Drittes Kapitel
Nadja Strasser translation
Die Feier
Es hieß an einer sehr hohen Stelle zu erscheinen; das Erscheinen sollte sich gestalten, d. h. — es gestaltete sich hochfeierlich.
Aus diesem Anlaß fanden sich außerordentliche Persönlichkeiten mit außerordentlich ernsten Gesichtern, in goldgestickten Uniformen, an besagter Stelle ein.
Es war ein Tag des Außerordentlichen. Dieser Tag war natürlich hell. In den frühesten Stunden schon funkelte am Himmel die Sonne: und alles funkelte, was nur zu funkeln vermochte: die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln.
In der Ferne fielen Kanonenschüsse.
Hätten Sie Muße genug, um einen Blick auf jene wichtige Stelle zu werfen, Sie hätten nur Lack, nur Glanz gesehen: Glanz lag auf den Spiegelscheiben; und selbstverständlich — hinter den Spiegelscheiben; Glanz waren die Säulen; Glanz das Parkett; vor der Einfahrt ebenfalls Glanz; kurz: Lack, Schimmern und Glanz!
Es war ein Tag des Außerordentlichen; und er sollte natürlich in Glanz vergehen; und — er verging natürlich in Glanz.
Vom frühen Morgen schon war jede Dunkelheit gewichen, und es war ein Leuchten, heller als das der Elektrizität, ein Leuchten des Tages; in dieser Helligkeit funkelte alles, was zu funkeln vermochte: die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln.
In der Mittagssonne donnerten Kanonenschüsse.
An diesem außerordentlichen, leuchtenden Morgen sprang aus dem Bett mit blendend weißen Bettlaken, im blendenden Schlafzimmer, ein kleines weißes Figürchen; dieses Figürchen erinnerte, weiß Gott weshalb, an einen Zirkusreiter. Nach einer heiligen Tradition alter Zeiten begann dieses Figürchen durch schwedische Gymnastik seinen Körper zu stärken; es streckte die Arme und Beine und machte zwölf (und mehr) Kniebeugen. Nach dieser nützlichen Übung rieb das Figürchen den nackten Schädel und die Hände mit Eau de Cologne.
Weiter, nachdem Schädel, Hände, Ohren und Hals mit kaltem Wasser erfrischt waren und der Kaffee, für den außerordentlichen Tag ins Schlafzimmer gebracht, eingenommen war, warf sich Apollon Apollonowitsch Ableuchow (wie die anderen hochgestellten Greise an diesem Tag) in das gestärkte Linnen; er steckte durch die Öffnung des panzerartigen Hemdes zwei überraschend große Ohren und den lackglänzenden Schädel. Dann holte Apollon Apollonowitsch Ableuchow aus dem Schrank die rotlackierten Schächtelchen, unter deren Deckel, in weichem Samt gebettet, seltene, kostbare Orden lagen. Wie den anderen hochgestellten Greisen, wurde auch ihm eine glänzende Uniform mit vergoldeter Brust gereicht; dazu eine Hose aus weißem Tuch, ein Paar weiße Handschuhe, eine Schachtel von besonderer Form, eine schwarze Säbelscheide, deren Griff mit silbernen Fransen verziert war; unter des gelben Nagels Druck flogen alle zehn rotlackierten Deckelchen auf, und hervorgeholt wurden: der Weiße Adler mit entsprechendem Stern und blauem Band und viele andere Orden, endlich auch die Brillantenzeichen; das alles legte sich auf die goldgestickte Brust. Apollon Apollonowitsch stand vor dem Spiegel, weißgoldig (ganz Schimmern und Schauer!), mit der Linken den Säbel an die Seite drückend, die Rechte mit dem pleureusengeschmückten Dreimaster und den weißen Handschuhen — an der Brust. In dieser Schauer einflößenden Ausstattung lief Apollon Apollonowitsch den Korridor entlang.
Im Salon machte der Senator etwas verwirrt einen Augenblick halt; die außerordentliche Blässe und das nachlässige Aussehen des Sohnes versetzten den Senator in Erstaunen.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich an diesem Tage ungewöhnlich früh; nebenbei gesagt, hatte Nikolai Apollonowitsch diese Nacht überhaupt nicht geschlafen: am Abend rollte ein Wagen an das gelbe Haus heran; Nikolai Apollonowitsch sprang aus dem Wagen und begann kräftig zu läuten; als ihm der graue, goldbetreßte Lakai aufgemacht hatte, lief Nikolai Apollonowitsch, ohne den weiten Mantel abgenommen zu haben, die leere Zimmerflucht entlang und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Bald darauf begannen vor dem gelben Hause unbekannte Schatten zu spazieren. Nikolai Apollonowitsch wanderte in seinem Zimmer auf und ab; um zwei Uhr in der Nacht, dann um halb drei, selbst um vier hörte man noch immer seine Schritte.
Ungewaschen und übernächtig, saß Nikolai Apollonowitsch im bunten Schlafrock düster vor dem Kamin. Apollon Apollonowitsch, ganz Schimmer und Schauer, blieb unwillkürlich stehen, und auf dem glatten Parkett spiegelte sich sein Glanz; er stand vor einem Trumeau, umgeben von pausbackigen Putten; seine Finger trommelten leise auf der Inkrustation eines Tischchens. Nikolai Apollonowitsch sprang, plötzlich wie zu sich gekommen, auf, wandte sich um und schloß unwillkürlich die Augen: auch ihn blendete der weißgoldene Greis.
Der weißgoldene Greis war ihm Vater; doch verspürte Nikolai Apollonowitsch in diesem Augenblick nicht die geringsten verwandtschaftlichen Gefühle; er empfand im Gegenteil etwas ganz anderes, dasselbe vielleicht, was er schon in seinem Zimmer empfunden hatte; in seinem Zimmer übte nämlich Nikolai Apollonowitsch terroristische Akte an sich selbst: — Nummer eins übte terroristische Akte an Nummer zwei, der Sozialist an dem Edelmann, der Tote an dem Verliebten; in seinem Zimmer verfluchte Nikolai Apollonowitsch sein irdisches Wesen, und da er das Ebenbild seines Vaters war, verfluchte er denselben logischerweise. Es war klar, daß seine Gottähnlichkeit ihn dazu bewog, seinen Vater zu hassen; liebte aber sein irdisches Wesen dennoch den Vater? Dies würde Nikolai Apollonowitsch sich kaum gestanden haben. Lieben? . . . Ich weiß nicht, ob dieses Wort hier am Platz ist; Nikolai Apollonowitsch kannte seinen Vater gewissermaßen mit den eigenen Sinnen, kannte ihn bis zu den verborgensten Seelenwindungen, bis zum Beben der unaussprechlichen Gefühle; noch mehr: er glich, seinen Sinnen nach, dem Vater vollständig; am meisten wunderte es ihn, daß er psychisch nicht wußte, wo er selbst aufhörte und wo in ihm der Geist des Senators begann, des Trägers jenes funkelnden Brillantenordens unter anderen, die jetzt schimmerten auf der goldgestickten Brust. Er stellte sich im Augenblick vor (vielmehr er fühlte sich selbst in dieser prunkvollen Uniform): was hätte er empfunden, angesichts eines solchen unrasierten Kumpans im bunten bucharischen Schlafrock wie er? Es mußte ihm als Verletzung des guten Tones erscheinen. Nikolai Apollonowitsch begriff, daß er Ekel empfunden hätte, daß diesen Ekel jetzt sein Vater empfand. Er begriff auch, daß es ein Gemisch von Haß und Scham war, das ihn bewogen hatte, vor dem weißgoldenen Greis emporzuspringen:
»Guten Morgen, Vater.«
Der Senator aber fuhr fort, mit den Sinnen, instinktiv vielleicht, in dem Sohne das zu sehen, was ihm selbst nicht uneigen war; seinerseits dachte er sich absichtlich im Negligé, den Sohn dagegen als Karrieristen und Emporkömmling ganz weißgolden vor ihn tretend, und — er zwinkerte ängstlich mit den Augen und erwiderte mit äußerst übertriebener Naivität, lustig und besonders familiär:
»Guten Tag.«
Der Träger der Brillantenzeichen schien seine eigene Endentwicklung in der Psychik des Sohnes nicht zu erkennen. In beiden war die Psychik zu sehr durch Logik verdrängt. Ihre Psychik erschien ihnen als Chaos, aus dem nur Überraschungen hervorgingen: wenn sie sich aber psychisch berührten, so waren sie wie zwei gegeneinander gerichtete, in einen Abgrund führende Luftlöcher, und vom Abgrund zum Abgrund lief ein höchst unangenehmer Luftzug; diesen Luftzug verspürten jetzt beide; und die Gedanken der beiden mischten sich, so daß der Sohn sicher die Gedanken des Vaters hätte weiterdenken können.
Beide ließen die Augen sinken.
Die undefinierbare Empfindung des Verwandtseins glich am allerwenigsten der Liebe; wenigstens kannte das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs diese Liebe nicht. Dieses undefinierbare Verwandtsein empfand er als schmachvollen physiologischen Akt; in diesem Augenblick würde er das Hervortreten verwandtschaftlicher Gefühle als eine natürliche Absonderung seines Organismus betrachtet haben: Absonderungen dieser Art aber pflegt man weder zu lieben noch zu hassen: man ekelt sich einfach vor ihnen.
Ein kraftloser Froschausdruck erschien auf seinem Gesichte.
»Sie sind heute in Gala?«
Finger berührten Finger und sprangen zurück. Apollon Apollonowitsch wollte, schien es, den Grund seiner feierlichen Ausstattung erklären; auch wollte er nach der Ursache der unnatürlichen Blässe des Sohnes fragen wie seines Erscheinens in so ungewohnter Stunde. Die angefangenen Worte blieben ihm jedoch in der Kehle stecken und gingen in ein Husten über. In diesem Augenblick meldete der eintretende Diener, daß der Wagen warte. Gleichsam erfreut winkte Apollon Apollonowitsch dankbar dem Lakai zu:
»So—o, schön.«
Apollon Apollonowitsch, ganz Schauer und Glanz, rauschte an seinem Sohn vorbei; bald verklangen seine Schritte in der Ferne. —
Nikolai Apollonowitsch spähte seinem Vater nach; auf seinem übernächtigen Gesichte erschien wieder ein Lächeln: der Abgrund hatte sich vom Abgrund abgewandt; der Luftzug wehte nicht mehr. Nikolai Apollonowitsch Ableuchow dachte an das letzte Zirkular des Apollon Apollonowitsch, das im vollständigen Gegensatz zu seinen eigenen Plänen stand; Nikolai Apollonowitsch kam zu dem Schluß, daß sein Vater, Apollon Apollonowitsch, ganz einfach — ein ausgemachter Schuft war.
Auf dem Meeting
Nach dem naßkalten Schmutz der ersten Oktobertage badeten eines Tages die Petersburger Dächer, die Petersburger Spitzen, die Petersburger Kuppeln im blendenden Glanz der Oktobersonne. Engel Peri blieb an diesem Tag allein; der Gatte war abwesend; er verwaltete — irgendwo dort — den Proviant; der unfrisierte Engel schwebte in seinem rosa Kimono zwischen den Vasen mit Chrysanthemen und dem Berg Fujiyama. Die Falten des Kimonos flatterten wie Atlasflügel, und der besagte Engel biß unter der Hypnose eines Gedankens bald sein Taschentüchlein, bald das Ende des schwarzen Zopfes. Nikolai Apollonowitsch blieb natürlich nach wie vor der schuftigste Schuft, aber auch der Zeitungsreporter Neintelpfein — so einer! — war auch — ein Vieh. Die Gefühle des Engels waren bis zum Äußersten aufgewühlt.
Um ein wenig die aufgewühlten Gefühle ins Gleichgewicht zu balancieren, kauerte sich Engel Peri mit untergeschlagenen Beinen auf ihre Chaiselongue hin und schlug das Büchlein von: Henri Besançon »Der Mensch und sein Körper« auf. Dieses Büchlein hatte Engel Peri schon des öfteren aufgeschlagen, aber . . . (und noch einmal aber): das Büchlein fiel ihr jedesmal aus den Händen, die Augen schlossen sich im Nu, im kleinen Näschen entstand ein stürmisches Leben: es pfiff darin und schnaufte.
Nein, heute wird sie nicht einschlafen: Baronin R. R. hatte sich schon einmal nach dem Büchlein erkundigt; als sie hörte, daß es bereits gelesen ist, fragte sie schelmisch: »Na, und was meinen Sie dazu, ma chère?« Aber »ma chère« erwiderte gar nichts; und Baronin R. R. drohte ihr mit dem Fingerchen: Doch nicht umsonst hatte sie auf die Titelseite des Büchleins geschrieben: »meiner devanchanischen Freundin« und als Unterschrift: »Baronin R. R. — eine irdische Hülle, doch mit buddhistischen Funken.«
Aber gestatten Sie: was ist es: »devanchanische Freundin«, »Hülle«, »buddhistischer Funken«? Das sollte ihr nun Henri Besançon jetzt erklären. Und Sofja Petrowna wollte sich diesmal in ihn vertiefen; aber kaum hatte sie das Näschen in Henri Besançon gesteckt, als die Glocke ertönte und, einem Sturme gleich, die Kursistin Warwara Ewgrafowna ins Zimmer hereinflog. Engel Peri hatte nicht Zeit, das kostbare Büchlein zu verstecken und wurde bei der Tat ertappt.
»Was ist das?« rief streng Warwara Ewgrafowna, setzte den Zwicker auf die Nase und beugte sich über das Büchlein . . .
»Was haben Sie da? Wer hat’s Ihnen gegeben?«
»Die Baronin R. R.«
»Na, freilich . . . Und was ist das?«
»Henri Besançon . . .«
»Sie wollen sagen: Anni Besant . . . Der Mensch und sein Körper? . . . So ein Unsinn . . .«
Die blauen Äuglein zwinkerten ängstlich, während die roten Lippen sich schmollend zusammenzogen.
»Die Bourgeoisie, ihr Ende fühlend, warf sich auf die Mystik: überlassen wir den Himmel den Spatzen, und bauen wir aus dem Reich der Notwendigkeiten das Reich der Freiheit.«
Und Warwara Ewgrafowna übergoß den Engel mit sieghaftem Blick: die Äuglein des Engels aber zwinkerten noch hilfloser; Engel Peri achtete Warwara Ewgrafowna und Baronin R. R. in gleicher Weise, und nun sollte sie zwischen ihnen wählen. Zum Glück machte Warwara Ewgrafowna aus der Sache keine Affäre; die Beine übereinandergeschlagen, wischte sie den Zwicker.
»Es handelt sich um folgendes . . . Sie werden sicher auf dem Ball bei den Zukatows sein . . .«
»Ja«, erwiderte schuldbewußt der Engel.
»Es handelt sich also darum: auf diesem Ball wird, wie ich erfahren habe, auch unser gemeinsamer Bekannter sein: Ableuchow.«
Der Engel errötete.
»Nun also, Sie übergeben ihm hier diesen Brief.« — Warwara Ewgrafowna streckte dem Engel ein Kuvert entgegen.
»Übergeben Sie ihn, weiter nichts: werden Sie es tun?«
»Ich werde . . . ich werde ihn übergeben.«
»Schön also. Ich habe augenblicklich leider wenig Zeit, ich muß zu einem Meeting . . .«
»Liebste Warwara Ewgrafowna, nehmen Sie mich mit.«
»Aber fürchten Sie sich denn nicht? Es kann zu einer Schlägerei kommen.«
»Nein, Liebste, nehmen Sie mich mit.«
»Dann bitte, kommen Sie. Aber Sie werden erst noch Toilette machen müssen, sich pudern und so weiter . . . Machen Sie es rasch . . .«
Daß sie »ihn« morgen auf dem Ball bei Zukatows sehen, mit ihm sprechen, ihm den Brief hier übergeben wird — all das war beängstigend und schmerzhaft: Schicksalschweres lag darin — nein, nicht denken, nicht denken!
Eine trotzige, schwarze Haarsträhne fiel auf den Nacken.
»Ja, der Brief.« Auf dem Brief stand deutlich zu lesen: An Nikolai Apollonowitsch Ableuchow. Sonderbar war nur dies: diese Schrift war die Schrift Lipantschenkos . . .
Welcher Unsinn!
Nun ist sie schon in ihrem Wollkleid, das am Rücken geknöpft war.
»Also gehen wir, gehen wir . . . Übrigens, dieser Brief . . . von wem ist er? . . .«
»?«
»Ach so, dann nicht, nicht: ich bin fertig.«
Warum wollte sie durchaus zum Meeting? Um unterwegs auszufragen, auszuforschen?
Wonach aber forschen?
Beim Tor stießen sie auf den Kleinrussen Lipantschenko.
»So, so, wohin?«
Sofja Petrowna winkte geärgert mit der Hand und mit dem Plüschmuff.
»Ich gehe zum Meeting, zum Meeting.«
Der schlaue Kleinrusse aber gab nicht nach.
»Schön, ich gehe mit Ihnen.«
Warwara Ewgrafowna errötete, blieb stehen: sie starrte den Kleinrussen an.
»Ich glaube, ich kenne Sie: Sie wohnen im Zimmer bei . . .«
Der schamlose Kleinrusse geriet hierüber in größte Verwirrung: begann zu schnaufen, trat zurück, lüftete verwirrt seine Mütze und ging fort.
»Wer ist, bitte, dieses unangenehme Subjekt?«
»Lipantschenko.«
»Das stimmt nicht. Nicht Lipantschenko, sondern ein Grieche aus Odessa: Mawrokordato; er kommt öfters ins Zimmer, das hinter meiner Wand ist: ich rate Ihnen nicht, ihn zu empfangen.«
Doch Sofja Petrowna hörte nicht zu. Mawrokordato, Lipantschenko — das war ganz gleich . . . Der Brief nur, der Brief . . .
Edel, schlank und blaß! . . .
Sie gingen über die Moikastraße.
Links von ihnen bebte das letzte Gold der Baumblätter; träte man näher, man würde die Meisen hüpfen sehen; aus dem Garten aber zog sich, resigniert am Boden liegend, bis zu den Steinfliesen hin, ein knisternder Faden, der sich vor den Füßen des Fußgängers wirbelte, sich an seine Füße hängte und flüsternd gelbrote Worte aus Blättern flocht.
»Uuuu — uuuu — uuuu?«
»Haben Sie gehört?«
»Was denn?«
Plötzlich tauchte auf dem feuerroten Fond eine Silhouette auf: Flügeln gleich flatterte im Winde der weite graue Mantel; im Wachsgesicht mit den vorstehenden Lippen ein nachlässiger Ausdruck; die Augen schienen nach irgend etwas in den bläulichen Newafernen zu suchen, fanden es aber nicht und glitten über alles Nahe hinweg: so sah er weder Sofja Petrowna noch Warwara Ewgrafowna: die Augen sahen nur die Tiefe, das grünliche Blau. Vor der Silhouette aber lief keuchend die tigerartig gestreifte Bulldogge, die silberne Reitpeitsche des Herrn in den Zähnen.
An die beiden näher herangekommen, blinzelte Ableuchow, zu sich kommend, mit den Augen und berührte grüßend seine Mütze; er sagte nichts und ging weiter: dorthin, wo im Feuerrot die Häuser badeten.
Sofja Petrowna, mit schielenden Augen, verbarg ihr Gesichtchen in den Muff und nickte unbeholfen seitlich mit dem Kopfe, nicht ihm, sondern der Bulldogge zu. Warwara Ewgrafowna aber blieb mit starrem Blick an ihm hängen.
»Ableuchow —«
»Ja . . . ich glaube.«
Nach dieser bejahenden Antwort (sie selbst war kurzsichtig) murmelte Warwara Ewgrafowna erregt vor sich hin:
Edel, schlank und blaß, Wie Flachs der blonde Schopf; Reich an Geist und arm an Herz: N. A. A. — Kennt ihr diesen Kopf?
Sofja Petrowna wandte sich plötzlich unerwartet für sie selbst um und sah, wie dort in der Ferne in den letzten grellroten Strahlen der Newasonne, ihr zugewandt, Nikolai Apollonowitsch stand; seltsam vornübergebeugt, das Gesicht in den Kragen vergraben, stand er und lächelte, wie es ihr schien, in unangenehmster Weise; er gab eine höchst komische Figur ab: in seinen weiten Mantel gehüllt, sah er bucklig und wie seiner Arme beraubt aus; vor diesem Anblick wandte sie eilig ihr Köpfchen ab.
Lange noch stand er, gekrümmt, unangenehm lächelnd und machte auf dem feuerroten Fond der untergehenden Sonne eine recht komische Figur. Doch nicht sie sah er: bei seinen kurzsichtigen Augen konnte er die sich entfernenden, kleinen Gestalten kaum sehen; er lachte vor sich hin und blickte weit, weit, wo die Linien der Inseln sich tief senkten.
Sie aber — weinen wollte sie: sie wünschte, ihr Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin hätte sich dem Schuft genähert, ihm mit seiner sehnigen Faust ins Gesicht geschlagen und ihm seine ehrliche Offiziersmeinung gesagt.
Die untergehende Sonne schleuderte ihre herzlosen Strahlen direkt vom Horizont; über ihm wiegte sich die Unermeßlichkeit der rosa schimmernden Luftwellen; noch höher lagen die soeben noch weißen, jetzt rosigen Wölkchen in von Perlmutter durchzogenem Türkisblau; bald werden die Perlmutterstreifen die zarten Durchblicke im Türkisblau erlöschen; ergießen wird sich das dunkle, schwere Blau, die blaugrüne Tiefe, auf die Häuser, auf den Granit, auf die Wasser.
Einen Sonnenuntergang aber wird es nicht mehr geben.
Comt! — Comt! — Comt!
Der Lakai trug die Suppe auf. Vor den Teller des Senators hatte er schon vorher eine Pfefferschale hingestellt.
Apollon Apollonowitsch in seinem kurzen grauen Sakko zeigte sich in der Tür; rasch nahm er seinen Platz ein, und der Lakai hob den Deckel der dampfenden Suppenschüssel.
Dann ging die Tür links auf; Nikolai Apollonowitsch in hochgeknöpftem Studentenrock sprang rasch ins Zimmer.
Beide richteten die Blicke aufeinander, und beide wurden verlegen (sie wurden immer verlegen).
Nikolai Apollonowitsch stolperte am Tischbein.
Apollon Apollonowitsch reichte dem Sohne seine wulstigen Lippen; an diese wulstigen Lippen drückte Nikolai Apollonowitsch seine zwei Lippen; die Lippen berührten einander; und zwei Finger schüttelten eine schwitzende Hand.
»Guten Abend, Vater!«
»Guten Abend!«
Apollon Apollonowitsch setzte sich. Apollon Apollonowitsch ergriff die Pfefferschale und pfefferte wie gewöhnlich seine Suppe zu stark.
»Aus der Universität? . . .«
»Nein, vom Spaziergang . . .«
Und ein Froschausdruck legte sich um den Mund des ehrerbietigen Sohnes; wir betrachteten sein Gesicht mit all den mannigfachen Grimassen, mit dem Lächeln und den Mienen der Höflichkeit, die der Fluch Nikolai Apollonowitschs war, wenn auch nur deswegen, daß von der griechischen Maske dann nicht eine Spur zurückblieb; dieses Lächeln, die Grimassen und die einfachen Gesten der Höflichkeit schäumten wie eine ununterbrochene Kaskade vor dem hüpfenden Blick des zerstreuten Vaters. Die Hand, die den Löffel hielt, zitterte sichtlich, und die Suppe lief daneben.
»Aus dem Amt, Vater?«
»Nein, vom Minister . . .«
Oben sahen wir, wie Apollon Apollonowitsch in seinem Arbeitszimmer sitzend, zu der Überzeugung gelangte, daß sein Sohn ein ausgemachter Schuft sei: so pflegte der achtundsechzigjährige Vater täglich einen zwar nur mit den Gedanken erfaßbaren, aber doch terroristischen Akt an seinem eigenen Blute und seinem Fleische zu begehen.
Doch das waren abstrakte, durch gedankliche Arbeit gezogene Schlüsse, die nicht einmal in den Korridor, geschweige in das Speisezimmer aus dem Privatraum getragen wurden.
»Wünschest du Pfeffer, Kolenka?«
»Ich möchte um das Salz bitten, Vater . . .«
Apollon Apollonowitsch blickte seinen Sohn an, das heißt, er hüpfte mit den Augen über die Gestalt des grimassierenden jungen Philosophen und er gab sich in dieser Stunde, der Tradition gehorchend, einer Aufwallung von Väterlichkeit hin.
». . . Und ich gebrauche gern Pfeffer: es schmeckt besser gepfeffert . . .«
Nikolai Apollonowitsch, die Augen auf den Teller gerichtet, war bemüht, die aufdringlichen Assoziationen aus seinem Gedächtnis zu jagen: den Sonnenuntergang an der Newa, die Unaussprechlichkeit der rosaschimmernden Wellen, den zarten Perlmutterglanz, die blaugrüne Tiefe; und auf dem Fond des zartesten Perlmutterschimmers . . .
»So—o! . . .«
»So—o! . . .«
»Schö—ön . . .«
So unterhielt Apollon Apollonowitsch seinen Sohn (oder vielmehr sich selber).
Schwer lastete das Schweigen über dem Tische. Aber dieses Schweigen störte den suppespeisenden Vater gar nicht (das Schweigen pflegt alte Leute nicht zu stören, wohl aber die nervöse Jugend). . . Der Sohn aber empfand im Suchen nach einem Gesprächsthema regelrechte Qual.
Für ihn selbst unerwartet, platzte er heraus:
»Und ich . . .«
»Wie? Was?«
»Nein . . . so . . . nichts . . .«
Über dem Tische hing schwer das Schweigen.
Nikolai Apollonowitsch platzte wiederum unerwartet für sich heraus.
»Und ich . . .«
Die Fortsetzung zu diesem herausgeplatzten »Und ich« fand er noch immer nicht.
»Was soll ich nur zu diesem ‚Und ich‘ hinzufügen?« dachte er. Doch rein nichts fiel ihm ein.
Apollon Apollonowitsch, beunruhigt durch die sinnlose Wortverwirrung des Sohnes, sah ihn indessen fragend, streng und kapriziös an, erbost über das »Gestammel« . . .
»Aber gestatte: Was meinst du?«
»Und ich . . . las in der ‚Theorie der Erfahrung‘ von Cohen . . .« Wieder hielt er stockend inne . . .
»Also was ist das für ein Buch, Kolenka?«
In der Ansprache bewahrte Apollon Apollonowitsch seinem Sohne gegenüber die Tradition von dessen Kindheit: und der vollendete Schuft wurde Kolenka, Söhnchen, Liebling genannt . . .
»Cohen ist der bedeutendste Vertreter der europäischen Kantianer.«
»Erlaube — Comtianer?«
»Kantianer, Vater . . .«
»Aber Kant ist ja nicht wissenschaftlich . . . — Comt ist es, der nicht wissenschaftlich ist . . .«
Apollon Apollonowitsch, müde und ein wenig unglücklich, rieb sich langsam mit dem kalten Fäustchen die Augen und wiederholte zerstreut:
»Comt . . . Comt . . . Comt . . .«
Apollon Apollonowitsch dachte, daß sein Gehirn die letzte Woche wieder unter heftigem Blutandrang, verursacht durch starkes Hervortreten der Hämorrhoiden, litt; sein Schädel fiel schwer gegen die dunkle Stuhllehne; die blauen Augen starrten fragend vor sich hin.
»Comt . . . Ja: Kant . . .«
Er überlegte etwas und richtete den Blick auf den Sohn:
»Was ist es also für ein Buch, Kolenka? . . .«
Nikolai Apollonowitsch hatte aus instinktiver Schlauheit das Gespräch auf Cohen gebracht; Cohen war ein neutrales Gesprächsthema. Dieses Thema schloß andere Themen aus, und so wurde eine Auseinandersetzung verschoben (von Tag zu Tag — von Monat zu Monat). Außerdem behielt der Sohn von der Kinderzeit die Gewohnheit, mit dem Vater lehrreiche Gespräche zu führen: so pflegte Nikolai Apollonowitsch, aus dem Gymnasium kommend, seinem Vater eifrig die Einzelheiten des gallischen Krieges zu erzählen; vergnügt hatte der Vater dem Sohne zugehört und wohlwollend dessen Interesse am Lehrstoff zu steigern gesucht. Auch in späteren Zeiten hat Apollon Apollonowitsch öfters seine Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt:
»Kolenka, du solltest die Logik von Mill einmal lesen: es ist dies — weißt du — ein nützliches Buch . . . Zwei Bände . . . Ich habe es seinerzeit von A bis Z gelesen . . .«
Nikolai Apollonowitsch erschien am Tage darauf mit einem mächtigen Buch in der Hand. Apollon Apollonowitsch fragte freundlich mit geheuchelter Unabsichtlichkeit:
»Was liest du da, Kolenka?«
»Mills Logik, Vater.«
»So—o, so—o . . . sehr, sehr gut.«
Jetzt endgültig voneinander gelöst, kehrten sie unbewußt zu dem Alten zurück: ihr gemeinsames Mittagessen endete oft mit einem lehrreichen Gespräch . . .
Apollon Apollonowitsch dachte: »Es muß zugegeben werden; sein Gehirnapparat ist gut ausgearbeitet.«
Und beim Dessert waren sie bis zu einer Art Freundschaft gelangt.
Beide erhoben sich, beide spazierten durch die Zimmerflucht; die weißen Schatten der griechischen Weisen huschten durch die Räume: dort, dort und dort; die Flucht der Zimmer verdunkelte sich; weit im Salon hüpfte an der Wand ein rötlicher Schein; man vernahm das Knistern des Kaminfeuers.
So pflegten sie auch früher durch die leere Zimmerflucht zu wandern — der Knabe und . . . der damals noch zärtliche Vater. Etwas später pflegte der zärtliche Vater dem blonden Knaben kameradschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen; der zärtliche Vater führte damals den Knaben an das Fenster, die Finger zu den Sternen hebend:
»Die Sterne, Kolenka, sind weit: über zweieinhalb Jahre sind notwendig, bis der Strahl von dem nächsten Stern, zu uns herüberkommt . . . So ist es, mein Lieber!« Einmal schrieb er ihm ein Verschen:
Kolenka, der dumme Tropf, Tanzt und hüpfet immer; Mit der Mütze auf dem Schopf Reitet er durchs Zimmer.
War es — oder war es vielleicht gar nicht? . . . Nie, niemals?
Beide saßen jetzt im Salon auf dem Atlassofa und sprachen, zwecklos und gedehnt, bedeutungslose Worte. Der glattrasierte, graue alte Apollon Apollonowitsch zeichnete sich im hüpfenden Feuerschein mit seinen Ohren und dem Sakko: mit ebendemselben Gesichtsausdruck, auf dem Fond des brennenden Rußlands, wurde er vor kurzem auf dem Titelblatt eines Straßenblättchens dargestellt.
»Kommt öfters zu dir, Liebling, der . . . der . . .?«
»Wer, Vater?«
»Der, wie heißt er nur . . . Der junge Mann?«
»Der junge Mann? . . .?«
Nikolai Apollonowitsch grinste plötzlich . . .
»Der, den Sie neulich in meinem Zimmer trafen? Alexander Iwanowitsch Dudkin . . . Nein, er kommt nur manchmal.«
»Wenn . . . wenn . . . es keine indiskrete Frage ist, so . . . scheint mir . . .«
»Was, Vater?«
»Übrigens . . . wenn meine Frage sozusagen ungeschickt ist . . .«
»Wieso ungeschickt?«
»Ich meine . . . ein ganz angenehmer junger Mann: arm, wie es scheint.«
Apollon Apollonowitsch sah auf die Uhr.
»Ja, so . . . Es gibt viele spezielle Wissenschaftsgebiete: jedes Spezialgebiet ist tief. Weißt du, Kolenka, ich bin müde.«
Apollon Apollonowitsch wollte seinen Sohn, der sich die Hände rieb, nach etwas fragen . . . Er blieb stehen, sah sich um, fragte aber nichts, sondern senkte den Blick: Nikolai Apollonowitsch empfand einen Augenblick Scham.
Mechanisch hielt Apollon Apollonowitsch dem Sohne seine wulstigen Lippen hin; zwei Finger schüttelten eine Hand.
Bald darauf öffnete sich die Tür des senatorischen Arbeitszimmers: mit einer Kerze in der Hand lief Apollon Apollonowitsch in den mit nichts zu vergleichenden Raum, um sich . . . dem Zeitungslesen zu widmen . . .
Nikolai Apollonowitsch trat ans Fenster.
Ein phosphoreszierender Fleck raste in wildem Tempo über den Himmel; in phosphoreszierendem Glanz leuchtete neblig die Newaferne, und grün schimmerten die lautlos gleitenden Flächen; bald dort, bald da sprühte ein goldener Funken auf; an verschiedenen Stellen des Wasserspiegels entflammten rötliche Lichter, um sich vielleicht nach einer Sekunde im phosphoreszierenden Nebel zu verlieren. Hinter der Newa dehnten sich die Riesengestalten der Inseln und warfen in den Nebel mattleuchtende Blicke — endlos, lautlos, qualvoll: es schien, als weinten sie: höher streckten sich in wildem Rasen undeutlich gezeichnete bauschige Arme; Schar um Schar erhoben sie sich über den Wellen der Newa; vom Himmel aber fielen sie als durchleuchtend phosphoreszierende Flecke. Nur an einer vom Chaos unberührten Stelle, wo sich am Tage die Troitzkibrücke breitete, glänzten durchnebelte riesige Brillantennester über einer glitzernden Schar rundgliedriger Lichtschlangen; sich bald zusammenringelnd, bald streckend, rasten die Schlangen als Funkenlinie nach oben; und untertauchend, erschienen sie dann wieder als Sternfäden auf dem Spiegel des Wassers.
Nikolai Apollonowitsch blickte verträumt auf diese Fäden.
In der dunklen Ferne des Korridors ertönte metallisch ein Türriegel, in der dunklen Ferne des Korridors schimmerte Licht auf: mit der Kerze in der Hand verließ Apollon Apollonowitsch den mit nichts zu vergleichenden Raum: ein mausgrauer Schlafrock, graue, rasierte Backen und riesige Konturen ganz toter Ohren zeichneten sich deutlich im tanzenden Licht und liefen aus der Helle in die völlige Dunkelheit hinein.
Nikolai Apollonowitsch dachte: »Es ist Zeit.«
Nikolai Apollonowitsch wußte, daß sie zum Meeting gegangen war (dafür bürgte die Begleitung Warwara Ewgrafownas), Nikolai Apollonowitsch dachte, daß schon zweieinhalb Stunden vergangen sind, seit er sie getroffen hatte; jetzt dachte er: »Es ist Zeit . . .«
Tatam — tam — tam!
Es war schon spät.
Sofja Petrowna war auf dem Wege nach Hause, sie verbarg ihr Näschen in den flaumigen Muff. Hinter ihrem Rücken dehnte sich die Troitzkibrücke, lief endlos gegen die Inseln, die stumm in der Ferne sich dehnten; über die große eiserne Brücke breiteten sich Schatten, legten sich auf das feuchte Geländer, legten sich auf die grünlichen, von Bazillen wimmelnden Wasserflächen.
Plötzlich weiteten sich Sofja Petrownas Augen, begannen zu zwinkern, schielten: unter dem feuchten, feuchten Geländer lag mit gespreizten Beinen ein dunkles tigerartiges Tier, in den Zähnen eine silberne Reitpeitsche; die runde Schnauze des tigerartigen Tieres war zur Seite gewandt; als Sofja Petrowna in diese Richtung den Blick warf, sah sie das wächserne Gesicht mit den vorstehenden Lippen, den Blick auf das grünliche, von Bazillen wimmelnde Wasser gerichtet; es schien, als barg dies Gesicht in sich einen teuflischen Gedanken, der in ihr seinen Widerklang gefunden hatte; denn quälend verfolgten sie in den letzten zwei Tagen die Worte aus der allbekannten Romanze:
Wir standen am Ufer der Newa Und sahen dem purpurnen Sonnenuntergang zu.
Und nun, er stand auf dem Ufer der Newa und sah dumpf auf das Grün, oder nein — er flog mit dem Blick in die Ferne, wo sich die Ufer breiteten, wo sich resigniert die Inselhäuser duckten, wo über den weißen Festungswänden hoffnungslos und kalt die qualvoll scharfe, herzlose, kalte Spitze der Petropawlowski-Festung zum Himmel ragte.
Es zog sie zu ihm — was sind Worte, was sind Gedanken! Aber er, er bemerkte sie wieder nicht; mit den vorstehenden Lippen und glasig erweiterten Augen ähnelte er in seinem weiten Mantel einem kleinen, armlosen Krüppel.
Als sie vorbei war, wandte sich Nikolai Apollonowitsch langsam um und ging mit raschem, trippelndem Schritt fort; an der Ecke vor der Brücke wartete sein Wagen; der bald dahinraste; und als sein Wagen Sofja Petrowna überholte, wandte Nikolai Apollonowitsch, während er, zum Hunde niedergebeugt, mit den Händen dessen Halsband herunternahm, den Blick der einsam schreitenden dunklen Gestalt zu, die ihr Näschen in den Muff gesteckt hat; er sah sie an, lächelte; doch der Wagen raste vorbei.
Plötzlich, unerwartet, begann der erste Schnee zu fallen; seine lebendigen Diamanten schimmerten tanzend im Lichtkreis der Laterne; nur ganz, ganz matt beschien der Lichtkreis auch eine Mauer des Palais, den Kanal und die kleine steinerne Brücke; leer war es rundum; eine einsame Droschke wartete auf jemand an der Ecke, und der Kutscher pfiff sorglos ein Liedchen; in der Droschke lag nachlässig hingeworfen ein weiter grauer Mantel.
Sofja Petrowna Lichutina blickte, auf der Brücke stehend, verträumt in die Tiefe; Sofja Petrowna Lichutin war schon öfters dagestanden; einmal stand sie auch mit ihm da; und sie sprach von den göttlichen, wundervollen, zauberhaften Klängen einer Oper und, mit dem Fingerchen dirigierend, sang sie halblaut:
»Tatam-tam-tam! . . . Tatam-tam-tam!«
Nun stand sie wieder da; ihre Lippen öffneten sich, das Fingerchen hob sich in die Höhe:
»Tatam-tam-tam! . . . Tamtam-tam-tam!«
Plötzlich hörte sie Schritte, die sich ihr rasch näherten. Sie sah sich um — und schrie nicht einmal auf: hinter der Palaisecke erschien der rote Domino, lief wie suchend bald hin, bald her und stürzte, die Frauengestalt auf der Brücke entdeckend, ihr entgegen; er stolperte vom Laufen und hielt die Maske weit vor sich, der kalte Newawind aber spielte mit dem schwarzen breiten Spitzenfächer. Sofja Petrowna Lichutina hatte angesichts der laufenden Maske kaum Zeit, sich klar darüber zu werden — daß der rote Domino eine Narrenmaske sei, daß ein geschmackloser Witzbold (und wir wissen, wer es war) mit ihr einfach einen Scherz machen wollte, daß hinter der Samtmaske sich ein menschliches Gesicht verbarg — Sofja Petrowna dachte (sie hatte ja so eine winzige Stirn), daß die Welt ein sonderbares Loch bekommen habe und daß sich auf sie aus diesem Loch, keinesfalls aber aus der umgebenden Welt, ein teuflischer Spaßvogel stürzte; wer dieser teuflische Spaßvogel sei, das hätte sie kaum zu erklären vermocht.
Als die schwarze Spitzenmaske stolpernd die Brücke erreichte, riß ein Windstoß an dem roten Narrenanzug so heftig, daß seine Flügel übers Geländer in die dunkelfarbige Nacht flogen; zum Vorschein kam ein wohlbekannter Anzug, und der furchtbare Domino verwandelte sich einfach in den armseligen Witzbold; in diesem Augenblick rutschte der Witzbold aus und fiel mit der ganzen Wucht seines Körpers zu Boden; über ihm aber klang jetzt lautes, unbändiges Lachen:
»Kleiner Frosch, Scheusal — roter Narr! . . .«
Ein flinker kleiner Frauenfuß stieß zornig gegen den Narren.
Längst des Kanals eilten inzwischen bärtige Männer daher, aus der Ferne ertönte das Polizeisignal; der Narr sprang auf; der Narr stürzte zur Droschke; man sah aus der Ferne, wie in der Droschke sich hilflos eine Gestalt bewegte, bemüht, den Mantel wieder über die Schulter zu ziehen. Sofja Petrowna begann zu weinen und verließ im Laufschritt die verruchte Stelle. Vom Kanal her lief bellend in der Richtung der Droschke die stumpfnasige Bulldogge: ihre kurzen Beine flitzten nur so dahin, und hinterher raste ein Gefährt, in dem zwei Schutzleute saßen.
Es winselte ein toller Hund
Sofja Petrowna lief gekränkt auf die andere Seite; gekränkt vergoß sie Tränen in ihren Muff; an das schreckliche, für sie ewig schmachvolle Geschehnis konnte sie nicht denken. Hätte Nikolai Apollonowitsch sie nur in anderer Weise beleidigt, hätte er sie lieber geschlagen, hätte er sich in seinem roten Domino übers Geländer gestürzt — sie würde ihr ganzes weiteres Leben mit grausigem Beben an ihn gedacht haben. Jetzt aber Rache, Rache!
Wie ein Sturm lief Sofja Petrowna in ihre Wohnung. Im hellen Vorzimmer hing ein Offiziersmantel mit Kappe: ihr Mann war also zu Hause. Ohne abzulegen, flog Sofja Petrowna ins Zimmer des Gatten; sie riß mit derber, prosaischer Geste die Tür auf, flog hinein: mit zerzauster Boa, weichem Muff und flammendem, flammendem Gesichtchen, das so unschön geschwollen war: flog hinein und blieb stehen.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schien sich zum Schlafengehen fertigzumachen; seine graue Joppe hing bescheiden auf dem Kleiderstock, er selbst aber in schneeweißem Hemd und Hosenträgern — lag auf den Knien, einer regungslosen, wie gebrochenen Silhouette gleich; er hatte ein matt glänzendes Heiligenbild vor sich, mit knisterndem Öllämpchen davor. Blaß zeichnete sich im Halbdunkel des Öllämpchens das Gesicht des Offiziers mit spitzem, blau erscheinendem Bärtchen und der zur Stirn gehobenen, blauen Hand; Hand, Gesicht, Bart und weiße Brust schienen wie geschnitzt aus festem, duftendem Holz; kaum merkbar bewegte Ssergeij Ssergeijewitsch die Lippen, kaum merkbar neigte er seine Stirn gegen das blaue Lichtchen, und kaum merkbar rührten sich die aneinandergepreßten blauen Finger an der Stirn, das Kreuz schlagend.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin drückte erst die bläulichen Finger auf die Brust und auf beide Schultern, verneigte und wandte sich dann wie gegen seinen Willen um. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin erschrak nicht, wurde nicht verlegen; sich vom Fußboden erhebend begann er gewissenhaft hängengebliebene Stäubchen von den Knien zu entfernen. Nach dieser etwas langsam vollführten Handlung fragte er ruhig:
»Was hast du, Ssonjuschka?«
Die gleichmütige Ruhe des Gatten reizte und beleidigte sogar Sofja Petrowna, ebenso wie das blaue Lichtchen dort in der Ecke. Mit einem scharfen Ruck fiel sie auf einen Stuhl, ihr Gesicht mit dem Muff deckend, und begann laut zu weinen.
»Aber Sonja . . . Nun beruhige dich doch . . . Beruhige dich doch, mein Kind! Kindchen, Kindchen! . . .«
»Lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . .«
»Was ist geschehen? Sag’! . . . Wir wollen uns beide ruhig darüber beraten.«
»Nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich! . . . Nichts . . . lassen Sie mich! Sie scheinen kaltes . . . aaaa . . . Fischblut zu haben . . .«
Verletzt trat Ssergeij Ssergeijewitsch beiseite, blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und ließ sich dann ebenfalls in einen Sessel nieder.
»Aaaa . . . Seine Frau so im Stich zu lassen! . . . Er verwaltet irgendwo dort den Proviant! . . . Geht fort! . . . Weiß nichts! . . .«
»Es ist nicht richtig, Ssonjuschka, wenn du glaubst, ich wüßte gar nichts . . . Sieh mal . . .«
»Sieh mal, Liebling: seit der Zeit, wo ich . . . in dieses Zimmer übersiedelte . . . Kurz, auch ich habe mein Selbstgefühl; dich aber will ich in deiner Freiheit, das mußt du wissen, nicht stören . . . Noch mehr: ich kann dich in deiner Freiheit nicht stören: ich verstehe dich; ich weiß, Liebling, sehr gut, daß es dir nicht leicht ist . . . Ich lebe, Ssonjuschka, in einer Hoffnung: vielleicht wird einmal wieder . . . Na, nicht, nicht! Aber verstehe mich auch: meine Fremdheit, meine, wie soll ich es nennen, Gleichgültigkeit kommt keinesfalls von Kälte . . . Nein, nicht, nicht! . . .«
»Du möchtest vielleicht Nikolai Apollonowitsch Ableuchow sehen? Es ist etwas zwischen euch vorgefallen, wie mir scheint! Erzähl’ mit doch alles: erzähle alles, ohne etwas zu verheimlichen: wir wollen dann beide über deine Situation nachdenken.«
»Sie dürfen nicht von ihm sprechen! . . . Er ist ein Schuft, ein Schuft. Ein anderer Mann würde ihn längst erschossen haben . . . Ihre Frau wird verfolgt, verhöhnt . . . Und Sie? . . . Nein, lassen Sie mich.«
Und verworren, erregt, mit auf die Brust gesenktem Köpfchen erzählte sie alles, alles.
Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin war ein einfacher Mensch. Einfache Menschen sind aber von einer unverständlichen, sinnlosen Tat mehr überrascht als von einer Gemeinheit, als von Mord und tierischer Bluttat. Ein Mensch kann Verrat, Verbrechen und Schmach menschlich verstehen. Verstehen aber heißt ja beinahe — rechtfertigen; wie ist es aber zu begreifen, wenn ein Mann aus guten Gesellschaftskreisen und, wie man annehmen konnte, ein durchaus ehrlicher Mensch, auf den absurden, sinnlosen Gedanken kommt, sich an der Schwelle eines Salons auf alle viere hinzustellen und die Falten seines Fracks in der Luft zu bewegen? Dies wäre, wie ich aussprechen muß, eine völlige Schufterei! Die Unbegreiflichkeit, die Zwecklosigkeit einer solchen schuftigen Handlungsweise kann keine Rechtfertigung finden, ebensowenig wie eine Gotteslästerung, Kirchenschändung oder ähnliche sinnlose Bosheiten. Nein, mag ein ehrlicher Mensch lieber straflos Staatsgelder veruntreuen, als sich auf alle viere stellen, denn durch eine Handlung wie die letztere wird alles geschändet.
Zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin deutlich vor, wie der Harlekindomino im unbeleuchteten Stiegenhaus ausgesehen habe und . . . Ssergeij Ssergeijewitsch begann zu erröten, bis er purpurn wurde: das Blut stieg ihm zu Kopfe. Er hatte ja schon als Kind mit Nikolai Ableuchow gespielt; später bewunderte er oft seine philosophischen Fähigkeiten; edelmütig erlaubte er Nikolai Apollonowitsch, sich zwischen ihn und seine Gattin zu stellen, weil er ihn für einen Mann aus guter Gesellschaft, für einen ehrlichen Mann hielt, und nun . . . zornerfüllt stellte sich Ssergeij Ssergeijewitsch den grimassierenden roten Domino im unbeleuchteten Stiegenhaus vor. Er erhob sich und begann erregt durchs winzige Zimmer zu schreiten; er ballte die Hand zu einer Faust und schwang sie bei den scharfen Kurven wuterfüllt in die Luft; wenn Ssergeij Ssergeijewitsch außer sich war (und das war zwei-, dreimal in seinem Leben geschehen), kam diese Geste immer wieder zum Vorschein; Sofja Petrowna verstand wohl diese Geste; sie fürchtete sich ein wenig: sie fürchtete sich immer — nicht vor der Geste, doch vor dem Schweigen, das die Geste ausdrückte.
»Was . . . was haben Sie?«
»Nichts . . . nichts weiter.«
Und Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin schritt durch das winzige Zimmer auf und ab, die Hand zu einer Faust geballt.
Der rote Domino! . . . Ekel, Ekel, Ekel! Dort stand er hinter der Eingangstür — ha?! . . .
Leutnant Lichutin empfand Ekel und Grauen . . . Seinen Brief unbeachtet lassen, ihn, den Offizier, durch eine harlekinische Missetat zu entehren, durch eine giftige Grimasse seine geliebte Frau zu beleidigen!!! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch gab sich das ehrliche Offizierswort, diese Schlange zu zertreten, zu zertreten; nach diesem Entschluß fuhr er fort, auf und ab durchs Zimmer zu spazieren, mit krebsrotem Gesicht, die Hände zu Fäusten geballt, den muskulösen Arm bei den scharfen Kurven in der Luft schwingend; selbst Sofja Petrowna war ängstlich geworden: ebenfalls rot, mit halb offenen Lippen, die ungetrockneten Tränen an den Wangen, verfolgte sie aufmerksam die Bewegungen ihres Gatten.
»Was haben Sie?«
Rauh klang jetzt die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. In ihr lag jetzt Drohung und unterdrückte Wut.
»Nichts . . . nur so . . .«
Aufrichtig gesagt, Ssergeij Ssergeijewitsch empfand in diesem Augenblick auch gegen seine geliebte Frau so etwas wie Ekel, als wäre auch sie an der schmachvollen harlekinischen Tat des roten Dominos beteiligt.
»Geh in dein Zimmer: leg’ dich schlafen . . . überlaß alles mir.«
Und Sofja Petrowna Lichutina erhob sich folgsam und suchte leise ihr Zimmer auf.
Allein geblieben, spazierte Ssergeij Ssergeijewitsch noch lange auf und ab und hüstelte. Von Zeit zu Zeit schwang er die eichene Faust über ein Tischchen, und es schien, als müßte es in Stücke zerfallen.
Doch die Faust löste sich.
Endlich begann er sich rasch auszuziehen; dann kroch er unter seine Decke; doch einen Augenblick später flog die Decke auf den Boden; Ssergeij Ssergeijewitsch setzte sich auf, starrte in die Dunkelheit und sagte vernehmlich flüsternd:
»Ah, Ah! Was sagen Sie dazu. Ich erschieße ihn wie einen Hund . . .«
Da ertönte hinter der Wand ein weinerliches, lautes Stimmchen.
»Was haben Sie?«
»Nichts . . . nur so . . .«
Ssergeij Ssergeijewitsch stieg wieder in sein Bett, zog die Decke über den Kopf und seufzte, flüsterte, drohte . . .
Sofja Petrowna rief nicht nach dem Mädchen. Sie entkleidete sich selbst und stand bald ganz in Weiß unter einer Fontäne von Kleidungsstücken, die sie in drei, vier Minuten um sich zu bilden verstand; dann warf sie sich ins Bett; jetzt saß sie, die Beine übereinandergeschlagen, das erboste Gesichtchen mit den vorstehenden Lippen und dem deutlich gezeichneten Schnurrbärtchen auf beide Arme gestützt.
Sofja Petrowna horchte auf die Laute hinter der Wand, dann horchte sie auf das Klavierspiel, das heute wie allabendlich über ihrem Kopfe tönte; dort wurde die Melodie einer Masurka gespielt; nach ihr hatte sie schon als zweijähriges Kind lachend mit ihrer Mutter getanzt. Durch die alten, ahnungslosen Töne legte sich Sofja Petrownas Zorn, verwandelte sich in Müdigkeit, in Apathie; sie begann sich über den Mann zu ärgern, in dem sie selbst die Eifersucht, wie sie es nannte, gegen den Andern geweckt hatte. Sofja Petrowna sah plötzlich ein, daß ihr Mann mit dem ganzen Vorfall nichts zu tun hatte; dieser Vorfall sollte ein Geheimnis zwischen ihr und dem Andern bleiben. Die Hinzuziehung des Gatten gestaltete die Angelegenheit in eine für sie beleidigende Form: Ssergeij Ssergeijewitsch würde aus diesem Geschehnis sicher ganz unzutreffende Schlüsse ziehen; vor allem würde er das Ganze keinesfalls verstehen: weder ihre süß-bangenden Gefühle noch die Verkleidungskomödie des Andern. Sofja Petrowna horchte auf die Töne der alten Masurka und auf das peinliche Geräusch hinter der Wand; aus der Fülle der schwarzen Haare blickte geängstigt das perlenfarbige Gesichtchen mit den dunkelblauen, jetzt matt schimmernden Augen.
Plötzlich fiel ihr Blick auf ihren Toilettenspiegel; dort lag der Brief, den sie ihm auf dem Ball übergeben sollte (sie hatte diesen Brief ganz vergessen). Im ersten Augenblick beschloß Sofja Petrowna, das Schreiben am nächsten Tag an Warwara Ewgrafowna zurückzusenden. Wie durfte man es wagen, sie mit Aufträgen an ihn zu belästigen! Sie würde ihn ohne Zweifel zurückschicken, wenn sich nicht ihr Mann in die Angelegenheit gemischt hätte (wenn er doch endlich einschlafen würde!); jetzt ärgerte sie sich über die Einmengung anderer, während sich in ihr ein Gefühl des Protestes erhob: schließlich war es ihre persönliche Angelegenheit, und sie hatte auch das vollständige Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren; wie wagte er es überhaupt, Geheimnisse vor ihr zu haben?). Mit einem Sätze war Sofja Petrowna am Tischchen; doch kaum hatte sie den Brief in Händen, als sie ein wütendes Flüstern hinter der Wand vernahm.
»Was haben Sie?«
Hinter der Wand antwortete man ihr:
»Nichts . . . nur so . . .«
Das Bett krachte, dann wurde alles still. Mit zitternder Hand brach Sofja Petrowna das Kuvert auf . . . und je weiter sie las, um so größer wurden ihre Augen. Der matte Ausdruck verschwand aus ihnen und verwandelte sich in schimmernden Glanz: das blasse Gesichtchen bekam erst das Rosa der Apfelblätter, dann wurde es rosarot und schließlich, als sie mit dem Lesen fertig war — einfach purpurn.
Jetzt war Nikolai Apollonowitsch ganz in ihrer Hand; sie erbebte bei der Vorstellung an den furchtbaren Schlag, den sie ihm jetzt für ihre zweimonatige Qual versetzen konnte; von diesen, ihren Händchen würde er diesen Schlag bekommen. Er hatte sie durch eine dumme Maskerade erschrecken wollen; doch dieselbe mißlang ihm und wurde zu einer Reihe von Blödigkeiten; nun sollte er jetzt das sühnen, was er in ihr hervorgerufen hatte! Ja, ja, ja: sie würde sich rächen durch die einfache Übergabe des geöffneten Briefes von so furchtbarem Inhalt. Einen Augenblick lang empfand sie Schwindel vor dem Weg, den sie, verleitet durch den roten Domino, betrat. Doch mag es geschehen: mag es der blutige Weg für den blutigen Domino werden!
Die Tür knarrte: Sofja Petrowna hatte kaum Zeit, den Brief zu verbergen, als sich auf der Schwelle ihr Gatte zeigte; er war ganz in Weiß: in weißem Hemd und Unterhose. Das Erscheinen eines ihr völlig fremden Menschen in so ungenierter Weise versetzte sie in Wut.
»Sie hätten sich doch wenigstens anziehen sollen.«
Ssergeij Ssergeijewitsch wurde verlegen und trat rasch aus dem Zimmer, einen Augenblick später aber erschien er wieder, mit einem Schlafrock bekleidet. Einfach, doch mit unangenehmer, bei ihm ungewohnten Schärfe sagte er ihr:
»Sophie . . . Sie müssen mir versprechen, ich bitte Sie sehr darum, morgen nicht zu den Zukatows zum Ball zu gehen . . .«
Schweigen.
»Ich hoffe, Sie versprechen mir das; die Vernunft wird es Ihnen selbst sagen: ersparen Sie mir weitere Erklärungen.«
Schweigen.
»Ich möchte, daß Sie selbst die Unmöglichkeit einsehen, nach dem Vorgefallenen diesen Ball zu besuchen.«
Schweigen.
»Wenigstens gab ich selbst für Sie das Offizierswort, daß Sie nicht auf dem Ball sein werden.«
Schweigen.
»Ich werde sonst genötigt, es Ihnen einfach zu verbieten.«
»Ich werde auf dem Ball sein . . .«
»Nein, Sie werden nicht dort sein!!«
Sofja Petrowna war überrascht von der hölzernen Stimme, mit der er es sagte.
»Nein, ich werde dort sein . . .«
Es entstand eine drückende Stille; man hörte nur ein seltsames Röcheln in der Brust des Offiziers. Er griff sich nervös an den Hals und bewegte den Kopf, wie bemüht, eine schwere Entscheidung abzuschütteln; mit übermenschlicher Kraft unterdrückte er einen drohenden Ausbruch; er ließ sich still auf einen Stuhl nieder und blieb stockgerade sitzen; mit unnatürlich leiser Stimme begann er:
»Sehen Sie: ich habe Sie nicht mit Fragen belästigt. Sie selbst haben mich zum Zeugen des Vorgefallenen gemacht.«
Ssergeij Ssergeijewitsch konnte das Wort »roter Domino« nicht aussprechen; instinktiv fühlte er sich vor einem Lasterabgrund, dem seine Frau, auf abschüssigem Wege, entgegenrannte; wo in diesem sinnlosen Treiben das Lasterhafte lag, konnte sich Ssergeij Ssergeijewitsch nicht sagen, doch er fühlte, daß es sich hier nicht um einen einfachen Roman, nicht um Untreue, selbst nicht um einen Fall handelte. Nein, nein, nein; hier schwebte über dem Ganzen das Aroma satanischer Erzesse, die wie Blausäure für immer die Seele seiner Frau zu vergiften drohten, er wußte: wird seine Frau morgen bei Zukatows erscheinen, wird sie dort den ekelhaften Domino sehen, dann ist alles verloren: die Ehre der Frau, seine Ehre als Offizier, alles.
»Sehen Sie, nach all dem, was Sie mir sagten, muß es Ihnen klar sein, daß Sie sich mit ihm nicht treffen dürfen, daß dies eine Schande, eine Schande wäre; endlich gab ich das Wort, daß Sie nicht hingehen würden. Haben Sie Erbarmen mit sich, Sophie, mit mir und auch . . . mit ihm, denn sonst . . . ich, ich weiß nicht . . . ich bürge für nichts . . .«
Doch Sofja Petrowna empörte sich immer mehr über die freche Einmengung dieses fremden Offiziers; eines Offiziers noch dazu, der es gewagt hatte, in ihrem Schlafzimmer in einem so unanständigen Aufzug zu erscheinen: sie hob irgendein Kleidungsstück vom Fußboden auf (sie hatte erst jetzt bemerkt, daß sie selbst im vollständigen Neglige war) und warf es über sich, darauf drückte sie sich in eine Ecke; und von dort aus dem Halbdunkel sagte sie entschlossen, das Köpfchen bewegend:
»Vielleicht wäre ich auch nicht hingefahren, aber jetzt, nachdem Sie sich so eingemengt haben, gehe ich hin, gehe ich gerade hin!«
»Nein, das werden Sie nicht!!!«
»Was ist es?« Es schien ihr, als krachte im Zimmer ein betäubender Schuß; gleichzeitig tönte ein unmenschlicher Schrei: eine dünne, heisere Fistelstimme schrie etwas Unverständliches; ein eichener Mann sprang in die Höhe; ein Sessel fiel krachend um, und ein Faustschlag schlug das billige Tischchen entzwei, dann flog krachend die Tür ins Schloß, und alles war ruhig . . .
Die Masurka oben brach ab, Schritte und Stimmen wurden hörbar; schließlich begann der beunruhigte Nachbar mit einem Besenstiel am Boden zu klopfen, um damit von oben in gebildeter Weise seinem Protest Ausdruck zu geben.
Sofja Petrowna Lichutina saß zusammengekauert in der Ecke und weinte: zum erstenmal im Leben stand sie vor solchem Wutausbruch; der Mensch, der soeben vor ihr stand . . . das war kein Mensch, das war . . . nicht einmal ein Tier. Vor ihr hatte soeben ein wütender, toller Hund geheult.
Der zweite Raum des Senators
Das Schlafzimmer Apollon Apollonowitschs war einfach und klein: vier graue perpendikuläre Wände und ein einziger Fensterausschnitt mit weißen Spitzengardinen; ebenso weiß waren die Bettlaken, Handtücher und Kissenüberzüge; vor dem Schlafengehen des Senators spritzte der Kammerdiener die Bettlaken mit einem Pulverisator ein.
Apollon Apollonowitsch gebrauchte nur das Eau de Cologne des Petersburger Chemischen Laboratoriums.
Weiter stellte der Kammerdiener ein Glas mit Zitronenlimonade auf das Nachttischchen und entfernte sich dann, Apollon Apollonowitsch entkleidete sich selbst.
Mit großer Korrektheit zog er seinen Schlafrock aus, mit ebensolcher Korrektheit faltete er ihn zusammen und warf ihn geschickt über die Lehne des Stuhles; mit größter Korrektheit zog er dann auch Sakko und Hose aus; in gestrickter, fest anliegender, weißer Unterhose und im Hemd pflegte er vor dem Schlafengehen seine gymnastischen Übungen zu machen.
Diese nützlichen Übungen machte er besonders eifrig an jenen Tagen, an denen er an Hämorrhoiden litt.
Nach den nützlichen Übungen zog er die Decke über sich, um sich der friedlichen Ruhe hinzugeben und die Reise zu beginnen: denn der Schlaf (das fügen wir von uns hinzu) ist eben nichts anderes als eine Reise.
Das alles vollführte Apollon Apollonowitsch auch heute. Bis zum Kopf in die Decke gehüllt, schwebte er bereits in der zeitlosen Leere.
Aber da werden wir unterbrochen, und man fragt uns: »Wieso Leere? Und die Wände, der Boden? Und . . . so weiter? . . .«
Wir antworten:
Apollon Apollonowitsch sah immer zwei Räumlichkeiten vor Augen: eine war die materielle (die Zimmerwände, die Wände des Wagens usw.), die andere — nicht gerade die geistige . . . (die materielle aber keinesfalls) . . . Also, über seinem Kopf sah der Senator Ableuchow sonderbare Strömungen: funkelnde, gleißende, aber auch neblige, irisierende Flecke, aus sich drehenden Zentren hervorgehend, im Halbdämmer die Grenzlinien der materiellen Flächen verschleiernd; so schwirrte Raum im Raum, und letzterer, alles andere verdeckend, verband sich mit dem Unermeßlichen der sich bewegenden, sich biegenden Perspektiven, deren Inhalt aus . . . so etwas wie Tannennadeln, Sternchen, Fünkchen, Flämmchen bestand. Apollon Apollonowitsch pflegte vor dem Einschlafen die Augen zu schließen und sie dann wieder zu öffnen; wobei sich folgendes ergab: die Flämmchen, Nebelflecke, Fäden und Sternchen fügten sich wie aufsteigender heller Schaum brausender, übergroßer Dunkelheiten plötzlich zu wahrnehmbaren, deutlichen Bildern (für eine Viertelsekunde nur): zu einem Kreuz, zu einem Brillanten, zu einem Vieleck, zu einem Schwan, zu einer lichterfüllten Pyramide. Dann zerstob alles. —
Apollon Apollonowitsch besaß ein seltsames Geheimnis: die Welt der mathematischen Figuren, der Konturen, der Zitterigkeiten, der absonderlichen physischen Empfindungen — kurz: ein All der Seltsamkeiten. Dieses All entstand immer vor dem Schlafengehen und entstand so, daß Apollon Apollonowitsch in diesem Augenblick alle früheren Unvernehmbarkeiten, Geräusche, kristallographischen Figürchen, goldene, im Finstern sich tummelnde chrysanthemenartige Sterne auf vielfüßigen Strahlen wahrnahm (manchmal übergoß ein solcher Stern des Senators Schädel mit flüssigem Gold, dann lief es ihm kalt über den Schädel); kurz, er erinnerte sich alles dessen, was er am Tage vorher gesehen hatte und dessen er sich folgenden Morgen wohl nicht mehr erinnerte.
Manchmal (nicht immer) merkte Apollon Apollonowitsch beim Schlafengehen, in den letzten Momenten seines Tagesbewußtseins, daß alle Fäden, alle Sterne, einen kochenden Wirbel bildend, aus sich einen Korridor bauten, der ins Unendliche lief; und (was das Seltsamste war) er fühlte, daß dieser Korridor seinen Anfang im Senatorkopfe hatte, daß er, der Korridor — eine unendliche Fortsetzung des Kopfes selbst sei, seines Kopfes, dessen Scheitel sich öffnete, um eine Fortsetzung zum Unermeßlichen zu bilden; und so gewann der alte Senator vor dem Einschlafen den höchst sonderbaren, eigentümlichen Eindruck, als sähe er nicht mit den Augen, sondern mit dem Zentrum seines Kopfes, das heißt, als sei er, Apollon Apollonowitsch, nicht er, sondern ein Etwas, das in seinem Hirn saß und von dort aus alles ansah; wurde der Scheitel geöffnet, konnte jenes Etwas frei und ohne Hemmung über den Korridor bis zu dem in unendlich weiter Ferne liegenden Abgrundsrand laufen.
Das war die zweite Räumlichkeit des Senators — das Land seiner allnächtlichen Reisen; und nun genug davon . . . ja.
Den Senatorkopf in die Decke gehüllt, schwebte er bereits über der zeitlosen Leere, der lackierte Fußboden löste sich schon von den Beinen des Bettes, und dieses stand sozusagen im Unbekannten — als des Senators Ohren sonderbare Laute vernahmen, ähnlich denen aufschlagender Hufe.
»Tra — ta — ta . . . Tra — ta — ta . . .«
Die Laute kamen näher.
Seltsam, höchst seltsam: der Senator schob ein Ohr aus der Decke hervor — ja: es scheint richtig — aus dem Spiegelsaal kam das Geräusch.
Apollon Apollonowitsch schob den Kopf hervor.
Die Laute klangen noch immer: Apollon Apollonowitsch sprang auf und lief in den Korridor.
Der Mond beschien die stillen Zimmer.
Mit bloßen Beinen, mit brennender Kerze in der Hand spazierte der Senator durch die Räume. Die plötzlich aufgetauchte Bulldogge folgte ihrem beunruhigten Herrn und wedelte wohlwollend mit dem abgehackten, halben Schwanze.
Wie ein flacher Holzdeckel wiegte sich keuchend die haarige Brust, während das blaßgrüne Ohr lauschte. Zufällig fiel der Blick des Senators in einen Spiegel; der zeigte ein seltsames Bild: seine Arme, Beine und Brust waren mit dunkelblauem Atlas überzogen.
Apollon Apollonowitsch schöpfte Atem und lief in den Saal: von woher die Laute drangen.
»Tra — ta — ta . . . Tra — ta — ta . . .«
Schimpfend hallte des Senators Stimme:
»Nach welchem Paragraphen des Gesetzes?«
Dies rufend sah er, daß die gleichmütige Bulldogge, friedlich und verschlafen, neben ihm herlief. Doch — welche Frechheit! — Aus dem Saal erwiderte eine Stimme:
»Auf Grund einer außerordentlichen Verfügung.«
Über die freche Antwort empört, lief der blaue Ritter in den Saal, und Apollon Apollonowitsch sah jetzt: die Laute waren nichts anderes als das Zungenschnalzen eines elenden, tanzenden Mongolen: eines dicken Mongolen, dessen Physiognomie er in Tokio gesehen hatte (der Senator war einmal nach Tokio geschickt worden) —, und dieser dicke Mongole eignete sich das Gesicht des Nikolai Apollonowitsch an; eignete es sich an, sagte ich, denn er war nicht Nikolai Apollonowitsch, sondern ein gewöhnlicher Mongole, den der Senator früher in Tokio gesehen hatte. Dies zu begreifen, weigerte sich der Senator, mit den Fäustchen die erstaunten Augen reibend. Der Mongole aber (Nikolai Apollonowitsch) näherte sich ihm in eigennütziger Absicht.
Da rief der Senator zum zweitenmal:
»Nach welchem Gesetz? Und nach welchem Paragraphen?«
Und die Räumlichkeit antwortete ihm:
»Es gibt jetzt schon keine Paragraphen und keine Gesetze.«
Plötzlich der Schwere beraubt, ja selbst des Empfindens der Körperlichkeit, ganz Gesicht und Gehör, von jedem anderen Gefühl befreit, hob er die Stellen der Augen (denn die Augen waren nicht mehr: jede Körperlichkeit war ja entschwunden!) in die Richtung seines eigenen Scheitels und merkte, daß kein Scheitel mehr existierte, denn dort, wo sonst das Hirn von festen Knochen gehalten wurde, war jetzt eine runde Öffnung, die zur dunkelblauen Ferne strahlte, und über dieser Öffnung hing ein rotierendes Rad aus tanzenden, sprühenden Funken; im Augenblick, als Apollon Apollonowitsch den Mongolen an seinen kraftlosen Körper heranschleichen fühlte — im selben Augenblick begann ein Etwas, das wie der Wind im Schornstein heulte und pfiff, das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs in die unendlichen Sternfernen emporzuziehen.
Hier geschah ein Skandal (das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs konstatierte, daß schon einmal ein ähnlicher Fall vorgekommen war: wo, wann — dessen erinnerte er sich nicht) — hier geschah ein Skandal: der Wind blies das Bewußtsein Apollon Apollonowitschs aus Apollon Apollonowitsch. Durch die runde, strahlende Öffnung flog er hinaus in das Blau der Gestirne als goldener, federleichter Stern; als er genügend hoch über seinem eigenen Kopfe schwebte (der ihm als Planet erschien); zerstob der goldene Stern, einer Rakete gleich, lautlos in Luft . . .
Ende des dritten Kapitels.