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Petersburg

Sechstes Kapitel (continued 2)

Nadja Strasser translation

Die Persönlichkeit blitzte noch einmal mit den Äuglein und verließ das Zimmer.

Dunkel wurde es, schwarz.

Die Dunkelheit überfiel alles; sie heftete sich an alle Gegenstände des Zimmers; Tische, Schrank und Lehnstuhl — alles tauchte in Dunkelheit unter; in dieser Dunkelheit saß mutterseelenallein Alexander Iwanowitsch; Dunkelheit betrat seine Seele — er weinte.

Alle Tonnuancen in den Worten der Persönlichkeit klangen jetzt wieder in Dudkins Ohr, und sie erschienen ihm jetzt aufrichtig; nein, die Persönlichkeit hat nicht gelogen; sein Mißtrauen und Haß gegen sie erklären sich nur durch den Zustand, in dem er sich gerade befand: seine nächtlichen Delirien haben sich für ihn zufällig — durch ein Wort, eine Geste — mit der Persönlichkeit verknüpft.

Eine Lautassoziation — nichts weiter.

Wohl ist es wahr: er hatte auch schon früher Ähnliches der Persönlichkeit gegenüber empfunden; aber wahr ist es auch, daß er der Persönlichkeit verschiedenes zu verdanken hatte und daß sie sich seiner annahm; der Widerwillen, das Grauen vor ihr hat gar keine Berechtigung und erklärt sich nur durch seine Delirien: durch die Erscheinung der braungelben Flecke auf seiner Tapete.

Ach, er ist eben krank, das ist es . . .

Die Dunkelheit brach herein: sie überfiel alles, besiegte alles; ernst und drohend traten Tisch, Lehnstuhl und Schrank im Raum hervor; die Dunkelheit trat in seine Seele ein — er weinte: zum erstenmal erblickte er vor sich Nikolai Apollonowitsch in seiner wahren moralischen Gestalt. Wie kam es, daß er ihn nicht früher erkannt hatte? Wie kam es? . . .

Er erinnerte sich seiner ersten Begegnung mit Ableuchow (in einem ihm bekannten Zirkel hielt damals Nikolai Apollonowitsch einen Vortrag, in dem er alle Werte umwertete): der allgemeine Eindruck war kein angenehmer; dann später: es kann nicht geleugnet werden: Ableuchow hatte doch ein ganz besonderes Interesse für Parteigeheimnisse gezeigt; mit der plump-zerstreuten Miene eines Degenerierten hat er überall seine Nase hineinzustecken gewußt: die Zerstreutheit kann ebensogut eine Heuchelei gewesen sein. Alexander Iwanowitsch sagte sich: ein Provokateur höheren Genres kann sehr wohl das Äußere Ableuchows haben — diese verträumt traurigen Augen (die einem fremden Blick nicht standhielten) wie den Froschausdruck des langgezogenen Mundes; langsam näherte sich Alexander Iwanowitsch der Überzeugung, daß sich Ableuchow in der ganzen Sache höchst sonderbar aufgeführt hatte; und — Dutzende gehen zugrunde! . . .

Je mehr er sich selbst zu überzeugen suchte, daß an der Zerstörung der Organisation in T. T. Ableuchow beteiligt war, um so mehr wich das bedrückende Gefühl, das ihn während des Gesprächs mit der Persönlichkeit befallen hatte; eine gewisse Leichtigkeit und Sorglosigkeit rann in seine Seele. Alexander Iwanowitsch hatte seit jeher den Senator besonders gehaßt. Er empfand Apollon Apollonowitsch gegenüber einen Ekel, einen förmlichen Ekel, wie ihn die Menschen vor der Tarantel empfinden; Nikolai Apollonowitsch aber hatte er zuweilen direkt geliebt; jetzt hatten sich für ihn der Senator und der Senatorsohn zu einem gemeinsamen Etwas verschmolzen, das in ihm nicht nur Ekel auslöste, sondern auch den Wunsch hervorrief, diese Tarantelbrut auszurotten, zu vernichten.

»O, ihr Gewürm! . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . O, ihr Gewürm . . .«

Selbst die Tausendfüßler sind besser, selbst die gelbbraune Tapete, selbst die Persönlichkeit; in der Persönlichkeit ist wenigstens Größe des Hasses vorhanden; mit der Persönlichkeit kann man sich wenigstens in dem Wunsch, zu zerstören, zu vernichten, eins fühlen.

»O, ihr Gewürm! . . .«

Aus dem Zimmer nebenan lockte bereits der gastfreundlich gedeckte Tisch; allerlei Schmackhaftigkeiten waren auf dem Tisch aufgestellt: Wurst, Aal und kalter Kalbsbraten; man hörte die etwas ermüdete Stimme der Persönlichkeit und die des Schischnarfijew, der sich verabschiedete; endlich war er fortgegangen.

Gleich darauf trat die Persönlichkeit in das Arbeitszimmer, trat zu Alexander Iwanowitsch und legte ihm die schwere Hand auf die Schulter:

»So ist es! . . . Es ist besser, wir streiten uns nicht, Alexander Iwanowitsch: Wenn die, die zueinander gehören, sich herumstreiten, . . . was soll dann überhaupt werden? . . .«

»Nun, kommen Sie zu Tisch! . . . Essen Sie mit uns zu Abend . . . Aber um eins bitte ich: beim Essen kein Wort von alldem . . . Das ist ja alles ziemlich traurig . . . Und Soja Sacharowna braucht davon nichts zu wissen: sie ist auch so schon von alldem müde . . . Ich selbst bin auch schon ordentlich ermüdet . . . Alle sind wir müde . . . Das machen eben die Nerven . . . Wir sind eben beide nervöse Menschen . . . Also zu Tisch . . . kommen Sie . . .«

Gastfreundlich lockte der schimmernde Tisch.

Wieder war er da, der Traurige und Schlanke

Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch.

Mehrmals läutete Alexander Iwanowitsch vor dem Tor seines düsteren Hauses; der Hausmeister öffnete ihm nicht; hinter dem Tor antwortete auf das Läuten nur Hundegebell; ein Hahn in der Ferne verkündete durch seine krähende Stimme die Mitternacht; und — schwieg dann; die 18. Linie schlängelte sich hin, in die Tiefe, ins Leere.

Überall war Leere.

Alexander Iwanowitsch empfand eigentlich etwas wie Freude: in der Tat, es verschob sich in dieser Weise sein Eintreten in die düsteren Räume zwischen den Wänden; hinter diesen Wänden hört man die ganze Nacht Geräusche, Knacken und Quieken. Und was die Hauptsache war: er mußte, ehe er diesen Raum betrat, im Dunkeln achtmal zwölf kalte Stufen überwinden; er zählte immer erst zwölf, dann machte er eine drehende Bewegung und zählte wieder ebenso viele.

Das machte er viermal hintereinander.

Zusammen also — sechsundneunzig lauttönende, steinerne Stufen; dann blieb er vor einer filzbeschlagenen Tür stehen; voll Angst mußte er den halbverrosteten Schlüssel ins Loch stecken; ein Streichholz anzuzünden war gefährlich: es konnte plötzlich die unglaublichsten Dinge beleuchten, wie zum Beispiel eine Maus oder noch was anderes . . .

So dachte Alexander Iwanowitsch.

Deswegen verweilte er gern vor dem Tor seines Hauses.

Nun aber . . . —

— Jemand, ein Trauriger und Schlanker, den Alexander Iwanowitsch oft schon an der Newa gesehen hatte, zeigte sich in der Tiefe der 18. Linie. Diesmal trat er leise in den hellen Lichtkreis einer Laterne; es war aber, als ergoß sich wehmütig helles, goldenes Licht aus seinem Antlitz, von seinen knochigen Fingern . . . — So ist auch heute der unbekannte Freund erschienen.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß dieser liebe Bewohner der 18. Linie einmal von einer alten Frau mit haubenförmigem Strohhut mit lila Bändern angerufen worden war.

Sie hatte ihn da Mischa genannt.

Alexander Iwanowitsch war jedesmal zusammengefahren, wenn der Schlanke und Traurige im Vorbeigehen ihm seinen unaussprechlichen, allsehenden Blick zugewandt; dabei hatten seine eingefallenen Wangen weiß geschimmert. Nach solchen Begegnungen an der Newa war es Alexander Iwanowitsch immer, als hörte und hörte er nichts, als sehe und sehe er nichts.

»Wenn er doch stehengeblieben wäre! . . .«

»O, wenn er doch! . . .«

»O, wenn er ihn doch anhören wollte! . . .«

Aber ohne zu sehen, ohne stehenzubleiben ging der Schlanke und Traurige vorbei.

Deutlich verklangen seine Schritte. Alexander Iwanowitsch drehte sich um und wollte ihm leise etwas sagen; er wollte den unbekannten Mischa leise anrufen . . .

Aber der helle Kreis, in den Mischa soeben eingetreten war, schimmerte leer; und niemand, nichts war dort zu sehen; nur der Wind pfiff, und in den Pfützen spiegelte sich Licht.

Und die gelbe Lichtzunge der Laterne winkte herüber.

Ein toter Strahl fiel durchs Fenster

So, so, so: dort standen sie, als er in der Nacht nach Hause zurückkehrte. Sie warteten auf ihn. Wer sie waren, dies zu sagen war nicht gut möglich: zwei deutliche Gestalten. Ein toter Strahl fiel durchs Fenster des dritten Stocks; er legte sich wie ein fahler Schein auf die grauen Stufen der Treppe.

Und unheimlich ruhig lagen in der vollständigen Dunkelheit die fahlen Lichtflecke — ohne jeden Reflex.

In diesem fahlen Licht rankte auch das Treppengeländer; neben dem Treppengeländer aber standen sie: zwei undeutliche Gestalten; sie ließen Alexander Iwanowitsch passieren und blieben rechts und links von ihm stehen; sie sagten nichts, rührten sich nicht, bebten nicht; man fühlte nur in der Dunkelheit einen bösen, zusammengekniffenen, festen Blick.

Sollte er sich ihnen nicht nähern, sollten er ihnen nicht die in seiner Erinnerung aufgetauchte Beschwörung zuflüstern?

Und unter diesem Blick in den fahlen Fleck treten zu müssen! Vom Mond beschienen zu sein, während zwei spähende Augen auf ihn gerichtet sind; dann hinter sich im Rücken die Augen zweier Späher zu fühlen, die jeden Augenblick ihm etwas antun konnten; den Schritt nicht zu beschleunigen, gleichgültig zu tun, zu hüsteln!

Denn — würde er die Treppe rasch hinauflaufen, dann folgen ihm seine Späher sofort.

Auf einmal wurden die weißfahlen Flecke grau und zerflossen harmonisch; sie lösten sich vollständig in gänzliche Dunkelheit auf. (Ein schwarzer Knäuel schien vor den Mond getreten zu sein.)

Alexander Iwanowitsch näherte sich jetzt ruhig der vorhin weißschimmernden Stelle; er sah die Augen nicht mehr und folgerte daraus, daß auch er von den Augen nicht gesehen wird (der Arme: er hoffte, ungesehen in seine Dachstube zu schlüpfen). Er beschleunigte nicht seinen Schritt und begann sogar — an seinem Bärtchen zu zupfen; und . . .

. . . Alexander Iwanowitsch hielt nicht stand.

Pfeilschnell rannte er über die Stufen bis zum ersten Treppenabsatz (welche Taktlosigkeit!). Als er den Treppenabsatz erreicht, tat er etwas, was ihn völlig in den Augen der unten stehenden Gestalten herabsetzen mußte.

Er rieb ein Streichholz, beugte sich über das Treppengelandet und warf einen erschreckten, verlorenen Blick in die Tiefe: die Eisenstäbe des Geländers blitzten auf, und deutlich erblickte Alexander Iwanowitsch unten die Silhouetten.

Wie groß war aber sein Erstaunen!

Eine der Silhouetten erwies sich einfach als der Tatare Machmudka, der im Kellerraum des Hauses wohnte, und neben ihm stand ein ganz gewöhnlicher Mensch mit steifem Hut auf dem Kopfe und einer gebogenen, orientalischen Nase; der Mann mit der orientalischen Nase schien Machmudka um eine Auskunft zu bitten, worauf dieser verneinend den Kopf schüttelte.

Dann erlosch das Streichholz, und Alexander Iwanowitsch konnte nichts weiter sehen.

Doch verriet das brennende Zündholz seine Anwesenheit, und sofort ertönte ein Scharren von Tritten auf den Stufen; und schon hörte Alexander Iwanowitsch direkt vor seinem Ohr eine Stimme.

»Entschuldigen Sie, sind Sie nicht Andrej Andreitsch Gorelski?«

»Nein, ich bin Alexander Iwanowitsch Dudkin . . .«

»Ja, dem falschen Passe nach . . .«

Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen, aber . . . er sah ein, daß jetzt ein Leugnen nutzlos wäre.

»Schön. Und was wünschen Sie? . . .«

»Ich bitte um Entschuldigung: ich komme zu Ihnen zum erstenmal in so ungewöhnlicher Stunde . . .«

»Bitte . . .«

»Diese Hintertreppe . . . Ihre Wohnung war geschlossen . . . Aber jemand war drin . . . Ich beschloß, Sie beim Eingang zu erwarten . . . Diese Treppe . . .«

»Wer ist in meinem Zimmer? . . .«

»Das weiß ich nicht; mir antwortete eine Bauernstimme . . .«

Stjopka! . . . Gott sei Dank, Stjopka ist dort . . .

»Und was wünschen Sie? . . .«

»Verzeihen Sie, ich hörte soviel von Ihnen: wir haben gemeinsame Freunde . . . Nikolai Stepanowitsch Lipantschenko, in dessen Hause ich wie ein Sohn aufgenommen bin . . . Ich wollte Sie schon längst kennenlernen . . . Ich hörte, daß Sie ein Nachtschwärmer sind . . . Deswegen hab’ ich mir erlaubt . . . Ich wohne eigentlich in Helsingfors und komme nur hier und da hierher; meine Heimat ist der Süden . . .«

Alexander Iwanowitsch leuchtete es sofort ein, daß sein Gast log, und zwar in ganz unverschämter Weise, denn genau dieselbe Geschichte war ihm schon einmal passiert (wo und wann — das konnte er sich im Augenblick nicht vergegenwärtigen).

Nein, nein, nein: die Sache ist keinesfalls harmlos; doch durfte er nicht verraten, daß er das gemerkt hat; er sagte also in die Dunkelheit hinein:

»Mit wem hab’ ich die Ehre zu sprechen?«

»Ich bin der Perser Schischnarfijew . . . Ich hab’ Sie schon öfters gesehen . . .«

»Schischnarfijew . . .«

»Wir waren heute zu gleicher Zeit dort, bei Lipantschenko. Ich saß dort zwei Stunden und wartete, bis Sie mit Ihrer geschäftlichen Angelegenheit fertig waren, aber ich mußte dann doch fortgehen, ehe Sie herauskamen . . . Soja Sacharowna hatte mir vorher nichts von Ihrem Besuch gesagt. Ich suchte schon längst eine Gelegenheit, Sie zu treffen . . . Ich suche Sie schon längst . . .«

Die letzten Worte riefen wieder in Dudkin eine Erinnerung wach, eine schwache Erinnerung, wie im Schlaf: er fühlte sich angewidert, gelangweilt, angeödet . . .

»Haben wir uns schon früher getroffen?«

»Ja . . . erinnern Sie sich nicht? . . . In Helsingfors . . .«

Eine schon klarere Erinnerung tauchte jetzt in Dudkin auf; unerwartet für sich selbst zündete er wieder ein Zündholz an und hielt es direkt vor Schischnarfijews Gesicht: die Wände blitzten gelb auf, die Eisenstäbe des Geländers schimmerten für einen Augenblick metallisch; im flatternden gelben Licht erblickte Alexander Iwanowitsch gerade vor sich das Gesicht des Persers; zugleich fiel es Alexander Iwanowitsch ein, daß er in der Tat dieses Gesicht schon einmal in Helsingfors in einem Café gesehen habe; und auch damals schon verfolgte ihn der Fremde mit seinem unverwandt auf ihn gerichteten Blick der forschenden Augen.

»Erinnern Sie sich?«

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich noch, daß gerade in Helsingfors — ja eben: gerade in Helsingfors hat seine Krankheit ihren Anfang genommen; gerade in Helsingfors begann jenes müßige, in ihn gleichsam von außen eingedrungene Gehirnspiel.

Er erinnerte sich nun, daß es gerade die Zeit gewesen war, in der er die ganz paradoxe Idee vertreten hatte: die Kultur müsse beseitigt werden, da die bestehende geschichtliche Periode: die des Humanismus — zu Ende angelangt sei, und was von ihr noch übrigblieb, sei nur ein verwitterter, morscher Steinüberrest; es beginnt die Periode der gesunden Tierinstinkte, die sich von unten in dem Huligan- und Apachenwesen, oben, bei der Aristokratie, in der Rebellion der Künste gegen das Althergebrachte wie in der Zuneigung zu primitiver Kultur, zu allem Erotischen anzeigt; ja, selbst die Bourgeoisie trat in die neue Bahn ein, die die orientalischen Moden, die Negertänze, der Cake-walk, der Two-step und dergleichen mehr zeitigte; Alexander Iwanowitsch predigte in jener Zeit die Verbrennung der Bibliotheken, der Universitäten, der Museen; er predigte auch noch die Herbeirufung der Mongolen (doch später bekam er vor den Mongolen Angst). Alle Erscheinungen des modernen Lebens hatte er damals in zwei Kategorien eingeteilt: zu der einen gehörten die Erscheinungen, die von einer absterbenden Kultur sprachen die andere war das gesunde Barbarentum, das sich jetzt noch unter der Maske der äußersten Verfeinerung bergen mußte (Nietzsche, Ibsen), um unter dieser Maske das Chaos in die Herzen zu pflanzen, das schon, heimlich, aus allen Seelen ruft . . .

Alexander Iwanowitsch war dafür eingetreten, daß die Masken abgenommen und dem Chaos freies Spiel gegeben werde.

Er erinnerte sich, damals im Café in Helsingfors gerade dieses gepredigt zu haben; und als ihn jemand gefragt, wie er sich zum Satanischen stelle, hatte er zur Antwort gegeben:

»Das Christentum ist überlebt: im Satanischen aber liegt ein großer Fetischismus, das heißt gesundes Barbarentum.«

Gerade bei dieser Unterhaltung — das erinnerte er sich jetzt — hatte abseits vor einem einsamen Tischchen Schischnarfijew gesessen und ihn unverwandt angesehen.

Die Predigt des Barbarentums hatte ein sonderbares Ende gefunden (damals schon, in Helsingfors): ja, es war ein vollständiger Alpdruck gewesen: er war nämlich (ob im Traum oder im Einschlafen, das wußte er nicht) mit rasender Schnelligkeit durch einen nicht zu definierenden, möglicherweise zwischen den fernen Planeten sich befindenden Raum geschleift worden, wo an ihm ein dort vielleicht üblicher, von unserem Standpunkte aber sicherlich brutaler Akt vollführt worden war; es war sicher alles ein Traum gewesen (unter uns: was ist eigentlich ein Traum?), aber es war ein häßlicher Traum gewesen; der damals zum Abbrechen der Predigt geführt hatte; diesen Traum hielt Alexander Iwanowitsch später für den Anfang seiner Krankheit, doch im übrigen — liebte er es nicht, daran erinnert zu werden.

Da war es gewesen, wo er heimlich die Offenbarung zu lesen begonnen hatte.

Jetzt an der Treppe war für ihn die Erinnerung an Helsingfors furchtbar. Und er dachte:

»Das war es also, warum sich mir in den letzten vierzehn Tagen immerzu das Wort Helsingfors aufdrängte.«

Schischnarfijew fuhr inzwischen fort:

»Erinnern Sie sich?«

Die Sache nahm eine häßliche Wendung: er hätte eigentlich unbedingt in sein Zimmer flüchten müssen, so rasch als möglich, die steinernen Stufen hinauf; er sollte die Dunkelheit ausnutzen, ehe das phosphoreszierende Licht wieder seine fahlweißen Strahlen auf die Stufen wirft; doch von Grauen erfüllt, zögerte Alexander Iwanowitsch.

Schischnarfijew aber sagte wieder:

»Sie werden mir also erlauben, zu Ihnen einzutreten? . . . Ich bin, aufrichtig gesagt, etwas müde vom Warten . . . Ich hoffe, daß Sie mir meinen mitternächtlichen Besuch nicht übelnehmen . . .«

In einem Anfall unbewußter Angst schrie Dudkin heraus:

»Bitte sehr! . . .«

Für sich aber dachte er:

»Dort ist ja Stjopka, er wird mir helfen . . .«

Alexander Iwanowitsch lief die Treppe voran; hinter ihm her lief Schischnarfijew: die langen Reihen der Stufen schienen sie nicht bloß in den fünften Stock zu tragen, sondern in eine unendliche Höhe; die Treppe schien kein Ende zu haben; umkehren war nicht möglich: hinter ihm her lief Schischnarfijew, und vor ihm schlug ein Lichtstrahl aus einem Türspalt.

Alexander Iwanowitsch dachte:

»Wie konnte Stjopka da hineingekommen sein: der Schlüssel ist ja bei mir?«

Durch einen Griff in die Taschen überzeugte er sich aber, daß er sich geirrt hatte: statt des Türschlüssels hatte er den vom alten Reisekoffer eingesteckt.

Petersburg

In vollständiger Verwirrung betrat Alexander Iwanowitsch sein armseliges Zimmer; vor einem brennenden Lichtstumpf kauerte Stjopka auf der Pritsche, den buschigen Kopf tief über ein Buch in altslawischem Druck gebeugt.

Stjopka las in einem Gebetbuch.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich, daß er Stjopka gebeten hatte, das Gebetbuch mitzubringen: er wollte darin das Gebet des großen Wassilij: die Beschwörung des Teufels, nachlesen.

»Du bist da, Stjopka, das freut mich!«

»Ich habe Ihnen das Geb . . .« — Nachdem er einen Blick auf den Gast geworfen: »Ich habe Ihnen das Gewünschte gebracht . . .«

»Ich danke dir . . .«

»Ich habe Sie erwartet und inzwischen darin gelesen . . .« (Wieder ein Blick auf den Unbekannten). . . »Jetzt muß ich aber gehen . . .«

Alexander Iwanowitsch faßte Stjopka an der Schulter:

»Geh nicht fort, bleib noch eine Weile . . . Dieser Herr da ist Herr Schischnarfijew.«

Dieser stand an der Tür; er hatte seinen Hut abgenommen, den Mantel aber behielt er an und betrachtete das Zimmer mit fragenden Blicken:

»Nicht sehr schön haben Sie es hier . . . Feucht ist es ein wenig . . . und kalt . . .«

Der Lichtstumpf brannte aus: das Papier, mit dem es an seinem Ende umwickelt war, begann zu brennen, und plötzlich begannen die Wände in fließendem Rot zu tanzen.

»Nein, Herr, bitte mich zu entlassen, ich muß gehen« — Er warf einen etwas schielenden, feindseligen Blick auf Alexander Iwanowitsch, während er den Gast überhaupt keines Blickes mehr würdigte; — »lassen Sie mich gehen; ein anderes Mal schon . . .«

Er nahm das Gebetbuch an sich.

Unter Stjopkas scharfem Blick senkte Alexander Iwanowitsch unwillkürlich den seinigen: ihm schien der scharfe Blick ein Blick des Vorwurfs zu sein. Wie soll er sich jetzt Stjopka gegenüber verhalten? Er hätte ihm so gern etwas gesagt; er hat wohl Stjopka beleidigt; Stjopka wird es ihm nicht verzeihen; er glaubte Stjopkas Gedanken zu lesen:

»Nein, Herr, wenn Sie solche Besucher empfangen, da ist es nichts mehr zwischen uns; und Sie brauchen dann auch kein Gebetbuch mehr . . . Solche Leute suchen nicht einen jeden auf; und wen sie aufsuchen, der muß von derselben Sorte sein wie sie selbst . . .«

Also — also erkennt Stjopka in dem Gast eine verdächtige Person . . . Wie sollte nun er mit ihm allein im Zimmer bleiben? . . .

»Stepan, bleib doch hier.«

Aber Stjopka machte eine abwehrende Bewegung, die etwas wie Ekel verriet.

»Der Herr kommt doch zu Ihnen, nicht zu mir!«

Die Tür hinter Stjopka fiel zu. Alexander Iwanowitsch wollte ihm erst nachrufen, er solle doch das Gebetbuch dalassen, aber . . . er schämte sich. Nun sollte er plötzlich das für ihn, den Freigeist, kompromittierende Wörtchen Gebetbuch aussprechen. Alexander Iwanowitsch nahm sich fest vor, vor nichts, was auch kommen mag, zu erschrecken; denn alles, was jetzt kommt, nachdem Stjopka das Zimmer verlassen hat, kann nur Halluzination des Gesichts und des Gehörs sein. Die tanzenden roten Flammen an den Wänden erstarben; alles wurde — ein tödlich fahles Grün.

Mit einer Handbewegung lud er den Gast ein, auf der Pritsche vor dem Tischchen Platz zu nehmen, selbst aber blieb er neben der Tür stehen, um gegebenenfalls entschlüpfen zu können, das Zimmer mit dem Besucher abzusperren und selber über alle sechsundneunzig Stufen hinunterzukollern.

Der Gast stützte seinen Ellbogen aufs Fensterbrett, zündete eine Zigarette an und begann zu plaudern; sein Profil zeichnete sich schwarz auf dem Fond des durchs Fenster hereinströmenden, grünlichen Lichtes; hinter dem Fenster flog der Mond zwischen Wolken dahin . . .

»Ich sehe wohl ein, daß es nicht die rechte Stunde, in der ich zu Ihnen gekommen . . . daß ich Sie, wie es scheint, störe . . .«

»Das macht nichts, bitte sehr«, versuchte Alexander Iwanowitsch den anderen zu beruhigen, während er selbst der Beruhigung bedurfte und mit der Hand heimlich hinter dem Rücken untersuchte, ob die Tür offen oder zugesperrt sei.

»Aber . . . Ich habe Sie so lange schon besuchen wollen, hab’ Sie überall gesucht, und als wir uns auch bei Soja Sacharowna verfehlt haben, bat ich diese um Ihre Adresse; ich komme jetzt direkt von dort zu Ihnen und beschloß auf Sie zu warten . . . Um so mehr, als ich morgen schon ganz früh verreise.«

»Sie verreisen?« fragte Alexander Iwanowitsch, denn es schien ihm, die Worte seines Besuchers hätten in ihm ein doppeltes Echo ausgelöst: während sein äußeres Ohr die Worte »Ich verreise ganz früh« vernommen hatte, hörte er mit einem anderen, inneren Ohr deutlich:

»Ich verreise ganz früh am Morgen, um mit der Abenddämmerung zurückzukehren . . .«

Aber er bestand nicht auf der Beantwortung seiner Frage und fuhr fort, das weitere mit seinem äußeren Gehör aufzunehmen.

»Ja, ich verreise nach Finnland, nach Schweden . . . Dort wohne ich; meine Heimat ist aber — Schemacha. Ich wohne eben in Finnland, weil das Petersburger Klima, aufrichtig gesagt, auch für mich schädlich ist.«

Ein doppeltes Echo löste wieder dieses »auch für mich« aus: das Klima von Petersburg ist für alle schädlich, es war nicht nötig, es zu betonen.

»Ja,« erwiderte Dudkin mechanisch, »Petersburg befindet sich auf einem Sumpf . . .«

»Ja, ja, ja . . . Für das Russische Reich ist Petersburg ein sehr bezeichnender Punkt . . . Nehmen Sie nur die Landkarte zur Hand . . . Unsere Hauptstadt, die so reich von Denkmälern geschmückt ist, gehört auch zum Lande des Jenseits . . .«

»Oh, oh, oh!« dachte Dudkin; »nun heißt es die Nase nach dem Winde halten, um rechtzeitig fliehen zu können . . .«

Laut aber erwiderte er:

»Sie sagen: unsere Hauptstadt . . . Doch nicht Ihre: Ihre Hauptstadt ist ja nicht Petersburg, sondern Teheran . . . Ihnen, als einem Orientalen, dürften die klimatischen Verhältnisse unserer Hauptstadt . . .«

»Ich bin Kosmopolit: ich lebte ja schon in Paris und in London . . . Ja, wovon sprach ich? — daß unsere Hauptstadt zum Land des Jenseits gehört, das pflegt man bei den Landkarten, Reiseführern und dergleichen nicht in Betracht zu ziehen; selbst der ehrenwerte Baedeker schweigt darüber; der bescheidene Provinzler, der nicht vorher aufmerksam gemacht wurde, gerät schon bei dem ersten Schritt vom Nikolaijewer oder Warschauer Bahnhof in einen Sumpf; er hatte eben nur mit der realen Behörde gerechnet und hatte es unterlassen, sich mit einem Schattenpaß zu versehen.«

»Wie meinen Sie es?«

»Nun eben, ganz einfach: wenn ich in das Land der Papuas gehe, weiß ich, daß ich im Land der Papuas auf Papuas stoßen werde; über diese Naturerscheinung hat mich Herr Karl Baedeker rechtzeitig unterrichtet; aber denken Sie, wie ich mich fühlen müßte, wenn ich auf dem Wege nach Kirssanow auf eine Horde schwarzer Papuas stieße (was übrigens sehr bald in Frankreich der Fall sein wird, da Frankreich in aller Stille die schwarzen Horden bewaffnet, um sie nach Europa zu bringen): Sie werden das erleben, übrigens dürfte es Ihren Wünschen sehr zustatten kommen; es paßt ja so gut zu Ihrer Theorie der Vertierung und der Kulturvernichtung: erinnern Sie sich? . . . Ich hörte Ihnen damals im Helsingforser Kaffeehaus mit Befriedigung zu.«

Alexander Iwanowitsch fühlte sich immer unbehaglicher; es fröstelte ihn; besonders widerlich war es ihm, einen Hinweis auf die von ihm längst überwundene Theorie zu hören; er hat diese Theorie längst als krankhaft erkannt und verworfen; und nun jetzt, wo er sich wieder krank fühlt, tritt sie ihm in so widerlicher Form entgegen.

»Also, wo bin ich? Ja, die Papuas: die Papuas sind, sozusagen, erdgeborene Wesen; die Biologie der Papuas, so primitiv sie auch ist, dürfte Ihnen, Alexander Iwanowitsch, nicht unbekannt sein. Mit einem Papua können Sie schließlich und endlich sich irgendwie noch immer verständigen; sagen wir zum Beispiel etwa mit Hilfe des Schnapses; und dann: selbst in Papuasien gibt es Rechtsinstitutionen, die unter Kontrolle des papuasischen Parlaments stehen . . .«

Alexander Iwanowitsch fiel das höchst befremdende Benehmen seines Gastes auf, dessen Stimme sich plötzlich in höchst unpassender Weise von ihm gelöst hatte; und überhaupt verwandelte sich der unbeweglich auf dem Fensterbrett sitzende Gast (oder betrogen ihn etwa seine Augen?) ganz deutlich in einen Rußfleck auf der mondbelichteten Fensterscheibe, während seine Stimme, immer lauter werdend, den krächzenden Ton eines Grammophons annahm, der Alexander Iwanowitsch unmittelbar ins Ohr hineintrommelte.

»Der Petersburger Schatten aber ist nicht einmal ein Papua; die Biologie der Schatten ist noch nicht erforscht. Sie werden sich nie mit dem Schatten verständigen können, seine Forderungen nie verstehen lernen; sobald Sie Petersburger Boden betreten, schlüpft der Schatten in Sie zugleich mit allen möglichen Krankheitsbazillen hinein, die Sie mit dem Wasser aus den Leitungen hinunterschlucken . . .«

Vom Mond beschienen und mit phosphoreszierenden Flecken überdeckt, saß er auf seinem schmutzigen Lager und ruhte von den Angstanfällen aus; da, hier war sein Gast gesessen: der war jetzt nicht mehr da. Diese Angstanfälle! Drei-, vier-, fünfmal während einer Nacht; den Halluzinationen folgten klare Augenblicke.

Jetzt war sein Bewußtsein klarer wie der Mond dort hoch vor den seitwärts dahinziehenden Wolken; und wie der Mond schien das Bewußtsein hell und belichtete die Seele, wie der Mond die labyrinthartigen Straßenprospekte. Weit nach hinten und nach vorn belichtete das Bewußtsein die kosmischen Zeiten und die kosmischen Fernen.

In jenen Fernen gab es nichts: keine Menschen, keine Schatten.

Und — leer waren die Fernen.

In seinen vier einander perpendikulären Wänden kam er sich selbst wie ein in den kosmischen Räumen eingeschlossener Gefangener vor; ein Gefangener, der — freier ist als alle anderen Menschen, für den der winzige Raum zwischen den vier schmalen Wänden dem ganzen Raum des Alls gleicht.

Einsam ist der Raum des Alls! Sein leeres Zimmer! . . . Das All ist der letzte Besitz an Reichtümern . . . Das eintönige All! . . . Eintönig war sein Zimmer schon immer gewesen . . . Die Wohnung eines Bettlers muß aber prunkvoll erscheinen im Vergleich mit der Leere des Raumes im All.

Die Befreiung von den Dämmerzuständen wie eine Erholung empfindend, träumte sich Alexander Iwanowitsch hoch über alles Sinnliche der Welt hinweg.

Eine höhnische Stimme sprach:

»Der Schnaps!«

»Das Rauchen!?«

»Die wollüstigen Gefühle?«

Befand er sich auch wirklich so hoch über allem Sinnlichen der Welt?

Er senkte den Kopf: davon kommt alles: die Krankheit, die Angstzustände, die Schicksalsschläge — von den schlaflosen Nächten, vom Rauchen, vom Trinken.

Der Schnaps!

Plötzlich fühlte er einen schmerzhaften, scharfen Stich in seinem kranken Backzahn; er drückte die Hand auf die Wange.

Seine Irrsinnsanfälle erschienen ihm auf einmal in neuem Licht; er begriff jetzt die Wahrheit dieses Irrsinns: er war nur die Botschaft seiner erkrankten Sinnesorgane an das bewußte Ich; nicht der persische Untertan Schischnarfijew verfolgte ihn, sondern seine schwergewordenen Sinnesorgane verfolgten sein Ich; und indem sich dieses Ich vor ihnen zu retten sucht, wird es zum Nicht-Ich, denn nur durch die Sinnesorgane kommt das Ich wiederum zu sich zurück; der Alkohol, der Tabak und die schlaflosen Nächte untergruben seinen schwachen Körper; unser körperlicher Organismus aber ist eng mit dem Raum verbunden; während der Organismus zu zerfallen begann, bildeten sich auch Lücken im Raum; in die Spalten der Sinnesorgane drangen Bazillen ein; das Räumliche aber, das immer den Körper umschließt — füllte sich mit Visionen . . . Zum Beispiel: Wer ist Schischnarfijew? Ein Alpdrucktraum; dieser Traum aber ist eine Folgeerscheinung des Alkohols; Schischnarfijew ist also nichts anderes als ein Stadium der Alkoholvergiftung.

»Du solltest nicht rauchen, nicht trinken, dann würden deine Sinnesorgane wieder ihren Dienst tun!«

Er fuhr zusammen.

Heute hatte er jemand verraten. Wie konnte er es übersehen, daß er jemand verraten hatte? Er hatte ja zweifellos verraten: er hatte aus Angst Nikolai Apollonowitsch an Lipantschenko ausgeliefert; deutlich erinnerte er sich aller Einzelheiten des widerlichen Handels. Er hatte ohne zu glauben an etwas geglaubt: das war Verrat. Ein noch größerer Verräter ist Lipantschenko selbst; daß Lipantschenko sie alle verriet, hatte er eigentlich schon immer gewußt, und doch verbarg er vor sich selbst dieses Wissen (Lipantschenko übte eine besondere Macht über seine Seele aus): darin lag die Wurzel seiner Krankheit: im furchtbaren Wissen, daß Lipantschenko ein Verräter ist; das Trinken, Rauchen, das ausschweifende Leben waren nur Folgen; und die Halluzinationen waren die letzten Glieder der Kette, an die ihn Lipantschenko geschmiedet hielt. Warum tat es dieser? Weil Lipantschenko wußte, daß ihm sein Verrat bekannt ist; nur weil Lipantschenko weiß, läßt er ihn auch jetzt nicht los.

Lipantschenko hat seinen Willen geknechtet; er hat durch diese Knechtung seines Willens den schrecklichen Verdacht, der alles aufdecken konnte, abzuwenden gesucht; Lipantschenko ahnte, daß in ihm, Dudkin, Mißtrauen erwacht war, und suchte durch eine engere Gemeinsamkeit dieses Mißtrauen einzudämmen, daher hatte er ihn keinen freien Schritt machen lassen; daher hatte er ihn an sich gebunden; er hat in Lipantschenko seine Mystik gegossen, dieser aber in ihn den Alkohol.

Alexander Iwanowitsch erinnerte sich deutlich der Szene im Arbeitszimmer des Lipantschenko; der freche Zyniker und Schuft hatte es auch da verstanden, ihn zu hintergehen; er sah jetzt deutlich vor sich den feisten Hals des Lipantschenko mit der dicken, fetten Falte; dieser Hals hatte ihn gleichsam frech verhöhnt, bis Lipantschenko, seinen Blick auf dem Halse fühlend, sich umgedreht hatte; dieser aufgefangene Blick war es aber, der Lipantschenko alles gesagt hatte.

Damals hatte er mit seiner Einschüchterungspolitik begonnen: er hatte ihn überfallen und so alle Karten vermischt; er hatte einen tödlich verletzenden Verdacht ausgesprochen und ihm dann einen Kompromiß vorgeschlagen: so zu tun, als ob er dem Verrat Ableuchows glaubte.

Und Dudkin hat es geglaubt!

Alexander Iwanowitsch sprang auf und ballte in hilfloser Wut die Fäuste; das war nun Tatsache, das ist nun geschehen.

Hier lag der Grund seines Alpdruckes.

Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Lipantschenko; der Eindruck war wahrlich kein angenehmer gewesen; Lipantschenko hatte entschieden etwas zuviel Interesse für die Schwächen seiner Mitmenschen gezeigt. Dieser plumpe Körper, diese stumpfsinnig zwinkernden Äuglein konnten wohl einem Provokateur höheren Genres angehören, nicht aber . . .

Ein solcher konnte schon manchmal auch ganz einfältig erscheinen.

»Gewürm . . . O, du Gewürm!«

Je mehr er sich in Lipantschenko vertiefte, in die Betrachtung seiner Körperteile, seiner Manieren, Gepflogenheiten, um so deutlicher sah er vor sich: nicht einen Menschen, sondern — eine Tarantel.

Und etwas Stählernes drang ihm in die Seele:

»Ja, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.«

Ein Gedanke erleuchtete ihn: alles wird so einfach enden; daß es ihm nicht schon früher eingefallen war! Nun ist es ihm klar, welche Mission er zu erfüllen hat.

Alexander Iwanowitsch lachte hell auf:

»Dieser Wurm glaubte mich hintergehen zu können.«

Da fühlte er wieder einen starken Stich im Zahn: aus seinen Träumereien gerissen, griff er sich an die Backe; sein Zimmer, der kosmische Raum — verwandelte sich wieder in eine armselige Dachkammer; das Bewußtsein begann zu erlöschen (wie das Mondlicht in den Wolken); er wurde vom Fieber geschüttelt; seine Augenblicke füllten sich langsam mit Ängsten und Bangigkeit; er rauchte eine Zigarette nach der anderen, rauchte sie ganz bis zum äußersten Rand herunter . . .

Plötzlich aber . . .

Der Gast

Alexander Iwanowitsch Dudkin vernahm einen seltsamen knallenden Laut; der knallende Laut kam von unten; dann wiederholte er sich (begann er sich zu wiederholen) auf der Treppe: ein Schlag folgte dem anderen, mit Pausen dazwischen. Wie wenn jemand mit aller Wucht ein riesengroßes, zentnerschweres Metallstück auf Stein warf; und diese auf Stein niederfallenden Metallschläge stiegen immer höher, kamen immer näher. Alexander Iwanowitsch begriff nun, daß ein Übeltäter die Treppenstufen zerschlug. Er horchte, ob nicht aus irgendeiner Tür jemand herauskam, um den nächtlichen Ruhestörer dingfest zu machen. Ist es aber auch wirklich bloß ein nächtlicher Übeltäter?

Die Schläge auf der Treppe folgten einander; eine Steinstufe nach der anderen wurde zermalmt; und die Steine flogen unter den wuchtigen Schritten nach unten; dieses metallene, dröhnende Etwas näherte sich hartnäckig dem dunkelgelben Dachzimmer; mit betäubendem Gepolter rollten jetzt vielhundertzentnerschwere Steinmassen über die Stufen: zertrümmert sind sie; und — mit furchtbarem Knall löste sich auf einmal der Steinboden vor der Tür:

Die Tür spaltete sich mit donnerndem Krachen und flog aus den Angeln; aus der gähnenden Öffnung ergossen sich melancholische Düsterkeiten wie rauchige, tiefgrüne Wolkenknäule in die Kammer; von dem Stiegenraum her floß Mondferne herein, und die Dachkammer schloß sich an die Unermeßlichkeit an; mitten aber an der Türschwelle, zwischen den zerrissenen Wänden, durch die die grünliche Unermeßlichkeit hereinsickerte, stand plötzlich, den gekrönten, grünumwobenen Kopf tief gesenkt, den schweren, grünumsponnenen Arm vorgestreckt, eine mächtige, phosphorleuchtende Gestalt.

Das war — der kupferne Gast.

Der metallene, matt schimmernde Mantel glitt schwer von den metallisch blinkenden Schultern über den geringelten Panzer; die aus Eisen gegossenen Lippen bebten zweideutig, denn nun wiederholte sich das vergangene Jahrhundert; jetzt, im selben Augenblick, in dem hinter der armseligen Kammer die Wände des alten Gebäudes in die grünliche Unermeßlichkeit stürzten; und ebenso klaffte seine eigene Vergangenheit vor Alexander Iwanowitsch auf; er rief:

»Jetzt erinnere ich mich . . . Ich habe dich erwartet . . .«

Der Riese mit dem kupfernen Kopf war im Fluge durch alle Zeitepochen gezogen und schloß so den eisernen Ring bis zu diesem Augenblick ab; Vierteljahrhunderte zogen dahin; Nikolai stieg auf den Thron; die verschiedenen Alexander stiegen auf den Thron; Alexander Iwanowitsch aber, der Schatten, hatte sich vergeblich bemüht, den Ring zu überwinden: alle Zeitepochen zu durchlaufen, indem er die einzelnen Tage, Jahre, Minuten durchlief, indem er die feuchten Petersburger Prospekte durchwanderte — träumend, wachend, sich in Sehnsucht verzehrend . . . Und hinter ihm her, hinter allen anderen her klirrte das Metall, das die Existenzen zerschlug; krachten die metallenen Schläge — in leeren Fluten, in Dörfern, in den Städten; donnerten unter den Haustoren, auf den öffentlichen Plätzen, auf den Stufen der nächtlichen Haustreppen.

Es donnerten — die Zeitepochen; ich habe dieses Donnern gehört. Und du — hast auch du sie gehört?

Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist — ein Schlag auf Stein; Petersburg ist — ein Schlag auf Stein; die Karyatide dort vor dem Portal, die sich bald lösen will — ist wiederum derselbe Schlag auf Stein; unvermeidlich ist die Verfolgung; und unvermeidlich sind — die Schläge; du kannst dich in deiner Dachkammer nicht verbergen; die Dachkammer ist Lipantschenkos Werk; die Dachkammer ist eine Falle; einrennen mußt du sie, einrennen . . . durch Schläge auf Lipantschenko!

Dann wird sich alles wenden; unter den Metallschlägen, die den Stein zerbröckeln, muß Lipantschenko in Stücke zerfallen; dann zerfällt auch die Dachkammer und zerfällt auch Petersburg selbst; die Karyatide wird zu Staub werden, und der nackte Schädel Ableuchows wird durch die Schläge, die Lipantschenko treffen, tödlich getroffen.

Alles, alles erhellte sich jetzt für ihn, als nach zehn Jahrzehnten der kupferne Gast bei ihm erschien und mit laut tönender Stimme sagte:

»Ich grüße dich, mein Sohn!«

Drei Schritte nur: ein dreimaliges Knattern der Bretter unter den Füßen des riesigen Gastes; mit seinem metallenen Hintern schlug der aus Metall gegossene Kaiser laut klirrend auf den Stuhl auf; der grünumsponnene Ellbogen, mit tönenden, glockenähnlichen Lauten sich vom Mantel befreiend, fiel mit seiner ganzen kupfernen Schwere auf das billige Tischchen; und mit langsamer, zerstreuter Bewegung griff der Kaiser vom Kopfe die kupfernen Lorbeeren; klirrend fiel der kupferne Lorbeerkranz vom Haupt.

Klirrend und prasselnd zog die tausendzentnerschwere Hand die rotglühende Pfeife hervor; und zwinkernd sprach er:

»Petro Primo Catherina Secunca . . .«

Er schob die Pfeife zwischen die starken Lippen, und der grüne Rauch des geschmolzenen Kupfers stieg in den Mondschein auf.

Da erst begriff Alexander Iwanowitsch, daß er umsonst durch all die Jahrzehnte gelaufen; daß die Schläge hinter ihm ohne jeden Zorn gedonnert haben; jene Schläge in den Städten, Dörfern, unter den Toren, auf den Treppen; er war ein seit Ewigkeit Begnadigter; und alles Gewesene — ebenso wie das Kommende — war nur ein visionäres Durchwandern, bis zum Trompetenruf der Erzengel.

Und — er sank zu den Füßen des Gekommenen:

»Meister!«

In den kupfernen Gesichtsfalten des Gastes leuchtete kupferne Melancholie; gutmütig legte sich auf seine Schulter die steinzermalmende Hand, und weißglühend brach sie ihm das Schlüsselbein.

»Macht nichts: sterbe nur, dulde . . .«

Der metallene Gast, in tausendgradiger Hitze, im Mond glühend, saß jetzt sengend vor ihm; ganz durchglüht, blendend weiß geworden, floß er über den gebeugten Alexander Iwanowitsch wie ein geschmolzener Eisenstrom; in vollständigem Wahn wand sich Alexander Iwanowitsch in der tausendzentnerschweren Umarmung: der kupferne Reiter ergoß sich mit seinem Metall in seine Adern.

Die Schere

»Herr, schlafen Sie?«

In seiner bleiernen Bewußtlosigkeit fühlte Alexander Iwanowitsch dumpf, daß ihn wer rüttelte.

»Herr, he? . . . Herr!«

Endlich schlug er die Augen auf und versetzte sich in den düsteren Tag.

»Aber Herr! . . .«

Der Kopf neigte sich.

»Was ist los?«

Alexander Iwanowitsch merkte erst da, daß er auf der Pritsche lag.

»Die Polizei?!«

Vor seinem Blick erhob sich ein Zipfel des heißen Kissens.

»Welche Polizei denn . . .?«

Ein dunkelroter Fleck kroch auf dem Kissen dahin — brr: in seinem Bewußtsein blitzte es auf:

»Eine Wanze . . .«

Er wollte sich auf den Ellbogen stützen und sich erheben, verfiel aber wieder in Bewußtlosigkeit . . .

»Herrgott, aber kommen Sie doch zu sich . . .«

Alexander Iwanowitsch stützte sich endlich auf den Ellbogen.

»Bist du es, Stjopka?«

Er erblickte ein aufsteigendes Dampfwölkchen; ein Dampfwölkchen aus einer Teekanne; auf dem Tische sah er auch die Kanne und eine Tasse.

»Ah, das ist schön, Tee.«

»Was schön! Sie fiebern ja ganz, Herr . . .«

Mit Verwunderung sah Alexander Iwanowitsch, daß er angekleidet war; er war ja sogar im Mantel dagelegen.

»Wieso bist du hier?«

»Ich bin zu Ihnen raufgekommen; es wird auf sehr vielen Fabriken gestreikt; die Polizei überall, massenhaft. . . . Ich kam zu Ihnen rauf, hab’ das Gebetbuch mitgebracht.«

»Das Gebetbuch war aber schon bei mir.«

»Aber wo, Herr, das hat Ihnen nur geträumt . . .«

»Warst du nicht gestern hier gewesen?«

»Nein, Herr, Sie haben mich schon zwei Tage nicht gesehen.«

»Ich glaubte aber . . . Mir schien eben . . .«

Was schien ihm?

»Ich kam heute zu Ihnen rauf und sah Sie liegen; Sie stöhnten, fieberten ganz, wie im Feuer lagen Sie da.«

»Ich bin aber gesund, Stjopka.«

»Aber wo denn, gesund! . . . Ich hab’ da für Sie einen Tee gemacht; hier ist auch Brot, ganz frisches; trinken Sie, vielleicht wird’s doch besser. Ja! So dazuliegen — das ist doch nichts . . .«

(Er erinnerte sich: In der Nacht war durch seine Adern eine kochende Metallbrühe geflossen.)

»Ja, ja, mein Lieber, in der Nacht habe ich ein ganz anständiges Fieber gehabt . . .«

»Das glaub’ ich schon . . .«

»Ein Fieber von hundert Grad.«

»Sie werden einmal im Alkohol zu Tode gesotten . . .«

»In der eigenen Brühe? Ha—ha—ha . . .«

»Was meinen Sie? Man erzählt: es hat einmal einen alkoholischen Menschen gegeben, dem sind aus dem Mund weiße Dampfwolken aufgestiegen . . . und er war dann totgesotten . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte ein böses, wehes Lächeln.

»Sie haben sich schon den Teufel auf den Hals getrunken . . .«

»Die Teufel waren schon da, das ist wahr . . . Deswegen habe ich dich auch um das Gebetbuch gebeten: ich will sie verjagen.«

»Sie werden sich auch noch die grüne Schlange auf den Hals trinken . . .«

Alexander Iwanowitsch lächelte wieder schief:

»Ganz Rußland aber auch, mein Lieber . . .«

»Waas? . . . Trinkt sich die grüne Schlange . . .?«

Er dachte aber gleich:

»Solltest doch lieber deine Zunge hüten . . .«

»Das ist nicht wahr: Rußland steht unter Jesu Christi Schutz . . .«

»Du quatschst . . .«

»Sie quatschen selbst: Sie werden schon sehen . . . wenn Sie noch weitertrinken, dann werden Sie einmal von ihr, von ihr selbst geholt . . .«

Alexander Iwanowitsch schrak heftig zusammen.

»Von wem?«

»Von . . . von . . . der weißen Frau.«

Daß das Delirium tremens, das Stjopka mit der »weißen Frau« meinte, auf den Fersen war — daran war nicht zu zweifeln.

»Ach, weißt du: wenn du doch in die Apotheke laufen . . . und mir ein Chininpulverchen kaufen möchtest . . .«

»Das kann ich schon tun . . .«

»Aber nicht vergessen: salzsaures, kein schwefelsaures. Schwefelsaures Chinin ist nur Verschwendung und hilft weiß Gott nichts . . .«

»Ach, Herr, am Chinin liegt es nicht . . .«

»Fort mit dir! . . .«

Stepan lief zur Tür und Alexander Iwanowitsch ihm nach.

»Vergiß auch nicht, Stjopuschka, mir bei dieser Gelegenheit auch etwas Himbeersaft zum Tee zu kaufen.«

Er dachte:

»Himbeer ist ein gutes, schweißtreibendes Mittel.«

Mit raschen, fließenden Bewegungen trat er an die Wasserleitung; kaum hatte er sich aber aus dem Hahn gewaschen, als in ihm wieder alles aufflammte, die Grenze zwischen Delirium und Wirklichkeit verwischend.

Während er mit Stjopka gesprochen hatte, schien es ihm immerfort, hinter der Tür lauere etwas: etwas ihm seit Ewigkeiten Bekanntes. Dort, hinter der Tür? Und er lief hinaus; aber hinter der Tür sah er nur das Treppenhaus sowie das Treppengeländer, das über dem Abgrund hing. Hier blieb Alexander Iwanowitsch angelehnt stehen; er schnalzte mit der vollständig ausgetrockneten Zunge, zitternd vor innerer Kälte. Ein Geschmacksgefühl reizte ihn, ein Kupfergeschmack; im Mund und auf der Zungenspitze.

»Wahrscheinlich wartet es unten im Hofe . . .«

Im Hof war aber niemand, nichts. —

Vergeblich suchte er überall, in allen versteckten Ecken, in den Durchgängen (zwischen den Holzstapeln); silbern schimmerte der Asphalt; silbern schimmerten die Ahornblätter; nichts, niemand, nichts . . .

»Wo ist es also?«

Stjopka lief mit den gekauften Sachen vorbei; nun schlüpfte er rasch, um von Stjopka nicht gesehen zu werden, hinter einen Holzstoß; plötzlich wurde er von einem Gedanken erleuchtet:

»Es ist in einem metallenen Ort . . .«

Was das für ein Ort war und warum ein metallener? Darauf gab ihm sein im Wirbel sich kreisendes Bewußtsein keine erklärende Antwort. Umsonst strengte er seine Gehirnzellen an: nichts deutete auf das in ihm früher gewesene Bewußtsein; eines blieb in der Erinnerung haften: es hat sich hier ein anderes Bewußtsein befunden; dieses andere Bewußtsein hatte sehr klare Bilder vor ihm entstehen lassen; in jener Welt, die keinesfalls unserer ähnlich war, befindet sich . . . es . . .

Und . . . es wird wieder erscheinen.

Mit dem Erwachen verwandelt sich jedes andere Bewußtsein in einen unrealen, mathematischen Punkt; am Tage also, im Wachsein, schrumpft es zu einem Bruchteil eines mathematischen Punktes zusammen; ein Punkt hat aber keine Teile; also kann es nicht gewesen sein.

Es blieb nur die Erinnerung an eine Erinnerungslosigkeit und an ein Etwas, das einer Ausführung harrte, das kein Verschieben duldete; doch — was war es?

Eine Erinnerung an einen metallenen Ort . . .

Eine Erleuchtung kam über ihn: mit federnden, leichten Schritten eilte er zu einer Straßenecke, wo sich zwei Straßen kreuzten; an dieser Straßenecke (das wußte er) war ein Geschäft, dessen Fenster ein Glanzflimmern verbreiteten . . . Wo war aber das Geschäft, und — wo war diese Straßenecke?

Dort glänzten Gegenstände.

»Gibt es dort Metalle?«

Diese sonderbare Passion!

Woher auf einmal diese sonderbare Passion bei Alexander Iwanowitsch? Wirklich: an der Ecke glänzten Metalle: es war ein kleiner Laden, in dem alle möglichen, billigen Metallgegenstände: Scheren, Messer, Gabeln, verkauft wurden.

Er trat in das Geschäft ein.

Eine verschlafene Gestalt (wahrscheinlich der Eigentümer all dieser Sägen, Messer, Bohrer) erhob sich hinter der Kasse und trat vor den Verkaufstisch, auf dem verschiedene Stahlgegenstände glänzten; der schmalstirnige Kopf fiel eigentümlich schwer gegen die Brust; hinter der Brille verbargen sich kleine, rötlichgraue Äuglein:

»Ich möchte, ich möchte . . .«

Da er nicht wußte, was er wollte, berührte er mit der Hand eine Säge; die gab einen klirrenden Laut von sich: »wss—wss—wss«. Der Ladeninhaber blickte mit seinen tief in den Höhlen sitzenden Augen den Käufer an: Alexander Iwanowitsch ist ja ganz unerwartet für sich selbst auf die Straße gelangt; so wie er auf seiner Pritsche im Mantel gelegen war, kam er in das Geschäft; der Mantel war zerdrückt und mit Schmutz bedeckt; vor allem aber: er hatte keinen Hut auf dem Kopf: das Gesicht mit überhängenden, wirren Haaren konnte jeden erschrecken.

Deswegen sah ihn der Ladeninhaber mißtrauisch, mit gefalteter Stirn an; mit unüberwindlichem Ekel in den ungemütlichen, von Natur aus schwer gebauten Gesichtszügen starrte er unverwandt Dudkin an.

»Wünschen Sie eine Säge?«

Die scharf prüfenden Äuglein aber sprachen wütend:

»So—o—o! . . . Ein wahnsinnig gewordener Trunkenbold!«

So schien es ihm.

»Nein, keine Säge; mit einer Säge, wissen Sie, geht es nicht. Ich brauche ein finnisches Messer, ein geschliffenes.«

Doch der Ladeninhaber erwiderte grob:

»Verzeihen Sie: wir haben keine finnischen Messer.«

Die bohrenden Augen sagten gleichsam:

»Wenn du ein Messer in die Hand bekommst . . . dann geschieht manches Unheil . . .«

Wenn sich die Lider gehoben hätten, dann wären die scharf bohrenden Äuglein zu einfachen Augen geworden; aber eine Ähnlichkeit überraschte Dudkin; eine Ähnlichkeit — denken Sie, mit wem? Mit Lipantschenko. Jetzt drehte ihm die Gestalt den Rücken zu und warf ihm einen Blick zu, der selbst einen Ochsen zu Boden gestreckt hätte.

»Es ist ganz gleich: geben Sie mir eine Schere . . .«

Bei sich aber dachte Dudkin: Woher diese Wut in ihm? Woher diese Ähnlichkeit mit Lipantschenko? Aber gleich darauf beruhigte er sich selbst: Ach wo! Ist da überhaupt eine Ähnlichkeit?

Lipantschenko trägt keinen Bart, und dieser dicke Kerl hat einen runden Vollbart.

Aber bei dem Gedanken an Lipantschenko fiel ihm plötzlich alles ein: alles — alles — alles! Jetzt wußte er ganz klar, warum er auf den Gedanken verfallen war, in dieses Geschäft zu gehen. Jetzt wußte er, was er vorhatte.

Vor der Schere stehend, begann er zu zittern:

»Sie brauchen nicht einzuschlagen — nein, nein . . . Ich wohne ganz in der Nähe . . . Ich kann es so tragen, es geht auch so . . .«

Mit diesen Worten nahm er die kleine Schere, die von eleganten Leuten zum Nägelschneiden gebraucht wird, und steckte sie in die Tasche; dann lief er aus dem Laden.

Mißtrauisch, verwundert und erschreckt blickte ihm der quadratförmige, schmalstirnige Kopf mit dem vorstehenden Stirnknochen nach; der vorstehende Stirnknochen ging im hartnäckigen Wunsch auf, das Vorgefallene zu verstehen; es um jeden Preis zu verstehen, koste es, was es wolle; zu verstehen — oder in Stücke zu zerfallen.

Doch der Stirnknochen vermochte es nicht zu verstehen; er war ja ein so armseliger Stirnknochen: schmal, mit Querfalten; es war — als weinte er.

Unermeßlichkeiten

Wir verließen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als Alexander Iwanowitsch Dudkin, verwundert über den aus Ableuchows Lippen plötzlich hervorgebrochenen Redestrom, ihm die Hand drückte und in der schwarzen Kopfbedeckungsflut untergetaucht war, während Nikolai Apollonowitsch da wieder fühlte, daß er sich zu dehnen begann.

Wir verließen Nikolai Apollonowitsch in dem Augenblick, als die peinliche Verkettung von Umständen sich unerwartet glücklich gelöst hatte.

Bis zu diesem Augenblick hatten sich vor ihm wie Felsenblöcke allerlei Visionen und gedankliche Ungetüme getürmt; ganze Gaurissankare von Geschehnissen drohten über ihn niederzustürzen, und das alles hatte sich im Laufe von vierundzwanzig Stunden vollzogen: das Warten im Sommergarten und die unruhigen Schreie der Krähen; die Verkleidung in rote Seide; der Ball, das heißt: die gestreiften, glöckchenbehängten Harlekine, die flammend roten Narren, der gelbbucklige Pierrot und der sinnlos betrunkene, den Mädchen Angst einflößende Bajazzo — diese ganze Harlekinade, die wie ein Schreck durch die Säle dahingesaust war; die unbekannte himmelblaue Maske, die knicksend getanzt und ihm knicksend ein Zettelchen zugesteckt hatte; und dann — dann seine schmachvolle Flucht aus dem Saal, fast bis zum Abort an den Zaun, wo ihn das kleine räudige Männchen abgefangen hatte; endlich Pépp, Péppowitsch, Pépp, das heißt, die Sardinenbüchse furchtbaren Inhalts, die . . . noch immer . . . tickte . . .

Die Sardinenbüchse furchtbaren Inhalts, geeignet, die ganze Umgebung in einen einzigen blutigen Schlamm zu verwandeln.

Wir verließen Nikolai Apollonowitsch bei dem Schaufenster eines Ladens; wir verließen ihn, weil zwischen uns und dem Senatorsohn Regentropfen niederzufallen begonnen hatten; ein rieselndes Regennetz hatte sich zu spinnen begonnen; hinter diesem Netz verloren alle schweren Gegenstände, die Häuserkanten und Vorsprünge, die Karyatiden, Portale, die Karniese der steinernen Balkons ihre deutlichen Konturen, verwischten sich allmählich und traten kaum, kaum hervor.

Man spannte Regenschirme auf.

Nikolai Apollonowitsch stand vor der Auslage und dachte daran, daß es keinen Namen für diese Gemeinheit gebe; einer Gemeinheit, die vierundzwanzig Stunden andauerte oder achtzigtausendsechshundert in der Tasche dahinhüpfende Sekunden: achtzigtausend Augenblicke bedeuten ebenso viele Punkte in der Zeitlichkeit; kaum war ein Augenblick eingetreten, als schon über ihn Sekunden, Augenblicke, Punkte, hüpfend, im Kreise verteilt, herannahten und sich langsam in eine dehnbare kosmische Kugel verwandelten; die Kugel zersprang immer wieder; der Fuß glitt in die kosmischen Leeren über: der durch die Zeit Wandernde fiel in unbekannte Tiefen, vielleicht in die kosmischen Räume, bis zu . . . einem neuen Augenblick; so waren vierundzwanzig Stunden dahingegangen, achtzigtausend in der Tasche hüpfende Sekunden; jede von ihnen verpuffte: der Fuß glitt in Unermeßlichkeiten hinüber.

Nein, es gibt keinen Namen für diese Gemeinheit, nein!

Es war besser, nicht zu denken; aber — irgendwo dachte es; vielleicht kamen die Gedanken aus dem aufgequollenen Herzen; Gedanken, die nicht im Kopfe, wohl aber im Herzen hausten; das Herz dachte; das Hirn aber fühlte.

Ganz von selbst entstand vor ihm der scharfsinnige, bis in Einzelheiten ausgearbeitete Plan; ein für den Urheber verhältnismäßig ungefährlicher Plan, aber ein um so gemeinerer, ja gemeinerer!

Wer hat diesen Plan ausgeheckt? Hätte er, Nikolai Apollonowitsch, so etwas zustande gebracht?

Nämlich:

In all diesen Stunden hüpften vor seinen Augen, unabhängig von ihm selbst, nadelscharfe Gedankensplitter, die in allen möglichen Farben irisierten, wie Sternfunken und wie das lustige Klimbim des Weihnachtsbaumes schimmerten: unaufhörlich versanken, flogen sie durch die einzige vom Bewußtsein erleuchtete Stelle und versanken wieder: aus dem Dunkel ins Dunkle; bald wand sich vor ihm die Gestalt eines Clowns, bald galoppierte der zitronengelbe Narr Petruschka durch die erleuchtete Stelle des Bewußtseins dahin — aus dem Dunkel in das Dunkle — das Bewußtsein aber beschien unparteiisch alle sich überstürzenden Bilder; und wenn sie miteinander verschmolzen, verlieh ihnen das Bewußtsein einen erschütternden, unmenschlichen Sinn; Nikolai Apollonowitsch spuckte beinahe vor Ekel.

»Ideenarbeit?«

»Es war ja gar keine Ideenarbeit . . .«

»Es war nur feige Angst und tierische Empfindungen, das Bestreben, die eigene Haut zu retten . . .«

»Ja, ja, ja . . .«

»Ich bin ein vollendeter Schuft . . .«

Wir hatten schon gesehen, daß auch der verehrte Herr Vater seinerzeit zu genau demselben Schluß gekommen war.

Er war — ein ausgemachter Schuft!

Nachdem er das begriffen, war sein erstes, auf die Wassiljewski-Insel zu eilen, in die 18. Linie; eine schäbige Droschke fuhr ihn dahin; mit keuchender, wuterfüllter Stimme flüsterte er hinter dem Rücken des Kutschers:

»Ha! . . . So etwas! . . . Heuchler . . . Lügner . . . Mörder . . . Einfach für die eigene Haut . . .«

Auf dieses laut empörte Flüstern wandte sich der Kutscher um und fragte etwas geärgert:

»Was ist?«

»Nichts . . . Gar nichts . . .«

Der Kutscher dachte:

»Ein sonderbarer Herr, wahrhaftig . . .«

Nikolai Apollonowitsch pflegte, wie Apollon Apollonowitsch, mit sich selbst zu reden.

Die Winde echoten:

»Vatermörder!«

»Lügner!«

Völlig außer sich sprang Nikolai Apollonowitsch aus der Droschke; an den Holzstapeln vorbei durchflog er den asphaltierten kleinen Hof und gelangte an die Hintertreppe, um über die Stufen hinaufzurennen . . . weswegen — das wußte er allerdings nicht; wahrscheinlich aus Neugierde; um demjenigen in die Augen zu blicken, der die ganze Sache — durch die Übergabe des Pakets — verschuldet hatte.

Hier stieß er auf Alexander Iwanowitsch; alles andere wissen wir ja nun.

Es gibt keinen Namen für diese Schändlichkeit, nein!

Ja, — doch sein Herz, von all dem Geschehenen erwärmt, begann langsam zu schmelzen; das eisigkalte Herzklümpchen wurde allmählich wieder ein Herz; erst hatte es sinnlos gepocht; jetzt pochte es mit bestimmtem Sinn; auch pochten in ihm die Gefühle; diese Gefühle erbebten ganz plötzlich in ihm; diese kleinen Erschütterungen erschütterten und verwandelten jetzt seine ganze Seele.

Soeben noch türmte sich jenes Ungeheuer von einem Hause als ein Massenhaufen steinerner Balkons über der Straße; wäre er über die gepflasterte Straße gelaufen, dann hätte er mit der Hand seine steinerne Ecke fassen können; aber es fing zu regnen an, und in dem Nebel begann diese steinerne Ecke zu schwimmen.

So schwamm jetzt auch alles andere.

Es begann zu rieseln, und das Ungeheuer aus ineinandergreifenden Steinen begann sich aufzulösen; nun erhebt es schon, aus dem Regen heraus — in den Regen hinein, seine leichten Spitzenkonturen, seine kaum merklichen Linien: ein wahrhaftiges Rokoko: das Rokoko verschwindet dann in einem Nichts.

In nassem Glanz blinken die Fenster, die Vitrinen; aus den Dachrinnen schießt ein Wasserstrahl hervor; auf die bleichen Trottoirs fielen von oben dichte, lange Tropfen, die tödliche Trockenheit des Trottoirs nahm eine dunkelbraune Farbe an; ein vorbeisausendes Gummirad spritzte Kot nach beiden Seiten.

Und so ging es und ging es weiter . . .

Nikolai Apollonowitsch verschwand unter den aufgespannten Regenschirmen der Passanten: die Prospekte schwammen in Dunst; es war, als schöben sich die Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in irgendeinen anderen, unbekannten Raum; dumpf blinken von dort ihre Konturen herüber, der ineinander verworrenen Karyatiden, Spitzen, Mauern. Es schwindelte ihn: er lehnte sich gegen ein Schaufenster; etwas zersprang in ihm, flog auseinander; und — vor ihm erstand ein Stück seiner Kindheit.

Er sieht seinen Kopf auf dem Schoß der Gouvernante, der alten Nokkert, ruhen; beim Lampenlicht liest die Alte:

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind . . .«

Plötzlich heulte der Sturm hinter den Fenstern auf; sicher wird das Kind dort verfolgt; an der Wand zittert der Schatten der Gouvernante.

Und wieder . . .

Apollon Apollonowitsch — klein, alt, grau — lehrt Kolenka das französische Contre-Danse; gleitend bewegt er sich, zählt seine Schrittchen und schlägt mit den Handflächen den Takt; er schreitet bald rechts, bald links; er schreitet bald vorwärts, bald rückwärts; an Stelle der begleitenden Musik rezitiert er laut und schnell:

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind . . .«

Dann richtet er seine haarlosen Augenbrauen auf Kolenka:

»Wie ist also, mein Lieber, die erste Figur der Quadrille?«

Alles andere war Nacht und Wind gewesen, denn die Verfolger hatten ihn eingeholt: hatten das Kind aus den Armen des Vaters gerissen:

»In seinen Armen das Kind war tot . . .«

Das ganze Leben nach jenem Augenblick erwies sich als ein Spiel der Nebel. Das Stück Kindheit verschwand.

In nassem Glanz blinkten die Fenster, die Vitrinen, die Wasserrinnen; die graubraune Nässe der Trottoirs glänzte; Gummiräder spritzten Kot auf alle Seiten. In der dunstigen Nässe verschwand Nikolai Apollonowitsch unter den aufgespannten Regenschirmen der Passanten; es war, als schöben sich die Riesenkörper der Häuser aus dem Luftraum in einen anderen, unbekannten Raum; es blinkten von dort ihre Konturen herüber, die ineinander verwobenen Karyatiden, Spitzen, Mauern.

Die Kraniche

Nikolai Apollonowitsch wünschte sich in die Heimat zurück, in die Kindheit, denn auf einmal begriff er es: er war — ein kleines Kind.

Er mußte alles, alles von sich abstreifen, vergessen; er mußte alles, alles, wieder lernen, wie man es in der Kindheit einmal lernt; die alte vergessene Heimat — jetzt hört er sie wieder. Und — schon, schon hörte er überall die Stimme der traurigen, aber doch lieben Kindheit, die lange nicht mehr erklungene Stimme, die nun zu klingen begann.

Jener Stimme Laut?

Wie man in der Stadt den Schrei der Kraniche nicht hört, so hört man auch diese Stimme nicht: hoch oben schweben die Kraniche; in dem Gepolter der Stadt hören sie die Städter nicht; sie aber fliegen, fliegen, über die Stadt dahin — die Kraniche! . . . An irgendeiner Stelle, vielleicht auf dem Newskij-Prospekt, bleibt im Lärm der dahinsausenden Droschken, unter dem Schrei der Zeitungsverkäufer, in vorabendlicher Stunde zur Frühlingszeit ein Mann wie angewurzelt auf dem Trottoir stehen, ein Bewohner der Felder, der zufällig in die Stadt gekommen war; er bleibt stehen — neigt den struppigen Kopf mit dem bärtigen Gesicht auf die Seite und redet dich an:

»Tsss! . . .«

»Was ist’s?«

Aber er, der Bewohner der Felder, der zufällig in die Stadt gekommen war, schüttelt zur Antwort den struppigen Kopf und lächelt schlau-schlau:

»Hören Sie nicht?«

»?«

»Horchen Sie doch! . . .«

»Aber was? Aber was denn?«

Er aber seufzt:

»Dort . . . rufen die . . . Kraniche . . .«

Du horchst auch hin.

Erst hörst du rein nichts; dann aber hörst du von oben, aus den Fernen: ein lieber, vergessener Laut — ein besonderer Laut . . .

Dort schreien die Kraniche.

Ihr wendet beide die Köpfe nach oben. Ein dritter, ein vierter, ein fünfter wendet den Kopf nach oben.

Erst sind alle von den kosmischen Fernen geblendet; nichts außer Luft . . . Doch nein: es ist etwas da, außer der Luft . . . Durch das gänzlich leere Blau sieht man etwas ziehen, etwas immerhin Bekanntes: nach dem Norden . . . fliegen . . . die Kraniche . . .

Ein ganzer Ring von Neugierigen; alle Köpfe sind nach oben gewendet, das Trottoir ist von Menschen versperrt; langsam schiebt sich der Gorodowoi heran; und — o nein, er bemeistert seine Neugierde nicht: bleibt stehen, wirft den Kopf nach oben; er schaut.

Ein Murmeln:

»Kraniche! . . .«

»Sie kehren wieder zurück . . .«

»Die Lieben . . .«

Über den verfluchten Petersburger Dächern, über dem Holzpflaster, über der Menge — dieses Vorfrühlingsbild, diese bekannte Stimme! . . .

Ebenso — die Stimme der Kindheit!

Man hört sie nicht; aber — sie sind da; der Ruf der Kraniche über den Straßen von Petersburg: plötzlich hört man ihn einmal! Ebenso die Stimme der Kindheit.

So etwas wie diese Stimme vernahm auf einmal Nikolai Apollonowitsch.

Wie wenn ein trauriger Jemand, den Nikolai Apollonowitsch noch nie gesehen hatte, um seine Seele einen lichten, durchdringenden Kreis beschrieben hätte und dann in seine Seele eingedrungen wäre; durch die Seele drang das helle Licht seiner Augen hindurch. Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen; es dehnte sich etwas in seiner Seele, was bis dahin ganz zusammengeschrumpft darin gelegen war; leicht floß dieses Etwas in die Unermeßlichkeit hinüber; ja, die Unermeßlichkeit war selbst da und sprach:

»Ihr verjagt mich alle! . . .«

»Was, was, was?« versuchte Nikolai Apollonowitsch zu horchen; die Unermeßlichkeit sprach unentwegt:

»Ich folge euch allen . . .«

So sprach sie.

Nikolai Apollonowitsch sah sich verwundert um, als erwarte er, den Sprecher vor sich zu erblicken; er erblickte aber etwas anderes, und zwar: eine schwimmende Masse von Hüten, Schnurrbärten, Kinnen; weiter zog sich nur einfach der Prospekt hin; und in ihm schwammen Blicke, wie alles jetzt schwamm.

Der neblige Prospekt erschien ihm auf einmal lieb und bekannt; ah — ah — ah! — wie traurig war jetzt der Prospekt; und der Strom der Hüte mit den Gesichtern? Alle an ihm vorbeiziehenden Gesichter — wie waren sie nachdenklich und unaussprechlich traurig.

Den aber, der gesprochen hatte, erblickte er nicht.

Aber wer ist denn dort? Dort, auf der anderen Seite? Neben jenem Riesenhause? — unter den Steinmassen der Balkons?

Ja, dort steht jemand.

Genau so wie er selbst; auch vor dem Schaufenster eines Ladens; er steht unter dem aufgespannten Regenschirm, einfach so . . . Ja, einfach so: oder betrachtet er etwas? . . . Es scheint so — sein Gesicht ist nicht zu sehen. Was ist daran Besonderes? Steht er doch, Nikolai Apollonowitsch, auf dieser Seite, einfach so, zu seinem eigenen Vergnügen . . . Jener steht nun auch so: wie er, Nikolai Apollonowitsch, wie die anderen Passanten; er ist ja auch nur ein Passant; und er ist auch lieb und traurig (wie alle jetzt); er betrachtet etwas mit ganz unbefangener Miene: ich bin nichts weiter als ein einfacher Jemand, mit einem Schnurrbart! . . . Nein — glattrasiert . . . Seine Gestalt in dem Wintermantel erinnert — doch an wen? Winkt er nicht?

Einfach jemand mit einer Schirmmütze auf dem Kopf.

Wo war es doch nur früher schon einmal gewesen?

Sollte er nicht an ihn näher herankommen, an den lieben Eigentümer der Schirmmütze? Der Prospekt gehört ja der Allgemeinheit, wahrhaftig! Auf diesem öffentlichen Prospekt ist für jeden Platz . . . Er konnte einfach hingehen — sich die Sachen dort im Schaufenster ansehen. Dazu ist jeder berechtigt.

Er konnte unbefangen neben dem anderen stehenbleiben, dann zufällig einen flüchtigen, wie zerstreuten, dabei aber aufmerksamen Blick werfen —

— auf ihn!

Um sich zu vergewissern: wer er denn eigentlich sei?

Nein, nein, nein! . . . Um seine — sicher erstarrten — Finger zu berühren und zu weinen vor dummem Glücksgefühl! . . .

Sich aufs Trottoir platt hinstrecken!

»Ich bin — krank, taub, belastet . . . Beruhige mich, Meister, beschütze mich . . .«

Und die Antwort zu bekommen:

»Steh auf . . . und . . .«

»Gehe . . .«

»Begehe keine Sünden . . .«

Nein, er wird keine Antwort bekommen.

Gewiß, er wird keine Antwort von dem Traurigen bekommen, denn es gibt jetzt noch keine Antwort: die Antwort wird später kommen — in einer Stunde vielleicht, in einem Jahr, in fünf Jahren; vielleicht noch später — in hundert, in tausend Jahren; aber eine Antwort wird kommen! Jetzt aber würde der Traurige und Schlanke, den er nie vorher im Traum gesehen, der ein Unbekannter, doch kein einfacher Unbekannter, sondern ein geheimnisvoller Unbekannter war — jetzt würde dieser Traurige und Schlanke ihn nur ansehen und den Finger auf den Mund legen. Ohne sich umzusehen, ohne stehenzubleiben würde er weiter durch den Straßenschmutz gehen . . .

Und würde in dem Straßenschmutz verschwinden . . .

Aber ein Tag wird kommen.

Und all das wird sich in einem kurzen Augenblick ändern. Und alle unbekannten Passanten — alle, die im Augenblick der tödlichen Gefahr aneinander vorbeigegangen waren (irgendwo in einem schmalen Gäßchen), alle, deren unaussprechliche Blicke von diesem kommenden Augenblick gesprochen hatten und die dann in der Unermeßlichkeit verschwunden waren — alle, alle werden sie sich finden!

Die Freude dieser Begegnung wird ihnen niemand nehmen.

Ich gehe einfach so . . . und störe niemand

»Was ist das mit mir?« dachte Nikolai Apollonowitsch, »ich versank zu sehr unrechter Zeit in Träumereien.«

Es war keine Zeit zu verlieren . . . Die Zeit vergeht, inzwischen tickt die Sardinenbüchse noch immer. Das beste wäre: an den Schreibtisch zu gehen, das Ganze in ein Papier einschlagen, in die Tasche stecken und dann — zur Newa . . .

Er wandte bereits die Augen von dem Riesenbau, vor dem unter den steinernen Balkons der Unbekannte mit aufgespanntem Regenschirm stand; wieder ergoß sich der dicke Körperbrei mit den vielen Füßen an ihm vorbei — der Brei aus menschlichen Körpern, der hier immer floß, im Frühling, im Sommer, im Winter: der Brei aus immer gleichen Körpern.

Aber er hielt es nicht aus und sah wieder hin.

Der Unbekannte hatte sich nicht vom Platz gerührt; er wartete offenbar, ebenso wie Nikolai Apollonowitsch; wartete, bis der Regen aufhört; plötzlich rührte er sich, plötzlich schloß er sich dem Menschenstrom an; den Paaren und den Gruppen; er verschwand hinter einem blanken, lackierten Dreimaster; nur sein Regenschirm ragte hilflos hervor.

»Du solltest dich abwenden und weitergehen! Hol’ ihn der Kuckuck, den Unbekannten, was geht er dich an?«

Kaum hatte er es gedacht, tauchte die Schirmmütze, die ihn so gefesselt hatte, hinter dem blanken Dreimaster und den sich rasch vorbeiziehenden Schultern wieder auf; in Gefahr, unter eine Droschke zu kommen, lief der Unbekannte quer über die Straße; komisch streckte er seinen Regenschirm vor, den der Wind ihm aus der Hand zu reißen drohte.

Wie sollte er sich jetzt abwenden? Wie jetzt fortgehen?

»Was will er?« dachte Nikolai Apollonowitsch und war, unerwartet für sich selbst, darüber verwundert.

»Ah, so sieht er also aus!«

In der Nähe verlor der Unbekannte sehr an Interesse; aus der Entfernung hatte er imposanter ausgesehen; geheimnisvoller, trauriger; seine Bewegungen waren langsamer.

»He! bitte: er sieht ja ganz idiotisch aus! Diese Mütze, nein diese Mütze! Wie er auf seinen Kranichbeinen dahintrippelt! Die Schöße des schäbigen Mäntelchens flattern hin und her, der Schirm mit Löchern, und die Gummischuhe sind viel zu groß . . .«

Nikolai Apollonowitsch empfand etwas wie Feindseligkeit gegen den Fremden; erst wollte er ihn vorbeilassen, dann änderte er seine Taktik und rührte sich nicht vom Platz, um dem anderen nicht etwa den Weg frei zu, machen; so stießen sie direkt aufeinander; Nikolai Apollonowitsch machte eine erstaunte Miene, der andere zeigte sich gleichgültig; sonderbar: die durchfrorene, große Hand (mit Gänsehaut bedeckt) berührte die Mütze; eine hölzerne, heisere Stimme hämmerte entschlossen:

»Ni—ko—lai A—pol—lo—no—witsch!! . . .«

Da erst merkte Nikolai Apollonowitsch, daß der Unbekannte, der ihn fast überrannt hatte (offensichtlich ein gewöhnlicher Kleinbürger), um den Hals einen Verband trug (wahrscheinlich eines, Furunkels wegen, die ja gewöhnlich dort ihren Sitz nehmen, wo sie am meisten störend empfunden werden: am Hals, am Schulterblatt oder an einer nicht näher zu bezeichnenden Stelle! . . .).

Doch seine Betrachtungen über die tückischen Eigenschaften der Furunkel wurden unterbrochen:

»Sie scheinen mich nicht zu erkennen!«

(Ei, ei!)

»Mit wem hab’ ich die Ehre?« hatte schon Nikolai Apollonowitsch mit etwas beleidigter Miene begonnen, aber er sah aufmerksamer den Unbekannten an, riß dann plötzlich den Hut vom Kopfe und rief mit entstelltem Gesicht:

»Nein . . . Sind Sie es wirklich? . . .«

Gewiß, in dem zufälligen Passanten, der wie ein Bettler aussah, war nicht leicht Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin zu erkennen; denn erstens war jetzt Lichutin in Zivilkleidung, die ihm ungefähr so paßte wie der Kuh ein Sattel; und dann — sieh mal einer her! — war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin bartlos. Das war die Hauptsache: an Stelle des welligen runden Bartes trat ein unangebrachtes, ein wenig unsauberes Nichts hervor; und — was ist nur mit dem Schnurrbart geworden? Diese haarlose Stelle zwischen Nase und Lippe war es eben, die das wohlbekannte Gesicht zu einem völlig fremden, zu einem unangenehmen Nichts machte.

Das Verschwinden des eigens Lichutin gehörenden Bartes, des eigens Lichutin gehörenden Schnurrbartes verlieh dem Leutnant den erschütternden Ausdruck eines Idioten:

»Nein, entweder versagen meine Augen . . . oder . . . Sie scheinen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«

»Ganz richtig: ich bin in Zivil . . .«

»Das mein’ ich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Das nicht . . . Nicht das erstaunt mich . . . es ist aber immerhin etwas erstaunlich . . .«

»Was ist erstaunlich?«

»Sie haben sich ganz verwandelt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte Sie vielmals um Verzeihung . . .«

»Das sind Kleinigkeiten . . .«

»O, gewiß . . . Ich sage es nur so . . . Ich wollte nur sagen, daß Sie sich den Bart abgenommen haben . . .«

»Was ist dabei?« sagte etwas gereizt Lichutin, »Den Bart abgenommen! Warum auch nicht? . . . Ja, ich habe mir den Bart abgenommen . . . Diese Nacht habe ich nicht geschlafen . . . Warum dürfte ich mir da nicht den Bart wegrasieren? . . .«

In der Stimme des Leutnants Lichutin klang seltsamerweise eine gewisse Erbostheit, eine Rauheit, die mit dem bartlosen Gesicht wenig harmonierte.

»Ja, ich habe mich rasiert . . .«

»Natürlich, natürlich . . .«

»Hol’s der Kuckuck!« regte sich noch immer Lichutin auf, »Ich quittiere eben den Dienst . . .«

»Warum quittieren Sie? . . . Wieso? . . .«

»Aus privaten Gründen, die nur mich allein angehen . . . Uns gehen diese Lappalien nichts an, Nikolai Apollonowitsch . . . Uns gehen unsere privaten Angelegenheiten nichts an . . .«

Hier rückte Leutnant Lichutin näher an Ableuchow heran.

»Übrigens gibt es Angelegenheiten, die . . .«

Mit dem Rücken die Vorübergehenden stoßend, begann Nikolai Apollonowitsch zurückzuweichen.

»Es gibt Angelegenheiten, Ssergeij Ssergeijewitsch, die . . .?«

»Angelegenheiten, die, mein Herr . . .«

In der heiseren Stimme des Leutnants merkte Nikolai Apollonowitsch deutlich unheimliche Noten; es schien ihm, als bemühte sich der Offizier, seine Hand zu erhaschen.

»Sie sind erkältet?« änderte Ableuchow brüsk das Thema und stieg vom Trottoir herunter; zur Erklärung seiner Worte berührte Ableuchow seinen eigenen Hals und deutete damit auf den Halsverband des Offiziers hin, auf eine mögliche Halsentzündung oder Grippe.

Ssergeij Ssergeijewitsch aber wurde rot, sprang schnell vom Trottoir herunter und bemühte sich um jeden Preis, an Ableuchow heranzukommen, um . . . um . . . um . . . Ein paar Passanten blieben stehen und sahen zu:

»Ni—ko—lai Apol—lono—witsch! . . .«

»?«

»Ich habe Sie wahrhaftig nicht deswegen eingeholt, damit Sie — von dem Hals . . . und weiß der Teufel wovon reden . . .«

Es blieb ein dritter, dann ein fünfter, ein zehnter Passant stehen, wohl in der Meinung, daß ein Taschendieb gefangen wurde.

»Das gehört gar nicht zur Sache . . .«

Ableuchows Aufmerksamkeit war aufs äußerste geschärft, er dachte bei sich:

»So—so—so? . . . Was gehört denn eigentlich zur Sache?«

Lichutin ausweichend, befand er sich nun wieder auf dem Trottoir.

»Um was handelt es sich also?«

Wo war nur sein Gedächtnis?

Die Angelegenheit mit dem Offizier schien ernst zu werden. Ja: der Domino! Zum Teufel! Er hatte die Geschichte mit dem Domino gänzlich vergessen; jetzt erst fiel sie ihm wieder ein.

»Es gibt was, es gibt was . . .«

Sofja Petrowna Lichutina hat sicher über den Vorfall im dunklen Entree und vorher am Kanal geplaudert.

Das ist wohl die Angelegenheit, mit der ihn Lichutin jetzt bedrängte.

»Das hatte noch gefehlt . . . Ach, zum Teufel, auch das noch jetzt, auch das noch . . .«

Plötzlich wurde alles ganz trüb.

Der Hutstrom wurde dunkel; rachsüchtig glänzten die Zylinder; wieder sprang die Kleinbürgermasse überall vor; in Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen, Hahn- und Hühnernasen, grünliche, blaurote und mit Warzen geschmückte; ausdruckslose, eilige, große Nasen.

Vor Lichutins Blick ausweichend überflog Nikolai Apollonowitsch sie alle mit den Augen und wandte sich dann dem Schaufenster zu.

Inzwischen hatte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin sich Ableuchows Hand bemächtigt und hielt sie, halb drückend, halb knetend, in der seinen; während sich allmählich ein Kreis von Neugierigen um sie versammelt hatte, trommelte seine hölzerne Fistel unaufhaltsam weiter:

»Ich . . . ich . . . ich . . . erlaube mir, Ihnen zu versichern, daß ich . . . Sie schon seit dem Morgen . . .«

»?«

»Ich suche Sie . . .«

»War schon überall — auch in Ihrer Wohnung . . . Wurde in ihr Zimmer geführt . . . Bin dort lange gesessen . . . habe einen Zettel hinterlassen . . .«

»Ach, wie ärgerlich . . .«

»Aber«, unterbrach ihn der Offizier, »die Angelegenheit ist sehr wichtig, ein unaufschiebbares, geschäftliches Gespräch . . .«

»So? Nun beginnt es«, hüpfte es durch Ableuchows, Kopf, und er erblickte zugleich im großen Fenster sein Spiegelbild zwischen Schirmen, Stöcken, Handschuhen und allerlei ähnlichen Dingen.

Inzwischen heulte und tanzte durch den Newskij-Prospekt der kalte Wind, und die Regentropfen fielen wie Schrotkerne auf die Schirme, auf die ernst gebeugten Rücken, raunten und flüsterten und übergossen die Haare und die erstarrten Hände der Kleinbürger, der Arbeiter, der Studenten mit ihrem kalten Naß.

»Ich habe eine Angelegenheit mit Ihnen . . . Ich will sagen — eine Sache, die keine Verzögerung duldet, die aufgeklärt werden muß; ich forschte überall nach, wo ich Sie treffen könnte; zu diesem Zwecke besuchte ich auch . . . wie heißt sie nur? . . . unsere gemeinsame Bekannte — Warwara Ewgrafowna . . .«

»Ssolowjowa? . . .«

»Ganz richtig . . . Mit Warwara Ewgrafowna hatte ich eine sehr unangenehme Auseinandersetzung — Ihretwegen . . . Sie verstehen mich? . . . Um so schlimmer . . . Wovon sprach ich aber? . . . Ja, diese Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa (die habe ich übrigens eingesperrt) gab mir die Adresse eines Ihrer Freunde . . . Dudkin, glaube ich. Es ist übrigens gleich . . . Ich ging nun nach dieser Adresse; aber gerade während ich den Hof betreten hatte, sah ich Sie aus dem Hause kommen. Sie liefen eilig weiter, und Sie waren nicht allein; mit Ihnen war ein mir unbekannter Herr . . . Lassen Sie es: Nomina sunt odiosa . . . Sie sahen sehr erregt aus, der Herr aber . . . der Herr . . . Nomina sunt odiosa . . . sah kränklich aus . . . Ich wollte Ihre Unterhaltung mit dem Herrn nicht stören . . . Verzeihung, Sie können den Namen des Herrn durchaus für sich behalten . . .«

»Ssergeij Ssergeijewitsch, ich . . .«

»Warten Sie! . . . Ich traute mich nicht, Ihre Unterhaltung zu stören, obwohl ich Sie — aufrichtig gestanden — mit solcher Mühe gefunden hatte . . . Nun also, ich folgte Ihnen; natürlich in gewisser Distanz, um nicht zufällig Ohrenzeuge Ihres Gesprächs zu werden: ich liebe es nicht, die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, Nikolai Apollonowitsch . . . Aber davon später . . .«

Hier wurde Lichutin nachdenklich, er sah sich, weiß Gott warum, um und verlor sich mit dem Blick in der Ferne des Newskij-Prospektes.

»Ich verfolgte Sie . . . bis zu dem Platz dort . . . Sie unterhielten sich immerzu miteinander . . . Ich folgte Ihnen und ärgerte mich ein wenig, offen gesagt . . .« — »Halt!« — unterbrach er plötzlich seinen Worterguß — »hören Sie nichts?«

»Nein . . .«

»Tsss . . . Horchen Sie . . .«

»Aber was eigentlich? . . .«

»Ein Ton . . . Ein U-Ton . . . Dort . . . Von dort kommt er . . .«

Nikolai Apollonowitsch wandte den Kopf; merkwürdig: wie eilig die Droschken plötzlich vorbeirasten, und alle in eine Richtung; die Fußgänger beschleunigten die Schritte (und stießen die beiden immerfort); manche drehten sich um und sahen zurück; sie stießen dabei auf die Entgegenkommenden; das Gleichgewicht des Verkehrs war gestört worden. Nikolai Apollonowitsch sah auf alle Seiten und hörte Lichutin gar nicht zu.

»Sie blieben dann schließlich allein und lehnten gegen eine Vitrine; da begann es auch zu regnen . . . Ich lehnte mich auch auf der anderen Seite der Straße gegen eine Vitrine . . . Sie sahen mich fest an, taten aber, als merkten Sie mich nicht.«

»Ich erkannte Sie nicht . . .«

»Ich grüßte Sie aber . . .«

»Also,« dachte geärgert Ableuchow, »er verfolgt mich . . . Er will mich . . .«

Was wollte er?

Vor etwa zweieinhalb Monaten hatte Nikolai Apollonowitsch von Lichutin ein Briefchen bekommen, in dem dieser ihn sehr eindringlich bat, die Ruhe seiner heißgeliebten Gattin nicht zu stören. Das geschah nach der Szene an der Brücke; einige Sätze in diesem Briefchen waren zweimal unterstrichen, und auf dem Ganzen lag ein ernster Hauch, ein Zugwind aus Worten, könnte man sagen, wobei es nicht an dem Inhalt der Worte lag, sondern überhaupt . . . Und in seiner Antwort hatte Nikolai Apollonowitsch zugesagt . . .

Er hatte ein Versprechen gegeben und es — gebrochen.

Was ist das nur?

Zusammengedrängt blieben auf einmal die Passanten auf den Trottoirs stehen; auf dem breiten Prospekt war plötzlich keine Droschke zu sehen; weder das eilige Klatschen der Gummiräder noch das helle Aufschlagen der Pferdehufe aufs Pflaster war zu hören; die vorübergesausten Droschken bildeten am Ende der Straße, in der Ferne, eine unbewegliche schwarze Masse, während sie hier eine holzgepflasterte Leere hinterließen, in die der pfeifende Wind kaskadenartig hüpfende Schwärme rastloser Tropfen schleuderte.

»Sehen Sie doch nur hin!«

»Wie merkwürdig, wie merkwürdig! . . .«

Aus der Ferne des Prospektes, von dort, wo er leer und rein war, zwischen den zwei schwarz wimmelnden Trottoirs, durch die jetzt ein anwachsendes, tausendstimmiges Summen (ähnlich wie in einem Wespennest) kam, sauste eine Droschke heran; in gebückter, halb sitzender Stellung hielt dort ein bartloser Herr, ohne Hut, mit zerzausten Haaren, eine lange, schwere Stange mit den Händen umklammert; ein an der Stange befestigtes großes rotes Tuch durchschnitt mit leichtem Pfeifen die Luft; indem es sich in der kalten weiten Leere wellenförmig wand, krümmte und seine zungenartigen Enden vorstreckte; merkwürdig war dieser Flug der roten Flagge durch den leeren Prospekt; als aber der Wagen mit dem fliegenden roten Tuch vorüber war, gerieten die steifen Hüte, Dreimaster, Zylinder, Schirmmützen, Federhüte und die buschigen, mandschurischen Mützen auf den Trottoirs in Bewegung; es entstand ein Wogen, ein Stampfen von Füßen, ein Stoßen von Ellbogen, und plötzlich ergoß sich die schwarze Menge von den Trottoirs auf die Mitte des Prospektes; aus den zerrissenen Wolken sandte die blasse Sonnenscheibe für einen Augeblick gelbliches Licht auf die Häuser, die Spiegelscheiben, die lackierten Schirmmützen; der Sturm war mit seinem tollen Tanz zu Ende. Der Regen hatte ausgeweint.

Die Menge riß auch Ableuchow und Lichutin mit sich; sie wurden vom Trottoir geschoben und durch ein paar kräftige Ellbogen voneinander getrennt; Nikolai Apollonowitsch wollte die Gelegenheit benutzen, um eine Droschke zu erreichen und nach Hause zu fahren, ohne auf die Auseinandersetzung mit Lichutin einzugehen: denn zu Hause lag noch immer . . . die Bombe im Schreibtisch und . . . tickte! Solange sie noch nicht in der Newa lag, konnte er ja nicht ruhig sein!

Er wurde fortwährend von den Dahinstürmenden gestoßen: aus den Geschäften, den Friseurläden, Häusern, aus den Querstraßen ergossen sich immer neue Bäche in den Menschenstrom; und immer wieder fluteten Teile dieses Stromes in die Häuser, Läden, Friseurläden, Querstraßen zurück, ein Heulen, Brüllen, Stoßen: mit einem Wort — eine Panik; über den Köpfen in der Ferne breitete sich plötzlich etwas wie Blut: aus den schwarzen Massen erhoben sich kochend rote Zungen, wie Flammen und wie Hirschgeweih.

Und nun — ach wie ärgerlich!

Durch zwei — drei Schultern von ihm getrennt erblickte er die verhaßte Mütze und zwei besorgte Augen, die nach ihm spähten; Leutnant Lichutin hat ihn auch im Gedränge nicht aus den Augen gelassen; gerade als sich Ableuchow von ihm befreit glaubte, suchte dieser ihn durch die Menge wieder zu erreichen.

»Daß wir uns nicht verlieren, Nikolai Apollonowitsch; ich werde mich übrigens schon an Sie halten.«

»Natürlich,« dachte nun vollständig überzeugt Nikolai Apollonowitsch, »der verfolgt mich; ich werde mich von ihm nie mehr frei machen können . . .«

Und er suchte sich durchzudrängen, um nur einen Wagen zu erreichen.

Hinter der Menge her, über den Köpfen und dem Stimmengewirr flatterten die Fahnen wie fließende Zungen und wie fließende Helligkeiten; plötzlich aber blieb alles — Fahnen, wehende Flammen — still, alles erstarb; es ertönte Gesang, deutlich und klar.

Nikolai Apollonowitsch erreichte endlich eine Droschke; schon hatte er den Fuß auf das Trittbrett gesetzt und war im Begriff, dem Kutscher zuzurufen, so rasch als es die Menge erlaubte, wegzufahren, als er an der Schulter über eine fremde Schulter hinweg, von einer Hand gefaßt wurde; es war der Offizier; wie angewurzelt blieb Ableuchow stehen; Gleichgültigkeit simulierend, sagte er mit gezwungenem Lächeln:

»Eine Manifestation! . . .«

»Ganz einerlei: ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen . . .«

»Ich . . . wissen Sie . . . Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden . . . Wir müssen etwas miteinander erledigen . . .«

Plötzlich kam von irgendwoher ein zerrissenes Knattern; in einzelne Teile zerrissen fiel dieses Knattern in der Ferne, aber sofort begannen die über den Köpfen flatternden Helligkeiten hin und her zu schwanken; der rote Fahnenwirbel geriet in heftige Bewegung, und bald sah man die roten Zungen vereinzelt an verschiedenen Stellen zaghaft zappeln.

»Dann wollen wir in ein Café, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Sie haben doch nichts gegen ein Café?«

»Wieso in ein Café?« entrüstete sich Lichutin.

»Ich bin nicht gewohnt, an solchen Orten ernste Besprechungen zu haben . . .«

»Aber wo denn, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . .«

»Ich denke . . . Sie wollten ja eine Droschke nehmen, dann fahren wir zusammen in meine Wohnung . . .«

Der Ton dieser Worte war offensichtlich geheuchelt; Nikolai Apollonowitsch biß sich fast bis zum Bluten auf die Lippen.

Nach Hause, nach Hause . . . Wie konnte er das? Das hieße ja unter vier Augen dem Offizier über sein Benehmen gegen Sofja Petrowna Rechnung geben; das hieße dem beleidigten Gatten vielleicht sogar in Anwesenheit Sofja Petrownas wegen des Wortbruches Genugtuung geben . . . Es war klar: es konnte sich nur um eine Falle handeln . . .

»Ich glaube aber, Ssergeij Ssergeijewitsch, daß aus Gründen, die uns beiden bekannt sind, ein Besuch bei Ihnen für mich nicht ganz passend ist . . .«

»Ach was, lassen wir das!«

Nikolai Apollonowitsch war vernünftig genug, sich nicht weiter zu sträuben.

»Ich bin bereit«, sagte er ergeben. Er verhielt sich auch ganz ruhig; sein Unterkiefer bebte nur ein wenig — das war alles.

»Als gebildeter und humaner Mensch, Ssergeij Ssergeijewitsch, werden Sie mich verstehen . . . Kurz . . . kurz . . . was Sofja Petrowna betrifft . . .«

Weiter kam er nicht.

Sie stiegen nun in die Droschke. Und — es war auch höchste Zeit: denn wo noch soeben die vielen Fahnen flatterten, war jetzt keine einzige mehr zu sehen; aber von dort her, wo das Knattern in zerrissenen Teilen durch die Luft geflogen war, stürzte ein so fest zusammengeknäulter Menschenstrom, daß die Droschken, die hier in einem Rudel gestanden, sich im raschesten Tempo in die entgegengesetzte Richtung davonmachten und den Teil des Newskij-Prospektes zu erreichen suchten, wo die Zirkulation schon wiederhergestellt wurde und nur graue Polizeihauptmänner zu Fuß neben berittener Gendarmerie zu sehen waren.

Die Droschke mit Lichutin und Ableuchow bewegte sich.

Nikolai Apollonowitsch sah, wie sich der menschliche Vielfüßler gewohnheitsgemäß vorwärts bewegte, als wäre nichts geschehen; er bewegte sich, wie er sich schon vor Jahrhunderten bewegt hatte, die Zeiten flossen dort oben dahin, über den Menschen; auch den Zeiten war eine Grenze bestimmt; für den menschlichen Vielfüßler gab es aber keine Grenze; wie bisher bewegt er sich und wird sich in allen Ewigkeiten weiterbewegen . . .

Plötzlich verschwand alles: sie verließen den Prospekt.

Tief über den Häusern hingen bauschige Wolken, von einem dunklen, wassergesättigten Streifen beschwert, vom Himmel herunter; Nikolai Apollonowitsch knickte unter dieser unerwarteten schweren Last zusammen; die bauchige Wolke kroch näher heran; und als der dunkelblaue Streifen allmählich grau geworden, sie zudeckte, begannen geschäftige Tropfen zu klappern und zu lispeln und bildeten in den glucksenden Pfützen kalte Luftblasen; ganz zusammengekauert, mit dem Gesicht in den italienischen Überwurf eingehüllt, saß Nikolai Apollonowitsch im Wagen; er vergaß für einen Augenblick, wohin es ging; es blieb nur ein dunkles Gefühl in ihm zurück, er werde gegen seinen Willen gefahren.

Die unglückliche Verkettung von Umständen wälzte sich wieder an ihn heran.

Die unglückliche Verkettung von Umständen — kann man so die Pyramide von Geschehnissen bezeichnen, die sich in den letzten vierundzwanzig Stunden wie Felsen übereinander aufgetürmt hatten? Eine Felsenpyramide, die Seelen zermalmt; ja — eine Pyramide! . . .

An einer Pyramide liegt etwas, was die Macht der menschlichen Vorstellung übersteigt; die Pyramide ist ein Delirium der Geometrie, das heißt, sie ist ein Delirium, für das es kein Maß gibt; die Pyramide ist ein von Menschen geschaffener Begleiter des Planeten; sie ist auch gelb und tot wie der Mond. Die Pyramide ist ein durch Zahlen meßbares Delirium.

Es gibt ein Grauen der Zahl, ein Grauen, das aus dreißig aneinandergereihten Ziffern besteht, wobei jede Ziffer eine Null ist; dreißig Nullen neben einem Einser — das ist ein Grauen; streichen Sie den Einser aus — und die dreißig Nullen versinken in ein Nichts.

Dann gibt’s nur eine — Null.

In dem Einser liegt das Grauen nicht; an sich ist ein Einser ein Imponderabilium; er ist eben nur — ein Einser! . . . Aber ein Einser plus dreißig Nullen bildet das Ungetüm einer Pentallion: die Pentallion — oh, oh, oh! — hängt an einem schwarzen dünnen Stäbchen; der Einser der Pentallion wiederholt sich mehr als eine Milliarde mal Milliarde Milliarden.

Sie zieht sich durch Unermeßlichkeiten.

So zieht sich der Mensch durch den Kosmos aus urewigen in urewige Zeiten.

Ja —

— als menschlicher Einser, das heißt als dürres Stäbchen, lebte bis jetzt Nikolai Apollonowitsch im Kosmos, seinen Lauf aus urewigen Zeiten nehmend —

— in Adamgestalt war Nikolai Apollonowitsch nur ein Stäbchen; sich seiner Dürre schämend, hat er nie zusammen mit einem anderen gebadet —

— seit urewigen Zeiten!

Und nun fiel auf die Schultern dieses dürren Stäbchens das Ungetüm einer Pentallion; zum unansehnlichen Etwas seines Inneren gesellte sich das ungeheure Nichts; im Unansehnlichen dehnte sich aus urewigen Zeiten das Ungeheure des Nichts —

— so dehnt sich der Magen durch Gase, an denen alle Ableuchows litten seit urewigen Zeiten!

Zum innerlich unansehnlichen Etwas gesellte sich das ungeheure Nichts; das Etwas schwoll durch das leere, nullige Nichts zu einem Grauen an. Gaurissankare entstanden; er aber, Nikolai Apollonowitsch, mußte dabei explodieren wie eine Bombe.

Ha? Bombe? Sardinenbüchse? . . .

Im Nu flog wieder durch seinen Kopf, was schon seit dem Morgen darin war: sein Plan.

Was für einer?

Der Plan

Ja, ja, ja!

Heimlich die Sardinenbüchse hinlegen: unter das väterliche Kopfkissen; oder nein: unter die Matratze. Das zu Erwartende wird eintreten: für die Pünktlichkeit garantiert das Uhrwerk.

Er aber wird sagen:

»Gute Nacht, Vater!«

Zur Antwort:

»Gute Nacht, Kolenka!«

Ein Kuß auf die Lippen und dann zurück in das eigene Zimmer.

Sich voll Ungeduld ausziehen — unbedingt ausziehen! Die Tür mit dem Schlüssel absperren und die Decke über den Kopf ziehen.

Wie der Vogel Strauß sein.

Im warmen, molligen Bett aber zu zittern, schwer zu atmen anfangen — wegen der Herzstöße; sich bangen, fürchten, horchen: bis es dort . . . bumsen . . . knallen wird, dort — hinter dem Schwarm von steinernen Wänden; warten auf das Knallen, das die Stille zerreißt, das Bett, den Tisch, die Wand zerreißen wird; vielleicht auch . . . vielleicht auch . . .

Sich bangen, fürchten, horchen . . . Das wohlbekannte Schlürfen der Pantoffeln hören, die sich nach . . . dem mit nichts vergleichbaren Ort begeben.

Das leichte französische Buch beiseite werfen und nach der Watte, der einfachen Watte greifen, um sich die Ohren zuzustopfen; den Kopf unter das Kissen stecken. Sich dann endgültig überzeugen: Jetzt hilft nichts! Jäh die Decke fortwerfen, um den schweißbedeckten Kopf frei zu machen und in dem Abgrund der Angst einen neuen Abgrund entstehen zu lassen.

Warten und warten.

Es ist nun noch eine halbe Stunde Zeit übriggeblieben; es naht schon die grünliche Erhellung der Morgendämmerung; das Zimmer wird grau, blau; schwächer wird die Flamme der Kerze; noch fünfzehn Minuten; da erlöscht das Licht; langsam fließen die Ewigkeiten dahin; es sind eben keine Minuten, sondern Ewigkeiten; ein Streichholz reiben; es sind nur fünf Minuten vergangen . . . nun sich bei dem Gedanken beruhigen, daß es doch noch nicht bald ist, erst nach zehn langsamen Umdrehungen des Zeitrades, dann — aber durch die Plötzlichkeit erschüttert werden, wenn —

— der nie gehörte, nie sich wiederholende, faszinierende Laut denn doch . . .

— erdonnern wird!!! . . . .

Dann: —

— rasch in die Unterhose schlüpfen (nein, was Unterhose: lieber so) — oder sogar nur im bloßen Nachthemd, mit verzerrtem, ganz weißem, erstauntem Gesicht —

— ja, ja, ja! —

— aus dem warmen Bett springen und mit nackten Füßen in den geheimnisvollen Raum — den dunklen Korridor rennen, wie ein Blitz rennen, dorthin, von wo der nie wiederkehrende Laut gekommen war, die Diener umrennend weiterstolpern und die besonderen Gerüche in sich aufnehmen, die Mischung von Rauch, Gebranntem, Gas und . . . etwas, was noch schrecklicher ist als Rauch und alles andere.

Übrigens, nein, riechen wird man wahrscheinlich überhaupt nichts.

In das raucherfüllte, qualmende Zimmer hineinrennen, um es, erstickend vor Husten, sofort wieder zu verlassen und den Kopf durch das schwarze Loch in der Wand zu stecken, das durch jene Explosion entstanden ist (in der Hand wird inzwischen der Leuchter mit der in aller Eile angezündeten Kerze tanzen).

Durch das Loch in der Wand wird die rotgelbe Flamme den Ort beleuchten, der früher das Schlafzimmer geheißen hatte . . . Die rotgelbe Flamme wird etwas höchst Unwesentliches beleuchten: den überall aufsteigenden Rauch.

Dann — wird noch etwas beleuchtet sein . . . nein! Über dieses Bild wird der Vorhang aus Rauch geworfen, aus Rauch! . . . Rauch und Rauch, nichts weiter!

Aber doch . . .

Einen kurzen Augenblick unter diesen Vorhang blicken und ah, ah! Die Hälfte der Wand ganz rot: dieses Rot fließt; die Wand ist also naß; also auch — klebrig, klebrig . . . Das alles wird der erste Eindruck vom Zimmer sein; zugleich aber auch der letzte. Zwischendurch wird sich anderes einprägen: die mit Stuck bedeckten Wände, die Holzsplitter vom Parkett, Fetzen vom verbrannten Teppich; die Fetzen qualmen noch. Nein, lieber nicht weiter . . . aber doch . . . der Schienbeinknochen?

Warum blieb gerade dieser Knochen unversehrt?

All das wird Sache eines kurzen Augenblicks sein; hinter seinem Rücken aber — ebenfalls kurze Augenblicke: ein blödes Stimmengewirr, ein Strampeln mit den Füßen im Korridor, verzweifeltes Geheul der — denken Sie sich nur! — Abwaschfrau; das Rattern der Telephonglocke (wahrscheinlich wird die Polizei verständigt). . .

Den Leuchter fallen lassen . . . . auf dem Boden kauernd zucken vor dem kalten Oktoberwind, der durch das Loch in der Wand eindringt (bei jenem Knall waren alle Fensterscheiben auseinandergestoben), zucken vor Kälte und an dem Nachthemd zupfen, bis der mitleidige Diener sich nähert —

— der Kammerdiener vielleicht, derselbe, auf den später die Schuld abzuwälzen am leichtesten sein wird (auf ihn wird ja auch so zu allererst der Schatten des Verdachtes fallen) — bis der mitleidige Diener dich mit Gewalt in das andere Zimmer zieht und mit Gewalt kaltes Wasser in den Mund gießt . . .

Aber sich vom Fußboden erhebend erblicken: — dir zu Füßen dieselbe dunkelrote Klebrigkeit, die jener Knall hierher geschmissen hatte . . . er schmiß sie durch das Loch in der Wand zugleich mit einem Stück Haut (von welcher Stelle mag nur die sein?) herüber . . . Die Augen erheben und sehen, wie an der Wand klebend . . .

Brrr! . . . Hier ohnmächtig werden.

Die Komödie bis zu Ende spielen.

Vierundzwanzig Stunden später vor dem fest geschlossenen Sarge (es gab ja nichts, was in den Sarg zu legen gewesen wäre) mit deutlich klarer Stimme, im eng anliegenden Studentenkittel über der Kerze gebeugt beten.

Zwei Tage später frisch rasiert, das marmorne, gottähnliche Gesicht in den Pelz des Wintermantels vergraben mit dem Ausdruck eines unschuldigen Engels hinter den Sarg auf die Straße treten; mit den weißbehandschuhten Händen die Mütze drücken und, von einer Suite hoher Persönlichkeiten umgeben, bis zum Friedhof hinter dem Blumenberg (dem Sarg) schreiten. Diesen Sarg werden Greise mit goldbestickter, ordengeschmückter Brust, weißen Hosen und Säbeln an der Seite auf ihren zitternden Händen die Treppe hinuntertragen.

Acht kahlköpfige Greise werden die Last tragen.

Und — ja, ja!

Bei der Untersuchung so auszusagen, daß . . . auf irgend jemand (ohne Vorbedacht) doch ein Schatten fallen muß; es muß auf irgend jemand ein Schatten fallen, damit er nicht auf dich selbst fällt . . . Wie anders machen?

Auf irgend jemand wird ein Schatten geworfen . . .

Auf irgend jemand wird ein Schatten fallen . . .

Kolenka, der dumme Tropf, Hüpft und tanzet immer; Mit der Mütze auf dem Kopf Reitet er durchs Zimmer.

Ihm wurde es klar: in dem Augenblick, wo Nikolai Apollonowitsch im Namen einer Idee (so glaubte er) es auf sich genommen hatte, Vollstrecker des Todesurteils zu sein, im selben Augenblick — nicht heute, wo er sich den ganzen Morgen auf dem grauen Prospekt herumgetrieben hatte, war dieser ganze Plan von ihm ausgeheckt worden; die Tat im Namen einer Idee, so sehr erregend sie war, verband sich in ihm mit teuflischer, gleichmütiger Verstellungskunst, mit der Fähigkeit zu verleumden: vollständig unschuldige Menschen zu verleumden (am bequemsten — den Kammerdiener; der wurde zuweilen von einem Neffen oder so was, einem Schüler der Gewerbeschule, besucht; wohl schien er von Parteien nichts gewußt zu haben, aber das macht nichts . . .).

In jedem Falle rechnete er mit seiner Kaltblütigkeit. Zum Vatermord gesellte sich Lüge, gesellte sich auch Feigheit, aber auch — was die Hauptsache war — Gemeinheit.

Er ist — ein Schuft . . .

Alles, was in diesen zwei Tagen geschehen war, waren Tatsachen gewesen von denen jede ein Ungeheuer war; ein Haufen von Tatsachen, das heißt, ein Schwarm von Ungeheuern; vor diesen zwei Tagen hatte es keine Tatsachen gegeben; und die Ungetüme hatten nicht hinter ihm hergejagt; Nikolai Apollonowitsch hatte gegessen, geschlafen, gelesen; er hatte Liebe empfunden: zu Sofja Petrowna; mit einem Wort: alles hatte sich in bestimmtem Rahmen bewegt.

Aber, und — nochmals aber! . . .

Er hatte anders als alle anderen gegessen und hatte anders als alle anderen geliebt; seine Träume waren schwer und dumpf gewesen; das Essen schien geschmacklos, und selbst seine Liebe hatte nach der Episode an der Brücke einen sonderbaren Charakter angenommen: den Charakter der Verhöhnung mit Hilfe des Dominos; seinen Vater — hatte er gehaßt; es gab also ein Etwas, das sich hinter ihm herschlich, das auf all sein Tun ein besonderes Licht warf (lag nicht darin auch der Grund, daß er fortwährend zusammenfuhr, daß seine Arme wie unnötige Lappen herunterhingen, daß sein Gesicht ein Froschlächeln aufwies?).

Was war dieses Etwas?

War es sein der Partei gegebenes Versprechen? Wohl hatte er das Versprechen nicht zurückgenommen, aber er hatte auch an dieses nicht mehr gedacht; gedacht haben andere für ihn (wie wir wissen — Lipantschenko); er hatte aber auch gegessen, geschlafen, geliebt, gehaßt in seiner besonderen, seltsamen Weise; ebenso seltsam erschien seine kleine Figur auf der Straße, wenn das Ende seines Überwurfs im Wind flatterte und er mit gekrümmtem Rücken wie ein Buckliger dahinschritt . . .

Es lag also an dem Entschluß, den er dort, dort an der Brücke, gefaßt hatte, als ein kalter Newawind geblasen und er vor sich einen Mann mit steifem Hut, Stock, Schnurrbart erblickt hatte (die Bewohner Petersburgs zeichnen sich durch — hm — hm! — Eigenschaften aus! . . .).

Aber wiederum schon das Stehen auf der Brücke war ja nur eine Folge davon, daß es ihn dahin getrieben hatte; die Liebe hatte ihn getrieben; doch hatte er seine Leidenschaften in besonderer Weise erlebt, unschön — kalt.

An der Kälte also lag es.

Diese Kälte war schon in der Kindheit in seine Seele gedrungen, als er, Kolenka, nicht Kolenka, sondern — Vaterbrut genannt wurde! Er hatte sich geschämt. Später war ihm das Wort »Brut« ganz klar geworden (durch die Beobachtung des schamlosen Treibens der Haustiere), und — ja, er erinnerte sich — er hatte geweint; die Schmach seiner Entstehung hatte er dann auf den Urheber übertragen — den Vater.

Er war oft stundenlang vor dem Spiegel gestanden und beobachtete, wie seine Ohren wuchsen: sie wuchsen in der Tat.

Da hatte Kolenka begriffen, daß alles, rein alles, was in der Welt lebte, »Brut« war; daß es keine Menschen gab, sondern daß sie nur »Erzeugnisse« waren; Apollon Apollonowitsch selbst war nur ein »Erzeugnis«, das heißt eine unangenehme Summe von Blut, Haut und Fleisch; eine unangenehme, weil die Haut — schwitzte, das Fleisch verdarb durch Wärme, das Blut aber einen Duft hatte, der nicht der Duft von Maiveilchen war.

So identifizierte sich die Temperatur seiner Seele mit den unabsehlichen Eisregionen, etwa der antarktischen Zone; er aber — ein Peery, ein Nansen, ein Amundsen — kreiste in diesen Eisregionen; oder auch: — seine Seele war zu blutigem Schlamm geworden (der Mensch ist bekanntlich nichts als in einer Haut steckender Schlamm).

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