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Petersburg

Viertes Kapitel

Nadja Strasser translation

Der Sommergarten

Nüchtern, vereinsamt liefen die Wege des Sommergartens auseinander; mit eiligen Schritten durchquerte sie der düster dreinschauende Passant, um sich dann in der hoffnungslosen Ödigkeit des Marsfeldes zu verlieren.

Verstimmt lag der Sommergarten da.

Die Sommerstatuen flüchteten sich unter die Holzverschläge; die großen Bretter glichen in ihrer Längsseite, der Form nach, einem Sarg; diese Särge umstanden die schmalen Gartenwege; in diesen Särgen verbargen sich Nymphen und Satyre, damit der Zahn der Zeit nicht an ihnen mit Regen, Schnee und Frost nagen konnte; denn die Zeit — sie zernagt alles mit ihrem eisernen Zahn; sie zernagt in gleicher Weise den Körper wie die Seele und selbst die Steine. —

Mit dem Verschwinden der alten Zeiten verödete der Garten, er wurde grau, schrumpfte zusammen; die Grotte zerfiel, die Springbrunnen murmelten nicht mehr, die Sommergalerie war zerstört, der Wasserfall ausgetrocknet; zusammengeschrumpft lag der Garten geduckt hinter dem Gitterzaunwerk.

Peter selbst war es, der den Garten angelegt hat; mit seiner eigenen Gießkanne begoß er die Pflanzen; er ließ Zedern aus Solikamsk, Sauerdorn aus Danzig und Apfelbäume aus Schweden herbeibringen; er errichtete Wasserspiele, und ihre Sprühregen glitzerten zuweilen wie leichtes Spinngewebe auf den roten Kamisolen der allerhöchsten Persönlichkeiten, mit gepuderten Locken, schwarzen Arabergesichtern und den eleganten Hofdamen in kostbaren Roben; gestützt auf den geschliffenen Griff des schwarzen, goldverzierten Stockes, führte der grauhaarige Kavalier seine Dame an das Bassin, wo vom dunkelgrünen, schäumenden Grund, prustend, der Seehund seine Schnauze hervorstak; ein geängstigtes »Ach!« von seiten der Dame, indessen der Kavalier scherzhaft lächelte und seinen Stock dem schwarzen Monstrum entgegenhielt.

Damals zog sich der Sommergarten weit hin, und das Marsfeld mußte ein ordentliches Stück seiner Fläche für die Alleen des Gartens hergeben, jenen Alleen, die dem kaiserlichen Herzen so nahelagen; riesige Muscheln aus indischen Gewässern streckten hier von den rauhen Steinen der Grotte ihre rosafarbigen Fühler in die Luft, und die hohe Persönlichkeit näherte, den pleureusengeschmückten Hut abnehmend, neugierig das Ohr der rosigen Öffnung: ein chaotisches Summen drang ihr entgegen; inzwischen labten sich andere hohe Persönlichkeiten vor der Grotte an Fruchtsaftwasser.

Auch in späteren Zeiten hörte man öfters Lachen, Seufzer und Flüstern vor der Statue, die in malerischer Pose ihre Hände in den dämmernden Tag vorstreckte; dabei glänzten die Perlen der Hoffräulein. Im Frühling war es, am Pfingsttag; die Abendluft verdichtete sich; plötzlich wurde sie von Orgeltönen erschüttert, die aus einer Gruppe schlummernder Ulmen hervorbrachen; und von derselben Ecke aus breitete sich plötzlich spaßiges grünes Licht aus; von diesem grünen Licht beschienen, bliesen grellrote Jägermusikanten in ihre Hörner, und von den melodischen Tönen erzitterte die Luft, die Seelen der Zuhörer in ihren Tiefen aufwühlend; hast du das sehnsuchtsvolle Weinen der in die Luft emporgehobenen Hörner nicht vernommen?

Das war alles einmal gewesen; jetzt ist es vorbei; jetzt laufen düster verstimmt die Wege des Sommergartens auseinander; eine schwarze, ruhelose Vogelschar kreiste über dem Peterhäuschen; unerträglich war ihr Gezwitscher und das Aufschlagen der vielen Flügel; die schwarze, ruhelose Schar ließ sich störend auf die Zweige niederfallen.

Nikolai Apollonowitsch, parfümiert und rasiert, schritt, in seinen Wintermantel gehüllt, über den hartgefrorenen Weg; sein Kopf sank auf den Pelz, und die Augen glänzten eigentümlich. Er hatte gerade beschlossen, sich in Arbeit zu vertiefen, als ihm ein Zettelchen überreicht wurde; mit unbekannter Schrift lud ihn jemand zu einem Stelldichein in den Sommergarten ein; die Unterschrift war ein »S«. Wer mochte sich hinter dem geheimnisvollen »S« verbergen? »S« ist — Sofja (sie hat wohl ihre Schrift verändert). Nikolai Apollonowitsch, frisch rasiert und parfümiert, schritt über den hartgefrorenen Weg weiter.

Er sah aufgeregt aus; er hatte in diesen Tagen keinen Appetit, keinen Schlaf gehabt; eine dünne Staubschicht legte sich ungehindert auf die aufgeschlagene Seite des Kant. Ein Strom süßer Gefühle zog durch die Seele Nikolai Apollonowitschs; Ähnliches hatte er auch schon früher empfunden. — Dumpf, fern. Aber seit er durch sein eigenes Vorgehen in Sofja Petrowna die unbestimmten Schauer geweckt hatte, war auch er von diesem Schauer erfaßt; als hatte er in ihm selbst schlummernde Kräfte in unergründeten Tiefen geweckt; als wäre in ihm eine Äolssaite gesprungen und anderer Leidenschaften — Kinder hätten ihn durch die Lüfte in andere Länder getragen. Sollten auch das nur die wiedergekehrten, rein sinnlichen Empfindungen sein? Oder war es am Ende — die Liebe? Aber die Liebe verneinte er.

Er sah sich bewegt um nach der bekannten Gestalt im Pelzmantel mit kleinem, schwarzem Muff; doch niemand war auf den Wegen zu sehen. Auf einer nahen Bank saß eine nachlässig gekleidete Frauensperson. Diese erhob sich plötzlich, trippelte erst eine Weile an der Bank herum und ging dann auf ihn zu.

»Sie haben mich . . . nicht erkannt?«

»Ach ja, guten Tag!«

»Sie scheinen mich auch jetzt nicht zu erkennen? Ich bin — Solowjowa.«

»Aber natürlich erkannte ich Sie, Warwara Ewgrafowna!«

»Dann wollen wir hier auf der Bank Platz nehmen . . .«

Nikolai Apollonowitsch ließ sich gequält neben ihr nieder; in dieser selben Allee war ihm das Stelldichein gegeben, und nun kam diese unglückliche Begegnung! Nikolai Apollonowitsch überlegte, wie er das Mädchen loswerden konnte; in Erwartung der anderen sah er sich fortwährend verlegen um, doch es kam niemand.

Vor ihren Füßen lagen Haufen dunkelbrauner, wurmstichiger Blätter; ein dunkles Netz von Zweigen zog sich vor ihnen, matt den Horizont durchschneidend, hin; von Zeit zu Zeit begann dieses Netz zu ächzen; von Zeit zu Zeit begann sich dieses Netz zu bewegen.

»Haben Sie meinen Zettel bekommen?«

»Welchen Zettel?«

»Den Zettel mit ‚S‘ gezeichnet?«

»Was, den haben Sie geschrieben?«

»Aber gewiß doch . . .«

»Wieso dann ‚S‘?«

»Wieso? Ich heiße doch Solowjowa.«

Alles stürzte vor ihm zusammen. Und er, und er — was hatte er sich nicht schon alles ausgemalt! Die unbestimmten Schauer, die ihn trugen, versanken in jähe Tiefe.

»Womit kann ich dienen?«

»Ich . . . ich wollte, ich dachte . . . haben Sie einmal ein Gedicht mit der Unterschrift ‚Die flammende Seele‘ bekommen?«

»Nein.«

»Wie ist das möglich? Ach, wie ärgerlich! Ohne diese Verse ist es mir eigentlich schwer, Ihnen zu erklären . . . Ich wollte Sie über den Sinn des Lebens fragen . . .«

»Verzeihen Sie, Warwara Ewgrafowna, ich habe gar keine Zeit.«

»Wieso? Ach, wieso denn?«

»Auf Wiedersehen! Ich bitte vielmals um Verzeihung: wir werden dieses Gespräch ein anderes Mal aufnehmen. Nicht wahr?«

Warwara Ewgrafowna machte einen schüchternen Versuch, ihn zurückzuhalten, doch er erhob sich entschlossen und reichte ihr seine parfümierte Hand. Ihr fiel im Augenblick nichts ein, wodurch sie ihn zu bleiben bewegen konnte; er aber lief ganz verärgert, das Gesicht stolz und gekränkt in den Pelzmantel vergraben, von dannen.

Madame Farnoix

Erst in später Stunde beliebte Engel Peri ihre unschuldigen Äuglein aufzuschlagen; ihre Äuglein wollten durchaus nicht offen bleiben, und im Köpfchen bohrte ein dumpfer Schmerz; Engel Peri geruhte noch lange im Halbschlummer dazuliegen; in ihrem Köpfchen schwirrten Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten durcheinander; der erste volle Gedanke war der an den bevorstehenden Abend: was wird nun werden? Als sie sich darüber klar zu werden versuchte, fielen ihre Augen wieder zu, und ihren Kopf erfüllten wieder Unverständlichkeiten, Undeutlichkeiten. Aus dieser Unklarheit erhob sich nun das Wort: Pompadour, Pompadour . . . Was war es aber mit dem Pompadour? Hell erleuchtete dieses Wort ihre Seele: Toilette à la Pompadour — himmelblaue Seide mit Blümchenmuster, Valencienner Spitzen, silbergraue Halbschuhe mit Pompons. Über die Toilette à la Pompadour hatte sie mit Madame Farnoix neulich einen großen Disput; Madame Farnoix wollte keinesfalls auf die Blondenspitzen verzichten. Es entstand eine Meinungsverschiedenheit, die so weit ging, daß Madame Farnoix Sofja Petrowna vorschlug, den Stoff wieder mitzunehmen und sich an Maison Tricotons zu wenden. Davon wollte aber Sofja Petrowna nichts hören, und so blieben die Blondenspitzen; ebenso gab Sofja Petrowna in anderen, den Stil Pompadour betreffenden Punkten nach, z. B. was das leichte Chapeau Bergère an den Ärmeln betraf.

So war man einig geworden.

Vertieft in Gedanken über Madame Farnoix, Maison Tricotons und Pompadour, fühlte Sofja Petrowna doch, daß gestern noch etwas geschehen war, das alles andere verwischen mußte; sie benutzte aber ihren verschlafenen Zustand unbewußt, die halbentschwundene Erinnerung von dem gestrigen Tage nicht in sich aufkommen zu lassen; endlich erinnerte sie sich der zwei Worte: Domino und Brief; sie sprang vom Bett auf und rang in gegenstandsloser Bangigkeit die Hände; noch ein drittes Wort gab es, mit dem sie gestern auch eingeschlafen war.

Doch Engel Peri konnte sich dieses dritten Wortes nicht entsinnen; dieses dritte Wort war von Belang: Gatte, Offizier, Leutnant.

Engel Peri nahm sich vor, an die beiden ersten Worte vor dem Abend nicht zu denken, das dritte aber vollständig zu ignorieren. Doch gerade dieses dritte drängte sich ihr unerwartet schon sehr bald auf; das kam nämlich so: kaum war sie aus ihrem überheizten Schlafzimmerchen in den Salon getreten, ihre schwebenden Schritte weiter ins Zimmer des Gatten lenkend, überzeugt, daß dieser, wie immer, schon längst aus dem Hause war, um irgendwo dort den Proviant zu verwalten, als sie zu ihrer Verwunderung die Tür von innen abgeschlossen fand; entgegen jeder Regel, entgegen der Vernunft, der Ehrlichkeit, trotz Unbequemlichkeit und enger Wohnung — befand sich Leutnant Lichutin allem Anschein nach noch in seinem Zimmer.

Da erst fiel ihr die gestrige häßliche Szene ein; und mit schmollendem Mündchen schlug sie die Tür ihres Schlafzimmers zu (er habe sich eingesperrt, dann wolle auch sie das gleiche tun). Zugleich aber erblickte sie das zerschlagene Tischchen.

»Gnädige Frau wünschen den Kaffee ins Zimmer?«

»Nein, nicht.«

»Der gnädige Herr wünschen den Kaffee ins Zimmer?«

»Nein, nicht.«

»Gnädiger Herr, der Kaffee ist kalt geworden.«

Schweigen.

»Gnädige Frau, es ist jemand da.«

»Von Madame Farnoix?«

»Nein, von der Wäscherin.«

Schweigen.

Die Stunde hat sechzig Minuten; die Minute besteht aus lauter kleinen Sekunden; die Sekunden liefen und bildeten Minuten; schwerfällig wälzten sich die Minuten; und langsam, langsam gingen die Stunden dahin.

Schweigen.

Während des Tages sprach der Gelbe, Ihrer Majestät Kürassier, Baron Ommau-Ommergau, vor, mit einer Zwei-Pfund-Bonbonniere mit Kraftschokolade unter dem Arm. Die Bonbonniere wurde gnädig entgegengenommen, der Kürassier mußte gehen.

Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte der Blaue, Seiner Majestät Kürassier, Graf Awen, mit einer Bonbonniere von Ballé in der Hand. Die Bonbonniere wurde angenommen, er mußte gehen.

Nicht empfangen wurden auch der Leibhusar mit der hohen Pelzmütze; der Husar schüttelte seinen Sultan hinter dem Busch zitronengelber Chrysanthemen, den er in der Hand hielt; er war unmittelbar nach Graf Awen erschienen.

Dann war Werhefden mit einem Logenbillett für das Mariensche Theater erschienen; es fehlte nur Lipantschenko.

Endlich, spät am Abend, kam das Laufmädchen von Madame Farnoix mit einem riesigen Kleiderkarton; sie wurde sofort vorgelassen; als darüber im Vorzimmer ein Kichern entstand, öffnete sich die Tür des Schlafzimmers, ein verweintes Gesichtchen blickte neugierig hervor, und eine Stimme rief erzürnt:

»Rasch damit her!«

Zu gleicher Zeit knackte das Schloß im Herrenzimmer, eine zerwühlte Mähne erschien einen Augenblick und — verschwand. War es wirklich der Leutnant?

Petersburg verkroch sich in die Nacht.

Wer erinnert sich nicht des Abends vor der ereignisvollen Nacht? Wer erinnert sich nicht des traurigen Hinscheidens dieses Tages?

Die riesengroße Purpursonne lief über der Newa dahin, um sich dann hinter den Fabrikschloten zu verbergen: die Petersburger Häuser überzogen sich mit einem feinen Dunstschleier, zerflossen gleichsam und verwandelten sich in eine leichte, amethystgraue Spitze; die Fensterscheiben warfen allerorts einen goldigflammenden Schein, und die hohen Turmspitzen leuchteten rubinenrot. Alles, was sonst schwerfällig hervorstach: die Vorsprünge der Mauern, die Karyatiden an den Eingängen, die steinernen Balkons, verloren sich in der brennend roten Flammenhaftigkeit.

Blutrünstig grell lag das rostrote Palais da: dieses alte Palais wurde noch von Rostrelli erbaut; ein zarter, hellblauer Mauerkörper, umgeben von einer Schar weißer Säulen, stand damals das Palais; bewundernd pflegte einst die Kaiserin Elisabeth, Peters Tochter, das Fenster zu öffnen, um in die Newafernen zu blicken. Zur Zeit Alexanders I. war das alte Palais mit fahlgelber Farbe bestrichen; unter Alexander II. wurde es wieder renoviert, und von da ab behielt es seinen rostroten Farbenton, blutigrot gegen Westen.

An diesem ereignisreichen Abend flammte alles und alles, und so flammte auch das Palais; alles andere aber, was nicht von dem Schein erfaßt war, versank, langsam, in Dunkel; langsam in Dunkel versanken die Reihen der Linien und Wände, indessen dort auf dem erlöschenden lila Himmel in den Perlmutterwölkchen sich langsam sprühende Feuerchen entzündeten; langsam, langsam leichte duftige Flämmchen aufhüpften.

Du würdest gesagt haben, dort erblickte man die Abendröte der Vergangenheit.

Eine Dame von kindlicher, nicht allzu großer Gestalt, ganz in Schwarz, die an der Brücke dort die Droschke verlassen hatte, wandelte schon seit geraumer Zeit vor den Fenstern des gelben Hauses; etwas seltsam zitterten ihre Hände. Die rundliche Dame war im vorgerückten Alter und sah aus, als litte sie an Asthma; ihre rundlichen Finger griffen immerzu nach dem Kinn, das erheblich über dem Kragen hervorhing und einzelne graue Härchen zeigte. Vor den Fenstern des gelben Hauses stehend, nahm sie plötzlich mit der zitternden Hand und einem ihrem Alter unentsprechend raschen Griff ein Spitzentaschentuch aus dem kleinen Handtäschchen heraus, wandte sich gegen die Newa und begann zu weinen. Die untergehende Sonne beschien dabei ihr Gesicht, und auf ihrer Oberlippe zeichnete sich deutlich das Schnurrbärtchen; sie legte ihre Hand auf einen Stein und sah mit kindlichem, nichts sehendem Blick in die nebelhafte, vielschlotige Ferne und die Tiefe des Wassers.

Endlich näherte sich die Dame erregt dem gelben Haus und läutete.

Die Tür ging auf; ein betreßter Greis streckte durch die Öffnung seinen kahlen Schädel vor und zwinkerte mit den träumenden Äuglein in den gelben Glanz des Newasonnenuntergangs.

»Sie wünschen?«

Die ältliche Dame kam in Aufregung: Rührung vielleicht, vielleicht verborgene Schüchternheit erhellten ihre Züge . . .

»Semjonytsch . . . erkennen Sie mich nicht?«

Da erbebte der kahle Lakaienschädel, und sein Blick fiel auf das kleine Handtäschchen.

»Mütterchen, gnädige Frau! . . . Anna Petrowna!«

»Ja, Semjonytsch, ich bin’s . . .«

»Aber wieso denn? Woher?«

Rührung, wenn nicht gar verborgene Schüchternheit klang aus der angenehmen Stimme.

»Aus Spanien, . . Ich wollte nun sehen, wie es euch ohne mich geht.«

»Gnädige Frau, Mütterchen . . . Kommen Sie doch nur herein . . .«

Anna Petrowna schritt über die Treppe, die derselbe Teppich bedeckte wie damals.

Aber niemand ist zu Hause, weder der junge Herr noch Apollon Apollonowitsch.

Über der Balustrade erhob sich wie damals die Säule aus weißem Alabaster, und auf ihr hob wie damals die Niobe ihre Alabasteraugen gen Himmel; dieses Damals überfiel Anna Petrowna (seither sind bereits drei Jahre verstrichen, und vieles wurde inzwischen erlebt), vor ihr tauchten die schwarzen Augen des italienischen Kavaliers auf, und wieder spürte sie ihre sorgsam verborgene Schüchternheit.

»Befehlen gnädige Frau Kaffee oder Schokolade? Oder vielleicht den Samowar?«

Anna Petrowna schüttelte mit Mühe die Vergangenheit von sich (hier war alles wie früher).

»Also, wie ist es euch all die Jahre gegangen?«

»Es ging eben . . . Aber ich muß der gnädigen Frau sagen: ohne Sie gibt’s keine Ordnung . . . Sonst aber blieb alles beim alten . . . . Der gnädige Herr hat . . .«

»Ja, das weiß ich . . .«

»Jawohl, immer neue Auszeichnungen . . . Die Gnade des Kaisers . . . Was ist da zu sagen: der gnädige Herr bedeuten schon was!«

»Und ist — der Herr — gealtert?«

»Der gnädige Herr kommt — wie es heißt — auf einen verantwortlichen Posten: er ist so gut wie Minister . . .«

Anna Petrowna schien es plötzlich, daß der Lakai sie ein klein, klein wenig vorwurfsvoll anblickte; das schien ihr wohl; der Lakai blinzelte nur von dem blendenden Glanz der untergehenden Sonne, während er ihr die Tür zum Salon öffnete.

»Und Kolenka?«

»Kolenka? Nikolai Apollonowitsch? O, der ist so gescheit. Macht Fortschritte in den Wissenschaften; und auch sonst, wie und wo es sich gehört . . . Ein bildhübscher, junger Herr!«

»Aber was sagen Sie da? Er war doch immer in den Vater . . .«

Sie sagte es, ließ die Augen sinken und machte sich an dem Handtäschchen zu schaffen.

An den Wänden dieselben hochbeinigen Stühle; zwischen den Stühlen mit den cremefarbigen Plüschsitzen überall kleine weiße Säulen; und von jeder dieser Säulen sah sie ein strenger Mann aus kaltem Alabaster vorwurfsvoll an. Und direkt feindlich funkelte sie das grünliche, alte Spiegelglas an, unter dem sie mit dem Senator das entscheidende Gespräch hatte; dort weiter — die blaßtönigen Bilder — die pompejanischen Fresken; diese Fresken brachte ihr der Senator, als sie seine Braut gewesen war — vor nun dreißig Jahren.

Anna Petrowna wurde wieder von der alten Gastlichkeit des Salons erfaßt; von dem Lack und äußeren Glanz; wie in alter Zeit bedrückte etwas ihre Brust; die alte Feindseligkeit wälzte sich nach oben, bis zur Kehle; Apollon Apollonowitsch wird ihr vielleicht verzeihen; sie ihm aber — nie; im lackierten Heim entluden sich die Lebensgewitter lautlos, aber ihre Entladungen waren tötend.

So wurde sie von aufgetauchten, dunklen Gedanken zu feindlichen Ufern gejagt; zerstreut lehnte sie sich gegen das Fenster und blickte auf die rosigen Wölkchen, die über die Newawellen dahinglitten.

»Bleiben gnädige Frau bei uns?«

»Ich? . . . Ich wohne im Hotel.«

Im zerfließenden Grau tauchten plötzlich matte, wie verwundert blickende Punkte auf: Lichter, Lichtchen; Lichter, Lichtchen reihten sich aneinander und sprangen dann als rötliche Flecken aus der Dunkelheit, indessen von oben Wasserfälle herunterstürzten: blaue, dunkellila, schwarze.

Petersburg verkroch sich in die Nacht.

Ihre Schuhchen trippelten

Die Klingel ging immer wieder.

Aus dem Vorzimmer traten in den Saal engelhafte Wesen in hellblauen, weißen, rosafarbigen Kleidern; sie schimmerten silbern, funkelten; fächelten einander mit den Augen, mit den Fächern, mit dem leichten Seidenstoff an; strömten eine wohltuende Atmosphäre aus von Veilchen, Maiglöckchen, Lilien, Tuberosen; die weißmarmornen Schultern, noch überhaucht von leichtem Puderstaub, sollten während einer Stunde rot werden, von feuchtem Dunst überzogen; jetzt vor dem Tanzen schienen die Gesichtchen, die Schultern, die mageren, nackten Arme noch blässer und magerer als sonst; um so stärker war der Reiz dieser Geschöpfe, der nur in dem leisen Aufblitzen der Augen unmerklich hervortrat, während sie, wie richtige Engelskindlein, sich in farbigen, duftigen Mullwolken scharten; von dem Öffnen und Zumachen der weißen Fächer entstand ein leichter Wind. Ihre Schuhchen trippelten.

Es war eigentlich gar kein Ball, den die Zukatows gaben; es war mehr ein Kindertanzabend, an dem auch die Erwachsenen sich zu beteiligen wünschten; die Kunde ging allerdings, daß auch Masken erscheinen würden.

Darüber wunderte sich Lubow Aleksejewna eigentlich ein wenig, denn es war ja noch nicht die Zeit der Bälle; aber so waren schon einmal die Traditionen des geliebten Gatten: wo es sich um Tanzen und Kinderlachen handelte, galt ihm der Kalender nichts; der Gatte, der Eigentümer eines silberweißen Backenbartes, wurde noch immer Koko genannt. In seinem tanzenden Heim hieß er natürlich Nikolai Petrowitsch, das Oberhaupt der Familie und Vater zweier lieblicher Töchter von achtzehn und fünfzehn Jahren.

Diese zwei lieblichen blonden Geschöpfe trugen heute duftige Kleidchen und silberne Schuhchen. Seit neun Uhr schon fuchtelten sie mit ihren Fächern gegen den Vater, gegen die Wirtschafterin, gegen das Stubenmädchen, sogar . . . gegen den würdigen, alten Herrn von Nashornumfang, der als Besuch im Hause weilte (ein Verwandter von Koko). Endlich erscholl das langersehnte Klingelzeichen, die Tür des weißleuchtenden Saals tat sich auf, und im festanliegenden Frack trat der Tapeur ein und stieß beinahe mit dem Offizianten zusammen, den man für diesen glanzvollen Abend extra engagiert hatte. Der bescheidene Tapeur legte seine Noten zurecht, schlug den Klavierdeckel bald auf, bald wieder zu, blies vorsichtig den unsichtbaren Staub von den Tasten und drückte schließlich ohne plausiblen Grund den glänzenden Lackschuh aufs Pedal; er erinnerte an den Maschinisten der Lokomotive, der seine Maschine vor dem Verlassen der Station sorgfältig untersucht. Nachdem er von dem guten Zustande des Instruments überzeugt war, schob er die Schöße des Fracks auseinander, ließ sich auf das niedere Taburett nieder, warf den Körper zurück und blieb, die Finger auf den Tasten, einen Augenblick unbeweglich sitzen — dann aber erschütterten helltönende Akkorde die Wände, als wäre ein Signal zur Abfahrt gegeben worden.

Zu Ende getanzt

Wie gewöhnlich schlichen sich auch heute von Zeit zu Zeit Salongäste durch den Saal zum Salon — mit wohlwollender Miene schritten sie längs den Wänden; freche Fächer nippten sie gegen die Brust, perlenverzierte Röcke trafen sie im Flug, und der heiße Wind wehte ihnen zu von dahinsausenden Paaren; sie aber schritten lautlos weiter.

Ein rundlicher Herr mit unangenehm blatternarbigem Gesicht durchquerte zuerst den Saal; sein Rock spannte sich über dem übermäßig runden Bäuchlein; er war Redakteur einer konservativen Zeitung und entstammte selbst der liberalen Geistlichkeit. Im Salon angekommen, küßte er das dicke Händchen Lubow Aleksejewnas, der fünfundvierzigjährigen Wirtin, mit aufgedunsenem Gesicht, dessen Doppelkinn auf den vom Korsett gestützten Busen fiel.

Kaum hatte die Wirtin eine harmlose Frage an ihn gerichtet, als der dickliche Redakteur dieselbe zu einer Frage von höchster Bedeutung erhob:

»Sagen Sie es nicht — nein! Denn so denken sie alle, weil sie die reinen Idioten sind. Ich kann es Ihnen ganz genau beweisen.«

»Aber mein Mann, Koko . . .«

»Das sind alles jüdisch-freimaurerische Schwindeleien, meine Gnädige: Organisation, Zentralisation . . .«

»Ach, wie interessant: erzählen Sie bitte . . .«

Und er sagte, sich tief in den Lehnstuhl versenkend:

»Ja, meine Herrschaften, so ist es.«

Durch die offenen Türen der dazwischenliegenden zwei Räume sahen sie aus der Ferne den Saal, erfüllt von Glanz und Flimmern. Man hörte das donnernde:

»Rrrekulé . . .«

»Balances vos dames! . . . «

Und wieder:

»Rrrekulé! . . .«

Der Ball

Was ist der Salon während eines lustigen Walzers? Er ist nur eine Zugabe zum Tanzsaal und die Zufluchtsstätte für Mütter. Aber die kluge Lubow Aleksejewna benutzte die Gutmütigkeit ihres Gatten (er besaß keinen einzigen Feind) sowie ihr mitgebrachtes, riesiges Vermögen, schließlich auch den Umstand, daß ihr Haus gegen alles außer Tanzen höchst gleichgültig war und so ein neutrales Zentrum für alle bildete — dies alles benutzte die kluge Lubow Aleksejewna, um, — dem Gatten das Dirigieren im Tanzsaal überlassend — selbst die Begegnungen der verschiedensten Persönlichkeiten zu vermitteln; bei ihr trafen sich die Führer der verschiedensten Parteien; der Publizist mit dem Departementsverwalter; der Demagoge mit dem Antisemiten. In ihrem Hause verkehrte, speiste sogar Apollon Apollonowitsch.

Und während Nikolai Petrowitsch im Tanzsaal das Contredance durch neue Figuren verwickelte — verwickelte und entwickelte sich zur gleichen Zeit in dem gegen alles gleichgültig freundlichen Salon manche Konjunktur.

Auch hier tanzte man, wenn auch in anderer Weise.

Der zweite, der sich in den Salon schlich, war ein Mann von wahrhaft vorsintflutlichem Äußern, mit erschreckend zerstreutem Gesichtsausdruck. Die Schöße seines Rockes, auf dem stellenweise weiße Federchen hingen, waren hinten etwas geöffnet und ließen eine höchst primitive Hosenschnalle sehen; es war ein Professor der Statistik; an seinem Kinn hing in Büscheln ein gelblicher Vollbart, und über die Schultern fielen ihm Haarsträhnen, die aussahen, als kämen sie selten mit einem Kamm in Berührung. Unheimlich wirkte seine blutrote hängende Lippe, die sich gleichsam vom Munde loszulösen schien.

In den prunkvollen Salon eingetreten, wurde der Professor verwirrt: der Glanz und das Flimmern schien ihn geblendet zu haben; mit gutmütigen Blicken betrachtete er den feierlichen Saal, trippelte eine Weile auf ein und derselben Stelle, blieb verlegen stehen, zog sein gefaltetes Taschentuch hervor, um die auf dem Schnurrbart hängende Feuchtigkeit von der Straße abzutrocknen; er zwinkerte den Paaren zu, die einen Augenblick, zwischen zwei Quadrillefiguren, stillstanden.

Endlich gelangte er in den von bläulichem, elektrischem Licht beschienenen Salon, als ihn die Stimme des Redakteurs an der Schwelle zurückhielt.

»Verstehen Sie jetzt, meine Gnädige, den Zusammenhang zwischen dem japanischen Krieg, den Hebräern, der uns drohenden Mongoleninvasion und der Revolution? Das jüdische Auftreten und die Treibereien der großen Fäuste in China stehen in engster und deutlichster Verbindung miteinander.«

»Ich verstehe es jetzt, ich verstehe.«

Es war die Stimme der Lubow Aleksejewna. Der Professor blieb entsetzt stehen; denn er war durch und durch liberal und ein Anhänger sozusagen humaner Reformen; er erschien zum erstenmal in diesem Hause, in der Hoffnung, hier Apollon Apollonowitsch zu treffen; doch dieser schien nicht da zu sein — und anwesend war nur der Redakteur des konservativen Blattes; derselbe Redakteur, der soeben gerade die fünfundzwanzigjährige, reine Tätigkeit des Sammelns statistischer Daten — human ausgedrückt — in unanständigster Weise mit Schmutz beworfen hatte. Der Professor begann plötzlich zu keuchen, zwinkerte gegen den Redakteur und pfiff leise verächtlich in seinen struppigen Bart.

»Begreifen Sie jetzt, meine Gnädige, das jüdisch-freimaurerische Treiben?«

»Jetzt begreife ich es; jetzt habe ich es begriffen.«

Und dort, dort . . .

Mit einer Hand auf die Baßtasten aufschlagend, schloß der Tapeur dort elegant das Tanzstück, während er mit der anderen mit meisterhafter Schnelligkeit das Notenblatt umwandte, und dann, die Hand in der Luft und die Finger ausdrucksvoll zwischen Klaviatur und Noten gespreizt, drehte er seinen Körper erwartungsvoll dem Wirt zu, wobei seine blendend weißen Zähne schimmerten.

Die Geste des Tapeurs beantwortete Nikolai Petrowitsch Zukatow durch eine aufmunternd anerkennende Bewegung des glatt rasierten Kinns zwischen dem stürmisch wallenden Backenbart; dann mit nach vorn gebeugtem Kopf, wie mit der Stirn gegen die Luft stoßend, glitt er eilig über das blinkende Parkett zwischen den Paaren durch, mit zwei Fingern ein Endchen des grauen Bartes drehend; und willenlos schwebte hinter ihm das engelhafte Wesen her, hinter ihr flatternd eine heliotropfarbene Schärpe; inspiriert durch den Flug seiner Tanzphantasie, flog Nikolai Petrowitsch Zukatow blitzartig in die Richtung des Tapeursitzes und brüllte wie ein Löwe durch den Saal:

»Pas — de — quatre, s’il vous plait!«

Und hinter ihm her flog willenlos das engelhafte Geschöpf.

Rauchwolken von Zigaretten stiegen im Rauchzimmer auf; Rauchwolken stiegen im Vorzimmer auf. Hier streifte ein kleiner Kadettenschüler seinen Handschuh von der Hand und fächelte sich mit ihm Luft zu; zwei kleine Mädchen, eng umschlungen, flüsterten hier einander Geheimnisse, die vielleicht soeben aufgetaucht waren; die Schwarzhaarige sagte es der Blonden, und die Blonde kicherte und knapperte erregt an ihrem duftigen Batisttüchlein.

Im Vorzimmer stehend, konnte man auch einen Blick in das von Gästen vollgestopfte Speisezimmer werfen; dort wurden Butterbrote, Früchte in großen Schalen, Wein und Brauselimonade herumgereicht.

In dem grell erleuchteten Saal blieb jetzt der Tapeur ganz allein zurück; er legte seine Noten zurecht, trocknete sich sorgfältig die heißen Finger, fuhr mit einem weichen Läppchen über die Tasten, legte die Notenhefte säuberlich übereinander und ging, einem langbeinigen, schwarzen Vogel gleich, ein wenig unentschlossen — während die Diener ungeachtet seiner Anwesenheit im Saal die Fenster zum Lüften öffneten — in die Richtung des lackierten Vorzimmers.

Dort weiter irrte auch der Professor der Statistik einher, der bis dahin (wie auf Kohlen) im Salon gesessen war; er stieß jetzt auf den liberalen Leiter einer Kreisverwaltung, der einsam und gelangweilt im Durchgang stand, erkannte ihn, lächelte ihm freundlich zu, und wie geängstigt, daß dieser ihm davonlaufe, ergriff er mit zwei Fingern einen Knopf dessen Rockes, gleichsam als Rettungsanker; und nun hörte man:

»Nach den Ergebnissen der Statistik . . . Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Holländers . . .«

Und wieder hörte man:

»Der jährliche Salzverbrauch eines normalen Spaniers . . .«

»Nach den Ergebnissen der Statistik . . .«

Als klagte jemand

In diesem Augenblick sprang ein zehnjähriges Mädchen aus dem Mittelzimmer heraus; es sah in den soeben noch vollen, jetzt durch Leere schimmernden, verlassenen Saal. Am Eingang des Vorraumes ging leise die Tür auf; der geschliffene, diamantensprühende Türgriff bewegte sich geheimnisvoll, und in den schmalen Raum zwischen Tür und Wand schob sich vorsichtig eine schwarze Maske herein; zwei glänzende Funken leuchteten durch die Augenausschnitte derselben.

Das zehnjährige Kind gewahrte diese Maske mit den zwei bös funkelnden Punkten in den Ausschnitten, dann einen wallenden schwarzen Spitzenbart und schließlich einen atlasrauschenden, faltenreichen Domino; erschreckt führte das Kind die Finger zu den Augen, dann aber lächelte es freudig, klatschte mit den Händchen und lief mit dem Schrei: . . . »Die Masken sind angekommen!« durch die Flucht der Zimmer, in deren bauschigen Tabaksrauchwolken sich die Gestalt des Professors mit seinen Elefantenbeinen nebelhaft zeichnete.

Der Kreisverwaltungsbeamter, der inzwischen festen Fuß gefaßt hatte, sah verwundert den Domino an und faßte sich aus Verlegenheit wieder an den Bart; der Domino aber flehte ihn gleichsam stumm an, ihn nicht aus dem Hause in den Schmutz der Petersburger Straßen, in den bösen, dicken Nebel zu jagen.

»Sagen Sie, bitte, sind Sie eine — Maske?«

Schweigen.

Die Maske flehte; schweigend irrte sie durch den Saal.

Aus der Ferne kam inzwischen eine zwitschernde Schar, um den Domino zu sehen; doch bei seinem Anblick verstummte das lustige Gezwitscher und ging in ein hauchendes Flüstern über; endlich verstummte auch das Flüstern; eine schwere Stille trat ein.

Der arme Domino: als wäre er bei einem Vergehen ertappt — er neigte sich vor, und sein vorgestreckter roter Arm flehte gleichsam alle an, ihn nicht aus dem Hause in den Petersburger Straßenschmutz, in den bösen, feuchten Nebel zu jagen.

»Sag, Domino, bist du es am Ende, der durch die Petersburger Straßen herumläuft?«

»Meine Herrschaften, haben Sie heute die ‚Tagesneuigkeiten‘ in der Zeitung gelesen?«

»Warum?«

»Aber da steht wieder etwas über den roten Domino.«

»Meine Herrschaften, das ist alles Unsinn.«

So rief über die bunten Köpfchen der jungen Mädchen der kleine Kadett hinweg und richtete, sicher zielend, eine Papierschlange gegen den Domino. Einen Augenblick schwebte der papierene Bogen in der Luft; als sein Ende mit leichtem Knistern die Maske erreichte, schrumpfte der Bogen zusammen und fiel schlaff auf den Boden; diesen Scherz ließ der Domino unbeantwortet und streckte nur flehend die Arme vor.

»Gehen wir, meine Herrschaften.«

Und die Schar lief davon.

Eine kleine vertrocknete Gestalt

Er hatte sich selbst vergessen; er vergaß seine Gedanken und vergaß seine Hoffnungen; er weidete sich an der Rolle, die er sich selbst zugedacht hatte: das gottähnliche, leidenschaftslose Wesen war verschwunden; geblieben war nur die nackte Leidenschaft; und diese Leidenschaft wurde zu Gift.

Als hätte er all die letzten Tage seine Zaubermacht an ihr versucht; indem er die Arme aus den Fenstern des gelben Hauses ihr entgegen ausgestreckt, indem er seine kalten Arme gegen die Newanebel über dem Granit ausstreckte. Er suchte das von ihm in Gedanken hervorgerufene Bild liebend zu fassen; um sich zu rächen, wollte er die vor ihm schwebende Silhouette erwürgen; deswegen breiteten sich all diese Tage auch ihre kalten Arme aus, Raum gegen Raum; deswegen klangen ihr all diese Tage über in den Ohren wie aus der Ferne kommende, unirdische Liebesbeschwörungen, pfeifende Schwüre und keuchende Leidenschaftsworte; deswegen hörte sie unverständliches Summen, und deswegen flochten zu ihren Füßen knisternde Blätter Girlanden aus Worten . . .

An sein Ohr drangen ferne Stimmen, und langsam wandte er sich um; undeutlich und unklar — ganz, ganz weit von ihm — schritt eine kleine, trockene Gestalt durch den Saal, haarlos, bartlos, ohne Brauen über den Augen, seltsam. Nikolai Apollonowitsch konnte durch die Maske nur mit Mühe die Einzelheiten der Erscheinung sehen, denn das Blicken durch dieselbe verursachte ihm Schmerz (außerdem war er kurzsichtig); er sah nur die Konturen grünlicher Ohren; kurz, er erblickte vor sich den Vater: mit den Ringen seiner Uhrkette spielend, starrte Apollon Apollonowitsch mit schlecht verborgener Angst, auf die plötzlich aufgetauchte Maske; er dachte, ein boshafter Spaßvogel wollte ihn, den Höfling, durch die symbolische Farbe seines grellroten Kleides terrorisieren . . .

Unerwartet vernahm man das Lachen nahender Gäste; das Zimmer füllte sich mit Masken; eine Schar schwarzer Kapuziner sprang herein; sie bildeten sofort einen Kreis um ihren roten Genossen und begannen einen wilden Reigen zu tanzen; die Atlasschöße ihrer schwarzen Gewänder flogen auf und nieder; dazu hüpften die Spitzen der Kapuzen drollig im Takt, und vorn an der Brust baumelten die gestickten, auf zwei gekreuzten Knochen ruhenden Totenschädel.

Der rote Domino machte sich von der ihn umringenden Schar frei und lief aus dem Saal; lachend folgte ihm die schwarze Kapuzinerschar; so liefen sie durch den weiten Vorraum ins Speisezimmer; die um die Tische Sitzenden dort begrüßten sie, indem sie mit den Tellern klapperten.

Nur einer sagte:

»Meine Herrschaften, es ist zuviel . . .«

Pompadour

Engel Peri stand vor dem etwas schräggehängten, ovalen Spiegel: alles lief in ihm nach unten; die Zimmerdecke, die Wände, der Fußboden, und dort gleich einer Fontäne von duftigen Gegenständen, aus dem Meerschaum, aus Spitzen und Mull trat sie selbst hervor, eine Schönheit mit hochgewelltem Haar und einem Schönheitspflästerchen auf der Wange: Madame Pompadour!

Und ihre Haare, ganz in Locken gedreht, nur leicht von einem Band gehalten, waren wie Schnee; und fein waren die Fingerchen, die jetzt die Puderquaste hielten; die schmale himmelblaue Taille war ein wenig nach links gebeugt, die Hand hielt eine kleine schwarze Maske; aus dem engen, tiefausgeschnittenen Mieder blickte, wie hauchüberzogen, atmend, lebendigen Perlen gleich, der Busen; an den schmalen, seiderauschenden Ärmelchen wogten in Wellen Valencienner Spitzen; Valencienner Spitzen wogten auch sonst überall, an dem Ausschnitt, unter dem Ausschnitt; der Panierrock wiegte sich unter dem Mieder, wie vom Windhauch getragen wiegte er sich, spielend mit Volants und flimmernd mit der Silbergirlande der Festons; silberne Schuhchen an den Füßen und jedes verziert mit einer Silberquaste. Aber seltsam: Sofja Petrowna sah in ihrer Robe gealtert und weniger hübsch aus; statt des kleinen rosigen Mündchens hoben sich die unschön abstehenden, allzu roten, allzu schweren Lippen vom kleinen Gesichtchen ab; und als die Augen zu schielen begannen, zeigte Madame Pompadour etwas Hexenhaftes: in diesem Augenblick steckte sie den Brief hinter das Mieder.

Im selben Augenblick auch sprang Mawruscha herein und brachte einen Stab aus hellem Holz mit goldenem Griff und flatternden Bändern; während aber Madame Pompadour den Stab nahm, blieb in ihrer Hand ein Zettelchen zurück, von ihrem Gatten; darauf stand: »Wenn Sie abends fortgehen, kehren Sie nicht mehr in mein Haus zurück. Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin.«

Dieser Zettel war natürlich an Sofja Petrowna Lichutina, nicht an Madame Pompadour, gerichtet; Madame Pompadour lächelte verächtlich; sie sah in den Spiegel, in die Tiefe, in das matte Grün: dort weit, weit zogen leichte, rauschende Wellen dahin; und aus dieser grünlichen, blassen Tiefe mit dem grellen Fleck des roten Lampenschirms tauchte — plötzlich, ein Wachsgesicht auf, und Sofja Petrowna drehte sich um.

Vor ihr stand ihr Gatte, der Offizier; aber wieder lächelte sie verächtlich, hob leicht ihren spitzenverzierten Panierrock an den Festons und schritt knicksend zurück; ein leichter Zephir hob sie vor ihm auf seinen Schwingen davon, und ihr Reifrock wiegte sich gleichmäßig wie eine Glocke und rauschte in süßem Zephirhauch; in der Tür wandte sie ihm das Gesicht zu und machte dem Offizier mit der Hand, die die schwarze Maske hielt, schelmisch lächelnd, eine lange Nase; hinter der Tür hörte man dann lautes Lachen und den lauten wie sonst ausgesprochenen Befehl:

»Marwruscha, den Mantel!«

Da lief Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, Leutnant des Gr. Göreischen, Seiner Majestät Regiment, blaß wie der Tod, doch ganz ruhig, mit ironischem Lächeln der graziösen Maske vor, schlug die Sporen aneinander und blieb ehrfurchtsvoll wartend, mit dem befohlenen Mantel in der Hand vor seiner Gattin stehen; mit noch größerer Ehrfurcht warf er ihr den Pelz um, riß weit die Flügeltür vor ihr auf, mit verbindlichem Lächeln mit der Hand nach außen zeigend, in die farblose Dunkelheit; und wie sie rauschend, mit hochgehobener Stirn, an dem ergebenen Diener vorbeischritt — schlug Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin nochmals die Sporen aneinander und machte wieder eine tiefe Verbeugung. Die dunkelfarbene Finsternis ergoß sich über sie — von allen Seiten ergoß sie sich: Lange, lange noch hörte man das Rauschen auf der Treppe, denn fiel unten die Tür zu; Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin aber kehrte in die Wohnung zurück und begann mit denselben übertriebenen scharfen Bewegungen überall die elektrischen Lichter zu löschen.

Das Verhängnisvolle

»Komm mit mir!« bedrängte eine Madame Pompadour Nikolai Apollonowitsch, und da er Madame Pompadour nicht erkannte, gab er nur unwillig den Arm; unmerklich spöttisch sah sie ihren roten Kavalier an, und mit zurückgeworfenem Kopfe legte sie eine Hand in seinen Arm, indessen die andere den Rocksaum aus hellblau flatterndem Duft hielt und ein reizvolles, silbernes Schuhchen hervorlugen ließ.

Und nun begann man zu tanzen:

Eins — zwei — drei — und die Taille bog sich, das Füßchen lugte hervor . . .

»Erkennst du mich?«

»Nein.«

»Du scheinst jemand zu suchen?«

Eins — zwei — drei — und wieder ein Wiegen der Taille wie ein Vorschieben des Füßchens.

»Ich habe einen Brief für dich.«

Dem ersten Paar — Domino und Marquise — folgten Harlekine, Spanierinnen, perlmutterblasse Fräuleins, Juristen, Husaren und willenlose Mullgeschöpfe: Nackte Schultern, silberige Rücken und Schärpen.

Allmählich legte sich die eine Hand des roten Dominos um ihre hellblaue Taille, und während er mit der zweiten die der Dame ergriff, ließ diese den Brief in seine Hand übergleiten; und im gleichen Augenblick legten sich dunkelgrüne, schwarze und husarenrote Arme aller anderen Kavaliere um die schlanken, weißen, heliotropfarbenen, seidenknisternden Gewänder, und alles begann sich im Tanze zu drehen.

Der weißbärtige Wirt aber brüllte:

»A vos places!«

Und hinter ihm her flog ein willenloser Backfisch.

Apollon Apollonowitsch

Apollon Apollonowitsch erholte sich von seinem Herzanfall; er schämte sich seiner Angst — und trat in den Salon; alle erhoben sich bei seinem Erscheinen von den Plätzen, und Lubow Aleksejewna ging ihm entgegen; der Statistikprofessor bewegte sich ruhelos auf seinem Platze und stammelte:

»Ich hatte schon einmal die Ehre gehabt; ich wollte Sie, Apollon Apollonowitsch, in einer Angelegenheit . . .«

Der Wirtin die Hand küssend, antwortete Apollon Apollonowitsch etwas trocken:

»Ich bin im Departementsbureau zu sprechen.«

Zerstreut warf inzwischen die Wirtin ihrem Partner zu:

»Und was meinen Sie, bitte . . .«

Da trat ein Neuer ein: ein schweigsames, bewegliches Herrchen mit riesiger Warze unter der Nase; er winkte wie aufmunternd dem Senator zu, lächelte und rieb sich die Finger; mit zweideutig sanfter Miene führte er den Senator beiseite:

»Ja, sehen Sie, Apollon Apollonowitsch . . . Der Direktor des N.-Departements trug mir auf . . . na, wie soll ich es sagen . . . an Sie eine etwas heikle Frage zu richten . . .«

Weiter konnte man nichts hören; man sah nur, wie das kleine Herrchen etwas in das blaßgrünliche Ohr flüsterte und plötzlich Apollon Apollonowitsch ängstlich dazwischenwarf:

»Sprechen Sie also geradeheraus . . . mein Sohn?«

Wieder ein Flüstern; der Senator fragte:

»Der Domino, sagen Sie?«

»Der Domino — ebendieser dort.«

Mit diesen Worten zeigte das lebhafte Herrchen in den Nebenraum, wo der ruhelose Domino in Rot über das spiegelnde Parkett tanzend dahinglitt.

Der Skandal

Nachdem sie den Brief übergeben hatte, schlich sich Sofja Petrowna von ihrem Kavalier fort, kraftlos ließ sie sich auf ein weiches Taburett nieder; ihre Arme und Beine versagten den Dienst.

Was hatte sie gemacht?

Sie sah, wie der rote Domino aus dem Tanzsaal in das Nebenzimmer lief, wie er dort in einer Ecke das Briefchen entfaltete; um die kleine Schrift besser zu lesen, schob er seine Maske auf die Stirn; die Spitzen des Bartes legten sich wie schwarze, flatternde Flügel auf beide Seiten des Kopfes; aus den flatternden Flügeln aber blickte ein wächsernes, unbewegliches Gesicht mit vorstehenden Lippen; die Hand bebte, und auch der Brief, den die Finger hielten, zitterte; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Der rote Domino sah nicht Madame Pompadour, die ihn aus der Ecke beobachtete; er ging vollends im Lesen des Briefes auf; da trat plötzlich jemand herein; der Domino verbarg mit nervöser Bewegung das Billett in den Atlasfalten; die Maske aber vergaß er herunterzuziehen. Und so stand er da, mit auf die Stirn geschobener Larve, halboffenem Munde und nichtssehendem Blick.

Vom Tanzen erhitzt, lief ein kleines Mädchen, Kühlung suchend, herein; sie stieß beinahe in der Tür den liberalen Leiter der Kreisverwaltung um, eilte dann zum Spiegel, richtete das Bändchen im Haar, schnürte das weiße, seidene Schuhchen fester und begann mit ihrer Freundin Heimliches zu flüstern.

Umsehend gewahrte sie den roten Domino mit offenem Gesicht und rief:

»Sie sind es also? Guten Abend, Nikolai Apollonowitsch. Wer hätte es nur gedacht!«

Sofja Petrowna sah, wie schmerzhaft Nikolai Apollonowitsch dem Mädchen zulächelte; dann verließ er mit scharfem Ruck seinen Platz und ging eilig in den Saal.

An herumstehenden Masken; und tanzenden Paaren vorbei rannte Nikolai Apollonowitsch mit zitternden Beinen immer weiter, und hinter ihm her rauschte der karminrote Atlas, bei dessen Anblick man unwillkürlich an Blut denken mußte.

Diese Flucht des roten Dominos mit nach oben geschobener Maske, unter der das Gesicht Nikolai Apollonowitschs zu sehen war, gestaltete sich zu einem wahren Skandal; die Tanzenden verließen ihre Plätze, die Damen sahen ihm mit weit aufgerissenen Augen nach. Der Leibhusar Sporyschow ergriff den laufenden Ableuchow an der Hand und fragte flehend: »Um Gottes willen, Nikolai Apollonowitsch, was ist geschehen?« — Doch wie ein gehetztes Tier sah ihn dieser mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck an, versuchte zu lächeln, ohne daß daraus ein Lächeln wurde, und stürzte, sich losreißend, weiter.

Dieser Zwischenfall im Tanzsaal lenkte auch die Aufmerksamkeit des Salons auf sich; die schwerfälligen Salonbesucher drängten sich, beschienen vom bläulichen Lichte, in die Tür, neugierige Blicke in den Tanzsaal richtend. Aus dieser Gruppe hob sich des Senators kleine, vertrocknete Gestalt mit wie aus papiermachébleichem Gesicht, mit festeingezogenen Lippen und grünlichen, abstehenden Ohren: genau so war er kürzlich auf dem Titelblatt eines humoristischen Straßenblättchens dargestellt gewesen.

Wie aber wenn . . .?

Sofja Petrowna Lichutina blieb mitten im Saale stehen.

Erst jetzt wurde ihr ihre furchtbare Rache klar; erst jetzt verstand sie deutlich den Inhalt des Briefchens: begriff, daß der Brief Nikolai Apollonowitsch aufforderte, die mit einem Uhrmechanismus versehene Bombe, die sich angeblich in seinem Schreibtisch befand, gegen — dies war kaum mißzuverstehen — gegen den Senator zu werfen (denn Apollon Apollonowitsch wurde allgemein der Senator genannt).

Sofja Petrowna stand verloren mit leicht zur Seite geneigter Taille unter den Masken und bemühte sich, das Ganze zu begreifen; gewiß, es war ein boshafter und gemeiner Scherz von jemand, und von ihrer Seite die Lust, ihn durch diesen Scherz zu erschrecken: er war ja doch . . . der schuftige Feigling. Wie aber, wenn . . . Nikolai Apollonowitsch wirklich in seinem Tische einen so furchtbaren Gegenstand liegen hat? Und wenn man das erfährt? Und ihn jetzt gleich festnehmen wird? . . . Verloren stand Sofja Petrowna unter den Masken, mit himmelblauer Taille und silbergrauen, üppigen Locken.

Überall hörte man ein Flüstern, ein Murmeln.

»Nein, haben Sie es gesehen? Verstehen Sie es? Was?«

»Ich habe es immer gesagt, ma chère: sein Sohn wird ein Schuft. Und auch Tante Lise und Mimi und Niklas — sie alle sagten es ebenfalls.«

»Arme Anna Petrowna: ich verstehe sie! . . .«

»Ach, wir verstehen sie alle.«

»Da kommt er selbst, da kommt er . . .«

»Er hat schreckliche Ohren . . .«

»Es heißt, er wird Minister . . .«

»Er wird das Land zugrunde richten . . .«

»Man muß es ihm sagen . . .«

Wie aber, wenn . . . wenn Nikolai Apollonowitsch in seinem Schreibtisch eine Bombe liegen hat? Das kann ja bekannt werden; er kann ja auch selbst einmal gegen den Tisch stoßen . . . Abends sitzt er vielleicht an diesem Tische vor einem Buche. Eine Bombe — das ist etwas Rundes, was nicht berührt werden darf. Sofja Petrowna fuhr zusammen. Einen Augenblick lang sah sie deutlich Nikolai Apollonowitsch vor sich, wie er bei ihr, sich die Hände reibend, vor dem Teetisch sitzt; auf dem Tisch steht das Grammophon und schleudert gegen sie leidenschaftliche, italienische Liebeslieder; ach, warum mußten sie sich zanken! Wozu die alberne Geschichte mit dem Brief, dem Domino und alles andere? . . .

Wie aber, wenn . . . der Brief kein Scherz war, wenn er . . . wirklich verurteilt ist . . . Nein, nein, nein! Solche Schrecknisse gibt es nicht in der Welt; nicht einmal unter Tieren fänden sich solche, die einen wahnsinnigen Sohn zwingen würden, gegen den Vater die Hand zu erheben. Das waren Albernheiten der Freunde. Wie dumm war sie doch — vor einem einfachen Spaß zu erschrecken! Aber: auch ihn erschreckte der Scherz der Freunde; er war doch ganz einfach ein Feigling: auch damals, am Kanal, lief er nicht vor dem Signal des Polizisten davon?

Er benahm sich damals nicht wie ein Held: er rutschte aus, fiel hin, und so prosaisch lugte unter dem Atlas die gewöhnliche, graue Hose hervor . . . Und auch jetzt: er lachte nicht über den naiven Scherz der revolutionären Freunde, er erkannte die Überbringerin nicht; er rannte durch den Saal ohne Maske, machte sich zum Lachobjekt aller Herren und Damen. Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch mußte diesem Feigling eine Lektion erteilen! Ssergeij Ssergeijewitsch muß den Feigling herausfordern . . .

Der Leutnant! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch! Der Leutnant Ssergeij Ssergeijewitsch führte sich seit dem gestrigen Abend in unanständigster Weise auf; er brummte sich etwas in den Bart und ballte die Faust; er wagte es, in bloßer Unterhose zu ihr ins Schlafzimmer zu treten, und wagte es dann, hinter ihrer Wand bis zum frühen Morgen auf und ab zu schreiten.

Undeutlich fiel ihr das gestrige wahnsinnige Schreien, fielen ihr die blutangelaufenen Augen ein, die auf den Tisch donnernde Faust: ist Ssergeij Ssergeijewitsch am Ende vom Wahnsinn befallen worden? Er schien ihr schon seit langem verdächtig: verdächtig schien ihr seine Schweigsamkeit in den letzten drei Monaten; verdächtig schien ihr dieser dienstliche Eifer. Ach, sie war so einsam und arm: und jetzt brauchte sie so sehr eine feste Stütze; wie wünschte sie, ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, hätte sie wie ein Kind in seine Arme genommen und von hier weggetragen . . .

Sofja Petrowna fuhr zusammen, da sie sich der Geste erinnerte, mit der er ihr gestern den Abendmantel gereicht und die Tür devot geöffnet hatte. Wie mochte er hinter ihrem Rücken dann gestanden haben! Wie verächtlich aber hatte sie ihm ins Gesicht gelacht, und wie sie dann mit leicht gerafftem Panierrock knicksend an ihm vorbeigegangen war (ach, warum hatte sie nicht auch bei der Übergabe des Briefes vor Nikolai Apollonowitsch einen Knicks gemacht: das Knicksen stand ihr doch sehr gut!), wie sie sich dann in der Tür umgedreht und dem Offizier eine lange Nase gemacht hatte! Und jetzt: sie ängstigte sich doch ein bißchen, nach Hause zurückzukehren . . .

Geärgert stampfte sie mit dem Füßchen.

»Na, warte, du sollst es schon sehen!«

Und doch war es ihr ängstlich zumute, nach Hause zurückzukehren.

Aber noch ängstlicher, hier noch länger zu verweilen; denn schon waren die meisten der Gäste fort, der gutmütige Wirt trat, ein wenig niedergedrückt, bald zu dem einen, bald zu dem anderen der übriggebliebenen Gäste und erzählte irgendeine Anekdote; dann sah er sich verwaist in dem immer leerer werdenden Saale um, sah die kleine Schar der noch anwesenden Harlekine und Narren, und sein Blick bat unverhohlen, den Rest der Fröhlichkeit doch nun aufzugeben.

Der weiße Domino

Es war höchste Zeit, das Haus zu verlassen. Einsam und aufgeregt schlich sich Sofja Petrowna durch die fast leeren Säle. Plötzlich erblickte sie in der Ferne einen weißen Domino, der jetzt gerade aufgetaucht zu sein schien, und:

jemand, traurig und schlank, jemand, den sie unzählige Male gesehen zu haben glaubte, auch vor kurzem, auch heute — jemand, traurig und schlank, ganz in weißen Atlas gehüllt, schritt ihr durch die leeren Säle entgegen; durch die Ausschnitte der Maske ergoß sich auf sie das helle Licht seiner Augen; es schien ihr, als strahlte trauriges Licht von seiner Gestalt, von seinen knöchernen Fingern . . .

Und vertrauensvoll rief Sofja Petrowna dem lieben Domino zu:

»Ssergeij Ssergeijewitsch! . . . Ssergeij Ssergeijewitsch!«

Kein Zweifel, es war Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin; er hatte den gestrigen Auftritt bereut; er kam — um sie abzuholen.

Sofja Petrowna rief noch einmal dem lieben Domino zu — dem Schlanken, Traurigen:

»Sie sind es doch? Sie?«

Doch der Schlanke, Traurige schüttelte langsam den Kopf und legte die Finger an den Mund, wie zum Schweigen auffordernd.

Vertrauensvoll streckte sie dem Kostümierten ihre Hand entgegen: wie schimmerte doch der weiße Atlas, wie war er kühl! Ihr himmelblauer Arm legte sich, willenlos, auf den weißen des Dominos.

Nie hatte sie Ssergeij Ssergeijewitsch so glänzend gesehen, während sie flüsternd bat:

»Sie haben mir verziehen?«

Durch die Maske kam ein Seufzer als Antwort.

»Wir werden uns jetzt versöhnen?«

Aber der Schlanke, Traurige schüttelte langsam den Kopf.

»Warum schweigen Sie?«

Aber der Schlanke, Traurige, legte wieder den Finger an den Mund.

»Sind Sie es, Ssergeij Ssergeijewitsch?«

Aber der Schlanke, Traurige befahl ihr zu schweigen.

Sie traten bereits ins Vorzimmer hinaus; das Unaussprechliche umgab sie, Unaussprechliches stand zwischen ihnen; Sofja Petrowna nahm ihre Maske ab und versank im liebkosenden Pelz; der Schlanke, Traurige zog seinen Wintermantel an, nahm aber die Maske nicht ab. Verwundert sah sie auf ihn: ihm wurde kein Offiziersmantel gereicht, sondern ein schäbiges Mäntelchen, aus dessen Ärmeln die schmalen Hände seltsam hervortraten, sie an Lilien erinnernd. Unter den verwunderten Blicken der Diener schmiegte sie sich nahe an ihn; das Unaussprechliche umgab sie, das Unaussprechliche stand zwischen ihnen.

Aber auf der Schwelle schüttelte der Schlanke, Traurige mit dem Kopfe und befahl ihr zu schweigen.

Der Himmel war schon gestern gegen Abend ganz schmutzig gewesen; über Nacht ließ sich der Schmutz auf die Erde nieder; und der Nebel und alles verwandelte sich dann in schwärzliche Dunkelheit, aus der schreiend grell die braunroten Flecken der Laternen hervorstachen. Sofja Petrowna sah vor sich die unklaren Abrisse der langen Gestalt, und flehend bat sie ihn:

»Ich möchte eine Droschke.«

Die lange Gestalt ihres unbekannten Begleiters, eine abgetragene Mütze über den Kopf gestülpt, schwenkte den Arm gegen den Nebel, eine Droschke kam langsam näher.

Sofja Petrowna verstand nun alles; die traurige Erscheinung hatte eine wundervolle, kosende Stimme — eine Stimme, die sie unzählige Male gehört; erst vor kurzem, erst heute; ja, heute: im Traum; und sie hatte sie vergessen, wie sie vergessen hatte — den Traum selbst . . .

Er hatte eine wundervolle, kosende Stimme, aber . . . kein Zweifel; es war nicht die Stimme Ssergeij Ssergeijewitschs. Sie aber hatte gehofft, sie aber hatte gewünscht, dieser herrliche, freundliche, ihr fremde Mensch, wäre ihr Gatte gewesen. Aber ihr Gatte war nicht gekommen, hatte sie nicht aus der Hölle geholt; ein Fremder hatte es getan.

Wer mochte er sein? Wer?

Die unbekannte Gestalt erhob mehrmals die Stimme: die Stimme wuchs, wuchs und wuchs, und es schien, als wachse jemand riesengroß unter der Maske.

»Wer sind Sie doch?«

»Ihr alle verleugnet mich; ich aber folge euch allen. Ihr verleugnet mich, um dann nach mir zu rufen . . .«

Die lichte Erscheinung half ihr in die Droschke; als sie ihm aber flehend die zitternden Hände entgegenstreckte, legte er wieder den Finger auf die Lippen und befahl ihr zu schweigen.

Der Wagen bewegte sich bereits: o, wäre er doch stehengeblieben! Oder wäre er doch, o, zurückgekehrt — zu jener Stelle, wo soeben noch der Schlanke, Traurige stand, wo jetzt aber niemand war und nur eine Laterne mit ihrem grellen, trüben Auge in die Nacht blinkte.

Sie vergaß das, was war

Sofja Petrowna Lichutina vergaß das, was war. Ihre Zukunft verlor sich in der schweren, dunklen Nacht. Das Nicht-mehr-gut-zu-Machende nahte sich ihr, das Nicht-mehr-gut-zu-Machende erfaßte sie.

Mitsamt einem Stück ihrer nahen Vergangenheit löste sich der gestrige Tag von ihrem Bewußtsein; Unannehmlichkeiten mit dem Gatten; Unannehmlichkeiten mit Madame Farnoix: als sie tiefer gehen wollte und das Bewußtsein befragte — da löste sich der gestrige Tag los, wie sich ein Stück Erde manchmal loslöst; er löste sich los und versank in einer dunklen Tiefe. Man hörte einen Laut, als würden Steine zerschlagen.

Vor ihr erstand ihre Liebe von diesem unglücklichen Sommer; und auch die Liebe dieses unglücklichen Sommers löste sich wie alles andere und versank in einem dunklen Abgrund; und wieder hörte man einen Laut, als würden Steine zerschlagen. Es erstanden vor ihr, um gleich wieder zu versinken, ihre Gespräche mit Nikolai Ableuchow; es erstanden — um wieder zu versinken — die Jahre ihrer Ehe, ihre Brauttage, ihre Hochzeit: eine Leere verschlang diese Stücke ihrer Erinnerungen, und es tönten Laute, als zerschlüge jemand Steine. Ihr ganzes Leben flog an ihr vorbei, und dieses ganze Leben versank in einer Tiefe; als wäre es nie gewesen; als wäre sie selbst — ein noch nicht geborenes Seelenwesen. Hinter ihrem Rücken bereits begann diese Leere (denn alles war dort versunken und sank in einen dunklen Grund) und setzte sich in die Ewigkeit fort; und von den Ewigkeiten her tönte ein Schlag nach dem anderen: dort löste sich ein Stück nach dem anderen von ihrem Leben und fiel, laut aufschlagend, in einen dunklen Abgrund . . .

Plötzlich kam Sofja Petrowna zu sich: die Droschke überholend raste ein Feuerwehrwagen vorbei; ein Helm und eine brennende Fackel blitzten vor ihr für kurze Augenblicke auf; gleich darauf raste, klappernd und rasselnd, ein ganzer Feuerwehrzug vorbei.

»Brennt es irgendwo?« wandte sich Sofja Petrowna an den Kutscher.

»Ja, Herrin, wie es scheint, auf den Inseln.«

Das Gefährt hielt nun vor ihrem Hause.

Sofja Petrowna erinnerte sich da an alles: alles stand erschreckend prosaisch vor ihr. Die Masken erschienen ihr als einfache Spaßmacher; sicher waren es Bekannte, die auch ihr Haus öfters aufsuchten; der Traurige, Schlanke war wohl einer von ihren revolutionären Freunden (wie lieb es von ihm war, sie zur Droschke zu bringen). Geärgert biß sie sich auf die Lippen: wie konnte sie so ungeschickt ihn mit ihrem Gatten verwechseln? Und ihm sinnlose Bekenntnisse ins Ohr flüstern über irgendeine Schuld? Jetzt wird dieser unbekannte Bekannte allen Leuten den Unsinn überbringen, wird die Meinung verbreiten, sie fürchte sich vor ihrem Manne. Und dieser Klatsch läuft dann durch die ganze Stadt . . . Nein, Ssergeij Ssergeijewitsch, Sie werden mir gleich für diese unnötige Schmach bezahlen! . . .

Zornerfüllt stieß sie mit dem Füßchen gegen die Eingangstür; die Tür klappte mit lautem Krachen hinter ihrem Rücken zu. Finsternis umfing sie, das Unaussprechliche erfaßte sie wieder für einen Augenblick (so mußte es wohl im ersten Augenblick nach dem Tode sein). Aber Sofja Petrowna dachte nicht an den Tod, im Gegenteil, sie dachte an so einfache Dinge. Sie dachte daran, wie sie Mawruscha gleich befehlen würde, den Samowar aufzutragen, wie sie inzwischen ihrem Manne eine ordentliche Predigt halten würde (auf so was verstand sie sich: vier Stunden konnte sie es, ohne Aufatmen, fortsetzen), und wenn Mawruscha den Tee fertig serviert hatte — dann würde sie sich mit ihrem Manne versöhnen.

Sofja Petrowna klingelte. Gleich mußte sie den eiligen Schritt Mawruschas hinter der Tür vernehmen; aber sie hörte diesen eiligen Schritt nicht. Sofja Petrowna fühlte sich beleidigt und klingelte zum zweitenmal.

Mawruscha schläft natürlich; Sofja Petrowna braucht nur aus dem Hause zu gehen, da wirft sich die dumme Gans sofort ins Bett . . . Aber auch der Gatte, Ssergeij Ssergeijewitsch ist großartig: er wartete natürlich seit Stunden voll Ungeduld auf ihr Kommen, hörte das Läuten und merkte, daß die Bediente schlief. Und doch rührte er sich nicht! Der Herr ist beleidigt! Na, warte nur!

Du bleibst ohne Versöhnung und ohne Tee! . . .

Sofja Petrowna begann heftig zu läuten, einmal nach dem anderen, die Glocke prasselte nur so . . . Nichts, niemand! Sie neigte sich mit dem Ohr gegen das Schlüsselloch; und wie sie ihr Ohr lauschend am Schlüsselloch hatte, hörte sie hinter der Tür (in einem Werschok Entfernung) ganz deutlich: ein keuchendes Atmen und ein Reiben von Zündhölzern an der Schachtel: Herrgott Jesus Christus, wer mochte dort keuchen? Sofja Petrowna trat etwas zurück.

Mawruscha? Nein, sie war es nicht. Ssergeij Ssergeijewitsch? Ja, er war es. Aber warum schwieg er? Warum machte er nicht auf? Warum stand er hinter der Tür und keuchte?

Böses ahnend begann Sofja Petrowna, verzweifelt, an die filzbeschlagene Tür zu hämmern; Böses ahnend rief Sofja Petrowna:

»So macht doch auf!«

Hinter der Tür fuhr jemand fort keuchend zu atmen, regelmäßig und hastig:

»Ssergeij Ssergeijewitsch, lassen Sie es doch! . . .«

Schweigen.

»Sind Sie es? Was haben Sie?«

Ta — ta — ta — etwas wälzte sich von der Tür.

»Was ist denn los? Herrgott, ich fürchte mich, ich fürchte mich . . . Machen Sie doch auf, Liebling!«

Etwas heulte auf hinter der Tür und lief eilig in die inneren Zimmer; man hörte ein Rumoren, Stühle wurden geschoben; Sofja Petrowna glaubte die Lampe im Salon klimpern zu hören, dann wurde wieder ein Tisch geschoben. Einen Augenblick lang war dann alles ruhig.

Aber dann plötzlich hörte man ein furchtbares Krachen; wie wenn die Decke eingestürzt wäre und der Schutt nach unten fiele; unter den verschiedenen Tönen vernahm Sofja Petrownas Ohr mit Schrecken: das schwere Niederfallen eines menschlichen Körpers.

Unruhe

Apollon Apollonowitsch Ableuchow haßte im Grunde genommen das unvermittelte Sprechen, bei dem man in die Augen des Partners blicken mußte; das Sprechen mittels der Telephondrähte beseitigte diese Nachteile. Apollon Apollonowitsch horchte mit Vergnügen auf das Summen des Telephons.

Apollon Apollonowitsch ging zu Zukatows mit dem einzigen Vorhaben, dem Leiter eines gewissen Amtes einen Schlag zu versetzen. Diesem Amt hatte es in der letzten Zeit beliebt, mit einer radikalen Partei ein wenig zu kokettieren. Apollon Apollonowitsch haßte Kompromisse; und er wollte dem Parteileiter zeigen, wie er, einmal erst auf seinem hohen Posten, sich zum besagten Amtsleiter stellen würde . . .

Deswegen blieb Apollon Apollonowitsch den ganzen Abend bei Zukatows, vor sich das höchst widerliche Bild: konvulsivisch hüpfende Beine und blutrote, unangenehm knisternde Stoffe: solche roten Fetzen sah er schon einmal: auf dem Platze vor der Kathedrale: dort wurden diese Fetzen Fahnen geheißen.

Diese roten Fetzen hier, auf einem Tanzabend, bei dem das Haupt der Verwaltung anwesend war — schienen ihm ein unschicklicher, unwürdiger, schmachvoller Scherz, und die konvulsivisch tanzenden Beine riefen in ihm das Bild einer traurigen (aber unumgänglichen) Maßnahme hervor, durch die Staatsverbrechen unmöglich wurden.

In offensichtlicher Langeweile, mit kaum zu überwindendem Widerwillen, saß Apollon Apollonowitsch auf dem Stuhle, aufrecht wie ein Stock, ein kleines Porzellantäßchen in den winzigen Händchen. Gegen den bunten, bucharischen Teppich stemmten sich in perpendikulärer Richtung die dünnen Beinchen, deren untere Teile mit den Schenkeln einen geraden Neunziggradwinkel bildeten; perpendikulär zu der Brust streckten sich die dünnen Arme nach dem Porzellantäßchen vor. Apollon Apollonowitsch Ableuchow, die erstklassige Persönlichkeit, glich einer auf den Teppich gemalten Ägypterfigur — eckig, breitschulterig, jede anatomische Regel verleugnend.

Die Mitteilung des kleinen, unscheinbaren Herrchens wirkte auf Apollon Apollonowitsch wie ein Schlag: der blutrote unangenehme Domino, der hirnlose Narr, der ihm am meisten auf die Nerven fiel — sein leiblicher Sohn . . . Nein, nein — nein, nein: der Domino sein leiblicher Sohn! . . .

Ist er auch wirklich sein Sohn? Sein leiblicher Sohn kann ja einfach nur der Sohn Anna Petrownas sein; durch Überwiegen in den Adern des mütterlichen Blutes. Das mütterliche Blut hat das reine Ableuchowsche Geschlecht verunreinigt, indem es dem berühmten Manne einen unsauberen Sohn geschenkt hat. Nur ein unsauberer Sohn, ein Bastard, konnte Dinge treiben wie diese.

Am meisten empört war Apollon Apollonowitsch, daß der widerwärtige, dort hüpfende Domino (Nikolai Apollonowitsch), wie ihm das kleine Herrchen berichtete, bereits eine ebenso widerwärtige Vergangenheit hatte, daß über sein Treiben die jüdische Presse bereits geschrieben hatte; Apollon Apollonowitsch bedauerte, nicht in die »Tagesneuigkeiten« der Zeitungen hineingesehen zu haben.

Mit rascher Bewegung erhob sich Apollon Apollonowitsch und lief in das Nebenzimmer, um dort den Domino ausfindig zu machen; aber aus demselben kam mit eiligen, eiligen Schritten ein kleiner, glattrasierter Gymnasiast im Salonrock auf ihn zu, und Apollon Apollonowitsch war nahe daran, ihm aus Zerstreutheit die Hand zu reichen; der glattrasierte Gymnasiast erwies sich bei näherer Betrachtung als Senator Ableuchow selbst: in der Eile war der Senator beinahe in den Spiegel hineingerannt.

Apollon Apollonowitsch wandte dem Spiegel den Rücken zu; und — dort, dort: im Zimmer, zwischen Saal und Salon, sah Apollon Apollonowitsch den widerlichen Domino (den Bastard), der in das Lesen eines (sicher widerlichen) Briefes (sicher unanständigen Inhalts) vertieft war. Apollon Apollonowitsch hatte nicht den Mut, den Sohn zur Rede zu stellen.

Bald vernahm Apollon Apollonowitsch ein Murmeln und Flüstern und merkte da und dort ein spöttisches Lächeln; er bemerkte auch, daß das konvulsivische Tanzen plötzlich aufgehört hat; das beruhigte für einen Augenblick sein aufgewühltes Gemüt. Aber dann ging es wieder mit erschreckender Klarheit durch seinen Kopf: sein Sohn sei ein ganz miserabler Kerl; denn nur ein ganz miserabler Kerl konnte sich in so abscheulicher Weise aufführen: einige Tage hintereinander einen roten Domino anziehen, einige Tage hintereinander eine Maske vors Gesicht binden; einige Tage hintereinander die jüdische Presse in Aufregung halten . . .

Apollon Apollonowitsch gedachte jetzt auf seinen Posten verzichten zu müssen: er konnte den Posten nicht annehmen, ehe er die Schmach weggewaschen hatte, die seinem Geschlecht durch das Benehmen des Sohnes (immerhin ein Ableuchow) zugefügt wurde . . .

Mit diesen trüben Gedanken reichte er den Anwesenden seinen Finger und lief, von Wirt und Wirtin geleitet, aus dem Salon. Und als er in seinem Lauf durch den Tanzsaal angsterfüllt gegen die Wände blickte — dabei fand er den hellerleuchteten Saal viel zu groß —, sah er deutlich, wie ein Häufchen grauer Matronen miteinander tuschelte.

An Apollon Apollonowitschs Ohr gelangte nur das Wort — Hühnchen.

Apollon Apollonowitsch haßte die Hühnchen, die mit weggeschnittenen Köpfen in den Basaren verkauft werden.

Der Brief

Nikolai Apollonowitsch befand sich in einem dunklen Traum, im dunkelsten Naßkalt der Straße, in das die Laterne hartnäckig einen rötlichen Fleck hineinzuleuchten bemüht war.

Nach ein paar Schritten bemerkte Nikolai Apollonowitsch mit Gleichmut, daß ihm die Beine fehlten; unordentlich patschten durch den Schmutz weiche Körperteile; vergeblich bemühte er sich, diese weichen Körperteile in gewünschter Richtung zu bewegen; sie weigerten sich, ihm zu gehorchen; sie hatten wohl äußerlich die Form von Beinen: aber Beine waren es nicht; unwillkürlich ließ sich Nikolai Apollonowitsch auf eine Stufe vor dem Nachbarhause nieder; so saß er, gehüllt in seinen Wintermantel, wohl eine Minute lang.

Das war ganz natürlich in seiner Lage (sein ganzes Benehmen war durchaus natürlich); ebenso natürlich war es, daß er den Mantel aufschlug, in den Taschen suchte und das Briefchen hervorzog; wieder und wieder las er es, bemüht, darin eine Spur von Scherz oder Spott zu entdecken; aber nichts davon gelang ihm . . .

»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages teilen wir Ihnen mit, daß der Würfel nun auf Sie fiel. Sie haben unverzüglich an die Sache zu gehen — und« . . . hier konnte Nikolai Apollonowitsch nicht lesen, denn da stand der Name seines Vaters — doch weiter: »Das nötige Material in der Gestalt der Bombe mit dem Uhrmechanismus wurde Ihnen seinerzeit übergeben; Eile ist geboten; es ist erwünscht, daß die Angelegenheit schon in den nächsten Tagen erledigt ist . . .« Weiter folgte — die Parole: Nikolai Apollonowitsch kannte die Parole wie die Schrift gut. Es war die Schrift des »Unbekannten«. Er hatte schon öfters Briefe von dem »Unbekannten« erhalten.

Zweifel waren ausgeschlossen.

Nikolai Apollonowitsch bemühte sich, nicht zu denken, nicht zu verstehen: denken, verstehen . . . konnte man denn so etwas verstehen; das kam einfach und zwang und würgte . . . darüber denken hieß sich ins Wasser stürzen . . . Zu denken gab es da nichts, denn . . . das war . . . Na, wie war es nur zu bezeichnen? . . .

Nein, niemand vermochte hier etwas zu denken.

Nikolai Apollonowitsch suchte sich an Äußeres zu klammern: da ist die Karyatide an der Einfahrt; nichts weiter: eine Karyatide . . . Doch — nein, nein! Gar keine Karyatide: er hatte eine solche noch nie gesehen: sie hängt gerade über einer Flamme. Und dort ist — ein Haus: nichts weiter — ein Haus.

Nein, nein, nein!

Es ist kein einfaches Haus, wie alles andere nicht einfach ist: alles in ihm hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln losgelöst, er selbst hat sich von seinen eigenen Wurzeln losgelöst und sieht von irgendwoher (für ihn ganz unbekannt), wo er noch nie gewesen, seine Umgebung.

Da sind nun auch Beine — nichts weiter — Beine . . . Nein, nein! Es sind keine Beine, es sind ganz weiche, unnötig baumelnde Körperteile.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich schwer von der Stufe. Nikolai Apollonowitsch trat in ein leeres Gäßchen.

Das Gäßchen war leer, wie alles: wie dort oben die Ferne; so leer, wie die menschliche Seele sein kann. Für einen Augenblick bemühte sich Nikolai Apollonowitsch, an die transzendenten Dinge zu denken; daran, daß die Geschehnisse dieser vergänglichen Welt nicht im geringsten das unsterbliche Zentrum berühren und daß selbst das denkende Hirn nur ein Bewußtseinsphänomen sei; daß, soweit er, Nikolai Apollonowitsch, in dieser Welt handelte, er — nicht er sei; sondern nur — vergängliche Materie; sein wirklicher, beschauender Geist kann ihm noch immer den Weg erleuchten; erleuchten trotz diesem; beleuchten — selbst . . . dieses . . . Doch dieses umgab ihn, umgab ihn von allen Seiten wie ein Zaun; zu seinen Füßen sah er nur eine Pfütze.

Und nichts leuchtete.

Das Bewußtsein Nikolai Apollonowitschs bemühte sich vergeblich zu leuchten; es leuchtete nicht. Die furchtbare Dunkelheit blieb, wie sie war. Sich ängstlich umsehend, erreichte er mit schleichenden Schritten den hellen Laternenfleck. Er begann wieder zu lesen. Die Gedanken entflogen dem Bewußtseinszentrum wie eine Schar betäubter, vom Sturm gepeitschter Vögel; aber auch dieses Zentrum gab es nicht mehr: es gab nur noch ein düsteres Loch, vor dem Nikolai Apollonowitsch verloren stand, wie vor einem tiefen Brunnen. Wann und wo war er schon einmal so gestanden? Er suchte sich dessen zu entsinnen, aber es gelang ihm nicht. Und wieder begann er:

»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages«, las er und wollte einen Punkt entdecken, den er beanstanden konnte; doch er fand keinen.

»Eingedenk Ihres im Sommer gemachten Vorschlages« . . . Er hatte in der Tat den Vorschlag gemacht, aber er hatte ihn später vergessen; wohl fiel er ihm nachträglich wieder ein, aber dann folgten die Ereignisse der allerletzten Zeit, folgte der Domino; verwundert blickte Nikolai Apollonowitsch auf diese Vergangenheit zurück; er fand sie einfach albern; eine Dame mit hübschem Gesichtchen füllte sie aus; nichts weiter — eine Dame, eine Dame, eine Dame! . . .

»Wir teilen Ihnen mit, daß der Würfel auf Sie fiel«, las Nikolai Apollonowitsch, als er hinter seinem Rücken Schritte vernahm; er wandte sich um und ging dem Herannahenden entgegen; er erblickte Hut, Mantel, Stock, ein kleines Vollbärtchen und eine Nase: das alles ging an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten (er hörte nur die Schritte und das sich überschlagende Pochen des Herzens).

Er wandte sich wieder dem Brief zu.

»Das nötige Material in Gestalt einer mit Uhrmechanismus versehenen Bombe ist Ihnen seinerzeit übergeben worden« . . . Es war ihm nichts übergeben worden, nein, nichts! Es tauchte etwas wie eine Hoffnung in ihm auf, alles wäre nur — Spaß . . . Eine Bombe? Nein, er hatte keine Bombe! Ja, ja — keine!!

Das Paket?!

Da erinnerte er sich: das Paket, der verdächtige Besucher, der septemberliche Tag — alles, alles. Nikolai Apollonowitsch erinnerte sich deutlich, wie er das Paket nahm (es war naß) und in seinen Schreibtisch verbarg.

Und zum erstenmal erfaßte ihn eine unaussprechliche Angst.

Das kleine Männchen, das hinter ihm herging (warte nur, hatte er es nicht soeben gesehen?), blieb am Zaun, zwei Schritte von ihm entfernt — eines natürlichen Bedürfnisses wegen stehen; aber vor dem alten Zaun stehend, drehte es das Gesicht Ableuchow zu, schnalzte in besonderer Art mit der Zunge und lächelte kaum merklich:

»Vom Ball sicher?«

»Ja, vom Ball . . .«

»Ich weiß es wohl . . .«

»So—o . . . Und woher denn?«

»Aber unter Ihrem Mantel blickt ein . . . ein Zipfel vom Domino hervor.«

»Na, ja: ein Domino . . .«

»Neulich, da hat er auch herausgesehen . . .«

»Wie, neulich?«

»Ja, neulich, neben dem Kanal . . .«

»Herr!! . . .«

»Aber lassen Sie es nur gut sein: Sie sind ja der Domino?«

»Welcher Domino eigentlich . . .«

»Na, eben — derjenige.«

»Ich verstehe Sie nicht; und überhaupt ist es seltsam, einen unbekannten Menschen . . .«

»Unbekannt sind Sie durchaus nicht: Sie sind Nikolai Apollonowitsch Ableuchow, und außerdem sind Sie der rote Domino, von dem die Zeitungen schreiben . . .«

Nikolai Apollonowitsch wurde blaß wie der Tod.

»Hören Sie, hören Sie . . . Glauben Sie mir, das alles sind abscheuliche Märchen . . .«

Mit seinem natürlichen Bedürfnis fertig geworden, verließ das Männchen den Zaun, knöpfte seinen Mantel zu, schob familiär die Hand in die Tasche und zwinkerte vieldeutig:

»Wo wollen Sie hin?«

»Auf die Wassiljewskij-Inseln.«

»Sie scheinen nicht genau zu wissen, wo Sie hinwollen,« sagte lächelnd das kleine Herrchen; »dann machen wir doch zusammen einen Abstecher ins Restaurant.«

Begleiter

In grauem Mantel, mit schwarzem Zylinderhut, das Gesicht von der Farbe grauen, grün überhauchten Wildleders, lief Apollon Apollonowitsch Ableuchow wie geängstigt die Stufen hinunter und stand nun im durchnäßten glitschrigen Portal.

Jemand rief seinen Namen, und auf den ehrfurchtsvollen Ruf hin tauchten aus der Dunkelheit die schwarzen Konturen des Wagens auf, und im Lichtkreis der Laterne hob sich das Wappen ab: ein Einhorn, einen Ritter durchbohrend. Schon hob Apollon Apollonowitsch seinen Fuß zum Wagentritt, als er das schäbige Herrchen, von dem er soeben die wichtige, traurige Wahrheit vernommen hatte, auf der Straße erblickte.

Apollon Apollonowitsch ließ darauf den im geraden Winkel gehobenen Fuß wieder sinken, berührte mit dem Handschuh den Rand des Zylinders und gab dem vor Erstaunen blöd dreinschauenden Kutscher trocken den Befehl: allein nach Hause zu fahren. Dann beging Apollon Apollonowitsch eine unerhörte Tat: so was wies die Geschichte seines Lebens in den letzten fünfzehn Jahren nicht auf: Apollon Apollonowitsch, selbst vor Verwunderung mit den Augen zwinkernd und die Hand, des Asthmas wegen, an das Herz gedrückt, begab sich zu Fuß, bemüht, den sich im Nebel verlorenen Rücken des schäbigen Herrchens einzuholen, auf den Weg; eine wesentliche Tatsache bitte ich in Betracht zu nehmen: die unteren Extremitäten des ruhmvollen Mannes waren nämlich bis zum äußersten klein geraten; wenn Sie diese wesentliche Tatsache berücksichtigen, dann werden Sie es verständlich finden, daß Apollon Apollonowitsch durch eifriges Bewegen der Arme sich das Gehen zu erleichtern suchte.

Apollon Apollonowitsch beging also zwei unerhörte Abweichungen von dem Kodex seiner höchst geregelten Lebensweise, erstens: verschmähte er den Wagen (in Anbetracht seiner krankhaften Raumangst — eine wirkliche Heldentat); zweitens: flog er in nicht übertragenem, sondern buchstäblich wahrem Sinne des Wortes in dunkler Nacht durch eine menschenleere Straße. Er rief dem in die Dunkelheit entfliehenden Rücken zu:

»Mm . . . Hören Sie!«

Doch der Rücken (eigentlich nicht der Rücken, sondern die mitlaufenden Ohren) hörten nicht.

»Halten Sie doch . . . Pawel Pawlowitsch!«

Der Rücken wandte sich um, blieb stehen und, den Senator erkennend, kam er ihm entgegen.

»Exzellenz! . . . Apollon Apollonowitsch! Wieso ohne Wagen? . . .«

Aber Apollon Apollonowitsch unterbrach den Gefühlserguß:

»Die Nachtluft ist mit nützlich . . .«

Beide gingen nun in derselben Richtung: das Herrchen bemühte sich, Schritt mit dem Senator zu halten, was aber in Wirklichkeit nicht leicht war (die Schrittchen Apollon Apollonowitschs konnte man durch das Mikroskop betrachten).

Apollon Apollonowitsch hob die Augen auf den Begleiter und sagte — sagte mit sichtbarer Verwirrung:

»Ich . . . wissen Sie . . .«

»Ja?« horchte das Männchen auf.

»Ich . . . wissen Sie . . . möchte Ihre genaue Adresse haben, Pawel Pawlowitsch.«

»Pawel Jakowlewitsch«, verbesserte bescheiden der Begleiter.

»Pardon, Pawel Jakowlewitsch, ich habe, wissen Sie, ein schlechtes Gedächtnis für Namen . . .«

»Macht nichts, bitte, macht absolut nichts, nichts.«

Das schäbige Herrchen dachte inzwischen bei sich:

»Möchte wohl über den Sohn etwas erfahren . . . aber schämt sich zu fragen . . .«

»Also, Pawel Jakowlewitsch, ich bitte Sie um Ihre Adresse.«

Apollon Apollonowitsch Ableuchow knöpfte den Mantel auf und zog sein, in das Fell eines gefallenen Nashorn gebundenes Notizbuch hervor; sie blieben unter einer Laterne stehen.

»Meine Adresse«, sagte, sich gleichsam windend, das Herrchen, »ist veränderlich. Meist halte ich mich auf der Wassiljewskij-Insel auf: 18. Linie, Haus Nr. 17; dort habe ich zwei Zimmer beim Schuhmacher Beßmertny; zu fragen: der Schreiber des Polizeireviers Woronkow.«

»So — so — so: ich werde Sie in diesen Tagen besuchen . . .«

Plötzlich hoben sich die Augenbrauen des Senators und Erstaunen prägte sich in seinem Gesicht:

»Warum?« fragte er, »warum? . . .«

»Warum mein Name Woronkow ist, während ich in Wirklichkeit Morkowin heiße?«

»Ja — eben.«

»Das kommt daher, Apollon Apollonowitsch, weil ich dort unter falschem Namen wohne.«

Das Gesicht Apollon Apollonowitschs drückte Ekel aus (im Prinzip war er gegen solche Erscheinungen).

»Meine eigentliche Wohnung ist auf dem Newskij . . .«

Apollon Apollonowitsch dachte: »Was ist zu machen: solche Erscheinungen sind in einer Übergangszeit und im Rahmen der Gesetzlichkeit — eine traurige Notwendigkeit, aber eben eine Notwendigkeit.«

»Ich bin zur Zeit, Exzellenz, mit der Auffindung einer gewissen Spur beschäftigt: es ist jetzt eine äußerst bedeutsame Zeit.«

»Ja, ja, Sie haben recht«, stimmte Apollon Apollonowitsch bei.

»Es ist ein politisches Verbrechen von besonderer Wichtigkeit in Vorbereitung . . . Vorsichtig: hier ist eine Pfütze . . . Dieses Verbrechen . . .«

»Soo . . .«

»In nächster Zeit dürfte es uns gelingen, dieses Verbrechen an den Tag zu bringen . . . Hier ist eine trockene Stelle, darf ich Ihnen die Hand bieten? . . .«

Apollon Apollonowitsch wurde von seiner Angst befallen: sie schritten über einen großen Platz; unwillkürlich rückte er ganz nahe an den Begleiter heran.

»Soo, soo: sehr gut . . .«

Apollon Apollonowitsch suchte Mut zu fassen, aber der riesige Platz und die ihm entgegenlaufende Ferne drückten ihn nieder. Einen Augenblick überwand die Sorge um das bedrohte Rußland die persönlichen Ängste: die Angst um den Sohn und die Angst vor der Notwendigkeit, diesen riesigen Platz zu überschreiten.

»Ist ein terroristischer Akt in Vorbereitung?«

»Wie gesagt — ja . . .«

»Und sein Opfer?«

»Soll ein hoher Beamter werden!«

Über das Rückgrat Apollon Apollonowitschs lief es kalt: er hatte vor einigen Tagen einen Drohbrief erhalten; in diesem Briefe wurde ihm mitgeteilt: falls er den Posten annehme, würde er von einer Bombe vernichtet werden; Apollon Apollonowitsch verachtete anonyme Briefe; er warf das Schreiben fort; den Posten nahm er an.

»Verzeihen Sie, wenn es kein Geheimnis ist: wen haben sie jetzt vor?«

Hier geschah etwas wirklich Seltsames: alle Dinge an dem Senator duckten sich gleichsam und rückten viel näher heran; auch Herr Morkowin schien kleiner geworden zu sein und rückte näher heran; ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen, als er im Flüsterton, den Kopf gegen den Senator geneigt, sagte:

»Wieso — wen? Sie, Exzellenz, Sie!«

Apollon Apollonowitsch sah: eine Karyatide vor dem Portal: nichts weiter — eine Karyatide. Doch — nein, nein! Keine Karyatide, so eine hat er nie im Leben gesehen: diese hängt nur so im Nebel. Dort ist der Giebel eines Hauses: nichts weiter — ein Giebel; doch — nein, nein: es ist nicht einfach ein Giebel, wie auch alles andere nicht mehr einfach ist; alles hat sich verschoben, hat sich von den Wurzeln gelöst; selbst er hat sich von den Wurzeln gelöst; und er stammelte in die mitternächtliche Dunkelheit:

»Warum aber? . . . Bitte — bitte. Warum? . . .«

Apollon Apollonowitsch konnte es sich durchaus nicht denken, daß diese behandschuhte Hand, daß diese Beine, daß dieses müde, absolut müde (glaubt es mir!) Herz — unter der Einwirkung sich verbreitender Gase in irgendeiner Bombe im Nu sich verwandeln können sollte . . .

»Das heißt, wie meinen Sie das?«

»Aber eben so, Apollon Apollonowitsch — höchst einfach . . .«

Dann aber fügte Herr Morkowin hinzu:

»Sie dürfen sich durchaus nicht fürchten, Exzellenz, denn es sind die strengsten Maßregeln getroffen worden: wir verhindern es: eine unmittelbare Gefahr für heute oder morgen besteht nicht . . . In einer Woche aber werden Sie informiert sein. So lange gedulden Sie sich . . .«

Das ängstlich bebende Gesicht betrachtend, das, vom fahlen Laternenlicht beschienen, an eine Leiche gemahnte, dachte Herr Morkowin: »Wie alt er doch ist, die reinste Ruine . . .«

Aber mit kaum merklichem Krächzen wandte Apollon Apollonowitsch dem Männchen sein bartloses Gesicht zu und lächelte plötzlich, ganz trübe, wodurch sich unter seinen Augen gewaltige faltige Säcke bildeten.

Einen Augenblick später kam jedoch Apollon Apollonowitsch wieder zu sich, verjüngte sich, seine Gesichtsfarbe wurde heller: er drückte fest Herrn Morkowins Hand und schritt, aufrecht wie ein Stock, dem schmutzigen, herbstlichen Nebel entgegen, im Profil an die Pharaomumie Ramses’ des Zweiten erinnernd.

Uh! Wie war es feucht, wie faulnaß, wie war die Nacht so bläulich und lila mit rötlichem Ausschlag von den Laternen, wie entwand sich Apollon Apollonowitsch dem Lila, um in den Kreis der Laterne zu gelangen, und wie flog er aus dem Rot der Laterne wieder in das Lila!

Närrisch

Knacks — knacks — knacks: so knacksten die elektrischen Knöpfe, und die Dunkelheit nahm einen unbeholfen langen Menschen auf, mit allzu scharfen Gesten. Das war vielleicht gar nicht Leutnant Lichutin?

Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: sich so widerwärtig im Spiegel zu erblicken, weil irgendein Domino sein ehrliches Haus entehrt hatte, weil, seinem Offizierswort treu, er jetzt auch seine Frau nicht auf die Schwelle lassen durfte. Nein, begreifen Sie doch seinen Zustand: es war eben Leutnant Lichutin — er selbst.

Knacks — knacks — knacks: im zweiten Zimmer knacksten die elektrischen Knöpfe; ebenso im dritten. Dieser Laut beunruhigte Mawruscha, und als sie mit schlürfendem Schritt aus der Küche ins Zimmer trat, erstaunte sie über die völlige Dunkelheit.

Und sie brummte:

»Was ist das nun wieder?«

Aber in der Dunkelheit hüstelte jemand trocken.

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr . . .«

Aus der Ecke schrie jemand zornig mit pfeifender, befehlender Stimme:

»Gehen Sie fort . . .«

»Aber, gnädiger Herr, ich muß im Zimmer der gnädigen Frau Ordnung machen . . .«

»Gehen Sie ganz fort . . .«

»Und dann sind auch, Sie wissen, die Betten nicht abgedeckt . . .«

»Hinaus! sagte ich.«

Kaum war sie in die Küche getreten, als der Herr ihr dahin folgte:

»Gehen Sie überhaupt weg aus dem Hause . . .«

»Aber warum nur, gnädiger Herr . . .?«

»Fort, gleich fort! . . .«

»Aber wohin soll ich?«

»Wohin Sie wollen: fort mit Ihnen . . .«

»Gnädiger Herr!! . . .«

»Fort mit Ihnen, daß Sie sich nicht zeigen bis morgen.«

»Aber gnäd . . .«

»Fort, fort! . . .«

Er steckte ihr ihren Mantel zu und schob sie aus der Tür hinaus; Mawruscha brach in Tränen aus; sie erschrak — tödlich: der Herr schien plötzlich nicht ganz . . . Sie hätte zum Hausmeister und aufs Polizeirevier laufen sollen, statt dessen lenkte sie ihre Schritte zu einer Freundin.

Ja, Mawruscha . . .

Wie schrecklich ist die Lage eines harmlosen, eines normalen Menschen: sein Leben hängt an einer Anzahl gewöhnlicher Gebrauchswörter, an dem Faden ganz durchsichtig klarer Handlungen, von diesen Handlungen geleitet, segelt er in die Ferne, einem Fahrzeug gleich, wohl ausgerüstet mit absolut — ausreichenden Worten und Gesten; läuft aber dieses Fahrzeug auf einen verborgenen Felsen der Lebensunverständlichkeiten auf — so zerschellt es, und der einfältige Segler sinkt im Nu auf den Grund des Meeres . . . Beim kleinsten Stoß des Lebens verlieren Normalmenschen die Fähigkeit des Verstehens. Nein, kein Wahnsinniger kennt die Gefahren für das Hirn, die für den Normalen bestehen: das Hirn der Abnormen ist vielleicht aus leichterem Ätherstoff geschaffen. Für das normale Hirn gibt es völlig undurchdringliche Dinge, die dem kranken Hirn ohne weiteres klar erscheinen: dem normalen Hirn bleibt nichts übrig, als sich zu zerstören; und es — zerstört sich.

Seit dem gestrigen Abend empfand Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin die schärfsten Schmerzen im Kopf, wie wenn er im Laufen mit der Stirn gegen eine eiserne Mauer gestoßen wäre; und während er vor der Mauer stand, sah er, daß es gar keine Mauer gab, daß sie nicht undurchdringlich war und daß es dort, hinter ihr, ein unsichtbares Licht gab; daß es dort eigene Gesetze des Sinnlosen gab; wie es hinter den Mauern einer Wohnung Licht gab . . . Hier brummte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin etwas und schüttelte den Kopf; er fühlte ein intensives, ihm selbst verborgenes Arbeiten des Hirns . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin brummte wieder etwas und dann wieder: er schüttelte wieder und wieder den Kopf: seine Gedanken verwirrten sich vollständig. Er hatte seine Betrachtungen mit der Analyse der Handlungen seiner untreuen Gattin begonnen und endete damit, daß er sich selbst auf Häßlichkeiten ertappte.

Was also nun? Seit dem gestrigen Abend begann es: es kroch heran, zischte; was ist dieses Es? — Warum kam es? Außer der Verkleidung Nikolai Ableuchows gab es nichts, was zu beanstanden wäre . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch, ein einfach gutmütiger Mensch, stieß mit dem Kopf an die Mauer: aber durch sie sehen, hinter ihre spiegelnden Flächen — das vermochte er nicht: hatte er nicht, wenn auch nur vor seiner Frau — das ehrliche Offizierswort gegeben, sie nicht wieder ins Haus zu lassen, falls sie zum Ball gehen würde?

Was also tun? Was tun?

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin kam in Aufregung und begann, immer von neuem, Streichhölzer zu reiben; rotbraune Flämmchen zuckten auf; rotbraune Flämmchen beleuchteten das Gesicht eines Wahnsinnigen; voll Unruhe blickte er auf die Uhr: zwei Stunden waren vergangen, seit Sofja Petrowna fortgegangen war — zwei Stunden, das heißt hundertundzwanzig Minuten; jetzt begann er zu rechnen, wie viele Sekunden es waren.

»Sechzig multipliziert mit hundertzwanzig . . . Sechzig mal einhundert . . .«

Ssergeij Ssergeijewitsch faßte sich an den Kopf:

»Sechzig mal einhundert . . . Nein, eine Sekunde mal einhundert . . .«

Seine Gedanken verwirrten sich: Ssergeij Ssergeijewitsch bewegte sich in vollständiger Dunkelheit: ta — ta — ta — tönten seine Schritte; Ssergeij Ssergeijewitsch fuhr fort zu rechnen:

»Einmalhundert mal . . . Und zwei Nullen dazu — macht zusammen siebentausend zweihundert Sekunden. Ja.«

Erfreut über die Bewältigung dieser komplizierten geistigen Arbeit äußerte er diese Freude in einer etwas überlauten Weise. Plötzlich fiel ihm ein: sein Gesicht verfinsterte sich:

»Siebentausendzweihundert Sekunden — seit ihrem Entfliehen: zweihunderttausend Sekunden — dann ist alles zu Ende!«

Nach den siebentausendzweihundert Sekunden führt die siebentausendzweihundertunderste in den Zeitraum hinein, in dem sein Offizierswort Geltung bekommt; siebentausendzweihundert Sekunden durchlebte er gleich siebentausend Jahren; seit der Entstehung der Welt sind ja bis zum heutigen Tage nicht mehr Jahre vergangen. Es schien Ssergeij Ssergeijewitsch, als wäre er seit der Entstehung der Welt in diese Finsternis eingeschlossen gewesen, mit seinen unerträglichen Kopfschmerzen; den selbsttätigen Gedanken, der Autonomie des Gehirns, das die leidende Person ausschließt. Ssergeij Ssergeijewitsch begann plötzlich fieberhaft in einer Ecke zu suchen; er nahm aus einem Schrank einen Strick und versuchte eine Schlinge zu machen: das wollte ihm aber nicht gelingen. Ganz verzweifelt lief er in sein Zimmer, den Strick hinter sich herschleifend.

Was tat nun Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin? Suchte er seinem gegebenen Offizierswort Geltung zu verschaffen? Ach — wo! Er nahm bloß, weiß Gott wozu, die Seife aus der Seifendose heraus, kauerte sich auf den Fußboden nieder und begann über einem hingestellten Waschbecken den Strick mit Seife einzureiben. Kaum war er damit fertig, als seine Handlungen einen wahrhaft phantastischen Charakter annahmen; man konnte ruhig sagen, nie im Leben hatte Ssergeij Ssergeijewitsch so originelle Dinge gemacht.

Denken Sie sich nur!

Er stieg, weiß Gott wozu, auf den Tisch (vorerst hatte er die Tischdecke abgenommen); dann zog er vom Fußboden einen gebogenen Stuhl herauf, den er ebenfalls auf den Tisch stellte; auf dem Stuhle stehend, nahm er die Lampe vom Haken und legte sie sich vorsichtig vor die Füße; an Stelle der Lampe aber befestigte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin den von der Seife glitschrigen Strick; dann schlug er ein Kreuz und blieb unbeweglich einen Augenblick stehen; und langsam legte er mit beiden Händen die Schlinge über seinen Kopf, wie jemand, der im Begriff ist, sich aufzuknüpfen.

Aber ein glänzender Gedanke ging dem Offizier jetzt durch den Kopf: eigentlich mußte er sich doch die Haare vom Halse wegrasieren.

Mit diesem glänzenden Gedanken ging Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin in sein Zimmer: dort begann er beim Schein einer abgebrannten Kerze sich die Haare vom Hals zu rasieren.

Endlich war er fertig, zögern durfte er nicht mehr. Aber gerade in diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer die Hausglocke; geärgert schlenderte Ssergeij Ssergeijewitsch, vor sich das mit Seife bedeckte Rasiermesser, sah mit Bedauern auf die Uhr (wie viele Stunden doch dahingeflogen waren:) und — was tun? Was tun? Einen Augenblick lang dachte er daran, sein Vorhaben zu verschieben; er konnte doch wahrhaftig nicht voraussehen, daß er überrascht werden würde; zum zweitenmal ertönte inzwischen die Glocke und verkündete ihm, daß er keine Zeit zu verlieren habe; er sprang also auf den Tisch, um die Schlinge vom Haken zu lösen; aber der glitschrige Strick gehorchte ihm nicht und entrutschte seinen Fingern. Eiligst stieg Ssergeij Ssergeijewitsch wieder herunter und begann sich in das Vorzimmer zu schleichen; und während er schlich, merkte er: langsam schmolz die schwarzblaue Finsternis der Zimmer, die sich wie Tinte die ganze Nacht über ihn ergossen hatte; langsam begann sich in die Tintenfinsternis Grau zu mischen; und in dieser grauenden Finsternis zeichneten sich Gegenstände: ein auf dem Tische stehender Stuhl, eine umgelegte Lampe; und über all diesem — eine nasse Schlinge.

Im Vorzimmer legte Ssergeij Ssergeijewitsch das Ohr an das Schlüsselloch und blieb unbeweglich stehen; aber wohl infolge der Aufregung zeigte sich bei ihm ein solcher Grad von Vergeßlichkeit, einer Vergeßlichkeit, bei der die Durchführung eines Vorhabens undenkbar ist: Ssergeij Ssergeijewitsch merkte nicht im geringsten, wie sehr er keuchte; und als er nun das unruhige Rufen seiner Frau hinter der Tür hörte, begann er aus purer Angst entsetzlich zu brüllen; jetzt sah er ein, daß alles verloren war, schnell rannte er ins Zimmer zurück, um sein originelles Vorhaben rasch durchzuführen: geschwind sprang er auf den Tisch, streckte den frisch rasierten Hals und begann hurtig die Schlinge zuzuziehen, wobei er aber, wer weiß wozu, zwei Finger zwischen Strick und Hals steckte.

Dann rief er, weiß Gott wozu:

»Wort und Tat!«

Er stieß mit den Füßen den Stuhl um, und der Tisch rollte auf seinen Messingröllchen fort (diese Laute waren es eben, die Sofja Petrowna vor der Tür hörte).

Was weiter

Einen Augenblick . . .

Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin begann im Dunkeln mit den Beinen in der Luft zu schleudern; deutlich sah er indessen den Widerschein der kleinen, von der Straßenlaterne herstammenden Lichtreflexe am Ofen; deutlich hörte er das Klopfen und Kratzen an der Tür; seine zwei Finger wurden ihm so fest ans Kinn gedrückt, daß er sie nicht mehr herausziehen konnte; plötzlich schien es ihm, als ersticke er; über seinem Kopfe hörte er einen Knall (wahrscheinlich vom Platzen der Hirngefäße). Plötzlich begann sich oben an der Decke etwas zu lösen, und auf einmal lag Ssergeij Ssergeijewitsch vollständig tot am Boden; doch er erhob sich gleich wieder von den Toten, nachdem er im Jenseits bloß einen ordentlichen Schupser bekommen hatte; er kam zu sich und begriff, daß er nicht von den Toten auferstanden, sondern daß er, mit Schmerzen im Rückgrat, auf dem Fußboden seines Zimmers lag und zwei Finger zwischen Hals und Strick eingeklemmt hatte; und Ssergeij Ssergeijewitsch begann an der Schlinge zu zerren, bis sie sich lockerte.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er sich, beinahe, erhängt hätte: daß nicht viel, nicht viel gefehlt — und er wäre tot gewesen. Ssergeij Ssergeijewitsch stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Wir wollen jedoch einige Worte zugunsten Ssergeij Ssergeijewitschs sagen: der Erleichterungsseufzer entrang sich ihm ganz unwillkürlich, wie etwa unwillkürlich die Abwehrbewegungen der Ertrinkenden sind, bevor sie, ihrem eigenen Willen entsprechend, in der kalt-grünen Tiefe untertauchen. Ssergeij Ssergeijewitsch wollte, ganz im Ernst (lächeln Sie, bitte, nicht!), seine Rechnung mit der Erde beschließen, und er hätte dieses Vorhaben ohne jeden Zweifel zur Ausführung gebracht, wenn nicht die morsche Zimmerdecke (woran der Erbauer des Hauses Schuld trägt) nachgegeben hätte; den Erleichterungsseufzer stieß also nicht die Persönlichkeit Ssergeij Ssergeijewitschs aus, sondern nur sein tierisch-fleischlicher, unpersönlicher Körper. Wie dem auch sei, jetzt kauerte dieses Ich auf dem Fußboden, und horchte auf alles mögliche (auf die tausend verschiedenen Laute); sein Geist aber in der Tiefe der Hülle bewahrte völligen Gleichmut.

Im Nu wurden seine Gedanken klar, im Nu entstand vor seinem Bewußtsein das Dilemma: Was also tun? Was tun? Den Revolver suchen — das dauerte zu lange . . . Das Rasiermesser? Mit dem Rasiermesser — hu — hu — hu! Nein: das Natürlichste war: hier auf dem Fußboden gestreckt liegenzubleiben und alles andere dem Schicksal zu überlassen; ja, aber bei dieser natürlichen Lösung wird Soja Petrowna (sie hat sicher das Fallen gehört) zum Hausmeister laufen — wenn sie nicht schon gelaufen ist —, man wird an die Polizei telephonieren, es gibt einen Zusammenlauf, die Menge wird die Tür aufbrechen, eindringen und ihn da auf dem Boden, mit einem Strick um den Hals, liegen sehen.

Nein, nein, nein! Nie wird sich der Leutnant zu so was erniedrigen: die Ehre seines Offiziersrocks ist ihm mehr wert als irgendein seiner Frau gegebenes Wort. Es bleibt nur eines übrig: rasch die Tür aufzumachen und sich mit der Frau zu versöhnen.

Rasch versteckte er den Strick unter das Sofa und lief in schmachvollster Weise zur Tür, hinter der es jetzt ganz still war.

Mit demselben unwillkürlich keuchenden Atem öffnete er und blieb, unschlüssig, auf der Schwelle stehen; brennende Scham überkam ihn, und der Sturm, der in seiner Seele gewütet, legte sich, als hätte sich im Augenblick, als sich der Deckenhaken löste, alles in ihm gelöst: der Zorn gegen die Frau, die Empörung über das Benehmen Nikolai Ableuchows. Hatte er doch selbst jetzt Unerhörtes begangen, eine mit nichts zu vergleichende Schandtat: er wollte sich erhängen und — zog statt dessen den Haken aus der Decke heraus.

Einen Augenblick . . .

Niemand lief ins Zimmer, doch stand jemand dort (das sah er); endlich aber flog Sofja Petrowna herein; sie flog; herein und brach in Weinen aus.

»Was ist das? Was ist das? Warum ist es dunkel?«

Ssergeij Ssergeijewitsch schwieg verlegen.

»Warum hörte ich hier ein Rumoren und Laute?«

Ssergeij Ssergeijewitsch drückte verlegen ihre kalten Fingerchen in seinen Händen.

»Warum sind Ihre Hände voll Seife? . . . Ssergeij Ssergeijewitsch, Liebster, sagen Sie, was das alles bedeutet?«

»Siehst du, Sonjuscha . . .«

Aber sie unterbrach ihn:

»Warum sind Sie heiser?«

»Ja, siehst du, Sonjuscha . . . ich . . . ich hatte das Fenster geöffnet . . . Deswegen bin ich heiser . . . Aber darum handelt es sich nicht . . .«

Er stockte.

»Nein, nicht, nicht!« — rief Ssergeij Ssergeijewitsch, als seine Frau das elektrische Licht aufdrehen wollte — »nicht hier, komm ins andere Zimmer.«

Und er zog sie mit Gewalt in sein Zimmer.

Der Morgen begann bereits zu dämmern, und manchen Augenblick schien es hier, als wären die Gegenstände des Zimmers: Stühle, Bilder, Vasen, Säbel, Wände, die verstreut liegenden Rasierutensilien — nur aus Luft gewobene Spitzen, ein Spinngewebe; und durch diese feinen, feinen Spitzen spiegelte, verschämt und zärtlich, der ins Fenster fallende morgendämmernde Himmel.

Von unklarer Angst getrieben, begann Sofja Petrowna sich in den Zimmern umzusehen. Aus dem Nebengemach des Gatten rief eine heisere, weinerliche Stimme ihr nach:

»Dort findest du Unordnung . . .«

»Weißt du, Liebling, ich habe die Zimmerdecke gerichtet . . .«

»Die Decke hat einen Riß gegeben . . .«

»Man mußte . . .«

Aber Sofja Petrowna hörte nichts: sie stand angstvoll vor dem Haufen der auf den Teppich herabgefallenen Stuckdecke, in dem sich dunkel der Haken abhob; der Tisch mit dem auf ihm befindlichen umgestürzten Stuhl war beiseite geschoben; unter der weichen Chaiselongue — auf der liegend Sofja Petrowna noch vor kurzem Henry Besançon gelesen hatte — unter dieser weichen Chaiselongue lugte ein grauer Strick hervor. Sofja Petrowna Lichutina zitterte; sie fühlte, wie der beginnende Tag sie anhauchte; sie krümmte sich.

Hinter den Fenstern begannen plötzlich leichte Flammen zu sprühen, und alles wurde durchleuchtet; ein rosa schimmerndes Netz aus Perlmutterschuppen breitete sich dort, und durch die Lücken dieses Netzes blickte ein zart-zartes Blau; ganz zart war das Blau, alles erfüllte sich mit bebender Unsicherheit; alles erfüllte sich mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Scheine ich denn nicht mehr?« Durch Sofja Petrownas Seele gingen plötzlich hauchend leichte Stimmen; und alles leuchtete für sie auf, als ein blasser Strahl auf die Schlinge des Strickes fiel. Ihr Herz erfüllte sich mit plötzlichem Schauer und mit der verwunderten Frage: »Aber wieso doch? Aber wieso doch? Warum hab’ ich vergessen?«

Sofja Petrowna Lichutina neigte sich gegen den Boden und streckte die Hand zum Stricke aus. Sofja Petrowna Lichutina küßte den Strick und begann leise zu weinen: eine vergessene und, wieder aufgelebte Gestalt aus ihrer Kindheit (die Gestalt war doch nicht völlig vergessen — wo habe ich sie nur gesehen: kürzlich erst, heute?). Diese Gestalt hob sich langsam, und jetzt stand sie hinter ihrem Rücken. Als sie sich umwandte, sah sie: hinter ihrem Rücken stand ihr Mann, Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin, schlank, lang und traurig; er hielt seinen hellblauen, sanften Blick auf sie gerichtet:

»Du mußt mir verzeihen, Sonjuscha!«

Sie fiel, weiß Gott warum, zu seinen Füßen, umarmte sie und weinte:

»Du Armer, Armer, Geliebter! . . .«

Was sie noch miteinander flüsterten — weiß der Himmel: das blieb unter ihnen; bei der Morgenröte aber sah man ihn seine mageren Arme über sie breiten:

»Gott wird dir verzeihen . . . Gott wird dir verzeihen . . .«

Das rasierte Gesicht lachte glücklich: wer konnte auch jetzt nicht lachen, angesichts des lachenden Himmels, an dem leichte, schimmernde Wölkchen dahinflogen?

Der Bürger

Weit dehnten sich und liefen die Gäßchen, Gassen, Straßen und vornehmen Prospekte auseinander; aus dem Dunkel trat bald die hochragende Ecke eines Hauses hervor, eines schweren Ziegelsteinbaus, zusammengesetzt aus lauter Wuchtigkeiten; bald gähnte im Dunkel ein Portal, vor dem zwei steinerne Ägypter den steinernen Vorsprung eines Balkons trugen. Mitten im Petersburger Nebel, aus dem Dunkel in das Dunkel, schritt Apollon Apollonowitsch weiter, an dem hochragenden Haus vorbei, an der steinernen Ecke, an all den Hunderten zentnerschweren Wuchtigkeiten vorbei, er ging und ging, alle Schwierigkeiten überwindend: nun erreichte er einen niederen, grauen, ein wenig moderigen Bretterzaun.

Da ging plötzlich eine niedrige Tür auf, die dann offen stehen blieb; weißer Dampf wälzte sich aus der Türöffnung, scheltende Stimmen, das Klimpern einer armseligen Balalaika und Gesang drangen nach außen.

So ist also der Bürger? Apollon Apollonowitsch empfand plötzlich Interesse für diesen Bürger, und es gab da einen Augenblick, wo ihn der Wunsch packte, an die erste beste Tür zu pochen und den Bürger zu suchen; aber da fiel ihm ein, daß eben dieser Bürger ihm einen schmachvollen Tod wünschte: sein Zylinderhut rutschte auf die Seite, und die müden Schultern sanken:

— Ja, ja, ja: sie hatten ihn in Stücke zerrissen; nicht ihn selbst, aber seinen besten Freund, einen Freund, wie ihn das Schicksal einem Menschen nur einmal im Leben sendet; einen Augenblick lang sah Apollon Apollonowitsch deutlich vor sich einen grauen Schnurrbart, die grünliche Tiefe der auf ihn gerichteten Augen, während sie beide über der Reichskarte gebeugt dasaßen und ihr seltsam jugendhaftes Greisenalter sich in heißen Träumen erging (das geschah gerade einen Tag, bevor . . .). Aber die Bürger hatten auch diesen einzigen Freund zerfleischt, den ersten unter den ersten . . . Man sagt, das dauert nur eine Sekunde, dann aber ist — rein gar nichts . . . Was ist nun zu machen? Ein Staatsmann ist nun einmal ein Held; aber doch — brr — brr . . .

Apollon Apollonowitsch Ableuchow richtete den Zylinderhut zurecht, hob wieder die Schultern hoch und schritt weiter durch den faulen Nebel und das nicht weniger faule Leben des Bürgers dahin — durch das Netz schleimig-feuchter, modriger, halbeingesunkener Mauern, Tore, Bretterzäune — durch den ekligen, stinkenden, leeren, allgemeinen Abort. Und es schien ihm auf einmal, als werde auch er von dem Haß jenes modrigen Zauns und jener blinden Mauer verfolgt. Aus Erfahrung wußte Apollon Apollonowitsch, daß sie ihn haßten; doch wer waren diese sie? Ein armseliges, wie alles andere stinkendes Häuflein? Das Gehirnspiel Apollon Apollonowitschs baute vor seinem Blick neblige Flächen; die Riesenkarte Rußlands erschien ihm winzig klein: War das der Feind? Die ungeheure Zusammenhäufung von Völkern, die auf dieser Fläche wohnen: hundert Millionen. Nein, mehr . . .

Was? Er wird gehaßt? . . . Nein, Rußland liegt gedehnt vor ihm. Ihn selbst aber . . . ihn will man . . . will man . . . Nein, brr — brr . . . Müßiges Spiel des Gehirns.

Mit wem sollte er nun durch das Leben gehen? Mit dem Sohn? Aber sein Sohn ist ja ein ausgemachter Schuft. Mit dem Bürger? Aber der Bürger will ihn . . . Apollon Apollonowitsch erinnerte sich, daß er einst vorhatte, mit Anna Petrowna durchs Leben zu gehen; nach Beendigung seiner Laufbahn ein Landhaus in Finnland zu beziehen . . . Aber nun — Anna Petrowna hatte ihn verlassen, ja, verlassen!

Apollon Apollonowitsch sah plötzlich ein, daß er keinen Lebenskameraden besaß (bis zu diesem Augenblick hatte er darüber nie nachgedacht), und ein Tod, der ihn auf dem Posten ereilt, erschien ihm als eine eigentliche Verschönerung seines dahingegangenen Lebens. Und kindliche Trauer überkam ihn und Ruhe und Behaglichkeit. Er hörte nur das Säuseln des dahinfließenden Rinnenwassers, als betete jemand, betete immer um dasselbe, um das eine: um das, was nie war, was aber auch nie sein wird . . .

Das Grauschwarz, das ihn die ganze Nacht bedrückt hatte, begann sich langsam zu dehnen. Die Häusermauern verschmolzen matt mit der entschwindenden Nacht. Die rotgelben Laternen, die soeben noch rotgelbe Flammen von sich warfen, begannen gleichsam zu schwinden — und entschwanden allmählich vollständig. Die fiebernden Lichter auf den Mauern erloschen. Die Laternen verwandelten sich schließlich in dunkle Punkte, die verwundert in den trüben Nebel blinkten. Einen Augenblick lang schien es, als wäre die graue Zusammenhäufung von Linien, Turmspitzen, Mauern mit den huschenden Flächen der Schatten und der unendlich vielen Fenster — daß das alles keine Zusammenhäufung von Steinen, sondern ein in die Luft sich erhebendes Spitzengeflecht von feinster Arbeit, durch dessen Muster die Sonne zaghaft hervorblickte.

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