Erstes Kapitel
Nadja Strasser translation
Apollon Apollonowitsch Ableuchow
Apollon Apollonowitsch Ableuchow war von höchst würdiger Abstammung: er hatte Adam zum Vorfahren gehabt. Das war aber die Hauptsache nicht: viel wichtiger war, daß sein edelst geborener Ahne Sem gewesen war, also der eigentliche Ahnherr der semitischen, chetitischen und farbigen Völker.
Hier wollen wir aber zu den Vorfahren weniger ferner Epochen einen Übergang tun.
Diese Vorfahren lebten im kirgiskaijsakischen Hordenstaat, und von da aus trat Mirsa Ab-Lai, Ururgroßvater des Senators, der in der christlichen Taufe den Vornamen Andreij und den Rufnamen Uchow bekommen hatte, zur Regierungszeit Anna Joannownas ruhmvoll in den russischen Dienst ein. So berichtet über dieses Hervorgehen aus den Tiefen einer mongolischen Rasse des Russischen Reiches Wappenkalender. Dann wurde der Kürze wegen Ab-Lai-Uchow in Ableuchow verwandelt.
Dieser Ururgroßvater wurde, der Überlieferung nach, zum Urquell des ganzen Geschlechts.
Ein mit Goldtressen geschmückter, grauer Lakai staubte mit einem Federbusch den Schreibtisch ab; in der offenen Tür zeigte sich die Papiermütze des Kochs.
»Er ist schon auf, was?«
»Reibt sich mit Eau de Cologne ab, wird gleich zum Kaffee erscheinen.«
»Morgens sagte der Briefbote, für den gnädigen Herrn sei ein Briefchen aus Hispanien gekommen: mit hispanischer Marke.«
»Ich mache Sie aufmerksam: Sie sollten Ihre Nase weniger in die Briefsachen stecken.«
»Anna Petrowna ist also . . .«
»Na ja: also . . .«
»Aber ich — ich meine es nur so . . . Was bin ich: nichts . . .«
Des Kochs Kopf verschwand im Nu: Apollon Apollonowitsch Ableuchow schritt in sein Arbeitszimmer herein.
Ein auf dem Tisch liegender Bleistift fesselte die Aufmerksamkeit Apollon Apollonowitschs. Er faßte einen Beschluß: dem Ende des Bleistiftes eine spitze Form zu geben. Rasch näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach . . . einem Briefbeschwerer, den er lange in tiefer Nachdenklichkeit in der Hand drehte, ehe er bemerkte, daß er einen Briefbeschwerer und nicht einen Bleistift in der Hand hielt.
Die Zerstreutheit kam daher, daß ein tiefer Gedanke ihn im selben Augenblick erleuchtete; und sogleich, zur ganz ungeeigneten Zeit (Apollon Apollonowitsch mußte eilig ins Amt), entwickelte sich der Gedanke zu einem fortlaufenden Gedankengang. In dem Tagebuch, das im Jahr seines Todes zu erscheinen hatte, war eine neue Seite dazugekommen.
Nachdem er den Gedankengang eilig aufgeschrieben, dachte Apollon Apollonowitsch: »Jetzt ist es Zeit in den Dienst.« Und er schritt weiter in das Speisezimmer, um seinen Kaffee zu sich zu nehmen.
Vorerst begann er mit peinlicher Beharrlichkeit den alten Kammerdiener auszuforschen:
»Ist Nikolai Apollonowitsch schon auf?«
»Nein, der junge Herr sind noch nicht aufgestanden.«
»Ä — ä . . . sagen Sie: wann eigentlich . . . sagen Sie, wann pflegt Nikolai Apollonowitsch sozusagen . . .«
»Ja, der junge Herr stehen ein wenig spät auf . . .«
»Na, wie denn, ein wenig spät?«
Und sogleich, ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er, nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen hatte, weiter, um seinen Kaffee zu trinken.
Es war genau halb zehn.
Um zehn fuhr er, der Alte, ins Regierungsamt. Nikolai Apollonowitsch aber, der Jüngling, erhob sich aus dem Bett — zwei Stunden später. Jeden Morgen erkundigte sich der Senator nach der Aufstehzeit des Jüngeren. Und jeden Morgen faltete er unzufrieden das Gesicht.
Nikolai Apollonowitsch war des Senators Sohn.
Kurz, er war das Haupt eines Regierungsamtes . . .
Apollon Apollonowitsch Ableuchow zeichnete sich durch ruhmvolle Taten aus; mehr als ein Stern ist auf seine goldbestickte Brust niedergefallen: der Stern des Stanislaus und der Anna sogar: sogar der Stern des Weißen Adlers.
Und vor kurzem erglänzten an dem Wohnsitz patriotischer Gefühle die Strahlen des Diamantzeichens, nämlich: das Ordenszeichen — des Alexander Newski.
Wie war nun die gesellschaftliche Stellung der aus dem Nichts hier ins Leben gerufenen Persönlichkeit?
Ganz Rußland kannte Ableuchow wegen der ungemeinen Länge der von ihm gehaltenen Reden; diese Reden glänzten und spritzten geräuschlos Gifte auf die feindliche Partei; das Resultat dessen war, daß die Anträge dieser feindlichen Partei an den Stellen, auf die es ankam, abgelehnt zu werden pflegten. Mit der Einsetzung Ableuchows auf den verantwortlichen Posten hörte die Tätigkeit des neunten Departements auf. Gegen dieses Departement führte Ableuchow einen zähen Kampf auf dem Wege des Papiers oder, wo es anging, durch Reden. Die Reden des Senators durchflogen Kreise und Gouvernements, von denen manche ihrer Ausdehnung nach dem Deutschen Reich nicht nachstanden.
Apollon Apollonowitsch war das Haupt eines Regierungsamtes.
Eines Regierungsamtes, das Ihnen wohl bekannt ist.
Wollte man die saftlose, gänzlich unansehnliche, kleine Gestalt meines Helden mit der unermeßlichen Größe der von ihm betriebenen Mechanismen vergleichen — man würde wohl für lange Zeit in naives Staunen verfallen; und in der Tat: es staunten ausnahmslos alle über den Wettersturz geistiger Kräfte, der aus diesem Schädel — ganz Rußland und allen Departements, mit Ausnahme eines einzigen, zum Trotz — hervorgebrochen war; und nun ruhte das Haupt jenes einzigen Departements, dem Willen des Schicksals gehorchend, seit zwei Jahren unter des Grabes Stein.
Mein Senator war gerade achtundsechzig alt geworden; und sein Gesicht, das blasse, erinnerte bald an den grauen Briefbeschwerer (in feierlichen Augenblicken), bald an Papiermaché (in Mußestunden); die steinernen Senatoraugen, umgeben von schwarz-grünem Graben, schienen in Momenten der Müdigkeit noch blauer und riesenhafter.
Unsererseits fügen wir hinzu: Apollon Apollonowitsch regte sich beim Anblick seiner vollständig grünen, auf dem blutroten Fond des brennenden Rußland ungeheuer vergrößerten Ohren keinesfalls auf. So war er nämlich vor kurzem abgebildet: auf dem Titelblatt einer humoristischen Gassenrevue, eines der »judaischen« Blättchen, deren blutrote Umschläge in jenen Tagen sich auf den menschenwimmelnden Straßen mit erstaunlicher Raschheit vermehrten . . .
Nordost
Im eichenen Speisezimmer erklang das Keuchen der Uhr; der graue Kuckuck stieß, sich verneigend und zischend, seinen Ruf aus; auf das Zeichen des altertümlichen Kuckucks nahm Apollon Apollonowitsch vor der Porzellantasse Platz und brach knusperige Stückchen vom Weißbrot ab. Beim Kaffee dachte Apollon Apollonowitsch an die früheren Jahre zurück; und — sogar, ja sogar — leicht zu scherzen pflegte er beim Kaffee:
»Wer ist der Würdigste unter allen Menschen, Ssemjonytsch?«
»Ich denke mir, Apollon Apollonowitsch, der Würdigste unter allen wird der Geheime Wirkliche Rat sein.«
Apollon Apollonowitsch lächelte nur mit den Lippen.
»Sie denken nicht richtig: Der Würdigste unter allen ist der Kaminkehrer . . .«
Der Kammerdiener kannte bereits den Scherz, doch die Ehrfurcht gebot Schweigen darüber.
»Warum, gnädiger Herr, wenn ich fragen darf, dem Kaminkehrer diese Ehre?«
»Vor dem Wirklichen Geheimen Rat weicht man aus, Ssemjonytsch?«
»Ich denke — so ist’s, Exzellenz . . .«
»Der Kaminkehrer . . . vor ihm weicht selbst der Wirkliche Geheime Rat aus, denn: er beschmutzt, der Kaminkehrer.«
»So ist also die Sache«, meinte ehrfurchtsvoll der Kammerdiener.
»So ist es; aber es gibt ein Amt, das noch würdiger ist . . .« Und gleich darauf:
»Das eines Wasserklosettarbeiters . . .«
»Pff! . . .«
»Vor diesem weicht nicht nur der Wirkliche Geheime Rat, sondern selbst der Kaminkehrer aus . . .«
Und — einen Schluck Kaffee. Wir bemerken aber: Apollon Apollonowitsch war ja selbst Wirklicher Geheimer Rat.
»Ja, Apollon Apollonowitsch, auch das noch: Anna Petrowna erzählte einmal . . .«
Bei den Worten »Anna Petrowna« brach der grauhaarige Kammerdiener ab.
»Den grauen Mantel?«
»Den grauen Mantel.«
»Ich denke, auch die grauen Handschuhe?«
»Nein, geben Sie mir die Wildlederhandschuhe . . .«
»Geruhen Exzellenz einen Augenblick zu warten: die grauen Handschuhe haben wir ja im Schrank, Fach C, Nordwest.«
Nur ein einziges Mal ging Apollon Apollonowitsch in die Kleinigkeiten des Lebens ein: er führte einmal eine Revision seines Inventars durch. Ordnungsmäßig war das Inventar registriert und eine Nomenklatur der großen und kleinen Fächer eingeführt; es entstanden Fächer mit Lettern: a, b, c, und die vier Seiten der Fächer bekamen die Bezeichnung der vier Weltgegenden.
Wenn er eine Brille auf den Platz gelegt hat, notierte Apollon Apollonowitsch auf seiner Liste mit kleiner, perlenartiger Schrift: Brille—Fach b, NO, d. h. Nordost; eine Kopie dieser Liste bekam der Kammerdiener, der die Richtungen der kostbaren Toilettengegenstände auswendig gelernt hat; fehlerlos skandierte er nachts in schlaflosen Stunden diese Richtungen herunter.
Brief mit spanischer Marke
Auf dem Tisch erhob sich eine kalte, langbeinige Bronze; des Lampenschirms rosig-violette Farbe schimmerte nicht: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas dunkelte ab von der Zeit, und ebenso die feine Zeichnung.
Die goldenen Trumeaus zwischen den Fenstern verschlangen überall mit dem Grün ihrer Spiegelflächen den Salon; Perlmuttertischchen schimmerten neben jedem Trumeau.
Sich mit der Hand auf die fein geschliffene Kristallklinke stützend, öffnete Apollon Apollonowitsch rasch die Tür; seine Schritte hallten auf dem glänzenden Parkett; überall an allen Ecken standen Haufen kleiner Nippsachen aus Porzellan; diese Nippsachen brachten sie mit aus Venedig, er und Anna Petrowna, vor — vor nun dreißig Jahren.
Seine Augen glitten zum Klavier hinüber.
Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: eine weiße Petersburger Nacht; hinter den Fenstern ein breiter Fluß; der Mond stand oben, und es rauschte eine Roulade von Chopin: ja, er weiß es noch; Chopin (nicht Schumann) hatte Anna Petrowna gespielt . . .
Apollon Apollonowitsch ließ sich in einen Empiresessel nieder, wo auf dem blaßblauen Atlas des Sitzes Kränzchen sich wanden, seine Hand griff nach dem chinesischen kleinen Tablett, auf dem ein Paket uneröffneter Briefe lag; sein kahler Kopf neigte sich über die Briefe. In Erwartung des Kammerdieners mit der Meldung: »Der Wagen wartet« vertiefte er sich in die Morgenpost.
Die Kuverte wurden erbrochen, eins nach dem anderen.
»Hm . . . So—o, so—o— so—o: schön . . .«
Und eines der Kuverte wurde sorgfältig eingesteckt.
»Hm . . . Bittgesuch . . .«
»Bittgesuch, Bittgesuch . . .«
Ein Umschlag aus massivem grauen Papier, versiegelt, mit Wappenzeichen, ohne Marke, mit Siegellackpetschaft.
»Hm . . . Graf Dublwe . . . Was mag’s wohl sein? Bittet, im Bureau zu empfangen . . . Persönliche Angelegenheit . . .«
»Hm . . . Aha! . . .«
Graf Dublwe, das jetzige Oberhaupt des neunten Departements, war der Gegner des Senators.
Weiter . . . Ein blaßrotes Miniaturkuvert; die Hand des Senators erbebte, Anna Petrownas Schrift; er besah sich die spanische Marke, brach aber das Kuvert nicht auf:
»Hm . . . Geld? . . .«
»Geld war ja abgeschickt?«
»Es wird geschickt werden!! . . .«
»Hm . . . notieren . . .«
In der Meinung, einen Bleistift aus der Tasche gezogen zu haben, hielt er ein beinernes Nagelbürstchen in der Hand und wollte gerade die Notiz: »Zurücksenden« machen, als . . .
»— ? . . .«
»Der Wagen wartet . . .«
Apollon Apollonowitsch hob den kahlen Kopf und schritt hinaus aus dem Zimmer.
An den Wänden hingen Bilder, deren ölig schimmernde Leinwand nur mit Mühe Französinnen unterscheiden ließ, die wie Griechinnen aussahen, in engen Direktoire-Tuniken und riesenhohen Frisuren.
Über dem Klavier hing eine verkleinerte Kopie des Bildes von David: »Distribution des aigles par Napoléon premier.«
Kalt war die Pracht des Salons wegen des vollständigen Mangels an Teppichen; der Parkettboden glänzte; würde ihn die Sonne einen Augenblick bescheinen, die Augen würden von selbst sich geschlossen haben. Kalt war dieses Gastzimmers Gastfreundschaft.
Senator Ableuchow aber hat diese Kälte zum Prinzip erhoben.
Sie prägte sich: im Wirt, in den Bronzen, in den Dienern, selbst in der tigerähnlichen, dunkelfarbigen Bulldogge, die irgendwo in der Nähe der Küche lebte.
Mit der Abreise Anna Petrownas verstummte der Salon; der Deckel des Klaviers klappte zu, keine Roulade erklang mehr.
Ja, was Anna Petrowna betrifft — oder einfacher gesagt, was den Brief aus Spanien betrifft: kaum war Apollon Apollonowitsch hinausgeschritten, begannen zwei Lakaien miteinander zu plappern:
»Er las den Brief nicht . . .«
»I wo: fällt ihm nicht ein, ihn zu lesen . . .«
»Wird er ihn zurückschicken?«
»Wahrscheinlich ja.«
»So ein Stein von einem Menschen, Gott sei mir gnädig.«
»Ich will Ihnen was sagen: Sie sollten delikater in Ihren Ausdrücken sein.«
Während Apollon Apollonowitsch ins Vorzimmer schritt, sah der grauhaarige Kammerdiener, ebenfalls hinschreitend, zu den würdigen Ohren empor und drückte in der Hand seine Tabakdose — ein Geschenk des Ministers.
Apollon Apollonowitsch blieb auf der Treppe stehen und suchte nach einem Wort.
»Mm . . . hören Sie . . .«
»Exzellenz?«
Apollon Apollonowitsch suchte nach einem passenden Wort.
»Was im allgemeinen — ja — macht . . . macht . . .«
»—? . . .«
»Nikolai Apollonowitsch.«
»Nichts weiter, Apollon Apollonowitsch, der junge Herr befinden sich wohl.«
»Und sonst?«
»Wie immer: Der junge Herr geruhen sich einzusperren, lesen Bücher.«
»Auch Bücher?«
»Dann promenieren der junge Herr durch die Zimmer.«
»Promenieren — ja, ja . . . Und . . . Und? Wie?«
»Der junge Herr promenieren . . . im Schlafrock . . .«
»Lesen, promenieren . . . So. Weiter?«
»Gestern erwarteten der junge Herr . . .«
»Erwarteten — wen?«
»Den Kostümeur . . .«
»Was für einen Kostümeur?«
»Den Kostümeur.«
»Hm — hm . . . Wozu denn eigentlich?«
»Ich denke mir, der junge Herr wollten zu einem Ball . . .«
»Aha — so . . . zu einem Ball . . .« Apollon Apollonowitsch rieb sich an der Nasenwurzel: ein Lächeln erhellte sein Gesicht, es wurde plötzlich greisenhaft.
Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder und schritt durch die geöffnete Tür.
Der Wagen raste in den Nebel
Reif lag auf den Straßen, Trottoiren und Dächern. Reif bedeckte die Passanten; beschenkte sie mit Grippe; zugleich mit dem feinen Regenstaub kroch Influenza und Grippe hinter die aufgeschlagenen Kragen der Gymnasiasten, Studenten, Staatsbeamten, Offiziere und der gewöhnlichen Subjekte; und das Subjekt (der Bürger sozusagen) sah sich geängstigt um; er sah in die graue, abgeschlissene Straße; er zirkulierte durch die Endlosigkeit der Straßen, überwand, ohne Murren, diese Endlosigkeit, im endlosen Fluß ebensolcher Subjekte wie er, unter dem Rennen, Rasseln, Klappern der Droschken, fern von sich die melodischen Stimmen der Automobilrouladen und des anwachsenden Geräusches (das dann allmählich wieder verhallte) der gelbroten Trambahnen, unter ununterbrochenem Rufen der Zeitungsverkäufer.
An diesem düsteren Petersburger Morgen flogen die schweren Flügeltüren des prunkvollen gelben Hauses auf: das gelbe Haus blickte mit all seinen Fenstern auf die Newa. Ein Lakai mit rasiertem Gesicht, mit Goldtressen an den Reversen, sprang aus dem Entresol hervor, um dem Kutscher ein Zeichen zu geben. Die grauen, scheckigen Pferde zogen an und rollten zum Vestibül den Wagen heran, der ein altes Adelswappen trug: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend.
Als Apollon Apollonowitsch Ableuchow in grauem Mantel und Zylinder mit steinernem, einem Briefbeschwerer ähnlichem Gesicht, im Gehen den schwarzen Wildlederhandschuh anziehend, rasch im Vestibül erschien und noch rascher die Wagenstufe betrat, wurde der Gesichtsausdruck eines gerade vorübergehenden braven Polizisten im Nu noch dümmer, und er streckte sich starr in Positur.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow warf einen flüchtigen, verlorenen Blick auf den Polizisten, auf den Wagen, den Kutscher, auf die große schwarze Brücke, auf den Newaspiegel, hinter dem sich neblige, vielschlotige Fernen zeichneten und von wo her ängstlich die Wassiljewski-Insel hervorblickte.
Der graue Lakai schlug eilig die Wagentür zu. Der Wagen rannte in den Nebel hinein: der zufällig vorübergehende Polizist, erschüttert von allem Gesehenen, blickte lange, lange über die Schulter in den schmutziggrauen Nebel dem fortgerasten Wagen nach; dann seufzte er und ging weiter; bald verschwanden im Nebel auch die Schultern des Polizisten wie alle Schultern, Rücken, alle grauen Gesichter und alle schwarzen, nassen Regenschirme in diesem Nebel verschwanden. In dieselbe Richtung warf auch der würdige Lakai einen Blick; er blickte dann nach rechts, nach links, auf die Brücke, zuletzt auf die weite Fläche der Newa . . .
Quadrate, Parallelepipede, Kuben
»He, he . . .«
So schrie der Kutscher . . .
Und die Räder spritzten auf alle Seiten Straßenkot.
Der Wagen raste auf den Newskij-Prospekt. Apollon Apollonowitsch Ableuchow wiegte sich auf dem Atlaspolster des Sitzes; von dem Dreck der Straße war er durch vier perpendikuläre Wände getrennt; war auch von den vorbeiflutenden Menschenmengen getrennt, von den trübselig nassen, roten Umschlägen der Gassenblättchen, die an der Straßenkreuzung dort verkauft wurden.
Die Regelmäßigkeit und Symmetrie beruhigten die Nerven des Senators, die durch Unebenheiten des häuslichen Lebens und dem hilflosen Kreisen unseres Staatsrades erregt waren.
Harmonische Einfachheit war das Kennzeichen seines Geschmacks.
Am meisten liebte er die geradlinige Straße; diese Straße mahnte ihn an den Fluß der Zeit, zwischen zwei Punkten des Lebens.
Nasse, glitschrige Straßen: Häuser in Kubusform als regelmäßige fünfstöckige Reihen; von der Linie des Lebens unterscheiden sich dieselben nur in einer Beziehung: diese Reihen hatten weder Ende noch Anfang. Begeisterung erfüllte jedesmal die Seele des Senators, wenn sein lackierter Kubus wie ein Pfeil die Linie des Newskij durchschnitt. Dort hinter den Fensterscheiben liefen die Nummern der Häuser vorbei, eine Zirkulation ging dort vor sich; dort schimmerten an klaren Tagen von weit, weit her blendend: die goldene Spitze1), die Wolken, der rote Strahl des Sonnenuntergangs; und dort sah man an nebligen Tagen — nichts, niemand.
Weiter aber waren die Linien der Newa, der Inseln.
Apollon Apollonowitsch liebte diese Inseln nicht: die Bevölkerung dort waren Fabrikarbeiter, roh; ein vieltausendköpfiger Menschenschwarm wälzte sich dort morgens zu den vielschlotigen Fabriken; er wußte, jetzt zirkulierte dort der Browning. Und noch an etwas anderes dachte Apollon Apollonowitsch: Die Bewohner der Inseln zählen zu der Bevölkerung des Russischen Reiches; auch dort ist die allgemeine Volkszählung durchgeführt: auch sie haben numerierte Häuser, Polizeireviere, Staatsinstitute; der Insulaner ist: Advokat, Schriftsteller, Arbeiter, Polizeibeamter; er hält sich für einen Bürger Petersburgs, doch ist er Bürger des Chaos, er bedroht des Reiches Residenz aus herannahender Wolke . . . Apollon Apollonowitsch wollte nicht weiter denken: voll Unruhe sind diese Inseln — niederstampfen, niederstampfen! Durch das Eisen einer riesigen Brücke an den Boden festschmieden und in alle Richtungen durch Straßenpfeile durchbohren . . . Und so verträumt blickend in die Endlosigkeit der Nebel, wuchs der Staatsmann aus dem schwarzen Kubus seines Wagens heraus, dehnte sich auf alle Seiten und reckte sich in die Höhe empor; er wünschte, sein Wagen möge vorwärts rasen, daß die Straßen ihm entgegen flögen — eine Straße nach der anderen; daß die ganze sphärische Oberfläche des Planeten wie durch Schlangenringe durch schwarzgraue Häuserkuben eingefaßt würde; daß die ganze von Straßen zusammengedrängte Erde im kosmischen Linienlauf die Endlosigkeit wie ein geradliniges Gesetz durchschnitt; daß ein Parallelstraßennetz, durchkreuzt von einem anderen Parallelstraßennetz, sich mit den Flächen der Quadrate und Kuben in die Himmelsabgründe bohrt: für jeden Stadteinwohner je ein Quadrat; daß . . . daß . . .
Am meisten beruhigte ihn nach der Linie, die Figur des Quadrates.
Er pflegte oft lange sich gedankenloser Betrachtung hinzugeben von: Pyramiden, Dreiecken, Parallelepipeden, Kuben, Trapezen. Unruhe ergriff ihn nur beim Anblick des abgebrochenen Kegels.
Die Zickzacklinie aber, die konnte er nicht ausstehen.
In seinem Wagen genoß Apollon Apollonowitsch durch lange Augenblicke gedankenlos die viereckigen Wände, im Zentrum eines vollendeten, mit Atlas überspannten Kubus sitzend: Apollon Apollonowitsch war zur Einzelhaft geschaffen; nur die Liebe zur Staatsplanimetrie hatte ihn in die Vieleckigkeit eines verantwortlichen Postens hineingezogen.
Die nasse, schlüpfrige Straße wurde in geraden, neunziggradigem Winkel von einer anderen nassen Straße durchquert; im Kreuzungspunkt der Linien stand ein Polizist . . .
Und ebensolche Häuser erhoben sich dort, und ebenso grau zogen dort Menschenströme hin und ebenso grüngelb stand dort ein Nebel. Konzentriert liefen dort Gesichter vorbei; die Trottoirs flüsterten, scharrten, wurden mit den Gummischuhen gerieben; feierlich zog die Bürgernase vorbei. In Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen, Entennasen, Hühnernasen, grünliche, weiße; auch die mangelnde Nase zog da vorbei. Hier zogen einzelne, Paare, Dreier- und Vierergruppen; einem Hut folgte ein zweiter; steife Hüte, Federn, Mützen; Mützen, Mützen, Federn; Dreimaster, Mützen, Zylinder, Mützen, Kopftuch, Schirm, Feder.
Doch parallel der dahineilenden Straße lief eine zweite Straße, mit einer ebensolchen Reihe von Schachteln, mit Numerierung, mit Wolken; und mit demselben Staatsbeamten.
Es war der letzte Tag des Septembers.
Auf der Wassiljewskij-Insel in der Tiefe der »siebzehnten Linie« blickte aus dem Nebel ein Haus, groß und grau; vom winzigen Hofraum führte eine schwarze, etwas schmutzige Treppe hinein: es gab da Türen und Türen. Eine davon wurde geöffnet.
Ein Unbekannter mit schwarzem Schnurrbärtchen erschien an der Schwelle.
Dann begann der Unbekannte langsam die Treppe herunterzusteigen. Er kam von der Höhe des fünften Stockwerkes, vorsichtig über die Stufen tretend; in seiner Hand wiegte sich, gleichmäßig, ein nicht gerade kleines, aber auch nicht sehr großes Paket in einer schmutzigen Serviette mit rotem Rand eines abgefärbten Fasanenmusters.
Mein Unbekannter zeigte sich ungemein vorsichtig im Behandeln des Pakets.
Es war selbstverständlich die Hintertreppe, und sie war mit Gurkenschalen und mehrfach zertretenen Kohlblättern bedeckt. Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen rutschte darauf mehrmals aus.
Mit einer Hand ergriff er dann das Treppengeländer, während die andere (mit dem Bündel) in der Luft eine nervöse Zickzacklinie beschrieb; doch die Zickzacklinie betraf nur den Ellbogen; mein Unbekannter wollte offenbar das Bündel vor einem ärgerlichen Zufall bewahren: vor jähem Sturz auf die steinerne Stufe.
Auch weiter unten, bei einer Begegnung mit dem Hausmeister, der beladen mit Brennholz nach oben ging, zeigte mein Unbekannter in intensivster Weise seine delikate Sorge um das Paket, das an die Holzscheite anstoßen konnte; die im Bündel verwahrten Gegenstände mußten besonders zerbrechlicher Natur sein.
Sonst wäre das Benehmen meines Unbekannten nicht zu verstehen.
Als mein bemerkenswerter Unbekannter vorsichtig die schwarze Ausgangstür erreicht hat, prustete eine schwarze Katze vor seinen Füßen und lief mit gehobenem Schwanz, seinen Weg überquerend, davon. Das Gesicht meines Unbekannten durchzog ein krampfhaftes Zucken, den Kopf aber warf er nervös nach hinten, wobei sich ein zarter Hals zeigte.
Und nun ist er im Hofe, in dem mit Asphalt gepflasterten, von den fünf Stöcken des vielfenstrigen Riesen eingezwängten Viereck. Inmitten des Hofes standen regelmäßige Holzstapel, und man sah noch ein Stück der vom Winde abgekahlten »siebzehnten Linie«.
Der Unbekannte von der Insel haßte Petersburg schon immer: dort — dort erhob es sich, das Petersburg, aus einer dichten Wolkenwoge; dort schwebten Häuser; dort schwebte, schien es, über den Häusern etwas Gehässiges und Dunkles, dessen Atem mit dem Eis seines Granits und seiner Steine die einst grünen, lauschigen Inseln fest eingezwängt hat. Ein befremdend Kaltes, Dunkles, Schweres starrte von dort aus kämpfendem Chaos; starrte mit steinernem Blick und schlug in wahnsinnigem Flug mit seinen Fledermausflügeln; und peitschte mit schwerwiegendem Wort die Armut der Inseln, und aus dem Nebel traten Schädel und Ohren hervor: so war nämlich vor kurzem auf dem Titelblatt eines Gassenblättchens jemand abgebildet gewesen.
Der Unbekannte dachte daran und drückte in der Tasche seine Faust fest zusammen; er dachte an ein von jemand gesagtes grausames Wort, und er dachte noch, daß die Blätter an den Bäumen schon fielen.
Unsererseits sagen wir aber: O, ihr russischen Leute, ihr russischen Leute: Laßt nicht die Scharen der aus den Inseln gleitenden Schatten an euch heran! Fürchtet die Insulaner! Sie haben das Recht, sich frei im Reiche zu siedeln: sind nicht deswegen Brücken, schwarze und graue, über die lethischen Gewässer zu den Inseln gespannt? Abbrechen sollte man sie . . .
Zu spät . . .
Die Polizei dachte nicht daran, die Nikolajewsche Brücke fortzuschaffen; nun wälzten sich dunkle Schatten über die Brücke; unter diesen Schatten spannte sich auch der düstere des Unbekannten. In der Hand dieses Schattens wiegte sich gleichmäßig ein nicht ganz kleines und doch nicht allzu großes Paket.
Und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen . . .
In der grünlichen Beleuchtung des Petersburger Morgens, im rettenden »Als ob« zirkulierte vor dem Senator Ableuchow auch das übliche Phänomen: der Strom von Menschen; wortstumm wurden hier die Menschen; ihre Wogen, wie die ans Ufer schlagenden Wellenfluten — dröhnten, brüllten; das gewöhnliche Ohr aber begriff es nicht im geringsten, daß jene donnernden Wogen menschliche Wogen waren.
Mit der vorderst flutenden Menge verkehrte der greise Senator mit Hilfe der Drähte (der Telegraphen- und Telephondrähte), und der Schattenstrom prägte sich in seinem Bewußtsein wie die ruhig fließende Kunde aus einer hinter Fernen liegenden Welt.
Apollon Apollonowitsch dachte: an die Sterne, an die Unfaßlichkeit der dahinrollenden Donnerwogen; und sich auf seinem schwarzen Polster wiegend, stellte er Berechnungen an über die Stärke der vom Saturn herüberströmenden Lichtkraft.
Plötzlich . . .
— faltete sich sein Gesicht und wurde von einem Zucken entstellt; krampfhaft rollten die steinernen, von Blau umränderten Augen; die mit schwarzem Wildleder bekleideten Hände flogen bis zur Höhe der Brust, als sollten diese Hände ihn schützen. Sein Oberkörper sank zurück und der Zylinder fiel, an die Wand aufschlagend, auf die Knie unter den entblößten Kopf . . .
Die vorübergleitenden Silhouetten betrachtend (Mützen, Hüten, Federn), erblickte Apollon Apollonowitsch unter den Mützen, Hüten, Federn in der Ecke — ein paar wahnsinnige Augen: die Augen zeigten eine unerhörte Eigenschaft; die Augen erkannten den Senator; und indem sie ihn erkannten, wurden sie wahnsinnig; vielleicht hatten die Augen an der Ecke gelauert; und indem sie ihn erblickten, weiteten sie sich, begannen zu leuchten, zu glänzen.
Dieser wahnsinnige Blick war ein bewußt geworfener Blick und gehörte einem unbestimmten Individuum mit schwarzem Schnurrbärtchen, in einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen; wenn sich Apollon Apollonowitsch später in die Einzelheiten des Geschehnisses vertiefte, kam er — eher durch Überlegung als durch Erinnerung — auf noch einen Umstand: in der rechten Hand hielt das Individuum ein in ein nasses Tuch gewickeltes Paket.
Die Sache war ja so einfach: der Strom der Droschken hielt den Wagen an der Straßenkreuzung auf (dort hob eben der Schutzmann sein weißes Stäbchen in die Höhe); die vorbeiziehende Woge von Individuen, gedrängt von den Droschken, die quer den Newskij durchschnitten, diese Woge wurde ganz einfach an den Wagen des Senators gedrängt und zerstört? die Illusion: wenn er, Apollon Apollonowitsch, über den Newskij raste, war er Milliarden von Werst weit weg von dem menschlichen Tausendfüßler, der dieselbe Straße beschritt; beunruhigt rückte Apollon Apollonowitsch dicht an das Fenster heran und sah, daß ihn nur eine dünne Wand und ein vier Werschok breiter Raum von der Menge trennte; hier hatte er das Individuum erblickt; und begann es ruhig zu betrachten; es war etwas Bemerkenswertes in seiner ganzen unansehnlichen Gestalt; und sicher wäre ein Physiognomiker, zufällig in der Straße auf diese Figur stoßend, überrascht stehengeblieben und würde später bei seinen Geschäften an das gesehene Gesicht denken; die Besonderheit des Gesichtes lag nur in der Schwierigkeit, seinen Ausdruck unter irgendeine Kategorie zu bringen — in nichts anderem . . .
Diese Betrachtung wäre durch den Kopf des Senators gehuscht, wenn er auch nur eine Sekunde lang beobachtet hätte; doch es dauerte keine Sekunde. Der Unbekannte hob die Augen und — hinter den Spiegelscheiben des Wagens, in vier Werschok Entfernung von sich, erblickte er — nicht ein Gesicht, sondern . . . einen Totenschädel im Zylinder und ein riesiges blaßgrünes Ohr.
In derselben Viertelsekunde erblickte der Senator in den Augen des Unbekannten — jene Unbegrenztheit des Chaos, aus der die neblige, vielschlotige Ferne und die Wassiljewskij-Insel schon seit jeher zum Haus des Senators hinüberschielte.
Da eben war es, wo sich die Augen des Unbekannten weiteten, zu leuchten, zu glänzen begannen; und da eben flogen hinter dem Wagenfenster, in vier Werschok Entfernung, die Hände des Senators in die Höhe und bedeckten die Augen.
Verschwunden ist der Wagen; mit ihm entschwand auch Apollon Apollonowitsch in die feuchten Fernen; dorthin, wo an klaren Tagen herrlich die goldene Spitze, die Wolken und der purpurne Sonnenuntergang glänzten, wo aber heute schmutzige Wolkenschwärme zogen . . .
Apollon Apollonowitsch litt an Herzerweiterung.
Einen kurzen Augenblick nur hatte all dies gedauert.
Apollon Apollonowitsch setzte mechanisch den Zylinder wieder auf und drückte den wildledernen schwarzen Handschuh ans hüpfende Herz, dann nahm er sein geliebtes Betrachten der Kuben auf, um sich über das Geschehene ruhige und klare Rechnung zu geben.
Apollon Apollonowitsch sah wieder aus dem Fenster des Wagens: was er jetzt sah, verwischte das Frühere: eine nasse, glitschrige Straße, nasse, glitschrige Pflastersteine, die fiebernd glänzten im septemberlichen Tag!
Die Pferde hielten. Der Polizist salutierte. Hinter dem Fenster des Vestibüls, unter dem die Säulen des kleinen Balkons stützenden bärtigen Karyatiden dasselbe Schauspiel wie immer: die schwerköpfige Messingkeule glänzte in der Hand des Portiers; die achtzigjährige Schulter drückte ein dunkler Dreimaster; ein achtzigjähriger Portier schlummerte über dem »Börsenkurier«. So schlummerte er schon vorgestern, gestern. So schlummerte er in jenen verhängnisvollen fünf Jahren . . . So wird er auch weitere fünf Jahre schlummern.
Fünf Jahre sind es her, seit dem Tag, an dem Apollon Apollonowitsch als unverantwortliches Haupt eines Amtes im Amt erschienen war; seit dieser Zeit sind fünf Jahre verstrichen. Und Ereignisse hat es gegeben: China revoltierte, Port Arthur war gefallen. Doch unverändert blieben die Visionen der Zeiten: achtzigjährige Schultern, Livreetressen, ein Dienerbart.
Die Flügeltüre flog auf: die Messingkeule klopfte. Durch die Wagentür trug Apollon Apollonowitsch seinen steinernen Blick in das breite Vestibül hinüber. Dann schloß sich die Tür hinter ihm.
Apollon Apollonowitsch stand und atmete.
»Exzellenz . . . wollen sich doch hinsetzen . . . Siehe doch nur: Exzellenz schöpfen kaum Atem.«
»Immer laufen Exzellenz, als ob Sie noch ein kleiner Junge wären . . .«
»Wollen doch Exzellenz ein wenig sitzen, bis Sie zu sich kommen.«
»So ist es, ja . . .«
»Vielleicht . . . einen Schluck Wasser?«
Aber das Gesicht des ruhmreichen Mannes erhellte sich wieder, kindisch wurde es, greisenhaft, überzog sich mit Fältchen.
Doch das Herz, der Vernunft nicht gehorchend, bebte und pochte; und alles umher schien deswegen so — und wieder auch nicht so . . .
Aber schweigen Sie doch! . . .
Die Petersburger Straße durchdringt im Herbst den ganzen Organismus: Sie macht das Knochenmark frieren; sie kitzelt das zitternde Rückgrat; trittst du aber von der Straße in einen warmen Raum, beginnt sie im Blute als Fieber zu kreisen. Diese Eigenschaft der Straße empfand jetzt der Unbekannte, in das Vorzimmer tretend, das erfüllt war von schwarzen, blauen, grauen, gelben Mänteln, von burschikosen, langohrigen, stutzschwanzigen Mützen und allerhand Überschuhen. Warme Feuchtigkeit schlug ihm entgegen; in der Luft hing weißlicher Dampf.
Das Individuum mit dem Schnurrbärtchen trat, nachdem es seine Überkleider in Verwahrung übergeben hatte, in den Saal . . .
»A—a—a . . .«
Ihn betäubten zuerst die Stimmen.
»Kre—e—ebse . . . aaa . . . ah—aa—ha . . .«
»Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie . . .«
»Sprechen Sie nicht . . .«
»Me—emme . . .«
»Und noch Wodka dazu . . .«
»Aber wieso denn . . . aber gehen Sie . . . Was Sie nicht sagen . . .«
Der Restaurantsaal war ein ziemlich schmutziger Raum; der Boden war mit Pasta bestrichen; die Wände, von einem Schildermaler bemalt, stellten die Trümmer einer schwedischen Flottille dar, von deren Höhe Peter der Große mit der Hand in die Ferne zeigte; und weiter sah der Beschauer waschblaufarbene Flächen als weißmähnige Wälle ihm entgegenstürmen; durch den Kopf des Unbekannten aber stürmte ein Wagen . . .
»Wünschen Sie mit Sirup?« wandte sich der dick aufgedunsene Wirt vom Schanktisch an unseren Unbekannten.
»Nein, ohne.«
Selbst aber dachte er: Warum war der Blick hinter dem Wagenfenster erschrocken? Die Augen waren hervorgetreten, wurden steinern und schlossen sich dann; der tote, rasierte Kopf wiegte sich und verschwand; der Rücken war nicht von der Peitsche eines grausamen Wortes erwärmt; die schwarz-wildlederne Hand schwang sich machtlos in der Luft; es war nicht eine Hand, es war nur ein . . . armseliges Händchen . . .
»Noch ein Glas . . .«
Dort weiter saß ein müßig schwitzender Mann mit breitem Kutscherbart; in blauer Joppe, die geschmierten Schaftstiefel über die graue Soldatenhose gezogen. Der müßig schwitzende Mann trank ein Glas nach dem anderen.
Dreimal schluckte mein Unbekannter das scharfe, farblos glänzende Gift, dessen Wirkung an die Wirkung der Straße gemahnte. Speiseröhre und Magen lecken mit vertrockneter Zunge seine rachevollen Flammen, das Bewußtsein aber, des Körpers entledigt, sich um diesen zu wirbeln beginnt und wird unerhört hell . . . Nur für einen kurzen, einen Atemzug währenden Augenblick.
Und das Bewußtsein des Unbekannten wurde für einen kurzen, einen Atemzug währenden Augenblick hell, und er erinnerte sich: die Arbeitslosen hungern; die Arbeitslosen hatten ihn gebeten, und er hatte ihnen versprochen; und er hatte von ihnen bekommen — ja? Wo ist das Paketchen? Da ist es ja, hier — neben ihm . . . Von ihnen hatte er das Paketchen bekommen.
In der Tat: die Begegnung auf dem Newskij hat sein Gedächtnis verwirrt.
Der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen setzte sich vor ein Tischchen, um den zu erwarten, der . . .
»Haben Sie Lust auf ein Gläschen?«
Der müßig schwitzende Bärtige zwinkerte lustig.
»Danke . . .«
»Warum nicht?«
»Aber ich hab’ schon getrunken . . .«
»Trinken Sie noch eins, in meiner Gesellschaft . . .«
Mein Unbekannter überlegte etwas: Mißtrauisch sah er den Bärtigen an, griff erst nach dem feuchten Paketchen, dann griff er nach einem Zeitungsstück und deckte wie zufällig jenes Paketchen zu.
Plötzlich . . .
Doch von diesem »Plötzlich« später einmal.
Ein Schreibtisch stand dort
Apollon Apollonowitsch suchte sich auf den laufenden Geschäftstag einzustellen; plötzlich standen deutlich vor ihm die Berichte des gestrigen Tages; er sah vor sich die gefalteten, auf seinem Schreibtisch liegenden Akten, ihre Anordnung, die von ihm auf den Akten gemachten Notizen, die Buchstabenform der Schrift, den Bleistift, mit dem er blau »Folge geben«, rot »Information« geschrieben hatte.
In der kurzen Zeit von der Treppe zum Arbeitszimmer veränderte Apollon Apollonowitsch durch eigenen Willen das Zentrum seines Bewußtseins; alles Spiel des Gehirns wurde an den Rand des Gesichtsfeldes geschoben: ein Häufchen parallel gelegter Akten aber bekam seinen Platz im Zentrum jenes Feldes.
Apollon Apollonowitsch öffnete die Tür des Arbeitszimmers.
Der Schreibtisch stand auf seinem Platz, und ihn bedeckte ein Haufen von Akten; Holzscheite knisterten im Kamin; ehe er in die Arbeit versank, wärmte Apollon Apollonowitsch seine frierenden Hände am Kamin; doch das Spiel des Gehirns fuhr fort, seine nebelhaften Flächen zu bauen und begrenzte das senatorische Gesichtsfeld.
Apollon Apollonowitsch blieb in der Tür stehen — denn — wie nun anders?
Das harmlose Gehirnspiel schob sich wieder in sein Gehirn, das heißt in den Haufen von Akten und Bittgesuchen.
Apollon Apollonowitsch erinnerte sich: das Individuum hatte er schon einmal gesehen.
Das Individuum sah er ein mal — denken Sie — im eigenen Hause.
Er weiß noch: er stieg die Treppe hinab, um zum Empfang zu erscheinen; auf der Stiege stand Nikolai Apollonowitsch und unterhielt sich, über die Brüstung gelehnt, mit jemand, der unten stand: Nikolai über seine Bekanntschaften auszufragen — dazu hielt der Staatsmann sich nicht für befugt; das Taktgefühl hinderte ihn auch damals geradeheraus zu fragen:
»Sag’ mal, Nikolinka, wer ist es, der dich da besuchte, mein Engel?«
Nikolai hätte die Augen zu Boden geschlagen und hätte gesagt:
»Nun so, Vater, mich besuchen eben . . .«
Damit hätte das Gespräch sein Ende gehabt.
Deswegen hatte auch Apollon Apollonowitsch für die Person des Individuums im dunklen Mantel, das unten stand, kein Interesse gezeigt. Der Unbekannte hatte dasselbe schwarze Schnurrbärtchen und dieselben Augen, dieselben absonderlichen Augen (solchen Augen können Sie nachts in der Moskauer Kapelle des Märtyrers Panteleymon begegnen: diese Kapelle ist berühmt durch Heilung Besessener; solche Augen würden Sie auf den Photographien sehen, die den Lebensbeschreibungen bedeutender Menschen beigegeben sind; und schließlich: solche Augen sehen Sie in neuropathischen und selbst psychiatrischen Anstalten).
Schon damals hatten die Augen sich geweitet, zu spielen, zu glänzen begonnen; also war das schon einmal gewesen und wird sich vielleicht wiederholen.
»Über alles — ja, ja . . .«
»Notwendig . . .«
»Genaueste Information . . .«
Seine genauesten Informationen bekam aber der Staatsmann nicht auf direktem, sondern auf verschlungenem Wege.
Apollon Apollonowitsch sah durch die Tür seines Arbeitszimmers: Schreibtische, Schreibtische! Haufen von Akten! Über die Akten gebeugte Köpfe! Kratzen der Federn! Knistern der umgeschlagenen Blätter! Was für fieberhaft gigantische papierne Tätigkeit!
Apollon Apollonowitsch versank beruhigt in die Arbeit.
Seltsame Eigenschaften
Das Gehirnspiel des Trägers diamantener Orden hatte seltsame, sehr seltsame, höchst seltsame Eigenschaften: Sein Schädel wurde zum Behälter gedanklicher Bilder, die sofort ihre Verkörperung in dieser Gespensterwelt fanden.
Mit Rücksicht auf diesen seltsamen, sehr seltsamen, höchst seltsamen Umstand hätte besser Apollon Apollonowitsch keinen seiner müßigen Gedanken von sich geworfen; denn jeder seiner müßigen Gedanken entwickelte sich hartnäckig zu einem räumlich-zeitlichen Bilde und setzte seine — jetzt nun unkontrollierbaren — Handlungen außerhalb des senatorischen Kopfes fort.
Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: aus seinem Kopfe entstiegen Götter, Göttinnen und Genien. Wir haben es schon gesehen: einer dieser Genien (der Unbekannte mit dem schwarzen Schnurrbärtchen), als bloßes Bild entstanden, begann dann in der gelblichen Newa-Räumlichkeit sein wirkliches Sein; dabei behauptete er, dieser Räumlichkeit, nicht dem senatorischen Kopf, entstammt zu sein; nun hatte aber auch der Unbekannte müßige Gedanken; und auch diese besaßen die gleichen Eigenschaften.
Sie entflohen dem Hirn und wurden zu etwas Festem.
Ein dem Kopfe des Unbekannten entflohener Gedanke war, daß er, der Unbekannte, wirklich existiere; vom Newskij-Prospekt lief dieser Gedanke zurück in das Senatorhirn und befestigte in ihm das Bewußtsein, die Existenz des Unbekannten in diesem Kopfe sei — eine illusorische Existenz.
So schloß sich nun der Kreis.
Apollon Apollonowitsch war in gewissem Sinne wie Zeus: kaum wurde in seinem Kopfe die mit einem Paketchen bewaffnete Pallas — der Unbekannte — geboren, als schon aus ihm eine zweite, ebensolche Pallas hervorstieg.
Diese letzte Pallas war das senatorische Haus.
Das steinerne Ungeheuer war dem Hirn entflohen; und nun öffnet es seine gastliche Tür — vor uns.
Der Lakai stieg die Treppe hinauf; er litt an Asthma; doch ist nicht von ihm jetzt die Rede, sondern von — der Treppe: einer herrlichen Treppe! Die Stufen: weich waren sie wie die Windungen des Hirns. Doch diese Treppe zu beschreiben, über die öfters schon Minister gegangen waren, bleibt dem Autor keine Zeit, denn nun ist der Lakai schon oben im Saal . . .
Aber auch — der Saal: herrlich! Fenster und Wände: die Wände etwas kalt . . . Aber der Lakai ist schon im Salon.
Wir betrachteten das schöne Wohnhaus nach jenen allgemeinen Merkmalen, die der Senator an alle Dinge anzuwenden pflegte. —
So: —
In weiß Gott welcher Zeit einmal in die freie Natur gekommen, erblickte hier Apollon Apollonowitsch dasselbe wie wir; d. h.: er sah eine blühende Natur; für uns pflegt sie im Nu in einzelne Teile zu zerfallen: Veilchen, Butterblumen, Nelken; der Senator aber machte aus der Geteiltheit wieder eine Einheit. Wir würden natürlich gesagt haben:
»Hier ist ein Gänseblümchen.«
»Hier — ein Vergißmeinnicht . . .«
Apollon Apollonowitsch sagte einfach und kurz:
»Blumen . . .«
»Eine Blume . . .«
Unter uns gesagt: Apollon Apollonowitsch hielt alle Blumen, weiß Gott warum, für Glöckchen . . .
Mit lakonischer Kürze würde er auch sein eigenes Haus charakterisieren; für ihn bestand es aus Wänden (die bildeten Quadrate und Kuben), aus durchgeschlagenen Fenstern, aus Parkettböden, Stühlen, Tischen; weiter kamen Details . . .
Der Lakai trat ins Vorzimmer . . .
Und da wollen wir uns erinnern: alles, was an uns vorüberglitt (Bilder, Klavier, Spiegel, Perlmutter-Inkrustation an den Tischchen), kurz alles, was vorüberglitt an uns — all das konnte keine räumliche Form besitzen: all das war nur Reizung der Hirnhaut, wenn nicht am Ende ein chronisches Kranksein . . . des Kleinhirns . . .
Es entstand die Illusion eines Zimmers; sie zerfloß dann aber spurlos, und hinter der Grenze des Bewußtseins baute sie ihre nebelhaften Flächen; wenn der Diener die schwere Salontür hinter sich schloß, wenn seine Stiefel laut auf dem Korridorboden aufschlugen — das alles war nur ein Pochen in den Schläfen: Apollon Apollonowitsch litt an Blutandrang gegen den Kopf, dessen Ursache die Hämorrhoiden waren.
Hinter der zugeschlagenen Tür war kein Salon: es war . . . Hirnraum: Windungen, graue und weiße Hirnmasse, die dicken Wände aber, die aus funkelnden Pünktchen bestanden (bedingt durch den Blutandrang), diese nackten Wände waren nur das bleierne Schmerzgefühl in den Nacken-, Stirn-, Schläfen- und Scheitelknochen, die zu dem würdigen Schädel gehörten.
Das Haus — dieses steinerne Ungeheuer war kein Haus; es war ein Senatorkopf: Apollon Apollonowitsch saß vor dem Tisch, über den Akten, durch Migräne bedrückt, mit dem Empfinden: sein Kopf sei sechsmal so groß und zwölfmal so schwer als er sein sollte.
Seltsame, sehr seltsame, höchst seltsame Eigenschaften.
Unsere Rolle
Die Petersburger Straßen haben eine unleugbare Eigenschaft: sie verwandeln die Passanten in Schatten; Schatten aber verwandeln sie in Menschen. Wir sahen es an dem Beispiel mit dem geheimnisvollen Unbekannten.
Als der Gedanke im Senatorhirn entstanden, wurde er auf dem Newskij-Prospekt zu etwas Festem und folgt nun dem Senator durch unsere ganze bescheidene Erzählung.
Wir haben den Weg von der Straßenkreuzung bis zur Millionenstraße beschrieben, den der Unbekannte gegangen war; wir beschrieben auch, wie er in dem kleinen Restaurant saß, bis zu dem vielsagenden »Plötzlich«, bei dem alles abbrach; mit dem Unbekannten geschah etwas plötzlich; eine unangenehme Empfindung überkam ihn.
Untersuchen wir jetzt seine Seele; doch erst untersuchen wir das kleine Restaurant; dafür haben wir Gründe; wenn wir, der Autor, mit pedantischer Genauigkeit den Weg eines ersten besten Unbekannten beschreiben, so glaube uns der Leser: die Zukunft wird unser Verhalten rechtfertigen.
Als der Unbekannte hinter der Tür des kleinen Restaurants verschwunden war und wir den Drang verspürten, ihm zu folgen, wandten wir uns um und bemerkten zwei Silhouetten, die langsam den Nebel durchquerten; eine der Silhouetten war behäbig und groß, doch ihr Gesicht konnten wir nicht unterscheiden (Silhouetten besitzen eben kein Gesicht); wir bemerkten jedoch: einen neuen aufgespannten seidenen Regenschirm, blendend glänzende Gummischuhe und eine Pelzmütze mit Ohrenklappen.
Der Hauptbestand der zweiten Silhouette war die ausgemergelte Gestalt eines kleinen Männchens; das Gesicht zeichnete sich deutlich genug, doch wir sahen es nicht, gefesselt von der riesigen Warze.
Wir taten, als betrachteten wir die Wolken und ließen das dunkle Paar an uns vorbeigehen; vor der Tür des Restaurants blieb besagtes Paar stehen und wechselte einige Worte:
»Hm?«
»Hier . . .«
»So dacht’ ich’s mir: Vorkehrungen sind getroffen; für den Fall, daß Sie mir ihn an der Brücke nicht zeigten.«
»Und welche sind die Vorkehrungen?«
»Ich ließ jemand ins Restaurant sich hineinsetzen.«
»Ach, wozu Sie nur Vorkehrungen treffen! Ich habe Ihnen gesagt: hundertmal hab’ ich’s Ihnen gesagt . . .«
»Verzeihung, ich tat es aus Eifer . . .«
»Erst hätten Sie sich mit mir beraten sollen . . . Ihre Vorkehrungen sind gut . . .«
»Nun sagen Sie es selbst . . .«
»Ja, aber Ihre guten Vorkehrungen . . .«
»Hm . . .«
»Wie? . . . Ihre guten Vorkehrungen werden alles verwirren . . .«
Das Paar machte fünf Schritte, blieb stehen. Und wieder wechselte es einige Worte:
»Hm! . . . Ich muß nun . . . Hm! . . . Ihnen Erfolg wünschen . . .«
»Wie können da Zweifel bestehen: das Unternehmen ist im Zug wie ein Uhrmechanismus. Wenn ich selbst nicht dahinterstünde — ich sagte Ihnen aus Freundschaft: die Sache ist sicher.«
»Hm?«
»Was meinten Sie?«
»Verfluchter Schnupfen.«
»Ich spreche von der Sache . . .«
»Hm . . .«
»Die Seelen sind wie Instrumente gestimmt: und bilden ein Konzert — was meinen Sie? — Dem Dirigenten hinter den Kulissen bleibt nur, das Stäbchen zu schwingen. Senator Ableuchow wird ein Zirkular verfassen, der Unbekannte aber . . .«
»Verfluchter Schnupfen . . .«
»Nikolai Apollonowitsch wird . . . Kurz: ein Konzerttrio, und Rußland ist der Zuschauerraum; Sie verstehen mich? Verstehen? Warum schweigen Sie immer?«
»Hören Sie: Sie sollten Ihr Gehalt beziehen . . .«
»Nein, Sie können mich nicht verstehen!«
»Ich kann’s schon; hm — hm — hm — wo soll einer nur so viel Taschentücher hernehmen?«
»Was ist los?«
»Na, der Schnupfen! . . . Und wird das Tier — hm — hm — hm — nicht inzwischen Reißaus nehmen . . .«
»Aber wo . . .«
»Sonst nehmen Sie lieber Ihr Gehalt . . .«
»Gehalt! Mir handelt es sich nicht um das Gehalt; ich bin Artist, verstehen Sie, Artist!«
»In seiner Art . . .«
»Wie?«
»Nichts: ich kuriere mich mit Talglicht.«
Die Figur zog ein ganz durchnäßtes Taschentuch hervor und begann sich wieder zu räuspern.
»Ich spreche ja von der Sache. Sie können es so ausrichten: Nikolai Apollonowitsch hat das Versprechen gegeben . . .«
»Talglicht ist ein sehr gutes Mittel gegen Schnupfen . . .«
»Richten Sie bitte alles aus, was ich Ihnen sagte: die Sache ist organisiert . . .«
»Du reibst abends die Nase ein — und am Morgen ist der Schnupfen verschwunden . . .«
»Ich sage nochmals, die Sache ist organisiert wie ein Uhrwerk . . .«
»Die Nase ist dann frei, du kannst wieder atmen . . .«
»Wie ein Uhrmechanismus! . . .«
»Ha?«
»Wie ein Uhr—mecha—nismus, zum Teufel.«
»Meine Ohren sind belegt, kann kaum hören.«
»Uhr—en—mech . . .«
»Apschi! . . .«
Das Taschentüchlein spazierte wieder unter die Warze: zwei Schatten verloren sich wieder in naßkaltem Grau. Bald tauchte der Schatten mit der Ohrenklappenmütze aus dem Nebel auf, blickte zerstreut auf die Spitze der Petropawlowschen Festung hinüber.
Und trat ins Restaurant ein.
Und dabei glänzte fettig sein Gesicht
Leser!
Du kennst das »Plötzlich«. Warum versteckst du dann wie der Vogel Strauß den Kopf in die Federn, wenn du das verhängnisreiche, unabwendbare »Plötzlich« nahen siehst?
Höre also . . . Dein »Plötzlich« schleicht hinter deinem Rücken; du fühlst dich sehr beunruhigt: im Rücken entsteht eine unangenehme Empfindung, als wälzte sich gegen ihn wie gegen eine offene Tür eine Schar Unsichtbarer; du wendest dich und bittest die Wirtin:
»Gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich die Tür schließe; ich ertrag’s nicht, mit dem Rücken gegen eine offene Tür zu sitzen.«
Dein »Plötzlich« nährt sich vom Spiel deines Hirns; gern frißt es wie ein Hund die Gemeinheit deiner Gedanken; es schwillt an, du aber schmilzt dann wie ein Licht; sind deine Gedanken gemein und erfaßt dich ein Zittern, dann beginnt das »Plötzlich«, vollgefressen an allerhand Gemeinheit, wie ein gemästeter, unsichtbarer Köter vor dir her zu laufen, und ein Fremder bekommt den Eindruck, als seiest du durch eine schwarze unsichtbare Wolke vor den Blicken verdeckt.
Wir verließen unseren Unbekannten im kleinen Restaurant. Plötzlich wandte sich der Unbekannte rasch um: es schien ihm, als kröche ein widerwärtig-schleimiges Etwas ihm hinter den Kragen und über das Rückgrat hinweg. Hinter seinem Rücken war aber nichts; düster gähnte die Türöffnung des Einganges, und durch die Tür wälzte sich das Unsichtbare.
Da wurde es ihm klar: die von ihm erwartete Person schritt jetzt die Treppe herauf; gleich, sofort wird sie eintreten; aber sie ist noch nicht eingetreten; in der Tür hat sich noch niemand gezeigt.
Doch während mein Unbekannter sich von der Tür abwandte, trat auch schon der unangenehme Dicke herein; während er sich dem Unbekannten näherte, knarrte der Fußboden unter seinen Füßen; sein gelbliches, rasiertes, leicht zur Seite geneigtes Gesicht schwamm gemächlich in dem eigenen Doppelkinn, und dabei glänzte fettig sein Gesicht.
Da wandte sich mein Unbekannter um; die Person winkte ihm freundlich mit der Ohrenklappenmütze:
»Alexander Iwanowitsch . . .«
»Lipantschenko!«
»Ich bin’s . . .«
»Sie ließen auf sich warten.«
An dem Tische des Unbekannten Platz nehmend, rief die Person selbstzufrieden aus:
»Kaffee . . . Und — hören Sie — einen Kognak: meine Flasche haben Sie dort mit meinem Namen vermerkt.«
Und um sie herum hörte man:
»Hast du mitgetrunken?«
»Jawohl . . .«
»Mitgegessen?«
»Jawohl . . .«
»Was bist du dann, mit Verlaub, für ein Schwein . . .«
»Vorsichtig!« rief mein Unbekannter: der Dicke, den der Unbekannte mit Lipantschenko ansprach, wollte seinen Arm auf den Zeitungsfetzen legen, der über dem Paket lag.
»Was denn?« Da hob Lipantschenko den Zeitungsfetzen, sah das nasse Paketchen, und seine Lippen erbebten.
»Das . . . das . . . ist es?«
»Ja, das — ist es . . .«
Lipantschenkos Lippen bebten noch immer.
»Wie sind Sie doch unvorsichtig, Alexander Iwanowitsch.«
Lipantschenko streckte seine hölzernen Finger aus; die falschen Steine seiner Ringe funkelten auf diesen geschwollenen Fingern mit den abgebissenen Nägeln (auf den Nägeln sah man Spuren derselben braunen Farbe, die seine Haare zeigten; ein aufmerksamer Beobachter würde daraus schließen: die Haare der Person waren gefärbt).
»Eine Bewegung nur (hätte ich den Ellbogen darauf gelegt), dann wäre es zu . . . einer Katastrophe gekommen . . .«
Und mit außerordentlicher Vorsicht legte die Person das Paket auf den Stuhl.
»Ha, wir wären dann, beide«, witzelte unangenehm der Unbekannte. — »Wir würden beide . . .«
Er schien sich zu weiden an der Verlegenheit der Person, die er — wie wir von uns hinzufügen — haßte.
»Nicht meinetwegen, natürlich, sondern . . .«
»Gewiß, Ihretwegen nicht, sondern . . .«
Und um sie herum hörte man:
»Mit ‚Schwein‘ haben Sie mich nicht zu beschimpfen . . .«
»Aber ich schimpfte ja doch gar nicht.«
»Freilich schimpften Sie: Sie warfen es mir vor, daß Sie gezahlt haben . . . Was ist dabei? Neulich haben Sie gezahlt, heute zahl’ ich . . .«
»Laß dich küssen, Freund, für diese Tat . . .«
»Essen Sie nur, essen Sie, das wird schon richtiger sein.«
»Na, das ‚Schwein‘ nicht übelnehmen und essen — essen tu’ ich auch so schon . . .«
»Wissen Sie, Alexander Iwanowitsch, wissen Sie, mein Lieber, nehmen Sie dieses Paketchen,« — Lipantschenko schielte hinüber — »und tragen Sie’s gleich zu Nikolai Apollonowitsch.«
»Ableuchow?«
»Eben: zu ihm; zur Aufbewahrung.«
»Aber gestatten Sie, aufbewahrt kann das Paket auch bei mir werden.«
»Das ist ungeschickt: Sie kann man abfassen; dort aber ist es sicher. Immerhin: das Haus des Senators Ableuchow . . . Übrigens, haben Sie schon von dem letzten Wort des ehrenvollen Alterchens gehört?«
Da neigte sich der Dicke zum Unbekannten und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Sch—sch—sch . . .«
»Ableuchow?«
»Sch . . .«
»Ableuchow?«
»Sch—sch—sch . . .«
»Mit Ableuchow?«
»Jawohl, nicht mit dem Senator, sondern mit des Senators Sohn: wenn Sie ihn besuchen, übergeben Sie ihm gefälligst zugleich mit dem Paket auch dieses Briefchen: da ist’s . . .«
Lipantschenkos schmalstirniger Kopf wälzte sich wie eine Last gegen das Gesicht des Unbekannten; in ihren Höhlen lauerten prüfend zwei bohrende Äuglein; die Lippe bebte leicht und sog an der Luft. Der Unbekannte mit dem Schnurrbärtchen horchte aufmerksam und suchte im Lärm der Stimmen den Inhalt des Geflüsterten genau zu erfassen. Kaum hörbar flüsterten die widerwärtigen Lippen, und es schien, als läge darin ein furchtbarer Inhalt, als flüsterten sie von Welten und Planeten; bei genauem Zuhören aber erwies sich der Inhalt von einfachster Alltäglichkeit.
»Sie übergeben ihm das Briefchen . . .«
»Wie, steht denn Nikolai Apollonowitsch selbst in Beziehungen?«
Die Person zwinkerte mit den Äuglein und schnalzte mit der Zunge.
»Ich dachte, nur durch mich wird der Verkehr mit ihm vermittelt . . .«
»Sie sehen nun — das stimmt nicht . . .«
Um sie herum hörte man:
»Iß, Freund, iß . . .«
»Hau’ mir ein Stück vom Aspikfleisch herunter.«
»Im Essen liegt die Wahrheit . . .«
»Was ist die Wahrheit?«
»Wahrheit ist das Eßbare . . .«
»Das weiß ich auch . . .«
»Wenn du’s weißt — dann ist’s gut. Gib den Teller her und iß . . .«
Der dunkelgelbe Anzug Lipantschenkos erinnerte den Unbekannten an die dunkelgelbe Tapete seines Zimmers auf der Wassiljewskiinsel — an jene Farbe, die sich für ihn mit der Schlaflosigkeit der weißen Frühlings- und der düsteren Herbstnächte verband; und diese böse Schlaflosigkeit war es wohl, die jetzt vor ihm ein unheilvolles Gesicht mit schmalen, mongolischen Augen, das ihn so oft von jener gelben Tapete angesehen hatte, hervorrief.
»Verzeihung, Lipantschenko, sind Sie Mongole?«
»Warum diese sonderbare Frage?« . . .
»So, mir schien’s . . .«
»In jedem Russen kreist ja mongolisches Blut . . .«
Was für Kostümeur?
Die Appartements Nikolai Apollonowitschs bestanden aus Schlaf-, Arbeits- und Empfangszimmer.
Das Schlafzimmer: ein riesiges Bett, darauf eine rote Atlasdecke; ein feiner Spitzenüberwurf über die hoch aufgeschlagenen Kopfkissen. An den Wänden des Arbeitszimmers eichene Bücherschränke mit Seidenvorhängen, die leicht auf ihren Messingringelchen nach links und rechts glitten; eine sorgliche Hand konnte den Inhalt der Fächer vor dem Beschauer verdecken oder aber eine Reihe von Einbandrücken sehen lassen, die mit der Aufschrift »Kant« geziert waren.
Die Sitzmöbel hatten dunkelgrünen Bezug, und herrlich war die Büste . . . eben desselben Kant natürlich.
Seit zwei Jahren stand Nikolai Apollonowitsch nie vor Mittag auf. Zweieinhalb Jahre vorher pflegte er aber in früherer Stunde zu erwachen: um neun; und um halb zehn erschien er in geschlossener Studentenuniform beim Familienfrühstück.
Vor zweieinhalb Jahren spazierte Nikolai Apollonowitsch nicht im bucharischen Schlafrock im Hause umher; das rote Käppchen hing nicht im orientalischen Salon; vor zweieinhalb Jahren verließ Anna Petrowna, die Mutter Nikolai Apollonowitschs, die Gattin Apollon Apollonowitschs, für immer den häuslichen Herd, inspiriert von einem italienischen Sänger. Nach ihrer Flucht mit dem Sänger erschien Nikolai Apollonowitsch auf dem Parkett des erkalteten häuslichen Herdes im bucharischen Schlafrock; die täglichen Begegnungen von Vater und Sohn beim Morgenkaffee hörten von selbst auf. Den Kaffee bekam Nikolai Apollonowitsch ins Bett.
Zu erheblich früherer Stunde als der Sohn geruhte Apollon Apollonowitsch seinen Kaffee zu trinken.
Vater und Sohn trafen sich nur bei Tische; und auch da nur ganz kurz; am Morgen aber sah man Nikolai Apollonowitsch im Schlafrock; seine Füße staken in pelzverbrämten, tatarischen Pantöffelchen, auf dem Kopfe aber hatte er ein rotes Käppchen.
Der glänzende junge Mann wurde zum orientalischen Menschen.
Nikolai Apollonowitsch hatte soeben einen Brief erhalten; einen Brief mit fremder Schrift; armselige Virsche von erotischer Nuance mit der verblüffenden Unterschrift: »Die flammende Seele«. Nikolai Apollonowitsch begann, um die Virsche genauer zu studieren, hilflos durchs Zimmer zu kreisen; nach der Brille suchend, warf er Bücher, Federhalter und andere Kleinigkeiten durcheinander und brummte vor sich hin:
»Ah — ah . . . Wo ist doch nur die Brille?«
»Hol’s der Teufel . . .«
»Verloren? . . .«
»Ha?«
»Nein, so was!«
Nikolai Apollonowitsch pflegte ebenso wie Apollon Apollonowitsch mit sich selber zu sprechen.
Seine Bewegungen waren rasch wie die Bewegungen seines exzellenten Vaters; wie Apollon Apollonowitsch war er klein von Gestalt, und das stets lächelnde Gesicht hatte denselben ruhelosen Blick; versank er jedoch in Betrachtung irgendeines Gegenstandes, dann wurde allmählich dieser Blick steinern: trocken, klar und kalt zeichneten sich die Linien seines Antlitzes, wie das eines Heiligenbildes, überraschend durch besonderen, edlen Aristokratismus: das Edle des Gesichts zeigte sich besonders in der Stirn, die wie gemeißelt war, mit angeschwollenen Äderchen: das rasche Pulsieren dieser Äderchen war ein deutliches Voranzeichen frühzeitiger Sklerose.
Diese bläulichen Äderchen entsprachen dem Blau um die riesigen kornblumenblauen Augen (nur in Augenblicken der Erregung waren diese Augen durch die erweiterten Pupillen schwarz).
Wir sehen Nikolai Apollonowitsch vor uns mit seinem Käppchen auf dem Kopf; würde er es abnehmen, erblickten wir eine üppige flachsweiße Mähne, die den Trotzausdruck dieses kalten, fast rauhen Antlitzes milderte; schwerlich konnte man bald wieder bei einem Erwachsenen Haare von solcher Farbe finden; oft finden wir sie nur bei Dorfkindern, besonders in Weißrußland.
Er warf den Brief unachtsam fort und setzte sich vor ein aufgeschlagenes Buch hin; die gestrige Lektüre, eine Abhandlung, entstand deutlich vor ihm. Er erinnerte sich des Kapitels und der Seite, des lenksamen Ganges der Gedanken und der am Rand des Buches gemachten Notizen; sein Gesicht, noch immer streng und klar, wurde lebhaft von Gedanken belebt.
Hier in seinem Zimmer wuchs Nikolai Apollonowitsch in Wahrheit zu einem sich selbst überlassenen Zentrum; er wandelte sich in eine Serie aus dem Zentrum entstammender, logischer, für Gedanken und Seele vorbestimmender Voraussetzungen, und dieser Tisch da: er war hier das einzige Zentrum des Alls — des denkbaren und undenkbaren, alle Äonen der Zeit zyklisch durchlaufend.
Aber kaum gelang es heute Nikolai Apollonowitsch, sich den Kleinlichkeiten des Lebens zu entziehen, dem Wirbel allmöglicher Unvernehmbarkeiten, genannt Leben und Welt; kaum gelang es ihm, sich zu sich selbst zu erheben, als eine dieser Unvernehmbarkeiten sich in seine Welt gedrängt hat:
Nikolai Apollonowitsch riß sich von seinem Buche los, es wurde geklopft.
»Na? . . .«
»Was ist?«
Hinter der Tür antwortete eine dumpfe, ehrfurchtsvolle Stimme:
»Dort . . .«
». . . fragt jemand nach Ihnen . . .«
Wenn Nikolai Apollonowitsch sich auf einen Gedanken konzentrierte, sperrte er die Tür seines Arbeitszimmers ab: dann begann es ihm zu scheinen, als verwandelten sich augenblicklich er selbst und die Gegenstände des Zimmers aus Dingen der realen Welt in nur gedanklich erfaßbare Symbole rein logischer Konstruktionen; der Zimmerraum und sein eigener Körper, der die Gefühlsfähigkeit verlor, wurden zum einzigen Sein-Chaos, von ihm das All genannt; sein Bewußtsein aber, abgesondert vom Körper, verband sich unmittelbar mit der elektrischen Lampe des Schreibtisches, von ihm genannt »Sonne des Bewußtseins«. So hinter der abgesperrten Tür, Schritt für Schritt seine zur Systemeinheit geschlossenen Sätze überdenkend, fühlte er seinen Körper sich in das »All«, d. h. ins Zimmer, ergießen; der Kopf dieses Körpers aber fand seinen Platz im dickbäuchigen kleinen Zylinder der elektrischen Lampe mit dem zierlichen Schirm.
Und so sich in einen anderen Raum versetzend, wurde Nikolai Apollonowitsch ein wahrhaft schöpferisches Wesen.
Das ist es, warum er es liebte, sich einzusperren: eine Stimme, ein Schritt oder ein fremdes Geräusch verwandelte das All in ein Zimmer, das Bewußtsein in eine Lampe und zerstörte in Nikolai Apollonowitsch den willkürlichen Bau der Gedanken.
So auch jetzt.
»Was ist’s?«
»Ich höre nicht . . .«
Aus den Fernen des Raumes antwortete des Lakaien Stimme:
»Jemand ist hier.«
Das Gesicht Nikolai Apollonowitschs bekam den Ausdruck der Zufriedenheit.
»Ah, das ist wohl der Kostümeur? Er brachte mir das Kostüm.«
Was ist es nur für ein Kostümeur?
Nikolai Apollonowitsch ging hinaus, bog sich über die Brüstung der Treppe und rief hinunter:
»Sind Sie’s?«
»Der Kostümeur?«
»Vom Kostümeur?«
»Hat er das Kostüm geschickt?«
Und wieder fragen wir von uns aus: Was ist das nur für ein Kostümeur?
Im Zimmer Nikolai Apollonowitschs lag nun ein Karton. Er sperrte die Tür ab; geschäftig zerschnitt er die Kordel; hob den Deckel; dann zog er aus dem Karton: erst eine kleine Maske mit schwarzem Bart aus Spitzen, dann folgte ein hellroter prächtiger Domino mit rauschenden Falten.
Bald stand er, ganz in Atlas und Rot, vor dem Spiegel, die Maske über dem Gesicht hochhaltend, die schwarze Spitze des Bartes verschob sich und fiel auf die Schultern, rechts und links, wie zwei phantastische Flügel; und zwischen den schwarzen Spitzenflügeln blickte aus dem Spiegel qualvoll-seltsam im Halbdunkel des Zimmers das Eigentliche: das Gesicht, sein Gesicht, sein eigenes; Sie würden sagen, dort im Spiegel sah Nikolai Apollonowitsch nicht sich selbst, sondern einen unbekannten, blassen, sehnsuchtskranken — Dämon des Raumes.
Nach dieser Maskerade packte Nikolai Apollonowitsch mit ungemein zufriedenem Gesicht erst den roten Domino, dann auch die Maske in den Karton.
Feuchter Herbst
Der feuchte Herbst lagerte über Petersburg, und traurig glomm der septemberliche Tag.
Wie ein grünlicher Schwarm zogen Wolkenflocken dahin, und verdichtet zum gelblichen Rauch, fielen sie auf die Dächer wie eine Drohung nieder.
Über den Himmel einen Trauerbogen spannend, erhob sich ein dunkler Rußstreifen von den Rauchfängen der Dampfer, der seinen Schwanz in die Newa versenkte.
Und die Newa dröhnte, stieß durch die Pfeife des kleinen Dampfers gellende Schreie aus, ihre stählernen Wasserschuppen zerbrachen an den steinernen Pfeilern; und ihre Zungen leckten den Granit; mit ihren kalten Newawinden überfiel sie und zerrte an Mützen, Schirmen, Mänteln. Und überall in der Luft lagerte die fahlgraue Fäulnis; von dort aber, wo auf dem Felsen3) der nasse Reiter steht, blinkte das gelbe, grünüberzogene Kupfer zur Newa, in die fahlgraue Fäulnis hinüber.
Auf diesem düsteren Fond des schwänzigen, überhängenden Rußes der feuchten Kaisteine, die Augen auf das bazillenerfüllte, trübe Newawasser gerichtet, zeichnete sich deutlich die Silhouette Nikolai Apollonowitschs im grauen Studentenmantel und seitlich sitzender Studentenmütze ab. Langsam bewegte sich Nikolai Apollonowitsch gegen die graue, dunkle Brücke.
Vor der großen schwarzen Brücke blieb er stehen.
Ein unangenehmes Lächeln erleuchtete für einen Augenblick sein Gesicht und erlosch gleich wieder; die Erinnerung an eine unglückliche Liebe hatte ihn erfaßt, und er wurde von ihr wie vom Aufbrausen eines kalt-kalten Windes bedrängt; Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich einer nebligen Nacht; in dieser Nacht hatte er sich übers Brückengeländer gebeugt; er hatte sich umgewandt und gesehen, daß niemand ihm zusah; er hatte den Fuß hochgehoben, und sein glatt-blanker Gummischuh hatte sich übers Geländer geschwungen und — so war er — mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben; es sollte scheinen, daß daraus weitere Folgen sich ergeben müßten; doch . . . Nikolai Apollonowitsch war mit hochgehobenem Fuß stehengeblieben.
Einige Augenblicke später hatte er seinen Fuß wieder zurückgezogen.
Damals eben reifte in ihm der unüberlegte Plan: einer leichtsinnigen Partei ein furchtbares Versprechen zu geben.
Dieser unglücklichen Tat jetzt gedenkend, lächelte Nikolai Apollonowitsch in unangenehmster Weise. So bog er auf den Newskij-Prospekt ein; es begann zu dämmern; in den Auslagen blinkten bald da, bald dort Lichter auf.
»Ein schöner Mann«, hörte Nikolai Apollonowitsch immer wieder sagen.
»Eine antike Maske . . .«
»Apollo vom Belvedere.«
»Ein schöner Mann . . .«
So sprachen die ihm begegnenden Damen wohl von ihm.
»Dieses blasse Gesicht . . .«
»Dieses marmorne Profil . . .«
»Göttlich . . .«
Die ihm Begegnenden sagten es zueinander. Wäre Nikolai Apollonowitsch aber mit einer der Damen ins Gespräch gekommen, sie würde für sich gedacht haben:
»Scheusal . . .«
Dort, vor einer Einfahrt, wo zwei melancholische Löwen spöttisch die Tatzen auf die grauen Granitplatten legten, dort, an diesem Platz, blieb Nikolai Apollonowitsch stehen und sah verwundert in den Rücken eines vor ihm schreitenden Offiziers. Er holte diesen ein:
»Ssergeij Ssergeijewitsch!«
Der Offizier wandte sich um und sah mit einem Schatten des Ärgers durch die blauen Brillengläser, wie, sich ihm nähernd, die kleine Figur im Studentenmantel von der Einfahrt herkam, wo zwei melancholische Löwen mit glatten Granitmähnen spöttisch die Tatzen übereinander gelegt haben. Für einen kurzen Augenblick wurde das Gesicht des Offiziers von einem Gedanken erleuchtet; das leichte Beben der Lippen ließ vermuten, daß er erregt war; als schwankte er: erkennen oder nicht.
»Ah, guten Abend! Wohin?«
»Ich gehe zur Pantelemonstraße«, log Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier durch die Moika zu gehen.
»Gehen wir zusammen, bitte.«
»Wohin gehen Sie?« log wieder Nikolai Apollonowitsch, um mit dem Offizier durch die Moika zu gehen.
»Ich — nach Hause.«
»Dann haben wir denselben Weg.«
Beide schienen das Berühren einer schweren Vergangenheit vermeiden zu wollen, und sie leiteten sogleich das Gespräch auf anderes über: sie sprachen vom Wetter, dann davon, daß die Unruhe der letzten Tage ungünstig auf die philosophischen Arbeiten Nikolai Apollonowitsch’ gewirkt, von den Schwindeleien, die der Offizier in der Proviantierungskommission (er versorgte dort irgendein Amt) aufgedeckt haben wollte.
So unterhielten sie sich während des ganzen Weges.
Und nun kam die Moikastraße.
»Adieu, also . . . Sie gehen ja weiter?«
Das Herz Nikolai Apollonowitschs begann eifrig zu pochen; etwas wollte er sagen; und doch, nein: er sagte es nicht; einsam stand er nun vor der zugeschlagenen Tür; ihn packte die Erinnerung an eine verunglückte Liebe, vielmehr — an einen sinnlichen Trieb — und blau pulsierten die Äderchen an den Schläfen; er sann jetzt über seine Rache; er sann über die boshafte Verhöhnung seiner Gefühle von seiten der, die hinter diesem Vestibül wohnte; schon seit nahezu einem Monat sann er über seine Rache; doch — jetzt kein Wort mehr davon!
Nikolai Apollonowitsch sah nicht den Newskij-Prospekt, noch immer stand das graue Haus vor seinen Augen; Fenster, hinter den Fenstern Schatten; hinter den Fenstern vielleicht lustige Stimmen: die des gelben Kürassiers, Baron Ommau-Ommergau; die des blauen Kürassiers, Graf Awen; und ihre — ihre Stimme . . . Da sitzt Ssergeij Ssergeijewitsch, der Offizier, und wirft vielleicht unter den Witzen dazwischen:
»Und ich bin jetzt mit Nikolai Apollonowitsch gegangen.«
Im Arbeitszimmer eines hohen Verwaltungsamtes
Hier, im Arbeitszimmer des hohen Verwaltungsamtes, wuchs Apollon Apollonowitsch zu einem wahrhaften Zentrum heran: in eine Serie von Staatsämtern, Abteilungen und grünen Tischen. Hier war er, der Kraft aussendende Punkt, der Kreuzungspunkt der Kräfte, und der Impuls unzähliger, reich gegliederter Manipulationen. Hier war Apollon Apollonowitsch eine Kraft im Newtonschen Sinne; Kraft im Newtonschen Sinne aber ist, wie Sie sicher wissen, eine okkulte Kraft.
Hier war er die letzte Instanz.
Apollon Apollonowitsch war heute besonders genau: bei Entgegennahmen der Berichte winkte er kein einziges Mal mit dem nackten Schädel; Apollon Apollonowitsch fürchtete Schwäche zu zeigen: bei Erfüllung der amtlichen Pflichten! . . . Schwer fiel es ihm heute, sich zur logischen Klarheit zu erheben: weiß Gott wieso — doch Apollon Apollonowitsch kam zu dem Schlusse, daß sein eigener Sohn Nikolai — ein ausgemachter Schuft sei . . .
Im Begriff, vor die Schar wartender Bittsteller zu treten, lächelte Apollon Apollonowitsch; dieses Lächeln aber kaum aus Schüchternheit: was mochte nur seiner hinter der Tür harren . . .
Apollon Apollonowitsch verbrachte sein Dasein zwischen zwei Schreibtischen, zwischen dem seines eigenen Arbeitszimmers und dem des Verwaltungsamtes. Ein dritter beliebter Ort war für ihn sein Wagen.
Und nun war er — schüchtern.
Schon ging die Tür auf; der Sekretär, ein junger Mann mit einem etwas liberal über die Bruststärke hängenden Orden, flog der hohen Persönlichkeit entgegen, und dabei knisterte ehrfurchtsvoll der überstärkte Rand seiner schneeweißen Manschette. Auf seine schüchterne Frage brüllte ihn Apollon Apollonowitsch an:
»Nein, nein! . . . Machen Sie so, wie ich gesagt habe . . .«
Die kalten Finger
Apollon Apollonowitsch Ableuchow im grauen Mantel und hohen schwarzen Zylinder mit steinernem, an einen Briefbeschwerer mahnendem Gesicht, sprang rasch aus dem Wagen und lief über die Stufen des Entresols, im Gehen den schwarzen Wildlederhandschuh herunterstreifend.
Rasch trat er ins Vorzimmer. Der Zylinder wurde mit Vorsicht dem Lakai überreicht. Mit derselben Vorsicht wurden Mantel, Portefeuille und Cachenez übergeben.
Apollon Apollonowitsch stand vor dem Lakai in Nachdenken versunken; plötzlich wandte er sich an ihn mit der Frage:
»Haben Sie die Freundlichkeit, mir zu sagen: kommt öfters hierher ein junger Mann — ja: ein junger Mann?«
»Ein junger Mann?«
Verlegenes Schweigen: Apollon Apollonowitsch fand keine andere Formulierung seines Gedankens. Der Lakai aber war nicht imstande, zu erraten, von welchem jungen Mann der gnädige Herr sprach.
»Junge Leute, Exzellenz, kommen hierher selten . . .«
»Na, und . . . junge Leute mit Schnurrbärtchen?«
»Mit Schnurrbärtchen?«
»Mit schwarzen . . .«
»Mit schwarzen?«
»Na ja, und . . . in einem Mantel . . .«
»Alle kommen in Mänteln . . .«
»Ja, aber mit aufgeschlagenem Kragen . . .«
Etwas erleuchtete den Diener.
»Ah, Sie sprechen von dem, der . . .«
»Na ja, von dem . . .«
»Einmal war so einer hier . . . er kam zum jungen Herrn: aber es ist schon lange her; ja, jawohl . . . der kommt schon hie und da . . .«
»Wie denn?«
»Jawohl, ja!«
»Mit Schnurrbärtchen?«
»Ganz richtig!«
»Mit schwarzem?«
»Mit schwarzem Schnurrbärtchen!«
»Und einem Mantel mit aufgeschlagenem Kragen?«
»Ganz richtig . . .«
Apollon Apollonowitsch stand einen Augenblick wie angewurzelt da, dann plötzlich ging Apollon Apollonowitsch weiter.
Die Treppe war mit grauem Plüschteppich bedeckt; die Treppe war — naturgemäß — von schweren Wänden begrenzt; diese Wände waren mit grauen Plüschteppichen bespannt. An den Wänden blinkten die Ornamente altertümlicher Waffen, unter einem rostgrünen Schild glänzte das Gold einer litauischen Mütze; es funkelte der kreuzförmige Griff eines Ritterschwertes; hier rosteten Schwerter; dort neigten sich, schwer übereinander, Hellebarden; bunt in seinem Matt zeichnete sich der vielringelige Panzer; und mit dem Sechserlauf nach unten hing da eine alte Pistole.
Oben über der Treppe befand sich eine Balustrade; eine weiße Niobe hob hier auf einem Sockel aus mattweißem Alabaster ihre alabasternen Augen gen Himmel.
Sich mit der knochigen Hand auf den geschliffenen Kristallgriff stützend, öffnete Apollon Apollonowitsch mit Nachdruck die Tür; kalt klangen in dem riesigen, übermäßig in die Länge gezogenen Saal seine Schritte.
So geschieht’s immer
Über den leeren Petersburger Straßen schwebten arm beschienene Undeutlichkeiten; jagend überholten einander abgerissene Wolkenflocken.
Ein phosphoreszierender Fleck flog matt und tot am Himmel; in phosphoreszierendem Glanz lag neblig des Firmamentes Tiefe, und davon durchglänzt war das Eisen der Dächer und Rauchfänge. Da floß das grüne Wasser des Moikakanals, und an einem seiner Ufer erhob sich das dreistöckige Haus mit seinen fünf weißen Säulen. Dort auf dem lichten Fond des lichten Gebäudes schritt langsam ein Kürassier Ihrer Majestät: ein goldener, glitzernder Helm saß auf seinem Kopfe.
Und die silberne Taube über dem Helm breitete weit ihre Flügel aus.
Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, ging, gehüllt in Pelz, über die Moika; sein Kopf war in den Mantel gesunken, und seltsam leuchteten die Augen; in der Seele erhoben sich Schauer — die keinen Namen besaßen; in ihr sang etwas Banges, Süßes.
Er dachte: dies da — ist dies auch Liebe? Er erinnerte sich: es war eine neblige Nacht, er rannte aus jenem Vestibül dort heraus und lief über die eiserne Petersburger Brücke, um dort auf der Brücke . . .
Er erbebte.
Eine Lichtgarbe flog an ihm vorüber: ein schwarzer Hofwagen raste vorbei; an den leuchtenden Fenstervertiefungen jenes Hauses glitten seine roten, wie blutunterlaufenen Laternen vorbei; in die schwarze, strömende Mainacht gossen diese Laternen für kurze Augenblicke Spiel hinein und Glanz; der gespensterhafte Abriß vom Dreimaster des Lakais und der Abriß von flatterndem Uniformkragen huschten zugleich mit dem Licht aus dem Nebel, um sich im Nebel zu verlieren . . .
Nikolai Apollonowitsch stand kurze Zeit nachdenklich vor dem Haus; wild schlug das Herz in seiner Brust — plötzlich verschwand er im wohlbekannten Vestibül.
In früherer Zeit trat er jeden Abend hier ein; jetzt hat er über zweieinhalb Monate diese Schwelle nicht betreten; und nun überschritt er sie wie ein Dieb.
Die Entreetür öffnete sich vor ihm, und als sie zufiel, schlug ihn der Laut von diesem Zuschlagen in den Rücken; Finsternis umfing ihn, als wäre hinter ihm alles in einen Abgrund versunken (so ist’s wohl im ersten Augenblick nach dem Tode, wenn von der Seele der Tempel des Körpers in den Abgrund des Verwesens hinabsinkt); doch an den Tod dachte jetzt Nikolai Apollonowitsch nicht — fern war der Tod; auf die kalten Stufen setzte er sich hin, vor die Tür einer Wohnung, das Gesicht vergraben in den Pelz, und horchte auf das Klopfen seines Herzens; schwarze Leere lag hinter seinem Rücken; schwarze Leere breitete sich vor ihm.
So saß Nikolai Apollonowitsch im Dunkel.
Ein weiblicher Schatten, das Gesicht im kleinen Muff vergraben, lief über die Moika und näherte sich ebendemselben Haus, wo auf der kalten Stufe hinter der Tür Nikolai Apollonowitsch saß. Die Tür ging auf und schlug hinter ihr zu; Finsternis umfing sie, als wäre alles hinter ihr in einen Abgrund versunken; die kleine schwarze Dame dachte an so einfache, irdische Dinge, nun wird sie gleich die Teemaschine auftragen lassen; sie führte schon die Hand an die Glocke, und da — sah sie: eine Gestalt, wie es schien, eine Maske erhob sich vor ihr von den Stufen.
Als die Wohnungstür aufging und in das Dunkel des Stiegenhauses sich für einen Augenblick eine Lichtwelle ergoß, bestätigte der Schrei des Stubenmädchens die Wunderlichkeit der Erscheinung. In der hellen Beleuchtung erschien ein Bild von unbeschreiblicher Seltsamkeit, und die schwarze Gestalt der kleinen Dame rannte durch die geöffnete Tür.
Hinter ihrem Rücken aber erhob sich im Dunkel seidenrauschend ein dunkelflammenroter Bajazzo mit bärtigem, zappelndem Lärvchen.
Lautlos und langsam glitt von den Schultern über den rauschenden Atlas der Pelzmantel hinunter, zwei rote Arme streckten sich sehnsüchtig gegen die Tür. Aber die Lichtgarbe zerschneidend, schloß sich die Tür und stieß das Stiegenhaus zurück in die Leere, ins Dunkel.
Eine Sekunde später lief Nikolai Apollonowitsch auf die Straße hinaus; aus den Falten seines Mantels quoll ein Stück roter Seide hervor; die Nase in den Studentenmantel vergraben, galoppiert Nikolai Apollonowitsch Ableuchow in die Richtung der Brücke.
Ende des ersten Kapitels.