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Sämtliche Werke 13

Zweiter Teil. Russisches (continued 2)

E. K. Rahsin translation

In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt – ja, und ich mit euch – an die Allmenschheit, das heißt, daran, daß dereinst vor dem Lichte der Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und daß dann erst die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie strebend. Nun, meine Freunde, was kann es Höheres und Heiligeres geben, als dieser euer Glaube es ist? Und die Hauptsache ist noch: diesen Glauben werdet ihr nirgends in der ganzen Welt finden, bei keinem einzigen Volk zum Beispiel in Europa, wo die Charaktere der Nationen doch ungewöhnlich scharf umrissen sind, wo dieser Glaube, wenn er überhaupt da ist, nicht anders sich findet, als in Gestalt irgendeiner bloß apriorischen, einer vielleicht lebhaften und feurigen, aber doch nicht mehr als bloß studierstubenhaften Erkenntnis. Bei euch aber, das heißt nicht gerade bei euch, wohl aber bei uns, bei uns allen, uns Russen, – ist dieser Glaube allgemein lebendig und überwiegt alle anderen Ideen. Von uns glauben alle daran, sei es mit vollem Bewußtsein in der intellektuellen Welt, sei es ganz einfach mit lebendigem Instinkt im einfachen Volke, dem seine Religion schon befiehlt, an diesem selben Glauben festzuhalten. Ihr dachtet wohl, ihr wäret die einzigen „Allmenschen“ aus der ganzen russischen Intelligenz, die anderen aber nur Slawophile oder Nationalisten? So ist es denn doch nicht: die Slawophilen und Nationalisten glauben an ganz genau dasselbe, an was ihr glaubt, ja, und tun das noch viel stärker als ihr!

Ich nehme jetzt nur die Slawophilen: was war es denn, das sie durch ihre ersten Führer von ihrer Lehre verkündeten? Sie erklärten in klaren, treffenden Folgerungen: daß Rußland zusammen mit allen Slawen, und selbst an ihrer Spitze, der ganzen Welt das größte Wort sagen werde, das die Menschheit jemals vernommen hat, und daß dieses Wort gerade das Gebot der allmenschlichen Vereinigung sein wird, und zwar nicht im Geiste eines persönlichen Egoismus, in dem sich jetzt Menschen und Nationen künstlich und unnatürlich in ihrer Zivilisation vereinigen, zum „Kampf ums Dasein“, indem sie mittels positiver Wissenschaft dem freien Geiste moralische Grenzen setzen und zu gleicher Zeit sich gegenseitig Gruben graben, belügen, beschimpfen und verleumden. Das Ideal der Slawophilen war vielmehr die Vereinigung im Geiste der wahren großen Liebe, ohne Lüge und Materialismus, und auf Grund des persönlichen großmütigen Beispiels, wie es bestimmt ist, vom russischen Volke an der Spitze der freien panslawischen Vereinigung Europa gegeben zu werden. Ihr sagt allerdings, daran glaubtet ihr keineswegs, und all das seien nur Spekulationen der Gelehrtenstuben. Doch hier ist nicht das wichtig, was irgend jemand glaubt, sondern wichtig ist, daß bei uns alle, trotz ihrer ganzen Meinungsverschiedenheiten, in diesem einen endgültigen, gemeinsamen Gedanken der allmenschlichen Vereinigung sich treffen und übereinstimmen. Das ist eine Tatsache, die keinem Zweifel untersteht, und die an sich schon erstaunlich ist; denn dieses Gefühl gibt es noch nirgends, in keinem einzigen Volke, in einem solchen Grade: als ein so lebendiges und hauptsächliches Bedürfnis. Ist dem aber so, dann haben also auch wir, wir alle, eine feste und bestimmte Nationalidee: ja, gerade eine nationale Idee. Folglich wäre, wenn die nationale russische Idee zu guter Letzt nur die universale allmenschliche Vereinigung ist, das Ratsamste für uns, so schnell wie möglich unsere Uneinigkeiten beizulegen und national, d. h. Russen, zu werden. Unsere ganze Rettung liegt ja darin, daß wir nicht im voraus darüber streiten, wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, ob nach eurer oder nach unserer Annahme, sondern daß wir alle zusammen von der Betrachtung geradeswegs zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der wunde Punkt.

In Europa sind wir bloß Landstreicher

Denn wie seid ihr eigentlich zur Tat übergegangen? Ihr habt doch schon längst begonnen, schon vor langer, langer Zeit, aber was habt ihr denn für die Allmenschheit, das heißt zur Verwirklichung eurer Idee getan?

Ihr begannt mit ziellosem Umherstreichen durch Europa, mit dem heftigen Verlangen, euch in „Europäer“ zu verwandeln, wenn auch nur dem Anscheine nach. Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch taten wir ja nichts anderes, als den Schein eines Europäertums annehmen. Wir zwangen uns europäischen Geschmack auf, aßen sogar allerhand ekelhaftes gepfeffertes Zeug nach europäischem Beispiel und bemühten uns krampfhaft, dabei das Gesicht nicht zu verziehen: „Seht, was ich für ein Engländer bin, kann nichts mehr ohne Paprika essen!“ Ihr glaubt vielleicht, daß ich euch verspotten will? Fällt mir nicht ein. Ich verstehe nur zu gut, daß man anders überhaupt nicht hätte anfangen können, „Europäer“ zu werden. Wir mußten gerade mit der Verachtung des Eigenen beginnen, und wenn wir ganze zwei Jahrhunderte auf diesem Punkt geblieben sind, uns weder vorwärts noch rückwärts bewegt haben, so wird das wohl die uns von der Natur bestimmte Frist gewesen sein. Allerdings, so ganz regungslos sind wir doch nicht geblieben: unsere Verachtung für das Eigene wuchs immer mehr, und besonders als wir anfingen, Europa etwas gründlicher zu verstehen. In Europa übrigens verwirrte uns die schroffe Absonderung der Nationen, die scharfe Zeichnung der Typen nationaler Charaktere nicht im geringsten. Unser Erstes war ja, daß wir „alles Entgegengesetzte abwarfen“ und den kosmopolitischen Typus des „Europäers“ annahmen, das heißt also, daß wir gleich am Anfang schon das Gemeinsame, was sie alle verbindet, herauszufinden verstanden, – und das ist sehr bezeichnend. Mit der Zeit noch klüger geworden, hielten wir uns darauf unmittelbar an die Zivilisation und glaubten sofort blind und kritiklos, daß in ihr allein das „Gemeinsame“, das berufen ist, die Menschheit zu vereinen, enthalten sei. Sogar die Europäer wunderten sich, wenn sie uns, die Fremdlinge, sahen, über diesen unseren begeisterten Glauben, um so mehr, als sie damals schon anfingen diesen selben Glauben bei sich zu verlieren. Begeistert empfingen wir Rousseau und Voltaire, freuten uns innigst mit dem reisenden Karamsin[26] über die Zusammenrufung der „Nationalstaaten“ im Jahre 1789, und wenn wir auch später, nach dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts, mit den fortgeschrittensten Europäern in Verzweiflung gerieten über die untergegangenen Träume und zerschlagenen Ideale, so verloren wir doch nicht unseren Glauben und trösteten sogar noch die Europäer. Selbst die im Vaterlande „weißesten“ Russen wurden in Europa sofort „rot“ – gleichfalls ein außerordentlich charakteristischer Zug. Darauf, schon in der Mitte dieses Jahrhunderts, erachteten sich einige von uns bereits für würdig, zum französischen Sozialismus überzutreten, und sie nahmen ihn ohne das geringste Bedenken für die endgültige Lösung der allmenschlichen Vereinigung, also für die Erreichung unserer ganzen Idee, die uns bis jetzt mit sich fortgerissen. Auf diese Weise hielten wir für das realisierte Ziel das, was in Wirklichkeit der größte Egoismus war, was den Gipfel der Unmenschlichkeit, der ökonomischen Sinnlosigkeit und des politischen Wirrwarrs, den Gipfel der Verleugnung aller menschlichen Natur, den Gipfel der Vernichtung jeder menschlichen Freiheit ausmachte. Doch das, wie gesagt, beunruhigte uns weiter nicht. Im Gegenteil: sahen wir betrübtes Bedenken oder Nichtbegreifenkönnen mancher tiefen europäischen Denker, so nannten wir sie ohne Bedenken dumm. Wir glaubten widerspruchslos, und glauben ja auch jetzt noch, daß die positive Wissenschaft durchaus fähig sei, die moralischen Grenzen zwischen den Persönlichkeiten der einzelnen wie der Nationen zu bestimmen, – als ob die Wissenschaft, selbst wenn ihr das möglich wäre, diese Geheimnisse vor der Vollendung des Versuchs, das heißt, vor der Vollendung aller Schicksale des Menschen auf der Erde, entdecken könnte. Unsere Gutsbesitzer verkauften ihre leibeigenen Bauern und fuhren nach Paris, um dort sozialistische Blätter herauszugeben, und unsere Rudins[27] starben auf den Barrikaden. Währenddessen hatten wir uns aber schon so von unserer russischen Erde gelöst, daß wir jede Vorstellung davon verloren, bis zu welchem Grade solch eine Lehre sich von der Seele des russischen Volkes entfernt. Übrigens schätzten wir den russischen Volkscharakter nicht nur nicht, sondern sprachen unserem Volk überhaupt jeden Charakter ab. Wir vergaßen, an unser Volk auch nur zu denken, und waren in unerschütterlicher Ruhe überzeugt – ohne überhaupt zu fragen –, daß unser Volk sofort alles annehmen werde, worauf wir es hinweisen, richtiger: was wir ihm befehlen würden. In dieser Hinsicht hat es bei uns immer die komischsten Anekdoten über das Volk gegeben. Unsere Allmenschen blieben im Verhältnis zu ihrem Volk durchaus Gutsherren und Gutsbesitzer, und das sogar noch nach der Bauernreform.

Was aber haben wir damit erreicht? Wirklich sonderbare Ergebnisse: vor allem werden wir von ganz Europa spöttisch angesehen. Auf die allerklügsten Russen blickt man im Westen nur mit hochmütiger Herablassung. Davor hat sie nicht einmal die Emigration gerettet, auch die politische nicht. Um keinen Preis wollen uns die Europäer für ihresgleichen anerkennen, für keine Opfer und auf keinen Fall! „Grattez le Russe,“ sagen die Franzosen, „et vous verrez le Tartare,“ und so ist es noch heute. Unser Barbarentum ist bei ihnen zum Sprichwort geworden. Und je mehr wir ihnen zu Gefallen unsere Nationalität verachteten, um so mehr verachteten sie wiederum uns. Wir scharwenzelten vor ihnen, bekannten ihnen knechtisch unsere „europäischen“ Anschauungen und Überzeugungen; sie aber hörten uns herablassend kaum an und meinten gewöhnlich mit, nun ja, höflichem Lächeln, um uns schneller los zu werden, wir hätten das bei ihnen „nicht ganz richtig verstanden“. Es wundert sie, daß wir, die wir solche Tataren sind, auf keinerlei Art und Weise Russen werden können. Wir jedoch haben es ihnen niemals erklären können, daß wir nicht Russen, sondern Allmenschen sein wollen. Es ist wahr, in der letzten Zeit scheint ihnen doch irgend etwas aufgegangen zu sein: sie haben begriffen, daß wir etwas wollen, etwas, das für sie furchtbar und gefährlich ist; sie sagen sich, daß es unserer viele gibt, achtzig Millionen, daß wir alle europäischen Ideen kennen und verstehen, während sie von unseren russischen Ideen überhaupt nichts wissen, und daß sie, wenn sie auch etwas von ihnen wüßten, sie doch nicht verstehen könnten; daß wir alle Sprachen sprechen, sie aber nur die ihrigen – nun, und noch vieles andere scheint ihnen mit der Zeit halbwegs aufgegangen zu sein und ihren Verdacht erweckt zu haben. Kurz, die Folge davon war, daß sie uns die Feinde und zukünftigen Zerstörer der europäischen Zivilisation nannten. So haben sie unser leidenschaftliches Ideal, Allmenschen zu werden, verstanden!

Und doch können wir uns unmöglich von Europa lossagen. Europa ist uns zum zweiten Vaterlande geworden – ich selbst bin der erste, der sich leidenschaftlich zu Europa bekennt. Europa ist uns allen fast ebenso teuer wie Rußland. In ihm wohnt Japhets Stamm, und unsere Idee ist: die Vereinigung aller Nationen dieses Stammes – und sogar noch weiter, viel weiter, bis zu Sem und Ham. Was sollen wir da nun tun?

Als erstes und vor allen Dingen – Russen werden. Ist die Allmenschheit die russische Nationalidee, so muß vor allem ein jeder von uns erst Russe werden, das bedeutet aber so viel wie: „er selbst“. Dann wird sich vom ersten Schritt an alles verändern. Russe werden, heißt aufhören, sein eigenes Volk zu verachten. Sobald der Europäer sieht, daß wir unser Volk und unsere Nationalität achten, wird er sofort auch uns achten. In der Tat, je stärker und selbständiger wir uns in unserem nationalen Geiste entwickeln würden, desto stärkeren und tieferen Widerhall dürften wir im Europäer finden und ihm sofort verständlicher werden. Dann würde man uns auch nicht mehr hochmütig loswerden wollen, sondern würde uns gern zuhören. Auch äußerlich würden wir dann anders werden. Sind wir erst wir selbst geworden, so werden wir auch endlich Menschengestalt annehmen, und nicht wie bisher nur Affengestalt haben. Wir werden wie freie Wesen, nicht wie Sklaven oder Diener sein; und man wird uns dann für Menschen halten, nicht für internationale Landstreicher, nicht für die Elenden des Europäismus, Liberalismus und Sozialismus. Auch reden werden wir mit ihnen klüger als jetzt; denn in unserem Volke und seinem Geiste können wir neue Worte finden, die den Europäern bestimmt verständlicher sein werden. Und wir selbst werden dann einsehen, daß vieles von dem, was wir an unserem Volke verachtet haben, – nicht Finsternis, sondern Licht ist, nicht Dummheit, sondern im Gegenteil – Geist. Und haben wir erst das begriffen, dann werden wir Europa jenes Wort sagen, das man dort noch niemals gehört hat. Dann werden wir uns überzeugen, daß das wirkliche soziale Wort kein anderes Volk als unser Volk in sich trügt; daß in seiner Idee, in seinem Geiste das lebendige Bedürfnis nach der Allvereinigung der Menschheit liegt, nach einer Vereinigung, die volle Achtung für die Persönlichkeit jeder einzelnen Nation und für ihre Erhaltung, für die Erhaltung der Freiheit der Menschen in sich schließt, und die nur den Hinweis darauf enthält, worin diese Freiheit besteht: in der Vereinigung durch Liebe, sichergestellt bereits durch die Tat, durch das lebendige Beispiel, durch das Bedürfnis nach der wahrhaften Brüderlichkeit in der Wirklichkeit, – nicht aber durch die Guillotine, nicht durch Millionen gefällter Köpfe ...

Hm ... habe ich etwa wirklich jemanden überzeugen wollen? Das war ja nur ein Scherz. Doch – schwach ist nun einmal der Mensch: vielleicht liest es einer von den Knaben ... einer von der jungen Generation ...

Eine der wichtigsten gegenwärtigen Fragen

Was sollen wir denn tun?

... Ich habe mir eigentlich vorgenommen, niemals über unsere Belletristik im rein kritischen Sinne zu schreiben, außer wenn es einmal not tun sollte oder, sagen wir, bei einer besonderen „Veranlassung“. Diese Veranlassung hat sich nun[28] ganz plötzlich gefunden: ich bin vor ungefähr einem Monat auf eine dermaßen ernste und charakteristische Stelle in unserer modernen Literatur gestoßen, daß ich sie sogar mit Verwunderung gelesen habe. Der Schriftsteller Graf Leo Tolstoi – ein Künstler im wahrsten Sinne des Wortes und vorzüglicher Erzähler – hat in seinem Roman „Anna Karenina“ alles, was es Wichtiges in unseren gegenwärtigen russischen politischen und sozialen Fragen gibt, in einen Punkt zusammengefaßt. Und das Bemerkenswerteste: er hat es getan mit allen charakteristischen Nüancen unserer gegenwärtigen Zeit, geradeso, wie diese Frage sich uns heute stellt und – unbeantwortet bleibt ...

Über den Roman selbst will ich nur das Notwendigste sagen. Wie wir alle, las auch ich vor langer Zeit den Roman im „Russischen Boten“. Zuerst gefiel er mir sehr; dann, als Ganzes, weniger, wenn auch die Einzelheiten mich noch sehr interessierten. Es schien mir immer, daß ich alles schon einmal irgendwo gelesen hatte, und zwar in „Kindheit und Jugend“ und in „Krieg und Frieden“ desselben Grafen Tolstoi, und – daß es dort frischer gewesen wäre. Immer dieselbe Geschichte einer russischen Gutsbesitzersfamilie, wenn auch das jeweilige Sujet natürlich ein anderes ist. Personen wie Wronski, zum Beispiel, – einer der Helden des Romans –, die unter sich von nichts anderem als von Pferden sprechen, ja, nicht einmal fähig sind, von anderem als von Pferden zu sprechen, waren natürlich interessant genug, um einmal ihren Typ kennen zu lernen, doch sonst furchtbar einförmig und nur zu einer bestimmten Menschen- und Gesellschaftsklasse gehörig. Es schien, daß die Liebe dieses „Hengstes im Waffenrock“, wie ihn einer meiner Freunde nennt, überhaupt nur in ironischem Tone geschildert werden könnte. Als aber der Verfasser von der inneren Welt seines Helden nicht mehr ironisch, sondern im Ernst zu erzählen begann, da erschien mir das sogar langweilig. Doch plötzlich wurden alle meine Vorurteile verscheucht: es kam die Sterbeszene der Heldin (später wurde sie wieder gesund), und ich begriff die eigentlichen Ziele des Verfassers. Mitten in diesem flachen und brutalen Leben tauchte die ewige, große Lebenswahrheit auf und erhellte alles mit einem Schlages. Diese kleinlichen, leeren, verlogenen Leute wurden plötzlich zu aufrichtigen und wahrhaften „Menschen“, die wirklich wert waren dieses Namens – wurden es durch die natürliche Kraft des Naturgesetzes, den Tod. Die Schale fiel ab, und es erschien einzig die wahre Gestalt. Die Letzten wurden die Ersten, und die Ersten (Wronski) wurden plötzlich die Letzten, verloren ihre ganze Aureole und erniedrigten sich tief; doch wurden sie dadurch unvergleichlich besser, würdiger und wahrer, als sie als Erste gewesen waren. Haß und Lüge sprachen in Worten der Verzeihung und Liebe. An Stelle der stumpfen, weltlichen Begriffe trat reine Nächstenliebe. Alle verziehen und gaben den anderen recht. Die Sonderstellung und der Kastengeist verschwanden, und diese „Papiermenschen“ wurden plötzlich wirklichen Menschen ähnlich! Es gab keine Schuldigen: jeder beschuldigte sich selbst, und somit waren sie alle gerechtfertigt. Der Leser fühlt, daß es eine Lebenswahrheit gibt, die allerwirklichste und die allerunvermeidlichste, an die man glauben muß, und daß unser ganzes Leben und alle unsere Erregungen, wie die flachsten und schädlichsten, so auch die, welche wir oft für die höchsten halten, meistens nur kleinliche, phantastische Eitelkeiten sind, die vor dem Moment der Lebenswahrheit fallen und hinschwinden, sogar ohne sich zu verteidigen. Die Hauptsache war der Hinweis, daß dieses Moment wirklich ist, wenn es auch selten in seiner ganzen, erhellenden Klarheit und in manchem Leben vielleicht überhaupt nicht erscheint. Dieses Moment ist vom Dichter gefunden und uns in seiner ganzen furchtbaren Wahrheit gezeigt. Er hat bewiesen, daß diese Wahrheit wirklich vorhanden ist, nicht nur auf Treu und Glauben, nicht nur im Ideal, sondern sichtbar, vor unserem Auge. Gerade dieses, glaube ich, wollte uns der Dichter beweisen, als er sein Werk begann. Den russischen Leser an diese ewige Wahrheit zu erinnern, tat ja nur zu sehr not: wie viele hatten sie schon vergessen! Mit diesem Erinnern hat der Dichter eine gute Tat vollbracht, ganz abgesehen davon, daß er sie als ein Künstler von ungewöhnlicher Größe ausgeführt hat.

Darauf zog sich der Roman wieder hin, und dann plötzlich fand ich zu meinem Erstaunen eine Szene, die unsere „brennende Tagesfrage“ enthielt, eine Szene, die vor allen Dingen nicht etwa tendenziös hineingesetzt war, sondern die sich gerade aus dem ganzen künstlerischen Wesen des Romans von selbst ergab. Nichtsdestoweniger war ich überrascht und nicht wenig erstaunt: solch eine echte „Tagesfrage“ hatte ich denn doch nicht erwartet. Aus irgendeinem Grunde hatte ich nicht geglaubt, daß der Autor sich entschließen werde, seine Helden in ihrer Entwicklung bis zu solchen Extremen zu bringen. In der Tat: in diesen Extremen des Ergebnisses liegt ja gerade der Sinn der Wirklichkeit, und ohne den würde der Roman von etwas unbestimmter Art sein, die nicht entfernt weder den gegenwärtigen noch den wichtigsten russischen Interessen entspricht: es würde irgendein Winkel des Lebens dargestellt sein, mit beabsichtigter Ignorierung des Hauptsächlichsten und Aufregendsten in diesem selben Leben. Übrigens, glaube ich, verfalle ich hier in Kritik. Das aber ist, wie gesagt, nicht meine Absicht. Ich wollte nur auf eine Szene hinweisen, in der zwei Personen sich von einer Seite zeigen, von welcher sie für uns jetzt am charakteristischsten sind. Jener Typ Menschen, zu dem diese beiden gehören, ist vom Autor in den für uns interessantesten Gesichtskreis gestellt – ist in seiner gegenwärtigen sozialen Bedeutung erfaßt worden.

Beide sind Edelleute und echte Gutsbesitzer, und beide leben sie jetzt in der Zeit nach der Bauernreform. Es ist noch nicht lange her, da waren sie Herren leibeigener Gutsbauern. Und nun stellt sich die Frage: was bleibt von diesen Edelleuten nach der Bauernreform noch übrig? Das ist die Frage, die der Verfasser wenigstens teilweise zu beantworten versucht hat. Der eine von ihnen, Stiwa Oblonski, ist Egoist, feiner Epikureer, wohnt in Moskau und ist dort Mitglied des „Englischen Klubs“. Solche Leute hält man gewöhnlich für unschuldige und liebenswürdige Bonvivants, für Lebeleute, die niemanden stören, für geistreiche und bloß zu ihrem Vergnügen lebende Menschen. Meistens haben sie eine zahlreiche Familie; mit der Frau und den Kindern gehen sie freundlich um, doch denken sie wenig an sie. Besonders gefallen ihnen leichte Frauenzimmer, versteht sich – von der anständigen Sorte. Sie sind wenig gebildet, doch lieben sie alles Schöne, Elegante und die Kunst natürlich, und ganz besonders gern hören sie sich selbst reden und die Unterhaltung beherrschen.

Als die Bauernreform durchgeführt wurde, begriff Stiwa Oblonski sofort die ganze Sachlage: er rechnete nach und überlegte, daß ihm immerhin noch ein gewisses Einkommen verblieb, somit also kein Grund vorhanden war, sein Leben zu verändern, und im übrigen: – après moi le déluge. Sich mit Gedanken an die Zukunft seiner Frau und Kinder zu beunruhigen, das fiel ihm im Traume nicht ein. Die Reste seines Vermögens und seine Verbindungen bewahrten ihn vor dem Leben eines Hochstaplers; würden aber seine „Einnahmen“ durch die Reform vollständig verloren gegangen sein, und hätte er nicht länger, ohne selbst etwas zu tun, seine Einkünfte einkassieren können, so würde er vielleicht auch ein raffinierter Dieb geworden sein, selbstverständlich einer, der mit allen Anstrengungen des Verstandes, zuweilen sogar eines sehr scharfen Verstandes, versuchte, wenigstens ein möglichst anständiger und vornehmer Dieb zu bleiben. Früher kam es natürlich vor, daß er, um eine Kartenschuld oder eine Geliebte zu bezahlen, seine Leibeigenen als Soldaten verkaufte; doch solche Erinnerungen peinigten ihn nie, ja, er vergaß sie einfach. Ist er auch Aristokrat, so hat er doch selber seinen Adel niemals geschätzt. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft aber hat er für ihn überhaupt aufgehört. Für ihn gab’s nur den „Zufallsmenschen“, dann den Beamten von einem gewissen Range ab und ferner den Reichen. Der Eisenbahnaktionär und der Bankier wurden eine Macht für ihn, und alsbald suchte er ihre Bekanntschaft und Freundschaft.

Das Gespräch entspinnt sich aus dem Vorwurf, den Lewin, sein Verwandter (gleichfalls ein Gutsbesitzer, doch der vollkommen entgegengesetzte Typ: der Herr, der auf seinem Gute wohnt und es sogar selbst bewirtschaftet) Oblonski macht, weil dieser zu den „Eisenbahnleuten“ fährt, zu ihren Diners und Festen, zu zweideutigen, nach Lewins Meinung, schädlichen und schändlichen Menschen. Oblonski widerspricht ihm scharf. Überhaupt hat sich ihr Verhältnis zueinander seit der Verheiratung Lewins mit Oblonskis Schwägerin etwas zugespitzt. Hinzu kommt noch, daß in unserem Jahrhundert der Spitzbube, der den Ehrenmann widerlegt, diesem immer „über“ ist; denn er hat den Anschein der Würde, die in der gesunden Vernunft liegt, während der Ehrenmann, der leicht einem Idealisten gleicht, gewöhnlich den Anschein eines Narren hat. Die beiden Jäger sind in einer Bauernscheune, wo sie im Heu übernachten. Oblonski erklärt, daß es unsinnig wäre, die „Eisenbahnleute“, ihre Intrigen, ihren schnellen Verdienst, das Konzessionen Erbitten und Wiederverkaufen, zu verachten; daß sie ebensolche Leute seien wie die anderen, Leute, die mit Mühe und Verstand arbeiteten, ganz so wie alle; und schließlich sei das Ergebnis ihrer Arbeit ein viel bedeutenderes: sie geben uns die Eisenbahn.

„Aber jeder Erwerb, der zu der geleisteten Arbeit in keinem Verhältnis steht, ist unehrlich,“ sagte Lewin darauf.

„Ja, wer bestimmt denn das Verhältnis?“ fuhr Oblonski fort ... „Du hast die Grenze zwischen der ehrlichen und unehrlichen Arbeitsleistung nicht festgesetzt. Daß ich ein größeres Gehalt beziehe als mein Sekretär, obgleich er die Sache viel besser versteht, als ich, – das ist also unehrlich?“

„Ich weiß nicht ...“

„Nun, dann werde ich es dir sagen: daß du von deinem Gute überflüssige, sagen wir, fünf Tausend erhältst, dieser Bauer aber, wie er auch arbeiten mag, nicht mehr als fünfzig Rubel bekommt, ist genau so unehrlich wie das, daß ich ein größeres Gehalt als mein Sekretär beziehe ...“

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„Nein, erlaube,“ unterbrach ihn Lewin. „Du sagst, es sei ungerecht, daß ich fünf Tausend bekomme und dieser Bauer nur fünfzig: das ist wahr. Das ist ungerecht, und ich fühle es auch, aber ...“

„Ja, du fühlst es, aber du gibst ihm nicht dein Gut,“ sagte Oblonski, als ob er Lewin absichtlich reizen wollte.

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„Ich gebe es nicht, weil das niemand von mir verlangt, und selbst wenn ich’s wollte, so darf ich es nicht fortgeben ... und es ist ja auch niemand da, dem ich’s geben könnte.“

„Gib es diesem Bauer, er wird es nicht ablehnen.“

„Ja, aber wie geb’ ich es ihm denn? Soll ich etwa zu ihm gehen und einen Kaufkontrakt mit ihm abschließen?“

„Das weiß ich nicht. Wenn du jedoch überzeugt bist, daß du kein Recht hast ...“

„Ich bin durchaus nicht überzeugt! Im Gegenteil, ich fühle, daß ich nicht das Recht habe, mein Gut fortzugeben, daß ich Pflichten meinem Lande und meiner Familie gegenüber habe!“

„Nein, erlaube; wenn du aber diese Ungleichheit ungerecht findest, warum handelst du dann nicht so ...“

„Ich handle doch so, aber nur negativ, in dem Sinne, daß ich mich nicht bemühen werde, diesen Unterschied, der zwischen mir und ihm besteht, noch zu vergrößern.“

„Nein, verzeih, aber das ist paradox ...“

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„Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie zum Beispiel ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen.“

„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile nicht mit Vergnügen bedienen, wenigstens ich könnte es nicht. Für mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin.“

Die brennende Tagesfrage

Man wird mir zugeben müssen, daß dieses Gespräch unsere „brennende Tagesfrage“ aufwirft und sogar alles wiedergibt, was die letztere in sich schließt. Und wie viel bezeichnende, rein russische Züge! Erstens: vor vierzig Jahren fingen diese Gedanken kaum an sich in Europa zu verbreiten, wohl nicht vielen waren Saint-Simon und Fourier – die ersten „idealen“ Vertreter dieser Ideen – bekannt; bei uns aber, bei uns wußten vielleicht nur ein halbes Hundert Leute von dieser neuen Bewegung im Westen. Und heute streiten über diese „Fragen“ schon Gutsbesitzer auf der Jagd, auf dem Nachtlager in einer Bauernscheune, und streiten sogar in der charakteristischsten und kompetentesten Weise, so daß wenigstens die negative Seite der Frage von ihnen schon entschieden und unwiderruflich festgesetzt wird. Es sind allerdings Gutsbesitzer aus der hohen Gesellschaft, die sich im Englischen Klub ernsthaft zu unterhalten pflegen, die ihre Zeitungen lesen, alle Prozesse aus den Blättern und noch anderen Quellen kennen. Doch nichtsdestoweniger bleibt schon allein die Tatsache, daß so ein idealer Unsinn als das alltäglichste Gespräch solcher Gesellschaftsmenschen anerkannt wird, wie die Oblonskis und Lewins, die alles andere, nur keine Professoren oder Spezialisten sind, – diese Tatsache, sage ich, ist eines der charakteristischsten Merkmale des gegenwärtigen Zustandes der russischen Geister. Der zweite charakteristische, gleichfalls gut beobachtete Zug in diesem Gespräch ist, daß über die Gerechtigkeit dieser neuen Ideen ein Mensch urteilt, der für sie, d. h. für das Glück des Proletariers, des Armen, selbst nicht einen Pfennig geben, sondern ihm bei Gelegenheit noch das Letzte abrupfen würde. Doch mit leichtem Herzen und der Heiterkeit eines Witzbolds unterschreibt er sofort den Krach der ganzen Menschheitsgeschichte, erklärt ihre jetzige Verfassung für die Krone des Unsinns und sagt: „Ich bin damit vollkommen einverstanden.“ Wirklich auffallend, wie diese Oblonskis immer als die ersten mit allem einverstanden sind! Mit einem Satz verurteilt er die ganze christliche Ordnung, die Persönlichkeit, die Familie – oh, das macht ihm weiter nichts aus! Wir Russen haben keine Schulung in solchen Dingen; diese Herren aber, die das mit voller Schamlosigkeit eingestehen, die selbst erklären, daß auch sie erst seit gestern darüber nachdenken, entscheiden trotzdem eine Frage von solcher Bedeutung ohne das geringste Bedenken. Und hier haben wir gleich den dritten charakteristischen Zug, – dieser selbe Herr sagt nämlich unumwunden: „Also, mein Freund: entweder anerkennen, daß die gegenwärtige Einteilung der menschlichen Gesellschaft gerecht ist, und dann seine Rechte verteidigen, oder gestehen, daß man ungerechte Vorzüge genießt, wie z. B. ich es tue, und sich ihrer mit Vergnügen weiterbedienen.“ D. h. genau genommen erklärt er offen, indem er seine Meinung über ganz Rußland ausspricht – und es verurteilt – und somit auch über seine Familie, über die Zukunft seiner Kinder, daß dies alles ihn überhaupt nichts angeht: „Ich gebe zu, daß ich ein Spitzbube bin, bleibe aber Spitzbube zu meinem Vergnügen. Et après moi le déluge.“ Er ist ja nur deswegen so ruhig, weil er noch sein Vermögen hat; verlöre er es aber – warum sollte er da nicht Spitzbube werden? – das wäre doch der geradeste Weg! Und gerade dieser Staatsbürger, dieser Familienvater, dieser russische Mensch – welch ein echt russischer Charakter! Vielleicht findet man, daß er doch immerhin eine Ausnahme sei? Was kann er denn für eine Ausnahme sein!? Bitte sich doch nur zu erinnern, wieviel Zynismus wir in den letzten zwanzig Jahren gesehen haben, welch eine Leichtigkeit der Wendungen und Veränderungen, welch einen Mangel an jeder tieferen Überzeugung und welch eine Schnelligkeit in der Aneignung der ersten besten fremden Anschauung, versteht sich, um sie am nächsten Tage für zwei Kopeken wiederzuverkaufen! Nicht der geringste moralische Grund bei uns, außer – après nous le déluge.

Das Interessanteste aber ist, daß dicht neben diesem weit verbreiteten, herrschenden Typ ein ganz anderer steht – der Typ des russischen Edelmannes und Gutsbesitzers, der ein ausgeprägter Gegensatz jenes ersten ist. Ich meine den Lewin. Und solcher Lewins gibt es in Rußland Tausende, fast ebensoviel wie Oblonskis. Ich spreche hier nicht von seinem blonden Haar, nicht von seiner großen starken Gestalt, die der Künstler ihm im Roman verliehen hat; ich spreche nur von einem Zug seines Wesens, der dafür aber der auffallendste und bedeutungsvollste ist, und ich behaupte, daß dieser Zug sich bei uns in einer solchen Verbreitung findet, daß es einen fast wundernehmen kann – inmitten unseres Zynismus, unserer kalmückischen Stellung zur Arbeit! Seit einiger Zeit tut sich dieser Zug allüberall bei uns kund; die Menschen mit diesem Zug streben krampfhaft, fast krankhaft nach Antworten auf ihre Fragen; sie hoffen und glauben leidenschaftlich, obgleich sie beinahe noch nichts zu entscheiden verstehen. Dieser Zug ist vollständig in der Antwort Lewins ausgedrückt:

„Nein, wenn das ungerecht wäre, so könntest du dich dieser Vorteile nicht mit Vergnügen bedienen, wenigstens ich könnte es nicht. Für mich ist die Hauptsache: zu fühlen, daß ich nicht schuldig bin.“

Und tatsächlich beruhigt er sich nicht eher, als bis er bei sich entschieden hat, ob er schuldig ist oder nicht. Und bis zu welchem Grade steigert sich vorher seine Unruhe? Er geht bis zum Äußersten, und wenn es nötig ist, wenn es nur nötig ist, wenn er sich nur selbst beweist, daß es nötig ist, so wird er – im Gegensatz zu Oblonski, der da sagt: „Wenn auch als Spitzbube, so fahre ich doch fort, zu leben, zu meinem Vergnügen“ – so wird er vielleicht zu einem zweiten „Wlas“[29] werden, der in einem Anfall des Mitleids und der Angst sein Hab und Gut verschenkte und für den Bau eines Gotteshauses sammeln ging. Oder wenn er nicht für ein Gotteshaus sammeln geht, so wird er doch etwas Ähnliches tun und mit demselben Eifer. Ich beeile mich, zu wiederholen, daß ein Zug hier ganz besonders bemerkenswert ist: das ist diese Menge, diese ganz ungewöhnliche Menge solcher neuen Menschen, solcher neuen Wurzeln russischer Menschen, die der Wahrheit bedürfen, der Wahrheit ohne konventionelle Lüge, und die, um diese Wahrheit zu erreichen, alles, aber auch alles fortgeben. Diese Menschen tauchen gleichfalls seit den letzten zwanzig Jahren bei uns auf, und mit jedem Jahr werden ihrer mehr. Aber man hat sie auch schon früher, auch vor Peter, überhaupt immer schon vorausahnen können. Das ist das anbrechende zukünftige Rußland der ehrlichen Menschen, die einzig der Wahrheit bedürfen! Oh, sie sind auch furchtbar unduldsam: aus Unerfahrenheit verwerfen sie jeden Kompromiß, jede Erklärung sogar. Nur auf eines möchte ich noch mit allem Nachdruck hinweisen, – daß es ein wahrhaftes Gefühl ist, das sie treibt. Einer ihrer charakteristischsten Züge besteht darin, daß sie unter sich auffallend wenig übereinstimmen und vorläufig noch allen möglichen Parteien und Gruppen angehören: da gibt es Aristokraten und Proletariers, Gläubige wie Ungläubige, Reiche und Arme, Gelehrte und Laien, Greise und Backfische, Slawophile und Westler. Ja, diese Uneinigkeit, diese Verschiedenheit in den Überzeugungen ist sogar beispiellos, doch ihr Streben nach Ehrlichkeit und Wahrheit ist unerschütterlich, unablenkbar, und für das Wort der Wahrheit gibt jeder von ihnen sein Leben, Hab und Gut ... Vielleicht wird man behaupten, dieses sei bloß wieder Phantasie von mir, es gäbe bei uns gar nicht so viel Ehrlichkeit und solch ein Dürsten nach Ehrlichkeit. Ich aber bleibe dabei, daß es da ist, dicht neben der schrecklichsten Sittenverderbnis, daß ich sie sehe und fühle, diese emporsteigenden Menschen, denen die Zukunft Rußlands gehört, daß man blind sein muß, um sie nicht zu sehen, und daß der Künstler, der diesen abgelebten Zyniker Oblonski und diesen neuen Menschen Lewin gegeneinander hält, gleichsam diese aufgegebene, sittenlose, furchtbar vielköpfige russische Gesellschaft, die sich durch ihren eigenen Urteilsspruch bereits selber verurteilt hat, gegen die Gesellschaft der neuen Wahrheit hält, die Gesellschaft, die in ihrem Herzen die Überzeugung, sie sei schuldig, nicht ertragen kann, und die alles fortgibt, um ihr Herz von der Schuld zu befreien. Auffallend ist hierbei, daß unsere Gesellschaft sich fast nur in diese beiden Arten teilt – dermaßen groß sind sie und dermaßen umfassen sie das ganze russische Leben – versteht sich, wenn man von der Masse der völlig Gleichgültigen absieht. Doch der charakteristischste, der russischste Zug dieser „brennenden Tagesfrage“, auf die der Verfasser hinweist, besteht darin, daß sein neuer Mensch, sein Lewin, nicht versteht, die ihn beunruhigende Frage zu beantworten. Das heißt, in seinem Herzen hat er sie beinahe beantwortet – nicht zu seinem Vorteil, denn er argwöhnt, daß er schuldig ist: aber etwas Festes, Gerades und Reales in seiner ganzen Natur lehnt sich dagegen auf und hält ihn vorläufig noch von der letzten Entscheidung ab. Oblonski dagegen, dem es völlig einerlei ist, ob er schuldig oder unschuldig ist, entscheidet die Frage ohne das geringste Bedenken, vielmehr kann es ihm gerade so recht sein: „Wenn also alles blödsinnig ist und es nichts Heiliges mehr gibt, so kann man ja machen, was man will, für mich wird die Zeit noch ausreichen, – das Jüngste Gericht kommt ja noch nicht gleich.“ Bemerkenswert ist dabei, daß gerade die schwächste Seite der Frage Lewin verwirrt und vor den Kopf stößt – das ist so echt russisch und so richtig vom Verfasser beobachtet. Die Sache ist nämlich die, daß alle diese Gedanken und Fragen in Rußland – einzig eine Theorie sind: alle sind sie aus anderen Ländern mit anderen Verhältnissen zu uns eingeführt, aus Europa natürlich, wo sie schon längst ihre historische und praktische Seite haben. Unsere beiden Edelleute sind Europäer, und es ist nicht leicht, sich von der europäischen Autorität zu befreien: auch hier muß man Europa den Tribut zahlen. Und da verwechselt nun Lewin, dieses russische Herz, die einzig mögliche rein russische Lösung der Frage mit ihren europäischen Bedingungen: er verwechselt die christliche Lösung mit dem historischen „Recht“.

Stellen wir uns zur Übersicht folgendes vor:

Lewin steht und denkt an sein Gespräch mit Oblonski und wünscht in seiner ehrlichen Seele qualvoll, das ihn verwirrende Problem zu lösen.

„Ja,“ sagt er sich, halb entscheidend, „ja, wenn man so bedenkt, weshalb können denn wir, wie Weslowski vorhin sagte, essen, trinken, auf die Jagd gehen und nichts tun, während der Arme immer und ewig arbeiten muß? Ja, Oblonski hat recht, ich muß mein Gut unter den Armen verteilen und für sie arbeiten gehen.“

Steht da neben Lewin der Arme und spricht:

„Ja, du mußt das tun, es ist deine Pflicht, den Armen dein Gut zu geben und für uns zu arbeiten.“

So stellt sich denn heraus, daß Lewin vollkommen im Recht ist, der „Arme“ aber im Unrecht, natürlich wenn man die Sache sozusagen im höheren Sinne entscheidet. Aber darin liegt ja der ganze Unterschied der Auffassung dieses Problems. Denn seine moralische Lösung darf man nicht mit seiner historischen Lösung verwechseln; sonst gibt es eine heillose Konfusion, – ähnlich der, die sich auch jetzt noch in theoretischen russischen Köpfen fortsetzt, – in den Köpfen der Nichtswürdigen, gleich Oblonski, wie in den Köpfen derer, die reinen Herzens sind, gleich Lewin. In Europa haben das Leben und die Praxis schon die Frage gestellt – wenn auch absurd im Ideal ihres Schlusses, so doch immerhin real im Verlauf ihrer Entwicklung, und ohne zwei heterogene Auffassungen, die moralische und die historische, zu verwechseln, soweit dies überhaupt möglich ist. Vielleicht wird eine kurze Erklärung dieses Gedankens nicht überflüssig sein.

Die Tagesfrage in Europa

In Europa gab es einmal einen Feudalismus und gab es Ritter. Aber in reichlich tausend Jahren erstarkte das Bürgertum, nahm schließlich den Kampf mit den Rittern auf, besiegte sie und – setzte sich an deren Stelle. „Ôte-toi de là que je m’y mette.“ Indem nun die Bourgeoisie den Platz ihrer früheren Herren einnahm, umging sie vollständig das Volk, das Proletariat, und da sie dasselbe nicht als Bruder anerkannte, machte sie es zu ihrer Arbeitskraft, indem sie dadurch sich zum Wohlstand und ihm zu seinem täglichen Stück Brot verhalf. Unser russischer Oblonski entscheidet bei sich, daß er im Unrecht ist, will aber bewußt ein Nichtswürdiger bleiben, denn so hat er ein angenehmes Leben. Der ausländische Oblonski ist anderer Meinung als der unsrige: er hält sich für durchaus im Recht und ist selbstverständlich in seiner Art logischer; denn nach seiner Ansicht kann hierbei überhaupt nicht von Recht, sondern nur von „Geschichte“, von historischer Entwicklung der Dinge die Rede sein. Er nimmt den Platz des Ritters ein, weil er den Ritter mit roher Kraft besiegt hat, und er weiß nur zu gut, daß der Proletarier, der während seines Kampfes mit dem Ritter noch schwach war, leicht erstarken kann, ja, jetzt sogar schon mit jedem Tage stärker wird. Und er sagt sich, daß dieser ihn dann, wenn er ganz stark geworden, ebenso vom Platz verdrängen wird, wie er einst den Ritter verdrängt hat, und ihm ganz ebenso sagen wird: „Ôte-toi de là que je m’y mette.“ Wo ist denn hier „Recht“, hier handelt es sich doch nur um „Geschichte“! Oh, der Bourgeois würde zu einem Kompromiß gern bereit sein, würde sich gern irgendwie mit dem Feinde vertragen, – und er hat es ja auch schon versucht. Da er aber vorzüglich errät, ja, und auch die Erfahrung ihn gelehrt hat, daß der Feind nichts weniger als geneigt ist, sich mit ihm zu vertragen, sich in nichts teilen, sondern alles haben will, und daß außerdem Abtretungen seinerseits ihn, den Bourgeois, nur schwächen würden, so hat er sich also entschlossen, nichts abzutreten und sich zum Kampf vorzubereiten. Diese Stellung ist vielleicht hoffnungslos, doch ist es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, sich vor dem Kampf Mut zuzusprechen. So verzagt denn auch der Bourgeois nicht, sondern verstärkt und verschanzt sich immer mehr, legt sich mit allen Mitteln ins Zeug und strengt sich mit aller Kraft an – solange noch Kraft vorhanden ist – und bemüht sich, den Gegner zu schwächen, wo er nur kann ... und das ist alles, was er vorläufig tut.

So steht die Sache heute in Europa. Allerdings, früher, vor nicht langer Zeit sogar, gab es auch dort eine moralische Auffassung der Frage, es gab Fourieristen und Cabetisten, es gab Kongresse, Diskussionen und Debatten über verschiedene äußerst feine, scharfsinnige Fragen. Jetzt jedoch haben die Führer des Proletariats das alles bis zu gelegenerer Zeit aufgeschoben. Sie wollen geradeswegs zum Kampf herausfordern; sie organisieren eine wahre Armee, gründen Vereine, gründen Kassen und sind von ihrem Sieg fest überzeugt: „Und dann, nach dem Siege, wird sich alles von selbst praktisch ergeben, obgleich sehr leicht möglich ist, daß es erst nach Strömen vergossenen Blutes dazu kommen wird.“ Der Bourgeois begreift, daß die Führer der Proletarier diese einfach durch die in Aussicht stehende Plünderung anlocken, und daß es sich folglich nicht lohnt, noch die moralische Seite der Sache hervorzuheben. Einstweilen aber gibt es auch unter den jetzigen Führern zuweilen noch solche, die das moralische Recht der Armen predigen. Die höheren Führer lassen diese Redner eigentlich nur zur „Verschönerung“ zu, um die Sache etwas „auszuschmücken“ und ihr den Anschein einer höheren Gerechtigkeit zu geben. Von diesen „moralischen“ Sozialisten sind viele nur Intriganten, viele aber auch echte Idealisten. Sie erklären offen, daß sie für sich nichts wollen und nur für die Menschheit arbeiten, nur nach einer neuen Einrichtung der Dinge streben, um die Menschheit glücklicher zu machen. Doch hier empfängt sie der Bourgeois schon auf ziemlich festem Boden und hält ihnen sofort vor, daß sie ihn zwingen wollen, der Bruder des Proletariers zu werden und mit ihm sein Hab und Gut zu teilen. Abgesehen davon, daß dieses der Wahrheit ziemlich ähnlich sieht, antworten ihnen die Führer, sie hielten ihn, den Bourgeois, überhaupt nicht für fähig, dem Volke ein Bruder zu werden, und darum würden sie einfach Gewalt anwenden, ihn aber von vornherein aus jeglicher „Brüderschaft“ ausschließen. „Die Brüderschaft,“ sagen sie, „wird sich später bilden, aus den Proletariern, ihr aber, – ihr seid hundert Millionen zum Tode verurteilter Köpfe und weiter nichts! Es ist aus mit euch, zum Glücke der Menschheit!“ Andere Führer sagen heute schon ganz offen, sie brauchten keine Brüderschaft, das Christentum sei Faselei und die zukünftige Menschheit werde sich nur auf wissenschaftlichen Grundlagen aufbauen. Alles das kann natürlich den Bourgeois weder ins Wanken bringen, noch überzeugen. Er wendet ein, daß diese „Gesellschaft auf wissenschaftlichen Grundlagen“ bloße Phantasie ist, daß jene Führer sich den Menschen anders vorstellen, als ihn die Natur geschaffen hat; ferner, daß es dem Menschen schwer und unmöglich ist, dem unbedingten Recht des Eigentums, der Familie und der Freiheit zu entsagen; daß sie von ihrem zukünftigen Menschen zuviel Opfer als Persönlichkeit verlangen, daß man den Menschen nur mit furchtbarem Zwang in dieser Weise hinaufzüchten könnte, nur dann, wenn man ständige Spionage und ununterbrochene Kontrolle der despotischsten Macht anwendete. Zum Schluß fordert der Bourgeois noch auf, ihm doch diejenige Macht zu nennen, die die zukünftigen Menschen zu einer freiwilligen, nicht gezwungenen Gesellschaft zu vereinigen vermöchte. Darauf heben die Führer den Vorteil und die Notwendigkeit hervor, die jeder Mensch anerkennen müsse, und weisen darauf hin, daß er selbst, um der Zerstörung und dem Tode zu entgehen, freiwillig alle verlangten Konzessionen machen werde. Ihnen wird sofort entgegnet, daß der Gesichtspunkt des Vorteils allein niemals die Kraft haben kann, eine volle und einmütige Vereinigung hervorzubringen; daß kein einziger Nutzen imstande ist, den Eigenwillen und die persönlichen Rechte zu ersetzen; daß diese Mächte und Motive viel zu schwach sind und somit diese ganze zukünftige Vereinigung ewig fraglich bleiben wird; daß der Proletarier, wenn die Führer mit nichts als der moralischen Seite der Sache kämen, ihnen überhaupt nicht zuhören würde, und daß er, wenn er es jetzt tut, wenn er ihnen zu folgen scheint und sich zur Schlacht vorbereiten läßt, dies nur deshalb tut, weil er durch die versprochene Plünderung der Reichen angelockt wird und von der Fata morgana des allgemeinen Zusammenbruchs fieberhaft erregt ist. Folglich muß man dann doch die moralische Seite der Frage ganz fallen lassen, da sie nicht der geringsten Kritik standhält, und muß sich einfach zum Kampf vorbereiten.

Das ist die europäische Auffassung der Sache. Die eine wie die andere Partei sind im Unrecht, und die einen wie die anderen werden an ihren eigenen Sünden untergehen. Wiederholen wir es: Am schwersten ist für uns Russen, daß bei uns sogar die Lewins über diese selben Fragen ins Nachdenken geraten, während die einzig mögliche Lösung des Problems, und gerade die russische Lösung, und diese nicht nur für die Russen allein, sondern für die ganze Menschheit – die ethische Auffassung der Frage ist, d. h. die christliche. In Europa ist diese Auffassung nicht denkbar, obgleich man auch dort, früher oder später, nach Strömen von Blut und hundert Millionen von Opfern, sie doch wird anerkennen müssen – denn in ihr allein liegt das Heil.

Die russische Lösung des Problems

Wenn ihr fühlt, daß es euer Gewissen drückt, dieses „Essen, Trinken, Auf-die-Jagd-Gehen und Nichtstun“, und wenn ihr das wirklich fühlt, und wenn es euch wirklich so leid tut um die „Armen“, deren es so viele gibt, – so gebt ihnen euer Hab und Gut und gehet hin, um für sie alle zu arbeiten, und „erwerbt den Schatz im Himmelreich, dort, wo man nicht sammelt, noch nach Gütern trachtet –“. Geht wie „Wlas“, von dem es heißt:

„Groß war diese Kraft der Seele, Die da auszog, Gott zu dienen.“

Und wollt ihr nicht wie Wlas für den Bau eines Gotteshauses sammeln, so sorgt für die Aufklärung der Seele dieses Armen, erleuchtet ihn, belehrt ihn. Selbst wenn alle Reichen ihre Reichtümer, wie ihr, unter alle Armen austeilen würden, so wäre das doch nur wie ein Tropfen im Meer. Darum aber muß man mehr für das Licht, die Aufklärung, die Wissenschaft und für ein Mehr an Liebe sorgen. Dann erst wird der Reichtum in Wirklichkeit wachsen, und zwar der wirkliche Reichtum; denn der liegt nicht in herrlichen Kleidern, sondern in der Freude der allgemeinen Vereinigung und der festen Hoffnung eines jeden, daß im Unglück ihm und seinen Kindern von allen geholfen werden wird. Und sagt nicht: „Ich bin bloß eine machtlose Eins,“ oder: „Wenn ich allein mein Vermögen verteile und dienen gehe, so kann ich damit doch nichts verbessern“. Im Gegenteil, wenn es nur einige wenige solcher gibt wie ihr, so ist die Sache schon durchgeführt. Und im Grunde ist es nicht einmal unbedingt nötig, sein Gut zu verteilen, – jede Unbedingtheit würde hier, in der Tat der Liebe, nur einer Form gleichen, einer Rubrik, dem Buchstaben. Die Überzeugung, daß man den Buchstaben erfüllt hat, führt nur zu Stolz und Faulheit. Man soll nur das tun, was einem das Herz befiehlt: gebietet es euch, eure Habe zu verteilen – so verteilt sie, gebietet es euch, für die anderen arbeiten zu gehen, – so geht. Doch auch hier tut nicht wie etliche Träumer, die sich sofort an die Schiebkarre machen, was ungefähr heißen soll: „ich will kein Herr sein, ich will arbeiten wie ein Bauer“. Die Schiebkarre ist wiederum – nur eine „Form“.

Im Gegenteil, wenn du fühlst, daß du als Gelehrter allen nützlich sein kannst, so gehe auf die Universität und behalte so viel von deinen Mitteln, als du dafür nötig hast. Nicht die Verteilung des Gutes ist notwendig und nicht das Anziehen des Bauernkittels: all das ist bloß Buchstabe und Formalität. Notwendig und wichtig ist bloß deine Entschlossenheit, alles zu tun um der tätigen Liebe willen, alles, was dir möglich ist, was du selbst aufrichtig als in deiner Kraft stehend anerkennst. Alle diese Bemühungen, sich zu „vereinfachen“ – sind ja doch nur Verkleidungen, die das Volk vor uns herabsetzen und einen selbst erniedrigen. Ihr seid alle zu „kompliziert“, um euch zu „vereinfachen“, ganz abgesehen davon, daß schon eure Bildung allein euch hindert, zum Bauern zu werden. Hebt lieber den Bauer bis zu eurer Bildung empor! Seid nur aufrichtig und treuherzig; das ist besser als jede „Vereinfachung“. Vor allen Dingen aber schreckt euch nicht selbst, sagt nicht: „einer ist keiner“ und ähnliches. Jeder einzelne, der aufrichtig die Wahrheit sucht, der ist schon furchtbar viel. Ahmt auch nicht jenen Phrasenmachern nach, die da ununterbrochen sagen, damit man sie höre: „Man läßt mich nichts machen, bindet mir die Hände, pflanzt mir in die Seele Enttäuschung und Verzweiflung!“ Das sind Helden gewisser Dichtungen schlechten Tones, posierende Faulenzer. Wer Nutzen bringen will, der kann auch mit buchstäblich gebundenen Händen unendlich viel tun. Ein echter Tatmensch sieht, wenn er auf den Weg tritt, sofort so viel Arbeit vor sich, daß er nicht anfangen wird, zu klagen, man lasse ihn nichts machen, sondern er wird sofort irgend etwas finden und wird das, was er sich vornimmt, dann selbst mit gebundenen Händen fertigzustellen verstehen.

Und das wissen auch alle wirklichen Tatmenschen. Wieviel Zeit nimmt bei uns schon allein das „Ergründen Rußlands“, denn nur äußerst, äußerst selten kennt ein Mensch unser Rußland. Die Klagen über Blasiertheit sind einfach dumm: die Freude an dem zu errichtenden Gebäude muß jede Seele erfüllen, auch wenn ihr vorläufig nur ein Sandkörnchen zum Bau des Gebäudes herbeibringt. Eure Belohnung aber sei – Liebe, wenn ihr sie verdient. Solltet ihr aber keiner Liebe bedürfen, so tut ihr doch eine Liebestat, also könnt ihr gar nicht umhin, euch um Liebe zu bewerben. Doch möge es auch niemand sagen, daß ihr es auch ohne Liebe tun müßtet, sozusagen zum eigenen Gewinn, und daß man euch anderenfalls mit Gewalt dazu zwingen werde. Nein, bei uns in Rußland muß man andere Überzeugungen wecken – und besonders was die Begriffe der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit betrifft. In der heutigen Welt hält man Zügellosigkeit für Freiheit, während die wirkliche Freiheit doch nur in der Überwindung seiner selbst und seines Willens liegt, so daß man zuletzt einen sittlichen Zustand erreicht, in dem man immer, in jedem Augenblick, sein eigener Herr ist. Die Zügellosigkeit der Wünsche führt nur zur Sklaverei. Das ist wohl der Grund, warum fast die ganze heutige Welt die Freiheit in der pekuniären Sicherstellung sieht, und in den Gesetzen, die diese pekuniäre Sicherstellung garantieren. „Hab’ ich Geld,“ heißt es, „so kann ich alles machen, was mir gefällt; hab’ ich Geld – so werd’ ich nicht untergehen, noch nötig haben, andere um Hilfe zu bitten; niemanden aber um Hilfe bitten, ist die höchste Freiheit.“ Und doch ist das in Wirklichkeit nicht Freiheit, sondern Knechtschaft, – Knechtschaft durch das Geld. Im Gegenteil, die allerhöchste Freiheit ist – nicht sparen und nicht sich mit Geld versorgen, sondern „unter alle verteilen, was man hat, und hingehen, um allen zu dienen“. Ist der Mensch dazu fähig, ist er fähig, sich bis zu solch einem Grade zu überwinden – so, sagt doch, ist er dann nicht wahrhaft frei? Darin liegt doch die höchste Offenbarung des Willens! Und dann, was ist in der heutigen gebildeten Welt „Gleichheit“? Eifersüchtiges Aufpassen des einen auf den anderen, Hochmut, Aufgeblasenheit und Neid: „Er ist klug, er ist ein Shakespeare, er rühmt sich mit seinem Talent; also muß man ihn erniedrigen, muß ihn vernichten.“ Währenddessen spricht die wirkliche Gleichheit: „Was geht es mich an, daß du talentvoller bist als ich, klüger und schöner als ich? Ich kann mich nur dessen freuen, denn ich liebe dich. Bin ich auch unansehnlicher als du, so versage ich mir doch als Mensch nicht die Achtung, und du weißt das wohl und achtest mich gleichfalls – deine Achtung aber macht mich glücklich. Bringst du mit deinen Begabungen mir und allen anderen hundertfach mehr Nutzen, als ich dir, so segne ich dich dafür, bewundere dich und bin dir dankbar; rechne ich doch meine Bewunderung für dich mir niemals zur Schande an: daß ich dir dankbar bin, ist mein Glück, und wenn ich, so viel wie in meinen schwachen Kräften steht, für dich und für alle arbeite, so geschieht das keineswegs, um mit dir abzurechnen, Freund, sondern nur – weil ich euch alle liebhabe.“

Wenn alle Menschen so sprechen werden, dann erst wird Brüderlichkeit auf Erden herrschen, und zwar nicht um irgendeines ökonomischen Vorteils willen, sondern aus der Fülle des freudigen Lebens heraus, aus der Überfülle der Liebe.

Man wird vielleicht entgegnen, daß das bloß eine Phantasie von mir sei, daß diese „russische Lösung des Problems“ – das „Himmelreich“ ist und selbiges höchstens im Himmel, nicht aber auf Erden möglich sei. Allerdings, die Oblonskis würden sich nicht wenig ärgern, wenn das Himmelreich anbräche. Doch muß man wenigstens in Betracht ziehen, daß in dieser Phantasie einer „russischen Lösung des Problems“ unvergleichlich weniger Phantastisches und unvergleichlich mehr Wahrscheinliches ist als in der europäischen Lösung. Solche Menschen wie „Wlas“ haben wir schon gesehen und sehen sie bei uns in allen Ständen und sogar recht oft; dagegen hat man dort den „zukünftigen Menschen“ noch nirgends gesehen, und selbst verspricht er ja auch, erst nach Vergießung ganzer Ströme von Blut zu kommen. Ihr sagt, mit wenigen Menschen dieser Art sei es nicht getan, man müsse nach gewissen allgemeinen Einrichtungen und Prinzipien streben. Doch selbst, wenn es solche Einrichtungen und Prinzipien geben würde, nach denen man fehlerlos die Gesellschaft bilden könnte, und selbst wenn man sie vor der Praxis erlangen könnte, einfach so a priori, einzig aus den Träumen des Herzens und der „wissenschaftlichen“ Zahlen, die zudem noch der früheren Einrichtung der Gesellschaft entnommen sind, – so wird sich doch mit anfertigen, mit nicht dazu eingedrillten Menschen keine einzige Regel durchführen, kein einziges von all den schönen Prinzipien verwirklichen lassen; im Gegenteil, diese würden nur lästig werden. Ich aber glaube schrankenlos an unsere zukünftigen und schon heraufkommenden Menschen, an diese selben, von denen ich vorhin gesagt, daß sie vorläufig noch nicht übereinstimmen, daß sie in kleinen Lagern und Gruppen zerstreut sind, von denen jedes und jede an eigenen Überzeugungen festhält, die aber dafür vor allen Dingen die Wahrheit suchen, und die, wenn sie nur wissen würden, wo die Wahrheit ist, bereit wären, für ihre Verwirklichung alles zu opfern, selbst das Leben. Glaubt mir, wenn sie endlich den wahren Weg finden und ihn betreten, so werden sie alle nach sich ziehen, und nicht gezwungen, sondern freiwillig wird man ihnen folgen. Ja, das vermögen schon heute die ganz wenigen zu tun. Und das ist dann der Pflug, mit dem man unseren neuen Schatz heben kann. Bevor ihr den Menschen predigt, wie sie sein sollen, zeigt es ihnen an euch selbst. Erfüllt selbst, was ihr verkündigt, und alle werden euch folgen. Ich begreife nicht, was hierbei Utopistisches, Unmögliches sein soll! Es ist wahr, wir sind sehr verderbt, sind kleinmütig – und darum glauben wir nicht und lachen. Doch jetzt liegt es fast nicht mehr an uns, sondern einzig an den Emporsteigenden, den Künftig-Zukünftigen. Das Volk ist reinen Herzens, es muß nur noch erleuchtet werden. Doch Menschen, die reinen Herzens sind, erheben sich auch mitten aus unserer Schar – und das ist das Allerwichtigste! Dies ist es, was man zuerst glauben muß, was zu sehen man verstehen muß. Denen aber, die reinen Herzens sind, noch ein Rat: Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung vor jedem ersten Schritt! Erfülle zuerst selbst, statt daß du andere zwingst –: das ist das ganze Geheimnis dieses ersten Schrittes.

Ehemalige Landwirte – zukünftige Diplomaten[30]

... Ich bin wieder auf dem Lande und habe meine Freude daran ... Doch vor allem freut es mich, nicht im Auslande zu sein, nicht unsere sich dort herumtreibenden Russen vor Augen zu haben. Wahrlich, in unserer so volklichen, so politischen Zeit, da man gerade überall bei sich zu Hause Russen sucht, Russen erwartet, nur Russen will und fordert, in solch einer Zeit ist es zu schwer, im Auslande der Demoralisierung unserer expatriierten Intelligenz zusehen zu müssen, der Verwandlung echt russischen, noch rohen und vielleicht prachtvollen Menschenmaterials in erbärmliches, internationales Gesindel ohne Persönlichkeit, ohne Charakter, ohne Nationalität und ohne Vaterland. Ich rede nicht von den Vätern, – die Väter sind nun einmal nicht mehr anders zu machen. Nun, und – Gott mit ihnen! Ich rede von den unglücklichen Kindern, die sie dort im Auslande verderben. Die Väter werden jetzt sogar schon von unseren verschriensten Westlern lächerlich gefunden. Herr Burenin, der sich kürzlich als Berichterstatter auf den Kriegsschauplatz begeben hat, erzählt in einem Brief eine amüsante Begegnung mit einem unserer „Europäer“, der beständig im Auslande lebe, nur jetzt absichtlich auf den Kriegsschauplatz gekommen sei, um sich das „Schauspiel so eines Kampfes“ anzusehen, versteht sich, aus höflicher Entfernung, – und der im Waggon überall Witzchen gemacht, worüber diese Herren nun schon vierzig Jahre lang Witze machen: über den russischen Geist, die Slawophilen, usw. Er lebe nur darum im Auslande, soll er gesagt haben, weil es bei uns in Rußland „für einen ernsten und anständigen Menschen noch immer nichts zu tun gäbe“ ...

Vor zwanzig Jahren „emigrierten“ (ich bleibe bei diesem Wort) aus Rußland vornehmlich Gutsbesitzer, und seit der Zeit setzt sich die Emigration in jedem Jahre ungehindert fort. Natürlich emigrierten auch viele andere Leute, alle möglichen Menschen; doch waren es in der großen Mehrzahl, wenn nicht alle, Leute, die mehr oder weniger Rußland haßten; die einen aus moralischen Gründen, infolge der Überzeugung, „daß es in Rußland für so anständige und kluge Leute, wie sie, nichts zu tun gäbe“, die anderen vielleicht ohne jede Überzeugung, wenn man will, einfach aus physischem Haß: wegen des Klimas, wegen der Felder und Wälder, wegen der Gesetze und Bräuche, wegen des befreiten Bauern, ja, wegen der ganzen russischen Geschichte, mit einem Wort – wegen Rußland. Ich bemerke dazu, daß solch ein Haß sehr passiv, sehr ruhig und bis zur Apathie gleichmütig sein kann. Und dann kam noch die Befreiung der Bauern hinzu, und überdies erleuchtete plötzlich ungemein viele die Überzeugung, daß durch diese Befreiung alles verloren sei – das Land und die Landwirtschaft und der Adel und ganz Rußland. Es ist ja wahr, daß nach der Aufhebung der Leibeigenschaft die Landwirtschaft ohne genügende Organisation und Sicherstellung blieb und die Grundbesitzer infolgedessen den Kopf verloren und natürlicherweise eine solche Angst bekamen, wie es nach keinem staatlichen Umsturz mehr der Fall hätte sein können. Nun, und da fingen denn die Gutsbesitzer an ihre Güter zu verkaufen, und ein Teil von ihnen – und nicht der kleinste – zog ins Ausland. Was sie nun dort auch zu ihrer Rechtfertigung hervorheben mögen – sie können doch nicht, weder vor ihren Mitbürgern noch vor ihren eigenen Kindern verbergen, daß der Hauptgrund zu ihrer Emigration die Verlockung zum „Nichtstun“ gewesen ist. Jedenfalls aber: seit der Zeit wird das russische persönliche Landeigentum verkauft und gekauft, es ändert seine Herren allaugenblicklich, verändert sogar sein Aussehen, denn es wird eifrig entwaldet, – und in was es sich verwandeln, in wessen Händen es endgültig bleiben, aus welchen Leuten sich schließlich der neue russische Grundbesitzerstand zusammensetzen wird, all das ist schwer vorauszusagen, und doch liegt gerade darin, wenn man will, die wichtigste Frage der russischen Zukunft. Es scheint wirklich ein Naturgesetz zu sein, nicht nur in Rußland, sondern in der ganzen Welt: diejenigen, welche in einem Reiche das Land besitzen, die sind auch die Herren dieses Landes – in jeder Beziehung. Bei uns jedoch, wird man sagen, gibt es ja noch die Gemeinde, – die sei der „Herr“! Aber ... gehört denn etwa das Problem unserer Gemeinde bei uns schon zu den endgültig gelösten? Trat es denn nicht vor etwa fünfzehn Jahren gleichfalls in eine neue Phase, wie alles andere? Doch darüber später – vorläufig will ich, ohne sie weiter zu begründen, nur kurz meine Überzeugung darlegen. Es ist diese: wenn in einem Reiche die Verwaltung des Bodens eine ernste ist, dann wird, meiner Meinung nach, auch alles andere im Reich ernst sein, in allen Beziehungen, sowohl im großen Ganzen wie in den kleinen Einzelheiten. Jetzt müht man sich bei uns, zum Beispiel, um Bildung, müht sich um die Volksschulen. Ich aber glaube, daß Schule und Unterricht nur dann bei uns ernst und gründlich werden sein können, wenn unsere Landesverwaltung und Landwirtschaft ernstlich und gründlich organisiert sind; glaube ferner, daß man nicht durch eine Schule eine gute Landwirtschaft erzielt, sondern umgekehrt, nur durch eine gute Landwirtschaft – d. h. durch eine richtige Bodenverwaltung – eine gute Schule bilden kann, auf keinen Fall aber früher. Parallel diesem Beispiele geht alles: die Einrichtungen und die Gesetze und die Sittlichkeit und selbst die Verstandesentwicklung der Nation. Jede richtige Verwaltung des nationalen Organismus organisiert sich bloß dann, wenn im Lande gute Landwirtschaft getrieben wird. Dasselbe läßt sich gleichfalls vom Charakter der Landwirtschaft sagen: ist er aristokratisch, oder ist er demokratisch – immer wird so, wie er ist, auch der ganze Charakter der Nation sein.

Einstweilen aber spazieren unsere ehemaligen Gutsbesitzer im Auslande umher, in allen Städten und Kurorten Europas, machen die Preise der Restaurants steigen, und schleppen wie Millionäre Gouvernanten und Bonnen für ihre Kinder mit sich herum und kleiden die Kleinen in Spitzen und englische Kostüme mit kurzen Strümpfchen – Europa zur Schau. Europa aber sieht zu und wundert sich: „Wieviel reiche Leute es doch in Rußland gibt, und vor allen Dingen wie gebildete! Und wie sie nach europäischer Bildung streben! Natürlich hat man ihnen nur aus Despotismus die Auslandspässe vorenthalten! Und plötzlich zeigt es sich, daß es bei ihnen so viele Grundbesitzer und Kapitalisten und so viele Rentiers gibt, die sich von den Geschäften zurückgezogen haben, – ja sogar mehr als selbst in Frankreich, das doch das Land der Rentiers ist!“ Wollte man aber versuchen, Europa zu erklären, daß hier eine echt russische Erscheinung vorliegt und keine Spur von eigentlichem Rentiertum sich hierbei findet, sondern im Gegenteil die Verschwendung dieser Leute meist nur das Brennen eines Lichtes von beiden Enden bedeutet, so würde Europa an solch eine in Europa unmögliche Erscheinung selbstverständlich nicht glauben, würde mich überhaupt nicht verstehen. Und das wichtigste – diese Sybariten, die sich dort in den deutschen Kurorten und an den Schweizer Seen herumtreiben, diese Lukullusse, die ihr Leben in Pariser Restaurants zubringen, – sie wissen es ja selber und fühlen es sogar mit einem gewissen Schmerz voraus, daß sie ihr Kapital doch schließlich aufzehren, und daß ihre Kinder, diese selben kleinen Engelchen in englischen Kostümchen, vielleicht noch einmal in Europa werden Almosen erbitten müssen – und sie werden Almosen erbitten! –, wenn sie sich nicht in französische oder deutsche Arbeiter verwandeln wollen – und sie werden sich in französische und deutsche Arbeiter verwandeln! – „Aber ...“ denken sie, „après nous le déluge! Ja, und wer ist denn der Schuldige? Das sind doch nur alle diese unsere russischen Einrichtungen, unser ganzes plumpes Rußland, in dem ein anständiger Mensch immer noch nichts anfangen kann.“ So denken diese Herren; und die liberalsten von ihnen, die, welche man die höchsten und unverfälschtesten Westler der vierziger Jahre nennen könnte, die fügen vielleicht noch heimlich hinzu: „Nun, was tut’s, daß die Kinder ohne Vermögen bleiben, dafür erben sie die Idee, den edlen Sauerteig der wahren und heiligen Denkungsart. Fern von Rußland erzogen, werden sie weder die Popen kennen, noch das dumme Wort ‚Vaterland‘. Sie werden einsehen, daß das ‚Vaterland‘ nur ein Vorurteil ist und sogar das verderblichste der Welt. Aus ihnen werden edle, universale Menschen werden. Wir, ausschließlich wir, legen den Grund zu diesen neuen Menschen! Gerade dadurch, daß wir im Auslande den Erlös für unser Gut verleben, legen wir den Grund zu dem neuen internationalen Bürgertum, das früher oder später Europa erneuern wird, und die ganze Ehre dafür gebührt uns, uns Russen, denn wir haben zuerst angefangen.“ Übrigens, so reden bloß die „graulockigen“, das heißt soviel wie sehr wenige – sind denn etwa viel Koryphäen unter ihnen zu finden? Die praktischeren jedoch und nicht so literarisch-moralischen verlassen sich schließlich immer noch auf die „Verbindungen“. „Wir verleben hier unser Geld, das ist ja wahr, aber etwas gewinnen wir dabei doch, das sind: Bekanntschaften, Beziehungen, die dann im sogenannten ‚Vaterlande‘ uns gut zustatten kommen werden. Und zudem erziehen wir unsere Kinderchen wenigstens in liberalem Geiste und immerhin als Gentlemen – das aber sind doch lauter Hauptsachen. Verkehren werden sie nur in den vornehmsten und höchsten Sphären; der Liberalismus aber hat in diesen höchsten Sphären immer alles, was gentlemanlike war, gekennzeichnet und begleitet, denn dieser Gentlemanliberalismus ist für den höheren Konservatismus sozusagen sehr nützlich, was man bei uns längst begriffen hat. Nun, und wenn wir unsere Kinder in dieser Weise im Auslande aufwachsen lassen, so heißt das geradezu, daß wir sie zu Diplomaten erziehen. Was sind das doch für prachtvolle Stellen hier an den Gesandtschaften, Konsulaten, und dabei welch eine Unmenge solcher entzückender Plätzchen, und wie brillant sie dotiert sind! Wirklich, wie geschaffen für unsere Kinderchen: sind ruhig und gut und vorteilhaft und dauerhaft, und dabei immer ein angesehenes Amt. Und der Dienst so vornehm und die Arbeit – ach, die ist nicht der Rede wert, besteht ja nur im Verkehr mit den Russen im Auslande, selbstverständlich bloß mit denen, die anständiger aussehen; die anderen aber, die einem da auf den Hals kriechen und noch um Schutz bitten, – die, na, die schüttelt man einfach ab und behandelt sie, wie es Vorgesetzten geziemt: ohne sie anzuhören und von oben herab: ‚Wir glauben euch nicht. Ihr seid selber an allem schuld, worüber ihr klagt. Ihr glaubt wohl noch im lieben Vaterlande zu sein? Euretwegen sollen wir uns Unannehmlichkeiten zuziehen? Lohnt sich das denn überhaupt, und wie soll man eine fremde Obrigkeit solcher Leute wegen, wie ihr, belästigen? Seht doch erst in den Spiegel, wie ihr ausseht!‘ Und darin besteht der ganze Dienst. Oh, unsere Kinderchen werden schon verstehen, es im Leben zu etwas zu bringen. Ja, ja, wenn man nur so seine Verbindungen hat – das ist das erste, wofür ein Vaterherz sorgen muß. Das übrige kommt dann je nach Bedarf von selbst hinzu.“

Also, wie gesagt, in dieser Weise verlassen sich von den im Auslande lebenden alle nicht gerade „literarischen“ Väter mehr oder weniger auf Verbindungen. Aber – was sind denn Verbindungen? Nun, wenn sie auch ihre Bedeutung haben, so sind sie doch nur eine unzuverlässige Quelle. Es würde daher wirklich nicht schaden, wenn man sich noch mit etwas anderem versorgen würde – nun, sagen wir, mit ein wenig Kenntnis Rußlands und mit ein wenig eigenem Verstand, nur so auf alle Fälle, da man doch niemals wissen kann ... Und gerade jetzt, in der Epoche der Reformen und neuen Einrichtungen, wollen bei uns doch alle plötzlich nach eigenem Verstande leben – zweifellos eine Idee, die durch die Aufklärung zu uns gekommen ist. Das Unglück aber ist nur, daß bei uns noch nie so wenig individueller Verstand zu finden gewesen ist, wie jetzt, da ihn ein jeder haben will. Die Frage, warum das so ist, will ich lieber offen lassen, es ist auch nicht leicht, sie zu beantworten. Doch eine der Ursachen, warum unsere kleinen Püppchen einst, wenn sie große Puppen sind, zweifellos leere Köpfe haben werden – kenne ich nur zu genau; und obwohl sie alt ist, will ich doch noch auf sie hinweisen. Diese Ursache ... liegt in der russischen Sprache, d. h. in der mangelhaften Kenntnis der russischen, vaterländischen Sprache, die durch die Erziehung im Auslande, durch ausländische Gouvernanten und Bonnen bedingt wird. Derlei ist bei uns ja auch schon früher üblich gewesen, aber wohl niemals in dem Maße, wie jetzt, da soviel Püppchen im Auslande heranwachsen. Nehmen wir den Fall an, eines dieser Herrensöhnchen soll Diplomat werden: nun, die Diplomatensprache ist bekanntlich die französische, „folglich genügt es, wenn man die russische nur grammatisch kennt“. Ist dem nun wirklich so? Diese Frage ist wohl schon so oft beredet worden, daß sie vielleicht abgeschmackt erscheinen wird. Nichtsdestoweniger ist sie noch so unbeantwortet, daß sie sogar vor kurzem wieder aufgeworfen werden konnte, wenn auch nur mittelbar, bei Gelegenheit der Besprechungen der französischen Werke Turgenjeffs. Es wurde sogar die Meinung geäußert: „Warum soll denn Turgenjeff nicht auch Französisch schreiben, das kann ihm doch niemand verbieten?“ Selbstverständlich ist hier nichts zu verbieten oder zu erlauben, und besonders nicht einem so großen Schriftsteller und so vorzüglichen Beherrscher der russischen Sprache, wie Turgenjeff. Darum über ihn kein Wort weiter, aber ... Aber ich sehe, daß ich wieder auf mein altes Thema zurückgekommen bin, auf dasselbe, über das ich schon im vorigen Jahre geschrieben, nachdem ich mit einer unserer ausländisch-russischen Mamas über den Nachteil, den das Erlernen der französischen Sprache für ihr Püppchen haben kann, diskutiert hatte. Jetzt wird das Söhnchen zum Diplomaten erzogen und ... Übrigens, wenn es auch nicht ratsam ist, sich zu wiederholen, so will ich doch noch wagen, in bezug auf die Diplomatie ein paar Worte zu sagen.

„... Aber die Diplomatensprache ist doch Französisch!“ unterbricht mich diesmal die Mama, ohne mich zu Wort kommen zu lassen.

O weh, sie trägt mir meine Worte vom vorigen Jahr noch nach und behandelt mich ungnädig.

„Gewiß, gewiß, meine Gnädigste,“ antworte ich, „Ihr Einwand ist unantastbar, und ich bin mit Ihnen widerspruchslos einverstanden. Jedoch: was ich über die Kenntnis der russischen Sprache gesagt, gilt auch für die Kenntnis der französischen – nicht wahr? Nun aber, um den Reichtum seiner Gedanken in französischer Sprache ausdrücken zu können, muß man sich diese Sprache auch ganz und gar zu eigen machen. Nun aber bitte ich Sie, folgendes nicht zu vergessen: es gibt nämlich solch ein Geheimnis der Natur, oder vielmehr solch ein Naturgesetz, nach dem man nur diejenige Sprache vollkommen beherrschen kann, mit der man geboren ist, wollte sagen, die dasjenige Volk spricht, zu dem man gehört. Das scheint Ihnen nicht zu gefallen, meine Gnädigste. Sie belieben etwas spöttisch zu lächeln? Gut, ich gebe nach – es ist ja übrigens auch kein Damenthema. Ich stimme Ihnen also widerspruchslos bei, ich gebe zu, daß auch ein Russe sich die französische Sprache bis zur Vollkommenheit aneignen kann – aber nur unter einer riesengroßen Bedingung: nämlich in Frankreich geboren zu sein, in Frankreich aufzuwachsen und seit der allerersten Stunde seines Lebens sich in einen Franzosen zu verwandeln! Oh, Sie lächeln wieder, wie ich sehe, ich habe Sie wohl nur belustigt? Einstweilen aber beachten Sie, daß selbst Ihnen und Ihrem Söhnchen nicht gut möglich sein wird, diese Bedingung zu erfüllen, trotz aller Pariser Bonnen, trotz der Emigration, dem Erlös für das verkaufte Land usw. Zudem müssen Sie noch die sogenannten angeborenen Gaben in Betracht ziehen, denn man kann doch nicht Ihr Püppchen mit Turgenjeff vergleichen – werden denn etwa viel Turgenjeffs geboren? ... Ach, Verzeihung, meine Gnädigste, was sage ich da! Aus Ihrem Söhnchen wird bestimmt ein Turgenjeff werden, oh, nicht nur einer, sondern bestimmt drei! Doch lassen wir das, nur ...“

„Aber,“ unterbrechen Sie mich plötzlich, „aber die Diplomaten sind doch sowieso klug, warum denn da noch um den Verstand so viel Sorge tragen? Glauben Sie mir, hat man erst Verbindungen, mon mari ...“

„Sie haben durchaus recht, meine Gnädigste,“ unterbreche ich schnell, „hat man erst Verbindungen und läßt man Ihren Herrn Gemahl ganz beiseite, so, sage ich, wäre es immerhin nicht übel, zu den Verbindungen noch etwas, wenn auch nur ein wenig, Verstand hinzuzufügen. Und die Diplomaten sind keineswegs deswegen klug, weil sie Diplomaten sind, sondern einzig, weil sie von Geburt an kluge Leute waren. Und glauben Sie mir, es gibt sogar viele, sehr viele Diplomaten, die wirklich außerordentlich dumm sind.“

„Ach nein, verzeihen Sie,“ unterbrechen Sie mich ungeduldig, „Diplomaten sind immer klug und alle bekleiden sie außerordentliche Posten: und außerdem ist der Diplomatendienst der allervornehmste Dienst!“

„Meine Gnädigste, meine Gnädigste,“ rufe ich, „Sie sagen: Verbindungen und Kenntnis vieler Sprachen! – aber Verbindungen verschaffen doch bloß einen Posten, dann aber ... Nun, stellen Sie sich vor: Ihr Söhnchen wächst in europäischen Restaurants auf, geht in Gesellschaft ausländischer Vicomtes und russischer Grafen mit jungen Kokotten durch, dann aber ... Nun, er kann alle Sprachen und schon deswegen keine einzige, ... hat er aber keine eigene Sprache, so ist es nur natürlich, wenn er bloß Endchen von Gedanken und Gefühlen aller Nationen aufgreift und sein Verstand sich sozusagen zu einem Mischmasch aller möglichen Süppchen herausbildet. Er wird ein internationaler Bastard mit kurzen, abgerissenen, kleinen Ideen und stumpfen Urteilen. Er ist Diplomat, aber die Geschichte der Nationen setzt sich in seiner Vorstellung ganz sonderbar-spaßhaft zusammen. Er sieht überhaupt nicht, ja er ahnt nicht einmal das, wovon die Nationen und die Völker leben, welche Gesetze in ihrem Organismus liegen, ob in diesen Gesetzen auch etwas Ganzes verborgen ist und sich in ihnen ein allgemeines internationales Gesetz wahrnehmen läßt. Er ist fähig, alle Geschehnisse der Welt nur daraus abzuleiten, daß z. B. irgendeine Königin irgendeine Favoritin irgendeines Königs geärgert hat, und infolgedessen der Krieg zwischen zwei Königreichen ausgebrochen ist. Erlauben Sie, ich werde von Ihrem Standpunkte aus urteilen. Schön, er hat Verbindungen ... Aber zum Erwerb solcher Verbindungen ist doch Charakter erforderlich, ist, wie man zu sagen pflegt, die Liebenswürdigkeit eines Charakters, sind Milde und Güte und zu gleicher Zeit Beharrlichkeit und Festigkeit unbedingt nötig ... Ein Diplomat muß doch bezaubernd sein, muß zu besiegen verstehen, nicht wahr? Nun, dann glauben Sie es mir oder nicht, wenn ich Ihnen offen und im höchsten Grade bestimmt sage, daß man ohne Kenntnis seiner Muttersprache, ohne ihre völlige Beherrschung nicht einmal seinen Charakter ausarbeiten kann, und besonders dann nicht, wenn das Püppchen noch von Natur reich und gut begabt ist. Mit der Zeit stellen sich bei ihm dann Gedanken ein, Ideen und Gefühle werden ihn innerlich peinigen, indem sie für sich Ausdrücke suchen und fordern; doch ohne reiche, von Kindheit an erworbene, fertige Ausdrucksformen, d. h. ohne Sprache, ohne ihre Entwicklung, ohne ihre Verfeinerung, ohne Beherrschung all ihrer Nuancen – wird Ihr Sohn ewig unzufrieden mit sich sein. Die aufgeschnappten Gedankenendchen hören bald auf, ihn zu befriedigen, das im Verstande und im Herzen angesammelte Material fängt an, nach einem großen, unbeengten Ausdruck zu verlangen ... Der junge Mann wird besorgt, zerstreut, grundlos nachdenklich, darauf gereizt, unerträglich; schließlich zerrüttet er womöglich seine Gesundheit, vielleicht sogar den Magen, glauben Sie mir ...“

„Ach, Sie lachen? – Ich sehe schon, hab’ mich wieder fortreißen lassen, – einverstanden! – Aber, Gott, wie wahr ist es doch, was ich sage! – Gestatten Sie mir nur noch, zu beenden. Ich möchte Sie, meine Gnädigste, daran erinnern, daß ich Ihnen vorhin nachgegeben, mich mit Ihnen einverstanden erklärt habe, zum Schein, natürlich: daß die Diplomaten immer kluge Leute wären. Jetzt aber haben Sie mich so weit gebracht, meine Gnädigste, daß ich gezwungen bin, meine geheimste Ansicht über diesen Gegenstand Ihnen nicht mehr zu verheimlichen. Meine Gnädigste: nun ist mir aber wie zum Trotz in meinem Leben schon oft der Gedanke gekommen, daß es in der Diplomatie, d. h. in der allgemeinen Diplomatie aller Völker und des ganzen neunzehnten Jahrhunderts, wirklich auffallend wenig kluge Männer gegeben hat – tatsächlich frappant, wie wenige! Dagegen ist die Schwachköpfigkeit dieses Standes in der Geschichte Europas in unserem Jahrhundert ... Das heißt, sehen Sie mal, – alle sind sie klug, diese Diplomaten, mehr oder weniger, versteht sich, das ist unbestreitbar, alle sind sie geistreich – aber ... was sind denn das im Grunde für Geister! Ist denn auch nur einer dieser Köpfe bis zum Wesen der Dinge durchgedrungen, hat auch nur einer von ihnen diese geheimnisvollen Gesetze begriffen, oder sie auch nur geahnt, diese Gesetze, die Europa zu etwas Unbekanntem führen, zu etwas Sonderbarem, Furchtbarem – das aber jetzt schon offenbar ist, das sich fast sichtbar vor den Augen derjenigen vollzieht, die nur ein klein wenig vorauszufühlen verstehen? Nein, man kann positiv behaupten, daß es keinen einzigen solchen Diplomaten und keinen einzigen so klugen Kopf in diesem so gelehrten und ‚favorisierten‘ Stande gegeben hat! – Natürlich schließe ich, wenn ich so rede, Rußland und alles Vaterländische aus, weil wir unserem ganzen Wesen nach in solchen Dingen ‚eine ganz andere Sache‘ sind. Im Gegenteil, im ganzen Jahrhundert waren die Diplomaten, nun sagen wir, die allerschlauesten Intriganten, die sich dünkelhaft einbildeten, das realste Verständnis der Dinge zu besitzen; währenddessen aber hat keiner von ihnen weiter, als seine Nase reicht, etwas sehen können, und nie über die Tagesinteressen hinaus – und selbst diese waren dann noch immer nur die alleroberflächlichsten und kurzsichtigsten. Dort zerrissene Fädchen zusammenknoten, hier ein Flickchen auf ein kleines Loch legen, ‚den Preis steigern, vergolden, für neu aussehen machen‘ – das ist ihre Aufgabe, das ist ihre Arbeit! Und all das hat seine Gründe – der wichtigste aber liegt, meiner Meinung nach, in der Entzweiung mit dem Volk, in der Absonderung der diplomatischen Köpfe in eine allzu vornehme und von der übrigen Menschheit allzu abstrahierte Sphäre ... Ein Fürst Metternich wurde für einen der tiefsten und feinsten Diplomaten der Welt gehalten und hatte zweifellos Einfluß auf ganz Europa. Worin aber, ja, worin bestand denn eigentlich seine Idee? Wie verstand er sein Jahrhundert, das damals gerade anbrach? Wie stellte er sich die Zukunft vor? Alle Grundideen des beginnenden Jahrhunderts wollte er mit Polizeiordnungen besiegen und war vollkommen überzeugt von dem Erfolg! Und nehmen Sie jetzt den Fürsten Bismarck na, das ist doch schon fraglos ein Genie, aber ...“

„Finissons, monsieur,“ unterbricht mich streng die kleine Mama mit tiefgekränkter Würde.

Ich bin natürlich sehr erschrocken. Offenbar bin ich nicht verstanden worden. Ja, mit kleinen Mamas darf man noch nicht über solche Themata reden: habe daher einen furchtbaren faux pas gemacht – aber mit wem kann man denn jetzt überhaupt über Diplomatie sprechen? – das ist die Frage! Und doch – welch ein interessantes Thema, und noch dazu in unserer Zeit! Aber ...

Die Diplomatie vor den Weltfragen

Und welch ein ernstes Thema! Denn was heißt jetzt: unsere Zeit? Alle, die mit Verstand begabt sind, sagen, daß unsere Zeit im wahrsten Sinne des Wortes eine diplomatische Zeit sei, eine Zeit der Entscheidung aller Völkerschicksale einzig durch die Diplomatie. Man behauptet zum Beispiel, daß irgendwo bei uns Krieg geführt werde; doch höre und lese ich überall, daß, wenn auch dort irgendwo so etwas wie Krieg vor sich geht, dieser Krieg doch bestimmt nicht als wirklicher Krieg aufgefaßt werden darf ... Jedenfalls ist man übereingekommen, erstens, daß dieser Krieg auch nicht einer einzigen von den gesunden Verrichtungen der Nation hinderlich sein könnte, die, nach den neuesten Ansichten alles dessen, was „Allwissenheit“ genannt wird, vornehmlich – was sage ich! – ausschließlich in der Diplomatie ruhen; und zweitens, daß diese militärischen Spaziergänge, Manöver usw., die übrigens immer unentbehrlich sind, im wahrhaften Sinne der Dinge nicht mehr als bloß eine der Phasen der höheren Diplomatie ausmachen, und weiter nichts. Man muß es glauben. Ich für meinen Teil bin nun sehr gern dazu bereit, denn das ist doch tatsächlich beruhigend. Aber siehe, einstweilen ist da etwas, was nicht uninteressant und dabei noch ungemein auffallend ist: Bei uns entbrannte zum Beispiel die Orientfrage: und sofort flammte sie auch in ganz Europa auf, ja dort sogar noch früher als bei uns – und das ist nur zu verständlich. Alle, und selbst die Nicht-Diplomaten, – natürlich die Nicht-Diplomaten ganz besonders –, alle wissen „schon längst“, daß die Orientfrage sozusagen eine der Weltfragen ist, eines der wichtigsten Kapitel unter den großen und nächstliegenden Entscheidungen der Menschenschicksale, ja, daß sie die neue Phase derselben bedeutet. Wie man weiß, geht diese Angelegenheit nicht nur Osteuropa an, nicht nur die Slawen, Russen und Türken, oder vor allen anderen irgendwelche Bulgaren, sondern auch den ganzen Westen Europas, und zwar keineswegs nur wegen der Meere und Meerengen, der beherrschenden Ein- und Ausgangspunkte, sondern aus viel tieferen, viel fundamentaleren, elementareren, gegenwärtigeren, wesentlicheren, grundsätzlicheren Gründen ... Darum ist es begreiflich, daß Europa sich aufregt und die Diplomatie so viel zu tun hat. Aber was hat denn die Diplomatie dabei zu tun? Was hat sie denn – besonders jetzt – in der Orientfrage zu tun? Sache der Diplomatie ist doch jetzt (anderenfalls würde sie überhaupt nicht Diplomatie sein), die Orientfrage zu konfiszieren und allen, die es wissen wollen oder nicht wollen, dies bleibt sich gleich, so schnell wie möglich zu versichern, daß es eine „Orientfrage“ überhaupt nicht gibt; daß alles dieses „nur so“ geschehe, nur Manöver sei mit Ausflügen zur Übung, und wenn es nur irgend möglich ist, noch zu versichern, daß die Orientfrage nicht nur jetzt nicht vorhanden, sondern überhaupt nie in der Welt dagewesen sei, daß man vor hundert Jahren „nur so“ Dunst verbreitet habe aus bestimmten, natürlich gleichfalls diplomatischen Gründen. Aufrichtig gestanden, dem könnte man ja beinahe Glauben schenken, wenn sich nicht gerade hier ein Rätsel auftun würde, jedoch schon kein diplomatisches (das ist ja der Jammer!), denn die Diplomaten würden sich niemals dazu herablassen, sich mit solchen Rätseln zu befassen. Oh, verachtend würden sie diesem Rätsel den Rücken kehren, denn sie halten es für eine Illusion, die höherer Gehirne unwürdig ist. Dieses Rätsel ließe sich folgendermaßen formulieren: „Warum geschieht es immer, und besonders in der letzten Zeit, d. h. seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und je weiter, desto anschaulicher und greifbarer, daß sich, kaum daß in der Welt irgend etwas Allgemeines, Universales berührt wird, neben der einen irgendwo erhobenen Weltfrage ihr parallel sofort auch alle anderen Weltfragen erheben?“ So hat zum Beispiel Europa jetzt an der einen, der Orientfrage, noch nicht genug, und es erhebt sich unerwartet-unverhofft plötzlich in Frankreich gleichfalls eine Weltfrage – die katholische. Und diese katholische Frage erhebt sich nicht etwa nur deshalb, weil der Papst bald sterben wird und Frankreich dann als Repräsentant des Katholizismus dafür sorgen muß, daß nicht das Geringste verschwindet oder sich verändert in der durch Jahrhunderte aufgebauten Organisation des Katholizismus, sondern auch noch deswegen, weil der Katholizismus in Frankreich augenscheinlich zur Fahne erwählt worden ist, unter der sich alle alten Einrichtungen der ganzen neunzehn Jahrhunderte versammeln sollen, – zur Verbündung gegen etwas Neues, Kommendes, schon Gegenwärtiges und Verhängnisvolles, gegen die drohende Welterneuerung, gegen den sozialen wie moralischen fundamentalen Umsturz im ganzen westeuropäischen Leben, oder wenigstens, wenn diese Erneuerung auch nicht in Erfüllung geht, so doch gegen die furchtbare Erschütterung und ungeheuere Revolution, die da unheimlich droht, alle Reiche der Bourgeosie in der ganzen Welt, überall, wo sie sich organisiert haben und aufgebläht sind, nach der französischen Schablone von 1789 zu verdrängen und sich auf ihren Platz zu setzen. Übrigens, ich sehe mich gezwungen, hier ein notwendiges Notabene einzufügen: ich fühle schon voraus, daß es vielen Klugen und besonders den Liberalen lächerlich erscheinen wird, daß ich noch im neunzehnten Jahrhundert Frankreich ein „katholisches“ Reich nenne, und gar den Repräsentanten des Katholizismus! Darum sage ich zur Rechtfertigung meiner Meinung, vorläufig ohne sie weiter zu begründen, daß Frankreich gerade solch ein Land ist, welches selbst dann, wenn in ihm kein einziger Mensch übrigbliebe, der nicht nur nicht mehr an den Papst, sondern nicht einmal mehr an Gott glaubte, trotzdem fortfahren würde, ein katholisches Land par excellence zu sein, gewissermaßen der Repräsentant des ganzen katholischen Organismus – und das wird noch sehr lange so bleiben, ja bis in die Unendlichkeit hinein, vielleicht bis zu der Zeit, da Frankreich überhaupt aufhören wird, Frankreich zu sein, und sich in irgend etwas anderes verwandelt. Doch das ist noch nicht alles: sogar der Sozialismus hat in Frankreich nach der katholischen Schablone, mit katholischer Organisation und ganz in seinem Geist eingesetzt: in solchem Maße ist dieses Land katholisch! Den Beweis dafür werde ich vorläufig noch schuldig bleiben. Nur auf eines will ich kurz hinweisen: was veranlaßte den Marschall Mac-Mahon so plötzlich mir nichts, dir nichts gerade die katholische Frage aufzuwerfen? Dieser tapfere General – der, nebenbei bemerkt, fast überall geschlagen worden ist und in der Diplomatie sich ausschließlich durch das kurze Sätzchen: „j’y suis et j’y reste“ ausgezeichnet hat – dieser General scheint nicht gerade solch ein Tatmensch zu sein, daß er fähig gewesen wäre, mit vollem Bewußtsein irgend etwas Derartiges zu vollführen. Aber siehe da, er hat es doch fertiggebracht, die kapitalste der alteuropäischen Fragen zu erheben, und zwar gerade in der Form, in welcher sie sich einmal unbedingt erheben mußte. Doch das Wichtigste: warum überhaupt und warum gerade in dem Augenblick diese Frage erheben, da sich am anderen Ende der Welt eine andere Weltfrage erhoben hat? Warum reiht sich Frage an Frage, warum ruft die eine die andere hervor, während doch, wie man meinen sollte, keinerlei Beziehung zwischen ihnen besteht? Ja, und nicht nur diese beiden Fragen haben sich zu gleicher Zeit erhoben: mit der Orientfrage erhoben sich auch noch andere, und es werden sich noch andere erheben, wenn sich die erstere nur richtig entwickelt. Kurz, in unserem Jahrhundert haben alle wichtigen Fragen Europas und der Menschheit sich immer zu gleicher Zeit erhoben. Diese Gleichzeitigkeit ist es nun, die mich frappiert. In dieser Gesetzmäßigkeit, mit der alle Fragen unbedingt zusammen erscheinen, liegt für mich das Rätsel! Doch weshalb sage ich das alles? – Nun, weil die Diplomatie gerade auf solche Fragen mit Verachtung herabblickt. Sie erkennt solche Zusammentreffen nicht nur nicht an, sie will nicht einmal an sie denken. Hirngespinste nennt sie sie, Unsinn und Dummheiten: „Nein, davon ist nichts passiert; nur der Marschall Mac-Mahon, oder richtiger, seine Frau Gemahlin, hat da irgend etwas einfach gewollt, und infolgedessen ist dann alles so gekommen, wie es gekommen ist.“ Und darum bin ich – ungeachtet dessen, daß ich selbst es ausgesprochen habe, als ich diesen Aufsatz begann: daß unsere Zeit eine diplomatische par excellence und alles übrige nur Phantasterei sei – bin ich selbst als erster gezwungen, daran nicht zu glauben. Nein, hier gibt es ein Rätsel! Nein, hier entscheidet nicht die Diplomatie allein, sondern noch irgend etwas anderes. Und ich muß gestehen, dieses Ereignis verwirrt mich nicht wenig: ich war so gern bereit, an die Diplomatie zu glauben ... aber diese neuen Fragen – die sind ja nur neue Scherereien und sonst nichts ...

Niemals ist Rußland so mächtig gewesen wie jetzt, – eine nicht-diplomatische Auffassung

In der Tat, da habe ich nun eine Frage gestellt und bin ihr vorläufig ohne Begründungen nachgegangen. Doch schon lange vor dieser Frage – ich meine die Erscheinung, daß alle Weltprobleme sich gleichzeitig einstellen, kaum daß sich eines von ihnen erhebt – hat sich mir schon eine andere unvergleichlich einfachere und natürlichere Frage gestellt, der jedoch, eben weil sie so einfach und natürlich ist, die „Klugen des Landes“ noch so gut wie überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken pflegen. Mag auch die Diplomatie zu allen Zeiten und in allen Ländern die Schiedsrichterin aller wichtigen und fundamentalen Fragen der Menschheit gewesen sein und es auch in Zukunft bleiben, – aber hängt denn nun wirklich, frage ich, die endgültige Lösung der Menschheitsfragen nur von ihr ab? Kommt nicht vielmehr in jeder Frage eine Phase, ein Moment, da es mit den bekannten diplomatischen Mittelchen, den Flickchen, nicht mehr geht? Und wenn auch alle Weltfragen vom diplomatischen Standpunkt aus, das heißt soviel wie von dem der gesunden Vernunft, ihre Erklärung einzig darin finden, daß diese oder jene Macht einfach ihre Grenzen erweitern wollte, oder daß irgendein tapferer General persönlich irgend etwas wollte, oder daß einer bestimmten vornehmen Dame etwas nicht gefallen hat usw. (Möge das alles unwiderruflich wahr sein, hier muß ich schon nachgeben, denn gegen Allwissenheit bin ich machtlos) ... Aber trotzdem: kommt nicht doch einmal ein gewisser Augenblick – gerade bei diesen allerrealsten Ursachen und ihren Erklärungen –, ein Punkt im Verlaufe der Sache, eine Phase, da mit einem Male irgendwelche ganz sonderbare, sagen wir, unbegreifliche und rätselhafte Mächte plötzlich alles erobern, die ganze Gesamtheit ergreifen und blind, unaufhaltsam nach sich ziehen, als ob es einen Berg hinabginge, und ... ja und warum dann nicht auch in den Abgrund mit ihnen stürzen? Eigentlich will ich ja nur wissen: verläßt sich nun die Diplomatie immer so auf ihre Mittel, daß sie ähnliche Mächte (oder Momente oder Phasen) überhaupt nicht fürchtet, oder glaubt sie, daß sie einfach nicht vorhanden seien? Leider scheint es, daß sie noch immer letzteres tut, und ebendeshalb frage ich: Wie soll ich ihr da nun Glauben schenken und mich ihr anvertrauen? Und wie kann ich sie dann für die endgültige Schiedsrichterin der Schicksale einer noch so unvernünftigen, kindischen Menschheit ansehen!?

Kaidanoff hat in seiner „Neuen Geschichte“ zu Anfang des Abschnittes, der die Französische Revolution und Napoleon I. behandelt, folgenden Satz geschrieben: „Eine tiefe Stille herrschte in ganz Europa, als Friedrich der Große auf ewig seine Augen schloß; aber noch nie war eine ähnliche Stille einem so großen Sturme vorhergegangen.“ Diese Einleitung habe ich für mein ganzes Leben behalten. In der Tat, wer konnte damals, als Friedrich der Große starb, auch nur entfernt ahnen, was mit den Menschen und mit Europa in den folgendem dreißig Jahren geschehen sollte? Ich rede nicht von irgendwelchen gebildeten Leuten, oder selbst Schriftstellern, Journalisten, Professoren. Alle wurden sie bekanntlich irre: Schiller, zum Beispiel, schrieb damals einen Dithyrambus auf die Eröffnung der Nationalversammlung; der in Europa herumreisende junge Karamsin[31] sah mit bebendem Herzen auf das gleiche Ereignis; in Petersburg aber, bei uns in Rußland, glänzte noch immer die Marmorbüste Voltaires. Nein, ich wende mich mit meiner Frage unmittelbar an die höchste Allwissenheit, unmittelbar an die Entscheider der Menschenschicksale – an die Herren Diplomaten: haben sie damals auch nur etwas von dem vorausgesehen, was dann in den folgenden dreißig Jahren geschehen ist?

Könnte ich nun diese Frage den Diplomaten persönlich stellen und sollten sie geruhen, mich anzuhören, so würden sie mir bestimmt mit hochmütigem Lächeln antworten: „Zufälle lassen sich nicht voraussehen, und unsere ganze Weisheit besteht bloß darin, daß man sich auf alle Zufälle vorbereitet.“

Das ist die typische Antwort ... wenn ich sie mir auch selbst ausgedacht habe, da ich doch keinen Diplomaten mit solchen Fragen belästigen darf, – wie sollte ich denn! Doch mein ganzes Entsetzen liegt in meiner Überzeugung, daß man mir gerade so und nicht anders geantwortet hätte, und darum habe ich auch die Antwort eine „typische“ genannt. Denn was waren diese Ereignisse des letzten Dezenniums des vorigen Jahrhunderts in den Augen der Diplomaten anderes als – „Zufälle“? Waren es und sind es noch heute! Und Napoleon erst gar – ach, der! – der ist schon ein Erz-Zufall! Wäre Napoleon nicht gekommen, wäre er dort unten in Korsika in seinem dritten Lebensjahre an den Masern gestorben, so würde selbstverständlich auch der ganze dritte Stand der Menschheit, die Bourgeosie, nicht heraufgekommen sein, um das ganze Antlitz Europas zu verändern – was sich bis heute noch fortsetzt –, sondern wäre da in Paris ruhig bei sich zu Hause geblieben!

Es scheint mir nämlich, daß auch unser Jahrhundert im alten Europa mit irgend etwas Kolossalem enden wird, das heißt, vielleicht nicht gerade mit etwas, das buchstäblich dem gleicht, womit das achtzehnte Jahrhundert endete, aber immerhin mit etwas ebenso Kolossalem, Elementarem und Furchtbarem und gleichfalls mit einer totalen Veränderung des Antlitzes dieser Welt – wenigstens im Westen des alten Europa. Und nun, wenn unsere Allwissenden versichern werden, daß man Zufälle doch nicht voraussehen könne usw., ja, wenn ihnen in betreff dieses Finales noch überhaupt nichts in den Kopf gekommen ist, so ...

Mit einem Wort: Flickchen, Flickchen, Flickchen drauf!

Nun, seien wir vernünftig, warten wir ab. Flickchen sind doch, je nachdem wie man’s nimmt, auch eine notwendige und nützliche Sache und obendrein noch eine vernünftige und praktische, um so mehr, als man mit Flickchen z. B. den Feind hinter das Licht führen kann. Also: bei uns gibt’s jetzt Krieg, und sollte es geschehen, daß Österreich sich feindlich zu uns stellt, so kann man ihm mit einem „Flickchen“ gerade prachtvoll die Augen verbinden, was es übrigens mit Vergnügen geschehen lassen wird – denn was ist Österreich? Selbst ist es schon dem Tode nahe, will auseinanderfallen, ist genau so ein „kranker Mann“ wie die Türkei, ja, ist vielleicht noch schlimmer krank als diese. Es ist ein Musterbeispiel von innerlich sich feindlichen Vereinigungen, allen möglichen Dualismen, allen möglichen Völkern, Ideen, allen möglichen Uneinigkeiten und entgegengesetzten Bestrebungen; da gibt es Ungarn, Slawen, Deutsche und das Reich der Juden ... Jetzt aber, wo die Diplomatie ihm dermaßen den Hof macht, kann es ja wahrhaftig von sich denken, daß es – eine Macht sei, die tatsächlich viel zu bedeuten habe und bei der Schicksalsentscheidung der Völker noch eine große Rolle spielen könne. Eine solche Selbsttäuschung, die mittels besagter Hofmacherei und Flickchen hervorgerufen wird, ist jedoch für die Entscheidung der Schicksale der slawischen Völker sehr vorteilhaft, denn sie kann den Feind eine Zeitlang einschläfern; im Augenblick der Entscheidung aber, wenn die Binde von seinen Augen fällt und er plötzlich sieht, daß ihn niemand fürchtet, daß er nichts weniger als eine Macht ist, – kann er dann nur noch verwirrt stehen bleiben und zusehen, wie er seinen Mut verliert. Eine andere Sache ist es mit England: das ist etwas Ernsteres, – zumal es augenblicklich um seine fundamentalsten Unternehmungen furchtbar besorgt ist. England kann man mit Flickchen und Hofmacherei nicht einschläfern. Was man ihm da auch erzählen wollte, es würde doch nie und nimmer glauben, daß die riesige, heute die mächtigste Nation der Welt, die ihr Schwert gezogen und die Fahne der großen Idee erhoben und schon die Donau überschritten hat, in der Tat beabsichtige, die Aufgaben, die sie sich gestellt, sich selbst zum Nachteil und nur England zum Vorteil zu lösen; denn jede Verbesserung der Lage der slawischen Völker ist für England in jedem Falle ein offenbarer Nachteil, und mit Flickchen macht man ihm da kein X mehr für ein U vor: England würde einfach keinem einzigen Worte glauben. Ja, und mit welchen Argumenten könnte man es denn überzeugen? Etwa mit: „ich werde nur ein bißchen anfangen, doch nicht beenden“? Aber in der Politik ist ja der Anfang einer Sache so gut wie alles, denn der Anfang führt ganz naturgemäß früher oder später doch zu einem Ende. Was will es besagen, daß der Abschluß sich nicht gerade „heute“ vollzieht, – dann wird er eben „morgen“ stattfinden. Wie gesagt, die Engländer würden uns doch kein Wort glauben, und darum – sollten auch wir England keinen Glauben schenken, oder höchstens so wenig wie irgend möglich ... selbstverständlich brauchen wir ihm das nicht gleich zu sagen. Auch wäre es nicht schlecht für uns, wenn wir unsererseits dahinterkämen, daß England momentan in der kritischsten Lage ist, in der es sich je befunden hat. Diese seine kritische Lage kann man mit dem einzigen Wort „Isolierung“ bezeichnen, denn vielleicht ist England noch niemals so furchtbar vereinsamt gewesen wie jetzt. Oh, wie froh wäre es, könnte es irgendwo in Europa einen Freund finden – wie herzlich gern würde es dann eine entente cordiale schließen! Zu seinem Unglück aber hat es in Europa wohl noch nie eine für neue ententes cordiales ungünstigere Zeit gegeben als die gegenwärtige; denn gerade jetzt hat sich in Europa alles gleichzeitig erhoben, alle Weltfragen zugleich, und mit ihnen auch alle Weltwidersprüche, so daß jedes Volk und jedes Reich furchtbar viel bei sich zu Hause zu tun hat. Und da das englische Interesse nicht universal ist, sondern sich schon längst von allem und von allen isoliert hat und nur noch England allein angeht, so wird dieses Land eben, wenigstens eine Zeitlang, vollkommen vereinsamt bleiben. Versteht sich, es könnte sich ja sogar mit solchen Mächten vereinigen, die bei gleichen Vorteilen andere Ziele verfolgen – „ich verschaffe dir dieses, du mir aber dafür jenes!“ Doch bei dem besonderen Charakter der gegenwärtigen Sorgen Europas ist es für England schwer, einen derartigen Verbündeten zu finden, wenigstens in diesem Augenblick, und es wird lange warten müssen, bis sich in der weiteren Entwicklung ein Moment einstellt, in dem man auch ihm erlauben wird, sich mit seiner Freundschaft wieder irgend jemandem aufzudrängen. Außerdem braucht England vor allen Dingen ein für sich vorteilhaftes Bündnis, d. h. eines, bei welchem es alles nimmt, selber aber nach Möglichkeit nichts wiederzugeben hat. Nun ist aber gerade ein so vorteilhaftes Bündnis jetzt am schwersten zu schließen, und so muß denn England zunächst in seiner Einsamkeit verbleiben. Ach, wenn wir Russen uns doch dieser Vereinsamung geschickt bedienen könnten! Doch da höre ich noch einen anderen Seufzer: „Ach, wenn wir doch weniger skeptisch wären und daran glauben könnten, daß es wirklich Weltfragen gibt und sie nicht nur Hirngespinste sind!“ Das Unglück ist ja, daß bei uns in Rußland ein sehr großer Teil unserer Intelligenz Europa immer irgendwie nicht richtig sieht und einschätzt, nicht so, wie es jetzt ist, sondern stets irgendwie veraltet. Man versteht nicht, in die Zukunft zu sehen, das ist es, und man urteilt nur nach dem Vergangenen, nach längst Vergangenem!

Währenddessen aber existieren die Weltfragen tatsächlich, – und wie soll man denn nicht an sie glauben, und noch dazu wir? Zwei von ihnen haben sich schon erhoben und werden nicht mehr von menschlicher Allwissenheit gelenkt, sondern von ihrer elementaren Macht, ihrer organischen Notwendigkeit, und können nicht ohne Lösung bleiben, trotz aller Berechnungen der Diplomatie. Aber es gibt auch noch eine dritte Frage, gleichfalls eine universale, eine, die sich gerade jetzt zu erheben beginnt. Diese Frage kann man im speziellen „die deutsche“ nennen, aber in Wirklichkeit und im ganzen ist sie mehr als jede andere eine europäische; denn sie ist mit dem Schicksal ganz Europas und dem aller übrigen Weltfragen so eng wie nur möglich verbunden ... Und doch sollte man meinen, so dem Äußeren nach zu urteilen, daß es nichts Ruhigeres und Ungestörteres geben könne, als das gegenwärtige Deutschland: im Bewußtsein seiner Macht blickt es um sich, beobachtet und wartet ab. Alle brauchen es mehr oder weniger, und mehr oder weniger hängen alle von ihm ab. Und doch ... ist das Ganze eine Täuschung! Das ist es ja eben, daß jetzt alle in Europa mit ihrer eigenen Sache beschäftigt sind: bei jedem hat sich jetzt eine eigene allerwichtigste Frage eingestellt, eine Frage von einer Wichtigkeit, wie die Existenz selber, wie Sein oder Nichtsein. Und siehe, genau so eine Frage hat sich nun auch in Deutschland eingefunden, und gerade in dem Augenblick, da sich auch die anderen Weltfragen erhoben haben – und dieser Zustand Europas, füge ich vorausgreifend hinzu, ist für Rußland augenblicklich von unschätzbarem Vorteil! Denn noch niemals ist Rußland für Europa etwas so Unentbehrliches und in seinen Augen so mächtig gewesen und zu gleicher Zeit so entfernt von den wichtigsten und furchtbarsten Fragen, die sich im alten Europa erheben, aber nur das alte Europa und nicht Rußland angehen. Und noch nie wäre ein Bündnis mit Rußland in Europa so hoch eingeschätzt worden wie jetzt, und noch nie hätte Rußland sich mit größerer Freude dazu Glück wünschen können, daß es nicht das alte Europa ist, sondern das neue, daß es selbst, in sich, eine besondere, mächtige Welt darstellt, für die gerade jetzt der Augenblick gekommen ist, in eine neue und höhere Phase der Macht einzutreten und von den verhängnisvollen Fragen, an die das alte, hinfällige Europa gefesselt ist, unabhängiger denn je zu werden.

Die römisch-klerikale Verschwörung in Rußland

Es ist nicht lange her,[32] daß ich in den „Moskauer Nachrichten“ folgende Stelle im Leitartikel fand:

„Vor drei Tagen lenkten wir in einem Leitartikel die Aufmerksamkeit unserer Leser auf eine gewisse Partei, die innerhalb Rußlands im Einverständnis mit unseren Feinden ihre häßliche Tätigkeit betreibt und sogar bereit ist, den Türken zu helfen. Es ist eine Partei russischer Anglo-Magyaren, denen jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution stellt, – eine Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt. Kaum war der Artikel in Druck gegeben worden, als ein Telegramm unseres Petersburger Korrespondenten uns von der im ‚Regierungsanzeiger‘ veröffentlichten Aufdeckung neuer Taten dieser Partei benachrichtigte. Zur selben Zeit, da unsere Armee zwischen Plewna und Orchanie glänzende Siege errang, verbreitete man in Petersburg Gerüchte von Niederlagen, die diesen selben siegreichen Truppen beigebracht sein sollten. Das Ziel dieser Intrige ist natürlich, dem Volk auf diese Weise den Mut zu rauben, und zwar fährt man auch jetzt noch fort, sich so eifrig darum zu bemühen, daß die Regierung für nötig befunden hat, das Publikum vor ähnlichen Gerüchten ein für allemal zu warnen.“

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