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Petersburg

Zweites Kapitel

Nadja Strasser translation

Tagesschau

Es ist — eine Sage aus der Wirklichkeit . . . hier die Zeitungsausschnitte von jener Zeit (der Autor wird schweigen): zugleich mit Mitteilungen über Diebstähle, Vergewaltigungen, über das Verschwinden eines Schriftstellers haben wir eine Reihe interessanter Notizen: eine durchgehende Phantastik oder so was, vor der jeden Leser des Conan Doyle schwindeln müßte: kurz — hier die Zeitungsausschnitte.

»Tagesschau.«

»Erster Oktober. Wir geben einen höchst geheimnisvollen Vorfall wieder, der uns von der Kursistin N. N. mitgeteilt wurde. Am ersten Oktober ging die Kursistin N. N. in der Abendstunde an der Tschernyschow-Brücke vorbei. Dorten beobachtete sie ein sehr sonderbares Schauspiel: am Ufer des Kanals neben dem Brückengeländer tanzte in der nächtlichen Dunkelheit ein roter Atlasdomino, über dem Gesicht trug derselbe eine schwarze Spitzenmaske.«

»Zweiter Oktober. Nach Wiedergabe der Volkslehrerin M. M. teilen wir dem geehrten Publikum einen geheimnisvollen Vorfall mit, der sich neben einer der Vorstadtschulen zutrug. Die Volkslehrerin M. M. war gerade mit dem Vormittagsunterricht in der O.-Volksschule beschäftigt; die Fenster der Schule gehen auf die Straße; plötzlich begann sich auf der Straße vor den Fenstern ein mächtiger Staubwirbel zu drehen; natürlich stürzte die Lehrerin und mit ihr, die lustige Kinderschar zum Fenster; man denke sich aber die Bestürzung der Kinder und ihrer Klassenlehrerin, als der rote Domino, der sich im Zentrum des von ihm aufgewirbelten Staubes befand, sich dem Fenster näherte und seine schwarze Spitzenmaske gegen die Scheibe drückte. Der Unterricht in der O.-Volksschule wurde eingestellt . . .«

»Dritter Oktober. Während der spiritistischen Sitzung im Hause der ehrenwerten Baronin R. R. hatten die Anwesenden gerade eine spiritistische Kette gebildet, als ein roter Domino sich in die Kette mischte und im Tanzen mit der Falte seines Überwurfs die Nasenspitze des Geheimen Rates S. berührte. Der Arzt der G.-Klinik konstatierte eine starke Verbrennung: wie es heißt, wird die Nasenspitze lilafarbene Flecke bekommen. Kurz, überall — der rote Domino.«

Endlich: »Vierter Oktober. Die Bevölkerung des Vorortes I. ergriff einmütig vor dem roten Domino die Flucht; es wurden eine Reihe von Protestkundgebungen veranstaltet: in den Vorort N. ist eine Kosakenabteilung abgegangen.«

Der Domino, der Domino — was hatte es damit für eine Bewandtnis?

Ein würdiger Mitarbeiter einer sicher würdigen Zeitung, der fünf Kopeken für die Zeile bekam, hatte beschlossen, eine Geschichte als Stoff zu benutzen, die er in einem bekannten Hause gehört hatte; die Wirtin dieses Hauses aber war eine Dame. Es handelt sich also um einen würdigen Zeitungsreporter, der per Zeile honoriert war; und es handelte sich um eine Dame.

Von ihr wollen wir nun beginnen.

Eine Dame: hm! und eine hübsche . . . Was ist eine Dame?

Die Eigenschaften einer Dame hat noch nicht einmal der Chiromant zu entdecken vermocht; wie soll sich nun ein Psychologe — pfui! — ein Schriftsteller an dieses Geheimnis wagen? Das Geheimnis wird tiefer, wenn die Dame jung ist und wenn man von ihr sagt, sie sei hübsch.

Also: es war eine Dame; sie besuchte aus Langerweile Kurse; und wieder aus Langerweile vertrat sie zuweilen die Lehrerin der O.-Volksschule, wenn sie nicht am Abend vorher im Spiritistenzirkel gewesen war. Im Hause dieser Dame verbrachte der Zeitungsreporter seine Abende.

Diese Dame erzählte ihm lachend, sie habe soeben im dunklen Stiegenhaus einen roten Domino gesehen. Dieses harmlose Geständnis einer hübschen Dame, in die Rubrik »Tagesschau« gekommen, wuchs zu einer Serie ruhebedrohender, nie gewesener Vorfälle heran.

Sofja Petrowna Lichutina

Jene Dame . . . Aber jene Dame war Sofja Petrowna; ihr müssen wir sogleich viele Worte widmen.

Sofja Petrowna zeichnete sich durch einen mehr als üppigen Haarwuchs aus, und sie war außerordentlich schlank; würde sie ihre schwarzen Haare auflösen — diese schwarzen Haare würden ihre ganze Gestalt einhüllen, bis über die Knie; und sie waren so schwarz, daß es keinen schwärzeren Gegenstand gab. Sei’s die Fülle ihrer Haare oder deren Schwärze, aber Sofja Petrownas Oberlippe zeigte einen Flaum, der ihr für später mit einem regelrechten Schnurrbärtchen drohte. Sofja Petrowna besaß einen ungewöhnlichen Teint, ihre Gesichtsfarbe war einfach die Farbe der Perle, vom Weiß der Apfelblüten, doch mit zartem Rosa dazu.

Die Äuglein Sofja Petrownas waren keine Äuglein, sondern — wenn ich nicht fürchtete, prosaisch zu werden, ich sagte: — Riesenaugen, von dunkler, blauer — von dunkelblauer Farbe. Diese Augen waren bald funkelnd, bald matt, bald schienen sie stupid, wie abgefärbt — und sie schielten. Ihre hellroten Lippen waren groß, viel zu groß, aber . . . die Zähnchen (ach, die Zähnchen!): wie Perlen waren die Zähnchen! Und dazu — ein kindliches Lachen . . . Dieses Lachen gab den vorstehenden Lippen einen besonderen Reiz; und ein besonderer Reiz lag in der schlanken, wieder allzu schlanken Gestalt: ihre Bewegungen, auch die ihres nervösen Rückens, waren bald rasch, bald träge — bis zur Häßlichkeit plump.

Sofja Petrowna trug ein schwarzes Wollkleid, das im Rücken geknöpft war.

Ach, Sofja Petrowna.

Sofja Petrowna Lichutina bewohnte eine kleine Wohnung in der Moikastraße; grelle, lärmende Farben fielen dort wie Kaskaden von den Wänden nieder: feuerrote, himmelblaue; japanische Fächer, Spitzen, Anhängsel, Schleifen; an den Lampen Atlasschirme und Atlasflügel, die tropischen Schmetterlingen glichen; es war, als schwebte ein Schwarm dieser Schmetterlinge, die Wände verlassend, um Sofja Petrowna Lichutina.

Sofja Petrowna behängte die Wände mit japanischen Landschaften; was diesen Landschaften gänzlich fehlte, war die Perspektive. Aber auch in den Zimmern, vollgestopft mit Sofas, Puffs, Fächern und lebenden japanischen Chrysanthemen — fehlte die Perspektive; die Perspektive ergab nur der Atlasalkoven, aus dem Sofja Petrowna hervorschwebte, das flüsternde Schilf über der Tür, durch die sie gleitend hereinschritt; der Berg Fusi-Jama — der farbige Hintergrund für ihre prächtigen Haare; es muß gesagt sein: wenn Sofja Petrowna Lichutina in ihrem rosa Kimono des Morgens von der Tür zum Alkoven schwebte, war sie eine echte kleine Japanerin. Perspektive aber gab es hier keine.

Es waren winzige Zimmerchen; und jedes füllte ein riesengroßer Gegenstand aus. Das Bett war dieser riesige Gegenstand im winzig kleinen Schlafzimmer; die Wanne war es im winzigen Badezimmer; im Salon war es — der hellblaue Alkoven; Tisch und Kredenz waren es im Speiseraum; dieser Gegenstand im Dienstbotenraum war das Dienstmädchen; dieser Gegenstand im Herrenzimmer war selbstredend der Gatte.

Woher also sollte hier Perspektive kommen?

Alle sechs Zimmerchen wurden durch Dampfheizung erwärmt, und in der Wohnung erstickte man deshalb fast vor feuchter Treibhauswärme; die Fensterscheiben schwitzten; und die Besucher Sofja Petrownas schwitzten; ewig schwitzten die Dienstboten und der Gatte; Sofja Petrowna selbst war mit leichter Dunstwolke bedeckt, wie die japanischen Chrysanthemen mit Tau.

Wie konnte nun in diesem Treibhaus eine Perspektive entstehen?

Und es gab auch keine.

Die Besucher Sofja Petrownas

Sofja Petrowna unterhielt nicht ihre Besucher: war dieser ein junger Mann aus der Gesellschaft, der das Vergnügen liebte, dann hielt sie es für nötig, zu all seinen witzigen, nicht ganz witzigen sowie ganz ernsten Worten zu lachen; sie wurde purpurn vor Lachen, und ihre kleine Nase bedeckte sich mit Schweißperlchen; der mondäne junge Mann wurde, weiß Gott weshalb, auch purpurn, und seine Nase bedeckte sich mit Schweißperlchen; der mondäne junge Mann wunderte sich über das junge, aber doch unmondäne Lachen und räumte Sofja Petrowna innerlich einen Platz unter den Demimondänen ein. Inzwischen erschien auf dem Tisch eine Sammelbüchse mit der Inschrift »Für wohltätige Zwecke«, und Sofja Petrowna Lichutina rief lachend: »Sie haben wieder eine ‚Fifka‘ gesagt — Sie haben zu zahlen.« Sofja Petrowna hatte seit kurzem eine Sammlung zugunsten der Arbeitslosen angelegt, und jeder, der eine gesellschaftliche ‚Fifka‘, d. h. eine gewollte Dummheit, sagte, mußte — zahlen; das Wort Fifka leitete sie von »fi . . .«4) ab. Und Baron Ommau-Ommergau, der gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Graf Awen, der blaue Kürassier, der Leibhusare Sporyschew und Werhefden, Sekretär im Amte Ableuchows, lauter mondäne junge Leute, sprachen eine »Fifka« nach der anderen und warfen eine Silbermünze nach der anderen in die Büchse.

Warum kamen nur zu ihr so viele Offiziere? Mein Gott, sie tanzte ja auf Bällen; war hübsch, ohne Demimondäne zu sein; und schließlich war sie selbst Offiziersgattin.

War ihr Besucher Musiker oder Musikliebhaber, erklärte ihm Sofja Petrowna, daß ihre Götter — die Duncan und der Nikisch seien (sie sagte aber Dunkàn und Nikìsch), daß sie selbst Meloplastik zu erlernen gedenke, um den Walkürenflug in — ja, man denke nur! — in Bayreuth zu tanzen. Doch erschüttert durch die falsche Aussprache der Namen kam der Besucher bald zu dem Schlusse, Sofja Petrowna Lichutina sei nichts weiter als einfach ein Gänschen; und sein Verhalten wurde ein wenig »ungezwungen«; inzwischen aber brachte das sehr hübsche Stubenmädchen das Grammophon ins Zimmer: und aus der Kehle des roten Blechrohres ergoß sich über den Gast der Flug der Walküre.

Sofja Petrownas Besucher zerfielen in zwei selbständige Gruppen: die zur Gesellschaft Gehörenden und die sozusagen Besucher, die keine waren, denn sie waren — gern Gesehene — etwas für die Seele; diese sozusagen Besucher gaben sich keine Mühe — nicht die geringste! —, in das Treibhäuschen zu gelangen. Mit Gewalt fast lockte sie Engel Peri — wie die Offiziere sie nannten — zu sich; und war das geschehen, dann erwiderte sie sofort den Besuch; in ihrer Gesellschaft saß Engel Peri mit geschlossenem Mündchen: sie lachte nicht, kokettierte nicht im geringsten, war äußerst schüchtern und, während die sozusagen Besucher stürmisch miteinander debattierten, war sie stumm. Man hörte »Revolution — Evolution«. Und wieder »Revolution — Evolution«. Immer über dasselbe debattierten die sozusagen Besucher; es war nicht die Jeunesse doré, es war die einfache, arme Jugend, Studierende, die mit den Fremdwörtern: soziale Revolution und soziale Evolution stolzierten. Engel Peri verwechselte konsequent diese beiden Worte.

Der Offizier Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin

Unter den Studierenden befand sich eine häufige Besucherin des Hauses Lichutin, eine in diesem Kreise geschätzte Persönlichkeit: die Studentin Warwara Ewgrafowna.

Unter dem Einfluß der Studentin gab sich Engel Peri dazu her, einen — denken Sie! — Meeting zu besuchen. Unter dem Einfluß der Studentin stellte auch Engel Peri die Sammelbüchse mit der verschleierten Inschrift »Für Wohltätigkeit« auf den Tisch. Die Büchse war natürlich nur für die Besucher bestimmt; die zu den sozusagen Besuchern Gehörenden waren vom Zahlen befreit; die Zahlenden waren Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Sporyschew und Werhefden. Unter dem Einfluß der Studentin begann Engel Peri die O.-Schule zu besuchen und ochste verständnislos das »Manifest« von Karl Marx. Zu dieser Zeit nämlich besuchte sie täglich der Student Nikolenka Ableuchow, den sie ohne Risiko sowohl mit Warwara Ewgrafowna (die in Nikolenka verliebt war) als auch mit Ihrer Majestät gelbem Kürassier bekannt machen konnte: der Sohn Ableuchows war natürlich überall willkommen.

Übrigens huschte Engel Peri seit einiger Zeit heimlich zu den Spiritisten hinüber, im Hause der Baronin . . . (na, wie heißt sie nur?), die ins Kloster gehen wollte.

Seit dieser Zeit auch lag auf Sofja Petrownas Tischchen ein prachtvoll gebundenes Büchlein »Der Mensch und sein Körper« von einer gewissen Henri Besançon (Sofja Petrowna hatte wieder die Namen verwechselt: es war nicht Henri Besançon, sondern Anni Besant).

Ihre neue Passion verheimlichte Sofja Petrowna sorgfältig sowohl vor dem Baron Ommau-Ommergau wie auch vor Warwara Ewgrafowna; und aufs Verheimlichen verstand sich Engel Peri in bewunderungswürdiger Weise: so ist Warwara Ewgrafowna bei ihr nie auf Graf Awen und Baron Ommau-Ommergau gestoßen. Was dahinter gesteckt haben mochte — weiß der Himmel!

Es gab noch einen unter den Besuchern Sofja Petrownas; einen Offizier, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; eigentlich war er ihr Gatte; er war irgendwo in der Proviantverwaltung tätig; frühmorgens verließ er das Haus; vor Mitternacht erschien er nie wieder; gleich sanft begrüßte er die Besucher und die sozusagen Besucher; mit derselben Sanftheit sprach er aus Höflichkeit eine »Fifka« und zahlte eine Münze; oder er nickte bescheiden bei den Worten Revolution — Evolution, trank eine Tasse Tee und ging in sein Zimmer. Im Grunde genommen wäre Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den Besuchern wie den sozusagen Besuchern gern ferngeblieben. Im Grunde genommen hätte er gern die Spiritistensitzungen bei der Baronin besucht; doch lag es ihm fern, seinen bescheidenen Wunsch als Gatte geltend zu machen; denn er war kein Despot: Sofja Petrowna liebte er mit der ganzen Kraft seiner Seele; ja, noch mehr: er hatte vor zweieinhalb Jahren gegen den Willen seiner Eltern, steinreicher sibirischer Gutsbesitzer, geheiratet; sein Vater verfluchte ihn deswegen und entzog ihm das Geld; da trat er, unerwartet für alle, bescheiden in das Gregorische Regiment ein.

Und noch ein Besucher war da: der schlaue Kleinrusse Lipantschenko; er war ein sinnlicher Mensch und nannte Sofja Petrowna nicht Engel, sondern Herzchen; doch hielt er sich in den Grenzen der Höflichkeit und durfte ins Haus kommen.

Der gutmütige Gatte Sofja Petrownas verhielt sich mild gegen die revolutionären Freunde seiner teuren Hälfte; gegen ihren mondänen Bekanntenkreis verhielt er sich mit unterstrichenem Wohlwollen; den Kleinrussen Lipantschenko aber duldete er bloß.

Der schlanke hübsche Trauzeuge

Schon am ersten Tage ihres sozusagen »Damendaseins«, während des Mysteriums der Trauung, als Nikolai Apollonowitsch über dem Haupt ihres Gatten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den hochfeierlichen Kranz hielt, wurde sie in quälender Weise von dem hübschen schlanken Trauzeugen überrascht, von der Farbe seiner unirdischen dunkelblauen Augen, von dem Weiß seines marmornen Gesichts, von der Göttlichkeit seiner flachsweißen Haare. Nun und . . . Nikolai Apollonowitsch kam ins Haus der Lichutins: erst einmal in vierzehn Tagen, dann jede Woche ein-, zwei-, drei-, viermal, dann erschien er täglich. Bald merkte aber Sofja Petrowna, daß das Gesicht, das gottähnliche, strenge, nur eine Maske war; Grimassen, zielloses Reiben der Hände, schließlich ein unangenehmer Froschausdruck beim Lächeln, herrührend vom ununterbrochenen Spiel der Gesichtszüge — hinter all dem verbarg jenes Gesicht sich für immer. Zu ihrem Schrecken begriff dann Sofja Petrowna, daß sie verliebt war in jenes Gesicht; nicht in dieses, wohl aber in jenes. Engel Peri hatte sich vorgenommen, eine tadellose Gattin zu sein; und der Gedanke, daß sie, ihrem Gatten treu, von jemand anderem gefesselt wurde, bedrückte sie gänzlich. Aber weiter nur, weiter: über die Maske, den Froschmund, über die Grimassen hinweg, suchte sie, unbewußt, ihre verlorene Verliebtheit zu retten: sie quälte Ableuchow, überhäufte ihn mit Beleidigungen; doch heimlich vor sich selbst verfolgte sie seine Spuren, suchte seine Wünsche und seinen Geschmack zu erraten, richtete sich unbewußt nach ihnen, in der ewigen Hoffnung, wieder einmal jenes eigentliche, göttliche Antlitz zu erblicken.

Seit dieser Zeit war ihr eigener Gatte nur Besucher in der kleinen Wohnung an der Moika.

Dies konnte Sofja Petrowna nicht ertragen, denn sie hatte ja ein so winzig, winzig kleines Stirnchen; und neben dem kleinen Stirnchen lebten in ihr Vulkane tiefster Gefühle: denn sie war eine Dame; und man soll in einer Dame das Chaos nicht wecken.

Der rote Narr

Eigentlich benahm sich Sofja Petrowna ihrem Gegenstand gegenüber in den letzten Monaten höchst provozierend: vor dem Grammophon, aus dem »Siegfrieds Tod« tönte, übte sie Körperplastik und hob dabei ihren rauschenden Seidenrock fast bis zum Knie; ferner: ihr Füßchen berührte unter dem Tische mehr als einmal Ableuchow. Nicht zu verwundern, daß dieser manchmal den Engel zu umarmen versuchte; dann entwand sich ihm der Engel und übergoß ihn mit Kälte. Bald darauf aber begann das Spiel von neuem. Einmal klatschte eine Ohrfeige durchs japanische Zimmer: —, Uu — Scheusal, Frosch . . . Uuu — roter Narr.

Ruhig und kühl erwiderte Nikolai Apollonowitsch:

»Bin ich ein roter Narr, so sind Sie — eine japanische Puppe . . .«

Vor der Tür richtete er sich voll Würde empor, in diesem Augenblick bekam sein Gesicht den einmal gesehenen Ausdruck, und an diesen erinnert, erwachte ihre Liebe jäh wieder; als Nikolai Apollonowitsch verschwunden war, warf sie sich auf den Boden, biß und kratzte im Weinkrampf den Teppich; sprang dann plötzlich auf und streckte die Arme gegen die Tür:

»Komm, kehre zurück — Gott!«

Ihr zur Antwort schlug unten die Tür zu. Nikolai Apollonowitsch lief zu der großen Petersburger Brücke. Wir werden weiter sehen, daß er an dieser Brücke den wichtigen Beschluß gefaßt hatte, durch eine Tat sein eigenes Leben von sich zu werfen. Zu tief hatte ihn das Wort »roter Narr« getroffen.

Nie wieder hat ihn Sofja Petrowna gesehen . . .

Dafür kamen um so öfter Graf Awen, Baron Ommau-Ommergau, Werhefden und selbst Lipantschenko; sie lachte mit ihnen ohne Unterlaß; dann hielt sie im Lachen inne und fragte neckisch:

»Nicht wahr, ich bin eine Puppe?«

Sie antworteten mit einer »Fifka« nach der anderen und warfen Silbermünzen in die Sammelbüchse. Lipantschenko aber machte ihr zum Geschenk eine Puppe mit gelbem Gesicht.

Als sie das vor ihrem Gatten Ssergeij Ssergeijewitsch aussprach, sagte er nichts und tat, als ginge er schlafen; in seinem Zimmer aber setzte er sich hin und schrieb an Nikolai Apollonowitsch einen kurzen Brief; in seinem Briefchen schrieb er Ableuchow, daß er, Ssergeij Ssergeijewitsch, sich erlaube, ihn um folgendes zu bitten: Er wolle sich aus prinzipiellen Gründen nicht in die Beziehungen Ableuchows zu seiner unendlich geliebten Gattin mischen, doch bitte er dringend (dringend war dreimal unterstrichen), ihrem Hause für immer fernzubleiben, da die Nerven seiner geliebten Gattin angegriffen seien. Sein Benehmen veränderte Ssergeij Ssergeijewitsch nicht im geringsten: er verwaltete — irgendwo — das Proviantamt.

Ssergeij Ssergeijewitsch war groß von Gestalt, trug einen hellblonden Bart, besaß Nase, Mund, Ohren, Haare und wundervoll glänzende Augen: leider trug er eine dunkelblaue Brille, und niemand kannte die Farbe dieser Augen und auch nicht ihren herrlichen Ausdruck.

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit

In diesen frostreichen Oktobertagen befand sich Sofja Petrowna in ungewöhnlicher Aufregung; blieb sie allein in ihrem Treibhäuschen, dann runzelte sich ihr Stirnchen, und ihr Gesicht wurde purpurn; sie trat ans Fenster und wischte mit ihrem Taschentüchlein aus zartem Batist die schweißbedeckten Scheiben, das Glas begann zu quieken, und öffnete einen Augenblick auf den Kanal und auf einen vorübergehenden Herrn mit Zylinder — nichts weiter; als wäre sie in ihren Ahnungen getäuscht, begann Engel Peri ihr angefeuchtetes Taschentuch mit den Zähnchen zu beißen und zu zerren, dann lief sie hinaus, zog ihren schwarzen Plüschmantel an, setzte die Mütze aus ebensolchem Plüsch auf (Sofja Petrowna kleidete sich sehr bescheiden) und ging fort, um, die Nase in den Pelzmuff vergraben, zwischen der Moikastraße und dem Kai zu schlendern.

Und einmal, während Lipantschenko da war, ergriff sie ihre Hutnadel und stach sich ins kleine Fingerchen.

»Sehen Sie, es schmerzt nicht, und es kommt kein Blut: ich bin aus Wachs . . . eine Puppe.«

Lipantschenko lachte und sagte:

»Sie sind keine Puppe, Herzchen.«

Erbost jagte ihn Engel Peri von sich. Er ergriff seine Ohrenklappenmütze und ging.

Sie aber fuhr fort, ruhelos durchs Treibhäuschen zu wandern, runzelte das Stirnchen, errötete, wischte die Scheiben; es eröffnete sich der Ausblick auf den Kanal und auf eine vorüberfahrende Droschke — nichts weiter.

Was aber weiter?

Die Sache war so: vor einigen Tagen kehrte Sofja Petrowna von der Baronin R. R. nach Hause zurück. Bei der Baronin R. R. hatte es an diesem Abend »geklopft«; weißliche Funken waren über die Wand gelaufen, und einmal hatte der Tisch einen Sprung getan: sonst nichts; aber Sofja Petrownas Nerven waren äußerst gespannt, und die Treppe zu ihrer Wohnung war nicht beleuchtet (in Häusern mit billigen Wohnungen werden die Treppen bekanntlich nicht beleuchtet): und im Dunkel der Stiege sah Sofja Petrowna ganz deutlich einen noch schwärzeren Fleck, der sie wie eine schwarze Maske anstarrte. Sofja Petrowna zog mit aller Kraft an der Glocke. Als sich die Tür geöffnet und ein Lichtstrahl die Treppe beleuchtete, schrie das Dienstmädchen Mawruscha auf und schlug die Hände zusammen: Sofja Petrowna sah nichts, denn sie rannte in die Wohnung hinein: Mawruscha aber hatte gesehen: hinter dem Rücken der gnädigen Frau stand ein roter Atlasdomino mit schwarzer Maske, die von einem Fächer aus ebenso schwarzen Spitzen umrahmt war; der rote Domino streckte Mawruscha seinen blutigen Ärmel entgegen, aus dem eine Visitenkarte hervorlugte; und als die Tür vor dem ausgestreckten Arm zugeschlagen ward, erblickte auch Sofja Petrowna die Karte, die wahrscheinlich durch die Spalte hereinflog; was war aber auf der Karte? An Stelle eines Wappens — ein Schädel mit Knochen und darunter in modernem Schriftsatz die Worte: »Ich erwarte Sie auf dem Maskenball« — Ort, Datum und weiter die Unterschrift »Der rote Narr«.

Den ganzen Abend war Sofja Petrowna in größter Erregung. Wer mochte sich als roter Domino verkleidet haben? Er natürlich, Nikolai Apollonowitsch: so hatte sie ihn ja einmal genannt . . . Der rote Narr war also gekommen. Wie war aber eine solche Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenüber zu nennen? War das nicht eine Gemeinheit?

Gemeinheit, Gemeinheit, Gemeinheit.

Wäre doch nur schon der Gatte gekommen, der Offizier. Er würde es dem Unverschämten gezeigt haben. Sofja Petrowna errötete, biß und zerrte ihr Taschentüchlein und begann zu schwitzen. Wär’ doch nur jemand gekommen.

Es kam jedoch niemand.

Aber vielleicht war er es nicht? Sofja Petrowna fühlte sich merklich beunruhigt: es tat ihr leid, den Gedanken fallen lassen zu müssen: der Narr sei — er; in diesen Gedanken flocht sich zugleich mit dem Zorn das süße, bekannte bange Empfinden; sie schien zu wünschen, er hätte sich als vollendeter Schuft entpuppt.

Nein — nicht er; er ist doch kein Schuft, kein dummer Knabe! — Und ihr Herz stand still: nicht er.

Unter ihren sozusagen Besuchern, die von Revolution — Evolution sprachen, befand sich einer, der Zeitungsreporter war und Neintelpfein hieß. Sofja Petrowna schätzte ihn hoch, und ihm eröffnete sie sich: er begleitete sie darauf zum Maskenball; dort gab es Harlekine, Italienerinnen, Spanierinnen und orientalische Frauen, die einander durch die schwarzen Masken in böser Weise zublinzelten. Gestützt auf Neintelpfeins Arm schritt Sofja Petrowna bescheiden in ihrem schwarzen Domino mit schwarzer Maske, jemand suchend, unstet durch die Säle.

Da eben war es, wo Sofja Petrowna mit der nötigen Vorsicht, Neintelpfein von dem geheimnisvollen Vorfall erzählte. Der kleine Neintelpfein war Zeitungsreporter und bekam fünf Kopeken für die Zeile: von diesem Abend ging es an. Jeden Tag eine Notiz in der »Tagesschau«, »der rote Domino« und wieder »der rote Domino«!

Man sprach über den Domino, debattierte und ereiferte sich unglaublich; die einen erblickten darin einen revolutionären Terror; die anderen schwiegen und zuckten die Achseln.

Ein ganz verräuchertes Gesicht

Nikolai Apollonowitsch lehnte über die Treppenbalustrade und warf auf alle Seiten irisierenden Glanz, der ganz im Gegensatz zu der Säule stand und zum Alabaster, von dem aus die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel hob.

Über das Geländer gebeugt, rief Nikolai Apollonowitsch etwas hinunter, doch auf seinen Ruf erwiderte erst nur die Stille; dann aber antwortete mit übertriebener Deutlichkeit eine Fistelstimme:

»Sie hatten mich sicher für jemand anders gehalten . . . Ich bin es — ich . . .«

Unten stand der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen, im Mantel mit aufgeschlagenem Kragen.

Nikolai Apollonowitsch verzog darauf das Gesicht in ein unangenehmes Lächeln:

»Sie sind es, Alexander Iwanowitsch? . . . Höchst angenehm!«

Dann fügte er heuchlerisch hinzu:

»Ich erkannte Sie ohne Brille nicht . . .«

Das unangenehme Empfinden überwindend, das in ihm die Anwesenheit des Unbekannten im lackierten Haus hervorrief, fuhr Nikolai Apollonowitsch fort, mit dem Kopfe nach unten zu winken:

»Ich bin eigentlich gerade aus dem Bette gekommen, deshalb auch noch im Schlafrock.« (Dies wie nebenbei erwähnend, wollte Nikolai Apollonowitsch dem Besucher zu verstehen geben, daß er zur ungeeigneten Zeit gekommen sei; wir fügen von uns hinzu: Nikolai Apollonowitsch hatte all die letzten Nächte außer dem Hause verbracht.)

Auf dem reichen Fond des Ornaments aus altertümlichen Waffen machte der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen eine recht klägliche Figur, doch nahm er sich zusammen und begann eifrig Nikolai Apollonowitsch zu beruhigen:

»Das macht gar nichts, Nikolai Apollonowitsch, daß Sie gerade aus dem Bette sind . . . Ich versichere Sie, es hat gar nichts zu bedeuten. Sie sind ja keine Dame, und auch ich bin’s nicht . . . Ich selbst bin nämlich auch erst jetzt aufgestanden . . .«

Vor der Eichentür zum Arbeitszimmer drehte sich Nikolai Apollonowitsch plötzlich zu dem Unbekannten; über beide Gesichter flog ein Lächeln: beide sahen einander erwartungsvoll an.

»Also bitte, . . . Alexander Iwanowitsch!«

»Nur ja keine Umstände . . .«

Der Salon Nikolai Apollonowitschs war der vollständige Gegensatz zu der Strenge seines Arbeitszimmers: er war bunt. Wie . . . der bucharische Schlafrock. Der Schlafrock Nikolai Apollonowitschs setzte sich gewissermaßen in allen Gegenständen des Zimmers fort; so im niederen Sofa, das einem orientalischen Ruhebett aus bunten Geweben glich; der bucharische Schlafrock setzte sich weiter fort im Taburett von verschiedenen Tönen; das Dunkelbraun inkrustiert mit Streifchen aus Elfenbein und Perlmutter; der Schlafrock fand seine Fortsetzung auch in einem Negerschild aus der dicken Haut eines einst erlegten Nashorns, dann im sudanischen, verrosteten Pfeil mit massivem Griff, der — weiß Gott warum — hierher gehängt wurde; endlich setzte sich der Schlafrock in dem gestreiften Pelz eines Leoparden fort, der mit aufgesperrtem Rachen auf den Boden geworfen ward; eine dunkelblaue, türkische Wasserpfeife stand auf dem Taburett und dabei ein dreibeiniges, goldenes Rauchzeug, gebildet aus einer durchlöcherten Kugel, über der ein Halbmond schwebte; das Wunderlichste aber war ein bunter Käfig, in dem von Zeit zu Zeit kleine, grüne Papageien mit den Flügeln zu schlagen begannen.

Nikolai Apollonowitsch reichte dem Besucher das bunte Taburett: der Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen setzte sich auf den Rand und zog ein billiges Zigarettenetui aus der Tasche.

»Sie gestatten?«

»Bitte.«

»Sie rauchen nicht?«

»Nein, ich habe diese Gewohnheit nicht.« Und verlegen setzte er sofort hinzu:

»Übrigens, wenn andere rauchen . . .«

»Machen Sie das Fenster auf?«

Verteidigen Sie den Tabak nicht, Nikolai Apollonowitsch. Ich sage es Ihnen aus eigener Erfahrung . . . Der Rauch durchsetzt den grauen Hirnstoff. Die Hemisphären des Hirns werden verstopft: eine allgemeine Mattigkeit ergießt sich in den Organismus . . .

Der Unbekannte zwinkerte Nikolai Apollonowitsch familiär zu.

»Sehen Sie mein Gesicht?«

Ohne die Brille gefunden zu haben, näherte Nikolai Apollonowitsch seine Augen dem Gesicht des Unbekannten.

»Sehen Sie das Gesicht?«

»Ja, das Gesicht . . .«

»Das Gesicht ist blaß . . .«

»Ja, es ist etwas blaß —« Ableuchows Wangen wurden von Höflichkeitswellen in verschiedenen Nuancen überströmt.

»Ein ganz grünes, verändertes Gesicht«, unterbrach ihn der Unbekannte, »Das Gesicht eines Rauchers.«

Nikolai Apollonowitsch spürte schon längst eine beunruhigende Schwere, als füllte das Zimmer sich nicht mit Rauch, sondern eher mit Blei; Nikolai Apollonowitsch fühlte, wie sich die Hemisphären seines Hirns verstopften und eine allgemeine Mattigkeit seinen Körper durchzog; er dachte aber nicht an die Wirkungen des Tabakrauches — er dachte vielmehr daran, wie er sich mit Würde aus der peinlichen Lage zurückziehen könnte; er dachte, was er wohl im bedenklichen Fall tun sollte, wenn der Unbekannte . . . wenn . . .

Diese bleierne Schwere kam nicht von der billigen Zigarette; sie kam vielmehr von der gedrückten Stimmung des Wirtes. Er erwartete von Sekunde zu Sekunde, daß sein unruhiger Besucher nun das Geschwätz abbräche, dessen eigenster Zweck zu sein schien — ihn durch Erwartung zu quälen; ja: daß er es abbrechen würde, um ihn daran zu erinnern, daß er, Nikolai Apollonowitsch, seinerzeit durch ihn, den sonderbaren Unbekannten — wie es nur deutlicher aussprechen? . . .

Kurz, daß er seinerzeit die für ihn furchtbare Verpflichtung übernommen hatte, der gerecht zu werden, ihm nicht bloß die Ehre gebot; dieses furchtbare Versprechen aber hatte Nikolai Apollonowitsch damals nur aus Verzweiflung gegeben; ein Mißerfolg hatte ihn dazu bewogen; die Spuren dieses Mißerfolges verwischten sich nun allmählich. Das furchtbare Versprechen müßte, schien es ihm, von selbst weggefallen sein; doch es blieb bestehen; es blieb schon deswegen bestehen, weil es nicht zurückgenommen ward; aufrichtig gestanden hatte es Nikolai Apollonowitsch einfach gründlich vergessen; und so blieb dieses Versprechen bestehen und lebte im Kollektivbewußtsein einer gewissen Partei fort, während in ihm selbst die Empfindung von der Bitternis des Seins entschwunden war; und er sein Versprechen gern als ein scherzhaftes betrachtet hätte.

Das Erscheinen des Individuums mit dem Schnurrbärtchen erfüllte Nikolai Apollonowitsch mit Angst.

Warum denn aber — warum hatte er sein Versprechen gegeben? — Und das wäre nicht das Wichtigste: warum hatte er aber sein furchtbares Versprechen einer leichtfertigen Partei gegeben?

Die Antwort wäre einfach: Nikolai Apollonowitsch, beschäftigt mit der Methodik der sozialen Erscheinungen, hatte die Welt dem Feuer und Schwert preisgegeben.

»Wissen Sie, Nikolai Apollonowitsch,« (Nikolai Apollonowitsch fuhr erschreckt auf) »ich kam eigentlich nicht zu Ihnen wegen des Tabaks . . . das heißt das mit dem Tabak war ganz zufällig . . .«

»Ich verstehe schon.«

»Der Tabak ist eine Sache für sich; ich kam aber nicht wegen des Tabaks, sondern einer Sache wegen . . .«

»Sehr angenehm . . .«

»Eigentlich ist es auch gar keine Sache; es handelt sich nur um eine Gefälligkeit — und diese Gefälligkeit werden Sie mir sicher erweisen . . .«

»Gewiß doch, sehr angenehm . . .«

Nikolai Apollonowitsch wurde blau; er saß und bemühte sich, einen Knopf vom Sofa zu lösen.

»Mir ist es höchst peinlich, aber eingedenk . . .«

Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: die scharfe, hohe Fistelstimme des Unbekannten fuhr wie ein Messer durch die Luft; eine Sekunde des Schweigens war dieser Fistelstimme vorangegangen; diese Sekunde aber glich einer Stunde — einer unendlichen Stunde.

Doch nahm er sich sofort zusammen; er meinte nur:

»So, ich stehe zu Ihren Diensten —« Und dabei dachte er: die Höflichkeit habe ihn vernichtet . . .

»Eingedenk Ihres Mitfühlens mit uns, kam ich . . .«

»Alles, was ich nur kann« — schrie Nikolai Apollonowitsch heraus und dachte: er sei doch ein vollendeter Esel . . .

»Eine kleine, o, eine ganz kleine Gefälligkeit . . .« (Nikolai Apollonowitsch horchte gespannt):

»Pardon . . . darf ich um die Aschenschale bitten?«

Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit: mit frostigem Schritt zog durch Rußlands Norden der giftige Oktober; im Süden aber hingen bereits seine Fäulnisnebel in der Luft. Er jagte das goldene Waldflüstern aus den Bäumen, und das goldene Waldflüstern legte sich ergeben auf den Boden — ergeben fiel das Espenlaub zu Boden, wirbelte und klebte an den Füßen der Passanten, wisperte und flocht gelbrote Worte aus Blättern. Das süße, in der septemberlichen Laubwelle badende Piepsen der Meisen, es badete längst nicht mehr in den Laubwellen; und die Meise selbst hüpfte jetzt verwaist im Netzwerk der nackten Zweige umher.

Es war eine nebelreiche, sonderbare Zeit; die Froststürme nahten schon in den bauschigen Wolken, die bleiern waren und blau, aber alle glaubten an den Frühling: vom Frühling berichteten die Zeitungen, vom Frühling unterhielten sich die Staatsbeamten der allerletzten Klasse; an den Frühling mahnte ein damals populär gewesener Minister; und direkt nach Maiveilchen dufteten die Seelenergüsse in den Briefen einer Petersburger Studentin.

Die Bauern hatten längst aufgehört, den rauhen Boden zu pflügen; ihre Pflüge warfen sie fort, die Bauern, ebenso ihre Eggen; sie sammelten sich in Häuflein vor ihren Hütten und erörterten die Nachrichten der Zeitungen; sie sprachen und debattierten und bereiteten sich vor, in einer vereinten Schar gegen das Gutsherrenhaus zu ziehen, gegen das Haus mit den Säulen, das sich in den Wolga-, Kama- und selbst in den Dnjeprwellen spiegelte; der Feuerschein der brennenden Güter leuchtete in den langen Nächten über Rußland; der Tag aber verwandelte das Leuchten in das Schwarz der Rauchsäulen. Da aber konnte man in den entlaubten Büschen Haufen zerzauster Kosaken erblicken, die die Läufe ihrer Flinten gegen den Alarmturm richteten; auf ihren zerzausten Pferden sprengten dann ihre Abteilungen hervor, blaue bärtige Menschen rasten, die Nagaiken schwangen durch die herbstlichen Fluren dahin.

So war es auf dem Lande.

Aber so war es auch in den Städten. In den Werkstätten, Friseurläden, Milchgeschäften, Wirtshäusern, überall trieb sich ein redseliges Subjekt umher; die aus den blutgetränkten Feldern der Mandschurei mitgebrachte, buschige Pelzmütze in die Stirn gedrückt, in der Seitentasche ein — weiß Gott woher herbeigeschaffter — Browning, steckte das redselige Subjekt zum soundsovielten Male dem Vorübergehenden ein schlecht gedrucktes Blättchen in die Hand.

Alles wartete, hoffte und fürchtete sich; man lief beim leisesten Geräusch auf die Straße, versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander; so lebten in Archangelsk die Loparen, Korelen und Finnen; in Nischne-Kolymsk die Tangusen; am Dnjepr — die Juden und die Kleinrussen. In Petersburg und Moskau lebten so alle: man wartete, fürchtete sich, hoffte; beim leisesten Geräusch rannte man auf die Straße; man versammelte sich in Haufen und ging wieder auseinander.

Die Zusammenstöße in den Straßen häuften sich: die Zusammenstöße mit den Hausportiers, den Wächtern, den Revieraufsehern; die Hausportiers, die Polizisten und besonders die Revieraufseher wurden von jedem belästigt: vom Arbeiter, vom Abcschützen, vom Kleinbürger Iwan Iwanowitsch Iwanow und seiner Gattin, selbst vom Ladeninhaber Pusanow, der in den vergangenen besseren Tagen den Revieraufseher bald mit Lachs, bald mit kernigem Kaviar beschenkt hatte. Jetzt wandte sich der wohlgeborene Kaufmann Pusanow gegen den Revieraufseher und das andere »Gesindel«: so etwas schüchterte den Polizeibeamten ein: grau, in grauem Mantel, wanderte er unbemerkt wie ein Schatten daher und zog in Ehrfurcht beflissen seinen Säbel ein, mit zum Boden gesenkten Augen.

So fristete zu jener Zeit seine Tage der Polizeibeamte in irgendeinem Kem; so fristete er die Tage in Petersburg, Moskau, Orenburg, Taschkent, kurz, in all den Städten, die zum Russischen Reiche gehörten.

Petersburg ist von einem Ring vielschlotiger Fabriken umgeben; die Vorstadt ist wie ein Ameisenhaufen belebt. Zu jener Zeit waren alle in den Fabriken höchst aufgeregt; und die Anführer der Haufen wurden alle zu redseligen Subjekten; es zirkulierte unter ihnen der Browning; und noch etwas. Die üblichen Schwärme wuchsen in jenen Tagen unmäßig an und verdichteten sich zu vielköpfiger, vielstimmiger, riesenhafter Schwärze; und griff ein Fabrikinspektor nach dem Telephonrohr, so wußte man schon: gleich wird ein Steinhagel aus der Menge zu den Fenstern fliegen.

Petersburg selbst blieb unverändert; nur ein einziges Mal zogen Scharen von Menschen, von Geistlichen gefolgt, über den Newskij-Prospekt: man trug den Sarg eines Professors; voran wälzte sich ein Meer von Grün; blutrote Atlasbänder wehten in der Luft.

Es war eine neblige, sonderbare Zeit; mit frostigen Fersen schritt der Oktober durchs Land; frostiger Staub flog in braunen Stürmen durch die Stadt; und ergeben legte sich das goldene Blättergeflüster auf die Wege des Sommergartens, ergeben legte sich das raschelnde Laub zu den Füßen der Passanten, um, vor ihnen herjagend, an ihren Füßen hängenzubleiben; raunend flocht es gelbrote Worte aus Blätterbüscheln; das Meisengepiepse, das den ganzen August in den Laubwellen gebadet hatte, badete längst nicht mehr in den Wellen des Laubes; und die Meise im Sommergarten hüpfte verwaist im Netz der trockenen Zweige umher, hüpfte auf dem bronzenen Gitter und flog auf das Dach über dem Häuschen Peters des Großen.

So waren die Tage. Die Nächte aber — — Bist du schon nachts einmal gewandert, befandest du dich da in einem entlegenen Vorstadtgehölz, und hast du da die aufdringlichen, schreckenden U-Laute vernommen? »Uuuu — uuuu — uuuu«: so tönte es in der Ferne; war es überhaupt ein Laut? Wenn’s aber ein Laut war, so kam er sicher aus einer anderen Welt; von seltener Stärke und Klarheit: »Uuuu — uuuu — uuuu«, tönte es in den Vorstädten von Moskau, Petersburg, Saratow; doch die Fabrikpfeife hatte geschwiegen, der Sturm hatte nicht gepfiffen, und stumm war der Haushund geblieben.

Hörtest auch du einmal das Oktoberlied von neunzehnhundertundfünf? Ein solches Lied hatte es vorher nicht gegeben; ein solches Lied wird es nicht mehr geben: nie mehr.

Es ruft mich mein geliebter Delwig

Über die Stufen des Amtsgebäudes schreitend, sich mit der Hand an des Geländers kalten Marmor stützend, blieb Apollon Apollonowitsch mit der Fußspitze an dem Plüschläufer hängen und — stolperte; unwillkürlich verlangsamte sich sein Schritt; da geschah es, daß seine Augen eine Zeitlang an dem Riesenporträt des Ministers hafteten, der mit traurigem und mitleidigem Blick vor sich hin sah.

Das Rückgrat Apollon Apollonowitschs durchzog eine Frostwelle: das Gebäude war wenig geheizt. Wie eine Ebene schien Apollon Apollonowitsch der weiße, ausgedehnte Raum.

Er hatte Angst vor dieser Weite. Der Raum ängstigte ihn noch mehr als der Zickzack oder die gebrochene Linie; eine Dorflandschaft war ihm ein Schrecken: dort hinter Schnee und Eis, hinter der gewundenen Linie des Waldsaums, in der sich kreuzende Luftströme im Schneesturm rasen, dort wäre er einst einmal, einem Zufall zufolge, beinahe erfroren.

Es geschah vor fast fünfzig Jahren.

In jener damaligen Stunde des einsamen Erfrierens hatte er gefühlt, wie kalte Finger seine Brust durchbohrten und grausam streichelnd sein Herz berührten; jene frostige Hand geleitete ihn dann weiter; jener frostigen Hand folgte er in seiner Karriere, vor Augen immer die unheilvolle, unmögliche Ausdehnung; dort, von dort winkte immer die frostige Hand; von dort gähnte ihm entgegen — die Un—Unermeßlichkeit: Russisches Reich.

Ja: nun zum Porträt des Ministers . . . Öfters hatte er diesem gesagt:

»Rußland ist eine eisige Ebene, in welcher sich seit Hunderten von Jahren Wölfe umhertreiben . . .«

Der Minister hatte ihn mit samtweichem, liebkosendem Blick angesehen; mit der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart streichelnd, schwieg er und seufzte. Der Minister hatte seine Ämter als ein qualvolles, opferheischend drückendes Kreuz getragen; er trug sich mit dem Gedanken, nach Beendigung des Dienstes . . .

Aber er starb.

Jetzt ruhte er im Grabe, und Apollon Apollonowitsch Ableuchow war nun ganz allein; hinter ihm verloren sich die Jahrhunderte, in der Un—ermeßlichkeit; vor ihm zeigte eine frostige Hand in die Un—ermeßlichkeit.

Un—ermeßlichkeiten flogen ihm entgegen.

Rußland, Rußland, dich sah er, dich!

Du bist es, das durch Wind, Sturm, Schnee und Regen heulte; heulte durch Millionen lebendiger, beschwörender Stimmen! Es schien in diesem Augenblick dem Senator, als riefe eine Stimme aus einem einsamen Grab, in unbestimmter Weite nach ihm; es wiegte sich dorten kein einsames Kreuz; es winkte von dort kein Lichtchen in das eisige Schneetreiben hinein; und hungrige Wölfe heulten in Rudeln dort als Echo der heulenden Winde.

Unstreitig: im Senator entwickelte sich mit den Jahren Raumangst.

Die Krankheit wurde akut — seit jenem tragischen Tod; vielleicht beobachtete ihn nächtlich die Gestalt des toten Freundes und blickte ihn in den langen Nächten an mit seinem samtweichen Blick und streichelte mit der weißen Hand den gepflegten, grauen Schnurrbart.

Inzwischen setzte sich die Unterhaltung fort

Inzwischen setzten Nikolai Apollonowitsch und der Unbekannte die Unterhaltung fort.

»Ich habe den Auftrag,« sagte der Unbekannte, die Aschenschale von Nikolai Apollonowitsch nehmend, —»ja: ich habe den Auftrag, Ihnen dieses Paketchen zur Aufbewahrung zu übergeben.«

»Nur das?« rief Apollonowitsch Nikolai. Er wagte noch kaum zu glauben, daß das beängstigende Erscheinen des Unbekannten nicht jenes schreckliche Versprechen betraf, daß es sich nur um ein harmloses Paketchen handelte; rasch erhob er sich und näherte sich dem Paket; doch seltsamerweise erhob sich auch der Unbekannte und trat zwischen Nikolai Apollonowitsch und das Paket; und als die Hand des Senatorsohnes nach diesem griff, erfaßte der Unbekannte derb seine Finger:

»Vorsichtig, um Gottes willen . . .«

Da ertönte plötzlich ein metallischer Laut, ein Knall; man hörte das Quieken einer gefangenen Maus; im Nu flog das Taburett zu Boden, und mit eiligen Schritten lief der Unbekannte in die Ecke:

»Nikolai Apollonowitsch! Nikolai Apollonowitsch,« rief seine ängstliche Stimme, »eine Maus, eine Maus . . . Sagen Sie geschwind Ihrem Diener . . . daß, das . . . das kann ich nicht ertragen . . .«

Nikolai Apollonowitsch wunderte sich.

»Sie fürchten sich vor Mäusen? . . .«

»Rasch, rasch . . . schaffen Sie sie fort . . .«

Nikolai Apollonowitsch beeilte sich, den Knopf der elektrischen Klingel zu drücken und sah ordentlich komisch aus, in der Hand die gefangene Maus haltend, die allerdings in der Falle saß, und Nikolai Apollonowitsch neigte sein Gesicht fast bis an den Draht, um das Tierchen genauer zu betrachten.

»Ein Mäuschen«, sprach er, die Augen zum hereintretenden Diener gewandt; höflich wiederholte seinerseits dieser:

»Ein Mäuschen.«

Nikolai Apollonowitsch trug endlich das Paket in sein Arbeitszimmer; es fiel ihm flüchtig nur auf, daß das Paketchen so schwer war; doch dachte er darüber nicht weiter nach; nur als er auf dem weichen Teppich leicht stolperte, ertönte aus dem Paket ein metallischer Klang; der Unbekannte fuhr bei diesem Laut leicht in die Höhe, und dabei beschrieben seine Arme jene Zickzacklinie in der Luft, die den Senator vor kurzem so erschreckt hatte.

Doch es geschah nichts: der Unbekannte erblickte nur zu seiner nicht geringen Verwunderung auf dem Lehnstuhl im Nebenzimmer einen faltenreichen roten Domino und eine schwarze Maske; während Nikolai Apollonowitsch einen Platz in seiner Schreibtischlade freimachte und, vorsichtig, das Paketchen hineintat, betrachtete der Unbekannte den Domino; zugleich sprach er lebhaft Gedanken aus, die in ihm gründlich gereift zu sein schienen:

»Wissen Sie . . . Die Einsamkeit richtet mich zugrunde. Ich habe in diesen Monaten verlernt zu reden. Merken Sie nicht, daß meine Worte verworren sind?«

Nikolai Apollonowitsch, den bucharischen Rücken dem Gaste zugewandt, sagte hierauf durch die Zähne:

»Na, das geschieht zuweilen mit jedem.«

Der Unbekannte sprach hinter seinem Rücken weiter:

»Ich finde mich nicht mehr in den Sätzen zurecht. Ich will irgendein Wort sagen, sage aber etwas ganz anderes: drehe mich immer im Kreis um die Sache herum . . . Ich vergesse zuweilen die Namen der gewöhnlichsten Gegenstände, und wenn ich auf sie komme, dann zweifle ich, ob sie richtig sind. Ich wiederhole mir: Lampe, Lampe, Lampe; plötzlich aber scheint es mir, daß ein solches Wort gar nicht existiere. Ich habe meist niemand, den ich fragen könnte; und den ersten besten zu fragen, davon hält mich Scham zurück; man würde mich am Ende für einen Wahnsinnigen halten.«

»Aber was fällt Ihnen ein . . .«

Übrigens, was das Paket betrifft: hätte Nikolai Apollonowitsch aufmerksam auf die Mahnungen zur Vorsicht seitens seines Gastes geachtet, er würde begriffen haben, daß das vermeintlich harmlose Paketchen keinesfalls so harmlos war; aber er beachtete es nicht und verstand auch kaum die jetzt aufgefangenen Worte. Indessen fuhr die prasselnde Fistelstimme fort, ihn auf den Rücken zu trommeln:

»Das Leben ist schwer für einen, der, wie ich, in der Torricelli-Luftleere . . .«

»Torricelli?« fragte verwundert Nikolai Apollonowitsch, ohne auf die Rede zu achten.

»Ja, eben — Torricelli-Luftleere, und das alles im Namen der Allgemeinheit, der Sache für die Allgemeinheit; diese Sache für die Allgemeinheit hat aber mich aus der Liste der Lebenden gestrichen. Meine Gesellschaft sind Wanzen und Mauerkäfer. Ich bin nur — ich. Hören Sie mir zu?«

»Gewiß doch.«

Nikolai Apollonowitsch hörte jetzt tatsächlich zu.

Hier aber schwieg plötzlich der Unbekannte. Denn Nikolai Apollonowitsch hatte den Schreibtisch abgesperrt und wandte sich um.

»Wissen Sie: ich wollte Sie schon längst einmal sehen, um mich einmal vor Ihnen auszusprechen: ich sehe so wenige. Ich wollte Ihnen von mir erzählen.«

»Von wem? . . . Aber warten Sie, warten Sie: ich habe einen Kognak im Schränkchen — mögen Sie . . .«

»Nicht abgeneigt . . .«

Bald erschien vor dem Gast eine kleine Karaffe und zwei geschliffene Weingläschen.

Während er dem Gast das Glas füllte, dachte Nikolai Apollonowitsch daran, daß jetzt die beste Gelegenheit sei, sich von dem damaligen Versprechen loszusagen; als er aber diesen Gedanken in Worte einkleiden wollte — wurde er verlegen; aus Feigheit vermochte er es nicht, sich vor einem Fremden feige zu zeigen.

»Ich lese jetzt Conan Doyle zur Erholung,« fuhr der Unbekannte zu prasseln fort, »Meine Lektüre würde Ihnen überhaupt sehr verrückt erscheinen: ich lese die Geschichte des Gnostizismus, Gr. Nissk., den Syrianer, den Apokalypsis. Das ist, wissen Sie, mein Privileg. Die Originalität meiner geistigen Nahrung kommt von denselben Sonderstellungen. Ich bin ein revolutionärer Snob, wie es militärische Snobs gibt, die sich den Georgsorden verdient haben: einem alten Kriegsmann mit Verdiensten verzeiht man manches.«

Der Unbekannte wurde nachdenklich, dann füllte er sein Gläschen, trank es aus, um es von neuem zu füllen.

»Und warum sollte ich auch nicht nach meinem Eigenen, Persönlichen suchen: Ich privatisiere auch so zwischen vier gelben Wänden.«

»Sie waren ja deportiert gewesen?«

»Ja, nach Jakutsk.«

Hier entstand ein verlegenes Schweigen. Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen sah aus dem Fenster auf die Fläche der Newa. Schwänze von Rauch hingen über dem dunkelfarbigen Gewässer. Der Unbekannte nippte aus dem Gläschen, dann sah er die gelbe Flüssigkeit an: seine Hände zitterten.

Nikolai Apollonowitsch sagte beinahe mit . . . Haß:

»Den Massen aber sagen Sie wohl nichts davon?«

»Natürlich schweig’ ich noch so lange.«

»Nun, und nach der Rückkehr aus Jakutsk?«

»Die Flucht aus Jakutsk war mir gut gelungen; ich wurde in einem Sauerkrautfaß herübertransportiert, und jetzt bin ich das, was ich bin: ein Arbeiter im Dunkeln. Glauben Sie ja nicht, ich arbeite im Namen sozialer Utopien oder im Namen eurer Eisenbahn — Gedankengänge. Eure Kategorien erscheinen mir wie Schienen und euer Leben wie ein rollender Eisenbahnwagen; ich war früher auch ein vollendeter Nietzscheaner. Wir alle sind ja Nietzscheaner: auch Sie, Herr Ingenieur Ihrer Eisenbahnlinie, sind es, nur werden Sie es nie zugeben. Nun also: für uns, Nietzscheaner, ist die agitatorisch und revolutionär gestimmte Masse die Klaviatur, über die die Finger des Pianisten frei laufen, eine Schwierigkeit nach der anderen überwindend; und während irgendein Gaffer im Parkett sich an den göttlichen Beethoventönen labt, liegt für den Spieler und für Beethoven die Sache nicht in den Tönen, sondern im Septakkord. Sie wissen ja, was Septakkord ist? So sind wir alle!«

»Also Sportsmänner der Revolution!«

»Was ist dabei? Ist denn der Sportsmann nicht Artist? Ich bin Sportsmann aus reiner Liebe zur Sache, und deshalb bin ich Artist.«

Wieder entstand verlegenes Schweigen. Nikolai Apollonowitsch zupfte geärgert am Knopf seines Ruhebetts.

»Alles ist aufgebaut auf Kontrasten! Und meine Tätigkeit für die Gesellschaft brachte mich in die traurigen Regionen des Eises. Hier gedachte man wohl meiner, man vergaß aber, daß ich dort allein war, in einer Leere; und während ich in dieser Leere versank, verlor ich alle Parteivorurteile, alle Kategorien, wie Sie sagen würden: seit Jakutsk habe ich nur eine einzige Kategorie. Und wissen Sie, welche?«

»Welche denn?«

»Die Kategorie des Eises . . .«

»Wie meinen Sie dies?«

Wohl vom Nachdenken oder vom Alkohol nahm hierbei das Gesicht Alexander Iwanowitschs einen seltsamen Ausdruck an. Seine Farbe, ja selbst sein Umfang veränderte sich kraß (es gibt Gesichter, die sich jäh verändern): er schien jetzt ganz berauscht.

»Die Kategorie des Eises — das Eis der jakutischen Gegend; ich trage es immer im Herzen; das ist es, was mich von den anderen scheidet; ja, ja, ja; das Eis scheidet mich: erstens als Menschen, der unter fremdem Namen lebt, und dann hat mir dieses Eis jene besondere Eigenschaft verliehen, durch die ich mich, auch wenn ich unter Menschen bin, in die Un—ermeßlichkeiten versetzt fühle . . .«

Nikolai Apollonowitsch empfand eine seltsame Kälte: sein an die Partei gegebenes Versprechen war ja noch nicht zurückgenommen; von den Worten des Unbekannten wehten so durchdringlich eisige Ebenen; wie sein Vater liebte Nikolai Apollonowitsch nicht die Weite.

Inzwischen stand Alexander Iwanowitsch beim Fenster und lächelte:

»Ein Programm für die Revolution hat unsereiner nicht nötig: das ist etwas für Theoretiker, Publizisten, Philosophen . . .«

Plötzlich brach er ab und schwieg: aus dem schlackigen Nebel rollte ein Wagen heran, die Wagentür flog auf, und Apollon Apollonowitsch sprang rasch hervor und warf einen flüchtigen, ängstlichen Blick auf die Spiegelscheiben der Fenster. Auch Alexander Iwanowitsch empfand eine jähe Angst und führte die Hand vor die Augen.

»Er . . .«

»Was ist los?«

»Nichts Besonderes: Ihr Vater ist mit dem Wagen gekommen.«

Wände — Schnee und nicht Wände

Apollon Apollonowitsch liebte seine geräumige Wohnung nicht; ihre Möbel glänzten zu aufdringlich, so in alle Ewigkeit . . .

Lauttönend, grell hallten die Schritte des Senators durch den Saal. Von der mit weißen Girlandenmustern verzierten Decke, aus dem Kreis der Stuckfrüchte, hing ein Lüster aus Bergkristall. Er wiegte sich, durchschimmernd, behangen von durchsichtigen Mullgeweben, und bebte in kristallenen Tränen.

Die Quadrate des Parketts glänzten wie ein Spiegel. Die Wände: Schnee — und nicht Wände. Hochbeinige Stühle standen dort und goldene Rinnen liefen die weißen Beine entlang; zwischen den Stühlen mit cremefarbenen Plüschsitzen glänzte das Weiß der hohen Alabastertischchen, auf deren jedem sich ein Archimedes aus demselben Material erhob. Aber es war nicht nur Archimedes, es waren auch andere Griechen. Kalt blinkte von den Wänden das eingelegte ernst-eisige Spiegelglas; doch eine sorgliche Hand hängte auch dahin rundrahmige Bilder von blaßblauen Tönen, die an die Fresken von Pompeji erinnerten.

Apollon Apollonowitsch warf im Vorübergehen einen flüchtigen Blick auf die Fresken und gedachte derjenigen Hand, die sie dahin gehängt; diese sorgliche Hand war die der Anna Petrowna: Apollon Apollonowitsch verzog verächtlich den Mund und schritt in der Richtung seines Arbeitszimmers weiter. Zwei Jahre waren es her, seit Anna Petrowna ihn, eines italienischen Sängers wegen, verlassen hatte. —

Eine Persönlichkeit

Mit dem Erscheinen des Senators im Hause wurde der Unbekannte von Nervosität ergriffen; seine bis dahin glatt fließende Sprache wurde holprig: wahrscheinlich die Wirkung des Alkohols; überhaupt schien sein Gesundheitszustand bedenklich; die Gespräche, die er mit sich selbst und mit anderen führte, lösten in ihm ein sündhaftes Gefühl aus und wirkten quälend auf sein Rückenmark; er empfand einen sonderbaren, düsteren Ekel vor seinen interessierenden Gesprächen; dieser Ekel übertrug sich dann auf ihn selbst; diese äußerlich harmlosen Unterhaltungen schwächten ihn sehr; doch am unangenehmsten war der Umstand, daß, je mehr er sprach, um so unwiderstehlicher sich in ihm das Bedürfnis regte, noch weiterzusprechen; er konnte nicht mehr Einhalt tun und erschöpfte sich mehr und immer mehr; manchmal ging dies so weit, daß er dann vom Verfolgungswahn befallen ward; in Träumen setzten sich diese Anfälle fort: er hatte furchtbare Träume; der Albdruck kehrte oft dreimal in einer Nacht wieder.

All das fiel Alexander Iwanowitsch ein, und er schüttelte die Achseln: als hätte die Rückkehr des Senators seine Seele wieder in Aufruhr gebracht; ein fremder Gedanke beunruhigte ihn. Zuweilen näherte er sich der Tür und horchte auf kaum vernehmbare, ferne Schritte: die Schritte des Senators, der sich in seinem Zimmer bewegte.

»Nun hören Sie meinem Geschwätz weiter zu, Nikolai Apollonowitsch: in all den Worten über die Selbstbehauptung meiner Persönlichkeit liegt ja wiederum Krankhaftigkeit. Ich spreche mit Ihnen, debattiere — aber nicht mit Ihnen debattiere ich, sondern mit mir, nur mit mir selbst. Der Partner bedeutet für mich gar nichts: ich spreche ebenso mit Wänden, mit Laternenpfahlen, mit vollendeten Idioten. Ich höre nicht auf fremde Gedanken, das heißt ich höre nur davon das, was mich selbst, was das meine betrifft. Ich kämpfe, Nikolai Apollonowitsch: die Einsamkeit ist der Angreifer; ich sitze stunden-, tage-, wochenlang in meiner Mansarde und rauche. Dann beginnt es mir zu scheinen, als wäre alles nicht das Eigentliche. — Kennen Sie das?«

»Ich kann es mir nicht deutlich vorstellen. Ich hörte, so was kommt bei Herzschwäche vor. Beim Anblick von leeren Flächen, in deren Nähe sich nichts befindet . . . Das versteh’ ich eher.«

»Ich aber nicht; doch wenn ich so allein sitze . . . da sag’ ich mir: warum bin ich — ich? Und da scheint es mir: ich bin es eben gar nicht. Oder: da steht vor dir ein Tischchen. Weiß der Teufel: ist das ein Tischchen, oder ist es keines? Und ich sage mir: was hat doch das Leben aus dir gemacht? Aber glauben Sie: ich bin nur allein krank? Oho: auch Sie, Nikolai Apollonowitsch, sind es. Fast alle sind — krank. Lassen Sie, ich weiß alles, was Sie sagen wollen, und doch: ha—ha—ha! — Fast alle Ideenarbeiter in der Partei sind in derselben Weise krank; nur bei mir tritt es deutlicher hervor. Ich hab’ auch in früherer Zeit, wissen Sie, die Parteiarbeiter gern beobachtet: eine gefüllte Versammlung; Geschäfte, Rauch, Gespräche — über lauter Erhabenes, Edles; mein Genosse ist voll Aufregung; dann aber lädt er mich ein, mit ihm ins Restaurant zu gehen.«

»Nun, und was dann?«

»Nun, da erscheint natürlich Wodka und dergleichen; ein Glas hübsch nach dem anderen; ich beobachte nun: zeigte sich nach dem Wodka um den Mund meines Partners so ein Schmunzeln (welches es ist, kann ich Ihnen nicht sagen), dann wußte ich: auf diesen Ideenarbeiter ist kein Verlaß; seinen Worten und seinem Tun ist kein Glauben zu schenken; dein Partner ist krank — an Willensschwäche, an Neurasthenie; und nichts, glauben Sie mir, nichts in der Welt schützt ihn vor Gehirnerweichung: dieser Partner ist nicht nur fähig, in schwieriger Situation sein Wort zu brechen (Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen): er ist auch fähig zum ganz einfachen Diebstahl und Verrat. Und sein Verbleiben in der Partei ist Provokation, Provokation. Seither lernte ich die Bedeutung solcher, wissen Sie, Fältchen um den Mund, kleiner Schwächen, eines Auflachens, einer Grimasse verstehen; und wohin ich meine Augen wende, überall, überall stoße ich auf Zerrüttung des Gehirns — eine allgemeine, schleichende, nicht zu fassende Provokation — versteckt hinter einem solchen, wissen Sie, kurzen Auflachen; welcher Art — könnte ich Ihnen nicht sagen, aber ich erkenne es mit unfehlbarer Sicherheit — ich habe es auch bei Ihnen erkannt.«

»Dann sind aber auch Sie ein Provokateur. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich meine es in idealem Sinne.«

»Ich — ja, ja, ja. Ich bin ein Provokateur. Aber meine ganze Provokation betätigt sich im Namen einer großen, heimlich aus Fernen rufenden Idee; eigentlich nicht einer Idee, sondern einer Strömung.«

Die Erregung des Unbekannten übertrug sich auf Ableuchow; die bläulichen Tabakwellen und die zwölf zerknüllten Zigarettenstummel machten ihn durchaus nervös. Als wäre ein unsichtbarer Dritter zwischen sie getreten.

»Warten Sie, ich geh’ mit Ihnen; mir brummt der Schädel. Wir können draußen ungestört weiterreden.«

»Ein vorzüglicher Gedanke.«

Ein scharfes Pochen an die Tür unterbrach ihn, und ehe Nikolai Apollonowitsch fragen konnte, wer da sei, öffnete der halbberauschte Alexander Iwanowitsch die Tür. Hart vor ihm, fast an seine Stirn stoßend, befand sich ein nackter Schädel mit großen, allzu großen Ohren. Der Unbekannte sprang zurück und sah zu Nikolai Apollonowitsch hinüber; doch was er erblickte, war nur . . . eine Friseurladenpuppe: ein blasses, schönes Wachsgesicht mit unangenehmem Lächeln auf dem bis zu den Ohren gehenden Munde.

In der offenen Tür stand Apollon Apollonowitsch, eine riesige Melone unterm Arm . . .

»So—o—o, so—o—o. Ich habe, scheint es, gestört . . . Ich brachte dir dieses Melonchen da, Kolenka . . .«

Es war Tradition des Hauses, daß Apollon Apollonowitsch, wenn er in der Herbstzeit vom Dienst nach Hause fuhr, eine Astrachaner Melone mitbrachte, für die beide, sowohl er wie sein Sohn, eine Passion hatten.

Alle drei bewahrten einen Augenblick Schweigen; während dieses Augenblicks empfand jeder von ihnen ganz offen eine tierische Angst.

»Mein Universitätskollege, Vater . . . Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«

»So—o—o . . . Sehr angenehm.«

Apollon Apollonowitsch reichte zwei Finger: jene Augen — ohne den schrecklichen Blick; war es in Wahrheit jenes Gesicht, das ihn auf der Straße anblickte? Apollon Apollonowitsch sah vor sich einen schüchternen, offensichtlich von Not bedrückten Menschen.

Doch drei Herzen pochten laut; drei Augenpaare vermieden es, einander zu begegnen. Nikolai Apollonowitsch rannte hinaus, um sich umzuziehen.

Inzwischen knüpfte Apollon Apollonowitsch mit dem Unbekannten ein Gespräch an. Die Unordnung im Zimmer des Sohnes, der Kognak, die Zigarettenstummel machten einen peinlichen Eindruck auf den Senator; aber die Antworten des Unbekannten beruhigten ihn: diese waren völlig zusammenhanglos. Alexander Iwanowitsch errötete immer wieder und gab zufällige Antworten. Er sah vor sich nur gutmütige Fältchen, und aus diesen gutmütigen Fältchen blickten gutmütige Augen: die Augen eines Gehetzten; und die knisternde Stimme formte sich zu Worten, die Alexander Iwanowitsch kaum hörte; nur die Endworte der Sätze fing sein Ohr auf:

»Wissen Sie . . . schon als Gymnasiast liebte Kolenka alle Vögel . . . Er war wißbegierig . . . Jetzt ist er ganz anders: hat alles verworfen . . . Und geht nicht zu den Kollegs . . .«

So redete im Schreiton Apollon Apollonowitsch, der achtundsechzigjährige Greis; etwas wie Mitgefühl regte sich im Herzen des Unbekannten . . .

Nikolai Apollonowitsch trat wieder ein.

»Wo gehst du hin?«

»Ich muß geschäftlich wohin, Vater . . .«

»Zusammen mit . . . Alexander . . . mit Alexander . . .«

»Mit Alexander Iwanowitsch . . .«

»So—so . . . Also mit Alexander Iwanowitsch.« Bei sich dachte Apollon Apollonowitsch: »Am Ende ist es vielleicht am besten: vielleicht waren die Augen nur Einbildung . . .« Weiter dachte Apollon Apollonowitsch, daß — Not keine Schande sei . . . Warum nur der Kognak? (Apollon Apollonowitsch haßte Alkohol.)

»Ja, wir gehen geschäftlich . . .«

Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort:

»Vielleicht essen wir erst zu Mittag? Alexander Iwanowitsch könnte mit uns speisen . . .«

Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr:

»Übrigens ich will nicht stören.«

»Auf Wiedersehen, Vater . . . .«

»Adieu . . .«

Während sie über den helltönenden Korridor schritten, stand der kleine Apollon Apollonowitsch hinten in der Korridorhalbdämmerung und blickte neugierig den beiden nach.

Und doch, und doch . . . Gestern erblickten ihn diese Augen: Haß und Angst waren in ihnen; und diese Augen: — sie gehörten ihm. — Und eine Zickzackbewegung mit der Hand . . . eine höchst unangenehme — oder war alles gar nicht — war es überhaupt nicht?

»Alexander Iwanowitsch Dudkin, Student . . .«

Apollon Apollonowitsch schritt hinter ihnen weiter.

Im prunkvollen Vorraum blieb Nikolai Apollonowitsch vor dem alten Diener stehen und suchte nach dem Wort, das er sagen wollte.

»Ja—aa . . . aa . . .«

»Zu dienen!«

»Aha . . . das Mäuschen!«

»Jawohl! . . .«

»Bitte, was haben Sie damit gemacht?«

»Mit dem Mäuschen? Auf dem Kai in Freiheit gesetzt . . .«

»Ist es auch richtig?«

»Gewiß doch, gnädiger Herr: wie immer.«

Nikolai Apollonowitsch empfand besondere Zärtlichkeit gegen diese kleinen Bestien.

Beruhigt über das Schicksal der Maus schritt er neben Alexander Iwanowitsch weiter.

Beiden schien es, als blicke ihnen von der Balustrade jemand mit traurigem, prüfendem Blick nach.

Die Flucht

Alexander Iwanowitsch kehrte in seine traurige Behausung zurück, um einsam zwischen den vier kahlen, braungelben Wänden zu sitzen und das Leben der Mauerkäfer in den feuchten Wandfalten zu studieren. Sein morgendlicher Ausgang war eine Flucht vor den Mauerkäfern; er merkte schon längst, daß die Ruhe seiner Nächte in direktester Weise von der Ruhe des vorhergegangenen Tages abhänge: was er auf der Straße, im Wirtshaus, im Café erlebte, das brachte er mit nach Hause.

Und was war nun heute?

Alexander Iwanowitsch dachte: wenn er nach Hause zurückgekehrt sein wird, werden die Geschehnisse des Tages seine Tür zu sprengen beginnen.

Hinter sich ließ Alexander Iwanowitsch die diamantenschimmernde Brücke zurück.

Weiter, hinter der Brücke, auf dem Fond des nächtlichen Issakijdoms, reckte sich — aus der grünen Wirrnis — immer derselbe Granitblock, immer derselbe geheimnisvolle Reiter hielt dort in der schweren, grünenden Hand seinen kupfernen Lorbeerkranz hoch über die Newa; unter den weit ausschlagenden Vorderhufen des Rosses stand schlummernd ein alter Grenadier mit buschigem Helm auf dem Kopf.

Ein leicht wogender Halbschatten bedeckte des Reiters Angesicht, und die Einheit des metallenen Antlitzes verlor sich im Doppelsinn des Ausdrucks; die metallene Hand schnitt in die türkisblaue Luft ein.

Von jener schicksalsschwangeren Zeit, als der metallene Reiter an die Ufer der Newa herangesprengt kam, von jener, mit kommenden Tagen schwangeren Zeit, als er sein Roß auf das graue, finnische Granit warf — von da ab — spaltete sich Rußland; es spalteten sich auch die Schicksale des Vaterlandes; diesen Riß trug Rußland leidend und weinend, trug und trägt ihn bis zur heutigen Stunde . . .

Du, Rußland, bist wie ein Roß! Ins Dunkel, in die Leere schlägst du mit den Vorderhufen aus; und fest verankert im Granit sitzen deine Hinterbeine.

Willst auch du dich von dem haltenden Stein lösen, wie sich manche deiner wahnsinnigen Söhne vom Boden lösten — willst auch du dich lösen von dem haltenden Stein, um zaumlos in der Luft hängenzubleiben, um dann in das undurchdringliche Wasserchaos zu stürzen? Oder wähnst du, durch die Lüfte, Nebel zerreißend, mitsamt deinen Söhnen in die Wolken zu tauchen? Oder, Rußland, bist du nur aufgebäumt, in Sinnen versunken über das grausige Schicksal, das dich hierher verschlug — in diesen Norden, wo selbst die Sonne zögernd stundenlang nicht unterzugehen vermag; wo die Zeit fiebernd, bald in frostiger Nacht, bald im tagelichten Schimmer sich dehnt? Oder willst du, dich vor dem Sprunge fürchtend, deine Hufe dem Boden nähern und wiehernd deinen großen Reiter aus den trügenden Landen zurück in die Tiefen der Ebenen tragen?

Möge es nicht geschehen! . . .

Einmal hoch aufgebäumt, die Lüfte mit dem Blick messend, wird das kupferne Roß nicht die Hufe senken: ein Sprung wird es sein in die Geschichte, ein Brausen, ein mächtiges, wird es geben; spalten wird sich der Boden; die Berge selbst werden stürzen von dem Sprung; und die geliebten Ebenen werden höckerig werden; dann werden sich Nishnij Nowgorod und Wladimir und Uglitsch erheben . . .

Du aber, Petersburg, wirst sinken.

Alle Völker werden dann ihre Plätze verlassen; einen großen Streit wird es geben, einen Streit, wie ihn die Welt noch niemals gesehen: die gelben Horden aus Asien, ihre festangesessenen Plätze verlassend, werden die europäischen Fluren mit Ozeanen von Blut überströmen; es wird, es wird — ein Zusima geben! Es wird — eine neue Kalkschlacht geben! . . .

Schlachtfeld von Kulikowo — ich harre deiner!

Aufgehen wird dann die letzte Sonne auch über meinem geliebten Land. Wenn du, o Sonne, nicht aufgehst, dann versinken, o Sonne, unter den schweren mongolischen Fersen die europäischen Ufer, und weiße Gischt wird diese Ufer bespritzen, die Erdgeborenen werden wieder auf des Ozeans Grund sinken — in das ureigene, in das längst vergessene Chaos . . .

Geh auf, o Sonne!

Geh auf!

Ein türkisblauer Durchblick glitt am Himmel hin; ihm entgegen flog durch die Wolken ein brennender Phosphorfleck, der sich plötzlich in die helleuchtende Mondscheibe wandelte; für einen Augenblick entflammte alles rundum: Wasser, Rinnsteine, Granit, die zwei Göttinnen über dem Viadukt, das Dach des vierstöckigen Hauses; hell blinkte die Kuppel des Issakijdoms; entflammt waren auch — des Reiters Angesicht und der Kupferlorbeerkranz; allmählich erloschen die Lichter der Inseln, und das zweideutige Fahrzeug inmitten der Newa erwies sich als ein einfacher Schoner; ein heller Punkt leuchtete funkelnd von der kleinen Kapitänsbrücke: vielleicht das Lichtsignal des rotnasigen Bootsmanns mit der holländischen Mütze, vielleicht die helle Laterne des wachthabenden Matrosen.

Einem Rußwölkchen gleich, löste sich der Halbschatten vom kupfernen Reiter, und schwärzer zeichneten sich auf den Steinen des Pflasters der buschhaarige Grenadier und der Reiter.

Die Schicksale der Menschen sah Alexander Iwanowitsch plötzlich von hellem Licht durchleuchtet: er vermochte klar zu erblicken, was einmal sein wird; er vermochte es jetzt zu erfahren, was nie geschehen kann: alles war deutlich; das Schicksal schien sichtbar geworden zu sein; doch in sein eigenes Schicksal zu blicken, davor bangte es ihm; erschüttert, ergriffen, sehnsuchterfüllt stand er davor.

Und — der Mond bohrte sich in eine Wolke hinein . . .

Wild jagend flogen die Flockenarme der Wolken dahin; neblige Hexenhaarsträhnen durchzogen die Höhe; und zweideutig tanzte dazwischen ein brennender Phosphorfleck . . .

Plötzlich — ein betäubendes Brüllen: vom Viadukt her gegen den Newastrom raste, mit riesigen Scheinwerfern blendend, petroleumkeuchend, ein Auto; Alexander Iwanowitsch erblickte noch die gelben Mongolengesichter; dann verließen ihn die Kräfte. Er fiel plötzlich zu Boden, und zu seinen Füßen rollte seine durchnäßte Mütze, während er hinter seinem Rücken ein einem Wehklagen ähnliches Lispeln vernahm:

»Herr Jesus Christus! Steh uns bei!«

Alexander Iwanowitsch wandte sich und gewahrte, daß es der Grenadier war.

»Herrgott, was war das?«

»Ein Auto: hohe japanische Gäste . . .«

Das Auto aber war nicht mehr zu sehen.

Stjopka

Hinter Petersburg, von Kolpino ab, läuft in Windungen die verlassene Straße: diese Gegend — es gibt keine schrecklichere Gegend! Näherst du dich Petersburg morgens oder blickst beim Erwachen aus dem Fenster: — tot; keine einzige Seele, kein Dorf; es ist, als wäre das Menschengeschlecht ausgestorben und die Erde selbst — ein toter Körper.

Vielschlotiges, vielrauchiges Kolpino.

Von Kolpino gegen Petersburg läuft also diese sich windende Straße; sie schlängelt sich einem grauen Bande gleich; ihr Rand ist von Schotter und Telegraphenpfählen eingefaßt. Mit einem Bündel am Stock über der Schulter wanderte dort ein Arbeitsbursche dahin; wurde aus irgendeinem Grund fortgejagt; jetzt zog er auf seinem eigenen Rappen in der Richtung gegen Petersburg; um ihn herum borstete sich das gelbe Schilf; tot lagen die Steine am Wege; zuweilen flogen Schlagbäume auf und nieder, die Telegraphendrähte summten, anfangs und endlos. Der Arbeitsbursche war der Sohn eines verarmten Krämers; sein Name war Stjopka; kaum einen Monat hatte er in der Fabrik gearbeitet, nun ging er nach Petersburg.

Vielstöckige Mauerriesen kauerten zwischen den Fabrikschloten, da und dort, dort und hier; am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und der Horizont schien wie ein schmieriger Rußstreifen; und diesen Ruß atmeten dorten anderthalb Millionen Einwohner.

All das sah mein Stjopka, doch aus all dem machte er sich wenig; auf einen Schotterhaufen sich niederkauernd, aß er ein Stück von seinem Brot. Und weiter ging’s: gegen Petersburg; gegen Petersburg, das giftige, rußbedeckte.

Am Abend dieses Tages öffnete sich die Tür der Hausmeisterwohnung; der Hausmeister Matweij Morschow saß gerade im Zimmer und las den »Börsenkurier«; die korpulente Hausmeisterin (sie litt immer an den Ohren) hatte einen Berg von Kissen auf dem Tische liegen und war eifrig bemüht, mit Hilfe russischen Terpentinöls die Wanzen aus denselben zu vertilgen; ein scharfer, ätzender Geruch erfüllte die Hausmeisterwohnung.

In diesem Augenblick ging quiekend die Tür auf; auf der Schwelle stand unsicher Stjopka (der Hausmeister Matweij Morschow auf der Wassiljewskij-Insel war sein einziger Landsmann in Petersburg; es war daher begreiflich, daß Stjopka ihn aufsuchte).

Am Abend erschien auf dem Tische eine Wodkaflasche; es erschienen auch Sauergurken; es erschien auch Beßmertny, der Schuhmacher, mit seiner Gitarre. Die Wodka lehnte Stjopka ab: um so mehr tranken der Hausmeister Matweij Morschow und Beßmertny, der Schuhmacher.

»Hör’ nur mal . . . hör’ nur mal, was der Landsmann da alles erzählt«, sprach schmunzelnd Morschow.

»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben«, zuckte der Schuster Beßmertny die Achseln; er berührte die Saite mit dem Finger, und es ertönte: bim, bim. Stjopka aber erzählte immer wieder von demselben: was sich in ihrem Dorfe für besondere Menschen eingefunden hatten, was diese besonderen Menschen über dies und jenes für Ansichten besaßen, wie sie im Dorfe des Kindleins Geburt, das heißt die Freiheit, verkündeten: o, die allgemeine Freiheit.

»Das kommt alles davon, weil sie nicht den gehörigen Verstand haben; sie haben nicht den gehörigen Verstand: und niemand hat ihn.«

Der Schuster berührte wieder die Saiten, und es ertönte: bim, bim. Er sang dabei.

Stjopka erwiderte zuerst nichts; dann sang auch er ein Liedchen.

Wer aufmerksam gehorcht hatte, war der junge Herr, der oben die Mansarde bewohnte und zufällig in die Hausmeisterwohnung hereingetreten war; er fragte Stjopka über die von ihm erwähnten besonderen Menschen: was diese von dem »Untergang der Welt« prophezeiten und von der Zeit, in welcher dies geschehen werde; noch genauer erkundigte er sich über den fremden Herrn, der ins Dorf gekommen war. Mager war der Herr, litt, wie es schien, und trank auch zuweilen gern ein Gläschen; so daß Stjopka ihm öfters zugeredet hatte:

»Herr, Sie sind kränklich; der Tabak und die Wodka ist für Sie der Tod; auch ich frönte früher diesem Laster, ich trank: dann aber gab ich ein Gelübde . . . Vom Tabak und der Wodka ist alles Böse gekommen; ich weiß auch, wer das Volk mit Wodka vergiftet: der Japaner.«

»Woher weißt du das alles?«

»Von der Wodka? Erstens sagt es selbst Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoi — haben Sie sein Büchelchen ‚Der erste Brantweinbrenner‘ gelesen? — Dasselbe sagten aber auch die Leute im Dorf, die besonderen.«

»Und das mit den Japanern?«

»Von den Japanern — das weiß man schon: das wissen alle. Erinnern Sie sich noch an den Sturm, der in Moskau wütete; damals haben die Leute auch dies und jenes gesprochen; es sollen die Seelen der Erschlagenen gewesen sein: sie seien vom Jenseits, hieß es, über Moskau gezogen, denn sie waren ohne kirchlichen Segen von dannen gegangen. Und noch weiter hieß es: es bedeute einen Aufruhr, der in Moskau ausbrechen würde.«

»Und was wird mit Petersburg geschehen?«

»Was da geschehen wird: Die Chinesen errichten hier einen Götzentempel!«

Der junge Herr lud dann Stjopka zu sich in die Mansarde ein: die Wohnung des jungen Herrn war nicht hübsch, es bangte ihn, allein drinnen zu sitzen, da nahm er Stjopka zu sich hinauf und ließ ihn bei sich schlafen.

Er nahm ihn also mit nach oben, ließ ihn vor sich Platz nehmen, holte aus dem Koffer ein zerrissenes Schriftstück und las es Stjopka vor: »Eure politischen Überzeugungen sind mir klar und deutlich: es ist immer derselbe Teufelsspuk, immer dieselbe finstere Nacht; ihr glaubt mir nicht, aber ich weiß es schon zur Genüge: ich weiß, daß ihr es in Bälde erfahren werdet, wie es viele bald erfahren werden . . . Ich aber werde aus den unreinen Krallen befreit.

Es naht eine große Zeit: denkt daran, schreibt es euch auf, und sagt es euren Nachkommen« . . .

Stjopka zog mit der Nase laut die Luft ein, der junge Herr las noch lange das Schriftstück . . .

»So ist es — so, so. Und wer hat das geschrieben?«

»Der ist im Auslande, verbannt ist er.«

»So—o . . .«

»Und was wird in der Zukunft geschehen, Stjopka?«

»Ich hörte: vor allem wird es ein Morden geben, dann kommt eine allgemeine Unzufriedenheit; dann wieder kommen Seuchen, Hunger; nun, und dann, sagen gelehrte Leute, wird es Unruhen geben: der Chinese wird sich gegen sich selbst erheben; die Mohammedaner — auch sie werden sich rühren, aber daraus wird nichts . . .«

»Na, und weiter?«

»Was weiter? Da hast du, Herr, eine Prophezeiung: wir müssen eine Arche Noah bauen!«

»Wie bauen?«

»Wir werden sie schon bauen: Sie sagen es mir, ich sag’ es Ihnen — wir werden es uns zuflüstern.«

»Was werden wir uns zuflüstern?«

»Aber das eben, immer dasselbe: vom zweiten Erscheinen Christi.«

»Genug: das alles ist . . .«

»Komm hernieder, Jesus Christus!«

Ende des zweiten Kapitels.

Notes in this chapter

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