Siebentes Kapitel
Nadja Strasser translation
Kohlensäureoblaten
Die grünliche Helle des Morgens sah bereits zum Fenster herein, aber der alte Ssemjonytsch hatte noch kein Auge geschlossen! Er stöhnte fortwährend in seiner Kammer, wälzte sich von einer Seite auf die andere; bald überfiel ihn ein Gähnen, bald mußte er sich jucken, dann wieder — verzeih uns, Herr, unsere Sünden! — kam das Niesen über ihn; und bei alledem noch die verschiedensten Gedanken und, was dergleichen mehr ist:
»Aus Hischpanien kam sie, unser Mütterchen, Anna Petrowna, aus Hischpanien . . .«
Und er erzählte sich selber:
»Ja—a . . . Ich mache also auf . . . Eine Dame steht da, eine unbekannte . . . Eine unbekannte Dame, auf ausländische Art gekleidet . . . Sie aber sagt also zu mir . . .«
»Aaaa . . .«
»Sie aber sagt zu mir . . .«
»Herr, vergib uns unsere Sünden! . . .«
Wieder das verdammte Gähnen.
Schon hat bereits die Teturinsche Fabrik ihre Sirene singen lassen; die kleinen Dampfer an der Newa pfiffen; das elektrische Licht an der Brücke — pfüit! — weg ist es . . . Ssemjonytsch warf die Decke von sich und erhob sich, seine große Zehe bohrte sich in das Geflecht des Bettvorlegers.
Er flüsterte mit sich selber.
»Ich sag’ zu ihm: so und so, Exzellenz . . . Er aber — ja, also . . .«
»Nicht das geringste Interesse . . .«
»Und auch der junge Herr . . . kaum den Windeln entwachsen . . . So ein — Herr, verzeih uns unsere Sünden! — so ein junger Hund; noch feucht hinter den Ohren . . .«
»Es sind keine Herrschaften . . . Chamlete sind es . . .«
So brummte Ssemjonytsch vor sich hin; und — steckte wieder den Kopf unter das Kissen; langsam zogen die Stunden vorbei; blaßrosa Wölkchen, im Sonnenschein reifend, liefen hoch über dem reif werdenden Glanz der Newa . . . Durchwärmt von der Decke lag Ssemjonytsch und brummte vor sich hin und flüsterte trauernd:
»Es sind keine Herrschaften . . . es sind — einfach Chemiker . . .«
Ei, wie knackte auf einmal die Korridortür! Vielleicht Diebe!
Erst neulich waren Diebe beim Kaufmann Awdiew gewesen. Bestohlen haben sie den Kaufmann Awdiew.
Auch Chacha, den Moldauer, hatte man einmal umbringen wollen.
Er warf die Decke ab und streckte den dunstgebadeten Kopf vor; rasch schlüpfte er in die Unterhose und sprang mit ernstlich beleidigter Miene und kauendem Unterkiefer aus dem durchwärmten Bett; barfüßig patschte er in den von Geheimnissen erfüllten Raum: den dunkel gähnenden Korridor.
Und nun?
Der Riegel an der . . . Wasserklosettür knackte: Seine Exzellenz, Apollon Apollonowitsch, der gnädige Herr, geruhte von dort in sein Schlafgemach zurückzukehren.
Das Blau des dunklen Korridors wurde bereits von Grau durchzogen, die Zimmer aber leuchteten im Hell; die Kristallanhängsel funkelten: halb acht; die kleine Bulldogge kraute sich, strich, mit der Pfote kratzend, über das Halsband und langte dann mit der Schnauze, der tigerähnlichen, nach dem eigenen Rücken.
»Herrgott, Herrgott!«
»Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Awdiew, der Kaufmann, war bestohlen worden! . . . Chacha, den Provisor, hat man umbringen wollen! . . .«
Wild ausgelassen ergossen sich die Strahlen vom blauen, klingenden, vom kristallblitzenden Himmel.
Mit ungelenken Bewegungen, über die himbeerfarbene Quastenschnur stolpernd, zog Apollon Apollonowitsch seinen wattierten, ein wenig abgeschabten, mausgrauen Schlafrock an; aus den grellhimbeerfarbenen Revers sah sein unrasiertes Kinn hervor (das gestern übrigens noch glatt gewesen war), mit nadelscharfen, dichten, ganz weißen Stoppeln wie frisch in der Nacht gefallener Reif; das Dunkel der Augen- und Backenhöhlenknochen, die — wie wir von uns sagen können — sich über Nacht bedeutend vertieft hatten, zeichneten sich dabei besonders scharf.
Mit geöffnetem Mund und entblößter, behaarter Brust saß er auf seinem Bett, zog langsam die Luft ein, die jedoch, von der Lunge nicht aufgenommen, stoßweise rasch wieder herauskam; er tastete immerzu nach seinem Puls und beobachtete die Uhr.
Ihn schien ein unausgelöstes Aufstoßenbedürfnis zu quälen.
Er dachte weder an die Serie alarmierender Depeschen, die ihn von allen Seiten eilig zu erreichen suchten, noch an den wichtigen Staatsposten, der ihm für immer zu entschlüpfen drohte, noch an — an Anna Petrowna; wahrscheinlich dachte er nur daran, woran man, vor einer offenen Schachtel kohlensaurer Oblaten sitzend, zu denken pflegt.
Das heißt — er dachte daran, daß das Aufstoßen, die unregelmäßigen Herzschläge, der Luftmangel (der Luftdurst), auch diesmal wie immer von Stichen und Kitzeln in den Handinnenflächen begleitet, bei ihm nicht vom Herzen komme, sondern eine Folge der Entwicklung von Gasen sei.
An die ziehenden Schmerzen im linken Arm, an das schmerzhafte Zucken in der linken Schulter bemühte er sich jetzt nicht zu denken.
»Wissen Sie — das alles kommt einfach vom Magen!«
So hatte ihm eines Tages der achtzigjährige Kammerherr Ssaposchkow, der kürzlich an einer Herz-Angina dahingegangen ist, all diese Beschwerden klarzumachen gesucht.
»Die Gase, wissen Sie, drücken auf die Magenwände und verursachen ein Zusammenziehen des Zwerchfells . . . Daher das Aufstoßen, die Herzschläge . . . Es kommt alles von der Gasentwicklung . . .«
Vor kurzem wurde Apollon Apollonowitsch im Senat bei der Entgegennahme eines Berichtes von einem Unwohlsein befallen; er wurde blau, begann zu keuchen und mußte hinausgeführt werden; auf das dringende Zureden, einen Arzt zu Rate zu ziehen, erklärte er den Anwesenden:
»Wissen Sie, es ist nichts als die Entwicklung von Gasen . . . daher die Schläge . . .«
Die schwarzen trockenen Pastillen, die Gase absorbieren, pflegten ihm zuweilen Erleichterung zu bringen; nicht immer übrigens.
»Ja, das sind die Gase« — und er begab sich . . . Es war gegen halb neun.
Das war der Lärm, der Ssemjonytsch so beunruhigt hat.
Bald daraus knallte eine Tür im Korridor; Apollon Apollonowitsch nahm den gestreiften Plaid von den frierenden Knien, erhob sich wieder, trat an die Tür seines Schlafgemachs, öffnete diese und steckte sein schweißbedecktes Gesicht vor, um — auf ein ebensolches schweißbedecktes Gesicht zu stoßen.
»Sie sind’s?«
»Jawohl — ich, Exzellenz . . .«
»Was wollen Sie?«
»Ich habe nur so nachgesehen . . .«
»Ah, ja, ja . . . Warum so zeitig . . .?«
»Es muß überall nachgesehen werden . . .«
»?«
»Ein Laut . . .«
»Welcher Laut?«
»Es hat geklopft . . .«
»Ach, das da . . .«
Hier erfaßte Ssemjonytsch den Rand der viel zu weiten Unterhose und schüttelte bedenklich den Kopf.
»Es wird nichts weiter sein . . .«
Die Sache war, daß zehn Minuten vorher Ssemjonytsch zu seiner großen Verwunderung bemerkt hatte: aus der Zimmertür des jungen Herrn war der hellblonde Kopf hervorgetaucht, hatte sich nach rechts, dann nach links umgesehen und war wieder verschwunden.
Einen Augenblick darauf aber war der junge Herr wie ein Heupferdchen an die Tür des alten gnädigen Herrn herangesprungen.
Da war er stehengeblieben, atmete, schüttelte den Kopf und drehte sich wieder, ohne Ssemjonytsch, der in der Ecke stand, bemerkt zu haben; er blieb wieder eine Weile stehen, atmete und drückte seinen Kopf an die Türspalte, aus der ein Lichtschein kam; ja, so stand er, den Kopf fest an die Türleibung gedrückt! Solche Neugierde bei einem jungen Herrn vornehmster Art! . . . nein, das war nichts für einen jungen Herrn, der nicht nur so einer war . . .
Hinter der Tür spähen? Nein, das ist kein würdiges Benehmen.
Wenn es wenigstens bei einem Fremden gewesen wäre — aber der eigene Vater, sein eigenes Fleisch und Blut; es wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn der Sohn, um des Vaters Gesundheit besorgt, gespäht hätte; aber nein man fühlt schon, daß es hier nicht um die kindliche Sorge geht, daß es einfach nur so geschieht, aus müßiger Neugierde. Dafür gibt es nur ein Wort: ein Tunichtgut.
Du bist doch nicht irgendein Lakai, sondern der Sohn eines Generals, hast französische Erziehung genossen.
Hier begann Ssemjonytsch »hm — hm« zu machen.
Ei, wie er zusammenfuhr, der junge Herr!
»Meinen Gehrock bitte rasch abzubürsten«, warf er dem Alten geärgert zu.
Und fort war er von Vaters Tür in das eigene Zimmer: ein wahrhaftiger Tunichtgut.
»Zu Befehl!« brachte Ssemjonytsch mit kritischer Note durch die Zähne; bei sich dachte er aber:
»Die Mutter ist zurückgekehrt — und er in aller Herrgottsfrühe: ‚Putzen Sie meinen Gehrock ab.‘«
»Das ist kein schönes Benehmen, kein würdiges!«
»Chamlete sind es einfach . . . Gott steh uns bei . . . An der Tür horchen . . .«
All das ging dem Alten durch den Kopf, während er, seine Unterhose festhaltend, bedenklich den Schädel schüttelte und leise vor sich hinbrummte:
»Aää? . . . Was das ist? . . . Geklopft hat es: das stimmt . . .«
»Was aber hat geklopft, wer?«
»Nichts Besonderes: der gnädige Herr braucht sich deswegen nicht zu beunruhigen . . .«
»?«
»Es ist nur Nikolai Apollonowitsch . . .«
»Ha?«
»Der junge Herr hat die Tür zugeschlagen: er ist heute früh ausgegangen.«
Apollon Apollonowitsch sah Ssemjonytsch an und wollte dann etwas fragen, aber er gab es auf und kaute nur greisenhaft mit dem Mund; er erinnerte sich der kurz vorher stattgehabten verunglückten Auseinandersetzung mit dem Sohn (es war ja der Morgen nach dem Ball bei Zukatows); mit dem Ausdruck des Verletztseins senkten sich seine Mundwinkel und bildeten hängende Hautsäckchen. Der zurückgebliebene Eindruck war für Apollon Apollonowitsch peinlich genug, und er jagte ihn von sich.
Schüchtern, bittend sah er Ssemjonytsch an.
»Der Alte hat Anna Petrowna gesehen . . . Hat immerhin mit ihr gesprochen . . .«
Zudringlich blieb dieser Gedanke haften.
»Verändert haben mochte sie sich schon, Anna Petrowna . . . Ist wohl mager geworden, hat abgenommen; hat vielleicht auch graue Haare bekommen; auch mehr Falten im Gesicht . . . Könntest ihn vorsichtig, auf Umwegen fragen . . .«
»Doch — nein, nein!«
Plötzlich zerfloß das Gesicht des achtundsechzigjährigen alten Herrn unnatürlich in Falten, der fletschende Mund reichte bis zu den Ohren.
Und der Sechzigjährige war jetzt — ein Tausendjähriger; und mit künstlich erhobener Stimme, die fast wie ein Schreien klang, versuchte die grauhaarige Ruine aus sich ein Anekdotchen herauszupressen.
»A . . . m—m—ä . . . Ssemjonytsch . . . Sie sind . . . m—m—mä . . . barfuß.«
Der alte Diener fuhr beleidigt zusammen.
»Entschuldigen, Erzell . . .«
»Das . . . m—m—mä . . . meine ich gar nicht«, strengte sich Apollon Apollonowitsch an, um zu seiner Anekdote zu gelangen.
Aber das Anekdotchen wollte ihm nicht gelingen, und er stand mit in die Leere geheftetem Blick da; ganz flüchtig ließ er sich dann nieder und brach mit dem Unsinn los:
»A . . . sagen Sie . . .«
»?«
»Sie haben gelbe Fersen?«
Ssemjonytsch war beleidigt.
»Ich habe keine gelben Fersen; das haben nur die langzöpfigen Chinesen . . .«
»Hi — hi — hi . . . Dann vielleicht rosafarbige?«
»Mit Verlaub — menschliche . . .«
»Nein — gelbe, gelbe . . .«
Und Apollon Apollonowitsch, der Tausendjährige, Zitternde, Kleine, stampfte mit dem Pantoffel auf den Boden auf.
»Auch Fersen, jawohl . . . Aber vor allem sind’s die Hühneraugen, Exzellenz . . . Sobald ich den Schuh angezogen habe, da beginnen sie zu brennen und zu stechen, ja, Herr . . .«
Bei sich aber dachte er:
»Ach was — Fersen? . . . Es handelt sich bei dir nicht um die Fersen . . . Hast wohl auch, alter Pilz, die ganze Nacht kein Auge geschlossen . . . Und die Gemahlin befindet sich in der nächsten Nähe, in erwartendem Zustand . . . Und der Sohn, dieser Chamletist . . . Aber nein, der muß von den Fersen reden! . . . Gelbe . . . Vielleicht hast du selbst gelbe Fersen . . . Auch eine — ‚Persönlichkeit‘! . . .«
Und er fühlte sich ganz und gar beleidigt.
Aber wie immer zeigte Apollon Apollonowitsch (wenn es gerade über ihn kam) in Anekdoten, in dummen Scherzen, in allerlei Späßchen eine geradezu klettenhafte Zudringlichkeit: um sich selbst aufzumuntern, spielte der Senator (der Wirkliche Geheime Rat, Professor und Träger der Brillantenorden) den Springinsfeld, den Tunichtgut, den lustigen Bösewicht; er war da für die anderen wie die Fliegen, die an gewitterschweren, schwülen Tagen einem zudringlich bald in die Augen, bald in die Nase, bald ans Ohr fliegen; wie die Fliegen, die man an gewitterschweren, schwülen Tagen, wenn graurötliche Wolken schwer und tief über den Linden hängen, zu Dutzenden auf den Händen, auf dem Schnurrbart umbringt.
»Das Fräulein aber — hi—hi—hi . . . Das Fräulein . . .«
»Was meint der gnädige Herr?«
»Das Fräulein hat . . .«
So ein Tunichtgut!
»Was hat das Fräulein?«
»Rosige Fersen . . .«
»Das kann ich nicht wissen . . .«
»Da geben Sie nur acht . . .«
»Spaßig sind Sie, gnädiger Herr . . .«
»Das kommt von den Strümpfchen, wenn das Füßchen vom — Schweiß . . .«
Und ohne den Satz zu vollenden, schritt Apollon Apollonowitsch Ableuchow — der Wirkliche Geheime Rat, Professor, Haupt eines hohen Amtes — mit den Pantoffeln schlürfend, weiter, in sein Schlafzimmer; und — knacks: die Tür abgesperrt.
Drinnen hinter der Tür ließ er sich auf einen Stuhl nieder, wurde still, weich.
Und er sah mit hilflosen Blicken um sich: ei, wie klein wurde er! Ei, wie sich sein Rücken krümmte! Seine Schultern schienen ungleich hoch (als wäre eine hinuntergeschlagen). Die Hand griff unwillkürlich nach der hüpfenden, schmerzenden Seite.
Ja—a! . . .
Alarmierende Nachrichten aus der Provinz . . . Und, wissen Sie, der Sohn, der Sohn! . . . Dem eigenen Vater solche Schmach zu bereiten . . . Eine schreckliche Lage, wissen Sie . . .
Die alte Gans, Anna Petrowna, ausgeplündert: ein schuftiger Hohlkopf, mit einem Schnurrbart wie bei einer Küchenschabe . . . Nun ist sie zurückgekehrt . . .
Macht nichts! . . . Es wird schon irgendwie gehen! . . .
Aufruhr, Rußlands Untergang . . . Sie sammeln sich schon: Attentat! Irgendein Abiturient mit Schnurrbärtchen erlaubt sich, in ein altadeliges, geachtetes Haus . . .
Dann aber — die Gase, die Gase! . . .
Hier schluckte er eine Oblate hinunter . . .
Die Feder verliert ihre Elastizität, wenn sie zu stark gespannt ist; es gibt eine Grenze für die Elastizität; für den menschlichen Willen gibt es auch eine Grenze; auch der eiserne Wille schmilzt; im Alter verdünnt sich das menschliche Hirn. Heute kommt ein Frost, und der feste Schneehaufen sprüht helleuchtende Funken; und du modellierst aus den frostigen Schneesternchen eine funkelnde menschliche Gestalt.
Raunend und flüsternd zieht das Tauwetter daher, der Schneehaufen wird unterwässert: er schrumpft zusammen, wird glitschrig und zerfällt.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte schon in der Kindheit gefroren: er hatte gefroren und seine Kräfte gestählt; in der frostigen Petersburger Nacht schien seine funkelnde Gestalt derber, fester, gewaltiger, diese selbstleuchtende, funkelnde Gestalt, die in der nordischen Nacht gerade am mächtigsten geragt, als der faule Wind eingesetzt hatte, der seinen Freund vernichtete; dieser Wind, der jetzt zu einem Sturm ausgeartet ist.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow hatte sich bis zum Losbrechen des Sturmes noch immer auf der Höhe gehalten; ja, auch nachher.
Einsam und stolz, stand lange, vom Sturm umbraust, Apollon Apollonowitsch Ableuchow — selbstleuchtend froststeif und stark; aber es ist allem eine Grenze gesetzt: schmilzt doch selbst Platina.
Über Nacht gab Apollon Apollonowitsch nach, über Nacht fiel er zusammen und ließ seinen großen Kopf hängen; auch er, der federnd Elastische, knickte zusammen. Früher aber? Es ist noch nicht lange her, da hatten in dem faltenlosen Profil, das herausfordernd dem Himmel zugekehrt war, rote Flämmchen gezuckt, die . . . ganz Rußland . . . in Flammen . . . versetzen konnten . . .
Eine einzige Nacht lag dazwischen.
Und an Stelle des starken, goldwamsigen Mannes stand im feurigen Fond des brennenden Rußlands — ein an Hämorrhoiden leidender Greis, im Morgenrock mit Quasten, mit kurz atmender, offener, haariger Brust, unrasiert, schwitzend — der konnte natürlich nicht den Lauf unseres ins Wanken geratenen Staatsrades (über die holprigen, schlecht befahrbaren Wege) leiten! . . .
Fortuna hat ihn verlassen.
Sicher sind es doch nicht die intimen privaten Ereignisse, nicht der ausgemachte Schuft von einem Sohn, nicht die Angst, wie ein gemeiner Krieger im Felde von einer Bombe getroffen zu werden, nicht das Erscheinen Anna Petrownas, dieser wenig bedeutenden Person, die nirgends, rein nirgends Glück hatte — sicher war es nicht das Erscheinen dieser Anna Petrowna (im schwarzen gestopften Kleid mit schwarzem Täschchen in der Hand); sicher endlich war es auch nicht der rote Lappen auf der Straße, die den Träger der brillantenen Orden in einen mürben Schneehaufen verwandelt haben.
Nein — die Zeit war es.
Haben Sie schon einmal berühmte, aber bereits in Kindheit verfallene Männer gesehen, Greise, die ein halbes Jahrhundert jedem Anprall standhielten — weißlockige (öfters noch kahlköpfige) mit dem Eisen des Kampfes gepanzerte Führer?
Ich habe solche gesehen.
In Versammlungen, bei Sitzungen, bei Kongressen, stiegen sie in ihrer blendend weißen Stärke, in tadellosen Fracks mit den ausgestopften Schultern; rückengekrümmte Greise mit herunterhängenden Kiefern, falschen Zähnen
— ich sah sie —
wie sie, noch gewohnheitsmäßig sich auf der Tribüne aufraffend, in alter Weise die Herzen zu erobern versuchten und eroberten.
Und ich sah sie dann zu Hause.
Mit schwachsinniger Geschäftigkeit flüsterten sie mir kranke, schlechte Witze ins Ohr; sie trippelten in ihr Arbeitszimmer und zeigten mit schmatzendem Mund auf das Bücherfach mit den in Schweinsleder gebundenen »gesammelten Werken«, die auch ich einst gelesen hatte, mit denen sie einst mich und sich selbst bewirtet hatten.
Trauer überkommt mich!
Um zehn Uhr hat es an der Haustür geläutet; es war nicht Ssemjonytsch, der aufgemacht hat; jemand kam, ging in das Zimmer des Nikolai Apollonowitsch, saß dort, ließ einen Zettel zurück.
Ich weiß, was ich tue
Punkt zehn Uhr war Apollon Apollonowitsch mit dem Kaffee fertig.
Ins Speisezimmer pflegte er — wie wir wissen — immer kalt, streng, frisch rasiert, Eau-de-Cologne-Duft weit ausstrahlend, hineinzukommen, um seinen Kaffee nach dem Chronometer zu erledigen; heute aber war er unrasiert, unparfümiert, im Morgenrock, mit den Hauspantoffeln schlürfend, zum Frühstück erschienen.
Von halb neun bis zehn Uhr blieb er allein vor dem Tisch.
Er hatte die Korrespondenz unbeachtet gelassen, den devoten Morgengruß der Diener gegen alle Tradition nicht beantwortet, und wie die Bulldogge ihre speichelnde Schnauze auf die Knie des Herrn gelegt hat, hat sich dieser an dem Kaffee verschluckt, und seine rhythmisch schmatzenden Lippen riefen:
»He . . . wer ist da? Nehmt den Hund fort . . .«
Die Hand bröselte und knetete das französische Frühstücksbrötchen, während der versteinerte Blick unverwandt in den schwarzen Kaffeesatz auf dem Boden der Tasse starrte.
Um halb zwölf erinnerte sich gleichsam Apollon Apollonowitsch an etwas, fuhr unruhig-geschäftig auf seinem Platz auf und nieder; die Augen irrten hin und her und erinnerten an eine graue Maus; er sprang auf und lief mit perlenden Schrittchen, ein wenig zitternd in sein Arbeitszimmer, wobei der zurückgeschlagene Vorderschoß des Morgenrockes seine nur halb zugeknöpfte Unterhose sehen ließ.
Bald darauf trat auch der Diener ins Arbeitszimmer, um zu melden, daß der Wagen warte; wie angewurzelt blieb er aber an der Schwelle stehen.
Erstaunt sah er zu, wie sein Herr die massive Leiter über die weichen Samtteppiche rollte, von Bücherschrank zu Bücherschrank, wie er ächzend, stolpernd, keuchend, schwitzend, mit Gefahr für sein hohes Leben die Sprossen hinaufkletterte, um mit den Fingern die Bücher auf Staub zu untersuchen; den Diener erblickend, kaute er ein wenig verächtlich mit dem leeren Mund, ohne auf die Mitteilung über den unten wartenden Wagen etwas zu erwidern.
Mit der Hand über die Rückeneinbände klopfend, verlangte er nach einem Staubtuch.
Zwei Diener brachten ihm zwei Staubtücher; auf seinen Wunsch wurden ihm diese an einem Besenstiel hinaufgereicht; jeder der zwei Diener nahm eine Stearinkerze in die Hand; jeder der zwei Diener stellte sich — rechts und links — neben die Leiter hin und streckte den bald steif gewordenen Arm mit der Kerze nach oben.
»Höher mit dem Licht! . . . Nicht so . . . Nein, anders . . . Aber höher doch . . . noch etwas höher . . .«
Über den hohen Gebäuden jenseits der Newa ballten sich inzwischen rauchige, bauschige Wolken zusammen und hingen wie Knäuel aus Filz in der Luft; der Wind schlug gegen die Fenster; im grünlich-düsteren Zimmer herrschte Halbdämmerung; draußen heulte der Wind; und immer höher, höher streckten sich zwei Stearinkerzen an beiden Seiten der Leiter, die fast bis zur Zimmerdecke lief; dort ganz oben bewegten sich die Schöße des mausgrauen Morgenrockes hin und her und baumelten himbeerrote Quasten.
»Exzell . . .«
»Ist es eine Arbeit für Sie, Exzellenz . . .«
»Wozu mühen Sie sich nur selbst ab? . . .«
»Erlauben, Exzell . . . So was Unerhörtes . . .«
Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der Wirkliche Geheime Rat, der oben in der Staubwolke stand, der konnte ja gar nicht hören. Ach wo: alles in der Welt vergessend, wischte er mit dem Staublappen die Einbandrücken, klopfte mit den Deckeln an die Leiter, bis er schließlich heftig zu niesen begann:
»Staub, Staub, Staub . . .«
»So was . . . So was . . .«
»Na, wartet nur, bis ich mit dem Lappen an euch herankomme!«
»So, sehr schön . . .«
Und er warf sich, mit dem Lappen bewaffnet, über den Staub her.
Ein unruhiges Knattern der Telephonglocke: das hohe Amt läutete; aber auf das unruhige Geläute wurde aus dem gelben Hause geantwortet:
»Exzellenz? . . . Ja . . . Geruht Kaffee zu trinken . . . Es wird ausgerichtet werden . . . Ja . . . Der Wagen wartet schon . . .«
Auch auf das dritte, diesmal wütende Klingeln, wurde geantwortet:
»Noch nicht . . .«
»In seinem Arbeitszimmer . . .«
»Ist mit Ordnen der Bibliothek beschäftigt . . .«
»Der Wagen?«
»Der Wagen wartet . . .«
Die Pferde wurden endlich in den Stall zurückgebracht; der Kutscher spuckte aus: schimpfen traute er sich nicht.
»Sauber wisch’ ich euch!«
»Ei, ei, ei! . . . Sieh mal einer her!«
»Abschi! . . .«
Und die zitternden, gelben Hände schlugen auf die dicken Bände.
Ein schepperndes Klingeln im Vorzimmer: ein schepperndes, zerrissenes Klingeln; das Sprechen des Schweigens zwischen einem und dem folgenden Klingeln; als Erinnerung an etwas, lief dieses Schweigen durch die Räume der lackierten Zimmer — als Erinnerung an etwas Vergessenes; und trat ungebeten ins Arbeitszimmer; hier stand es, alt, alt, und stieg über die Sprossen der Leiter nach oben.
Ein Ohr streckte sich aus dem Staub; der Kopf wandte sich.
»Hören Sie?«
Wer es sein konnte?
Es konnte — Nikolai Apollonowitsch sein, der Schuft, der Taugenichts und Lügner; es konnte ein — Herman Hermanowitsch sein, der mit den Papieren kam; oder ein Kotosch — Kotoschinski; oder vielleicht Graf Nolden; es kann übrigens — mm — mmä — auch Anna Petrowna sein . . .
Es schepperte.
»Hören Sie denn nicht?«
»Gewiß, Exzellenz; es wird aber dort schon aufgemacht . . .«
Jetzt erst antworteten die Diener: versteinert waren sie noch immer gestanden und hatten geleuchtet.
Ssemjonytsch allein schlenderte durch den Korridor (immer war er von etwas bedrückt, immer murmelte er etwas vor sich hin) und wiederholte aus Langeweile die auswendig gelernten Abteilungen der herrschaftlichen Kleiderchiffonniere:
»Nordost: schwarze und weiße Krawatten . . . Kragen und Manschetten — im Osten . . . Uhren — im Norden« — nur Ssemjonytsch, im Korridor wandernd, horchte auf, wurde unruhig, schärfte das Ohr und trippelte gegen das Arbeitszimmer des Herrn.
»Ich gestatte mir, aufmerksam zu machen: es hat geläutet.«
Die Diener antworteten nicht.
Jeder hielt seine Kerze in der hoch nach oben gestreckten Hand; auf der oberen Sprosse der Leiter ragte der kahle Kopf des Senators aus der Staubwolke hervor; eine unruhige, zerrissene Stimme sagte:
»Ja, auch ich hab’ es gehört.«
Apollon Apollonowitsch riß sich von einem dicken Band los:
»Ja, ja, ja . . .«
»Es läutet . . . Hören Sie, es läutet . . .«
Beide verspürten zugleich ein unaussprechliches, aber ihnen deutliches Etwas, denn beide fuhren zusammen: rasch, rasch, beeilet euch! . . .
»Es ist die gnädige Frau . . .«
»Es ist Anna Petrowna!«
Rennet, geschwind, sputet euch: es hat wieder gescheppert!
Geschwind stellten die Diener ihre Kerzen auf den Tisch und eilten in den dunkelnden Korridor (als erster trippelte Ssemjonytsch voran). Im grünlichen Licht des Petersburger Morgens begannen die Augen des Apollon Apollonowitsch oben unter der Zimmerdecke unruhig hin und her zu laufen; nach Luft schnappend, ächzend, die haarige Brust, die Schulter und das borstige Kinn gegen die Sprossen gedrückt, stieg er die Leiter hinunter und begann plötzlich mit trippelnden Schrittchen gegen das Vestibül zu rennen, den Staublappen in der Hand, die Schöße des Morgenrockes wie phantastische Dreiecke in der Luft flatternd. Er stolperte leicht, blieb stehen und tastete kurz atmend mit dem Finger nach dem Puls.
Ein Herr mit wallendem Backenbart in tadellos zugeknöpftem Amtsrock, mit blendend weißen Manschetten und dem Annastern an der Brust, kam ehrfurchtsvoll, vom Diener angeführt, die Treppe herauf; auf dem Silbertablettchen in den zitternden Händen des alten Ssemjonytsch lag eine Visitenkarte, die eine Adelskrone aufwies.
Hinter der steinernen Niobe stand Apollon Apollonowitsch, schlug mit geschäftiger Miene die Schöße seines Morgenrockes übereinander und sah dem würdigen Gast mit dem gut gepflegten Bart entgegen.
Wahrhaftig er sah wie eine Maus aus.
Du wirst wie geistesgestört sein
Petersburg — das ist ein Traum.
Wenn du einmal im Traum Petersburg besucht hast, dann kennst du zweifellos dieses mächtige Vestibül: die eichenen Türen sind schwer, und die Spiegelscheiben blitzen; die Vorübergehenden sehen nur die Spiegelscheiben; nie waren sie hinter ihnen.
Hinter der Spiegelscheibe blitzt immer der kupferschwere Kopf des Schweizerstabes.
Die gebogene achtzigjährige Schulter hinter der Scheibe: von ihr träumt der zufällige Passant lange, von ihm, dem alles nur ein Traum ist und der selber ein Traum ist; auf die gebogene Schulter des greisen Schweizers fällt schwer der dunkle Dreimaster; seine Silbertressen blinken und erinnern an Angestellte der Bestattungsbureaus, wenn sie ihres Amtes walten.
Unverändert bleibt es.
Der schwere Kupferkopf ruht friedlich auf der achtzigjährigen Schulter eines Schweizers; und jahraus, jahrein der mit einem Dreimaster gekrönte Schweizer über dem »Börsenkurier«. Dann erhebt er sich wohl einmal und öffnet die Tür. Am Tage, am Morgen, gegen Abend, wann du an der Eichentür vorbeigehst, am Tage, am Morgen oder gegen Abend — immer erblickst du den kupfernen Stabkopf; immer erblickst du die Silbertressen; immer erblickst du den dunklen Dreimaster.
Verwundert bleibst du vor dieser Vision stehen. Dasselbe hattest du bei deinem vorigen Hiersein gesehen. Fünf Jahre waren vorübergegangen: dumpfe Wellen von Ereignissen waren dahingerollt; China war erwacht; Port Arthur war gefallen; die Gelben hatten unser Amurgebiet überschwemmt; es sind die alten Märchen von den eisernen Reitern des Dschingis-Khan wieder lebendig geworden.
Aber die Visionen der alten Zeiten bleiben unverändert; eine achtzigjährige Schulter, ein Dreimaster, eine Silbertresse, ein Bart.
In dem Augenblick, in dem sich der weiße Bart hinter der Spiegelscheibe bewegen, der schwere Kupferkopf des Schweizerstabes hinter der Tür blitzen und silbrig wie das Rinnenwasser, das dem Kellerbewohner Cholera und Typhus bringt, die weißen Tressen schimmern — und wo dennoch von den alten Zeiten nichts mehr sein wird, — in diesem Augenblick wirst du wie ein Geistesgestörter durch die Petersburger Prospekte rennen.
Wenn dort hinter der blinkenden Glastür der schwere Kupferstab seinen Platz verlassen hätte, dann würde sicher, sicher hier weniger von Typhus und Cholera zu merken sein; China würde nicht so voll Unruhe gären; Port Arthur wäre nicht gefallen; unser Amurgebiet wäre nicht von Zöpfen überflutet und die Reiter des Dschingis-Khan nicht aus ihren vielhundertjährigen Gräbern auferstanden.
Aber höre nur, horch: ein Stampfen von Schritten . . . Aus den Uralsteppen kommt es. Es kommt immer näher, das Stampfen.
Das sind — die eisernen Reiter.
Was für ein Tag!
Schon am frühen Morgen hatten die Tröpfchen zu flüstern, zu klatschen, zu klappern begonnen; von der Meeresküste her türmten sich die nebligen Filzflecken; paarweise erschienen die Schreiber; der Schweizer mit dem Dreimaster machte ihnen auf; sie hängten ihre Hüte wie ihre feuchten Überkleider an die Haken, liefen die mit rotem Tuch belegten Stufen hinauf, liefen durch das weißmarmorne Vestibül, hoben die Augen zu dem Porträt des Ministers und gingen in ihre ungeheizten Säle — an ihre kalten Arbeitstische. Aber die Schreiber schrieben nicht: sie hatten nichts zu schreiben; aus dem Direktorzimmer kamen keine Papiere; das Direktorzimmer war leer; wohl brannten im Kamin lohend Holzscheite. Aber über dem massiven Eichentisch neigte sich nicht der kahle Kopf mit den geschwollenen Adern an den Schläfen, die tiefsitzenden Augen wandten sich nicht gegen den Kamin, wo in lustiger Kornblumenschar giftige Rauchwölkchen emporringelten. Das Direktorzimmer war leer.
An diesem Tag war Apollon Apollonowitsch nicht in sein Arbeitszimmer geschritten.
Das Warten wurde bereits langweilig; ein bescheidenes, fragendes Flüstern ging von Tisch zu Tisch; Gerüchte schoben sich von einem zum anderen; Gespenster huschten durch die Luft; im Zimmer des Vizedirektors knatterte die Telephonglocke.
»Noch nicht herausgekommen? . . . Unmöglich! . . . Sagen Sie, wird dringend erwartet . . . nicht möglich . . .«
Zum zweiten Male knattert das Telephon:
»Haben Sie ausgerichtet? . . . Noch immer beim Frühstück? . . . Sagen Sie, Exzellenz wird dringendst verlangt . . .«
Der Vizedirektor stand mit bebendem Unterkiefer vor dem Telephon; er machte mit den Armen Gesten des vollständigen Unbegreifens; er wartete eine, anderthalb Stunden; dann setzte er seinen überhohen Zylinder auf und stieg die teppichbelegte Treppe hinunter. Die Haustür flog auf vor ihm; er bestieg einen Wagen . . .
Zwanzig Minuten später betrat er das Vestibül des gelben Hauses und erblickte mit Erstaunen seinen Vorgesetzten, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, im Morgenrock von widerwärtiger, mausgrauer Farbe, mit unruhig auf ihn gerichteten: Blick hinter der Statue der Niobe stehen.
»Apollon Apollonowitsch!« rief der grauhaarige Ritter des Annaordens und richtete hierbei eilig seinen Halsorden unter der Krawatte zurecht. Er erblickte hinter der Niobe das unrasierte, mit Haarstoppeln bedeckte Kinn.
»Apollon Apollonowitsch, da sind Sie? Und ich, wir warteten und warteten; telephonierten immer wieder.«
»Ich . . . mm—mmä . . . ordnete meine Bibliothek . . . Verzeihen Sie, Väterchen, daß ich Sie . . . so . . . empfange.«
Er zeigte mit den Händen auf seinen Morgenrock.
»Was haben Sie, krank? A—a—a: Sie scheinen etwas aufgedunsen. Das ist sicherlich die Wassersucht?« — und er berührte ehrfurchtsvoll den mit Staub bedeckten Finger des Vorgesetzten.
Apollon Apollonowitsch ließ den Staublappen auf das Parkett niedergleiten.
»Daß Sie gerade jetzt krank wurden! . . . Ich komme mit Neuigkeiten . . . Ich muß Ihnen zu — einem Generalstreik in Merowetrinsk gratulieren . . .«
»Woher nehmen Sie? . . . Ich . . . mm—mmä . . . bin gesund . . .« Das Gesicht des Alten verzog sich in Falten. (Die Nachricht vom Generalstreik nahm er gleichgültig auf; er schien sich nicht mehr über etwas wundern zu können.) — »Bitte nur einzutreten; so viel Staub, wissen Sie . . .«
»Staub?«
»Da hab’ ich mit dem Lappen . . .«
Der Vizedirektor mit dem wallenden Backenbart verneigte sich ehrfurchtsvoll vor der gekrümmten Ruine und bemühte sich immerfort, auf das wichtige Papier zu kommen, das er im Salon auf ein Perlmuttertischchen vor sich hinlegte.
Doch Apollon Apollonowitsch unterbrach ihn wieder:
»Staub, wissen Sie, der enthält Mikroorganismen, die verschiedene Krankheiten hervorrufen. Ich habe ihn deswegen mit dem Staublappen . . .«
Plötzlich sprang die graue Ruine aus dem Empiresessel auf und stieß, sich mit der einen Hand auf die Lehne stützend, mit der anderen gegen das Papier.
»Was ist das?«
»Wie ich Ihnen, Exzellenz, soeben mitteilte . . .«
»Nein, gestatten Sie . . .« Apollon Apollonowitsch bückte sich rasch über das Papier: er wurde auf einmal jünger, sein Gesicht wurde weiß und rosig (rot konnte es nicht mehr werden).
»Warten Sie! . . . Aber sie sind dort alle verrückt geworden! . . . Man braucht meine Unterschrift? Neben dieser Unterschrift?!«
»Apollon Apollonowitsch! . . .«
»Ich gebe meine Unterschrift nicht.«
»Aber es ist eine Revolte!«
»Setzen Sie Iwantschenko ab . . .«
»Iwantschenko ist schon abgesetzt: haben Sie es vergessen?«
»Ich gebe meine Unterschrift nicht . . .«
Mit verjüngtem Gesicht latschte er in seinen Pantoffeln auf und ab durch den Salon, die Hände auf dem Rücken, mit unanständig geöffnetem Morgenrock, die Glatze tief nach vorn gebeugt; er näherte sich dem erstaunten Gast und begann auf ihn mit Speichel zu spritzen:
»Wie konnten die dort sich das nur denken? Etwas anderes ist eine — feste administrative Gewalt, und wieder etwas anderes ist eine direkte Verletzung der gesetzlichen Regeln . . .«
»Apollon Apollonowitsch« — versuchte der Beamte den Alten zur Vernunft zu bringen, »Sie sind ein Mann von festem Willen, Sie sind ein Russe . . . Wir hofften . . . Nein, Sie werden doch sicherlich unterschreiben.«
Apollon Apollonowitsch drehte einen Bleistift zwischen zwei knöchernen Fingern; er blieb stehen, sah mit scharfem Blick in das Papier hinein und: knisternd brach der Bleistift in zwei Stücke; erregt band er darauf die Gürtelschnur seines Morgenrockes fest, seine Kinnladen zitterten vor Zorn.
»Ich gehöre, Väterchen, zur Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Das Huhn geht nicht zu den Eiern in die Lehre . . .«
»Mmä—mä . . . Ich — gebe — meine — Unterschrift — nicht . . .«
Schweigen.
»Mmä—mm—mä . . . Mä—ä—mmä . . .«
Und er blies seine Wangen auf . . .
Der Herr mit dem wallenden Backenbart stieg mit bedenklicher Miene die Treppe hinunter; es war ihm klar: die Karriere des Senators Ableuchow, an der er lange Jahre gebaut hatte, ist nun zu Staub geworden. Nachdem der Vizedirektor gegangen war, schritt Apollon Apollonowitsch lange zornig auf und ab, im Salon zwischen den Empirestühlen. Dann verließ er den Raum und erschien gleich wieder mit einer riesigen Mappe unterm Arm, die er auf das Perlmuttertischchen legte. Dann läutete er und befahl dem Diener, ein Feuer im Kamin zu machen.
Ein toter Kopf blickte über die Notabene, die Fragezeichen, Gedankenstriche, Paragraphen, über die nun letzte Arbeit, zum Kaminfeuer hinüber; die Lippen murmelten:
»Macht nichts . . . So—so . . .«
Mit boshaftem Lächeln und zusammengekniffenen Augen dachte der kahle Senatorenkopf an den vollendeten Karrieristen, der soeben das Haus verlassen hatte, der es gewagt hatte, ihm, Ableuchow, den Vorschlag zu machen, sein bisher reines Gewissen durch eine Konzession zu beflecken und der jetzt sicherlich sprühend vor Wut durch die schmutzigen Straßen raste . . .
»Ich bin, meine Herrschaften, einer aus der Schule Plehwe . . . Ich weiß, was ich tue . . . Ja, ja, meine Herrschaften . . .«
Der scharf gespitzte Bleistift hüpfte zwischen den Fingern; der scharf gespitzte Bleistift fiel als kleine Splitter auf das Papier nieder; das ist ja seine letzte Arbeit; in einer Stunde wird diese Arbeit gemacht sein; in einer Stunde wird er sich mit dem Hohen Amt telephonisch verbinden lassen und ihm die mit dem Geiste kaum zu fassende Nachricht überbringen.
Der Wagen raste an die Karyatide des Portals heran; die Karyatide rührte sich nicht; er rührte sich nicht, der bärtige Alte, der das Portal des Hohen Amtes stützte.
Das Jahr achtzehnhundertundzwölf hatte ihn aus den Wäldern befreit; achtzehnhundertfünfundzwanzig stürmten die Dezembertage an ihm vorbei. Vorüber sind diese Stürme! Vorüber sind auch die jüngsten Stürme von neunzehnhundertundfünf!
Mann mit dem steinernen Bart!
Alles hatte er gesehen, was um ihn geschah, und was zu geschehen aufgehört hatte. Doch wird er niemals davon erzählen.
Er erinnert sich der zwei Vollblutrosse, die der Kutscher mit festem Zug an der Leine vor dem Portal anhielt; von den schweren Gruppen stieg der Dampf in Wolken auf; ein General mit Dreimaster auf dem Kopfe, in einem Mantel mit Biberkragen, sprang graziös aus dem Wagen und lief unter lauten »Hurras« zur Glastür, die sich ihm öffnete.
Dasselbe »Hurra« klang ihm entgegen, als der General später auf den Balkon hinaustrat. Der bärtige Mann unter dem Balkon kennt diesen Namen noch heute. Aber er nennt ihn niemandem.
Er wird niemandem von der Dirne erzählen, die heute nacht unten auf den Stufen des Portals gekauert und geweint hatte.
Er wird niemandem von dem Minister erzählen, der, bis vor kurzem, hier täglich zu erscheinen pflegte: er trug einen Zylinder auf dem Kopf; in seinen Augen lag eine grünliche Tiefe; wenn er aus dem leichten Schlitten heraustrat, glättete er seinen gepflegten graumelierten Bart mit der grau behandschuhten Hand.
Er ging mit hastigen Schritten durch die Glastür, um dann in Nachdenklichkeit versunken an den Fenstern stehenzubleiben.
Dort, an jenem Fenster, sah man das blasse, blasse Gesicht an die Scheibe gedrückt; der zufällige Passant würde in dem blassen Fleck an der Scheibe wohl kaum das Gesicht des Mannes vermutet haben, der von da aus die Schicksale Rußlands lenkte.
Der bärtige Alte kannte ihn; und er erinnert sich seiner, niemals und nie wird er von ihm erzählen! . . .
Und — Ruhe seiner Asche . . .
Auch der Schweizer mit dem Stab, der über dem »Börsenkurier« schlummerte, auch er kannte das leiddurchzogene Gesicht gut. Wetscheslaw Konstantinowitsch hat, Gott sei Dank, noch niemand im Hohen Amt vergessen; aber an, seligen Angedenkens, Kaiser Nikolaus Pawlowitsch erinnert sich keiner mehr: man erinnert sich nur der weißen Säle, der Säulen, der Balustraden.
Der bärtige Alte aber, er erinnert sich seiner.
Aus der Unzeit her, wie über der Linie der Zeit schweben, steht er gebeugt da: über der pfeilgeraden Straße oder — über der bitteren, salzigen, fremden menschlichen Träne?
Der kahle Kopf hebt sich empor, der mephistophelische, greisenhaft welke Mund lächelt; rötliche Flämmchen zucken durch das Gesicht; Flämmchen blinken in den Augen, aber es sind steinerne Augen; blau in grünlichen Höhlen; kalte, erstaunte Blicke, und — kalt, kalt. Gespenstisch entflammen Zeit, Sonne, Licht. Das ganze Leben nichts als — ein Gespenst. Lohnt es sich? Nein, es lohnt sich nicht:
»Ich bin, meine Herrschaften, aus der Schule Plehwe . . . Ich, meine Herrschaften . . . Ich—mmä—mmä«
Der kahle Kopf senkt sich.
Im Hohen Amt hüpfte ein Flüstern von Tisch zu Tisch; plötzlich ging die Tür auf; ein Beamter mit kalkweißem Gesicht sprang ans Telephon:
»Apollon Apollonowitsch hat seinen Abschied genommen . . .«
Alle sprangen von den Plätzen auf; der Beamte Legonin begann zu weinen; es entstand ein blödes Stimmengewirr, ein Fußtrampeln; aus dem Zimmer des Vizedirektors drang eine feste Stimme und das Knattern der Telephonglocke (zum Departement neun); der Vizedirektor stand mit bebendem Kinn da; in seiner Hand tanzte das Telephonrohr hin und her. Apollon Apollonowitsch Ableuchow war bereits nicht mehr das Haupt des Amtes.
Eine Viertelstunde später erteilte der grauhaarige Vizedirektor, in hoch zugeknöpftem Amtsrock und mit dem Annaorden auf der Brust, seine Befehle; zwanzig Minuten später schritt er mit frisch rasiertem, verjüngtem Gesicht durch die weiten Säle.
Das war der Verlauf eines Ereignisses von unbeschreiblicher Wichtigkeit.
Das Reptil
Die schäumenden Wasser des Kanals wälzten sich gegen die Stelle, an der der Wind, aus der öden Ferne des Marsfeldes kommend, stöhnte: ein schrecklicher Ort!
Am Rande dieses schrecklichen Ortes prangt ein herrlicher Palast; sein nach oben ragender Turm gibt ihm das Aussehen eines wunderschönen Schlosses: rosarot, steinschwer; ein Gekrönter lebte in diesen Mauern; schon lange ist es her: der Gekrönte weilt längst nicht mehr unter den Lebenden.
Seiner Seele, o Herr, sei in deinem Reiche gnädig!
Der rosenrote Palast hob sich mit seinen nach oben ragenden Dächern von den vollständig blätterlosen, knorrigen Ästen der Umgebung ab; in wirrem Durcheinander streckten sich die Zweige gegen den Himmel und fingen die weißgrauen Nebelbausche auf; ächzend flog, pfeilgerade, eine Krähe auf; sie flog auf, schwebte eine Weile in den Nebelflocken und stürzte sich wieder hernieder zur Erde.
Ein Droschkenwagen durchkreuzte diesen Ort.
Ihm entgegen liefen zwei kleine, rötliche Häuschen, die, ein Einfahrtstor bildend, auf dem Platz vor dem Palast standen; links drohte heulend eine Baumgruppe; die gebogenen Gipfel der Stämme neigten sich, wie zum Überfall; die dünne Turmspitze blinkte oben aus den nebligen Flocken hervor.
Schwarz zeichnete sich eine Reiterstatue aus dem Nebelgrau des Platzes; die Reisenden, die Petersburg besuchen, schenken diesem Denkmal keine Aufmerksamkeit; ich selbst pflegte oft vor ihm zu stehen: ein herrliches Werk! Wie schade, daß ein armseliger Witzbold seinen Sockel, wie ich bei meinem jüngsten Hiersein bemerkte, mit Gold bestrichen hat.
Ein Selbstherrscher und Urenkel hatte dieses Denkmal seinem großen Urgroßvater errichtet; dieser Selbstherrscher war es gewesen, der das Schloß hier bewohnt hatte; in dieser rosaroten Steinburg hat er auch seine unglücklichen Tage beendet; er hat nicht lange hier gelitten; sein Leiden konnte nicht lange währen; zwischen starrsinniger Eitelkeit und edlen Wallungen wurde seine Seele zu Tode gezerrt; in Stücke zerrissen, entfloh die kindliche Seele ihrem Körper.
Wie oft mag das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken aus diesen Fenstern hinausgeblickt haben, vielleicht aus dem dort? Wie oft mochte hinter diesen Scheiben das stumpfnasige Gesicht mit den weißgepuderten Locken voller Sehnsucht seine Augen in die Ferne getaucht haben, in das rosige Verbleichen des Himmels, in das silberne Spiel des Mondlichts im dunklen Blättergewirr der Sträucher . . . Vor dem Tor stand die Schildwache mit breitkrempigem dreieckigem Hut auf dem Kopf, und salutierte mit dem Gewehr, wenn die Majestät mit goldbestickter Brust und dem Andrejewschen Band über der Schulter aus der Tür trat, um seinen aquarellbemalten Wagen zu besteigen, auf dessen hohem Bock ein flammenroter Kutscher saß, während auf den Trittbrettern zwei dicklippige Neger standen.
Alles mit flüchtigem Blicke streifend, setzte Kaiser Pawel Petrowitsch das sentimentale Gespräch mit dem in duftige Gazeschleier gehüllten Hoffräulein fort; das Hoffräulein lächelte und ihre Wangen zeigten zwei neckische Grübchen, und — ein schwarzes Schönheitspflästerchen . . .
In jener verhängnisvollen Nacht fiel silbernes Mondlicht durch die Scheibe auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett und vergoldete den am Rande sitzenden, kleinen schelmischen, funkensprühenden Amor; auf dem blassen Linnen zeichnete sich das wie mit Tusche leicht hingeworfene Profil ab; irgendwo schlug eine Turmuhr; irgendwo tönten Schritte . . . Es waren kaum drei Minuten vergangen und zerwühlt war das Bett; an der Stelle, wo das blasse Profil sich abgehoben hatte, sah man nur eine Vertiefung im Kissen; das Bettleinen war noch warm; der Schlafende war verschwunden; ein Häufchen weißgepuderter Offiziere mit blanken Säbeln stand über das Lager gebeugt; jemand suchte eine Seitentür von außen zu sprengen; man hörte eine weinende Frauenstimme; plötzlich hob ein Offizier mit rosigen Lippen den schweren Fenstervorhang; in dem durchsichtigen Silber hinter dem Fenster sah man — einen schwarzen, hageren, zitternden Schatten.
Der Mond fuhr fort sein leichtes Silber noch weiter in das Gemach zu streuen, auf die schweren Möbel des kaiserlichen Schlafgemachs; es fiel auf das Bett; es vergoldete die kleinen Amoretten an dem Kopfende; es fiel auch auf das todblasse, wie mit leichter Tusche hingeworfene Profil . . . Irgendwo schlug eine Turmuhr; Schritte tönten in der Ferne.
Gedankenlos betrachtete Nikolai Apollonowitsch diesen düsteren Platz und merkte nicht, daß das rasierte Gesicht des neben ihm sitzenden Leutnants sich ihm immer wieder zuwandte; der Blick, mit dem Leutnant Lichutin sein Opfer streifte, schien von Neugierde erfüllt; Lichutin rückte fortwährend auf seinem Platze hin und her; stieß seinen Nachbar in die Seite; allmählich erriet Nikolai Apollonowitsch, daß der Leutnant es nicht über sich bringen konnte, ihn zu berühren — wenn auch nur mit dem Ellbogen, und er rückte immer weiter fort und beschenkte den anderen mit Seitenpuffen.
In diesem Augenblick riß ein Windstoß Ableuchow den italienischen Hut vom Kopf und er war genötigt, ihn mit unwillkürlichen Bewegungen von den Knien seines Nachbars aufzufangen; er berührte dabei Lichutins kalte Finger und diese Finger zuckten zusammen und sprangen wie durch die Berührung von etwas Widerlichem zurück; der spitze Ellbogen machte eine rückwärtige Bewegung; als hätte der Leutnant Lichutin nicht die Haut seines guten Bekannten, ja seines Spielkameraden, berührt, sondern . . . ein Reptil . . . das man am liebsten . . . mit dem Fuß zerdrücken möchte . . .
Diese Bewegung war Ableuchow nicht entgangen; er sah seinerseits jetzt mit prüfendem Blick den Freund seiner Kindheit an, mit dem er einst auf du gewesen war; dieser Sserjosha, nämlich Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hatte sich seit ihrem letzten Zusammensein mindestens um acht Jahre verjüngt und hatte sich wieder in Sserjosha verwandelt; aber dieser Sserjosha horchte jetzt nicht mehr voll Spannung den gedanklichen Flügen Ableuchows, wie damals, vor — acht Jahren, als sie in den Holunderbüschen des alten großväterlichen Parks sich verborgen hielten; acht Jahre sind vergangen; diese acht Jahre haben alles verändert; die Holunderbüsche sind abgetragen worden und er . . . mit heimlicher Unterwürfigkeit sah er Ssergeij Ssergeijewitsch an.
Ableuchows Gesicht magerte plötzlich ab.
»Sie quittieren Ihren Dienst, Ssergeij Ssergeijewitsch?«
»Ha?«
». . . Ihren Dienst? . . .«
»Ja, wie Sie sehen . . .«
Ssergeij Ssergeijewitsch maß Ableuchow mit einem Blick, als sähe er ihn zum erstenmal; er sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an.
»Ich würde Ihnen raten, Ssergeij Ssergeijewitsch, den Mantelkragen hochzuheben: Ihr Hals ist erkältet und bei diesem Wetter . . . da ist es wirklich sehr leicht möglich . . .«
»Was meinen Sie?«
»Sie können sich leicht eine Halsentzündung zuziehen.«
»Ihrer Sache wegen« — brachte mit dumpfem Brummen Lichutin hervor.
— ?
»Es hat mit dem Hals nichts zu tun . . . Ich habe Ihrer Sache wegen den Dienst quittiert, das heißt, nicht einmal Ihrer Sache wegen, sondern Ihretwegen.«
»Aha, eine Anspielung!« wäre beinahe laut aus Ableuchow herausgekommen; aber er fing wieder einen Blick auf: so sieht man nicht die an, die man kennt; so sieht man höchstens ein überseeisches Wunder im Panoptikum an.
So sehen Passanten einen Elefanten an, den man zuweilen in vorgerückter Abendstunde auf dem Wege vom Bahnhof zum Zirkus antrifft. Sie heben die Augen, machen einen Ruck nach rückwärts und glauben ihren eigenen Augen nicht, zu Hause erzählen sie:
»Denkt euch, wir haben auf der Straße einen Elefanten gesehen.«
Aber alle lachen über sie.
Eine solche Neugierde sprach aus Lichutins Blicken; es war keine Empörung in ihnen, höchstens ein gewisser Ekel (wie von der Nähe einer Ringelnatter); kriechende Reptile rufen keine Empörung hervor, man möchte nur . . . sie mit dem Fuße . . . zertreten.
Nikolai Apollonowitsch dachte über Lichutins Worte nach: er quittiere seinetwegen den Dienst; ja, Leutnant Lichutin verliert die Möglichkeit, Offizier zu sein, nach dem, was bald zwischen ihnen geschehen sein wird; in der Wohnung wird wohl niemand sein; es wird da etwas geschehen, etwas . . . Hier wurde Ableuchow von ernster Angst gepackt; er rückte unruhig auf seinem Platze und — und plötzlich bohrten sich alle seine zehn Finger in den Arm des Offiziers.
»Ha! . . . Was meinen Sie . . . Warum wollen Sie? . . .«
Ein rosafarbiges Häuschen, von oben bis unten mit Stuck verziert, eilte an ihnen vorbei: dieses Rokokohäuschen war vielleicht einst die Wohnstätte des Hoffräuleins gewesen, des Hoffräuleins mit den schelmischen Grübchen in den Wangen und dem schwarzen Schönheitspflästerchen.
»Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich muß gestehen . . . Ach, ich bedaure so sehr . . . Mein Benehmen war sehr, sehr bedauerlich . . . Ich habe mich benommen, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . schmachvoll, betrübend . . . Aber ich habe — eine Rechtfertigung; ja, ich habe, habe eine Rechtfertigung. Als ein gebildeter humaner Mensch, als lichte Erscheinung, dürften Sie, Ssergeij Ssergeijewitsch, das begreifen können . . . Ich habe diese Nacht nicht geschlafen, ich will sagen: ich leide an Schlaflosigkeit . . . Die Ärzte fanden« (er erniedrigte sich nun zu einer Lüge) ». . . Ich meine, mein Zustand wird als sehr ernst betrachtet. Gehirnübermüdung mit Pseudohalluzinationen« (ihm fielen plötzlich Dudkins Worte ein) ». . . Was meinen Sie dazu?«
Ssergeij Ssergeijewitsch sagte nichts: ohne jede Empörung sah er ihn an; in seinem Blicke war nur Ekel (wie in der Nähe einer Ringelnatter); Reptile lösen ja keinen Zorn aus: sie . . . zertritt man nur mit dem Fuß . . .
»Pseudohalluzinationen . . .« wiederholte flehend Ableuchow, erschreckt, klein, ungelenk, und verkroch sich mit den Augen in die des anderen (diese Augen aber antworteten nicht); er wollte schon hier die Auseinandersetzung beenden, hier, in der Droschke und nicht dort in der Wohnung; das verhängnisvolle Hausportal ist schon so, so nahe; ist die Auseinandersetzung bis zur Erreichung des Portals nicht beendet — dann ist alles aus, alles, alles! A—us! Ein Mord geschieht, eine tätliche Beleidigung, oder es kommt zu einer einfachen Schlägerei.
»Ich . . . ich . . . ich . . .«
»Steigen Sie aus, wir sind schon da . . .«
Mit bleiernen, unbeweglichen Blicken sah Nikolai Apollonowitsch um sich, sah in die bläulichen Nebelflocken, sah auf die mit einem Glucksen niederfallenden Tropfen, auf die metallischen Blasen der Pfützen.
Leutnant Lichutin sprang aus der Droschke, warf dem Kutscher das Fahrgeld zu und blieb auf dem Trottoir in Erwartung des Senatorsöhnchens stehen, der, schwerfällig zaudernd, noch nicht ausgestiegen war.
»Warten Sie bitte, Ssergeij Ssergeijewitsch, ich hatte ja einen Stock . . . Wo ist er nur? Ach, sollte ich ihn . . . verloren haben?«
Er suchte wirklich nach seinem Stock; aber der Stock war rettungslos verschwunden; ganz blaß und beunruhigt drehte Nikolai Apollonowitsch die Augen nach allen Seiten.
»Nun, was ist?«
»Aber mein Stock . . .«
Ableuchows Kopf sank tief auf die Schultern; die Schultern wiegten sich auf und ab; der Mund zog sich auf eine Seite aus; mit bleiernem, unbeweglichem Blick sah Nikolai Apollonowitsch vor sich hin, in die bläulichen Nebelflocken, und rührte sich nicht vom Fleck.
Da begann Lichutin zornig und ungeduldig zu atmen; er faßte Ableuchow delikat, aber fest am Ärmel, und hob ihn vorsichtig wie einen Warenballen aus der Droschke.
Nikolai Apollonowitsch krallte sich mit allen zehn Fingern in Lichutins Arm: jetzt müssen sie über die dunkle Stiege gehen: wie, wenn die Hand des Offiziers eine unanständige Geste machen wird, der er im Dunkeln nicht ausweichen kann; die Handlung wird geschehen sein und dann — ist es — aus; das Geschlecht der Ableuchow ist für immer geschändet (sie wurden noch nie geschlagen).
Leutnant Lichutin (dieser Wüterich!) hat ihn so schon mit der freigebliebenen Hand am Saum des italienischen Überwurfs gepackt; Nikolai Apollonowitsch wurde ganz weiß.
»Ich gehe schon, ich gehe, Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«
Er stemmte sich unwillkürlich mit dem Schuhabsatz gegen den Rand der ersten Treppenstufe, aber er überlegte es sich sofort, um nicht lächerlich zu erscheinen.
Die Haustür schloß sich hinter ihnen.
Höllische Finsternis
Höllische Finsternis umfing sie in dem unbeleuchteten Stiegenhaus (wie im ersten Augenblick nach dem Tode); man hörte das Keuchen des Offiziers, und hinter ihm reihten sich wie Perlen einzeln gesprochene Worte.
»Ich . . . bin hier gestanden . . . hier . . . Ich bin nur so . . . gestanden . . .«
»So machen Sie es, Nikolai Apollonowitsch? So machen Sie es?«
»Ein vollständiger Nervenanfall . . . Krankhafte Vorstellungsassoziationen . . .«
»Assoziationen? . . . Warum kommen Sie nicht? . . . Wie sagten Sie — Assoziationen?«
»Der Arzt sagte . . . Warum ziehen Sie mich am Arm? Ich kann doch selbst gehen . . .«
»Sie brauchen aber auch nicht meinen Arm zu packen . . . Bitte, lassen Sie mich los . . .«
»Aber es fällt mir ja gar nicht ein . . .«
»Der Arzt sagte — der Arzt sagte: eine ganz selten vorkommende . . . Gehirnzerrüttung; der Domino und alles andere: nur Gehirnzerrüttung . . .«
Plötzlich ertönte von oben eine gut genährte, laute Stimme:
»Guten Abend!«
Jemand stand vor der Wohnungstür der Lichutins.
»Wer ist da?«
Unzufrieden klang Lichutins Stimme in der Finsternis.
»Wer ist da?« fragte auch Ableuchow sehr erleichtert; die ihn festhaltende Hand löste sich von ihm, und zu seiner großen Freude hörte er jemand ein Streichholz reiben.
Die fremde, gut genährte Stimme fuhr laut fort:
»Ich stehe da schon eine ganze Weile . . . Habe ein paarmal geläutet — es macht niemand auf. Und plötzlich bekannte Stimmen.«
Die Streichholzflamme beleuchtete eine weißgepflegte Hand, die einen Bund wundervoller Chrysanthemen hielt; hinter ihnen zeichnete sich die stattliche Figur Werhefdens.
»Wie? Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?«
»Sie sind bartlos?«
»Sie sind in Zivil? . . .«
Er tat, als bemerkte er erst jetzt Ableuchow (unsererseits sagen wir aber, daß er Ableuchow schon im ersten Augenblick gesehen hatte), rieb ein neues Streichholz und maß ihn mit den Blicken, wobei er die Brauen hochhob.
»Auch Nikolai Apollonowitsch? . . . Wie geht es Ihnen, Nikolai Apollonowitsch? Nach dem gestrigen Abend dachte ich . . . Sie hatten sich nicht wohl gefühlt? . . . Sie sind etwas stürmisch aus dem Ballsaal verschwunden . . . Seit dem gestrigen Abend . . .«
Wieder flammte ein Streichholz auf; zwei spöttische Augen blickten hinter den Chrysanthemen hervor: Werhefden wußte, daß das Lichutinsche Haus vor Ableuchow geschlossen war; als er bemerkt hatte, daß dieser jetzt, offensichtlich gegen seinen eigenen Willen, hierher geschleift wurde, hielt er es als gut erzogener Mensch für seine Pflicht, sich zu entfernen.
»Ich störe doch nicht? . . . Ich muß nämlich gleich gehen . . . Wir haben unglaublich viel zu tun . . . Ihr Herr Vater, Apollon Apollonowitsch, erwartet mich . . . Ein Generalstreik scheint in Vorbereitung zu sein, da gibt’s nun viel Arbeit für uns . . .«
Ehe ihm geantwortet werden konnte, ging die Tür eilig auf; eine weiße, steife Haube mit einem Schmetterling obenauf erschien in der Öffnung.
»Marwruscha, ich komme nicht zu Besuch . . .«
»Bitte den Herrn, einzutreten: die gnädige Frau ist zu Hause.«
»Ach nein, Marwruscha, übergeben Sie nur bitte diese Blumen der gnädigen Frau von mir . . . Das ist eine frühere Schuld« — wandte er sich mit einem Lächeln an Lichutin und zuckte mit den Achseln, wie der Mann einem anderen zulächelt und mit den Achseln zuckt, nachdem sie gemeinsam einen Abend in Gesellschaft mit Damen zugebracht hatten . . .
»Ich bin sie Sofja Petrowna schuldig geblieben für die vielen verunglückten Witze . . .«
Und wieder lächelte er; dann erinnerte er sich:
»Also, auf Wiedersehen, lieber Freund. Adieu, Nikolai Apollonowitsch: Sie sehen übermüdet aus, nervös . . .«
Wie Schrotkugeln rollten seine Schritte die Treppe hinunter; von unten klang noch herauf:
»Sie sollten nicht so viel mit ihren Büchern . . .«
Nikolai Apollonowitsch wollte beinahe hinunterrufen:
»Ich komme mit, Hermann Hermanowitsch; ich muß auch schon gehen, haben wir nicht denselben Weg? . . .«
Aber die Schritte verstummten — und bum! fiel das Haustor ins Schloß.
Da fühlte sich Nikolai Apollonowitsch wieder ganz verlassen; und wieder wurde er festgehalten, jetzt nun endgültig, vor Marwruscha. In seinem Gesicht malte sich Grauen, während das von Marwruscha deutliche Spuren von Erstaunen und Angst zeigte; dagegen drückten die Gesichtszüge des Offiziers unverhehlte, geradezu satanische Freude aus; mit Schweiß überdeckt zog er sein Taschentuch hervor, während er mit der freien Hand den widerstrebenden Studenten gegen die Tür schob.
So geschmeidig sich auch die Figur Nikolai Ableuchows im Ausweichen zeigte — er wurde endlich doch in die offene Tür geschoben.
»Bitte einzutreten . . .«
Er war also doch da; aber im Vorzimmer erblickte er bekannte Gegenstände, die eichenimittierte Wandverkleidung mit dem Spiegel in der Mitte; und mit dem letzten Rest von Würde meinte er:
»Ich halte mich nur einen Augenblick auf.«
Beinahe hätte er seinen Überwurf nach alter Gewohnheit Marwruscha zugeworfen. Uff — diese Hitze und das Parfüm. Da vergeht einem das Denken.
Doch trat Ssergeij Ssergeijewitsch dazwischen und zischte Marwruscha leise zu:
»Gehen Sie in die Küche . . .«
Und ohne die Höflichkeitsformen zu beachten, die er als Wirt des Hauses seinem Besuch schuldete, schob er ganz unzart den breitkrempigen Hut und den fliegenden Überwurf zusammen mit Nikolai Apollonowitsch in das Zimmer, in dem die Fuji-Jamas an den Wänden hingen.
Nikolai Apollonowitsch erblickte flüchtig das rosa Kimono: es verschwand eilig im Nebenzimmer, und die Tür schloß sich hinter ihm.
In seiner ungewollt raschen Fahrt durchs Zimmer merkte Ableuchow die hier vorgegangenen Veränderungen nicht: weder die Spuren des abgefallenen, nur notdürftig weggeschafften Schutts noch das klaffende Loch in der Zimmerdecke. Als er aber seinen ängstlich fletschenden Mund in die Richtung seines Henkers wandte, da erblickte er . . .
Die Tür zu Sofja Petrownas Zimmer ging ein wenig auf, und im Spalt zeigte sich ein Kopf: Nikolai Apollonowitsch sah nur — zwei Augen; voll Grauen sahen ihn diese Augen aus einer schwarzen Haarflut an.
Aber kaum hatte er ihnen seinen Blick zugewandt, da sahen sie weg, und es ertönte der Ruf:
»Ach, ach!«
Sofja Petrowna sah: ihr Gatte, der Offizier, mit schweißbedecktem Gesicht, bemühte sich krampfhaft, den Überwurf des Nikolai Apollonowitsch festzuhalten, während dieser ebenfalls mit vor Schweiß feuchter Stirn sich zu entwinden suchte. Seine Stiefelabsätze stemmten sich gegen den Teppich, rutschten aus, und der Teppich zog sich in große Falten zusammen.
Hier hatte Ableuchow Sofja Petrowna erblickt; weinerlich rief er ihr zu:
»Bitte, Sofja Petrowna, lassen Sie uns allein; was wir Männer miteinander . . .«
Da löste sich sein Überwurf von ihm und flog wie ein phantastischer Vogel auf das Sofa.
Seine Absätze glitschten auf dem Teppich aus, und einen Augenblick verlor er das Gleichgewicht; balancierend suchte er irgendeinen festen Punkt zu erhaschen; dieser feste Punkt erwies sich aber als die nichtgeschlossene Tür zu Lichutins Zimmer; die Tür öffnete sich und wie ein Stein fiel Ableuchow nieder: das Unbekannte verschlang ihn.
Der Privatmann
Endlich erhob sich Apollon Apollonowitsch.
Er blickte seltsam unruhig um sich; er riß sich von dem Stoß übereinander gehäufter Papiere los: von den Notabenen, Paragraphen, Frage- und Ausrufezeichen; kalt bebte und hüpfte die Hand mit dem Bleistift — über dem vergilbten Blatt auf dem Perlmuttertischchen; der Stirnknochen wölbte sich in gewaltsamer Anstrengung: es hieß zu begreifen, um jeden Preis zu begreifen.
Und er — begriff.
Der lackierte Wagen mit dem Wappen wird nicht mehr an die alte, steinerne Karyatide heransausen; nichts wird sich dort, hinter der Glastür, ihm entgegen, erheben: weder die achtzigjährige Schulter, noch der Dreimaster und der kupferköpfige Stab; aus den Ruinen wird nicht Port Arthur entstehen; aber erheben wird sich China; horch! — tönt nicht ein Stampfen aus der Ferne? Das sind — die Reiter des Tschingis-Khan.
Apollon Apollonowitsch horchte auf: aus der Ferne kommt das Stampfen; nein, es ist kein Stampfen: Ssemjonytsch schreitet durch die kalt glitzernde Pracht der Zimmer; herein kommt er, sieht sich um und geht weiter.
Die Schritte des alten Ssemjonytsch verklangen.
Apollon Apollonowitsch liebte seine große Wohnung nicht, mit der ewigen Perspektive der Newa: eine grünliche Schar zogen dort die Wolken dahin: zuweilen verdichteten sie sich zu gelblichem Rauch, der sich dann auf die Ufer legte; die dunkle Wassertiefe schlug mit dem Stahl ihrer Schuppen an den Granit; Apollon Apollonowitsch sah sich um: diese Wände! Hier wird er sitzenbleiben, für lange Zeiten, mit der Perspektive auf die Newa. Das ist sein Familienherd; der öffentliche Dienst ist beendet.
Was ist dabei?
Wände — Schnee und nicht Wände! Ja, gewiß, sie sind etwas kalt . . . Was ist dabei? Familienleben — schon gut: Familienleben; d. h.: ja gewiß: Nikolai Apollonowitsch ist ein schrecklicher — ja, sozusagen ein schrecklicher . . . und dann: Anna Petrowna, die auf ihre alten Tage . . . weiß Gott wozu, sich gewandelt hat!
Mm — mmä . . .
Apollon Apollonowitsch drückte fest den Kopf mit den Händen; seine Blicke starrten in die prasselnde Glut des Kamins: müßige Spiele des Gehirns!
Sie liefen weiter — die Gedanken, liefen über, die Grenze des Bewußtseins hinaus: dort türmten sie sich zu einem Berg chaotischer Bilder; Nikolai Apollonowitsch tauchte dort auf — klein gewachsen, mit forschend blauen Blicken und einem Knäuel mannigfachster (das muß man schon zugeben) geistiger Interessen, bis zum Äußersten verworrener.
Und es tauchte ein Mädchen auf (seitdem sind schon — dreißig Jahre verflossen); eine Schar Anbeter; unter ihnen ein in besten Jahren stehender Herr, Apollon Apollonowitsch Ableuchow, bereits ein höherer Beamter und ein hoffnungslos Verliebter.
Und — die erste Nacht; das Grauen in den Augen der mit ihm allein gebliebenen Gefährtin — der Ausdruck des Ekels, der Verachtung, verborgen unter dem ergebenen Lächeln der Duldenden; in jener Nacht hatte Apollon Apollonowitsch Ableuchow, ein bereits hochgestellter Beamter, einen verbrecherischen, formell erlaubten Akt begangen: er hatte ein Mädchen vergewaltigt; diese Vergewaltigungsakte geschahen Jahre hindurch; und in einer solchen Nacht wurde Nikolai Apollonowitsch gezeugt — zwischen zwei verschiedenen Lächeln: zwischen dem Lächeln der Wollust und dem der Ergebenheit; ist es verwunderlich, daß Nikolai Apollonowitsch dann die Mischung aus Verachtung, Angst und Wollust in sich verkörperte? Sie hätten sogleich beide an die Aufgabe gehen sollen: das von ihnen gezeugte Grauen zu erziehen, das Grauen zu vermenschlichen.
Sie aber fachten es noch mehr an.
Und nachdem sie selbst dieses Grauen bis zum Äußersten trieben, flüchteten sie sich alle selbst vor dem Grauen: Apollon Apollonowitsch in die hohe Verwaltung, in der die Schicksale Rußlands bestimmt wurden; Anna Petrowna — zur Befriedigung ihrer erwachten Geschlechtstriebe zu Mantalini (dem italienischen Sänger); Nikolai Apollonowitsch in die Philosophie; und von dort in die Versammlungen von Abiturienten nicht existierender Hochschulen. Ihr heimischer Herd verwandelte sich in eine Stätte der Verwüstung.
An diese Stätte wird er jetzt nun wieder zurückkehren; statt Anna Petrowna wird ihm nur die geschlossene Tür zu ihren Appartements entgegensehen, falls sie nicht die Lust verspüren wird, in seine Verwüstung zurückzukehren; die Schlüssel zu diesen Appartements hat er bei sich (zweimal war er in diesen Teil des kalten Hauses getreten, um dort ein Weilchen zu sitzen; beide Male hatte er Schnupfen davongetragen).
Statt des Sohnes aber wird er ein Auge erblicken — ein zwinkerndes, ausweichendes Auge — groß, leer und kalt, von kornblumenblauer Farbe; ein halb diebisches, halb grenzenlos erschrockenes; in diesem Auge wird sich das Grauen verbergen — jenes Grauen, das sich in den Augen der Neuvermählten gemalt hatte, in jener Nacht, da Apollon Apollonowitsch Ableuchow, der hohe Beamte, zum erstenmal . . .
Wenn er sich nicht mehr im Staatsdienst befinden wird, können auch die anderen Paradezimmer geschlossen werden; nur der Korridor wird offenbleiben mit den anschließenden Räumen für ihn und den Sohn: sein ganzes Leben wird sich auf den Korridor beschränken; seine Pantoffel werden dort schlürfen; und dann wird es noch geben: Zeitunglesen, das Verrichten körperlicher Notdürfte, das unvergleichliche Örtchen und die Fertigstellung der Lebensmemoiren.
Ja, ja, ja!
Und die Tür, die zum Zimmer des Sohnes führt — davor wird er stehenbleiben und — durchs Schlüsselloch hineingucken, dann aber, bei jedem verdächtigen Geräusch — zurückspringen; oder nein, er wird an einer passenden Stelle ein Loch durch die Wand bohren, und — seine Mühe wird belohnt werden: das Zimmertreiben seines Sohnes wird vor seinen Blicken offenliegen wie der Mechanismus einer aus dem Gehäuse entfernten Uhr. Von diesem Beobachtungspunkt aus wird er andere als staatliche Interessen verfolgen können.
Und doch wird alles nur sein:
»Guten Morgen, Vater!«
»Guten Morgen, Kolenka!«
Und jeder wird dann in sein eigenes Zimmer gehen.
Dann — dann: der Schlüssel wurde umgedreht; er schleicht sich zu der Stelle an der Wand, wo sie durchbohrt ist, um zu sehen; horchen, zuweilen zittern, zusammenfahren in Erwartung des sich ihm eröffnenden Geheimnisses; in welcher Weise wird sich die Vertraulichkeit zwischen Nikolai und jenem, mit dem Schnurrbärtchen, äußern; in der Nacht wird er dann, die Decke von sich werfend und den schweißbedeckten Kopf vorstreckend, über das Gehörte grübeln, wird Oblaten zu sich nehmen, um die schmerzhaften Schläge des Herzens zu beschwichtigen, und wird zum unvergleichlichen Örtchen rennen: mit den Pantoffeln durch den Korridor schlürfen . . . bis ein neuer Morgen graut.
»Guten Morgen, Vater!«
»Guten Morgen, Kolenka!«
Das ist das Leben eines Privatmannes.
Ein unüberwindlicher Drang trieb ihn, in das Zimmer des Sohnes zu treten; schüchtern knarrte die Tür: er war im Empfangszimmer; er blieb an der Schwelle stehen; ganz klein, greisenhaft; er zupfte an den himbeerroten Schnüren seines Morgenrockes und betrachtete das Durcheinander, das hier herrschte: den Vogelkäfig mit den Papageien, das arabische Taburett mit Inkrustation aus Elfenbein und Kupfer; dann die Geschmacklosigkeit: den roten Domino, dessen üppige Falten wie Feuergarben oder fließende Hirschgeweihe vom Taburett herunterquollen, direkt zum Leoparden hinunter, der auf dem Boden mit fletschendem Maul ausgestreckt lag; Apollon Apollonowitsch stand eine Weile, kaute mit dem leeren Mund, kratzte sich das wie mit Reif bedeckte Kinn und wandte sich voll Abscheu ab (er kannte ja die Geschichte mit der Maske).
Apollon Apollonowitsch schien es, als wenn es hier schwül wäre; statt mit Luft war die Atmosphäre hier mit Blei angefüllt; als wären hier furchtbare, unerträgliche Gedanken gedacht worden . . . Ein unangenehmes Zimmer! Und eine unangenehme Atmosphäre! . . .
Da — ein leidvoll lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen, wie eine lichte Aureole die Haare: in eng anliegender Studentenuniform mit sehr schmaler Taille, weiße Glacéhandschuhe in der Hand, frisch rasiert (vielleicht parfümiert), den Säbel an der Seite, stand sein Sohn Nikolai Apollonowitsch im Rahmen und litt: Apollon Apollonowitsch betrachtete einen Augenblick lang aufmerksam das Porträt, das im vergangenen Frühjahr gemalt worden war, und schritt in das Nebenzimmer.
Der nicht abgesperrte Schreibtisch zog die Aufmerksamkeit des Senators auf sich: eine der Schubladen war etwas vorgeschoben; eine instinktive Neugierde überkam Apollon Apollonowitsch, den Inhalt dieser Lade näher zu untersuchen; mit raschen Schritten näherte er sich dem Schreibtisch und griff nach einer darauf liegenden großen Photographie, die eine brünette Dame darstellte . . .
Mechanisch drehte er das Bild in der Hand, ohne es eigentlich zu sehen; denn seine Gedanken waren weit weg und bewegten sich in der Richtung der Betrachtungen über seine zurückgelegte eigene Laufbahn und die, die manche andere (die vulgär Karrieristen genannt zu werden pflegen) noch vor sich haben . . . Ihn aber möchte man . . .
Was — möchte man ihn?
Durch die Gedanken abgelenkt, merkte er es gar nicht, daß er nicht mehr das Porträt in der Hand hielt, sondern einen ihm unbekannten schweren Gegenstand, den er mechanisch aus der offenen Schublade herausgezogen hatte; ein tönender Laut kam aus diesem Innern: am allerwenigsten dachte der Senator dabei an einen Abgrund (wir trinken ja oft genug vor einem offenen Abgrund Kaffee mit Sahne); er betrachtete den viereckigen Gegenstand mit den abgerundeten Kanten mit der größten Aufmerksamkeit und horchte auf das Ticken der Uhr in seinem Innern: ein Uhrmechanismus — in einer schweren Sardinenbüchse . . . In der Tat . . .
Der Gegenstand gefiel ihm nicht . . .
Er trug den Gegenstand, um ihn eingehender zu untersuchen, über den Korridor in den Salon. Mit seinem über den Gegenstand geneigten Kopf erinnerte er an ein Häufchen grauer Mäuse; seine Gedanken waren noch immer mit jenem Typus der Staatsmänner beschäftigt, wie er ihn gerade heute vor sich gehabt hatte; die Leute von diesem Typus pflegen, um jede Verantwortung von sich zu wälzen, zu den ödesten Phrasen Zuflucht zu nehmen; wie zum Beispiel: »Es ist bekannt, daß . . .«, während keinesfalls etwas bekannt ist; oder: »Die Wissenschaft sagt uns . . .«, während die Wissenschaft uns nichts sagt.
Apollon Apollonowitsch lief mit dem Gegenstand bis zu der Stelle des Salons, wo das mit Inkrustation verzierte Tischchen stand und hochmütig-steif sich eine langbeinige Bronze in die Höhe streckte; er legte den schweren Gegenstand auf ein kleines chinesisches Lacktablett, sein kahler Kopf war nach unten gebeugt; über ihm aber breitete sich der Lampenschirm aus blaßviolettem, fein bemaltem Glas.
Doch das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und abgedunkelt war auch die seine Malerei.
Die verunglückte Auseinandersetzung
Trotz des Schmerzes, den ihm das Fallen verursachte, erhob sich Nikolai Apollonowitsch sofort vom Parkettboden des Lichutinschen Arbeitszimmers und sah sich ängstlich nach einem Verteidigungspunkt um; diesen entdeckte er in einem schweren eichenen Lehnstuhl, der vor dem Schreibtisch stand, und hinter diesen flüchtete er; er sah komisch genug aus mit dem bebenden Kinn, den deutlich zitternden Fingern, von dem einzigen, instinktiven Streben erfüllt — noch rechtzeitig das Ziel zu erreichen: sich an den Lehnstuhl zu klammern. Hier würde er dem herannahenden Feinde ausweichen können; nach links, nach rechts, je nachdem von welcher Seite der Angriff nahen würde.
Oder: er könnte den Lehnstuhl als Waffe benützen; den Feind durch einen Stoß mit den Stuhlbeinen zu Boden werfen und, ehe dieser sich aufrichtet, das Fenster erreichen . . .
Schwer atmend und hinkend gelangte er an den Lehnstuhl.
Doch kaum hatte er ihn erfaßt, als er auf seinem Halse den sengenden Atem des Offiziers verspürte; er drehte sich um und erblickte ein verzerrtes Gesicht sowie eine gehobene Hand, deren fünf Finger auf seine Schulter niederzufallen bereit waren; das vor Wut gerötete Gesicht des Rächers starrte ihn mit versteinertem Blick an; niemand hätte in dieser Physiognomie das harmlose Gesicht des Offiziers wiedererkannt, der ehedem gleichmütig ein Zwanzigkopekenstück nach dem anderen als Strafe für dumme Witze an die Kasse seiner Gattin zahlte. Es war nicht eine Hand mit fünf Fingern, sondern eine Tatze, die die Schulter zermalmen müßte, wenn sie auf diese niederhieb. Behende sprang Ableuchow über den Lehnstuhl hinüber.
Die fünffingerige Tatze fiel auf den Lehnstuhl.
Ein Krachen ertönte; der Lehnstuhl stürzte um; eine unmenschliche, gellende Stimme drang an Ableuchows Ohr:
». . . denn da wird eine Menschenseele vernichtet!«
Eine ungelenke Gestalt jagte hinter der kleinen davoneilenden Figur her; aus dem geöffneten speichelnden Mund kamen heisere, gurgelnde Laute, wie ein dünnes Krähen, stimmlos und rot:
»Ich habe mich eingemengt . . . weil . . . verstehen Sie? . . . Diese ganze Sache . . . Diese Sache . . . das ist . . . Verstehen Sie es? . . . Das ist so etwas . . . Mich geht es persönlich nichts an . . . Ich bin ein Unbeteiligter . . . Aber — verstehen Sie? . . .«
Der irrsinnig gewordene Offizier hob über seinem Opfer die nervös zitternden Fäuste, und während es eine klatschende Ohrfeige erwartete, fuchtelte er mit ihnen in der Luft; der zu einem Häufchen Muskeln zusammengeschrumpfte Ableuchow wand und krümmte sich; aus seinem feige fletschenden Munde kamen stoßweise Worte:
»Ich verstehe es . . . Ich verstehe schon, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Beruhigen Sie sich, aber . . . Ich bitte Sie, nicht so laut . . .«
Er glitt in die Ecke und kauerte dort von Schweiß übergossen nieder.
Am liebsten hätte er die Augen geschlossen und sich die Ohren zugestopft, um ja nicht das halbwahnsinnige, rote Gesicht zu sehen und die krähende, tonlose Stimme hören zu müssen:
»Aah . . . Eine solche Sache . . . da muß jeder anständige Mensch . . . aah . . . jeder anständige Mensch . . . muß da eingreifen . . . ohne auf seine Stellung . . . ohne auf die Etikette zu achten . . .«
Nikolai Apollonowitsch dachte:
»Soll ich jemand zu Hilfe rufen?
Aber wen? Nein, es ist zu spät: noch ein Augenblick, und alles wird zu Ende sein!«
Er öffnete die Augen — und erblickte über sich (er kauerte ja noch immer am Boden) zwei weit auseinander gespreizte Beine; ohne sich lange zu besinnen, entschloß er sich: mit fletschendem, gleichsam lachendem Mund, mit flachsweiß wehenden Haaren schwang er sich zwischen den zwei Beinen hindurch und rannte wie ein Pfeil zur Tür; doch . . . fünf Finger erfaßten ihn schmachvoll beim Schoß seines Rockes; sie klammerten sich fest und — knackend riß der kostbare Stoff entzwei.
»Bleiben Sie doch . . . bleiben Sie doch . . . Ich . . . ich . . . ich . . . töte Sie doch nicht . . . Bleiben Sie doch . . . Es drohen Ihnen keine Gewalttätigkeiten . . .?«
Durch einen groben Stoß wurde Nikolai Apollonowitsch wieder in die Ecke geschoben, so daß er mit dem Rücken an die Wand anschlug; dort in der Ecke blieb er stehen, schwer atmend, fast weinend über die Garstigkeit der Szene; er begriff nun: es war nicht Lichutin, der von ihm beleidigte Offizier, der hier tobte, ja nicht einmal ein von Rachegefühlen gepeitschter Feind, sondern ein Geistesgestörter, mit dem man nicht reden kann; noch hatte sich der Irrsinnige, der ja als solcher kolossale Muskelkraft besitzt, nicht über ihn gestürzt; aber er wird es gleich tun, sicherlich.
Der Irrsinnige aber wandte sich um; ging auf den Fußspitzen zur Tür, und knacks — wurde der Schlüssel umgedreht; jenseits der Tür hörte man unruhige Laute, als weine jemand. Dann war alles still. Ein Rückzug war nicht mehr möglich; außer durchs Fenster.
Schwer atmeten zwei im abgesperrten Zimmer: ein Vatermörder und ein Halbwahnsinniger.
Das Zimmer mit dem abgefallenen Stuck an der Decke war leer; vor der Tür zum Zimmer des Hausherrn lag ein breiträndiger weicher Hut, von der Chaiselongue hing ein Stück des phantastischen Überwurfes herunter; als aber aus dem Arbeitszimmer des Gatten ein Laut wie vom Aufschlagen mit etwas Schwerem ertönte, öffnete sich die Tür aus Sofja Petrownas Zimmer, und Sofja Petrowna in Hauspantöffelchen, die Haare wie eine schwarze Kaskade über den Rücken gleiten lassend, trat hervor, ihr schmales Stirnchen war sichtlich in Falten gelegt.
Sie näherte sich ganz leise der Tür, kauerte nieder und sah durch das Schlüsselloch; sie sah: zwei Paar Beine, die sich gegen die Zimmerecke wälzten; dann sah sie die Beine nicht mehr, wohl aber vernahm sie eine aus der Ecke kommende, seltsam gurgelnde, krähende, rollend-flüsternde Stimme; und wieder zeigten sich zwei Beine, die sich gegen die Tür bewegten, dann drehte sich, direkt vor Sofja Petrownas Augen, der Schlüssel um.
Sofja Petrowna begann zu weinen und sprang von der Tür fort; da erblickte sie eine weiße Schürze und eine Schmetterlingshaube: es war Marwruscha, die hinter ihrem Rücken stehend sich das schneeweiße Schürzchen vor das Gesicht hielt und — weinte:
»Was geht denn dort vor? . . . Liebe, gnädige Frau . . .«
»Ich weiß nicht . . . Ich weiß gar nichts . . . Was ist das nur? Was machen sie dort, Marwruscha?«
Der Halbwahnsinnige fuhr fort mit den Händen in der Luft herumzufuchteln; er flüsterte ununterbrochen etwas und schritt in Diagonalrichtung durch das schwüle Zimmerchen, von einer Ecke zur anderen. Nikolai Apollonowitsch, noch immer an der Wand in der Ecke stehend, beobachtete seinen wahnsinnigen Feind, der ja jeden Augenblick zu einem wilden Tier werden konnte.
Jedesmal wenn die Hand oder der Ellbogen des Wahnsinnigen eine scharfe Kurve machte, fuhr der an der Wand Stehende zusammen. Aber der besessene Offizier verfolgte ihn nicht mehr, er ließ sich in den Lehnstuhl nieder und kehrte seinem Opfer den Rücken zu; seine Ellbogen auf die Knie stützend, den Rücken gekrümmt, den Kopf tief in den Schultern vergraben, seufzte er und versank in tiefe Nachdenklichkeit.
Auf einmal stöhnte er:
»Allmächtiger Gott!«
Und wieder ein Stöhnen:
»Steh uns bei und beschütze uns!«
Nikolai Apollonowitsch benutzte dieses stille Delirium.
Er schob sich ein wenig vor und streckte sich; der Offizier wandte sich nicht um: der Paroxismus schien den Höhepunkt überschritten zu haben und war jetzt im Abnehmen; lautlos humpelte nun Nikolai Apollonowitsch zum Schreibtisch; er sah komisch genug aus in elegantem Gehrock mit abgerissenem Schoßteil, mit glänzenden Gummischuhen an den Füßen und herunterbaumelndem Kragenschal um den Hals.
Er erreichte den Schreibtisch: hier blieb er einen Augenblick stehen und horchte auf den Atem und das murmelnde Beten des Geisteskranken; dann streckte er vorsichtig den Arm und suchte den Briefbeschwerer zu ergreifen; wie fatal: über dem Briefbeschwerer lag ein ganzer Stoß mit Briefbogen.
Wenn sein Ärmel nur diese nicht streifte!
Aber tückischerweise hat der Ärmel doch das Papier gestreift; die Papierbogen fuhren auseinander und knisterten verräterisch; das riß den Leutnant aus seiner Nachdenklichkeit; sein Kopf wandte sich und erblickte Nikolai Apollonowitsch mit vorgestrecktem Arm, den Briefbeschwerer in der Hand; Nikolai Apollonowitsch blieb das Herz stehen; er sprang vom Tisch zurück und drückte den Briefbeschwerer fest in der Hand — für alle Fälle.
In zwei Sprüngen war Ssergeij Ssergeijewitsch neben Ableuchow, ließ seine Hand auf dessen Schulter fallen: »So — nun geht es wieder an.«
»Ich muß Sie um Verzeihung bitten . . . Ich war etwas aufgeregt: entschuldigen Sie . . .«
»Beruhigen Sie sich . . .«
»Die Sache war aber zu ungewöhnlich . . . Aber um Gottes willen, fürchten Sie sich doch nicht . . . Warum zittern Sie? . . . Mir scheint, ich flöße Ihnen Angst ein . . . Ich . . . ich . . . habe Ihnen den Rockschoß abgerissen: das . . . geschah ohne meinen Willen . . . weil Sie, Nikolai Apollonowitsch, sich vor der Unterredung drücken wollten . . . Begreifen Sie doch, daß Sie mir in der Sache eine Erklärung schuldig sind . . .«
»Aber ich bin ja bereit«, empörte sich Nikolai Apollonowitsch. »Über den Domino sagte ich Ihnen schon auf der Treppe; ich wollte Ihnen gern alles erklären, aber Sie ließen mich nicht dazu kommen . . .«
»Hmm . . . ja, ja . . .«
»Glauben Sie mir: die Geschichte mit dem Domino liegt nur an der Übermüdung meiner Nerven; ich habe das Ihnen gegebene Versprechen nicht überschritten: es war nicht mein freier Wille, daß ich plötzlich im Stiegenhaus erschien, es war . . .«
»Also wegen des Rockes entschuldigen Sie«, unterbrach ihn Lichutin wieder und zeigte hiermit aufs neue, daß er einfach ein unzurechnungsfähiger Mensch war . . . »Der Rockschoß wird Ihnen angenäht; ich mache es, wenn Sie wollen, selbst: ich habe eine Nadel und Zwirn . . .«
»Das fehlte noch!« Ableuchow sah forschend den Offizier an: der Paroxysmus schien doch wirklich vorüber zu sein.
»Aber das, Ssergeij Ssergeijewitsch, ist eigentlich . . . Das ist eine Lappalie . . .«
»Ja, ja: das ist weiter nichts . . .«
»Was unser Thema betrifft: daß ich mich im Stiegenhaus einfand . . .«
»Aber es handelt sich doch gar nicht um das Stehen im Stiegenhaus!« wehrte geärgert der Offizier ab und begann aufs neue, in Diagonalrichtung durch das kleine Zimmer zu schreiten.
»Na, ich meine: was Sofja Petrowna betrifft . . .« Mutiger geworden trat Ableuchow ein wenig aus der Ecke vor.
»Es handelt sich nicht um . . . nicht um . . . Sofja Petrowna,« schrie ihn der Offizier an, »Sie haben mich vollständig mißverstanden!«
»Aber um was denn?«
»Das ist ja alles — nichts . . . Das heißt — nichts im Vergleich zu der Sache, um die es geht . . .«
»Was meinen Sie damit?«
»Die Sache ist« — der Offizier blieb vor Ableuchow stehen und saugte sich mit seinen blutangelaufenen Augen an die erschrockenen Augen seines Partners fest . . . »die Sache ist, daß Sie nun eingesperrt sind . . .«
»Aber . . . warum bin ich eingesperrt?« Die Hand griff den Briefbeschwerer fester . . .
»Warum ich Sie eingesperrt habe? Warum ich Sie sozusagen mit Gewalt hierher gelockt habe? . . . Ha, ha, ha: Das steht in gar keiner Beziehung zum Domino oder zu Sofja Petrowna . . .«
Durch Ableuchows Kopf ging es: »Er ist total verrückt; er hat alle Zusammenhänge verloren, er folgt nur krankhaften Assoziationen: er hat, wie es scheint, doch vor, mich . . .«
Als hätte Ssergeij Ssergeijewitsch seine Gedanken erraten, beeilte er sich, ihn zu beruhigen, aber das klang eher wie Hohn oder boshafter Spott:
»Ich wiederhole: Sie sind hier in vollständiger Sicherheit. . . Nur der Rock . . .«
»Der verhöhnt mich!« dachte Nikolai Apollonowitsch, und ein ebenfalls wahnsinniger Gedanke flog durch sein Hirn: dem Offizier einen Hieb mit dem Briefbeschwerer auf den Kopf zu versetzen; dem so Betäubten die Hände zu binden und sich in dieser Weise das Leben zu retten, das er schon deswegen braucht, weil . . . ja . . . weil ja . . . die Bombe . . . im Schreibtisch noch immer . . . tickte . . . tickte . . .
»Also Sie werden von hier nicht weggehen . . . Ich aber werde mit einem Brief von Ihnen, den ich diktiere — mit Ihrer Unterschrift . . . Ich werde dann in Ihre Wohnung gehen und in Ihrem Zimmer nachsehen . . . Zwar war ich heute schon dort, habe aber nichts gefunden . . . Ich werde alles durchsuchen, und wenn ich nichts finde, dann warne ich Ihren Vater . . . denn« — er rieb sich die Stirn — »es handelt sich nicht um Ihren Vater; es handelt sich um Sie: ja, ja, ja — es handelt sich einzig und allein um Sie, Nikolai Apollonowitsch!«
Er bohrte sich mit dem knochigen Finger in die Brust und stand, eine Augenbraue hochgezogen (nur eine Braue hochgezogen) da.
»Das wird nicht geschehen, Nikolai Apollonowitsch! Das wird nie und nimmer geschehen!«
Und in dem glattrasierten, roten Gesicht spiegelte sich:
— ?
— — ?
Nein, der ist total verrückt!
Sonderbarerweise wurde aber Nikolai Apollonowitsch von diesem Wahnsinnsdelirium in Spannung versetzt; er horchte auf: Ist es auch wirklich Delirium? Es scheinen eher, Anspielungen zu sein, unzusammenhängend ausgesprochene Anspielungen aus etwas; doch — worauf? Am Ende — auf . . . auf . . . auf?
Ja, ja, ja . . .
»Aber Ssergeij Ssergeijewitsch, wovon reden Sie denn eigentlich?«
Sein Herz hörte auf zu schlagen; er hatte das Gefühl, als umspanne seine Haut nicht einen Körper, sondern einen Kieselsteinhaufen; und an Stelle des Hirns hatte er auch nur Kieselsteine.
»Wovon ich spreche? Aber von der Bombe . . .« — Äußerst verwundert trat Ssergeij Ssergeijewitsch zwei Schritte zurück.
Der Briefbeschwerer entfiel Ableuchows Hand . . .
»Ich bin erstaunt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Wie konnten Sie glauben, daß ich . . . daß ich . . . Wie konnten Sie annehmen, daß ich mich für eine solche Schufterei hergeben werde . . . Ich bin doch — kein Schurke . . . Ich glaube doch, kein gänzlich Verworfener zu sein, Ssergeij Ssergeijewitsch.«
Nikolai Apollonowitsch schien nicht weiter sprechen zu können; er wandte sich ab; nach einer Weile kehrte er wieder sein Gesicht dem Offizier zu.
In der schattigen Ecke zeichnete sich stolz die gekrümmte Figur, — wie es dem Offizier schien — aus fließenden Helligkeiten, ein schmerzhaft lächelnder Mund, kornblumenblaue Augen; die flachsweißen Haare wie eine lichte Aureole um den Kopf; die Stirn glänzend weiß und hoch; empört, beleidigt, schön, stand er dort, gehoben durch den grellroten Fond der Tapete.
Der seidene Kragenschoner baumelte sehr unangebracht herunter und seinem Rock fehlte — ach! — die eine Schoßhälfte . . .
So stand er: aus den tiefen Augenhöhlen blickte auf den Offizier eine kalte, dunkle Leere; sie schmiegte sich an ihn, gab ihm die Empfindung des Eises. Lichutin schien es, als wäre er mit all seiner physischen Kraft, seinem gesunden Verstand (denn er glaubte gesunden Verstand zu besitzen), mit all seinem Edelmut nur — ein Gespenst.
»Aber ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen« — verlegen fuchtelte Lichutin mit den Händen.
»Ich habe eigentlich«, sagte er ganz beschämt, »gar nicht gezweifelt . . . Ich muß mich wirklich schämen . . . Ich bin etwas aufgeregt . . . Mir erzählte meine Frau . . . Man hat ihr einen Zettel aufgenötigt . . . Sie las ihn durch: sie hatte das Kuvert aus Versehen aufgemacht« — log er dazu und errötete.
Ableuchow klammerte sich schadenfroh an das Gesagte:
»Gewiß: wenn Sofja Petrowna den an mich adressierten Zettel gelesen hat, dann hatte sie« (er zuckte mit den Achseln) »wohl das Recht gehabt« (seine Stimme klang hier sehr ironisch), »Ihnen den Inhalt mitzuteilen.« Ganz hochmütig ließ er die letzten Worte fallen und trat aus der Ecke.
»Ich . . . ich . . . war etwas hitzig gewesen.« Des Offiziers Blick streifte den abgerissenen Schoßteil.
»Was den Rock betrifft — haben Sie keine Sorge: ich nähe den Schoß selbst wieder an.«
Aber mit kaum merklichem Lächeln sprach Nikolai Apollonowitsch, stolz und etwas belehrend:
»Sie wußten nicht, was Sie taten.«
In den tiefblauen Augen lag eine unklare, geheimnisvolle Traurigkeit.
»Also gehen Sie doch, zeigen Sie mich an, wenn Sie mir nicht glauben.«
Und er wandte sich ab.
Die breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen . . . Nikolai Apollonowitsch brach plötzlich in Weinen aus; aber: Nikolai Apollonowitsch, der sich von seiner groben, tierischen Angst befreit hatte, gewann völlig Mut; ja noch mehr: in diesem Augenblick wünschte er sogar, der Leidende zu sein. So wenigstens empfand er jetzt sich selbst, er empfand sich als einen der Qual überlieferten Helden; als einen, der vor aller Welt Leiden und Schmach erdulden mußte; seinen Körper empfand er als — zerquälten Körper; seine Gefühle waren zerrissen wie sein »Ich«; er erwartete, daß aus seinem zerrissenen »Ich« eine blendende Helligkeit hervorsprühen und eine liebe Stimme — aus dem Inneren, wie schon so oft früher — ihm zurufen wird:
»Du hast für mich gelitten: ich wache über dich.«
Aber die Stimme blieb aus. Auch die Helligkeit blieb aus. Es gab nur Dunkelheit. Auf einmal begriff er, warum die versöhnende Stimme: »Du hast für mich gelitten«, — ausblieb. Weil er für niemand gelitten hatte, weil er nur für sich selbst gelitten hat . . . Weil er nur eine widerwärtige Suppe sozusagen, die er sich selbst eingebrockt, auszulöffeln hatte. Deswegen kam die Stimme nicht und blieb auch die Helligkeit aus. An Stelle des früheren »Ich« war Dunkelheit. Deswegen konnte er nicht mehr standhalten: seine breiten Schultern begannen auf und ab zu gehen.
Er wandte sich ab, er weinte.
»Wirklich,« ertönte hinter ihm eine friedliche, milde Stimme, »ich habe mich geirrt, ich habe die Sache mißverstanden . . .«
Aber in der Stimme klang auch Ärger; Scham und Ärger. Ssergeij Ssergeijewitsch biß sich fest auf die Lippen; in seinem Gesicht malte sich ein Kampf zwischen edelsten Gefühlen und häßlichen Erinnerungen; sein Gegner aber wandte ihm den Rücken zu, weinte und ließ mit sehr unangenehmer Stimme Worte fallen.
»Sie benutzten Ihre physische Übermacht, um mich . . . vor einer Dame . . . dahinzuschleifen, wie . . . wie . . .«
Die edlen Gefühle haben die Oberhand gewonnen; mit ausgestreckter Hand schritt Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin durch das Zimmer; aber Nikolai Apollonowitsch, der sich umgewandt hatte, sagte mit einer Stimme voll verhaltener Wut und — ach! — verspätetem Selbstgefühl:
»Wie . . . wie . . . einen Mehlsack . . .«
Hätte auch er die Hand ausgestreckt — Ssergeij Ssergeijewitsch wäre der glücklichste Mensch, in seinem Gesicht würde sich Milde spiegeln; seine edle Aufwallung hatte aber in dunkle Leere getroffen.
»Sie wollten sich überzeugen, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . . Daß ich — kein Vatermörder bin? . . . Nein, nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie hätten sich vorerst überlegen sollen . . . Sie aber haben mich . . . wie einen . . . einen Mehlsack . . . Und haben mir den Rock zerrissen . . .«
»Den Rock kann man ausbessern!«
Und ehe Nikolai Apollonowitsch zu sich kam, lief Lichutin zur Tür:
»Marwruscha, einen schwarzen Faden! . . . Eine Nadel!«
Die aufgerissene Tür traf beinahe Sofja Petrowna, die dahintergestanden und gehorcht hatte; ertappt sprang sie auf die Seite, doch — zu spät; nun stand sie da, rot wie eine Pfingstrose und maß beide mit wütendem, vernichtendem Blick.
Auf dem Boden, zwischen den drei Dastehenden lag das abgerissene Stück vom Rock.
»Du . . . Sonetschka . . .«
»Sofja Petrowna! . . .«
»Ich habe Sie gestört? . . .«
»Sieh mal, . . . Nikolai Apollonowitsch . . . hat ein Stück von seinem Rockschoß verloren . . . Könnte man nicht . . .«
»Beunruhigen Sie sich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte, Sofja Petrowna . . .«
»Könnte man nicht — ihm diesen annähen?«
Aber Nikolai Apollonowitsch, mit vor Verlegenheit verzerrtem Mund, begab sich rasch in das Fuji-Jama-Zimmer; er griff nach seinem italienischen Überwurf, und erst da bemerkte er, daß die Decke in diesem Zimmer beschädigt war; aus Höflichkeit wandte er das verzerrte Gesicht Sofja Petrowna zu:
»Das Zimmer hat sich etwas verändert . . . An der Decke ist . . . Sie lassen Reparaturen ausführen?«
»Das war ich, Nikolai Apollonowitsch . . . Ich habe an der Decke gearbeitet.«
Bei sich aber dachte er:
»So, so: in der Nacht ist mir das Erhängen mißlungen, jetzt die Auseinandersetzung . . .«
Nikolai Apollonowitsch verließ humpelnd den Salon; sein Überwurf glitt ihm auf einer Seite von der Schulter und zog sich wie eine phantastische Schleppe hinter ihm her.
Von den Notabenen, Fragezeichen, Paragraphen, von der nun letzten Arbeit erhob sich der kahle Kopf; dann sank er wieder; im Kamin prasselte und lohte das Feuer; mit boshaft herausforderndem Lächeln und zusammengekniffenen Augen starrte der kahle Kopf in den Kamin.
Was ist das?
Ein schmerzhaft lächelnder Mund, Augen von kornblumenblauer Farbe, Haare wie eine lichte Aureole um den Kopf; der Senator erblickte in der Flamme des Kamins eine Gestalt: Nikolai Apollonowitsch, gekreuzigt, leidend, von Helligkeit schimmernd; er zeigte mit den Augen auf seine roten Wunden an den Handflächen; von oben aber schüttete ein beflügelter Erzengel kühlende Tautropfen über ihn, in die Glut des Kamins . . .
»Er weiß nicht, was er tut . . .«
Plötzlich begann es zu krachen, zu zischen, die Helligkeiten zerrissen und mit den Funken zerstob die leidvolle Gestalt.
Eine Viertelstunde später befahl Apollon Apollonowitsch dem Kutscher, anzuspannen; eine halbe Stunde danach bestieg er den Wagen und noch in einer Viertelstunde danach wurde sein Wagen von einer gaffenden Menge im Weiterfahren behindert; doch: war es wirklich eine nur gaffende Menge?
Es schien etwas vorgefallen zu sein.
Nur durch die dünne Wand des Wagens war Apollon Apollonowitsch von der rebellischen Menge getrennt; durch die Scheibe sah er lauter Köpfe: Hüte, Mützen und mandschurische Pelzmützen; ganz in der Nähe erblickte er ein Paar zornblitzende Augen; er sah den weit aufgerissenen Mund des Lumpenkerls: der Lumpenkerl sang. Der Lumpenkerl rief ihm zu:
»Steigen Sie nur aus, es gibt keine Durchfahrt mehr.«
Der Stimme des Lumpenkerls gesellten sich weitere von ebensolchen Lumpenkerlen hinzu.
Da mußte Apollon Apollonowitsch seine Wagentür aufmachen; die Lumpenkerle sahen, wie ein alter Mann, dessen Oberlippe zitterte, aus dem Wagen stieg und mit der behandschuhten Hand den Rand seines Zylinderhutes hielt. Apollon Apollonowitsch sah vor sich aufgerissene Münder und eine Holzstange, von der, wellenartig die Luft durchschlagend, mit leichtem pfeifenden Geräusch ein rotes Tuch flatterte; aus der Menge ertönte es plötzlich:
»He, Hut ab!«
Apollon Apollonowitsch nahm seinen Zylinder ab und begann eilig, Wagen und Kutscher verlassend, sich durch die Menge zu drücken, um das Trottoir zu erreichen; bald lief er dann mit kleinen Schrittchen in die entgegengesetzte Richtung, von der Menge fort; aus den Läden, Häusern, Wirtshäusern, Seitengassen strömten schwarze Gestalten und versperrten den Weg; er arbeitete sich mit allen Kräften durch und erreichte — endlich — eine leere Seitenstraße, aus der eine . . . Abteilung Kosaken . . . dorthin . . . sprengte . . .
Verschwunden waren die Kosaken; die Straße war leer; man sah in der Ferne noch die Rücken der Reiter; und in der anderen Richtung den Rücken eines alten, eilig dahintrottenden Mannes mit hohem Zylinder auf dem Kopfe.
Das kleine Patiencespiel
Der Samowar dampfte auf dem Tisch; ein neuer, schön geputzter Samowar glänzte in der Ecke auf der Etagere; der aber, der auf dem Tische stand, war ungeputzt und schmutzig; der neue Samowar wurde nur aufgestellt, wenn Besuch da war; war man allein, dann kam das verbogene Ungetüm auf den Tisch; es keuchte und schnarchte laut; hie und da schossen rote Funken aus ihm hervor. Irgendeine schlecht erzogene Hand hatte Kugeln aus Weißbrot gerollt, die jetzt, platt gedrückt, an der Tischdecke klebten; unsauber — grau hob sich ein feuchter Fleck unter einem nicht ganz geleerten Teeglas ab; auf einem Teller lag der Rest eines Kotelettes und ein wenig kaltes Kartoffelpüree.
Wo sind die üppigen Haare der Soja Sacharowna? Statt ihrer war nur ein kleines Zöpfchen zu sehen.
Wahrscheinlich trug Soja Sacharowna eine Perücke — natürlich wenn Besuch da war; nebenbei wahrscheinlich schminkte sie sich ausgiebig, denn wir hatten sie immer als üppige Brünette mit glatter, emaillierter Haut gesehen; jetzt aber saß eine einfache, ältliche Frau da mit schwitzender Nase und einem Mäuseschwanzzöpfchen; sie trug eine eben nicht gerade saubere Nachtjacke.
Lipantschenko saß halb abgewandt vom Teetisch, den viereckigen Rücken Soja Sacharowna und dem Samowar zugekehrt. Vor ihm lagen die aufgeschlagenen Karten; er hatte nach dem Abendbrot seine Lieblingsbeschäftigung, das Patiencespiel, aufgenommen, das so sehr beruhigend auf die Nerven wirkte; aber er war gestört worden; durch ein langes Gespräch mit Soja Sacharowna, bei dem er die Karten, den Tee und alles andere beiseite ließ.
Nach dem Gespräch hatte er sich abgewandt: er hatte dem Gespräch den Rücken zugewandt.
Er saß ohne Kragen, ohne Rock, mit aufgeschnalltem Hosengürtel, der ihm wahrscheinlich den Leib zu sehr gedrückt hatte.
Gerade hatte ihn ein verdächtiger schwarzer Fleck an der Wand neben der Uhr gefesselt, der unzweifelhaft eine Küchenschabe war (es gab ihrer reichlich in dem Landhaus), als er wieder durch seine Lebensgefährtin aufgeschreckt wurde.
Soja Sacharowna schob so laut das Teetablett von sich, daß Lipantschenko zusammenfuhr.
»Na, und was ist eigentlich dabei? . . . Was ist dabei? . . .«
»Was denn?«
»Darf denn nicht eine Frau, eine treue Frau, eine vierzigjährige Frau, die Ihnen ihr Leben gewidmet hat, — eine Frau wie ich, eine . . .«
Ihre Ellbogen fielen auf den Tisch.
»Was murmeln Sie dort, meine Liebe? Sprechen Sie deutlicher . . .«
»Darf denn nicht eine Frau wie ich . . . eine bejahrte Frau . . . darf sie nicht fragen . . .«
Lipantschenko drehte sich in seinem Lehnstuhl um.
Die Worte schienen in ihm etwas geweckt zu haben; für einen Augenblick blitzte etwas wie Reue in seinem Gesicht auf; halb schüchtern, halb kindlich kapriziös zwinkerte er mit den Äuglein; er schien etwas sagen zu wollen, aber getraute sich doch nicht; er dachte langsam über etwas nach: vielleicht darüber — wie seine Lebensgefährtin ein Geständnis von ihm aufgenommen hätte; sein Kopf senkte sich; er keuchte und blickte verstohlen von unten herauf.
Aber die Anwandlung von Aufrichtigkeit verging bald; die Aufrichtigkeit selbst fiel zurück auf den dunkeln Grund der Seele. Er wandte sich wieder seinem Kartenspiel zu.
»Hm, ja, ja . . . Zu der roten die schwarze . . . Und wo ist nun die Dame? . . . hier ist die Dame . . . Jetzt kommt der Bub . . .«
Plötzlich warf er Sofja Sacharowna einen prüfenden, mißtrauischen Blick zu; seine kurzen, mit goldig glänzenden Haaren bedeckten Finger hoben die Karten ab.
»Das soll ein Spiel sein . . .« murmelte er zornig und legte die Karten reihenweise auf den Tisch.
Soja Sacharowna trug die saubergewischte Tasse zum Schrank, mit den Pantoffeln schlürfend.
»Und warum nur gleich böse sein?«
Die Pantoffel schlürften weiter im Zimmer:
»Ich bin gar nicht böse, Mütterchen« — und wieder warf er ihr einen prüfenden Blick zu; sie kreuzte die Arme über dem Leib, der, vom Korsett nicht beengt, sich behäbig rundete; ihr herunterhängendes Doppelkinn wiegte sich beim Gehen; sie näherte sich leise dem Sitzenden und berührte sanft seine Schulter:
»Sie hätten sich doch lieber erkundigen sollen, wieso ich darauf gekommen bin, Sie auszufragen? . . . Weil ich eben selbst von anderen gefragt werde . . . Die Leute zucken mit den Achseln . . . Da dacht ich mir, es ist doch besser, ich weiß alles . . .«
Lipantschenko biß sich auf die Lippen und fuhr fort, mit unruhiger Geschäftigkeit die Karten in Reihen zu legen.
Lipantschenko wußte, daß der morgige Tag für ihn von größter Wichtigkeit ist; gelingt es ihm nicht, sich reinzuwaschen, gelingt es ihm nicht, die Wucht der belastenden Dokumente irgendwie zu beseitigen — dann hat er ausgespielt: Er wußte das alles und pfiff jetzt nur ein wenig durch die Nase:
»Hm: ja—ja . . . Hier ist noch ein freier Platz . . . Nichts zu machen: der König muß hierher . . .«
Aber er hielt es nicht aus:
»Die Leute fragen Sie aus, sagen Sie?«
»Das dürfen Sie mir schon glauben — ja . . .«
»Kommen also Leute her, wenn ich nicht zu Hause bin? . . .«
»Freilich kommen sie und zucken mit den Achseln . . .«
Lipantschenko warf die Karten von sich:
»Es kommt doch heute nichts heraus!«
Er war sichtlich aufgeregt.
Plötzlich kam ein klirrender Laut aus dem Nebenraum, in dem Lipantschenkos Schlafzimmer war; als wäre dort das Fenster aufgemacht worden. Beide wandten die Köpfe in die Richtung des Schlafzimmers, beide schwiegen vorsichtig: was mochte das sein?
Wahrscheinlich Tom, der Bernhardiner.
»Aber begreifen Sie doch, komisches Frauenzimmer, daß Ihre Fragen . . .« — er erhob sich ächzend, sei’s, um nach der Ursache des Lärms zu sehen, sei’s, um einer Antwort auszuweichen.
». . . daß Ihre Fragen« — er trank einen Schluck ganz kalten Tee — »gegen die — Parteidisziplin verstoßen . . .« Er schritt gegen die offene Türe des Nebenzimmers, in die Dunkelheit . . .
»Aber was für Disziplin — mir gegenüber, Kolenka!« — Soja Sacharowna stützte das Gesicht mit den Händen und beugte den Kopf nach unten . . . »Bedenken Sie es doch . . .«