche „europäische“ Bildung stellten. Ihre Lieblingsthese war: „Arzt, heile dich selbst.“ „Ihr drängt euch, andere zu heilen und zu retten, während bei euch noch nicht einmal Schulen gebaut sind,“ hoben sie ganz besonders hervor. „Nun gut, dann wollen wir uns heilen. Schulen sind eine wichtige Sache, das wird niemand leugnen; doch Schulen brauchen einen Geist und eine Richtung, – so gehen wir denn jetzt in den Krieg, um uns mit Geist zu versehen und eine gesunde Richtung zu erlangen. Und das werden wir auch erreichen, und werden es doppelt, wenn Gott uns Sieg schickt. Mit dem Bewußtsein, daß wir eine uneigennützige Tat vollbracht, daß wir mit unserem Blute ruhmvoll der Menschheit gedient, mit dem Bewußtsein unserer erneuten Kraft und Energie werden wir dann zurückkehren – und werden all das an die Stelle unseres jetzigen kläglichen Wankelmutes setzen, an die Stelle unseres ertötenden Stillstandes in dem sinnlos übernommenen Europäismus. Und wir schließen uns dem Volke an und vereinigen uns fester mit ihm; denn nur in ihm allein werden wir die Heilung von unserer Krankheit finden – von unserer zwei Jahrhunderte langen unfruchtbaren Kraftlosigkeit.“

Im allgemeinen kann man sagen, daß, wenn die Menschheit ungesund und voll Ansteckungsstoff ist, selbst eine so nützliche Sache, wie ein langer Friede, der Gesellschaft anstatt Nutzen nur Schaden bringt. Das ließe sich im allgemeinen auf ganz Europa anwenden. Nicht umsonst ist in der europäischen Geschichte, wenigstens seit der Zeit, da wir uns ihrer erinnern, noch keine einzige Generation ohne Krieg ausgekommen. So ist, wie man sieht, wohl auch der Krieg zu irgend etwas nötig, kann auch der Krieg die Menschheit heilen und ihr das Leben erleichtern. Es mag empörend sein, wenn man es theoretisch überdenkt, doch in der Praxis ergibt sich diese eine Tatsache gerade aus der anderen Tatsache, daß nämlich für einen kranken Organismus auch der schöne Frieden nur Schaden bringt. Wirklich nützlich erweist sich freilich nur der Krieg, der für eine große Idee unternommen wird und nicht wegen materieller Interessen, nicht zu gieriger Eroberung, nicht um hochmütiger Vergewaltigung willen. Solche Kriege haben die Nationen bis jetzt nur auf falsche Wege verschlagen und sie stets verdorben. Wenn nicht wir, so werden es unsere Kinder erleben, wie England enden wird. Jetzt aber ist für alle in der Welt bereits „die Stunde nah“. Und wahrlich, es ist auch die höchste Zeit.

Wie Rußlands „sanftester“ Zar die Orientfrage aufgefaßt hat

Man hat mir vor kurzem einen Auszug aus einem Buch zugesandt, das im vorigen Jahr in Kiew erschienen ist. Es heißt: „Das Moskowitische Reich zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch und des Patriarchen Nikon nach den Aufzeichnungen des Archidiakonus Pawel Alepski.“ Herausgegeben ist es von Iwan Obolenski.

Ich will nun einen Teil dieses Auszuges hier in meinem „Tagebuch“ anführen, da es vielleicht meine Leser interessieren wird, zu erfahren, wie Rußlands „sanftester Zar“ Alexei Michailowitsch (1645–1676) die Orientfrage aufgefaßt hat. Zugleich ersehen wir aus dieser charakteristischen Aufzeichnung, welch einen Kummer es ihm bereitet hat, nicht der „Zar-Befreier“ der unterdrückten Balkanslawen sein zu können:

Und man sprach, daß der Zar zum heiligen Osterfest (1656), als er mit den griechischen Kaufherren, die alsdann in Moskau weilten, den Osterkuß tauschte, zu ihnen auch also gesprochen habe: „Wollt ihr vielleicht und erwartet ihr, daß ich euch aus der Gefangenschaft befreie und loskaufe?“ und als sie geantwortet: „Wie kann es anders sein? wie sollen wir das nicht wollen?“ habe er weitergesagt: „So bittet denn, wenn ihr heimkehrt in euer Land, alle Bischöfe und Mönche, zu Gott für mich zu beten und Messen zu lesen, auf daß mir durch ihre Gebete die Kraft zuteil werde, das Haupt ihres Feindes zu fällen.“ Und nachdem er hierauf viele Tränen geweint, habe er sich an die Edlen gewandt und also zu ihnen gesprochen: „Mein Herz ist betrübt und verzehrt sich in Kummer um das Los dieser Armen, die von den Feinden unseres Glaubens unterdrückt werden; am Tage des Gerichtes wird Gott mich zu sich rufen und von mir Rechenschaft fordern, warum ich, wenn ich die Macht hatte, sie zu befreien, selbiges zu tun unterlassen ... Ich weiß nicht, wie lang er währen wird, dieser schlechte Zustand der Reichssachen, doch seit der Zeit meines Vaters und meiner Väter Väter haben nicht aufgehört Patriarchen, Bischöfe, Mönche und viel arme Leute mit Klagen über ihre Bedrängung durch die Unterdrücker zu uns zu kommen, und keiner von ihnen hatte anders die Heimat verlassen, als verfolgt von rauhem Leid und auf daß er der Grausamkeit entginge. Und Angst erfaßt mich vor den Fragen des Schöpfers an jenem Tage! So habe ich denn beschlossen in meinem Sinn, wenn es Gott gefällig ist, meine treuen Heere und mein ganzes Gold dahinzugeben und mein Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, auf daß ich sie befreie.“ Darauf haben die Edlen geantwortet: „Herr, tue also, wie dein Herz es dir befiehlt.“

Aus dem Buch der Weissagungen Johannes Lichtenbergers – aus dem Jahre 1528

Und man hat mir auch noch von einem sehr sonderbaren Dokument Mitteilung gemacht. Es ist das eine alte, schleierhafte und allegorische Weissagung der heutigen Ereignisse und des heutigen Krieges. Einer unserer jungen Gelehrten hat in London, in der Königlichen Bibliothek, einen alten Folianten gefunden: „Das Buch der Weissagungen“, „Prognosticationes“ von Johannes Lichtenberger, eine Ausgabe in lateinischer Sprache aus dem Jahre 1528. Jedenfalls ein seltenes Exemplar, – vielleicht das einzige in der Welt. In nebelhaften Bildern wird in diesem Buch die Zukunft Europas und der Menschheit geschildert. Ein sonderbar mystisches Buch. Ich führe nur die Zeilen an, die für uns nicht ohne Interesse sind.

Nach der Prophezeiung der Französischen Revolution (1789) und Napoleons I., der aquila grandis genannt wird, heißt es weiter von den zukünftigen europäischen Ereignissen wie folgt:

Post haec veniet altera aquila

Hierauf wird ein anderer Adler kommen,

quae ignem fovebit in gremio sponsae Christi

der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird,

et erunt tres adulteri unusque legitimus

und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger,

qui alios vorabit.

der die anderen verschlingen wird.

Exsurget aquila grandis in

Aufsteigen wird der große Adler

Oriente, aquicolae occidentales

im Osten, die westlichen Inselbewohner

moerebunt. Tria regna

werden anfangen zu weinen. Drei Reiche wird er

comportabit. Ispa est aquila grandis,

verschlingen. Dieses ist der große Adler,

quae dormiet annis multis, refutata

der viele Jahre schläft, der besiegte

resurget et contremiscere faciet aquicolas

wird sich wieder erheben und die westlichen

occidentales in terra Virginis

Wasserbewohner im jungfräulichen Lande

et alios montes Superbissimos; et volabit

zittern machen und noch andere stolze Gipfel; und

ad meridiem recuperando amissa.

fliegen wird er gegen Süden, um das Verlorene

Et amore charitatis inflammabit Deus

wiederzunehmen. Und mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen

aquilam orientalem volando ad ardua

Adler entflammen, der zu Großem fliegt

alis duabus fulgens in montibus christianitatis.

mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des Christentums.

„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, und der besiegte“ (bezieht sich das nicht auf unseren Krieg mit Europa vor 22 Jahren?) „wird sich wieder erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die Gegenwart anwenden lassen, natürlich wenn man von unseren europäisierenden „Weisen“ absieht, die immer noch gewissermaßen vor den Bewohnern des Westens Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser Weissagung, und das in einer Zeit, in der sich der Adler „mit zwei leuchtenden Schwingen“ schon erhoben hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da zittern, nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen Lande“ könnte sich, wenn man an die heutigen Verhältnisse denkt, auf England beziehen. In dem Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? Im Jahre 1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. Oder meint Lichtenberger mit dieser Allegorie vielleicht Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst Napoleon über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen war, geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde hat einnehmen lassen, gleicht einer Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch der Adler wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel zittern machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das Verlorene wieder zu nehmen“, und – was am auffallendsten ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses könnte schon stimmen. Hat sich nicht unser Adler aus Barmherzigkeit für die Unterdrückten und Gequälten erhoben? War es nicht die christliche Liebe, die unser Volk zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem Jahre? Wer will das leugnen? Diese Bauern, diese Soldaten aus diesem unserem Volke, das die „Gebete nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, vor Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben und zum Verbandsplatz getragen, und dann erst die Russen: „Lassen wir die noch etwas liegen: einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für ihn muß man zuerst sorgen.“ Ist nicht Christi Geist in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist nicht die Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, doch guten, unwissenden, aber niemals barbarischen Volke? Ja, Christus ist seine Kraft, ist unsere russische Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden fliegt! Was bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des christlichen Geistes und der „barmherzigen Liebe“, die in unserer Zeit offenbar geworden sind, wenn auch die „Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen, den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, daß unser Volk mit Herz und Geist an dem heutigen Schicksal Rußlands und des Balkans Anteil nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit und Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit und Rückständigkeit, bei der es, wie es heißt, unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich geht. Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich – schon seit vier Jahrhunderten. Nur die jetzigen Diplomaten würde es nicht verstehen, wenn es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein Tier auferzogen worden, hat Qualen seit seinem ersten Tage und die ganzen tausend Jahre seiner Geschichte erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen wäre. Unser Volk aber ist in ihnen nur stärker und fester geworden. So werft ihm doch, meine Herren Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. Ihr habt es vor zweihundert Jahren verlassen und euch von ihm endgültig getrennt, habt es in zinspflichtige Nummern verwandelt, in eine für euch arbeitende Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine europäisch gebildeten Herren, von euch vergessen und verstoßen, von euch wie ein Tier in seine Höhle verjagt. Doch mit ihm war Christus und mit dem allein hat es bis zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig Jahren der nordische Adler sich erhob und seine Flügel ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel Roheit in unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese Roheit – das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, von dem die Zeit das Volk befreien wird. Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen wird. Ich habe Verbrecher gesehen, die viel Tierisches getan und mit ihrem verderbten, geschwächten Willen tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese Tiere wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie fühlten, wie tief sie gesunken, und in reinen, hellen Augenblicken, die Gott auch solchen „Tieren“ schickt, verstanden sie, sich selber zu verurteilen, wenn sie auch oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder aufzurichten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Roheit wie ein Idol über alles erhoben wird und die Menschen es anbeten und gerade deswegen glauben, Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach ihm alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, um nicht die Marter zu sehen, die man ganzen Völkern auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den „Interessen der Zivilisation“, und weil die Gemarterten Slawen sind, also etwas Neues in sich tragen und man sie folglich mit der Wurzel ausrotten muß – und das gleichfalls für die Interessen der alten angefaulten Zivilisation! Das ist meiner Meinung nach Roheit, bloß gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor diesem Idol beugt man sich nicht nur im Westen, sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat der nicht in seinen letzten Tagen noch den Türken, den Quälern der Christenheit, Sieg gewünscht über die Russen, die im Namen Christi für die Christenheit auszogen? – Und warum? Weil nach seiner „unfehlbaren“ Definition die Türken immerhin besser seien als die russischen Ketzer, die den Papst nicht anerkennen! Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch? Die Weissagung Johannes Lichtenbergers scheint sich wirklich auf unsere Zeit zu beziehen. Und ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst? Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten gemeint haben: „Hierauf wird ein anderer Adler kommen, der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird, und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? In der religiösen, mystischen Sprache hat man unter der „Braut Christi“ immer die „Kirche“ im allgemeinen verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit seien die drei verschiedenen Kirchen gemeint: die katholische, die protestantische und ... welche ist nun die dritte illegitime? Und welche dann die legitime?

Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes Buch ist im Jahre 1528 geschrieben und gedruckt, was immerhin sehr beachtenswert ist: in jener Zeit sind wahrscheinlich des öfteren solche Bücher entstanden. Obgleich die Zeit den Stürmen der großen protestantischen Reformation voranging, gab es doch schon viele Protestanten, Reformatoren und Propheten. Bekannt ist auch, daß später, besonders unter protestantischem Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben und geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug aus dem alten Buch habe ich nicht etwa als Wunder angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es denn nur die Wunder allein, die ein Wunder sind? Das größte Wunder ist häufig das, was in der Wirklichkeit geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer nur so, wie wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst voreingenommen, vorurteilsvoll erklären. Sehen wir aber dann plötzlich in dem Sichtbaren nicht das, was wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit ist, so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, das geschieht keineswegs selten! Bisweilen aber, wahrlich glauben wir eher an Wunder und Unmöglichkeiten als an die Wirklichkeit, an die wir nicht glauben wollen. Und so ist es immer in der Welt gewesen, darin besteht ja die ganze Geschichte der Menschheit.

Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten

Don Quijote

Als Don Quijote, der allbekannte Ritter von der traurigen Gestalt, der hochherzigste aller Edlen, die je in der Welt gelebt, sich einst mit seinem treuen Waffenträger Sancho auf der Jagd nach Abenteuern herumtrieb, ward er plötzlich von einem Zweifel angefochten, der ihn zwang, lange und tief nachzudenken.[47] Es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß schon seit Adam de la Halle die alten Ritter, deren Lebensgeschichten in den wahrheitsgetreuesten Büchern bis auf den heutigen Tag erhalten sind – in den sogenannten Ritterromanen, zu deren Erwerb Don Quijote sich nicht scheute, einige der besten Landstücke seines sowieso nicht großen Besitztums zu verkaufen –, daß häufig diese Ritter während ihrer ruhmreichen und aller Welt Nutzen bringenden Streifzüge plötzlich ganze Heere von nicht weniger als hunderttausend Kriegern antrafen! Diese furchtbaren Heere wurden ihnen gewöhnlich von irgendeiner feindlichen Macht auf den Hals geschickt, oder auch von bösen, neidischen Zauberern, die alles mögliche ersannen, um sie zu verhindern, ihr großes Ziel zu erreichen und dann endlich zu ihren holden Damen heimkehren zu können. Gewöhnlich geschah es dann, daß der Ritter, wenn er so einem ungeheuerlichen feindlichen Heere begegnete, sein Schwert zog, noch schnell zu seinem Schutz den Namen seiner Dame anrief, sich darauf allein, wie er war, auf die hunderttausend Feinde stürzte und sie natürlich alle bis auf den letzten niederhieb. Man sollte meinen, daß diese Tatsache keinem Zweifel unterliegt. Doch Don Quijote verfiel darob plötzlich in tiefes Nachdenken. Und worüber denn eigentlich? Ja, es schien ihm mit einem Male unmöglich, daß ein einziger Ritter, wie stark er auch sei, und selbst wenn er mit einem siegbringenden Schwerte vierundzwanzig Stunden lang ohne jegliche Ermüdung um sich schlüge, hunderttausend Feinde töten könnte, und zwar – in einer einzigen Schlacht! Um einen Menschen zu töten, braucht man immerhin etwas Zeit; um hunderttausend Menschen zu töten, braucht man ungeheuer viel Zeit, und wie man da auch mit dem Schwerte fuchteln wollte, – in irgendwelchen fünf, sechs Stunden und ohne jede Ruhepause könnte das ein einzelner denn doch nicht fertigbringen, meinte weise Don Quijote. Nun aber steht es in diesen wahrheitsgetreuesten Büchern ausdrücklich, daß die Sache gerade in einer einzigen Schlacht geschah. Wie war das möglich?

„Ich habe dieses Rätsel gelöst, mein Freund Sancho,“ sagte endlich Don Quijote. „Da alle diese Riesen, alle diese bösen Zauberer unreine Mächte waren, so waren ihre Heere gleichfalls von dieser unreinen Art. Ich nehme an, daß sie nicht aus ganz solchen Menschen wie wir zum Beispiel bestanden. Jene Menschen wurden durch Zauberei hervorgerufen, also waren aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre Leiber nicht den unsrigen ähnlich, sondern eher denen der ... sagen wir, Mollusken, Weichtiere, Würmer, Spinnen. Auf diese Weise konnte ein festes, scharfes Schwert, von mächtiger Ritterhand geführt, alle diese Leiber in einem Augenblick durchschlagen, fast ohne Widerstand zu finden, – es ging wie durch die Luft! So konnte es denn tatsächlich mit einem Hieb durch drei oder vier Leiber gehen, ja sogar durch zehn, wenn sie eng beieinander standen. Jetzt erst wird es einem klar, wie sich die Sache für den Ritter so ungemein vereinfachte, daß er wirklich in wenigen Stunden ganze Heere dieser bösen Araber und anderer Ungeheuer vernichten konnte ...“

Hiemit hat der große Dichter und Menschenkenner eine der tiefsten, geheimnisvollsten Saiten des Menschenherzens berührt. Oh, das ist ein großes Buch: es gehört zu den ewigen, zu denen, die der Menschheit nur in langen Abständen geschenkt werden. Und solche Beobachtungen des Tiefsten in unserer menschlichen Natur findet man in diesem Buch auf jeder Seite. Schon der eine Umstand, daß dieser Sancho, diese Verkörperung der gesunden Vernunft, der Schlauheit und der goldenen Mitte, des allerwahnsinnigsten Menschen Freund und Reisegefährte wurde, gerade er und kein anderer! Die ganze Zeit über betrügt er ihn wie ein kleines Kind, und doch ist er unerschütterlich von seines Herrn großem Verstande überzeugt, ist er bis zur Rührung von dessen Herzensgröße bezaubert, glaubt er felsenfest an alle phantastischen Träume des Ritters, und kein einziges Mal bezweifelt er, daß dieser ihm endlich doch noch eine Insel erobern werde! Wie wünschenswert wäre es, daß unsere Jugend dieses große Werk kennen lernte. Ich weiß zwar nicht, was man jetzt in den Schulen von der Literatur durchnimmt; doch weiß ich, daß dieses größte und traurigste aller Bücher, die vom Genie des Menschen geschaffen worden sind, die Seele gar manches Jünglings durch einen großen Gedanken erhöhen würde, in sein Herz die Keime großer Fragen säen und seinen Geist von der ewigen Anbetung des dummen Idols der Mittelmäßigkeit, der selbstzufriedenen Eigenliebe und der gemeinen „Lebensweisheit“ ablenken könnte.

Dieses traurigste der Bücher wird der Mensch nicht vergessen, zum letzten Gericht Gottes mit sich zu nehmen. Er wird auf das im Buche enthaltene tiefste, unheilvollste Geheimnis des Menschen und der Menschheit hinweisen: daß die größte Schönheit des Menschen, seine höchste Reinheit, Keuschheit, Treuherzigkeit, sein ganzer Mut und endlich sein größter Verstand – leider nur zu oft ohne Nutzen für die Menschheit vergehen und sich sogar in einen Gegenstand des Spottes verwandeln, nur weil dem Menschen, dem diese reichen Gaben so häufig zuteil werden, bloß die eine letzte Gabe fehlt: das Genie, den Reichtum und die Macht dieser Gaben zu beherrschen, zu lenken und sie – das ist das Wichtigste – nicht auf den phantastischen, wahnsinnigen, sondern auf den richtigen Weg zu leiten, sie zum Heile der Menschheit zu gebrauchen. Doch leider wird den Rassen und Völkern so wenig, so selten Genie geschenkt, daß wir häufig das Schauspiel dieser Schicksalsironie sehen müssen: wie die Tätigkeit der edelsten und glühendsten Menschheitsfreunde – dem Spottgelächter und der Steinigung preisgegeben wird, weil sie es in der Schicksalsstunde nicht verstehen, in den wahren Sinn der Dinge einzudringen und ihr neues Wort zu finden. Dieses Schauspiel aber des zwecklosen Unterganges so großer, edler Kräfte kann in der Tat gar manchen Menschenfreund zur Verzweiflung bringen, in ihm nicht mehr Gelächter, wohl aber heiße Tränen hervorrufen, und sein bis dahin gläubiges Herz auf ewig mit Zweifeln vergiften ...

Übrigens habe ich ja nur auf einen einzigen Charakterzug Don Quijotes hinweisen wollen, auf eine der unzähligen tiefen Beobachtungen, die Cervantes am Menschenherzen gemacht und so meisterhaft dargestellt hat.

Der phantastischste Mensch, der bis zum Wahnsinn von der phantastischsten Illusion, die man sich nur denken kann, überzeugt ist, wird plötzlich von Zweifeln befallen, die seinen ganzen Glauben zu erschüttern drohen. Und merkwürdig ist, was diese Zweifel hervorruft: nicht die Ungereimtheit seines anfänglichen Wahnes, noch die Schilderung jener zum Wohle der Menschheit abenteuernden Ritter, noch der Unsinn der Zauberwunder, von denen die „wahrheitsgetreuesten“ Bücher erzählen; nein, es ist ein gänzlich nebensächlicher Umstand, der plötzlich Zweifel in ihm erweckt. Der phantastische Mensch wird plötzlich von der Sehnsucht nach dem Realismus erfaßt! Nicht die Tatsache, daß plötzlich Heere hervorgezaubert werden, verwirrt ihn: oh, das ist nicht dem geringsten Zweifel unterworfen! Wie hätten denn sonst diese prächtigen Ritter ihren Heldenmut beweisen können, wenn ihnen nicht solche Prüfungen geschickt worden wären, wenn es nicht neidische Riesen und böse Zauberer gegeben hätte? Das Ideal des fahrenden Ritters ist so hoch, so schön und nützlich und hat das Herz des edlen Don Quijote so bezaubert, daß der Verzicht auf den bedingungslosen Glauben an dasselbe für ihn bereits unmöglich geworden ist, ja dem Verrat der Pflicht, dem Verrat der Liebe zu Dulcinea und zur Menschheit gleichgekommen wäre. (Als er aber auf alles verzichtet hatte, als er von seinem Wahn geheilt und „klüger“ geworden war, – nach der Rückkehr von seiner zweiten Ausfahrt, auf der er von dem Barbier Carasco, dem Verneiner und Satiriker mit der „gesunden Vernunft“, geschlagen worden war – da starb er alsbald, still und mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen, indem er noch den weinenden Sancho tröstete, die ganze Welt liebte mit der großen Kraft jener Liebe, die in seinem heiligen Herzen eingeschlossen war, und doch noch einsah, daß er auf dieser Welt nichts mehr zu tun hatte.) Nein, es verwirrte ihn nur – eine durchaus richtige, vollkommen mathematische Erwägung: daß es, wie sehr der mächtige Ritter auch mit dem Schwerte um sich schlagen und wie stark er auch sein mag, immerhin unmöglich ist, ein Heer von hunderttausend Mann in wenigen Stunden, oder sagen wir, selbst in einem Tage, zu besiegen, und zwar: bis auf den letzten Mann! So aber steht es in den wahrheitsgetreuesten Büchern. Folglich steht dort ein Lüge? Ist aber schon eines Lüge, dann ist auch alles andere Lüge. Wie nun die Wahrheit retten? Und siehe, da denkt er sich denn zur Rettung der Wahrheit eine andere Illusion aus, eine, die zweimal, dreimal phantastischer, einfältiger und unsinniger ist als die erste, denkt sich hunderttausend hervorgezauberte Menschen mit Molluskenleibern aus, durch die aber dafür das scharfe Schwert des Ritters zehnmal leichter und schneller hindurchgehen kann als durch die gewöhnlichen Menschenleiber! Der Realismus ist also befriedigt, die Wahrheit gerettet, und an die erste Hauptillusion kann er nun ruhig weiterglauben; und das wiederum einzig dank der zweiten, viel unsinnigeren Illusion, die er sich bloß zur Rettung des Realismus der ersten ausgedacht hat.

Man gehe doch in sich und prüfe sich: ist nicht mit jedem von uns ganz dasselbe schon hundertmal im Leben geschehen? Nehmen wir an, ihr habt einen eurer Träume liebgewonnen, eine Illusion, eine Idee, eine Überzeugung oder irgendeine äußere Tatsache, die euch erschüttert, oder schließlich ein Weib, das euch bezaubert hat. Mit eurer ganzen Seele gebt ihr euch dem Gegenstande eurer Liebe hin. Doch – seid ihr auch noch so verblendet, noch so von eurem Herzen bestochen: ist in diesem Gegenstand eurer Liebe eine Lüge, irgend etwas, das ihr selbst durch eure Leidenschaft entstellt habt, das ihr in dem ersten Drang und Aufschwung eurer Seele nicht sehen gewollt – nur um aus diesem Gegenstande euer Idol machen und es dann anbeten zu können, – so wird doch schon der Zweifel an euch herankriechen. Nur im geheimen natürlich, nur im tiefsten Innersten werdet ihr es fühlen, werdet ihr es bangend fühlen, wie der Zweifel an euch herankriecht, euch benagt, euren Verstand zerrt, sich durch eure Seele windet und euch ewig hindert, mit eurem liebgewonnenen Traume in Frieden zu leben. Nun, erinnert ihr euch vielleicht, womit ihr euch dann beruhigt habt? Habt ihr euch dann nicht einen neuen Traum ausgedacht, eine neue Lüge, vielleicht sogar eine furchtbar unvollkommene, grobe Lüge, an die aber zu glauben ihr euch in Liebe beeiltet, nur weil sie euch von eurem ersten Zweifel befreite?

Mollusken, die man für Menschen hält. Was ist für uns vorteilhafter: wenn man über uns die Wahrheit weiß, oder wenn man über uns Unsinn schwätzt?

Heutzutage hat sich Europa in die Türken verliebt, natürlich – mehr oder weniger. Früher, zum Beispiel vor einem Jahr, da wußte man im Westen wenigstens, daß es nur aus Haß gegen Rußland geschah, wenn man sich bemühte, in den Türken irgendeine große nationale Kraft zu entdecken. Wie hätten die klugen Europäer es auch nicht einsehen sollen, daß in der Türkei die Kräfte eines regelrechten gesunden Nationalorganismus weder sind noch sein können, ja, daß ein Organismus vielleicht überhaupt nicht mehr vorhanden ist (dermaßen faul und zerfressen ist er), und daß die Türken nur eine asiatische Horde, nicht aber einen regelrechten Staat bilden. Jetzt jedoch, seit der Zeit, da die Türkei gegen Rußland Krieg führt, hat sich allmählich an bestimmten Stätten Europas die tatsächlich ernste Überzeugung festgesetzt, daß diese Nation nicht nur überhaupt einen Organismus ausmache, sondern außerdem noch ein sehr starker Organismus sei, sogar einer, dem man große Entwicklung und große Fortschritte prophezeien könne. Dieser Gedanke bezaubert gar viele europäische Geister immer mehr, und schließlich ist er auch zu uns herübergekommen: auch hier in Rußland spricht man schon von Kräften, die die Türkei plötzlich bewiesen haben soll. In Europa hat sich diese Auffassung wiederum nur aus Haß gegen Rußland verbreitet, bei uns aber – aus Kleinmut und der ungeheuren Eilfertigkeit zu pessimistischen Schlüssen, die nun einmal eine charakteristische Eigenschaft der intelligenten Klassen unserer Gesellschaft ist; eine Eigenschaft, die sich immer wieder kundtut, sobald irgendwo unsere „Mißerfolge“ beginnen!

So ist denn jetzt in Europa dasselbe vor sich gegangen, was einstmals im armen Geiste Don Quijotes vor sich ging, nur in umgekehrter Form, doch das Wesen der Sache ist hier wie dort dasselbe: jener dachte sich, um die Wahrheit zu retten, Menschen mit Molluskenleibern aus, die Europäer dagegen haben jetzt, um ihre Illusion von der Nichtigkeit und Schwäche Rußlands, die sie so wohlig beruhigt, zu retten, – eine echte Molluske für einen Menschenorganismus erklärt und ihn mit Fleisch und Blut, mit Kraft und Gesundheit ausgestattet. Über Rußland aber verbreitet man jetzt selbst in den gebildetsten Staaten den größten Unsinn. Auch früher kannte man uns in Europa wenig, sogar so wenig, daß man sich immer nur wundern mußte, wie dermaßen aufgeklärte Völker so wenig bestrebt sein konnten, jenes Volk kennen zu lernen, das sie doch alle von jeher hassen und fürchten. Diese Unkenntnis unseres Wesens in Europa und sogar die gewisse Unfähigkeit Europas, uns in manchen Beziehungen zu verstehen, ist ja für uns Russen teilweise auch vorteilhaft gewesen, und so wird sie uns schließlich auch fernerhin nicht schaden. Mögen sie nur schwatzen von Rußlands „schmachvoller Rückständigkeit als Militärmacht“, ungeachtet der Zeugnisse ihrer eigenen Kriegsberichterstatter, die über die militärische Begabung, die Festigkeit und Ausdauer und die Disziplin des russischen Soldaten wie Offiziers erstaunt sind; mögen sie selbst die bedeutendsten Fehler des russischen Generalstabes zu Anfang des Krieges nicht nur für unverbesserlich halten, sondern auf organische Mängel unseres Heeres zurückführen, – wobei sie natürlich vergessen, wie oft wir sie in diesen letzten zwei Jahrhunderten geschlagen haben. Mögen schließlich die ernstesten ihrer politischen Blätter der Welt als wahr melden, daß es bei uns zu einer riesigen Volksverschwörung auf der Wyborger Seite in Petersburg gekommen sei, und daß die Regierung zwei Regimenter aus Dünaburg zur Rettung Petersburgs herbeigerufen habe, – schön, mögen sie das in ihrer blinden Wut von uns sagen! Ich wiederhole: für uns ist es sogar vorteilhaft; denn sie ahnen ja nicht einmal, was sie anstiften! Sie würden doch so gern in allen ihren Völkern Haß gegen uns erwecken, gegen die „gefährlichen Gegner unserer europäischen Zivilisation“. Und doch sind sie es dann selbst, die uns wiederum als verloren hinstellen, uns in einer „bis zur Schmach lächerlichen Schwäche als Militärmacht und Staatsorganismus“ schildern. Wer aber wirklich so schwach und nichtig ist, der bringt doch wahrlich nicht in dieser Weise ganze Koalitionen gegen sich zusammen!

Man stelle sich nur vor, Europa sollte genaue Kenntnis von dieser Kraft unseres Geistes, unseres Gefühls haben, von dem unerschütterlichen Glauben unseres Volkes an die Gerechtigkeit der großen Tat, für die sein Zar jetzt das Schwert gezogen hat, und an den unfehlbaren Sieg dieser Idee, wenn auch nicht sofort, dann doch in der Zukunft! Man stelle sich nur vor, Europa könnte endlich begreifen, was dieser im höchsten Grade nationale Krieg für Rußland bedeutet, und daß unser Volk keineswegs eine tote, seelenlose Masse ist, wie sie es sich dort immer vorstellen, sondern ein mächtiger und sich seiner Macht bewußter Organismus, der als Ganzes wie ein einziger Mann fest zusammengefügt dasteht und eines Herzens und eines Willens mit seinem Heere ist. Welch einen Schreck und welch eine Aufregung würde dieses Wissen dort überall hervorrufen! Und das würde natürlich schon eher zu einer offenen Koalition Europas gegen uns führen, als die so gern gelesenen Berichte über unsere Kraftlosigkeit und Dekadenz. Nein, da ist es denn doch besser, wenn wir sie ruhig an die „Volksverschwörung in der Wyborger Vorstadt“ glauben lassen – ihnen zum Troste und uns zur Erheiterung.

Daß man in Europa jetzt an die Türken glaubt, ist ja schließlich ganz begreiflich; wir wissen doch, warum man es dort tut. Wie aber kann man bei uns sich deswegen aufregen und sogar an irgendwelche neue, plötzlich aufgetauchte Lebenskräfte der türkischen Nation glauben? Wodurch hat die Türkei diese Kräfte bewiesen? Durch den Fanatismus? „Fanatismus ist nicht Kraft“, haben bei uns schon hundertmal diese selben Leute verkündet, die jetzt plötzlich an die türkischen Kräfte glauben. Man spricht von den türkischen Siegen. Die Türken haben nur ein- oder zweimal unsere Angriffe zurückgeworfen, und das sind, wie man weiß, nur negative, nicht positive Siege. Als wir aber in Sebastopol einen Angriff der Franzosen und Engländer mit furchtbaren Verlusten der letzteren zurückschlugen, da sprach Europa kein Wort von einem russischen „Siege“. Wir haben während der ganzen zwei letzten Monate bedeutend weniger Truppen gehabt, als die Türken: warum haben sie das nicht ausgenutzt? warum uns nicht über den Balkan zurückgedrängt, warum nicht über die Donau zurückgeworfen? Dagegen haben wir überall unsere wichtigsten Stellungen behauptet und überall die Türken zurückgeschlagen. Zuweilen haben sieben oder acht unserer Bataillone zwanzig der ihrigen geschlagen, wie z. B. noch vor kurzem bei Zerkownjä. Die von der Kraft der Türken überzeugten Pessimisten weisen auf das Gewehr und die Artillerie der Türken hin, die, wie es heißt, besser sein sollen, als unser Gewehr und unsere Artillerie. Trotzdem wollen sie nicht zugeben, daß wir im Grunde genommen nicht nur mit den Türken, sondern mit den europäischen Mächten kämpfen, da unzählige fremde Offiziere im türkischen Heere dienen und letzteres mit europäischem Gelde ausgerüstet ist, da die europäische Diplomatie seit dem Ausbruch des Krieges uns überall Stangen in die Räder schiebt, wie z. B., wenn sie uns der Hilfe unserer natürlichen Verbündeten beraubt und uns sogar das Recht entzieht, auf dem einzigen direkten Wege in die Türkei einzudringen. Außerdem hat Europa durch seinen Haß auf uns zweifellos den Fanatismus der Türken angefacht. (In Europa wurde ja noch kürzlich eine Verschwörung ganzer Horden aufgedeckt, die, organisiert und mit Geld und Gewehren versehen, uns plötzlich in den Rücken fallen sollten.) Und zum Überfluß hat Europa den Türken auch noch eine riesige Anleihe gewährt – zum großen Nachteil für den eigenen Beutel. Und all dieses Unmögliche ist doch nur möglich gewesen, weil man in Europa die Illusion, daß die Türkei kein Molluskenreich sei, sondern ein Organismus von Fleisch und Blut wie alle anderen europäischen Reiche, so liebgewonnen hat! Dabei geschah dies zu derselben Zeit, als in mehreren Provinzen der Türkei das Blut in Strömen floß, als unter den Machthabern der Türkei eine regelrechte Verschwörung aufgedeckt wurde, die die Bulgaren bis auf den letzten Mann ausrotten wollte! Jetzt aber erhalten die Türken ihr Heer in den bulgarischen Provinzen mit solchen Requisitionen von Lebensmitteln, Pferden und Vieh, daß sie sicher sein können, ihr Ziel zu erreichen, nämlich: ihre reichste Provinz von Grund aus zu verwüsten. Und diesen Zerstörern des eigenen Landes leihen die gebildeten, zivilisierten Engländer noch Geld und glauben sogar an die türkische Zahlungsfähigkeit! Doch schön, schön, mag das alles in Europa geglaubt werden, dort ist das doch immerhin verständlich. Aber bei uns, wie kann man nur bei uns die Türken für eine Kraft halten!? Die Zerstörung ihres eigenen Landes und die Ausrottung der ganzen christlichen Bevölkerung – ist denn das eine Kraft? Die wird ja nicht einmal bis zum Ende des Krieges ausreichen. Die erste Wendung zu unseren Gunsten: und dieses ganze phantastische Gebäude ihrer Militärmacht und Nationalkraft wird im Augenblick zusammenstürzen und zergehen, wie eine richtige Schimäre, – sogar samt ihrem Fanatismus, der wie stickiger Rauch durch eine geöffnete Tür entfliehen wird.

Viele klugen Leute verwünschen jetzt einfach diese ganze Orientfrage. „Wer hat uns eigentlich,“ fragen sie, „diese Slawen und dieses Hirngespinst von einer Vereinigung aller blutsverwandten Stämme auf den Hals geladen? und wozu überhaupt? Zu ewigem Streit mit Europa, zu ewigem Mißtrauen uns gegenüber, damit nur ja der Haß des Westens auf uns nicht abnehme! Daß sie der Teufel hole, diese Slawophilen!“ usw., usw. Diese klugen Leute haben jedoch, wie es scheint, vollkommen falsche Vorstellungen wie von den Slawophilen so auch von der Orientfrage. Ja, wie sollte es auch anders sein! Haben sich doch viele von ihnen bis zur jüngsten Zeit überhaupt nicht für diese Sache interessiert. Deshalb kann man mit ihnen auch nicht streiten. Sie wissen es ja tatsächlich nicht, daß diese Orientfrage – und mit ihr die Slawenfrage – keineswegs von den Slawophilen heraufbeschworen oder ausgedacht worden ist (so etwas kann man sich doch nicht ausdenken), sondern, daß diese Frage von selbst entstanden ist, und das schon vor sehr langer Zeit: längst vor den Slawophilen, längst vor uns, ja sogar vor Peter dem Großen und dem russischen Staat. Entstanden ist sie mit der ersten Kristallisierung der großrussischen Rasse zu einem einzigen russischen Reich, das heißt also, zusammen mit dem Zarentum Moskau.

Notes in this chapter

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