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Petersburg

Achtes und letztes Kapitel

Nadja Strasser translation

Erst aber . . .

Anna Petrowna!

Wir gedachten ihrer gar nicht mehr; sie war ja aber zurückgekehrt; und jetzt erwartete sie . . . Erst aber . . . —

— diese vierundzwanzig Stunden! —

— diese vierundzwanzig Stunden hatten sich in unserer Erzählung durch die Seelenräume ausgebreitet wie ein häßlicher Traum; und sie hatten unseren Gesichtskreis eingeengt; in diesen Seelenräumen hatte sich das Auge des Autors verloren; es hatte sich für alles andere geschlossen.

So war auch Anna Petrowna verschwunden.

Wie eine schwere, bleierne Wolke zog sich das bleierne Hirnspiel durch den engen, von uns selbst begrenzten Gesichtskreis — durch die vierundzwanzig Stunden — hoffnungslos, trostlos, öde! . . .

Doch war die Nachricht von Anna Petrownas Rückkehr in den rauh dahinflutenden, jeden Heils entbehrenden Geschehnissen wie der Schein eines milden Lichtes von irgendwoher aufgetaucht. Wir waren da von trauriger Nachdenklichkeit erfaßt worden — für einen kurzen Augenblick; dann vergaßen wir es wieder; wir hätten aber daran denken sollen . . . daß Anna Petrowna — zurückgekehrt war.

Diese vierundzwanzig Stunden! —

— von denen jeder Augenblick in unserer Erzählung voll war von Geschehnissen.

Doch war die Rückkehr Anna Petrownas eine Tatsache; und sogar eine sehr wichtige Tatsache; allerdings nicht von der furchtbaren Bedeutung wie die anderen von uns mitgeteilten Tatsachen.

Aber immerhin . . . —

Anna Petrowna war zurückgekehrt; von all den geschilderten Ereignissen wußte sie nichts, ahnte nichts von ihnen; es gab nur ein Geschehnis, das sie in Aufregung hielt: ihre Rückkehr; das müßte auch die geschilderten Personen in Aufregung versetzen; diese Personen müßten sofort auf das Geschehnis reagieren; sie mit Zetteln und Briefen überschütten, mit Freude- oder Zornäußerungen; aber die erwarteten Briefe und Boten blieben aus; von dem wichtigen Geschehnis nahm niemand Notiz, weder Nikolai Apollonowitsch, noch Apollon Apollonowitsch.

Anna Petrowna war traurig.

Sie ging nirgends aus; in einem Hotel von feinstem Genre bewohnte sie ein ganz kleines Zimmer; und Anna Petrowna saß stundenlang auf dem einzigen Stuhl, der sich hier befand; und Anna Petrowna saß stundenlang, die Augen auf die Tapete gerichtet; diese Tapete zog immer wieder ihren Blick an; sie übertrug den Blick auf das Fenster; aber vor dem Fenster erhob sich frech eine Mauer, die alle möglichen Töne der Olivenfarbe aufwies; an Stelle des Himmels war gelber Rauch . . .

Kein Brief, kein Besuch: weder vom Gatten, noch vom Sohn.

Von Zeit zu Zeit klingelte sie; es erschien eine leichtfüßige Person mit einer Schmetterlingshaube auf den Haaren.

Anna Petrowna bestellte — zum wievieltenmal schon!

»Bitte Thé complet, in mein Zimmer.«

Dann erschien ein Diener im Frack mit gestärkter Hemdbrust und glänzend frischer Halsbinde; das Riesentablett balancierte er, besonders betonend, auf den fünf Fingerspitzen; er warf einen verächtlichen Blick auf das kleine Zimmer, auf das wenig schicke Kleid seiner Insassin, auf die bunten spanischen Fetzen, die unordentlich auf dem breiten Doppelbett herumlagen, auf den etwas abgetragenen Reisekoffer; wenig ehrerbietig, doch geräuschlos stellte er das Riesentablett ab; und geräuschlos fiel auf den Tisch der Thé complet nieder. Geräuschlos entfernte sich der Diener.

Niemand, nichts; immer dieselbe Tapete; dasselbe Lachen aus dem Nachbarzimmer; die Unterhaltung der zwei Zimmermädchen im Korridor; irgendwo unten — Klavierspiel (einer zugereisten Pianistin, die für ihr Konzert heftig übte); der Blick streifte wieder — wie oft schon — das Fenster, aber hinter dem Fenster starrte eine freche Mauer in olivenfarbigen Tönen; statt der Sonne gelber Rauch . . .

Plötzlich klopfte es; aus Anna Petrownas Tasse ergoß sich der Tee auf die schneeweiße Serviette des Tabletts.

Das Zimmermädchen, eine Visitenkarte in der Hand, flog in das Zimmer herein; Anna Petrowna wurde glühend rot; geräuschvoll erhob sie sich; mit rascher Bewegung strich sie sich die Haare zurecht: eine Geste, die sie von ihrer Jugend her beibehalten hatte.

»Wo ist der Herr?«

»Der Herr wartet im Korridor.«

»Ich lasse bitten.«

Sie atmete rasch und wurde wieder rot.

Man hörte Lachen und Geräusch aus dem Nebenzimmer, die Unterhaltung zweier Zimmermädchen im Korridor, Klavierspiel, irgendwo im unteren Stockwerk; man hörte eilige, rasche, sich dem Zimmer nähernde Schrittchen; die Tür öffnete sich: Apollon Apollonowitsch Ableuchow stand an der Schwelle.

Das erste, was ihm auffiel, war die Ärmlichkeit des Zimmers, so ein Zimmer in einem erstklassigen Hotel! Na, darüber braucht man sich nicht zu wundern: solche Zimmer gibt es in allen erstklassigen Hotels der erstklassigen Hauptstädte, in jedem etwa eins oder höchstens zwei; sie werden aber in allen Führern annonciert. So lesen Sie z. B. in so einem Führer: »Savoy. Premier ordre. Chambres depuis 3 fr.« Das bedeutet aber, daß hier ein erträgliches Zimmer unter fünfzehn Franken nicht zu bekommen ist. Anstandshalber finden Sie aber hier ein regelmäßig unbewohntes unsauberes Dachzimmer, das mit dem »depuis trois francs« gemeint war. Wehe, wenn Sie sich entschließen, dieses halbdunkle, schlecht gelüftete, staubige Zimmer zu nehmen; die Verachtung des ganzen Hotels, der zahlreichen Zimmermädchen, Lakaien und bedienenden Knaben ist Ihnen gewiß.

Sie übersiedeln dann in ein nicht erstklassiges Hotel, wo sie für sieben bis acht Franken Ruhe, Behaglichkeit und Hochachtung genießen.

»Premier ordre — depuis trois francs« — Gott schütze Sie davor!

Bett, Tisch und Stuhl; auf dem Bette, unordentlich hingeworfen, ein Handtäschchen, Gepäckriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venetianische Vase, über die ein — denken Sie sich nur! — ein Strumpf (aus reinster Seide) geworfen ist, ein Häufchen zitronengelber, schreiend greller Seidenfetzen; das alles dürfte, wie Apollon Apollonowitsch bei sich dachte, das Reisegepäck Anna Petrownas mit Souvenieren aus Granada, Toledo sein; diese Souveniere mochten früher einmal vielleicht teuer gewesen sein, jetzt aber haben sie ihren Glanz und Wert durchaus eingebüßt . . .

Die ihr vor kurzem nach Toledo gesandten dreitausend Silberrubel scheinen sie nicht erreicht zu haben.

In jedem Fall stand es einer Dame von ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht an, mit solchen Fetzen im Gepäck herumzureisen; und — ihm krampfte sich das Herz zusammen.

Dann erblickte er den Tisch mit dem glänzenden Thé complet, und zwei schneeweißen Servietten, die, zum Bereich des Hotels gehörend, zufällig (vielleicht aus Versehen) hierhergebracht wurden. Aus dem Schatten aber trat eine Silhouette hervor — und zum zweitenmal krampfte sich ihm das Herz zusammen; denn auf dem Stuhl — nein, nicht auf dem Stuhl! — vor dem Stuhl erblickte er die sich erhobene — war sie es wirklich? — Anna Petrowna.

— Er erblickte Anna Petrowna; bedeutend behäbiger, dicker und — mit auffallend vielen Graufäden im Haar. Eine betrübende Tatsache fiel ihm zu allererst auf: Nach dem zweieinhalbjährigen Aufenthalt in Spanien (und — wo noch, wo?) hatte sich ihr Doppelkinn erheblich vergrößert und hing jetzt über den Stehkragen herunter; ebenso vermochte das Korsett die merkliche Rundung des Leibes nicht zu verbergen; nur das Himmelblau der Augen in dem früher herrlichen, später noch immer schönen Gesichtchen hatte seinen Glanz nicht verloren; in ihren Tiefen spiegelten sich jetzt die kompliziertesten Gefühle: Schüchternheit, Zorn, Mitgefühl, Stolz, Verlegenheit (wegen der Ärmlichkeit des Zimmers), verborgene Bitterkeit und . . . Angst.

Apollon Apollonowitsch konnte diesen Blick nicht vertragen, er senkte die Augen und drehte den Hut in den Händen. Ja, ihre mit dem italienischen Schauspieler verlebten Jahre hatten sie sehr, sehr verändert; wo ist ihre Strenge, die angeborene, ihr eigene Würde und Ordnungsliebe; Apollon Apollonowitsch durchstreifte wieder das Zimmer mit dem Blick; unordentlich lagen da zerstreut: Täschchen, Tragriemen, ein schwarzer Spitzenfächer, ein Seidenstrumpf und einige zitronengelbe Lappen, wahrscheinlich spanische.

Vor Anna Petrowna stand . . . — war er es wirklich? Auch ihn hatten die zweieinhalb Jahre verändert; vor zweieinhalb Jahren sah sie zum letztenmal vor sich ein scharf gemeißeltes Gesicht aus grauem Stein, das sie kalt ansah, dort neben dem mit Perlmutter inkrustierten Tischchen (bei ihrer letzten Auseinandersetzung); jeder Zug dieses Gesichts blieb in ihr als eisiger Frost eingeprägt; dieses Gesicht aber, das sie jetzt vor sich sah, hatte überhaupt keine Züge mehr.

(Unsererseits fügen wir hinzu: diese Züge waren noch vor kurzem vorhanden; am Anfang unserer Erzählung hatten wir sie beschrieben.)

Vor zweieinhalb Jahren war Apollon Apollonowitsch wohl schon ein alter Mann, aber . . . in ihm war etwas . . . Unzeitliches; er war noch immer — ein Mann; wo war aber jetzt der Staatsmann? Wo war der eiserne Wille, jener steinerne Blick, aus dem Wirbelstürme, kalte, dem Gehirn (nicht dem Gefühl) entsprungene, strömten? Wo war der Stein des Blickes? Alles wich vor der einzigen Tatsache des vorgerückten Alters; der Greis überwog alles andere; gesellschaftliche Stellung, Willen; auffallend war seine Magerkeit; auffallend war die Gebeugtheit des Rückens; auffallend war das Zittern des Unterkiefers und das fast täppische Zittern der Finger; und hauptsächlich — die Farbe des Mantels: nie, solange sie mit ihm war, hatte er sich Kleider von solcher Farbe bestellt.

So standen sie einander gegenüber: Apollon Apollonowitsch noch immer an der Schwelle, Anna Petrowna vor dem Tischchen, in der Hand die zitternde Teetasse, aus der sich die dunkle Flüssigkeit auf die Tischdecke ergoß.

Endlich wandte Apollon Apollonowitsch ihr seinen Kopf zu; er kaute einen Augenblick mit den Lippen und stotterte dann:

»Anna Petrowna!«

Jetzt sah er sie deutlich (die Augen hatten sich an das Halbdunkel gewöhnt), und er sah: ihre Züge wurden, für einen Augenblick, wunderbar erhellt; aber dann verbargen sie sich wieder hinter Fältchen, Verdickungen, Fettpölsterchen; die klare Schönheit der Kindlichkeit in den Zügen hat der Vergröberung des Alters nicht standgehalten; für einen Augenblick aber wurde ihr Gesicht wunderschön; nämlich, als sie mit scharfer Bewegung das Teetablett von sich schob und ihm, dem Senator, mit einem unmerklichen Ruck gleichsam entgegenflog; und doch: sie rührte sich nicht vom Platz; von ihrem Platz warf sie dem Greis, der dort stand und mit den Lippen kaute, nur das eine zu:

»Apollon Apollonowitsch!«

Apollon Apollonowitsch lief ihr entgegen (so war er auch vor zwei Jahren ihr immer entgegengelaufen, um ihr zwei Finger zu reichen, und, sie rasch zurückziehend, sie mit Kälte zu übergießen); er lief zu ihr durch das Zimmer, so wie er gestanden war, im Mantel, mit dem Hut in der Hand; ihr Gesicht neigte sich gegen die Glatze; der große, wie ein Knie nackte Schädel und die zwei abstehenden Ohren riefen in ihr eine Erinnerung an etwas wach, und als die kalten Lippen ihre, vom verschütteten Tee nasse Hand berührten, wich alles Komplizierte aus ihren Zügen dem eindeutigen Ausdruck der Zufriedenheit: denken Sie sich — etwas Kindliches hüpfte spielend in ihren noch schimmernden Augen auf und verbarg sich wieder in ihnen.

Als er nun gerade vor ihr stand, trat seine Gestalt mit ausgesprochener Deutlichkeit hervor; ein lose am Körper hängendes Höschen, ein Mäntelchen von früher nie getragener Farbe, eine Menge neuer Fältchen im Gesicht, von denen zwei das ganze Gesicht durchquerten, und neue, unbekannte Blicke; doch erschienen ihr diese Augen jetzt nicht mehr wie zwei durchsichtige Steine; es lag in ihnen eine ihr unbekannte Kraft und Unbeugsamkeit.

Und diese Augen senkten sich; Apollon Apollonowitsch suchte nach Worten:

»Ich kam, um« — er hielt einen Augenblick inne —

— ?

». . . Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .«

». . . und Sie zu Ihrer Rückkehr zu beglückwünschen . . .«

Anna Petrowna fing einen verlegenen, etwas erstaunten Blick auf, einen einfach weichen, mitleidigen Blick von kornblumenblauer Farbe, in dem wie ein Hauch etwas von Frühlingsluft lag.

Aus dem Nebenzimmer hörte man Lachen und Geräusch; hinter der Tür unterhielten sich noch immer die zwei Zimmermädchen miteinander; unten klang Klavierspiel; unordentlich lagen zerstreut: Gepäckriemen, Handtäschchen, ein schwarzer Spitzenfächer, eine kleine venezianische Vase und ein Stück Seidenstoff von schreiend zitronengelber Farbe, der sich als eine Bluse entpuppte; hinter dem Fenster war statt des Himmels gelber Rauch, und in diesem gelben Rauch lag Petersburg: Straßen und Prospekte; Trottoire und Dächer; das Blech vor dem Fenster war mit gefrorenem Reif bedeckt; ein kalter Wasserstrahl rieselte aus der Dachrinne.

»Und bei uns . . .«

»Darf ich Ihnen Tee anbieten? . . .«

»Bei uns steht ein Generalstreik bevor . . .«

Das Spielzeug

Die Tür ging auf.

Nikolai Apollonowitsch trat in das Vestibül, dessen Wände mit alten Waffen geschmückt waren; Nikolai Apollonowitsch sah höchst desperat aus; er riß sich seinen breiten italienischen Hut vom Kopfe; die Fülle flachsweißer Haare gab dem Gesicht mit dem kalten, ja rauhen Ausdruck, in dem sich angeborener Starrsinn ausprägte, einen etwas milderen Schimmer (selten begegnet man solchen Haaren bei Erwachsenen; diese Nüance findet man nur bei Bauernkindern, besonders in Weißrußland); kalt, trocken, deutlich zeichneten sich die Linien des weißen Gesichtes, als er nachdenklich einen Moment lang vor sich hinsah, und es ähnelte den Gesichtern auf den Heiligenbildern.

Auf einmal übergoß es sich mit Röte; und er flog rasch, ein wenig hinkend, den nassen zerdrückten Überwurf über den Schultern, die teppichbelegten Stufen hinauf. Er hüstelte; er — keuchte; er zitterte, als hätte er Fieber: gewiß, man steht nicht ungestraft stundenlang im Regen; seltsam genug sah er aus: hinkend, mit gekrümmtem Rücken und in einem Rock, dessen eine Schoßhälfte fehlte.

Er schlüpfte durch die Tür mit dem fein geschliffenen Glasgriff; und die glänzend lackierten Zimmer, an denen er vorbeilief, schienen ihm nur eine Halluzination, die spurlos zerrann, indem sie hinter der Grenze seines Bewußtseins neblige Flächen breitete; und als seine Schuhe im Korridor laut zu tönen begannen, schien es ihm, als klopften seine Adern laut an die Schläfen; das rasche Pulsieren dieser Adern sprach deutlich von frühzeitiger Sklerose.

Innerlich ganz aufgewühlt, trat er in sein buntes Zimmer ein; die kleinen grünen Papageie im Käfig erhoben ein wildes Kreischen und begannen mit den Flügeln zu schlagen; das hemmte seinen eiligen Schritt; er blieb stehen und sah um sich; er erblickte den bunten Leoparden, der mit weitaufgerissenem Rachen zu seinen Füßen lag; dann aber — begann er in seinen Taschen herumzusuchen (er suchte den Schreibtischschlüssel).

»Ha? . . .«

»Aber zum Teufel . . .«

»Verloren?«

»Dagelassen? . . .«

»Ist’s möglich! . . .«

Er rannte hilflos durchs Zimmer hin und her und suchte den vergessenen Schlüssel, er untersuchte die für diesen Zweck unpassendsten Gegenstände, hob den schweren Rauchapparat, die goldene Kugel mit dem Halbmond oben, vom Platz, und redete dabei immerzu mit sich selbst. Ganz erschrocken lief er in das zweite Zimmer — an den Schreibtisch; unterwegs warf er das arabische, mit Elfenbein eingelegte Taburett um; mit lautem Krachen stieß es auf den Boden; erstaunt sah er, daß der Schreibtisch gar nicht abgesperrt war; die verräterische Schublade stand zur Hälfte offen; ihm blieb das Herz stehen: wie hatte er es nur unterlassen können, die Schublade abzusperren? Er zog sie weiter heraus . . . und — und — und . . .

Sie war nicht da! Nein, sie war nicht da!

In der Schublade war alles durcheinandergeworfen; die große Photographie, die sich darin befunden hatte, lag achtlos hingeworfen auf der Tischplatte; und . . . die Sardinenbüchse war — verschwunden; wütend, erschreckt, mit dem Ausdruck der Verzweiflung wiegte sich über der Schublade das rotglühende Gesicht mit den von dunklem Blau umrahmten, großen Augen, die plötzlich schwarz wurden; schwarz — durch die erweiterten Pupillen; so stand er zwischen dem Lehnstuhl und der Büste: des Kant natürlich.

Er lief an den zweiten Tisch; öffnete auch da die Schubladen, doch hier lag alles in bester Ordnung: Briefe, Papiere; er schleuderte alles heraus auf den Tisch, doch die Sardinenbüchse . . . die war nicht da . . . Seine Beine begannen zu zittern; er kniete nieder, und sein heißer Kopf fiel auf seine kalten, vom Regen noch feuchten Hände; so erstarb er für einen Augenblick; die flachsweißen Haare hoben sich wie ein toter, gelber Fleck ab von dem grünen Fond des Möbelstoffes, im Halbdunkel der Dämmerung.

Er sprang auf! Im Nu war er beim Schrank! Der Schrank wurde aufgerissen; ein Gegenstand nach dem anderen flog auf den Teppich; aber auch da befand sich die — Sardinenbüchse nicht; wie ein Wirbelwind fuhr er im Zimmer umher; durch die Heftigkeit seiner Bewegungen, (ähnlich denen seines exzellenten Vaters) und die Kleinheit seines Wuchses erinnerte er sehr an einen flinken Affen. In der Tat: das Schicksal hat ihm einen bösen Streich gespielt; er rannte aus einem Zimmer in das andere; vom Bett (wo er unter den Kissen, unter der Decke, unter der Matratze suchte) lief er zum Kamin: hier beschmierte er sich die Hände mit Asche; vom Kamin eilte er wieder zu den Bücherregalen (mit leichtem Knistern glitten die seidenen Vorhänge auf ihren kleinen Messingringen zur Seite); er untersuchte die Bücherreihen und mancher Band, flog mit rasselndem Gepolter zu Boden.

Doch die Sardinenbüchse war nirgends zu finden, nirgends.

Bald saß er kauernd, das Gesicht mit Asche und Staub bedeckt, vor einem auf dem Boden aufgestapelten Haufen aller möglicher Gegenstände, die er mit seinen langen, schlanken, spinnenfühlerähnlichen Fingern nacheinander berührte.

In dieser Pose wurde er vom hereingestürmten Ssemjonytsch überrascht:

»Nikolai Apollonowitsch! . . . Gnädiger junger Herr! . . .«

Nikolai Apollonowitsch wandte sich um, noch immer kauernd; mit unwillkürlicher Bewegung breitete er beim Eintritt des Dieners seinen italienischen Überwurf über den Haufen und sah aus wie eine auf den Eiern sitzende Henne: seltsam tot und unbeweglich hoben sich die flachsweißen Haare, wie ein gelber Fleck vom Halbdunkel der Umgebung ab.

»Was ist?«

»Ich gestatte mir . . .«

»Lassen Sie mich, Sie sehen, daß ich beschäftigt bin . . .«

Mit dem weitausgezogenen Mund ähnelte er dem Leoparden, der mit offenem Rachen bewegungslos auf dem Boden lag.

»Ich muß meine Bücher ordnen . . .«

Doch Ssemjonytsch ließ sich nicht abschrecken:

»Sie werden gebeten . . . Sie werden in den Salon gerufen . . .«

— ?

»Eine Familienfreude: Unsere gnädige Frau, Mütterchen Anna Petrowna, geruhte selbst zu erscheinen.«

Nikolai Apollonowitsch erhob sich mechanisch; auf seinem mit Staub und Asche bedeckten Gesicht entzündete sich blitzartig schnell eine Röte; er begann plötzlich zu husten, und heiser durch das Husten rief er:

»Was, Mama? Anna Petrowna?«

»Mit Apollon Apollonowitsch geruht sie dort im Salon zu sitzen . . . Gerade sind sie . . .«

»Wurde ich gerufen?«

»Apollon Apollonowitsch läßt bitten . . .«

»Sofort . . . Ich komme sofort . . . Nur noch das hier . . .«

Kaum war Ssemjonytsch aus der Tür, da erhob sich Nikolai Apollonowitsch vom Boden, holte mit ein paar behenden Sprüngen den Alten ein und erfaßte seinen Ärmel:

»Tsss! . . . Ssemjonytsch — hören Sie mal« — Nikolai Apollonowitsch hielt den alten Diener beim Ärmel fest:

»Haben Sie nicht . . . Ja, es handelt sich darum . . .« er wurde verwirrt und zog, den Alten näher in das Zimmer, »Haben Sie nicht so einen Gegenstand hier gesehen? Hier im Zimmer . . . So einen Gegenstand — ein Spielzeug . . .«

»Ein Spielzeug? . . .«

»Ein Kinderspielzeug . . . Eine Sardinenbüchse . . .«

»Eine Sardinenbüchse?«

»Ja, ein Spielzeug, das wie eine Sardinenbüchse aussah — schwer, mit einem Uhrwerk: es tickte noch so darin . . . Ich habe es, das Spielzeug, in die Lade . . .«

Ssemjonytsch drehte sich langsam um, befreite seinen Ärmel von den sich darin eingehakten Fingern, sah einen Augenblick lang starr die gegenüberliegende Wand an, dachte nach und stieß dann etwas unehrerbietig schroff hervor:

»Nein!«

Einfach nein! — . . .

»Und ich hatte gedacht . . .«

Sehe mal einer her: so ein Ereignis, eine Freude; selbst der gnädige Herr, der Minister, leuchtet vor Freude . . . Und der da: eine Sardinenbüchse . . . mit Uhrwerk . . . ein Spielzeug! Selbst mit abgerissenem Rockschoß . . .

»Soll ich also melden’?«

»Ich komme sofort, sofort . . .«

Nikolai Apollonowitsch schloß die Tür und stand da, ohne zu wissen wo er sich befand.

Ebenso ohne zu wissen was er tat, zog er den verräterischen Rock aus und vertauschte ihn mit einem anderen, ganz neuen; vorher wusch er sich den Staub und die Asche von Gesicht und Händen. Während er sich wusch und ankleidete dachte er immerzu:

»Was ist das nun, was ist das nun . . . Wohin konnte ich sie nur verlegt haben . . .«

Nikolai Apollonowitsch war sich noch nicht ganz bewußt, welchen Schrecken das plötzliche Verschwinden der Sardinenbüchse eigentlich in sich barg; es war ihm bisher noch nicht eingefallen, daß — während seiner Abwesenheit jemand in seinem Zimmer gewesen sein, die Sardinenbüchse entdeckt und sie vorsorglich mitgenommen haben konnte.

Die Diener wunderten sich

Dieselben Häuser standen da in Reihen, dieselben grauen Menschenströme zogen dahin, derselbe grüngelbe Nebel hüllte alles ein; in sich versunken liefen Gestalten vorbei; die Trottoirs flüsterten und scharrten unten zu den Füßen der Häuserriesen; ihnen entgegen flog ein Prospekt nach dem anderen; und die sphärische Oberfläche des Planets schien von den schwärzlichgrauen Häuserkuben wie von Schlangenringen eingefaßt; das Netz paraller Prospekte, durchschnitten von einem Netz paraller Prospekte, dehnte sich mit seinen Quadratflächen bis zu kosmischen Abgründen . . .

Doch Apollon Apollonowitsch schenkte diesmal seiner Lieblingsfigur, dem Quadrat keine Beachtung; versank nicht gedankenlos in die Betrachtung der steinernen Parallelepipeda und Kuben; auf die weichen Kissen des gemieteten Droschkenwagens gelehnt, blickte er von Zeit zu Zeit erregt auf Anna Petrowna, die er — er selbst, jetzt in das lackierte Haus zurückführte; was sie dort beim Tee im Hotelzimmer miteinander gesprochen hatten — das blieb für immer ein undurchdringliches Geheimnis; nach diesem Gespräch wurde aber beschlossen: Anna Petrowna würde morgen schon in das Haus auf dem Kai übersiedeln; jetzt aber fuhr sie, um den Sohn zu sehen.

Anna Petrowna war verlegen.

Im Wagen sprachen sie nichts miteinander; Anna Petrowna blickte aus dem Fenster; zweiundeinhalb Jahre hatte sie diese grauen Prospekte nicht gesehen: sie sah die Kette der Häusernummern; dort zirkulierte etwas ununterbrochen; dort glänzte an hellen Tagen aus weit-weiter Ferne die goldene Spitze, die Wolken, der glutrote Sonnenuntergang; und dort sah man an nebligen Tagen — nichts, niemand.

Mit unverhülltem Vergnügen lehnte sich Apollon Apollonowitsch gegen die weichen Wagenpolster, von dem Schmutz der Straße durch den geschlossenen Kubus getrennt; hier blieb er fern den dahinströmenden Menschenmassen, den ihn anödenden, regennassen, roten Umschlägen, die dort an der Straßenecke verkauft wurden; er hüpfte mit den Blicken; hie und da fing Anna Petrowna auf: einen verlorenen, staunenden und — denken Sie sich nur — einen einfach warmen, blau-blauen, kindlichen, ja gedankenleeren Blick. (War er nicht schon vielleicht ein wenig in Kindlichkeit verfallen?)

»Ich hörte, Apollon Apollonowitsch, Sie seien für den Ministerposten ausersehen?«

Apollon Apollonowitsch aber unterbrach sie:

»Von wo kommen Sie jetzt eigentlich, Anna Petrowna?«

»Ich komme direkt aus Granada . . .«

»So—o, so—o, so—o . . .« — und nachdem er sich geschneuzt hatte: »Ja, wissen Sie: es gibt allerlei dienstliche Unannehmlichkeiten . . .«

Und plötzlich, was ist das?: Er fühlte eine warme Hand auf seiner Hand, seine Hand wurde gestreichelt . . . Hm, hm, hm: Apollon Apollonowitsch wurde verlegen; er wurde verlegen, ja er erschrak sogar; es wurde ihm beinahe ein wenig unbehaglich . . . Hm, hm: es werden schon an die anderthalb Jahrzehnte sein, daß man mit ihm nicht so umgegangen war . . . Sie hat ihn tatsächlich gestreichelt. . . . Das hatte er wahrlich von dieser . . . Person nicht erwartet. . . Hm, hm . . . (Apollon Apollonowitsch hatte ja in diesen zweieinhalb Jahren diese Person für eine . . . leichtsinnige Person gehalten . . .)

»Ich bin eben im Begriff, meinen Abschied zu nehmen . . .«

Durch das Fenster des Wagens drang das mattgrüne Tageslicht ein; dort ergossen sich wie eine Flut die Menschenwellen übereinander; und diese Menschenflut war eine donnernde Flut.

Hier, an dieser Stelle, hatte er neulich jenen Mann unbestimmter Herkunft erblickt; die Augen dieses Mannes von unbestimmter Herkunft hatten geglänzt und sie hatten ihn erkannt: das war vor etwa zehn Tagen (ja, vor nur zehn Tagen war es: in diesen zehn Tagen hat sich alles verändert; und verändert hat sich auch Rußland!) . . .

In der Tat, wie wunderten sich die Diener!

So erzählte später der Junge Grischka, der gerade in dieser Stunde den Dienst im Vorzimmer versehen hatte:

»Ich sitze so da und zähle an den Fingern, wie viele Wochen noch bis zum Heiligen Nikolaus, dem, der in den Winter fällt . . .«

»Aber geh du mit deinem Nikolaus! So erzähl’ doch einmal!«

»Jawohl, ja: der Heilige Nikolaus ist bei uns im Dorfe ein großer kirchlicher Feiertag . . . Ich sitze also nun so und rechne nach . . . Auf einmal: ein Wagen, direkt vor unsere Tür; ich springe auf; mache also die Tür auf — und: alle Heiligen! — der gnädige Herr, er selbst — in einem Droschkenwagen! (und ein Wagen, sag ich euch!) Und mit ihm eine Dame, schon eine ältere, in einem ganz billigen Redingote.«

»Was — Redingote, Bursche! Redingote werden jetzt nicht mehr getragen.«

»Unterbrechen Sie ihn nicht; der weiß auch so schon nicht, wo ihm der Kopf steht.«

»Kurzum: in einem Mantel. Der gnädige Herr — so flink, flink aus der Droschke — na, Teufel, wollte sagen: aus dem Wagen — hüpf! zu der Dame, den Arm so und lächelt: na, wie der reinste Kavalier! In jeder Weise behilflich! . . .«

»Hör mal einer . . .«

»So was . . .«

»Das läßt sich auch denken: zwei Jahre haben sich die Leute nicht gesehen«, ertönten ein paar Stimmen zugleich.

»Also: die Gnädige steigt aus dem Wagen; aber verlegen war sie, das sah ich ihr schon gleich an; lächelt so; streicht sich übers Kinn, der Courage wegen; aber arm gekleidet, sag’ ich euch: die Handschuh sicher gestopft . . .«

»Schon gut: was also weiter?«

»Der gnädige Herr also, Apollon Apollonowitsch — gar nicht so stolz wie immer; steht da im Regen« (es hat ja so geregnet — hu—u!), »steht so und wartet, bis die Gnädige das Trittbrett . . . Sie ist ja so, hat schon ihr Gewicht . . . Wie sie sich auf den Arm vom gnädigen Herrn stützte, mit ganzer Schwere, da hab’ ich mir gedacht: daß er’s aushalten kann, eine solche Last . . .«

»Plappere doch nicht, erzähl’!«

»Ich plappere nicht, ich erzähle so schon; aber was: hier kann euch Mitrij Ssemjonytsch weitererzählen: er hat ja die Herrschaften im Vorzimmer empfangen . . . Was soll ich weitererzählen? Der gnädige Herr hat der Gnädigen nur gesagt: ‚Bitte‘, hat er gesagt, ‚willkommen, Anna Petrowna‘ . . . Da erst hab ich die gnädige Frau erkannt . . .«

»Na, und wie . . .«

»Alt, sag’ ich euch, ist sie geworden . . . Ich erkannte sie erst gar nicht, aber dann . . . Sie hat mir ja oft eigenhändig Süßigkeiten geschenkt . . .«

So redeten später die Diener.

Wirklich!

Eine unerwartete, unvorhergesehene Tatsache: vor zweieinhalb Jahren hatte Anna Petrowna ihren Gatten verlassen und war mit einem italienischen Schauspieler fortgezogen; von dem Schauspieler im Stich gelassen, verließ sie die herrlichen Paläste Spaniens und eilte über die Pyrenäen, die Alpen, Tirol, mit dem Expreßzug zurück; was aber am wunderlichsten war: zweieinhalb Jahre durfte der Name Anna Petrowna in Anwesenheit des Senators nicht genannt werden, ja, noch vor zweieinhalb Tagen war er durchaus verpönt; zweieinhalb Jahre vermied der Senator jeden Gedanken an Anna Petrowna (trotzdem dachte er wohl an sie), und selbst bei einem zufälligen Zusammentreffen dieser Lautverbindung zog er verächtlich die Lippen zusammen. Warum war aber bei der Nachricht von ihrer Rückkehr an Stelle des verächtlichen Zuckens ein erregt zorniges Zittern des Kiefers getreten? Warum schlief er diese Nacht nicht? Warum war der Zorn im Laufe der zwölf Stunden allmählich gewichen und statt seiner stellte sich eine unruhevolle Sehnsucht ein? Warum hielt er es nicht aus und fuhr selbst ins Hotel; überredete sie, brachte sie selbst nach Hause? Was war dort im Hotelzimmer vorgefallen? — Auch Anna Petrowna hat ihr Vorhaben vergessen; das Vorhaben, das sich ihr gestern beim Besuch im lackierten Haus wieder fest eingeprägt hatte.

Sie hat ihr Vorhaben aufgegeben und ist zurückgekehrt.

Beide waren durch die Auseinandersetzung im Hotel erregt und verlegen; deswegen verzichteten beide auf irgendwelche Gefühlsäußerungen beim Eintritt in das lackierte Haus; Anna Petrowna sah von der Seite ihren Gatten an: Apollon Apollonowitsch schneuzte sich, dann räusperte er sich ein wenig. Anna Petrowna dankte herablassend auf die ehrfurchtsvollen Grüße der Dienerschaft; sie verhielt sich sehr reserviert; nur den alten Ssemjonytsch umarmte sie und — es sah aus, als möchte sie an seiner Schulter weinen; aber sie warf einen verlegenen, erschreckten Blick auf Apollon Apollonowitsch und überwand sich: sie griff nach dem Handtäschchen, doch holte sie das Taschentuch nicht vor.

Apollon Apollonowitsch, seiner Gattin ein paar Stufen voraus, warf den Lakaien strenge, befehlende Blicke zu; solche Blicke hatte er nur in Augenblicken der Verlegenheit; gewöhnlich benahm sich Apollon Apollonowitsch gegen die Dienerschaft mit verletzend ausgesuchter Höflichkeit und Kühle (die bekannten Scherze ausgenommen). Er behielt vor der Dienerschaft den Ton der Gleichgültigkeit: nichts ist geschehen, die gnädige Frau hat sich aus Gesundheitsgründen im Auslande aufgehalten, jetzt ist sie zurückgekehrt — nichts weiter . . . Also was ist dabei? Es ist alles in schönster Ordnung! . . .

Übrigens, einen Diener gab es (alle früheren außer Ssemjonytsch und dem Knaben Grischka sind inzwischen aus dem Hause fortgekommen), — dieser Diener erinnerte sich ganz genau, wie die gnädige Frau damals ins Ausland gereist war: der Dienerschaft war nichts gesagt worden; das ganze Gepäck hatte aus einer Handtasche bestanden (und das für die Zeit von zweieinhalb Jahren!); den Tag vor der Abreise hatte die Gnädige sich in ihren Gemächern eingesperrt gehalten; die vorherigen Tage aber war bei ihr immer der Schwarze mit dem Schnurrbart gesessen: wie hatte er nur geheißen — Mindalini (er hieß in Wirklichkeit Mantalini), — der immer die nichtrussischen Lieder gesungen hatte: »Tra—la—la . . . Tra—la—la . . .« Und der nie Trinkgeld gegeben hatte.

Dieser Lakai, der das alles in seiner Erinnerung hatte, küßte besonders ehrfurchtsvoll das erlauchte Händchen; sein Gewissen war durch die Schuld belastet, nicht die Einzelheiten der Flucht — d. h. der Abreise — aus seinem Gedächtnis weggewischt zu haben; er hatte die begründete Angst, daß mit dem Erscheinen der erlauchten Gnädigen seine Tage im lackierten Haus gezählt seien.

Sie sind im großen Salon; wie Spiegel blitzen die Quadrate des Parketts: während dieser zwei Jahre war hier nur selten geheizt worden; von der kalten Zimmerflucht ging immer eine undefinierbare Traurigkeit aus; Apollon Apollonowitsch war stets in seinem Zimmer hinter abgesperrter Tür gesessen; es hatte ihm immer geschienen, aus der Zimmerflucht würde ein Bekannter, ein Trauriger zu ihm hereinstürzen; jetzt stand er da und dachte: nun ist er nicht mehr allein; er wird nicht mehr allein über die Quadrate des Parketts schreiten, sondern mit . . . Anna Petrowna.

Er bot galant der Angekommenen den Arm und führte sie durch den großen Saal; Anna Petrowna blieb vor einer blaßtönigen Malerei stehen, wandte sich Apollon Apollonowitsch zu und lächelte:

»Ach das da . . . Erinnern Sie sich, Apollon Apollonowitsch?«

Sie schielte ein klein, klein wenig, wurde ein klein, klein wenig rot; zwei kornblumenblaue Augen versanken da in zwei andere, von Himmelsblau erfüllte; und — der Blick, der Blick; etwas Liebes, Gewesenes, Altes, — etwas, was die Menschen vergessen haben, was aber die Menschen seinerseits nie vergaß, was immer vor jeder Tür steht, dieses Etwas stellte sich plötzlich zwischen ihre Blicke; es war nicht in ihnen; es erwachte nicht in ihnen: es stand zwischen ihnen — als wäre es vom Frühlingswind hereingeweht worden. Der Leser verzeihe mir: ich will den Sinn dieser Blicke mit dem ganz banalen Wort bezeichnen: es war — Liebe.

»Erinnern Sie sich?«

»Gewiß doch . . .«

»Wo?«

»In Venedig . . .«

»Es sind dreißig Jahre seither vergangen! . . .«

Die Erinnerung an einen im Nebel schimmernden Kanal tauchte in ihm auf, an eine Arie, die seufzend aus der Ferne klang: dreißig Jahre sind seither vergangen. Auch sie wurde von der Erinnerung an Venedig erfaßt; diese Erinnerung spaltete sich aber: vor dreißig Jahren und — vor zweieinhalb Jahren; sie errötete: sie hatte ja diese Erinnerung zu verdrängen gesucht; nun trat eine andere auf: Kolenka. Sie hatte in den letzten zwei Stunden nicht an Kolenka gedacht; das Gespräch mit dem Senator hatte alles andere für einige Zeit beiseite geschoben; vor diesen letzten zwei Stunden hatte sie doch nur an Kolenka gedacht, voll Zärtlichkeit, voll Zärtlichkeit und Kränkung: Kolenka hatte nichts von sich hören lassen, keine Nachricht gegeben.

»Kolenka . . .«

Sie traten in den Salon ein: überall Nippessachen, Metall- und Perlmutterinkrustationen, Bronzen.

»Kolenka geht es gut, Anna Petrowna . . . er befindet sich ganz wohl . . .« Der Senator machte ein paar eilige Schritte seitwärts.

»Ist er zu Hause?«

Apollon Apollonowitsch, der sich gerade in einen Empiresessel niedergelassen hatte, erhob sich etwas widerwillig und drückte den Knopf der elektrischen Glocke.

»Warum kam er nicht zu mir?«

»Er ist, Anna Petrowna . . . mmä—mmä . . . Er war . . . sehr . . .« — der Senator wurde seltsam verworren, dann zog er sein Taschentuch hervor, schneuzte sich lange mit sonderbaren Trompetenlauten; dann räusperte er sich ein wenig und steckte sehr langsam das Taschentuch wieder in die Tasche:

»Ja, er hatte sich sehr gefreut . . .«

Schweigen trat ein. Der kahle Kopf neigte sich über einer kalten, langbeinigen Bronze; der Lampenschirm, mit feinster Malerei bedeckt, glänzte nicht mit seinen violetten Tönen: verloren hat das neunzehnte Jahrhundert das Geheimnis dieser Farbe; das Glas war abgedunkelt von der Zeit; und auch die feine Malerei war abgedunkelt von der Zeit.

Auf das Läuten trat Ssemjonytsch herein:

»Ist Nikolai Apollonowitsch zu Hause?«

»Jawohl, gnädiger Herr.«

»Mm . . . hören Sie mal: sagen Sie ihm . . . Anna Petrowna sei hier und ließe ihn bitten . . .«

»Vielleicht gehen wir selbst zu ihm«, sagte erregt Anna Petrowna und erhob sich lebhaft aus dem Lehnstuhl; aber der Senator unterbrach sie mit scharfer Wendung gegen Ssemjonytsch:

»Mä — mmä . . . Ssemjonytsch: also sagen Sie: . . .«

»Zu Befehl . . .«

»Ich bin mit Kolenka, Anna Petrowna, nicht ganz zufrieden . . .«

»Was sagen Sie . . .«

»Kolenka benimmt sich schon seit geraumer Zeit — regen Sie sich nicht auf — er benimmt sich einfach — aber regen Sie sich nicht auf — einfach sonderbar . . .«

— ?

Die goldeingerahmten Trumeaus verschlangen mit ihrem grünlichen Glas den Salon.

»Kolenka wurde etwas verschlossen . . . Kche — kche« — nach dem Hustenanfall begann er mit den Fingern aufs Tischchen zu trommeln; es fiel ihm etwas — etwas Persönliches — ein, er zog die Augenbrauen zusammen, rieb sich an der Nasenwurzel; doch er faßte sich bald und rief mit fast übermäßiger Lustigkeit:

»Übrigens: nein, es ist weiter nichts dabei . . . Gar nichts . . .«

Zwischen den Trumeaus glitzerten überall Perlmuttertischchen.

Eine einzige Sinnlosigkeit

Den Schmerz im Knie überwindend (der Fall in Lichutins Zimmer machte sich immerhin bemerkbar), ein wenig hinkend, lief Nikolai Apollonowitsch durch den Korridor.

Ein Wiedersehen mit der Mutter!

Ein Wirbel von Gedanken und Vorstellungen rauschte durch seinen Kopf; oder nein: es waren keine Gedanken, und es gab nirgends einen Sinn — es war ein Wirbel von Sinnlosigkeiten.

Welche Gedanken waren es?

Erstens der Gedanke an den Schrecken seiner Lage; der Schrecken seiner Lage ergab sich durch das Verschwinden der Sardinenbüchse; die Sardinenbüchse, d. h. die Bombe, ist verschwunden; es war klar, daß jemand die Bombe weggeschafft hat; wer aber, wer? Einer von den Dienern; dann ist also die Bombe in die Hände der Polizei gekommen; und er wird — verhaftet; das wäre nicht das Schlimmste; das Schlimmste ist: Apollon Apollonowitsch selbst hat die Bombe gefunden und hat sie mitgenommen und weiß jetzt: weiß jetzt alles.

Was — alles? Es war ja nichts gewesen; Ermordungsplan? Es gab ja keinen Ermordungsplan; er, Nikolai Apollonowitsch, bestreitet einen solchen Plan auf das entschiedenste: es ist eine niedere Verleumdung — wenn behauptet wird, ein solcher Plan habe existiert.

Es bleibt aber die Tatsache der gefundenen Bombe bestehen.

Wenn ihn der Vater ruft, wenn seine Mutter — nein, er kann’s nicht wissen: er hat die Bombe nicht aus dem Zimmer fortgetragen. Auch die Diener . . . Diesen hätte man es gleich angemerkt. Doch niemand zeigte was. Nein, sie wissen nichts von der Bombe. Aber wo ist sie, wo? Hat er sie wirklich im Schreibtisch versteckt; hat er sie nicht irgendwo unter dem Teppich verborgen, zufällig, mechanisch: so was passierte ihm manchmal.

In einer Woche wird sich alles von selbst aufklären . . . Doch nein; die Bombe wird ihre Anwesenheit schon heute anzeigen — durch ein furchtbares Gepolter (das Poltern konnten die Ableuchows absolut nicht vertragen).

Ihre Anwesenheit — unter dem Teppich, in irgendeinem Schrank, unter einem Kissen — sie wird sie anzeigen; sie wird zu poltern beginnen und wird dann platzen; er müsse die Bombe finden; nun habe er jetzt aber keine Zeit dazu: die Mutter ist da.

Und dann ein weiterer Gedanke: man hat ihn beleidigt; das war sein zweiter Gedanke; und der dritte: ja, dieses widerliche kleine Männchen, Pawel Jakowlewitsch! Er glaube ihn jetzt wieder, gerade wie er nach Hause fuhr, gesehen zu haben; und schließlich — Pepp Peppowitsch Pepp: Pepp, das ist die furchtbare Ausbreitung des Körpers, das Sichdehnen der Adern, das Sieden im Kopf . . .

Ach: nun ist alles durcheinandergeraten; der Wirbel der Gedanken flog mit unmenschlicher Schnelligkeit durch den Kopf und rauschte in den Ohren, so daß es gar keine Gedanken waren: es war eine einzige Sinnlosigkeit.

Mama

Er öffnete die Salontür.

Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das Gesicht seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den Fenstern angezündet wurden.

Und er hörte eine Stimme:

»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«

Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.

»Bist du’s, mein Junge . . .«

Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er umschlang krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß und brach in Weinen aus; er weinte — weiß Gott warum: ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten Schultern bebten (bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte).

»Mama, Mama . . .«

Auch sie weinte.

Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische; er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich dem weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:

»Beruhigt euch, meine Lieben!«

Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer — um etwas zu holen.

»Mama . . . Mama . . .«

Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:

»Mein Knabe, mein geliebter . . .«

Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:

»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«

Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine Finger tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai Apollonowitsch über Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich strich er mit der Hand über die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte; ganz unnötigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.

Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:

»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«

»Es war nur die Überraschung . . .«

»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«

Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.

Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und plötzlich begann er — zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei altbekannte, liebe Gesichter!

»Soo . . .«

»Soo . . .«

»Sooo . . .«

Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die Sardinenbüchse! . . .

Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh abgebrochen.

»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«

»Was hast du, Liebling?«

»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir, Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten . . . Ja, weißt du . . . Und dann — komm wieder . . .«

Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen: wie etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.

Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.

»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle —« Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese . . . Gefühle« — er streichelte sich über den kleinen Backenbart.

»Sie zeugen« — er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein wenig vom Fußboden, balancierte einen Moment lang auf den Absätzen und machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden berührenden Fußspitzen nach —

»Sie zeugen« — er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab durch den Salon:

»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« — er zuckte mit den Achseln — »von guten Charaktereigenschaften . . .«

»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«

Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit Überzeugung:

»Ich habe immer gesagt . . .«

»Ja, weißt du . . .«

Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom Tisch zum Fenster:

». . . Wissen Sie . . .«

Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:

»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt — mich hat sein Benehmen — beruhigt« — er zog die Stirn in Falten — »in bezug auf . . . in bezug auf« — er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über das Tischchen:

»Mja! . . .«

Plötzlich unterbrach er sich scharf:

»Macht nichts!«

Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten sich; sie lächelten einander zu.

Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit; die Stille des Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu spielen, unter diesen Klängen pflegte er über den Büchern einzuschlafen.

Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände stehen und dachte qualvoll nach:

»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie hingetan haben? . . .«

Und — ihm fiel nichts ein.

Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grünten hinter den Schatten; eine Büste — Kants natürlich — trat aus den Schatten hervor.

Plötzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen; mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, daß Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles durchsucht, in den Sachen herumgestöbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . .

Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht.

Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal klar geworden: Lichutin! Natürlich, natürlich; hier war er und hat überall herumgestöbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbüchse mitgenommen.

Erleichtert ließ er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von Chopinklängen durchzogen; so war es auch früher: immer wurde die Stille durch Chopinklänge durchzogen — vor neun, vor zehn Jahren — immer hatte Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt, als hätte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach aufgeklärt: die Sardinenbüchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem denn sonst? Außer, er nähme an . . . — aber wozu eine solche Annahme!); nein, es hatte keine Ereignisse gegeben.

Jenseits der Newagewässer erhoben sich Riesen — als Schattenrisse der Inseln, der Häuser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglänzenden Augen, als — weinten sie. Die Laternenschnur längs dem User ließ feurige Tränen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberfläche.

Die Melone — ein Gemüse

Nach zweieinhalb Jahren saßen sie wieder zu dreien beim Mittagessen.

Der Kuckuck in der Wanduhr rief, und in demselben Augenblick erschien der Lakai mit der dampfenden Suppenterrine; Anna Petrowna strahlte vor Zufriedenheit; Apollon Apollonowitsch . . . — à propos: wer am Morgen den gebrechlichen Greis gesehen hatte, würde ihn in dem Mann, der jetzt am Tisch saß, nicht wiedererkannt haben; er sah auf einmal gekräftigt aus, verlor jedes Alter, saß stramm auf seinem Platz und ergriff mit federnder Bewegung die Serviette; sie hatten bereits ihre Suppe zu essen begonnen, als die Seitentür aufging: Nikolai Apollonowitsch, leicht gepudert, rasiert und sauber, in bis oben geschlossenem Studentenrock, mit ungemein hohem Kragen (wie man sie in der vorhergegangenen Alexandrowschen Epoche getragen hatte) trat herein und näherte sich, ein wenig humpelnd, dem Eßtisch.

»Was hast du, mon cher« — Anna Petrowna führte etwas affektiert das Lorgnon an die Augen »du hinkst ja, wie ich merke?«

»Ha?« — Apollon Apollonowitsch warf einen Blick auf Kolenka und ergriff das Pfefferfäßchen, »In der Tat . . .«

Mit einer etwas jugendhaften Bewegung streute er viel zuviel Pfeffer in seine Suppe.

»Es ist nichts, maman: ich bin ausgeglitten . . . mein Knie schmerzt ein wenig . . .«

»Sollte man nicht kalte Umschläge machen?«

»In der Tat, Kolenka« — Apollon Apollonowitsch führte den Löffel zum Mund und sah zugleich zum Sohn hinüber — »wenn man sich am Knie gestoßen hat — damit ist nicht zu spaßen: das kann unangenehm werden . . .«

Und — er schluckte die Suppe herunter.

Nikolai Apollonowitsch lächelte entzückend und begann seinerseits die Suppe zu pfeffern.

»Sonderbar ist doch das Muttergefühl« — Anna Petrowna legte ihren Löffel in den Teller, blickte mit großen, kindlichen Augen, den Kopf in den Hals gedrückt (so daß ihr Doppelkinn aus dem Stehkragen hervorquoll). »Ist er auch schon erwachsen, ich bin aber um ihn besorgt, wie in früheren Zeiten . . .«

Sie vergaß vollständig, daß es durch zweieinhalb Jahre jemand anderes war, um den sie sich gesorgt hatte: Kolenka war von einem anderen verdrängt gewesen, von einem Fremden, mit schwarzem, üppigem Schnurrbart, mit Augen wie zwei Kirschen; sie vergaß vollständig, daß sie diesem fremden Mann durch mehr als zwei Jahre täglich die Krawatte gebunden hatte; aus violetter Seide; und jeden Morgen ein Glas — Guniadi Janos zum Abführen gereicht hatte.

»Ja, das Muttergefühl: erinnerst du dich — als du deine Dysenterie hattest . . .«

»Sie meinen das mit den Brotscheibchen? Gewiß, ich erinnere mich sehr gut.«

»Ja, eben . . .«

»An den Folgen der Dysenterie«, brummte Apollon Apollonowitsch über dem Teller, »leidest du, glaube ich, auch jetzt noch, mein Lieber.«

Und er schluckte seine Suppe herunter.

»Der junge Herr darf . . . auch jetzt noch . . . keine Erdbeeren essen«, ertönte neben der Tür die zufriedene Stimme des alten Ssemjonytsch, der vor der Tür stand und durch die offene Spalte hereinlugte (bei Tisch bediente ein anderer).

»Erdbeeren, Erdbeeren!« sagte in gedehntem Baßton Apollon Apollonowitsch und drehte sich plötzlich gegen die Tür, wo Ssemjonytsch stand.

»Erdbeeren« — er begann mit dem leeren Mund zu kauen.

Der am Tisch bedienende Lakai (nicht Ssemjonytsch) lächelte, und sein Gesichtsausdruck sollte den Anwesenden sagen:

»Ich weiß schon, was jetzt kommt!«

Der Senator platzte heraus:

»Was meinen Sie, Ssemjonytsch: ist die Melone eine Beere?«

Anna Petrowna wandte sich bloß mit den Augen zu Nikolenka: sie unterdrückte ein herablassend kluges Lächeln; dann übertrug sie den Blick auf den Senator, der wie versteinert in die Richtung der Tür blickte und ganz in Erwartung einer Antwort auf seine alberne Frage aufgegangen zu sein schien; ihre Augen sagten:

»Treibt er es noch immer so?«

Nikolai Apollonowitsch griff verlegen bald nach dem Messer, bald nach der Gabel, während eine unerschütterliche klare Stimme, die keinesfalls über die Frage verwundert zu sein schien, aus der halboffenen Tür erklang:

»Die Melone, Exzellenz, ist keine Beere, sondern eine Gemüsefrucht.«

Apollon Apollonowitsch machte mit dem ganzen Körper eine rasche drehende Bewegung, und flugs war auch schon der erwartete Witz — ei—ei—ei! — da:

Richtig, stimmt, Ssemjonytsch, Alter Kuchentopf — Er hat schlau geurteilt Der kluge kahle Kopf.

Anna Petrowna und Nikolai erhoben ihre Augen nicht von den Tellern: kurz, es war wie in früheren Zeiten!

Apollon Apollonowitsch war offensichtlich bemüht, den Seinigen zu zeigen: nun ist alles ins alte Geleise gekommen; er aß wie sonst mit gutem Appetit, machte Scherze und hörte aufmerksam den Schilderungen von Spaniens Schönheiten zu; Nikolai Apollonowitsch spürte, wie sich eine eigentümliche Traurigkeit in seinem Herzen regte; als existiere keine Zeit mehr; als wäre es erst gestern gewesen: er als Fünfjähriger hört zu, wie seine Mutter mit der Gouvernante spricht (die, die Apollon Apollonowitsch dann aus dem Hause gejagt hat); Anna Petrowna erzählt mit Begeisterung:

»Ich gehe mit Sisi und hinter uns her — zwei Schwänze; wir treten in die Ausstellung ein; die Schwänze ebenfalls . . .«

»Nein, diese Frechheit!«

Kolenka sieht sich in einem gewaltigen Raum; eine Menge von Menschen; Damenkleider rauschen (er war einmal in eine Ausstellung mitgenommen worden); in der Ferne sieht er, wie sich über der Menge in der Luft riesengroße, schwarzbraune Schwänze erheben; er bekommt Angst: Nikolai Apollonowitsch wußte damals als Kind noch nicht, daß die Gräfin Sisi mit dem Wort »Schwänze« ihre Verehrer zu bezeichnen pflegte.

Diese Erinnerung an die Angst vor den in der Luft baumelnden Schwänzen ruft jetzt in ihm ein unterdrücktes Gefühl von Unruhe wieder wach; eigentlich sollte er doch Lichutin aufsuchen und sich — überzeugen . . .

Von was — überzeugen?

Er hörte das fortwährende Ticken einer Uhr: tick tack, tick tack; im Kreise lief die Spiralfeder; natürlich nicht hier in den glänzenden Zimmern (etwa unter einem Teppich, wo jeden Augenblick irgend jemand auf die Stelle treten konnte . . .), nein, die Haarfeder lief irgendwo in einer Mistgrube, im Feld, in der Newa: dort irgendwo liegt dieses Ticktackwerk; die Feder läuft im Kreise bis die verhängnisvolle Stunde herannaht . . .

Welcher Unsinn!

Das alles war die Folge des furchtbaren Senatorwitzes, des wahrhaftig grandiosen . . . in seiner Geschmacklosigkeit; davon kam alles: die Erinnerung an die durch die Luft schwebenden Schwänze; und — die Erinnerung an die Bombe.

»Was hast du, Kolenka? Du bist so zerstreut und ißt keine Crême? . . .«

»Ach, ja . . .«

Nach dem Mittagessen spazierte er auf und ab im unbeleuchteten Saal; der nur ein ganz klein wenig erhellt war: vom Mond und von dem durchbrechenden Licht der draußen brennenden Laterne; Apollon Apollonowitsch durchmaß mit ruhigem Schritt die Quadrate des Parkettbodens, und neben ihm ging — Nikolai Apollonowitsch; sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten aus dem durchbrochen-hellen Fleck in den Schatten. Mit ungewohnter vertraulicher Weichheit sprach Apollon Apollonowitsch, den Kopf tief nach unten geneigt, und es war schwer zu bestimmen: sprach er zum Sohne oder zu sich selbst.

»Wissen Sie — weißt du, schwer ist die Lage eines Staatsmannes.«

Sie kehrten um.

»Ich habe immer schon den Leuten gesagt: die Einfuhr amerikanischer Dreschmaschinen zu fördern — das ist eine sehr wichtige Aufgabe; darin ist mehr Humanitätsarbeit als in all den langen öffentlichen Reden . . . Die Staatswissenschaften lehren uns . . .«

Sie kehrten um und durchmaßen die kleinen Quadrate des Parkettbodens; sie schritten aus dem Schatten in die mondbeschienenen Dreiecke.

»Humanitäre Betätigung tut uns not; die Humanität ist eine große Sache, für die große Geister gelitten haben, wie ein Giordano Bruno, wie . . .«

Lange spazierten sie so, auf und ab.

Apollon Apollonowitsch sprach mit etwas gebrochener Stimme; er faßte manchmal mit zwei Fingern den Rockknopf seines Begleiters, näherte sich mit dem Mund direkt dessen Ohr.

»Schwätzer sind sie alle, Kolenka: Humanität, Humanität! . . . In Dreschmaschinen liegt aber mehr Humanität als in allem anderen, Dreschmaschinen brauchen wir! . . .«

Er umfaßte mit der freien Hand die Taille des Sohnes und zog ihn zum Fenster, in die Ecke; er murmelte etwas und wiegte den Kopf: umgangen wurde er, sie brauchten ihn nicht mehr.

»Weißt du: sie haben mich beiseitegeschoben . . .«

Nikolai Apollonowitsch wagte kaum zu glauben; wie einfach das kam — ohne jede Auseinandersetzung, ohne Szenen, ohne Beichten: dieses vertrauliche Flüstern, diese väterliche Liebkosung.

Warum war es dann all diese Jahre . . . —?

»So, Kolenka, mein Lieber, wir wollen miteinander offener sein . . .«

»Was sagtest du? Ich hörte nicht . . .«

An den Fenstern vorbei zog, wahnsinnig schrill pfeifend, ein kleiner Dampfer; die grelle kleine Laterne am Heck durchschnitt in seltsamer schräger Linie den Nebel; die rubinroten Kreise wurden immer größer. Mit vertraulicher Wärme, den Kopf tief nach unten geneigt, sprach Apollon Apollonowitsch — man weiß nicht, ob zu sich selbst oder zu seinem Sohn. Sie schritten aus dem Schatten in das durchbrochene Laternenlicht; sie schritten — aus dem helldurchbrochenen Fleck in den Schatten.

Apollon Apollonowitsch — klein, kahl und alt — begann, vom letzten Auflodern der Kaminkohlen beschienen, auf dem Perlmuttertischchen die Karten für ein Patiencespiel zu mischen; zweieinhalb Jahre hatte er sich nicht dem Patiencespiel zugewendet; vor zweieinhalb Jahren war es, als Anna Petrowna das letzte entscheidende Gespräch mit ihm hatte; damals war er vor demselben Tischchen gesessen, und Patience wurde gespielt; so hatte ihn auch Anna Petrowna noch in der Erinnerung behalten.

»Herz Zehn . . .«

»Nein, mein Lieber, diese Karte ist draußen . . .«

»Was meinen Sie, Anna Petrowna: wollen wir nicht im Frühjahr nach Proljotnoje übersiedeln?« Proljotnoje war das Stammgut der Ableuchows: Apollon Apollonowitsch hatte Proljotnoje seit zwanzig Jahren nicht besucht.

Dort im Wald, in Schnee und Eis, war er einst — vor etwa fünfzig Jahren — beinahe erfroren; eines dummen Zufalls wegen; in jener Stunde des einsamen Erfrierens war sein Herz wie von kalten Fingern gestreichelt worden; eine eisige Hand hatte ihm zugewinkt; hinter ihm liefen die Jahrhunderte zurück in die Unermeßlichkeit; vor sich sah er die eisige Hand in Unermeßlichkeiten winkend, Unermeßlichkeiten liefen ihm entgegen.

Die eisige Hand!

Und — nun: sie begann aufzutauen.

Zum erstenmal tauchten sie jetzt wieder vor ihm auf, jene fernen, verwaisten Gegenden; der aufsteigende Rauch aus den Dorfhütten und die — Dohlen; in ihm erwachte der Wunsch, den Rauch der Dorfhütten wiederzusehen; und dann — die Dohlen.

»Ja, wir können nach Proljotnoje ziehen: dort gibt es soviel Blumen.«

Und Anna Petrowna begann wieder aufgeregt von den Schönheiten der Alhambraschlösser zu erzählen; in ihrer Begeisterung merkte sie nicht, daß sie immerzu statt ich — wir sagte: d. h. sie und Mantalini.

»Wir kamen am Morgen an, in einem wundervollen kleinen Wagen, der von Eseln gezogen wurde; das Geschirrzeug war mit so großen Quasten verziert; und wissen Sie, Apollon Apollonowitsch, wir gewöhnten uns . . .«

Endlich sagte er weinerlich:

»Ich bin aber müde . . .«

Und er erhob sich aus dem Lehnsessel und setzte sich in den Schaukelstuhl.

Nikolai Apollonowitsch übernahm es, seine Mutter ins Hotel zu bringen; beim Verlassen des Salons drehte er sich noch einmal um und sah seinen Vater an; er begegnete einem auf ihn gerichteten — oder schien es ihm nur so? — traurigen Blick; Apollon Apollonowitsch saß im Schaukelstuhl und wiegte diesen leise durch bloße Bewegung des Kopfes wie der Füße; das war des Sohnes letzter Eindruck; eigentlich hat er den Vater nie mehr gesehen; auf dem Lande und auf der See, in den Bergen und in den Städten, in den glänzenden Sälen der großen europäischen Museen — überall hatte er später diesen Blick gesehen, und ihm schien: Apollon Apollonowitsch hatte damals für immer Abschied von ihm genommen — durch jene leichte Verneigung des Kopfes und durch Bewegen des Fußes; das alte Gesicht, das leise Knarren des Schaukelstuhls und — dieser Blick, dieser Blick!

Die kleine Uhr

Nikolai Apollonowitsch begleitete seine Mutter zum Hotel und ging dann — auf die Moika; kein Licht in den Fenstern: die Lichutins waren also nicht zu Hause; es war nichts zu machen, so ging er also seiner Wohnung zu.

Humpelnd erreichte er sein Schlafzimmer; da blieb er im völligen Dunkel stehen: Schatten, Schatten, Schatten; das Licht der Laterne spannte ein Schleiernetz aus hellen Flecken auf die Zimmerdecke; mechanisch zündete er eine Kerze an; dann nahm er seine Uhr aus der Tasche; zerstreut sah er auf sie hin: es war drei Uhr.

Jetzt erhob sich in ihm alles von neuem.

Er fühlte: er hat seine Angst nicht überwunden; die Sicherheit, die ihn den ganzen Abend aufrechterhalten hatte, schwand plötzlich; alles begann zu schwanken; er wollte Brom einnehmen; doch war keins da; er wollte die Offenbarungen lesen; das Buch war weg; in diesem Augenblick vernahm sein Ohr deutlich einen beunruhigenden Laut: Tick tack, tick tack . . . Leise tönte es. Die Sardinenbüchse?

Dieser Gedanke befestigte sich in ihm immer mehr.

»Pepp Peppowitsch Pepp . . . Pepp . . .«

Um Nikolai Apollonowitsch wurde es immer kälter; kalte Winde wehten ihm in die Stirn; gleich wird die gewaltige, rasch wachsende Kugel zerspringen und dann — wird alles ganz einfach sein.

Die kleine Uhr aber tickte weiter.

Nikolai Apollonowitsch horchte angestrengt: der Laut verfolgte ihn; er suchte nach der Stelle, von der er herkam; leise auftretend — nur die Schuhsohlen knarrten — näherte er sich dem Tisch; das Ticken wurde deutlicher; als er aber dicht an den Tisch herankam, verstummte der Laut plötzlich.

»Tick tack« — kam es jetzt leise aus der entlegenen Schattenecke; er schlich sich nun vom Tisch in die Ecke; Schatten, Schatten, Schatten; Grabesstille . . .

Nikolai Apollonowitsch rannte keuchend hin und her zwischen den tanzenden Schatten, sich bemühend, den neckisch ausweichenden Laut zu erhaschen (so haschen Kinder mit Fangnetzen nach gelben Schmetterlingen).

Jetzt hat er’s: dort ist die Stelle, von der der sonderbare Laut kam; ganz deutlich wird das Ticken; noch einen Augenblick und er hat’s.

Wo aber? wo, wo?

Plötzlich fand er den Punkt, von dem aus sich der Laut ausbreitete: dieser Punkt war sein eigener Bauch.

Erst jetzt bemerkte Nikolai Apollonowitsch, daß er vor dem Nachttischchen stand, auf dem, gerade auf der Höhe seines Bauches, seine Taschenuhr lag . . . Zerstreut sah er auf sie hin: sie zeigte die vierte Nachtstunde.

Nun kehrte er wieder in seinen Rahmen zurück: Leutnant Lichutin hatte die verfluchte Bombe weggetragen; das Deliriumgefühl verlor sich, rasch warf er den Salonanzug von sich ab; mit wonnigem Gefühl befreite er sich aus der Stärke der Wäsche: riß Kragen und Hemd herunter; dann zog er die Unterhose aus: das Bein zeigte neben dem Knie eine blutunterlaufene Stelle; das Knie war ein wenig geschwollen; endlich steckten auch die Beine unter der weißen Decke; sinnend lag er, den Kopf auf den Arm gestützt; das weiße Märtyrergesicht zeichnete sich deutlich auf dem weißen Linnen.

Und dann erlosch das Licht.

Die Uhr tickte; ihn umfing vollständige Dunkelheit; im Dunkeln begann das Ticken wie ein von einer Blume losgelöster Falter durchs Zimmer zu hüpfen: bald war es da, bald dort; und seine Gedanken tickten mit; an verschiedenen Stellen des entzündeten Körpers pulsierten die Gedanken: am Hals, in der Kehle, in den Armen, im Kopf.

Einander überholend rasten die Pulse durch den Körper. Es waren Schwärme sich selbst denkender Gedanken.

Und es tickt doch, es tickt . . .

Ein anderer folgte . . .

Der freie Gedanke klammerte sich an etwas, was das Hirn bewußt verwahrt: die Sardinenbüchse ist hier, die Sardinenbüchse ist hier; in ihr bewegt sich kreisend der kleine Zeiger; der Zeiger wird müde: er nähert sich dem verhängnisvollen Punkt (dieser Punkt ist schon nahe). . .

und ein Donnern ertönt, das du vielleicht nicht einmal hören wirst; denn ehe es das Trommelfell deines Ohrs erreicht, wird dein Trommelfell zerrissen sein (und manches andere auch) —

— Mit Wahnsinnsbewegung sprang da Nikolai Apollonowitsch aus dem Bette: die Pulse übertönten die selbstdenkenden Gedanken; die Pulse hüpften nicht mehr, sie schlugen wild: in den Schläfen, am Hals, in der Kehle, in den Händen und . . . überall außerhalb dieser Organe.

Barfüßig patschte er durchs Zimmer, doch statt zur Tür geriet er in die Ecke.

Der Morgen wartete, grau.

Er schlüpfte rasch in die Unterhose und schlich in den dunkeln Korridor: warum, warum? Ach, ganz einfach, er fürchtete sich . . . Er wurde von tierischer Angst für sein eigenes, kostbares Leben erfaßt; aus dem Korridor ins Zimmer zurück konnte er nicht mehr; wieder in sein Zimmer hineinzugehen, dazu fehlte ihm — der Mut; nach der Bombe zu suchen hatte er weder Zeit noch Kraft; in seinem Kopf hatte sich alles verwirrt, er konnte sich nicht mehr genau der Stunde erinnern, wann die Frist abläuft: jeder Augenblick konnte der verhängnisvolle sein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bis zum Tagesanbruch hier im Korridor, zitternd, zu kauern.

Er näherte sich einer Ecke und hockte sich nieder.

Die Augenblicke rannen langsam; Minuten schienen ihm Stunden; und viele Hunderte von Stunden flossen da hin; der Korridor wurde bläulich; der Korridor wurde grau: der helle Tag begann.

Nikolai Apollonowitsch überzeugte sich immer mehr von der Unsinnigkeit der selbstdenkenden Gedanken; diese Gedanken hatten jetzt plötzlich ihren Sitz in seinem Gehirn und das Gehirn verarbeitete sie; als er sich sagte, die Frist sei nun schon längst abgelaufen, stellte sich von selbst die Version ein: Lichutin habe die Sardinenbüchse weggetragen, und dies umgab ihn mit dem Duft wonnigster Bilder; und Nikolai Apollonowitsch, im Korridor kauernd, verfiel — sei’s aus dem Gefühl der Sicherheit, sei’s aus Müdigkeit — in sanften — Schlummer.

Die Berührung von etwas Feuchtem an seiner Stirn brachte ihn wieder zu sich; er schlug die Augen auf und erblickte — die speichelbedeckte Schnauze der Bulldogge; schnaufend und wedelnd stand die Bulldogge vor ihm; gleichgültig stieß er den Hund von sich; von neuem in das Frühere verfallend war er daran, das unbestimmte Etwas fortzuspinnen, mit Spiralen und Kreisen zu spielen, in der Erwartung daß es ihm dabei gelänge, irgendeine Entdeckung zu machen. Plötzlich kam ihm deutlich zum Bewußtsein: wieso ist er hier?

Wieso ist er im Korridor?

Im Halbschlaf schleppte er sich in sein Zimmer zurück, und während er sich seinem Bette näherte, beschäftigten sich seine halb vom Schlaf umfangenen Gedanken noch immer mit den Kreisen und Spiralen . . .

Da krachte es: er begriff alles.

— Später.

— An langen Winterabenden erinnerte sich Nikolai Apollonowitsch oft an dieses grauenhafte Krachen; es war etwas ganz Besonderes in ihm, mit nichts Vergleichbares; betäubend, und doch nicht allzu laut; betäubend und — dumpf: mit metallischer, tiefer, dunkler Note; dann war es totenstill.

Bald darauf ertönten Stimmen; unregelmäßige Schritte nackter Füße wurden hörbar und das leise Heulen der Bulldogge; die Telephonglocke schrillte; Nikolai Apollonowitsch entschloß sich endlich, die Tür seines Zimmers zu öffnen; ein kalter Luftstrom schlug ihm gegen die Brust; sein Zimmer war erfüllt mit zitronengelbem Rauch; er schritt weiter durch den Rauch und plötzlich stolperte er an einem Stück Holz; eher das Gefühl als der Verstand sagte ihm, daß es ein abgespaltetes Stück von einer Tür war.

Hier ein Haufen Mauersteine; da Schatten von Menschen, die durch den Rauch rennen; angebrannte Fetzen von einem Teppich . . . Wie kommen die her? Einer der Schatten, aus dem Rauchvorhang vortretend, brüllte ihn an:

»He, was stehst du da herum: siehst du nicht, was für ein Unglück im Hause passiert ist?«

Eine zweite Stimme rief:

»Diese Schufte sollte man! . . .«

»Das bin ich . . .« versuchte er zu sagen.

Er wurde unterbrochen.

»Eine Bombe! . . .«

»Ooh . . .«

»Jawohl, eine richtige . . . geplatzt ist sie . . .«

— ?

»Im Zimmer von Apollon Apollonowitsch . . .«

— ?

»Ist Gott sei Dank — unverletzt geblieben . . .«

Wir erinnern unseren Leser: Apollon Apollonowitsch hatte ja die Sardinenbüchse, ohne ihr besondere Beachtung zu schenken, aus dem Zimmer des Sohnes in das seine getragen; dann hatte er sie völlig vergessen; er ahnte selbstverständlich nicht, welchen Inhalt sie barg.

Nikolai Apollonowitsch eilte zu der Stelle, wo soeben noch eine Tür, jetzt aber nur eine mächtige Öffnung war, aus der sich Rauchknäule wälzten . . .

Ohne zu wissen warum, lief Nikolai Apollonowitsch von der gähnenden Öffnung zurück und sah sich — er wußte nicht, wo . . . —

Auf dem schneeweißen Bett (direkt auf dem Kopfkissen!) hockte Apollon Apollonowitsch, die nackten Beine an die haarige Brust gedrückt; er war nur mit

dem Nachthemd bekleidet; er hielt mit den Armen die Knie umklammert und — weinte, nein, heulte herzzerbrechend; in der Verwirrung wurde er völlig vergessen; keiner der Diener war bei ihm, nicht einmal Ssemjonytsch; niemand war da, um ihn zu beruhigen; ganz allein, mutterseelenallein saß er da und . . . seine Stimme klang schon ganz heiser . . . —

Nikolai Apollonowitsch sprang zu dem hilflosen Körper hinzu, wie die Amme zu der hingefallenen ihr anvertrauten Dreijährigen hinzuspringt, die sie unbeachtet mitten auf der Landstraße sitzengelassen hatte; doch beim Herannahen des Sohnes machte der kleine hilflose Körper einen jähen Sprung auf seinem Kissen und begann mit den Armen zu fuchteln: mit einem unbeschreiblichen Grauen und unkindlicher Heftigkeit.

Und mit einem einzigen flinken Satz war er bei der Tür und verschwand.

Nikolai Apollonowitsch ihm nach; mit dem Ruf »Halt, halt!« jagte er hinter der kleinen wahnsinnig gewordenen Gestalt her (übrigens: wer von ihnen war der Wahnsinnige?). Beide liefen sie durch den Rauch, an verbrannten Fetzen und gestikulierenden Menschen vorbei, den Korridor entlang; das Nachthemd des Laufenden flatterte in der Luft; die Fersen schimmerten weiß; Nikolai Apollonowitsch hielt mit einer Hand seine Unterhose fest und bemühte sich mit der anderen, den flatternden Rand des väterlichen Nachthemdes zu erhaschen.

Im Laufen rief er:

»So warten Sie doch . . .«

»Wohin, wohin?«

»Aber bleiben Sie doch stehen . . .«

Als Apollon Apollonowitsch die Tür des mit nichts vergleichbaren Raumes erreicht hatte, riß er sie mit unglaublicher Behendigkeit auf und schlüpfte überraschend schnell hinein, in das Innere.

Nikolai Apollonowitsch sprang unwillkürlich erst einen Schritt zurück; vor ihm schwebten: die scharfe Kopfbewegung, die schweißbedeckte Stirn, die Lippen, die Augen, die wie geschmolzener Stein glänzten; aber die Tür wurde zugeschlagen, der Riegel innen vorgeschoben: der Alte hat sich in das unvergleichliche Örtchen geflüchtet.

Nikolai Apollonowitsch begann mit aller Wucht an die Türe zu hämmern, er bat, flehte bis zur Heiserkeit:

»Machen Sie doch auf . . .«

»Öffnen Sie doch . . .«

»Aaa . . . Aaa . . . Aaa . . .«

Erschöpft sank er auf den Boden hin.

Der Kopf fiel ihm auf die schlaff über den Knien hängenden Arme, er verlor das Bewußtsein; die Diener fanden ihn und brachten ihn in sein Zimmer.

Hier setzen wir einen Punkt.

Wir verzichten auf die Beschreibung, wie der Brand gelöscht wurde, wie der Senator während des polizeilichen Vernehmens einen schweren Herzkrampf bekam; ein gleich darauf einberufenes Ärztekonsilium stellte eine Erweiterung der Aorta fest. Ein paar Leute wurden verhaftet, doch wegen Mangels an Beweismaterial nach einiger Zeit wieder freigelassen. Die weitere Untersuchung wurde auf Betreiben des Senators eingestellt und die Sache vertuscht. Während all dieser Zeit lag der Sohn, Nikolai Apollonowitsch, an einem Nervenfieber bewußtlos danieder; als er endlich zu sich kam, sah er sich mit seiner Mutter allein; Apollon Apollonowitsch hatte das lackierte Haus verlassen; er hatte Urlaub genommen und sich auf sein Erbgut zurückgezogen, wo er ohne Unterbrechung den ganzen Winter, hinter den Schneefeldern begraben, zubrachte. Nach Ablauf seines Urlaubs quittierte er definitiv den Dienst. Ehe er die Residenz verließ, hatte er für den Sohn einen Auslandspaß sowie eine beträchtliche Geldsumme zurechtgelegt. Sofja Petrowna Ableuchow begleitete Nikolenka ins Ausland; im Spätsommer erst kehrte sie allein zurück; Nikolai Apollonowitsch ist bis zum Tode seines Vater nicht mehr nach Rußland zurückgekehrt.

Fußnoten

Dieses Buch wurde im Auftrag des Verlags Georg Müller, München, in einer Auflage von 4000 Exemplaren in der Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig hergestellt. Einbände von der Leipziger Buchbinderei-A.-G. vormals Gustav Fritzsche, nach dem Entwurfe von Paul Renner.

Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des Bandes gesammelt.

Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:

... Zeus: aus seinem Kopfe entstiegen Götter, Göttinen und ... ... Zeus: aus seinem Kopfe entstiegen Götter, Göttinnen und ...

... Baron Ommlu-Ommergau; die des blauen Kürassiers, ... ... Baron Ommau-Ommergau; die des blauen Kürassiers, ...

... Aber so war es auch in den Städten. In den Werkstädten, ... ... Aber so war es auch in den Städten. In den Werkstätten, ...

... Schuft, aber auch der Zeitungsreporter Neitelpfein — so ... ... Schuft, aber auch der Zeitungsreporter Neintelpfein — so ...

... auf: Fügeln gleich flatterte im Winde der weite ... ... auf: Flügeln gleich flatterte im Winde der weite ...

... Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren ... ... Recht, den Brief zu öffnen, um den Inhalt zu erfahren; ...

... Parallelepipede, Parallelogramme, der Konusese, Kuben ... ... Parallelepipede, Parallelogramme, der Konuse, Kuben ...

... dieser Weise pflegte Apollon Apollonwitsch seine seelischen ... ... dieser Weise pflegte Apollon Apollonowitsch seine seelischen ...

... Lipnatschenko (damals im Restaurant, während er immer ... ... Lipantschenko (damals im Restaurant, während er immer ...

... einer Eidechse kein einheitliches Ganze darzustellen ... ... einer Eidechse kein einheitliches Ganzes darzustellen ...

... als wäre er nicht ein guter Bekannter, sondern — wieß ... ... als wäre er nicht ein guter Bekannter, sondern — weiß ...

... seine Dachstube zu schüpfen). Er beschleunigte nicht seinen ... ... seine Dachstube zu schlüpfen). Er beschleunigte nicht seinen ...

... Hand dir rotglühende Pfeife hervor; und zwinkernd ... ... Hand die rotglühende Pfeife hervor; und zwinkernd ...

... anedres einprägen: die mit Stuck bedeckten Wände, die ... ... anderes einprägen: die mit Stuck bedeckten Wände, die ...

... Gesicht gut. Wetscheslaw Konstantiniwitsch hat, ... ... Gesicht gut. Wetscheslaw Konstantinowitsch hat, ...

... »So—o, so—o, so—o . . .« — und nachdem er sich gegeschneuzt ... ... »So—o, so—o, so—o . . .« — und nachdem er sich geschneuzt ...

... und drückte den Knopf der elekrischen Glocke. ... ... und drückte den Knopf der elektrischen Glocke. ...

Eine Reihe inkonsistenter Namensschreibungen wurde belassen wie im Original, wie z. B. Wassiljewski — Wassiljewskij, Soja — Sofja, Pantelemon — Panteleymon, Mawruscha — Marwruscha, Tschingis — Dschingis, Pépp — Pepp.

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