Sechstes Kapitel (continued 3)
Nadja Strasser translation
Eine eigentliche Seele existierte also nicht.
Er hatte sein eigenes Blut gehaßt und nach fremdem gelechzt. So hatte er seit seiner frühesten Kindheit in sich die Keime der Ungetüme getragen; und als sie reif wurden, schlüpften sie in vierundzwanzig Stunden hervor und umstanden ihn als Tatsachen von ungeheuerstem Inhalt. Nikolai Apollonowitsch wurde bei lebendigem Leibe aufgefressen; er war in die Ungetüme übergeronnen.
Kurz, er war selbst ein Ungetüm geworden.
»Fröschlein!«
»Ungeheuer!«
»Roter Narr!«
Ja, eben: man hatte vor seinen Augen mit Blut gespielt, ihn »Brut« genannt; jetzt lacht der Narr über sein eigenes Blut; nicht der Narr war eine Maske: die Maske war Nikolai Apollonowitsch . . .
Sein Blut ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen.
Es ist vorzeitig in Zersetzung übergegangen: das ist es wohl, warum er in anderen zuweilen Ekel auslöste; das war der Grund, warum er auf der Straße so sonderbar aussah.
Dieses morsche, armselige Gefäß mußte zerbrechen: und langsam geschah es.
Das Hohe Amt
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen; seit dieser Zeit bestand es; bis dahin hatte es nur eine Zeit gegeben, die man mit »dazumal« bezeichnet. So berichtet uns das »Archiv«.
Das Hohe Amt.
Irgend jemand hatte es geschaffen, bis dahin gab es nur Dunkelheit, jemand schwebte über dem Dunkel; und es entstand Licht — ein Zirkular unter Nummer eins; das Zirkular der letzten fünf Jahre trug die Unterschrift: »Apollon Ableuchow«: im Jahre neunzehnhundertfünf war Apollon Apollonowitsch Ableuchow die Seele aller Zirkulare.
Das Licht scheint im Dunkel; die Dunkelheit hat es nicht verschlungen.
Das Hohe Amt.
Und die bockbeinige Karyatide. Seit dem Tage, an dem der von zwei Rappen gezogene schwarzlackierte Wagen zum erstenmal an das Portal herangesaust war und sich von den Trauerkissen erhebend die Statue mit dem Pergamentgesicht den Fuß auf den Granit gesetzt hatte, seit dem Tage, an dem zum erstenmal die schwarzbehandschuhte Hand auf die vielen Verbeugungen hin den Rand des Zylinders berührt hatte, seit diesem Tag waltete über dem Hohen Amt, das seine feste Macht über ganz Rußland ausbreitete, ein noch festerer Machtdruck.
Längst im Staub begrabene Paragraphen waren auferstanden.
Der Paragraph — das ist ein Papierfresser, er ist die Papierreblaus; an dem dunklen Abgrund der Willkür saugt sich wie ein Blutegel der Paragraph fest; und wahrhaftig: es ist etwas Mystisches an dem Paragraphen: er ist: das dreizehnte Zeichen des Zodiakus.
Über einem ungeheuren Teil Rußlands erhob sich der Paragraph als schwarzer Gehrock ohne Kopf; durch die weißsäuligen, ungeheizten Säle, über die rotbespannten Freitreppen zirkulierte der kopflose Paragraph, und über diese Zirkulation waltete Apollon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist der populärste Beamte Rußlands, ausgenommen . . . Konschin (dessen unveränderliches Autogramm ihr überall mit euren Banknoten herumtragt).
Das Hohe Amt existiert. Und in ihm haust Apollon Apollonowitsch; vielmehr: er hatte gehaust, denn er ist gestorben . . .
— Ich war vor kurzem an seinem Grab: über einem
schweren, schwarzmarmornen Block erhebt sich ein schwarzmarmornes, achteckiges Kreuz; unter dem Kreuz ein deutliches Hautrelief, das einen Riesenkopf darstellt, aus dessen tiefen Augenhöhlen zwei leere Pupillen sich in den Beobachter bohren; ein dämonischer, mephistophelischer Mund! Tiefer unten eine Aufschrift mit Riesenlettern: »Apollon Apollonowitsch Ableuchow, Senator« . . .
Geburtsjahr, Todesjahr . . . Ein einsam verlorenes Grab! . . . —
— Er existiert, Apollon Apollonowitsch: im Direktorzimmer: täglich ist er da zu sehen, ausgenommen die Hämorrhoidentage.
Es gibt außerdem im Hohen Amt Räume der . . . Nachdenklichkeit.
Und dann gibt es einfach Zimmer; am meisten aber Säle; in jedem Saal stehen einige Tische. Vor den Tischen sitzen Schreiber: zwei vor jedem; jeder von ihnen hat vor sich ein Tintenzeug, eine Feder und einen respektablen Stoß mit Papier; die Feder in der Hand des Schreibers knarrt, die Papierblätter knistern; so knarrt der faule, herbstliche Wind durch die Wälder, durch Schluchten; so knistert der Sand — in den Wüsten, in den salzigen Steppen von Orenburg, Ssaratow, Ssamara; — mit einem Wort: es existiert das Hohe Amt.
Im Direktorzimmer sitzt täglich Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit dick geschwollener Ader an der Schläfe, die Beine übereinandergelegt, die sehnige Hand hinter die Rockborte geschoben; im Kamin prasseln die Holzscheite, der achtundsechzigjährige Greis atmet den Paragraphenbazillus ein; und dieser Atem verbreitet sich dann über das ganze, ungeheure Rußland: täglich wird ein zehnter Teil unserer Heimat von dem Flügelungetüm dieser Wolke bedeckt. Von einem glücklichen Einfall erleuchtet sitzt Apollon Apollonowitsch, die Beine übereinandergekreuzt, die Hand hinter die Rockborte geschoben, und bläht (so ist nun einmal seine Gewohnheit) seine Wangen ganz dick auf; es ist, als ob er blasen würde; ein kühler Wind zieht dann durch die ungeheizten Säle; Wirbelstürme aus mannigfachen Papieren erheben sich; in Petersburg erhebt sich der Wind, an irgendeinem entlegenen Ende Rußlands verdichtet er sich zum Sturm.
Apollon Apollonowitsch sitzt in seinem Arbeitszimmer und . . . bläst.
Und die Rücken der Schreiber beugen sich tiefer über die Tische; und das Papier knistert: so laufen die Winde durch die rauhen Wipfel der Fichten . . . Dann zieht er seine Wangen wieder ein; und nun knistert alles: ein trockener Papierschwarm, wie der unheimliche Blätterfall im Herbst, jagt von Petersburg . . . bis zum Ochotskimeer.
Norden, du mein geliebter Norden! . . .
Apollon Apollonowitsch ist ein Städter par excellence und ein gut erzogener Herr: er sitzt ruhig in seinem Arbeitssessel, während sein Schatten, den Stein der Wände durchdringend . . . die Menschen auf den Landstraßen überfällt: er zieht pfeifend wie ein lustiger Mordgeselle durch die weiten Flächen von Ssamara, Tambow, Ssaratow — durch die sandigen Gründe, das Gestrüpp, den wilden Klee; er zerrt an den Getreidehaufen, facht ein verdächtiges Feuerchen in den Ställen an; der rote Hahn in den Dörfern hat in ihm seinen Urheber; er ist es, der die reinen Quellenbrunnen unsauber macht; wenn er als schädlicher Tau über die Kornfelder fällt, dann verdirbt die Saat; das Rind krankt hin . . .
Er vermehrt die Zahl der Gräber und macht sie tiefer.
Spaßvögel würden sagen: nicht Apollon Apollonowitsch, sondern — Aquilon Apollonowitsch.
Apollon Apollonowitsch ist einsam.
Er kommt nicht mehr nach. Der Pfeil seiner Zirkulare dringt nicht mehr in die Provinzkreise: seine Spitze bricht schon vorher ab. Aus dem Palmyra: Sankt Petersburg eröffnet Apollon Apollonowitsch immer von neuem seine Papierkanonade, aber die Schüsse gehen (in der letzten Zeit) unheimlich oft fehl.
Diese Kugeln und Pfeile hat der Staatsbürger schon seit langem — Seifenblasen getauft.
Vergeblich sandte immer wieder der Gewaltige seine zackigen Apolloblitze; das Blatt der Geschichte hat sich gewendet: der Glaube an alte Mythen ist verschwunden; Apollon Apollonowitsch Ableuchow ist nicht mehr der Gott Apollo: er ist einfach — Apollon Apollonowitsch, ein Beamter in Petersburg.
In den letzten Tagen war die Papierzirkulation geringer geworden: es wehte ein ungünstiger Wind.
Zugleich zeigte sich in Petersburg selbst, auf dem Newskij-Prospekt, die dunkle Provinz in Gestalt der mandschurischen Mütze; die Träger dieser Mütze scharten sich zu einer Kompaktheit und zogen durch die Prospekte; hier reizten sie die Vorübergehenden durch einen flatternden roten Fetzen (so einen Tag hat es gegeben): an diesem Tag war auch kein Rauch aus den Schloten des Fabrikringes hervorgestiegen.
Wie Sisyphus wälzte Apollon Apollonowitsch seit fünf Jahren das Rad des Riesenmechanismus unaufhörlich hinauf den steilen Abhang der Geschichte; die machtvollen Muskeln zerrissen; immer häufiger blickte hinter den Machtmuskeln ein fremdes Skelett: Apollon Apollonowitsch Ableuchow, wohnhaft am Englischen Kai.
Wahrhaftig, er fühlte sich als ein Skelett, von dem sich das Fleisch — Rußland — gelöst hatte.
Aufrichtig gesagt war Apollon Apollonowitsch schon vor dieser unheimlichen Nacht manchem seiner hochbeamteten Beobachter wie von etwas angebohrt, wie von einer verborgenen Krankheit befallen erschienen; mit einem rabenschwarzen Mantel bekleidet, mit rabenschwarzem Zylinder auf dem Kopf warf er sich täglich stöhnend in die Polster seines rabenschwarzen Wagens; zwei rabenschwarze Rosse trugen den bleichen Pluto davon.
Über die Wellen des Phlegethon trugen sie ihn in den Tartarus: hier kämpfte er mit den Wellen.
Endlich nach vielen kleinen Katastrophen schlugen die papiernen Phlegethonwellen in das vom Senator getriebene Rad der großen Maschine ein: das Hohe Amt zeigte eine Bresche; das Hohe Amt, deren es wahrhaftig wenige in Rußland gibt.
Als dieser unvergleichliche Skandal ausgebrochen war, verließ — wie man später erzählte — in vierundzwanzig Stunden der Genius die irdische Hülle des Brillantenordenträgers; manche befürchteten sogar, er wäre um seinen Verstand gekommen. In vierundzwanzig Stunden — nein, eigentlich in zwölf — zwischen Mitternacht und Mitternacht — ist Apollon Apollonowitsch Ableuchow die Stufen seiner Beamtenkarriere hinuntergesaust.
Er ist in der Meinung vieler gefallen.
Später wurde behauptet, der Skandal mit seinem Sohn wäre die Ursache des Sturzes gewesen; ja: auf dem Ball bei den Zukatows war noch ein Mann von hoher staatlicher Bedeutung erschienen; als aber bekannt wurde, wie sein Sohn aus dem Ballsaal geflüchtet war, da wurde auch plötzlich der Fehler des Senators gedacht, angefangen von seinen Überzeugungen bis zu seiner mehr als kleinen Figur; und als am frühen Morgen die druckfeuchten Zeitungen erschienen waren und die Verkäufer mit dem Ruf: »Das Geheimnis des roten Dominos« durch die Straßen rannten, da war jeder Zweifel gewichen.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow war endgültig aus der Liste der Kandidaten für den äußerst wichtigen Staatsposten gestrichen worden.
Jene verhängnisvolle Zeitungsnotiz . . . Doch übrigens hier ihr Wortlaut: »Der Geheimpolizei ist es gelungen, festzustellen, daß die in der letzten Zeit vielfach aufgetauchten Gerüchte von einem roten Domino, der sich in den Straßen Petersburgs herumtreibt, auf Tatsachen beruhen; es gelang, auf die Spur des Mystifikators zu kommen: verdächtig ist der Sohn eines hohen Beamten, der einen wichtigen administrativen Posten bekleidet; die Polizei hat die nötigen Maßnahmen ergriffen.«
Mit diesem Tage begann der Untergang des Senators Ableuchow.
Apollon Apollonowitsch Ableuchow wurde im Jahre achtzehnhundertsiebenunddreißig geboren (im Todesjahr Puschkins); seine Kindheit war auf dem alten adligen Gut im Gouvernement Nischrod verflossen; im Jahre achtzehnhundertachtundfünfzig hatte er seine Ausbildung als Hörer der Rechte auf der Hochschule abgeschlossen; achtzehnhundertsiebzig wurde er zum Professor für das Lehrfach F . . . P . . . an der Sankt Petersburger Universität ernannt; seit achtzehnhundertfünfundachtzig war er Vizedirektor und seit achtzehnhundertneunzig Direktor des N. N.-Departements; ein Jahr darauf war er durch einen Allerhöchsten Ukas zum Mitglied des Regierenden Senats befördert; seit dem Jahre neunzehnhundert stand er an der Spitze des Hohen Amtes.
Das ist sein Curriculum vitae.
Ende des sechsten Kapitels.