Sechstes Kapitel
Nadja Strasser translation
Er fand wieder den Faden seines Seins
Es war ein trüber Petersburger Tag.
Wollen wir nun zu Alexander Iwanowitsch zurückkehren; Alexander Iwanowitsch erwachte; Alexander Iwanowitsch schlug die Augen auf, doch die fielen ihm immer wieder zu; die Geschehnisse der Nacht wurden zurück in die unterbewußte Welt gedrängt; seine Nerven waren zerrüttet: die Nacht war für ihn ein Ereignis von riesiger Bedeutung.
Wenn er sich zwischen Schlaf und Wachsein befand, war es ihm, als werde er in eine Tiefe geschleudert: als fiele, stürze er aus einem Fenster des fünften Stocks; seine Empfindungen zeigten ihm eine Bresche, die in seine Welt geschlagen wurde; durch diese Bresche flog er in eine andere, gestaltenwimmelnde Welt hinein, von der es nicht genügt zu sagen, man werde dort von furienähnlichen Geschöpfen überfallen: in ihr war selbst das Weltgewebe nichts als Furiengewebe.
Erst gegen Morgen vermochte Alexander Iwanowitsch von sich diese Welt abzuschütteln; und er versank dann in Wonne; das Erwachen stieß ihn jäh wieder hinunter: es blieb in ihm ein unbestimmtes Sehnsuchtsgefühl zurück, und sein ganzer Körper schmerzte.
Im ersten Augenblick nach dem Erwachen merkte er, daß er von Frost geschüttelt wurde, er hatte die Nacht hindurch gefiebert: etwas ging mit ihm vor . . . Doch was?
Während der ganzen langen Nacht rannte er im Delirium durch neblige Straßen oder stieg über Stufen einer geheimnisvollen Treppe; am wahrscheinlichsten aber war es das Fieber gewesen, das durch — seine Adern rannte; das Gedächtnis erzählte etwas, aber die Erinnerungen daran entglitten immer wieder, und er bemühte sich vergeblich, es festzuhalten.
All das war — Fieber.
Ernstlich erschrocken (bei seiner Einsamkeit fürchtete sich Alexander Iwanowitsch vor Krankheiten), dachte er, es würde gut für ihn sein, wenn er das Zimmer nicht verließe.
Mit diesem Gedanken begann er einzuschlummern; im Einschlummern aber dachte er:
»Etwas Chinin sollte ich einnehmen.«
Er schlief ein.
Und beim Erwachen fügte er hinzu:
»Und einen kräftigen Tee . . .«
Und nach einigem Nachdenken fügte er wieder hinzu:
»Mit Himbeersaft . . .«
Es ging ihm durch den Kopf, daß er die letzte Zeit in einer für seine Lage unerlaubt leichtsinnigen Weise gelebt hatte; dieser Leichtsinn erschien ihm jetzt um so unverzeihlicher, als ihm ernste und schwere Tage bevorstanden.
Unwillkürlich seufzte er:
»Und dann sollte ich streng das Trinken vermeiden . . . Nicht die Offenbarung lesen . . . Nicht bei dem Hausmeister unten sitzen . . . Und auch die Unterhaltungen mit Stjopka, der beim Hausmeister wohnt: ich sollte nicht mit diesem Stjopka plaudern . . .«
Diese Gedanken an Tee mit Himbeer, an Wodka, an Stjopka, an die Offenbarung Johanni beruhigten ihn erst, indem sie die Ereignisse der Nacht zu einer Lappalie machten.
Als er sich aber mit dem eiskalten Wasser aus der Leitung und mit Hilfe eines Seifenrestes, der in einem seifigen, gelben Brei lag, gewaschen hatte, fühlte Alexander Iwanowitsch, wie ihn wieder die Ereignisse der Nacht überwältigten.
Er streifte mit dem Blick sein Zwölfrubelzimmer (ein Mansardenraum).
Was für eine traurige Behausung!
Das Hauptmöbelstück des ärmlichen Raumes war das Bett; dieses Bett bestand aus vier Brettern, die auf zwei Holzböcke gelegt wurden; die Oberfläche dieser Böcke war mit ekelhaften, dunkelroten, vertrockneten Wanzenspuren bedeckt, mit denen Alexander Iwanowitsch viele Monate hindurch mit Hilfe eines Wanzenpulvers einen hartnäckigen Kampf geführt hatte.
Auf den Brettern lag eine mit Holzwolle gefüllte, dünne Matratze; über das schmutzige Bettuch hatte Alexander Iwanowitsch sorgfältig eine gestickte Decke gebreitet, deren rote und blaue Streifen mehr vom langjährigen Gebrauch als vom Schmutz grau aussahen; von dieser Decke, die ein Geschenk von irgend jemand (vielleicht von der Mutter) gewesen war, zögerte Alexander Iwanowitsch sich zu trennen; vielleicht auch aus Mangel an Geld (diese Decke hatte ihn auch nach Sibirien begleitet).
Außer dem Bett . . . — ja: hier muß ich noch erwähnen: über dem Bett hing ein kleines Heiligenbild, das den heiligen Seraphin im Fichtenwald auf einem Stein kniend bei seinem tausend Nächte währenden Gebet darstellte.
Außer dem Bett stand dort noch ein glattgehobelter, kleiner Tisch ohne jede Verzierung: in billigen Landwohnungen gebraucht man solche Tische zum Aufstellen der Waschschüsseln; solche Tischchen werden überall auf den Sonntagsmärkten feilgeboten; in der Wohnung Alexander Iwanowitschs war das Tischchen Schreib-, Speise- und Nachttischchen zugleich; Waschschüssel gab es überhaupt keine: bei seiner Toilette bediente sich Alexander Iwanowitsch der Wasserleitung, neben der eine Blechdose mit einem in schleimiger Seifenflüssigkeit schwimmenden Seifenrest hing; außerdem gab es einen Kleiderrechen, auf dem eine Hose baumelte; eine zerrissene Pantoffelspitze blickte unter dem Bett hervor. (Alexander Iwanowitsch träumte eines Nachts: dieser zerrissene Pantoffel wäre ein lebendes Wesen, eine Art Stubengeschöpf, wie etwa der Hund oder die Katze; es schlürfte selbständig aus einer Stelle des Zimmers zur anderen, kriechend und in den Ecken rasselnd; als Alexander Iwanowitsch die schlürfenden Pantoffel mit im Munde aufgeweichtem Semmelbrot füttern wollte, bissen ihn diese in die Finger, weswegen er erwachte).
Es stand noch im Zimmer ein brauner Reisekoffer, der längst seine ursprüngliche Form verloren hatte und Gegenstände von schrecklichster Bedeutung enthielt.
Doch das ganze Möblement dieses sozusagen Zimmers, trat zurück vor der Farbe der Tapete, die unangenehm und frech war, von dunkelgelber oder brauner Nuance, mit riesigen feuchten Flecken; abends kroch langsam bald über den einen, bald über den andern dieser Flecke ein Tausendfüßler. Das ganze Innere des Zimmers war von Tabakrauch erfüllt. Alexander Iwanowitsch mußte unaufhörlich, mindestens zwölf Stunden täglich rauchen, um die farblose Atmosphäre in eine dunkelgraue, blaue zu verwandeln.
Alexander Iwanowitsch Dudkin betrachtete seine Behausung, und wieder — wie schon immer — zog es ihn hinaus aus dem vollgerauchten Zimmer, zog es ihn fort von hier; es zog ihn auf die Straße in den schmutzigen Nebel, wo er mit den Schultern, den Rücken und grünlichen Gesichtern der Petersburger Prospekte eins werden konnte, um sich mit ihnen zu einem einzigen riesengroßen, grauen Gesicht zu verschmelzen.
Am Fenster seines Zimmers klebte der dichte Oktobernebel: Alexander Iwanowitsch Dudkin empfand das Bedürfnis, sich von dem Nebel durchdringen zu lassen, alle seine Gedanken von ihm durchdringen zu lassen, alles, was in seinem Hirn herumspukte, in dem Nebel zu ertränken; durch die Gymnastik der schreitenden Füße wollte er dieses Spukzeug auflösen; schreiten wollte er, immer schreiten und schreiten: von Prospekt zu Prospekt, von Straße zu Straße; schreiten so lange, bis das Hirn gänzlich verstummt ist, dann vor dem Tischchen der Schenke niedersinken, um sich mit Wodka zu verbrennen. Nur ein solches zielloses Wandern durch Straßen und krumme Gäßchen, an Laternen, Zäunen und Fenstern vorbei erstickt die quälenden Gedanken im Hirn.
Während er seinen armseligen Mantel anzog, spürte er wieder, daß es ihn fröstelte, und er dachte traurig:
»Hätt’ ich doch etwas Chinin!«
Aber woher Chinin nehmen? . . .
Und während er die Treppe hinunterging, dachte er wieder traurig:
»A—ach, hätt’ ich doch nur einen kräftigen Tee mit Himbeersaft . . .«
Die Treppe
Die Treppe!
Schaurig, dunkel, feucht — gab sie erbarmungslos seine schlürfenden Schritte wieder, die schaurige, dunkle, feuchte Treppe! Heute nacht war das gewesen. Nun erst erinnerte sich Alexander Iwanowitsch, daß er diese Nacht wirklich hier gegangen war: oder war es etwa im Traum? Nein, das war in der Wirklichkeit; doch was war es eigentlich?
Was?
Ja: aus all diesen Türen ergoß sich das tödliche Schweigen über ihn; es breitete sich endlos aus und ließ ein sonderbares Rasseln vernehmen: und unermüdlich, ohne Aufhören schluckte irgendein schmatzendes Etwas seinen eigenen Speichel herunter, mit langgezogener Deutlichkeit. Es waren schreckliche, unbekannte Töne, aus Seufzern, aus dumpfem Stöhnen aller Zeiten zusammengeschmolzen; durch die schmalen Fenster oben konnte man sehen (und er hatte es gesehen), wie von Zeit zu Zeit die Düsterkeit aufblitzte, wie sie die Gestalt zerrissener Wolken annahm, wie alles aufleuchtete, wenn die blaß-türkisblauen Strahlen sich lautlos auf den Boden legten, um da bewegungslos und tot liegenzubleiben.
Dorten — dort: dort blickte der Mond herein.
Doch Schwärme nahten heran: ein Schwarm nach dem anderen — bauschige, dunstige, gewitterschwere — stürzten sich all diese Schwärme über den Mond her: die blaß-türkisblauen Strahlen erloschen; von überall her schwangen sich Schatten hervor; alles bedeckten die Schatten . . .
Da erinnerte sich Alexander Iwanowitsch Dudkin, daß er gestern abend über dieselbe Treppe gelaufen und die letzten, versagenden Kräfte angespannt hatte, ohne jede Hoffnung auf Überwindung. Und eine schwarze Gestalt (war auch das Wirklichkeit?) rannte ihm nach; lief hinter seinen Fersen her, seinen Fußspuren nach.
Und sie hatte ihn zugrunde gerichtet, rettungslos vernichtet.
Die Treppe!
An grauen Werktagen ist sie friedlich, alltäglich; von unten her kommen dumpfe Schläge: Krautköpfe werden gehackt: Die Partei von der Wohnung Nummer vier bereitet ihren Sauerkrautvorrat für den Winter; so alltäglich sehen die Treppengeländer aus, die Türen, die Stufen; über das Geländer ist ein alter, abgetretener, nach Katze riechender Teppich gehängt, der Partei aus Nummer vier gehörend; der Hausknecht mit einer geschwollenen Backe klopft ihn mit dem Ausklopfer aus; eine blonde Weibsperson, die aus einer Tür herauskam, niest in ihre Schürze: zwischen dem Hausknecht und der Weibsperson entwickelt sich wie selbstverständlich ein Gespräch:
»Uh—uh—uh!«
»Hilf doch mal ein bißchen, lieber Mensch . . .«
»Stepanida Markowna . . . Was haben Sie da schon wieder zusammengeschleppt! . . .«
»Schon gut, schon gut . . .«
»Aber hören Sie mal . . .«
»Jetzt heißt es ‚zusammengeschleppt‘, wenn’s aber an das Trinkgeld geht . . .«
»Aber hören Sie mal — diese Arbeit . . .«
»Würden Sie nicht immer zu den Meetings laufen, dann wären Sie mit der Arbeit fertig geworden . . .«
»Sticheln Sie da nicht wegen den Meetings herum: Sie werden schon selbst einmal sehen, was Sie den Meetings zu danken haben!«
»Na — na, klopf nur jetzt die Kissen recht gut aus he, du Kavalier!«
Türen!
Da, da und da . . . An dieser da ist der Wachsleinwandbeschlag ganz zerfetzt; aus den Löchern blicken Roßhaarbüschel hervor; an die andere ist mit einer Stecknadel eine Visitenkarte geheftet, die schon ganz vergilbt ist; sie trägt den Namen »Sakatilin« . . . Wer ist dieser Sakatilin? Wie er sonst heißt, welches sein Beruf ist — das alles ist den Neugierigen zu erraten überlassen: »Sakatilin« — und damit fertig.
Hinter der Tür gibt ein Fiedelbogen sich eifrig die Mühe, ein bekanntes Liedchen zu spielen. Und eine Stimme singt:
»Das Vaterland, das geliebte . . .«
Sakatilin, das wird sicher ein Musiker sein, der in einem Orchester eines kleinen Restaurants beschäftigt ist.
Das ist alles, was man bei der Betrachtung der Türen beobachten kann . . .
Die Stufen?
Sie sind mit Gurkenschalen, Straßenkotklumpen und Eierschalen reichlich bedeckt . . .
Er riß sich los und begann zu laufen
Alexander Iwanowitsch Dudkin warf einen Blick auf die Treppe, auf den Hausknecht und die Weibsperson, die sich gerade mit einem neuen Federunterbett aus der Tür schob; und — merkwürdig: die alltägliche Einfachheit der Treppe verwischte keinesfalls, was er diese Nacht hier erlebt hatte; selbst jetzt bei Tageslicht, angesichts der Stufen mit den herumliegenden Eierschalen, des Hausknechtes, der Weibsperson, der Katze, die auf dem Fensterbrett das Eingeweide eines Huhns verzehrte, kehrte zu ihm die überstandene Angst wieder: die Erlebnisse der vorigen Nacht waren — Wirklichkeit! Und in der bevorstehenden Nacht wird dieses Wirkliche wiederkehren: die Treppe wird dunkelschattig und schauerlich sein; wieder wird eine schwarze Gestalt sich an seine Fersen heften; hinter der Tür mit der Visitenkarte »Sakatilin« wird er wieder hören, wie jemand schmatzend seinen Speichel schluckt (vielleicht nicht Speichel, sondern Blut) . . .
— Und er wird wieder das bekannte, unglaubliche Wort mit vollständiger Deutlichkeit vernehmen:
»Ja — ja — ja . . . Ich bin es . . . Ich richte rettungslos zugrunde . . .«
Wo hat er es gehört?
Fort von hier! Auf die Straße! . . .
Er müsse weiterschreiten, immerzu schreiten, weit weg von hier sein; er müsse schreiten bis zur vollständigen Erschöpfung, bis zum vollständigen Einschlafen des Gehirns; er müsse sich dann vor ein Tischchen in der Schenke niederlassen und dort schlafen, damit ihn nicht die bösen Träume aufsuchen. Dann müsse er das Ganze von neuem beginnen: quer und kreuz durch Petersburg schreiten, sich im Schilf und im hängenden Dunst der Ufer verbergen, in Erstarrung alles von sich werfen und erst dann zu sich kommen, wenn in den Vororten die düsteren Lichter angezündet sind.
Alexander Iwanowitsch Dudkin war schon im Begriff, die steinerne Treppe hinunterzugehen, als er plötzlich stehenblieb; er bemerkte einen Menschen in schwarzem italienischen Überwurf mit phantastisch gebogenem Hut auf dem Kopf, der, drei Stufen auf einmal nehmend, das Gesicht gegen den Boden gerichtet einen schweren Stock in der Hand, mit dem er gewaltig fuchtelte, ihm entgegenrannte.
Sein Rücken bildete einen Bogen.
Dieser seltsame Unbekannte mit dem schwarzen italienischen Überwurf lief in seiner Eile direkt auf Alexander Iwanowitsch zu; beinahe hat er ihn mit dem Kopf gegen die Brust gestoßen; als der Unbekannte aber endlich den Kopf aufgerichtet hat, erblickte Alexander Iwanowitsch Dudkin direkt vor seiner Nase die todblasse, mit Schweißtropfen bedeckte Stirn des — denken Sie nur! — des Nikolai Apollonowitsch: er sah die Stirn mit der dicken, pulsierenden Ader; nur an diesem charakteristischen Zeichen (der hüpfenden Ader) erkannte Alexander Iwanowitsch Ableuchow; an den wild schielenden Augen sowie der seltsamen, ausländischen Kleidung hätte er ihn sicher nicht wiedererkannt.
»Guten Tag! Ich bin es; ich komme zu Ihnen.«
Nikolai Apollonowitsch stieß diese Worte rasch, rasch hervor; und — was das nur heißen sollte! — er stieß sie in drohendem Flüstertone hervor. Ah — ah! Und wie er nach Luft schnappte! Ohne Alexander Iwanowitsch die Hand zu reichen, sagte er eilig in drohendem Flüsterton:
»Ich muß Ihnen, Alexander Iwanowitsch, mitteilen, daß ich es — nicht tun kann.«
»?«
»Sie haben hoffentlich verstanden, was ich nicht tun kann: ich kann nicht und ich will nicht; kurz — ich tu es nicht.«
»!«
»Es ist eine Absage, eine unwiderrufliche. Das können Sie weiter ausrichten. Und ich bitte, mich in Ruhe zu lassen . . .«
Auf dem Gesicht Alexander Iwanowitschs malte sich Verlegenheit, ja Angst.
Nikolai Apollonowitsch wandte sich um; seinen schweren Stock in der Hand schwingend, begann er die Stufen hinunterzulaufen, als wolle er entfliehen.
»Aber warten Sie doch, warten Sie doch!« rief Alexander Iwanowitsch Dudkin, ihm nacheilend, so daß die Stufen unter seinen Füßen knatternd nach oben flogen.
»Nikolai Apollonowitsch!«
Im Flur erfaßte er Ableuchows Mantel, doch Nikolai Apollonowitsch riß sich wieder los. Dann aber sah er sich um; mit leicht zitternder Hand schob er seinen burschikos sitzenden Hut tiefer in die Stirn und stieß mit gekünstelter Festigkeit halblaut hervor:
»Das ist sozusagen . . . ekelhaft! . . . Hören Sie?«
Und er rannte mit kleinen Schrittchen über den Hof weiter.
Alexander Iwanowitsch hielt sich einen Augenblick an der Tür fest. Alexander Iwanowitsch wurde von einem Unruhegefühl erfaßt: er wurde ohne jeglichen Grund beleidigt; einen Augenblick überlegte er, was er zu tun habe; unwillkürlich zuckten seine Glieder; unwillkürlich streckte er seinen feinen, weiblichen Hals vor; dann holte er mit zwei Sätzen den Davoneilenden ein.
Er klammerte sich fest an den ihm entwichenen Überwurf; der Eigentümer des Überwurfes machte verzweifelte Versuche, sich loszureißen; für einen Augenblick lang war auf dem engen Raum zwischen zwei Holzstößen eine Balgerei entstanden; etwas fiel dabei herunter, und auf dem Asphalt ertönte ein metallischer Klang. Mit dem Stock fuchtelnd, voll Wut stieß Nikolai Apollonowitsch einzelne sinnlose Worte von unglaublichem und vor allem beleidigendem Inhalt hervor, beleidigend für Alexander Iwanowitsch.
»Das nennen Sie Aktionen, Parteiarbeit? Mich von Spionen zu umgeben . . . Mich überall zu verfolgen . . . Selbst an nichts mehr glauben . . . Die Offenbarung lesen . . . Zugleich aber spionieren . . . Mein Herr, Sie sind . . . Sie sind . . . Sie sind . . .«
Endlich riß sich Nikolai Apollonowitsch wieder los: sie rannten durch die Straße.
Die Straße
Die Straße!
Wie hat sie sich verändert! Wie haben diese rauhen Tage auch auf sie eingewirkt!
Dort die gußeisernen Stäbe eines Gartengitters; die rostbraunen Ahornblätter schlagen, vom Wind getrieben, an diese Gitterstäbe; die rostbraunen Blätter haben schon den Baum verlassen; und nur die Äste — vertrocknete Skelette — erhoben sich krächzend in die Luft.
Im September war der Himmel blau und rein gewesen; jetzt ist aber alles anders: schon vom frühen Morgen ergoß sich ein schwerer Bleistrom über den Himmel; der September war zu Ende.
Sie rannten durch die Straße:
»Aber gestatten Sie, Nikolai Apollonowitsch,« fuhr erregt und beleidigt Dudkin fort — »Sie werden zugeben, daß wir nicht ohne eine Erklärung Ihrerseits voneinander gehen können . . .«
»Wir haben nichts mehr miteinander zu sprechen«, rief trocken Nikolai Apollonowitsch, den Hut burschikos auf die Seite geschoben.
»Aber erklären Sie doch vernünftig, um was es sich handelt«, drang Alexander Iwanowitsch heftig in ihn ein.
In seinen hüpfenden Gesichtszügen malte sich Unruhe und Beleidigung; seine Bestürzung — fügen wir von uns hinzu — war aufrichtig, so aufrichtig, daß Nikolai Apollonowitsch trotz seines Zornes es merkte.
Er wandte sich um und begann schon ohne den früheren Zorn, vielmehr weinerlich erbost, zu murmeln:
»Nein, nein, nein! . . . Worüber sollen wir noch miteinander sprechen? . . . Sie können es nicht bestreiten . . . Eher habe ich das Recht, Aufklärung zu verlangen . . . Ich leide ja, nicht Sie und nicht Ihre Genossen . . .«
»Aber was? . . . Was ist denn eigentlich los? . . .«
»Mir ein Paket aufzudrängen . . .«
»Na, und?«
»Ohne vorher zu sagen, ohne zu erklären, ohne um Erlaubnis zu bitten . . .«
Alexander Iwanowitsch errötete tief.
»Und dann verschwinden . . . Mir durch eine unterstellte Person mit der Polizei zu drohen . . .«
Bei dieser unverdienten Beschuldigung wandte sich Alexander Iwanowitsch mit nervösem Ruck Ableuchow zu:
»Halten Sie: welche Polizei?«
»Die Polizei eben . . .«
»Von welcher Polizei reden Sie? . . . Was ist das für eine Niedertracht? . . . Was sind das für Anspielungen? . . . Ist einer von uns unzurechnungsfähig?«
Aber Nikolai Apollonowitsch, dessen weinerliche Erbostheit wieder in Wut umgeschlagen war, schrie ihm heiser ins Ohr:
»Ich würde Sie . . .« (sein Mund mit den fletschenden Zähnen lächelte; es schien, als wollte er das Ohr des Begleiters beißen). »Ich hätte Sie . . . da gleich — an dieser Stelle . . . Ich hätte . . . ich . . . auf offener Straße, zur Belehrung all dieser Leute da, mein lieber Alexander Iwanowitsch . . .« (die Sprache verwirrte sich ihm). . .
Dort — dort . . .
Dort hinter dem kleinen Fenster des blankgestrichenen Häuschens saß, immer mit den Lippen kauend, an sommerlichen Juliabenden, bei untergehender Sonne ein steinaltes Frauchen (— »Ich hätte Sie!« . . . drang es von irgendwoher zu Alexander Iwanowitsch herüber); im August war die Alte verschwunden, und das Fenster blieb geschlossen; im September wurde aus dem Häuschen ein geschmückter Sarg herausgetragen; dem Sarge folgte ein kleiner Haufen: ein Herr mit abgeschabtem Mäntelchen und einer Beamtenmütze auf dem Kopf und — sieben flachshaarige Jungen.
Der Sarg war zugenagelt gewesen.
(— »Ja, Alexander Iwanowitsch, ja—a«, drang es von irgendwoher an Dudkins Ohr.)
Dann sah man Männer mit einfachen Mützen aus und ein gehen: man sprach davon, daß in dem Häuschen Bomben gefertigt wurden. Alexander Iwanowitsch wußte, daß die Bombe, die seinerzeit ihm zur Aufbewahrung übergeben wurde, aus diesem Häuschen gekommen war.
Da fuhr er unwillkürlich zusammen.
Wie seltsam: während Nikolai Apollonowitsch ihm seine Vorwürfe und Beschuldigungen entgegenschleuderte, dachte er an das Häuschen. Jetzt roh in die Wirklichkeit zurückgestoßen, begriff er aus all den verworrenen Reden des Senatorsöhnchens nur das eine:
»Hören Sie,« sagte er, »das wenige, das ich aus Ihren Worten verstehe, ist: daß es sich um das Paket handelt . . .«
»Es handelt sich um sie: Sie haben mir sie persönlich zur Aufbewahrung übergeben.«
Komisch: das Gespräch wurde vor demselben Häuschen geführt, in dem die Bombe entstanden war: die Bombe, zu einem gedanklichen Wesen geworden, hat einen geschlossenen Kreis beschrieben, und wo sie entstanden war, war jetzt die Rede von ihr.
»Aber seien Sie doch nicht so laut, Nikolai Apollonowitsch; ich begreife Ihre Aufregung nicht . . . Sie überschütten mich da mit Beleidigungen: Wo finden Sie aber in meiner Handlungsweise etwas Verwerfliches?«
»Wieso — wo?«
»Ja, warum ist das verwerflich, wenn die Partei« — diese Worte sprach er ganz im Flüsterton aus — »Sie bat, einige Zeit das Paket bei sich aufzubewahren? Sie selbst waren ja damit einverstanden? Es ist ja weiter nichts dabei . . . Ist es Ihnen unangenehm, das Paket weiter bei sich zu behalten, so hol’ ich es gern ab . . .«
»Ach, lassen Sie es doch: diese Miene der Unschuld: als ob es sich nur um das Aufbewahren des Pakets handelte . . .«
»Tsss! Leiser: es kann uns jemand hören . . .«
»Nicht darum allein handelt es sich: tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht verstünden.«
»Aber um was handelt es sich denn?«
»Um die Vergewaltigung.«
»Es war keine Vergewaltigung . . .«
»Um die planmäßige Verfolgung . . .«
»Ich wiederhole: es war keine Vergewaltigung — das geben Sie mir selbst zu. Was die Verfolgung betrifft, so muß ich . . .«
»Ich habe mich seinerzeit, im Sommer, bereit erklärt; ja, ich habe mich sogar selbst angeboten und . . . ja, gewiß: ich habe es versprochen, doch in der Voraussetzung, daß es dabei keinen Zwang gebe; daß es überhaupt keinen Zwang in der Partei gebe; wenn man dennoch bei Ihnen gezwungen werden kann, dann sind Sie einfach ein Häufchen verdächtiger Intriganten . . . Jawohl, ich habe mein Wort gegeben — aber was folgert daraus? Konnte ich denn nicht der Ansicht sein, daß ich mein Wort auch zurücknehmen darf . . .«
»Aber warten Sie . . .«
»Unterbrechen Sie mich nicht: konnte ich denn wissen, daß mein Versprechen so aufgefaßt werden würde? Daß man es in solcher Weise deuten würde . . . daß man mir dieses vorschlagen würde?«
»Nein, warten Sie, ich muß Sie doch unterbrechen . . . Von welchem Versprechen reden Sie eigentlich? Drücken Sie sich bitte deutlicher aus . . .«
Unklar dämmerte etwas in Alexander Iwanowitsch auf (wie er doch alles vergaß!).
»Ach, Sie reden von jenem Versprechen? . . .«
Es fiel ihm ein, daß ihm eine gewisse Persönlichkeit einmal in dem kleinen Restaurant mitgeteilt hatte (der Gedanke an diese gewisse Persönlichkeit rief in ihm ein unangenehmes Gefühl hervor); diese gewisse Persönlichkeit mit anderen Worten: Lipantschenko hatte ihm damals mitgeteilt, Nikolai Apollonowitsch hätte sich bereit erklärt — pfui! Er mochte gar nicht daran denken . . . Und er sagte rasch:
»Aber ich rede ja gar nicht davon; es handelt sich ja gar nicht darum.«
»Doch, doch! Es handelt sich eben um das gegebene Versprechen: aber es wurde als unwiderruflich angesehen und schuftig ausgelegt.«
»Nur ruhig, Nikolai Apollonowitsch, worin sehen Sie die Schuftigkeit? Worin?«
»Ist das nicht eine Schuftigkeit?«
»Ja, ja, ja: wo? Die Partei bat Sie, einige Zeit bei sich das Paket aufzubewahren . . . Das war alles . . .«
»Nur das, Ihrer Meinung nach, nur das?«
»Das war alles . . .«
»Wenn es sich nur um die Aufbewahrung des Paketes gehandelt hätte, würde ich Sie verstehen, aber verzeihen Sie einmal . . .«
Er machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.
»Wir haben wirklich nichts miteinander zu sprechen: sehen Sie denn nicht ein, daß wir uns nur immer um die Sache herumdrehen und gar nicht an sie herankommen? . . .«
»Ich merke das wohl . . . Aber: Sie reden da immerzu von einer Vergewaltigung . . . Ich erinnere mich nun, einmal im Sommer gehört zu haben . . .«
»Nun? . . .«
»Von einem terroristischen Akt, den Sie uns angeboten haben: dieser Vorschlag ging also nicht von uns aus, sondern von Ihnen.«
Alexander Iwanowitsch erinnerte sich jetzt, daß ihm Lipantschenko (damals im Restaurant, während er immer wieder sein Glas mit Likör füllte) gesagt — Nikolai Apollonowitsch Ableuchow hätte ihnen durch eine dritte Person mitteilen lassen, er sei bereit, seinen eigenen Vater zu töten; Lipantschenko hatte es mit einer widerwärtigen Ruhe mitgeteilt, doch hinzugefügt, die Partei werde selbstredend das Anerbieten ablehnen; dieser sonderbare Vorschlag, die Unnatürlichkeit, die sich in der Auswahl des Opfers äußerte, der an Niedertracht grenzende Zynismus — das alles hatte in dem sensiblen Alexander Iwanowitsch das schärfste Ekelgefühl hervorgerufen. Alexander Iwanowitsch hatte sich ja damals in einem Rauschzustand befunden, und später erschien ihm das ganze Gespräch mit Lipantschenko als ein Spiel seiner alkoholverdüsterten Gehirnmasse. Das alles ging ihm aber jetzt durch den Kopf:
»Im Grunde genommen . . .«
»Von mir zu verlangen,« unterbrach ihn Ableuchow, »daß ich . . . daß ich . . . meinen eigenen Vater . . .«
»Eben, eben . . .«
»Das ist widerlich!«
»Ja, das ist widerlich! Und ich habe es eigentlich auch damals schon nicht geglaubt. Hätte ich es geglaubt, Sie würden in meinen Augen . . . sehr gesunken sein . . .«
»Also auch Sie halten es für eine Gemeinheit?«
»Ja, verzeihen Sie: aber dafür halte ich es . . .«
»Na, sehen Sie! Sie selbst halten es für eine Gemeinheit und haben doch für diese Gemeinheit Ihre Hand gegeben?«
Dudkin geriet in Erregung, sein zarter Hals streckte sich:
»Nein, hören Sie . . .«
Er ergriff mit der zitternden Hand den Knopf des italienischen Überwurfs, seine Augen starrten seitlich auf einen unbestimmten Punkt:
»Reden Sie keinen Unsinn: wir schleudern da einander Beschuldigungen an den Kopf, und dabei stimmen wir beide . . .« er richtete seinen Blick verwundert auf Ableuchow — »in der Bezeichnung der Tatsache überein . . . Auch Sie nennen es eine Gemeinheit?«
Nikolai Apollonowitsch zuckte zusammen:
»Gewiß ist es eine Gemeinheit! . . .«
Sie schwiegen eine Weile . . .
»Sehen Sie, wir sind beide derselben Meinung . . .«
Nikolai Apollonowitsch zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über die Stirn:
»Da wundere ich mich aber . . .«
»Ich auch . . .«
Verdutzt sahen sie einander in die Augen. Alexander Iwanowitsch (er vergaß jetzt, daß er vom Fieber geschüttelt wurde) erfaßte wieder mit der Hand den Rand des italienischen Überwurfs:
»Um diesen Knoten zu lösen, antworten Sie mir bitte auf folgende Frage: Ging das Versprechen nicht direkt von Ihnen aus?«
»Nein doch! Nein!«
»Diesen Mord haben Sie also nicht einmal in Gedanken gehabt? Verzeihen Sie, ich frage so, weil ein Gedanke sich manchmal unwillkürlich, durch eine Geste, durch den Tonfall, durch einen Blick, ja sogar durch das Beben der Lippen äußert . . .«
»Aber nein doch, nein . . . das heißt . . .« Nikolai Apollonowitsch hielt inne; und dabei merkte er, daß er innehielt, weil er einen verdächtigen Gedankengang verbergen wollte; er errötete und begann von neuem:
»Das heißt, ich habe den Vater nie geliebt . . . Und ich glaube es oft ausgesprochen zu haben . . . Aber, daß ich . . .? Nie und nimmer! . . .«
»Schön, ich glaube Ihnen.«
Aber tückischerweise errötete hier Nikolai Apollonowitsch bis zu den Haarwurzeln; nun wollte er die Sache wieder erklären, doch Alexander Iwanowitsch schüttelte abwehrend den Kopf, um eine gewisse, diskrete Nuance eines ihnen beiden zu gleicher Zeit gekommenen Gedankens nicht zu berühren.
»Aber lassen Sie es . . . Ich — glaube Ihnen . . . Ich spreche jetzt nicht mehr davon, ich spreche von etwas anderem: Sagen Sie mir . . . Sagen Sie mir ganz offen: Habe ich es — veranlaßt?«
Nikolai Apollonowitsch sah verwundert zu seinem naiven Partner auf: er sah ihn an, errötete und sagte hitzig mit forcierter Überzeugung, die er nun brauchte, um einen gewissen Gedanken, der in ihm aufgeblitzt war, zu verscheuchen:
»Ich glaube — ja . . . Sie haben ihm geholfen . . .«
»Wem denn?«
»Dem Unbekannten . . .«
»?«
»Der Unbekannte wünschte . . .«
»?«
»Daß ich diese Gemeinheit begehe.«
»Wann hat er es gewünscht?«
»In seinem gemeinen Zettel . . .«
»Ich kenne keinen Unbekannten . . .«
»Der Unbekannte,« murmelte ratlos Nikolai Apollonowitsch, »Ihr Parteigenosse . . . Warum wundern Sie sich so . . .?«
»Ich versichere Sie, einen Unbekannten gibt es in der Partei nicht . . .«
Jetzt war Nikolai Apollonowitsch an der Reihe, sich zu wundern:
»Was? In der Partei gibt es den Unbekannten nicht? . . .«
»Tsss, nicht so laut, bitte . . . Nein, einen solchen gibt es nicht . . .«
»Aber ich bekam drei Monate hindurch Briefe . . .«
»Von wem?«
»Von ihm . . .«
Sie schwiegen beide.
Beide atmeten sie schwer, und beide blieben mit fragendem Blick aneinander hängen; aber während der eine, von einem Grauen überwältigt, den Kopf sinken ließ, blitzte ein Hoffnungsstrahl in den Augen des andern auf.
Nikolai Apollonowitschs tiefste Empörung, die das Grauen besiegt hatte, zeichnete zwei rote Flecken auf dem blassen Gesicht Alexander Iwanowitschs.
»Was?«
Aber Alexander Iwanowitsch vermochte nicht Atem zu holen; endlich hob er die Augen, und in seinem Gesicht malte sich eine unaussprechliche Traurigkeit, wie sie nur in Träumen vorkommt und die Worte überflüssig macht.
»Was also? Quälen Sie mich nicht!«
Doch Alexander Iwanowitsch legte den Finger auf den Mund, schüttelte den Kopf und schwieg: von seinem Gesicht von seinen erstarrten Fingern ergoß sich unmerklich das Unaussprechliche, was man nur in Träumen versteht.
Endlich bezwang er sich und sagte:
»Ich versichere Sie auf Ehrenwort: ich habe mit dieser ganzen dunklen Geschichte nichts zu tun . . .«
Nikolai Apollonowitsch glaubte erst nicht.
»Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie es, schweigen Sie nicht: begreifen Sie doch meine Situation . . .«
»Ich habe damit nichts zu tun . . .«
»Was bedeutet es also?«
»Ich weiß es nicht . . .« — Dann setzte er, rasch die einzelnen Worte hervorstoßend, hinzu: »Nein, nein, nein: es ist Lüge; es ist Delirium, Hohn . . .«
»Wie kann ich es aber wissen! . . .«
Nikolai Apollonowitsch richtete die nichtsehenden Augen auf Alexander Iwanowitsch; dann blickte er die Straße an: wie sich die verändert hat!
»Weiß ich’s denn? Mir ist damit nicht geholfen . . . Ich schlief diese Nacht nicht . . .«
Eine Droschke mit aufgestelltem Dach sauste den Fahrdamm hinauf: wie sich dieser verändert hat, wie haben die rauhen Tage auch ihn mitgenommen!
Ein Windstoß kam von der Bucht her: die letzten Blätter fielen herunter; es wird keine mehr bis zum Mai geben; wie viele werden im Mai nicht mehr sein! Diese heruntergefallenen Blätter sind, wahrlich — die letzten. Alexander Iwanowitsch wußte alles genau, was kommen wird: es werden blutige, ja blutige, grauenvolle Tage kommen; dann wird alles versinken; zieht nur, zieht hin, ihr letzten, unvergleichlichen Tage!
O, windet euch, weht durch die Luft, ihr letzten Blätter! Wieder ein müßiger Gedanke . . .
Die helfende Hand
»Er war also auf dem Ball?«
»Ja, er war dort . . .«
»Er sprach mit Ihrem Vater?«
»Ja, und er erwähnte auch Ihren Namen . . .«
»Dann trafen Sie ihn im Gäßchen? . . .«
»Und er führte mich ins Restaurant . . .«
»Und nannte sich?«
»Morkowin . . .«
»Teufelsspuk!«
Als sich Alexander Iwanowitsch von dem Anblick der wehenden Blätter losgerissen hatte und zur Wirklichkeit zurückgekehrt war, merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, sogar ein paar Schritte vorauseilend, redete; er gestikulierte; senkte das Profil mit dem unangenehmen, langgezogenen Mund; er erinnerte an eine tragische antike Maske, die mit der Beweglichkeit einer Eidechse kein einheitliches Ganzes darzustellen vermochte: kurz, er sah aus wie ein Heupferdchen mit starr-unbeweglichem Antlitz.
Alexander Iwanowitsch machte nur hier und da eine Bemerkung:
»Und dabei sprach er von der Polizei?«
»Ja, er drohte mit der Polizei . . .«
»Und behauptete, eine solche Drohung wäre im Sinne der Partei, und die Partei billige so etwas? . . .«
»Na ja, sie billige es . . .« Nikolai Apollonowitsch sagte es etwas gereizt und versuchte einzuwenden:
»Sie werden sich erinnern, daß auch Sie seinerzeit sagten, die Vorurteile der Partei . . .«
»Was hab’ ich gesagt?« rief lebhaft und streng Dudkin.
»Soweit ich mich erinnere, meinten Sie, die Vorurteile der unteren Parteischichten werden von den oberen nicht geteilt . . .«
»Unsinn!« Dudkins ganzer Körper zuckte, und er beschleunigte den Schritt.
Nikolai Apollonowitsch suchte seine Hand aufzufangen; er antwortete wie ein Schuljunge auf Dudkins Fragen und lächelte unnatürlich. Dann fuhr er fort zu erzählen, was alles in dieser Nacht geschehen war: von dem Ball, von den Masken, von der Flucht aus dem Ballsaal, von der Begegnung am Tor, von dem Zettel und endlich von dem stinkenden Restaurant.
Es waren vollständige Fieberphantasien.
Der Teufelsspuk hat alles durcheinander gebracht; alle wären sie schon längst wahnsinnig geworden, wenn dasjenige, was rettungslos zugrunde richtet, wirklich existierte.
Schwarze Menschenschwärme wälzten sich ihnen entgegen: Hunderte von schwarzen Hüten hoben und senkten sich wie Wellen. Ihnen entgegen schoben sich lackierte Zylinder; wie Dampferschornsteine erhoben sie sich über den Wellen; eine Straußfeder schäumte vor ihnen auf; Tellermützen lächelten sie an: blaue, gelbe und rote Mützen.
Von überall her lugten zudringliche Nasen.
Nasen schoben sich in Mengen daher: Adlernasen, Hahn-, Enten- und Hühnernasen; und so weiter, und so weiter; dort wieder eine auf die Seite gebogene Nase; dann wiederum eine, die nicht gebogen war: grünliche, grüne, blasse, weiße und rote Nasen.
All das wälzte sich ihnen entgegen auf der Straße: sinnlos, eilend, massenhaft.
Nikolai Apollonowitsch, der mit bittenden Gesten Dudkin folgte, kaum imstande, ihn einzuholen, konnte sich noch immer nicht entschließen, mit der Hauptfrage hervorzutreten, die sich aus der Tatsache: der Schreiber des schrecklichen Briefes konnte unmöglich im Auftrage der Partei gehandelt haben, ergab; das war es aber, was ihn jetzt ausschließlich beschäftigte: diese Frage war ja für ihn von äußerster Wichtigkeit — seiner praktischen Konsequenzen wegen; und sie füllte sein ganzes Hirn aus.
»Sie glauben also — Sie glauben also, es hat sich in das Ganze ein Irrtum eingeschlichen?«
Nachdem er diesen zögernden Versuch gemacht hatte, an die ihn beschäftigende Frage heranzugehen, fühlte Nikolai Apollonowitsch, wie brennende Ameisen über seinen Körper zu kriechen begannen: wie, wenn das alles nur ein Verstellungsspiel war? dachte er, und die Angst packte ihn von neuem.
»Sie sprechen von dem Brief?« hob Alexander Iwanowitsch die Augen, nachdem er sich von dem Strom von Köpfen, Hüten, Schnurrbärten losgerissen hatte.
»Selbstverständlich — nicht nur ein Irrtum . . . Es ist nicht nur ein Irrtum: es ist ein niederträchtiger Schwindel in der ganzen Sache. Das Unsinnige ist tadellos durchgeführt und verrät ein sicher gestecktes Ziel: sich in die Beziehungen zweier eng miteinander verknüpften Menschen zu drängen, sie verwirrt zu machen und so in einem Chaos die Parteiaktion zu ertränken.«
»Dann helfen Sie mir aus der . . .«
»Eine unglaubliche Verhöhnung,« unterbrach ihn Dudkin, »ein Hineinziehen von Klatsch und Schauermärchen . . .«
»Dann flehe ich Sie an, raten Sie mir . . .«
»Und zu all dem mengte sich Verrat; es riecht nach Verhängnis, nach Grauenhaftem . . .«
»Ich weiß nicht . . . Ich bin ganz verwirrt . . . Ich . . . ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . .«
»All das ist ein Schauermärchen . . .«
Von Mitleid übermannt, streckte Alexander Iwanowitsch Ableuchow die Hand entgegen; dabei merkte er, daß Nikolai Apollonowitsch viel kleiner war als er (Nikolai Apollonowitsch war eben nicht mit Größe gesegnet).
»Versuchen Sie Ihre ganze Kaltblütigkeit zu bewahren . . .«
»Mein Gott! Sie haben leicht von Kaltblütigkeit reden; ich habe diese Nacht nicht geschlafen . . . ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll . . .«
»Warten Sie . . .«
»Werden Sie zu mir kommen?«
»Ich sage Ihnen: warten Sie; ich werde Ihnen aus der Sache heraushelfen.«
Er sagte es so überzeugt und sicher, ja, fast feierlich, daß sich Ableuchow sofort beruhigte; aber die Wahrheit gesagt, überschätzte Alexander Iwanowitsch in seiner Aufwallung von Mitleid, die Möglichkeit für ihn zu helfen, in hohem Grade . . . In der Tat: in welcher Weise konnte er helfen? Er war ein Einsamer, durch die konspirative Stellung von der Außenwelt Abgesonderter; die Konspiration schnitt ihm den Weg selbst zur Parteitätigkeit ab; dem Komitee selbst aber hat er nie angehört, obschon er Ableuchow großsprecherisch vom Stabsquartier erzählt hatte; das einzige, was er tun konnte, war — mit Lipantschenko Rücksprache zu nehmen. Vor allem jedoch hieß es, den bis zum Äußersten erschütterten Ableuchow zu beruhigen.
Und er tat es.
»Ich hoffe, daß es mir gelingen dürfte, die verworrenen Fäden wieder zu ordnen; ich werde heute noch die nötigen Erkundigungen einziehen und . . .«
Er stockte; die nötigen Aufklärungen konnte ihm nur Lipantschenko geben; sonst niemand; wie aber, wenn dieser nicht in der Stadt war?
»Und . . .?«
»Und werde Ihnen morgen Antwort geben.«
»Ich danke Ihnen, ich danke.« Und Nikolai Apollonowitsch begann ihm in überschwenglicher Rührung die Hände zu drücken; das machte Alexander Iwanowitsch etwas verlegen; alles hing ja doch davon ab, ob Lipantschenko in der Stadt war und über welches Material dieser verfügte.
»Lassen Sie es nur: wir sind ja an der Sache alle gleich interessiert.«
Doch Nikolai Apollonowitsch, der bis zu diesem Augenblick nur Grauen empfunden hatte, vermochte jedes Hilfe versprechende Wort entweder ganz apathisch oder begeistert aufzunehmen.
Und Nikolai Apollonowitsch reagierte mit Begeisterung.
Alexander Iwanowitsch versank inzwischen wieder in seine Gedanken; eine kleine Tatsache beschäftigte ihn: Ableuchow versicherte ihm ja, daß der furchtbare Auftrag von einem Anonymus ausging; dieser Anonymus hatte Ableuchow wiederholt geschrieben; es war nun klar: dieser Anonymus war eben ein Provokator.
Weiter . . .
Aus den verworrenen Reden Ableuchows waren immerhin einige Folgerungen möglich: es haben zwischen ihm und der Partei besondere Beziehungen bestanden; aus diesen Sonderbeziehungen wucherte das Gemeine hervor; Alexander Iwanowitsch suchte sich noch etwas zu erklären, doch vergeblich: die Fülle der an ihnen vorbeiziehenden Nasen, Schnurrbärte, Schultern lenkte seine Gedanken von der gegebenen Richtung ab.
Der Newskij-Prospekt
Schultern, Schultern und Schultern zogen vorbei; sie bildeten zusammen einen pechschwarzen Brei; einen sehr zähen und langsam fließenden Brei; an diesen Brei heftete sich sofort auch die Schulter des Alexander Iwanowitsch, sie blieb sozusagen an ihm kleben; und Alexander Iwanowitsch Dudkin folgte seiner eigenwilligen Schulter, dem Gesetz der Unteilbarkeit des menschlichen Körpers gehorchend; so wurde er auf den Newskij-Prospekt geschleudert; wie ein Kaviarkörnchen wurde er in einen dicken Brei hineingedrückt.
Was ist ein Kaviarkörnchen? Es ist eine Welt und ein Konsumtionsgegenstand zugleich; als Konsumobjekt stellt das Kaviarkörnchen keine befriedigende Einheit dar; diese Einheit ist der Kaviar selbst: die Gesamtsumme der Kaviarkörnchen; der Konsument kennt keine Kaviarkörnchen, er kennt den Kaviar, den er auf das Butterbrot gestrichen bekommt. So werden Körper, einzelne Individuen, die auf das Trottoir des Newskij-Prospekts hineingeraten, zu einem Teil eines größeren Körpers, sie werden zu Körnchen des Kaviars: die Trottoire des Newskij-Prospektes sind die Butterbrotflächen. Dasselbe geschah auch mit Dudkins Körper, der aufs Trottoir geriet; dasselbe geschah auch mit seinen ihn beschäftigenden Gedanken: er verschmolz sich mit einem fremden, mit dem Verstand nicht zu fassenden Gedanken — dem Gedanken des riesigen, vielbeinigen Wesens, das durch den Newskij-Prospekt zog.
Auf dem Newskij-Prospekt gab es keine Menschen, dort war nur ein laut tönender, kriechender Vielfüßler; eine Vielheit von Worten wurde an ein und derselben Stelle durch eine Vielheit von Stimmen abgelagert; richtig geordnete Sätze wurden dort zerhackt durch Anprallen aufeinander; und die Worte flogen sinnlos und wahnsinnig geworden auseinander wie die Scherben zerschlagener, leerer Flaschen, die früher an einer bestimmten Stelle gelegen waren. Durcheinandergebracht verbanden sich die Worte dann wieder in einen endlosen Satz, ohne Anfang und Schluß; dieser Satz war jedes Sinnes beraubt und schien aus sinnlosen Fabeln zu bestehen: die endlose Sinnlosigkeit eines Satzes hing wie eine Rußwolke über dem Newskij-Prospekt; in der Luft erhob sich der schwarze Rauch der Hirngespinste.
Alexander Iwanowitsch riß seine Gedanken wieder aus der Flut zurück; sie kamen aus dem fließenden Wirrwarr ordentlich beschmutzt hervor; nach dem Bad in dem gedanklichen Kollektiv wurden auch seine Gedanken zu einem Wirrwarr, mit Mühe richtete er sie auf, die Worte, die gegen sein Ohr schlugen: auch die Worte des Nikolai Apollonowitsch; diese Worte klopften schon fortwährend an sein Ohr, aber fremde Worte drängten sich wie Splitter dazwischen und zerrissen die Sätze; Alexander Iwanowitsch konnte deswegen nicht den Sinn dessen auffangen, was an sein Trommelfell gelangte.
»Verstehen Sie,« — trommelte es vor seinem Ohr — »verstehen Sie mich, Alexander Iwanowitsch . . .«
»O ja, ich verstehe . . .«
Das Ohr Alexander Iwanowitschs bemühte sich, den an ihn gerichteten Satz aus dem Wirrwarr herauszuziehen, das war aber nicht leicht, denn fremde Worte fielen wie ein Steinhagel dazwischen:
»Ja, ich verstehe Sie . . .«
»In der Blechbüchse dort« — trommelte es wieder — »bewegte sich ein Leben: dort tickte so seltsam ein Uhrwerk . . .«
Alexander Iwanowitsch dachte:
»Blechbüchse? Was für eine Blechbüchse? Und was geht mich seine Blechbüchse an?«
Als er aber seine Aufmerksamkeit konzentriert hatte, begriff er plötzlich, daß der Senatorsohn von der Bombe sprach.
»Als ich sie aufgezogen hatte, begann sich drinnen ein Leben zu bewegen; und erst war sie doch tot . . . Ich habe nur den Schlüssel umgedreht und ja . . . und . . . ja, es schluchzte sogar etwas darin, ich versichere Sie; wie ein Betrunkener, den man aus dem Schlaf gerüttelt hat.«
»Haben Sie sie denn aufgezogen?«
»Ja, und sie begann zu ticken . . .«
»Die Uhr?«
»Auf vierundzwanzig Stunden.«
»Wozu haben Sie das getan?«
»Ich habe die Blechbüchse auf den Tisch gestellt und sah sie an, betrachtete sie; die Finger streckten sich von selbst nach ihr — einfach so, sie drehten von selbst den Schlüssel um . . .«
»Was haben Sie gemacht?!! Geschwind in den Fluß mit ihr!!«
In aufrichtigem Schreck schlug Alexander Iwanowitsch die Hände zusammen; seine Halsmuskeln zuckten.
»Verstehen Sie: sie schnitt eine Grimasse . . .«
»Die Blechbüchse?«
»Ich wurde überhaupt, während ich vor ihr stand, von verschiedenen Empfindungen erfaßt, die einander rasch abwechselten, von sehr verschiedenen . . . Weiß der Teufel, was das war . . . Ich habe, aufrichtig gesagt, noch nie im Leben derartiges empfunden . . . Ein Ekel hatte mich gepackt, aber so, daß ich von Ekel zerrissen wurde . . . Das blödeste Zeug kam mir in den Kopf; und vor allem das Gefühl des Ekels, eines furchtbaren, unermeßlichen Ekels: schon die Form der Blechbüchse ekelte mich an, der Gedanke, daß darin früher Sardinen herumschwammen (nicht ausstehen kann ich sie!); es war ein Ekel wie vor einem großen, harten Insekt, das mir mit seinem Insektengeplapper ans Ohr schlug; denken Sie: es wagte mir etwas zuzuraunen . . . Ha? . . .«
»Hm . . .«
»Es war ein Ekel wie vor einem Rieseninsekt, dessen Körper mit Übelkeit erregendem Blech überzogen war . . . Ich weiß nicht: war es das Insektenhafte oder war es das Blecherne . . . aber wissen Sie, mich drückte so der Ekel, als ob . . . na, als ob ich sie hinuntergeschluckt hätte . . .«
»Hinuntergeschluckt!? Pfui Teufel . . .«
»Ja, weiß der Kuckuck: geschluckt; verstehen Sie, was das heißt? Ich wurde eine gehende Bombe mit zwei Beinen, in deren Leib es widerwärtig tickte.«
»Leiser doch, Nikolai Apollonowitsch, man kann uns hören!«
»Ach, was werden die verstehen! Das ist ja gar nicht zu verstehen . . . Man muß sie auf dem Tisch vor sich gehabt haben, ihr Ticken gehört haben, vor ihr gestanden sein . . . Kurz, man muß alles selbst erlebt haben, in seinen Empfindungen . . .«
»Ah, wissen Sie,« — plötzlich wurde auch Alexander Iwanowitsch lebhaft — »ich verstehe Sie: ein Ticken . . . Einen Laut kann man verschieden in sich aufnehmen: wenn man auf ihn horcht, kann man neben dem einen auch etwas anderes hören . . . Ich habe einmal einen Neurastheniker bis zur Raserei gebracht: ich begann nämlich im Gespräch mit ihm mit dem Finger leicht auf den Tisch zu klopfen, mit gewissem Vorbedacht, wissen Sie, im Takt zum Gespräch; plötzlich sah er mich an, verstummte, wurde blaß und fragte dann: ‚Was machen Sie?‘ Ich sagte: ‚Nichts‘, fuhr aber fort, weiterzuklopfen . . . Denken Sie: der hat einen Anfall bekommen und war so verletzt, daß er mich von da ab bei Begegnungen auf der Straße nie mehr grüßte . . . Das kenne ich . . .«
»Nein, nein, nein: das kann man nicht verstehen . . . In mir hob sich etwas: Erinnerungen, unbekannte und doch bekannte Delirien . . .«
»Sie erinnerten sich Ihrer Kindheit, nicht wahr?«
»Als wenn sich alle Empfindungen von einer Binde gelöst hätten . . . Es bewegte sich etwas über dem Kopfe — wissen Sie? Wenn sich einem die Haare sträuben — das kann ich verstehen, aber das war es doch nicht, denn bei mir war der Schädel selbst offen. Jawohl: ich habe es diese Nacht verstehen gelernt, was das heißt: die Haare stehen einem zu Berge; es sind aber nicht die Haare: der ganze Körper ist es, der einem ‚zu Berge steht‘, alles sträubte sich wie einzelne Härchen: die Beine, die Arme, die Brust; wie wenn alles mit unsichtbaren Haaren bedeckt wäre und jemand dir mit einem Strohhälmchen darüber führe; oder wie wenn du in ein Kohlensäurebad tauchst und die mit Gas gefüllten Luftblasen dir über den Körper laufen: kitzeln, pulsieren, immer rascher, immer schneller, so daß, wenn du still liegen bleibst, dieses Kitzeln, Pulsieren, Herumfahren zu einer mächtigen Empfindung wird; wie wenn dein Körper in Stücke zerrissen würde, die einzelnen Teile deines Körpers in verschiedene Richtungen auseinandergezerrt würden: vorn wird dir das Herz herausgerissen, hinten ein Stück deines Rückenmarks; du wirst an den Haaren nach oben gezogen; nach unten an den Beinen gezerrt . . . Dann machst du eine Bewegung, und alles beruhigt sich wieder . . .«
»Kurz: Sie waren wie Dionysos, der Gemarterte, Nikolai Apollonowitsch . . . Doch Scherz beiseite: Sie sind jetzt auf einmal ganz anders, ich erkenne Sie nicht . . . Jetzt sprechen Sie nicht nach Kant . . . So habe ich Sie noch nie reden hören . . .«
»Ja, ich sagte es Ihnen schon: meine Empfindungen haben sich gleichsam von einer Binde gelöst . . . Nicht nach Kant, meinen Sie. Was Kant? Dort ist alles anders . . .«
»Dort ist, Nikolai Apollonowitsch, eine ins Blut übergeleitete Logik, das heißt Hirnempfindung im Blut oder Totenruhe; nun näherte sich Ihnen ein wirkliches Ereignis des Lebens, und das Blut stieg Ihnen zum Hirn; daher hört man auch in Ihren Worten jetzt das Pulsieren wirklichen Lebens . . .«
»So stand ich, wissen Sie, vor ihr, und es schien mir . . . ja, worüber sprach ich?«
»Sie sagten: und es schien Ihnen . . .«
»Und es schien mir, ich selbst blähe mich auf; vielmehr: ich bin schon längst ganz aufgebläht; es sind vielleicht schon hundert Jahre, daß ich mich immer mehr aufblähe; ohne es gemerkt zu haben, lief ich als aufgeblähtes Monstrum herum . . . Das ist wirklich schrecklich.«
»All das sind Empfindungen . . .«
»Aber sagen Sie: bin ich nicht . . . nicht . . .«
Alexander Iwanowitsch lächelte mitleidig:
»Im Gegenteil, Sie sind etwas magerer geworden: Ihre Wangen sind eingefallen, unter den Augen sind bläuliche Ringe.«
»Ich bin dort vor ihr gestanden . . . Nein, nicht ich — nicht ich, nein . . . ein Riese mit ungeheurem idiotischen Kopf, dessen Schädelnähte offen waren; und dabei pulsierte der Körper; über den ganzen, ganzen Körper liefen Nädelchen; sie stachen, schossen hinein; ich empfand deutlich auf einer Entfernung von mindestens einem Viertelarschin vom Körper die Stiche — ganz außerhalb des Körpers! . . . Ah! . . . Denken Sie nur! . . . Ich empfand unzählige Stiche körperlicher Art — außerhalb des Körpers . . . Und diese Stiche, die Pulsschläge — begreifen Sie doch das! — zeichneten mein Kontur über den Grenzen meines Körpers, diesseits der Haut: die Haut befand sich innerhalb des Empfindungskreises. Was war das? Sollte ich umgekrempelt gewesen sein, mit der Haut nach innen? Oder war mein Hirn nach außen übergesprungen?«
»Sie waren einfach außer sich . . .«
»Sie haben gut zu sagen ‚außer sich‘ — das sagen eben alle. Das ist ja nur eine Allegorie, die sich nicht auf körperliche Empfindungen stützt; oder, im besten Fall, nur auf eine Emotion. Ich fühlte mich aber ‚außer mir‘ ganz körperlich, sozusagen physiologisch, nicht emotional . . . Gewiß, ich war auch zugleich in Ihrem Sinne außer mir, das heißt, ich war erschüttert. Die Hauptsache war aber, daß sich meine organischen Empfindungen, die Empfindungen meiner Sinnesorgane um mich herum ausbreiteten, sich in den mich umgebenden Raum ergossen, erweiterten: ich flog auseinander wie eine Bombe . . .«
»Tsss!«
»In kleine Teile! . . .«
»Es kann uns jemand hören . . .«
»Wer war es also, der dort gestanden hat — ich oder nicht ich? Das geschah mit mir, in mir, außerhalb meiner . . . Merken Sie diese Anhäufung von Worten? . . .«
»Erinnern Sie sich: als ich neulich bei Ihnen war, wie ich das Paketchen brachte — da fragte, ich Sie: Warum bin ich — ich? Sie haben mich damals nicht verstanden . . .«
»Und jetzt habe ich alles begriffen: aber das ist doch ein Schrecken, ein Schrecken . . .«
»Es ist kein Schrecken, sondern das wahrhaftige Erleben des Dionysos: kein Erleben in Worten, im Buch . . . Ein Erleben des sterbenden Dionysos . . .«
»Der Teufel weiß, was das ist!«
»Beruhigen Sie sich doch, Nikolai Apollonowitsch! Sie sind furchtbar müde; und das ist nicht zu verwundern: in einer Nacht so viel zu erleben . . . Das könnte auch einen Stärkeren umwerfen.«
Alexander Iwanowitsch legte ihm die Hand auf die Schulter; die Schulter bebte; Alexander Iwanowitsch empfand jetzt direkt das Bedürfnis, sich von dem nervös plappernden Ableuchow frei zu machen und über das Geschehene ins klare zu kommen.
»Ich bin ja ruhig, vollständig ruhig; ich wäre jetzt sogar nicht abgeneigt, ein Gläschen zu trinken; ich fühle mich gehoben, frisch . . . Sie können mir ja mit Sicherheit bestätigen, daß der Auftrag ein Schwindel war?«
Das konnte nun Alexander Iwanowitsch nicht mit Sicherheit sagen; trotzdem sagte er kurz und ungemein heftig:
»Ich bürge dafür . . .«
Die Offenbarung
Endlich verabschiedete er sich.
Jetzt hieß es vorwärts schreiten: immerzu schreiten, schreiten bis zur völligen Berauschung des Gehirns; dann vor das Tischchen im kleinen Restaurant niedersinken, Wodka trinken und nachdenken.
Alexander Iwanowitsch fiel es plötzlich ein: der Brief, der Brief! Aber hatte er nicht selbst einmal einen Brief von der gewissen Person übernommen, um ihn — Ableuchow zu übergeben?
Wie hatte er doch alles vergessen! Den Brief hatte er bei sich, als er Ableuchow damals mit dem Paket besuchte, doch hatte er vergessen, ihn abzugeben; er übergab ihn bald darauf Warwara Ewgrafowna, die ihm sagte, sie werde Ableuchow treffen. Sollte es am Ende der verhängnisvolle Brief gewesen sein? . . .
Aber nein doch, nein.
Dieser konnte es nicht gewesen sein; Ableuchow bekam ja jenen Brief, wie er berichtet hat, auf einem Ball durch eine — Maske . . . Ball, Maske — und Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa!
Nein, nein!
Das beruhigte Alexander Iwanowitsch: dieser Brief war es also nicht; so war er, Alexander Iwanowitsch Dudkin, an der Sache unbeteiligt; vor allem aber: der furchtbare Auftrag konnte nicht von Lipantschenko ausgehen; das behielt er als Haupttrumpf in der Hand; denn würde der Brief von Lipantschenko ausgegangen sein, so müßte dieser ihm als eine zweifelhafte Person erscheinen und er, Dudkin, würde sich dann sagen müssen, daß er mit einer zweifelhaften Person in Verbindung stehe.
Das wäre ein Wahnsinn.
Kaum, daß er sich all das überlegte, und im Begriff, einen Trambahnwagen zu besteigen, den Droschkenstrom zu durchqueren dachte, als er eine Stimme vernahm.
»Alexander Iwanowitsch, einen Augenblick . . . warten Sie . . .«
Er drehte sich um und sah Nikolai Apollonowitsch, der, kaum Atem holend, am ganzen Körper zitternd, mit Fieberflämmchen in den Augen, hinter ihm herlief und ihm zur Verwunderung der Passanten mit dem Stock lebhaft zuwinkte . . .
Einen Augenblick . . .
Herrgott, Sakra! . . .
Warten Sie, Alexander Iwanowitsch: ich kann mich nicht so ohne weiteres von Ihnen trennen . . . Ich muß Ihnen nur sagen . . . Er nahm Dudkin bei der Hand und führte ihn zum Schaufenster eines Ladens, wo sie nun stehenblieben.
»Mir eröffnete sich noch etwas . . . War es eine Offenbarung oder so etwas gewesen . . .? Dort vor der Blechbüchse . . .«
»Hören Sie, Nikolai Apollonowitsch, ich muß gehen: in Ihrer eigenen Sache . . .«
»Ja, ja, ja: nur noch einen Augenblick . . . eine kleine Sekunde . . .«
»Schön, schön: ich höre zu . . .«
Nikolai Apollonowitsch sah jetzt aus, als wäre eine Inspiration über ihn gekommen; vor Freude vergaß er, daß der Knoten eigentlich noch nicht gelöst war; und daß — was die Hauptsache war: die Blechbüchse noch tickte und unermüdlich daran arbeitete, die vierundzwanzig Stunden zu überwinden.
»Wie eine Offenbarung war es: als wachse ich, wissen Sie, in die Unermeßlichkeit hinein, den Raum überwindend; ich versichere Sie: es war ganz real — und zugleich mit mir wuchsen alle Gegenstände: das Zimmer, die Aussicht auf die Newa, die Spitze der Peter-Paul-Festung: alles wuchs, dehnte sich; schon näherte sich das Wachsen seinem Abschluß (es gab einfach keine Raummöglichkeit mehr), da schien es mir: in diesem Abschluß, in dem Ende des Wachsens, in seiner Vollendung lag der Anfang von irgend etwas, lag etwas Fertiges . . . Und dieses ‚Etwas‘ war so unfaßbar und so unangenehm und so sinnlos; sinnlos aber vielleicht nur deswegen, weil mir das Organ fehlte, mit dessen Hilfe ich in diesem Sinnlosen, dem über den Abschluß Hinausreichenden einen Sinn gefunden hätte. An Stelle der sinnlichen Empfindung hatte sich eine ‚Null‘empfindung eingestellt; und das Wahrgenommene war keine Größe irgendwelcher Art, nicht einmal eine Null, sondern kleiner als eine Null. Die Sinnlosigkeit des Ganzen bestand vielleicht darin, daß die Empfindung — eine solche von ‚Null minus Etwas‘ war.«
»Hören Sie,« unterbrach ihn Alexander Iwanowitsch: »sagen Sie mir lieber: hat Ihnen Warwara Ewgrafowna Ssolowjowa einen Brief übergeben? . . .«
»Einen Brief? . . .«
»Ja, einen Brief? . . .«
»Ach, Sie meinen die Verse mit der Unterschrift ‚Flammende Seele‘?«
»Na, ich weiß es nicht; kurz: haben Sie einen Brief von Warwara Ewgrafowna bekommen?«
»Ja, ja . . . Nun also: ich sage — ‚Null minus Etwas‘. Was ist das aber?«
Mein Gott, immer dasselbe!
»Sie sollten doch die Apokalypse lesen . . .«
»Sie haben mir schon früher einmal zum Vorwurf gemacht, daß ich die Apokalypse nicht kenne; ich will sie jetzt lesen, ganz bestimmt. Ich fühle, daß, nachdem ich durch Sie wegen der Sache beruhigt bin, in mir das Interesse für Ihre Lektüre erwacht ist; ich werde mich jetzt, wissen Sie, zu Hause einschließen, werde Brom trinken und die Apokalypse lesen; es interessiert mich ganz außerordentlich; etwas blieb in mir von dieser Nacht zurück: alles ist so und doch wieder anders . . . Sehen Sie zum Beispiel hier das Schaufenster . . . In ihm spiegeln sich die Gegenstände ab: da geht ein Herr mit steifem Hut vorbei — sehen Sie — jetzt ist er fort . . . Da sind wir beide, sehen Sie? Und alles ist so sonderbar . . .«
»Sonderbar . . . ja . . .« Alexander Iwanowitsch nickte zustimmend: o, was das »sonderbar« betrifft, so war er darin wohl Spezialist.
»Oder auch: die Gegenstände . . . Weiß der Teufel, was das ist: alles ist so, wie es war, und doch wieder anders . . . Das ist mir bei der Betrachtung der Blechbüchse klar geworden: eine Blechbüchse wie jede andere — und doch: keine, nein, keine Blechbüchse, sondern . . .«
»Tsss . . .«
»Eine Blechbüchse — furchtbaren Inhalts!«
»Tragen Sie nur die Blechbüchse geschwind in die Newa; dann wird sich auch alles geben, alles wird wieder auf seine richtige Stelle kommen . . .«
»Nein, nein, nie wird es wieder, wie es war, nie . . .«
Er sah sich traurig nach den vorübergehenden Paaren um; er seufzte traurig, denn er wußte: nie wird es wieder, wie es war, nie, nie wieder . . .
Alexander Iwanowitsch staunte über den Beredsamkeitsstrom, der sich aus dem Munde Ableuchows ergoß; er wußte im Grunde genommen gar nicht, was er damit anfangen solle: sollte er ihn beruhigen, ihm beipflichten oder ihm im Gegenteil widersprechen; oder das Gespräch abbrechen (Ableuchows Anwesenheit bedrückte ihn jetzt sehr).
»Ihre Empfindungen, Nikolai Apollonowitsch, erscheinen nur Ihnen selbst merkwürdig; Sie sind einfach bis jetzt in ungelüftetem Zimmer dagesessen und haben Kant studiert; nun gerieten Sie in einen Wirbelsturm, und da begannen Sie auf sich aufzupassen . . . Sie horchten auf den Sturm und entdeckten sich selbst in ihm . . . Ihre Empfindungen sind schon oft und oft beschrieben worden; sie sind Gegenstand der Beobachtungen, des Studiums . . .«
»Wo aber, wo?«
»In der Belletristik, in der Lyrik, in der Psychiatrie, in okkultischen Forschungen . . .«
Alexander Iwanowitsch lächelte unwillkürlich über diese schreiende (von seinem Standpunkte) Unwissenheit dieses geistig hochentwickelten Scholastikers, dann fuhr er lächelnd fort:
»Der Psychiater . . .«
»?«
»Würde es bezeichnen . . .«
»Ja, ja, ja . . .«
»All das . . .«
»Dieses: ‚das und wieder nicht das‘?«
»Ja, nennen Sie es, wie Sie wollen; er würde es mit dem ihm geläufigen Worte: ‚Pseudohalluzination‘ bezeichnen.«
»?«
»Das bedeutet — eine Art symbolischer Empfindungen, die dem reizauslösenden Geschehnis nicht entsprechen.«
»Ah was: so etwas sagen ist so gut wie nichts sagen.«
»Ja, Sie haben wohl recht.«
»Nein, solche Erklärung kann mich nicht befriedigen . . .«
»Gewiß, der Ultramoderne würde diese Empfindungen als die der Urtiefe bezeichnen, das heißt, er würde einer nicht alltäglichen symbolischen Empfindung ein passendes Bild zu geben versuchen.«
»Das wäre doch nur eine Allegorie.«
»Verwechseln Sie nicht Allegorie mit Symbol: Allegorie ist ein Symbol, das zu einer stehenden Redensart geworden ist; ein Beispiel dafür ist das übliche ‚außer sich‘; das Symbol aber ist eine Appellation an das wirklich Erlebte, zum Beispiel von Ihnen — an Ihr Erlebnis bei der Blechbüchse; es ist eine Aufforderung an die anderen, künstlich das zu erleben, was der Betreffende wirklich erlebt hatte . . . Doch wäre ein anderes Wort hier zutreffender: nämlich: das Pulsieren des Elementarkörpers. In dieser Weise hatten Sie eben Ihr Erlebnis gehabt; die erlebte Erschütterung hat Ihren Elementarkörper ganz real mitgerissen, er hat sich für einen Augenblick von Ihrem physischen Körper gelöst, und darin liegt der Grund all Ihrer Empfindungen: stehende Redensarten wie ‚Abgrundtiefe‘ oder ‚außer sich‘ haben Tiefe angenommen, wurden für Sie lebenswahr, wurden Symbol; nach der Lehre verschiedener mystischer Schulen verwandeln die Erlebnisse des Elementarkörpers Worte und Allegorien in Realitäten und Symbole; die Werke der Mystiker sind erfüllt von solchen Symbolen, und ich würde Ihnen raten, jetzt, nachdem Sie das alles erlebt haben, die Mystiker zu lesen . . .«
»Ich sagte Ihnen schon, daß ich es tun werde . . .«
»Was Ihre Erlebnisse selbst betrifft, so kann ich nur noch folgendes hinzusetzen: Ihre ersten Empfindungen nach Ihrem Tode werden ganz derselben Art sein, wie Plato, gestützt auf das Zeugnis der Bacchanten, uns versichert . . . Es gibt Experimentalschulen, in denen man solche Empfindungen bewußt hervorruft. Sie glauben es nicht? . . . Solche gibt es, das kann ich Ihnen fest versichern, denn mein einziger Freund, der mir überhaupt am nächsten stehende Mensch, gehört einer solchen Schule an; die Experimentalschule würde Ihren Alpdruck durch zielbewußte Arbeit in gesetzmäßige Harmonie verwandeln, indem sie den Rhythmus, die Bewegungen, die Pulsation studieren und das nüchterne Bewußtsein in die Empfindungen einführen würde, zum Beispiel in das Gefühl der Ausbreitung . . . Übrigens stehen wir noch immer da und plaudern . . . Sie müssen nach Hause eilen und die Blechbüchse ins Wasser werfen; und bleiben Sie ja zu Hause, keinen Schritt hinaus (Sie werden sicher beobachtet); bleiben Sie zu Hause sitzen, trinken Sie Brom, und lesen Sie die Apokalypse: Sie sind ja sehr abgespannt . . . Übrigens lassen Sie lieber das Brom; Brom stumpft das Bewußtsein ab; wer Brom mißbraucht hat, der taugt zu nichts mehr . . . Und ich muß nun eilen, in Ihrer Sache.«
Alexander Iwanowitsch drückte rasch Ableuchows Hand und tauchte in den Strom schwarzer Hüte unter; erst aber drehte er sich wieder um und rief:
»Vergessen Sie nicht — die Blechbüchse in den Fluß!«
Seine Schulter klebte nun an anderen Schultern, und rasch schleifte ihn der Vielfüßler mit sich fort.
Nikolai Apollonowitsch fuhr zusammen: in der Blechbüchse brodelte ja inzwischen das Leben; auch in diesem Augenblick war der Uhrenmechanismus an der Arbeit; geschwind nach Hause, geschwind; er wollte gleich eine Droschke nehmen; zu Hause werde er sie in die Tasche stecken, und dann in die Newa mit ihr!
Nikolai Apollonowitsch fühlte plötzlich wieder, wie er sich zu dehnen begann; zugleich fühlte er: es rieselt.
Die Karyatide
Dort hinter der Kreuzung gähnte wie ein dunkler Schlund die Straße; steinern erhob sich in ihr vor einem Portal die Karyatide.
Es war das Amt; jenes Amt, in dem Apollon Apollonowitsch Ableuchow unbeschränkt herrschte.
Der Herbst hat seine Zeitgrenze; und der Winter hat seine Zeitgrenze; zyklisch verlaufen selbst die Zeitperioden. Die bärtige Karyatide aber erhob sich über die Zyklen: halsbrecherisch stemmte sie ihren steinernen Huf gegen die Mauer; man glaubte: gleich würde sie sich losreißen und als Steinmasse auf die Straße stürzen.
Und doch — sie stürzt nicht hinunter.
Was sie über sich sieht, ist wie das Leben veränderlich, unerklärlich, unfaßbar: Wolken ziehen dahin; die weißen Schäfchen wandeln sich in weiße Unfaßlichkeiten; oder — es rieselt; es rieselt — so wie jetzt, wie gestern, wie vorgestern.
Das, was sie zu ihren Füßen sieht, ist ebenso unveränderlich wie sie selbst: unveränderlich ist der Zug des menschlichen Vielfüßlers auf dem erleuchteten Trottoir; oder wie im Augenblick, bei der trostlosen Feuchtigkeit: das tödlich eintönige Schlürfen der dahineilenden Füße; und ewig grün sind die Gesichter; nein, an ihnen sieht man nicht, daß große Ereignisse im Gange sind.
Wer den dahinziehenden Strom von Hüten beobachtete, hätte nicht gesagt, daß schon im Theater in Kutais aus dem Publikum vor kurzem der Ruf ertönte: »Staatsbürger! . . .«, daß der Polizeihauptmann in Tiflis eine Bombenfabrik entdeckt hat, daß in Odessa die Bibliothek geschlossen wurde; daß an zehn Universitäten Rußlands Meetings abgehalten wurden — an ein und demselben Tag, zu ein und derselben Stunde; daß zur gleichen Zeit Tausende überzeugter, jüdischer Revolutionäre zu Versammlungen zogen; daß die Bewohner von Perm rumorten; daß im selben Augenblick die von Kosaken umzingelte Stahlfabrik in Reval die rote Flagge gehißt hat.
Wer den dahinziehenden Hutstrom beobachtete, hätte nicht gesagt, das von überallher neues Leben hervorsprudelte; daß schon auf der Strecke Moskau — Kasan der Streik der Eisenbahner begonnen hat; daß auf vielen anderen Strecken die Arbeit eingestellt wurde; daß die Arbeiter in den Bahnhöfen die Fenster einschlugen, die Eisenbahnschuppen zerstörten; daß Zehntausende vom Starrkrampf getroffene Waggons überall stillstanden, daß der Verkehr allmählich erstarb. Angesichts dieses Hutstroms hätte niemand gesagt, daß in Petersburg die Ereignisse in vollem Gange waren, daß sich die Setzer aller Zeitungen vereint und eigene Delegierte gewählt haben; daß an den Riesenwerken bei Petersburg gestreikt wurde und überall in den Vororten die mandschurischen Mützen zu sehen waren; daß jeder einzelne — er und doch wieder nicht er war; daß der Strom nicht nur einfach dahinzog, sondern dahinzog mit dem Gefühl der Unruhe in sich; daß jeder die Empfindung hatte, sein Kopf sei ein »Idiotenkopf mit offenen Schädelnähten«, daß dieser Kopf jeden Augenblick von einem Säbel oder sogar von einem einfachen Holzknüppel gespalten werden konnte. Hätte da einer sein Ohr auf den Boden gedrückt und gelauscht — er hätte ein liebliches Gemurmel vernommen: ein Revolverknattern, das sich von Archangelsk bis zur Krim, von Libau bis Blagoweschtensk ausbreitete.
Doch war die Zirkulation noch ungestört: monoton, langsam, leblos zog noch der Hutstrom zu den Füßen der Karyatide dahin.
Die graue Karyatide beugte sich vornüber und blickte auf die sich immer gleichbleibende Menge zu ihren Füßen; unendlich war die Verachtung, die sich im alten Stein der Augen ausdrückte; unendlich war der Überdruß, unendlich die Verzweiflung.
Und — o, hätte sie doch die Kraft!
Wie hätten sich die muskulösen Arme über die steinernen Schultern gereckt; und der von dem Meißel zerhauene Nacken — wie flöge er wild nach oben; in einem lauten, verzweifelten, langgezogenen Brüllen risse sich der Mund auf; du hättest gesagt: »Es ist das Brüllen des Sturmes« (so brüllten die schwarzen Tausende von Mützen der Huligans während der Pogrome). Wie aus einer Lokomotive würde sich auf die Straße ein Dampfstrom ergießen; die von der Straße losgerissene Balkonbalustrade würde erstaunt auf das Pflaster aufschlagen und in laut tönende, feste Steine zerfallen (so fielen bald darauf die Steine gegen die Fenster der Regierungsgebäude); zu einem Steinhagel würde dieses Meißelwerk werden, während es erst in der trüben Luft einen ebenso trüben wie blendenden Bogen bilden würde; und als blutige Splitter würden diese Hagelkerne auf den erschreckten Hüten der hier monoton, langsam, leblos Vorüberziehenden liegenbleiben . . .
An diesem grauen Petersburger Tage flog auf einmal die schwere, prächtige Tür auf; der graue, glattrasierte Lakai mit Goldtressen auf dem Revers sprang heraus, um dem Kutscher das Zeichen zu geben; die Pferde zogen wild an und rollten pfeilschnell den lackierten Wagen an das Portal heran; der graue Lakai mit dem glattrasierten Gesicht streckte sich mit dümmster Miene in Positur, während Apollon Apollonowitsch Ableuchow mit vorgebeugtem Rücken, unrasiert, mit krankhaft aufgedunsenem Gesicht und herabhängender Unterlippe seine schwarz behandschuhte Hand an den Rand des glänzend schwarzen Zylinders führte.
Apollon Apollonowitsch warf einen kurzen, von Gleichgültigkeit erfüllten Blick auf den Lakai, auf den Wagen, auf den Kutscher, auf die schwarze Brücke, auf die gleichmäßige Fläche der Newa, in der sich die dumpfe, vielschlotige Ferne zeichnete, während sich hinten aschgrau die Wassiljewski-Insel breitete mit den vielen Tausenden von Streikenden, die sie beherbergte.
Der stramme Diener schlug die Wagentür zu, die das alte Wappen, einen Ritter, von einem Einhorn durchbohrt, trug; der Wagen stürmte in den schmutzigen Nebel hinein, an der mattdunklen Riesensilhouette des Issakijdoms, an dem Reiterdenkmal des Kaisers Nikolaus vorbei, auf den Newskij, wo die Massen sich stauten, wo sich mit leichtem Säuseln der rote flatternde Stoff über die Straße spannte; die schwarzen Konturen des Wagens, die Silhouette vom Dreimaster des Lakaien durchschnitt plötzlich die schwarze, dichte Masse, aus der lauter Gesang dem Wagen entgegenschlug.
Der Wagen hielt in der Menge.
Fort, fort, Tomy!
»Mais j’espère . . .«
»Sie hoffen?«
»Mais j’espère que oui«, schallte des Ausländers Stimme hinter der Tür.
Die Schritte Alexander Iwanowitschs auf der Holzdiele der Terrasse tönten absichtlich laut; Alexander Iwanowitsch liebte es nicht zu horchen. Die ins Zimmer führende Tür war halb offen.
Es wurde immer dunkler — blauer.
Man achtete auf seine Schritte nicht. Alexander Iwanowitsch Dudkin beschloß, nicht weiter zu horchen, und er überschritt die Schwelle des Zimmers.
Ein schwerer Duft erfüllte hier die Luft: eine Mischung von Parfüm und scharfer Säure eines Medikamentes.
Soja Sacharowna Fleisch erging sich wie immer in Liebenswürdigkeiten. Sie gab sich die größte Mühe, einen fremden Besucher zum Bleiben zu bewegen; der Fremde wehrte aber dankend ab.
Es wurde immer dunkler — blauer.
»Ah, ich freue mich sehr, Sie zu sehen, sehr . . . Es ist furchtbar nett, daß ich Sie sehe . . . Putzen Sie bitte die Füße ab, und nehmen Sie Ihren Überzieher ab.«
Alexander Iwanowitsch drückte kühl Sojas Hand.
»Ich hoffe, Sie haben einen sehr schönen Eindruck von Rußland gewonnen . . . Nicht wahr? . . .« wandte sie sich wieder an den Fremden. — »Welcher Aufstieg!«
Der Franzose trocken:
»Mais j’espère . . .«
Soja Sacharowna Fleisch rieb sich die vollen Händchen und sah mit ihrem liebkosenden, doch etwas verlegenen Blick bald den Franzosen, bald Alexander Iwanowitsch an; sie hatte runde Augen, die ihr aus den Augenhöhlen hervorquollen. Soja Sacharowna mochte etwa an die Vierzig sein; Soja Sacharowna war eine Brünette mit großem Kopf; ihre festen Wangen waren emailliert, und der Puder fiel von ihnen herunter.
»Er ist noch nicht da . . . Sie kommen doch zu ihm?« fragte sie wie beiläufig Alexander Iwanowitsch; in dieser flüchtigen Frage verbarg sich eine gewisse Unruhe; vielleicht verbarg sich darin Feindseligkeit; vielleicht sogar Haß; doch die Unruhe, Feindseligkeit und der Haß verdeckte der Blick und das liebenswürdige Lächeln; so verdeckt die klebrige Süßigkeit der Bonbons, die allenthalben in den Läden verkauft werden, all den Schmutz der ungelüfteten Räume, wo sie gemacht werden.
»Ich werde auf ihn warten.«
Alexander Iwanowitsch verneigte sich vor dem Franzosen, dann langte er nach einer der Birnen, die in einer Fruchtschale auf dem Tisch standen; Soja Sacharowna stellte darauf die Schale etwas weiter weg; Alexander Iwanowitsch aß Birnen gar zu gern. Soja Sacharowna ließ inzwischen den Franzosen nicht los:
»Ja, ja, ja: wir erleben Dinge von geschichtlicher Bedeutung . . . Überall Mut und Jugend . . . Der zukünftige Geschichtsschreiber wird . . . Glauben Sie es nicht? Besuchen Sie nur die Meetings . . . Hören Sie nur die Reden voll überschwenglicher Gefühle; sehen Sie sich nur die Begeisterung an . . .«
Der Franzose schien keine Lust zur Fortsetzung des Gesprächs zu haben.
»Pardon, madame, monsieur viendrat il bientôt?«
Um dieses Gespräch, das sonderbarerweise sein nationales Gefühl verletzte, nicht zu hören, trat Alexander Iwanowitsch ans Fenster, wobei er fast über einen buschigen Bernhardiner stolperte, der auf dem Boden liegend gemächlich einen Knochen bearbeitete.
Aus den Fenstern des kleinen Landhauses sah man das Meer: es wurde immer dunkler — blauer.
Das Auge des Leuchtturms drehte sich im Kreise um; das Licht flimmerte — eins, zwei, drei! — und es erlosch; der dunkle Mantel eines Passanten flatterte in der Ferne; noch weiter sah man, wie sich die Wellen wiegten; die Lichter am Ufer lagen wie verstreute Funkensplitter da; der vieläugige Strand borstete sich mit seinem Schilf; weit, weit tönte eine Sirene.
Was für ein Wind!
»Bitte, da ist die Aschenschale . . .«
Die Aschenschale blieb vor Alexander Iwanowitschs Nase stehen; doch Alexander Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch: er warf den Zigarettenstummel in den Topf des Blumenstocks am Fenster, aus einem Protestgefühl heraus.
»Wer singt denn da?«
Soja Sacharowna machte eine Geste, aus der hervorging, daß sie den Fragenden als einen rückständigen Menschen betrachtete.
»So? Das wissen Sie nicht? . . . Ja, gewiß: Sie wissen es eben nicht . . . Also: es ist nämlich Schischnarfijew . . . was das aber heißt — hinter seinen vier Wänden hocken . . . Schischnarfijew hat sich uns allen sehr angeschlossen . . .«
»Ich habe diesen Namen schon irgendwo gehört . . .«
»Schischnarfijew hat sehr viel Kunstsinn . . .«
Soja Sacharowna sagte die letzten Worte mit solcher Betonung, als hätte Alexander Iwanowitsch an den künstlerischen Fähigkeiten des genannten Sängers in unangebrachter Weise Zweifel geäußert. Doch Alexander Iwanowitsch dachte gar nicht daran, die Talente des Künstlers zu bemäkeln.
Er fragte bloß:
»Ist er Armenier? Bulgare? Georgier?«
»Nein, ach nein . . .«
»Chorwate? Persier?«
»Ja, er ist ein Persier aus Schemacha; er war vor kurzem bei dem Aufruhr in Ispaganj beinahe umgebracht worden . . .«
»Ah, so: er ist also ein Jungperser?«
»Selbstverständlich . . . Sie wußten es nicht? . . . Schämen Sie sich . . .«
Soja Sacharowna übergoß ihn mit einem verächtlichen Blick und wandte sich wieder dem Franzosen zu:
Alexander Iwanowitsch hörte der Unterhaltung der beiden nicht zu, natürlicherweise: er horchte aber auf die hoffnungslos zerrissene Baritonstimme; der Held Jungpersiens sang eine tiefelegische Romanze, und tiefe Wehmut wehte von ihr auf Alexander Iwanowitsch. Flüchtig ging es aber Alexander Iwanowitsch nebenbei durch den Kopf, daß Soja Sacharownas Gesichtszüge den verschiedensten schönen Frauen entnommen sein konnten: der einen die Nase, der anderen der Mund, der dritten die Ohren. Zusammen ergaben die Züge jedoch ein Gesicht, das keinesfalls angenehm wirkte und das nichts weniger als schön war. Ihrem Typus nach gehörte aber Soja Sacharowna zu den üppigen orientalischen Brünetten.
Die laut plappernde Stimme Soja Sacharownas drang indessen doch an Dudkins Ohr:
»Es handelt sich wohl um das Geld?«
Schweigen.
»Das Geld aus dem Auslande wird man wohl benötigen.«
Zur Antwort eine unruhige Handbewegung.
»Nach der Zerstörung der Organisation in T. T. wäre es ratsamer für Ihren Redakteur, nicht hierherzukommen . . .«
Der Franzose gab keinen Laut von sich.
»Denn es sind Dokumente entdeckt worden . . .«
Alexander Iwanowitsch hörte wieder das elegische Singen des Jungpersers. Inzwischen schien der Franzose die Geduld verloren zu haben. Etwas barsch sagte er:
»Je serai bien triste d’avoir manqué l’occasion de parler à monsieur.«
»Sie können ebenso mit mir sprechen . . .«
»Excusez, dans certain cas je préfaire parler personnellement . . .«
Ein Busch schlug mit seinen Zweigen an das Fenster.
Zwischen den Zweigen sah man die weiße Gischt der Wellen schimmern, dämmerig und blau schaukelte ein Segelboot auf den Wellen, und über den Segeln verdichtete sich blau der Abend.
Die Segel schienen zu entschwinden in diesem dämmernden Blau.
Da hielt plötzlich vor der Gartentür eine Droschke, und ein korpulenter Herr wälzte sich aus ihr herunter. Die ungelenken Finger der mit einem halben Dutzend hin und her baumelnder Pakete beschwerten Hand suchten lange im Portemonnaie herum; eine unterm Arm gehaltene Tüte rutschte dabei nach unten, und flugs kullerten mehrere schöne Äpfel im Schmutz der Straße.
Der Herr beugte sich, um die Äpfel vom Boden aufzulesen; sein Mantel ging ihm dabei auf, und er schien schwer zu keuchen; beim Schließen der Gartentür wären ihm die Pakete beinahe wieder in den Schmutz gefallen.
Endlich schritt er auf dem gelben, von Sträuchern umsäumten Gartenweg dem Hause zu; sofort verbreitete sich eine drückende Atmosphäre; der mit einer Ohrenmütze bedeckte geierartige Kopf saß schwer auf den Schultern; die tiefsitzenden Äuglein aber liefen diesmal nicht unruhig hin und her (wie sie es immer taten, wenn ein fremder Blick sie traf); die tiefsitzenden Augen blickten müde und fest zu den Fenstern des Hauses hinüber.
Alexander Iwanowitsch bemerkte sogar in diesen Augen eine besondere, eigene Freude, zu der sich Müdigkeit und Traurigkeit gesellten — eine rein tierische Freude, nach der Hetze des Tages bald ausruhen, sich erwärmen und in ausgiebiger Weise seinen Hunger stillen zu können. So erscheint das Raubtier, während es in seine Höhle zurückkehrt, zahm und mild und läßt die auch ihm innewohnende Gutmütigkeit erblicken; es beschnuppert dann wohlwollend sein Weibchen und leckt die freudig winselnden Jungen ab.
War das er?
Ja, das war er; und er sah diesmal harmlos und prosaisch aus; und doch: es war er.
»Da kommt er auch!«
»Enfin . . .«
»Lipantschenko! . . .«
»Guten Tag . . .«
Mit freudigem Knurren sprang der gelbe Bernhardiner auf und warf sich, mit einem Satz an die andere Ecke des Zimmers gelangend, seinem Herrn auf die Brust.
»Fort, fort, Tomy! . . .«
Lipantschenko, bemüht, die Pakete vor dem Hunde zu schützen, hatte nicht ein mal Zeit gehabt, seine ungerufenen Besucher in Augenschein zu nehmen: auf seinem breiten, flachen Gesicht drückte sich teils Humor, teils hilfloser Zorn aus; ein direkt kindlicher Zug huschte plötzlich in seinem Gesicht auf:
»Schon wieder das Ablecken!«
Er wandte sich hilflos von Tomy ab und rief:
»Soja Sacharowna, so helfen Sie mir doch loszukommen . . .«
Aber schon berührte die breite Hundezunge ehrfurchtslos die Nasenspitze des Herrn; dieser schrie laut auf (und dabei, man denke nur, lächelte er) . . .
»Aber Tomy!«
Da erst bemerkte er die Besucher, die auf ihn warteten und etwas ungeduldig über das Familienidyll lächelten; die Heiterkeit verschwand aus seinem Gesicht, und er sagte etwas barsch und wenig höflich:
»Bitte, gleich . . .«
Dabei bebte die herunterhängende Unterlippe, und man konnte ihr ablesen:
»Selbst hier keine Ruhe . . .«
Er ging in eine Ecke und bemühte sich lange, die neuen und etwas engen Überschuhe abzustreifen; dann legte er ebenso langsam den Überzieher ab, wobei er schwer und mühevoll etwas aus der Tasche hervorzog (man hätte glauben können — einen zwölfläufigen Browning); was aber zum Vorschein kam, war — eine Puppe.
Diese Puppe warf er auf den Tisch mit den Worten:
»Das ist für Akulinas kleine Manja . . .«
Da sperrte jeder der Besucher den Mund auf.
Endlich wandte sich der Hausherr, indem er sich die erfrorenen Hände rieb, mit gewissem, verlegenem Mißtrauen an den Franzosen:
»Bitte . . . da hinein . . . da . . .«
Zugleich warf er Dudkin zu:
»Bitte gefälligst zu warten . . .«
Häßlich . . .
Seltsam!
Das Verhalten der gewissen Persönlichkeit Dudkin gegenüber hatte bis zu diesem Tage den Charakter größter Verbindlichkeit getragen; ja, es war nur Verbindlichkeit gewesen, und zwar Verbindlichkeit etwas zudringlicher Art; durch Monate hindurch, bei den verschiedensten Anlässen oder auch ohne diese hatte die gewisse Persönlichkeit ein Ornament aus Schmeichelei um Dudkin gewoben: diese Schmeichelei ernst zu nehmen — das war so angenehm gewesen.
Und Dudkin hatte sie ernst genommen.
Er hatte die gewisse Persönlichkeit wohl verachtet, er hatte ihr gegenüber einen physiologischen Widerwillen empfunden; ja, er hatte all diese Tage, die für ihn eine Krise in seinem tiefsten Glauben bedeuteten, jede Begegnung mit der Persönlichkeit gemieden. Doch diese hatte ihn überall zu erreichen gesucht; seine oft mehr als spöttischen Bemerkungen mit stoischer Gleichmütigkeit, zuweilen sogar mit zynischem Lachen entgegengenommen; hätte er sie über den Grund dieses Lachens gefragt, sie hätte geantwortet:
»Ich lache — über Sie.«
Dudkin hatte sich bemüht, der Persönlichkeit zu beweisen, daß das Programm ihrer Partei unhaltbar sei, abstrakt, blind — sie war damit einverstanden; doch wußte Dudkin, daß sie bei der Festsetzung des Programms mitgearbeitet hatte; hätte er die Persönlichkeit gefragt, ob nicht ihrer Meinung nach bei der Ausarbeitung des Programms etwas wie Provokateurgeist mitgespielt habe, die Persönlichkeit hätte beteuert:
»Nein, sicherlich nicht; diese Annahme ist eine Frivolität . . .«
Dudkin hatte endlich versucht, die Persönlichkeit durch sein mystisches Kredo zu verblüffen, indem er die Behauptung aufstellte: das Soziale, die Revolution sei keine Verstandeskategorie, sondern eine göttliche Forderung des Alls; die Persönlichkeit hatte nichts gegen die Mystik gehabt; sie hörte aufmerksam zu und bemühte sich sogar — zu verstehen.
Aber sie vermochte es nicht zu verstehen.
Alle Einwendungen, alle radikalen Äußerungen hatte die Persönlichkeit schweigend hingenommen; dann klopfte sie ihm auf die Schulter und zog ihn mit ins Wirtshaus, wo sie vor dem Tischchen sitzend den ewigen Kognak tranken; zuweilen hatte ihm die Persönlichkeit unter dem Geräusch des Orchestrions gesagt:
»Ich? Was bin ich? — nichts . . . Ich bin nur ein Unterseeboot; Sie aber sind ein Panzerkreuzer; ein großes Schiff gehört ins große Wasser . . .«
Und dabei hatte die Persönlichkeit ihn in die Dachkammer gejagt, ihn an die Dachkammer gefesselt und aus dem menschlichen Verkehr ausgeschaltet; der Panzerkreuzer lag im Hafen, ohne Mannschaft, ohne Kanonen; die einzigen Reisen, die er in der letzten Zeit gemacht hatte, waren nur — ins Wirtshaus und zurück; die Persönlichkeit hatte all diese Wochen, die für Dudkin eine Periode des Protestes bedeuteten, dazu benutzt, um aus ihm einen — Säufer zu machen.
Die Persönlichkeit war ihm immer gastfreundlich entgegengetreten, und Dudkin hatte das sichere Gefühl: käme er in eine Lage, wo er ernster Hilfe bedürfte, die Persönlichkeit würde ihm diese ohne weiteres leisten; das erschien selbstverständlich.
Zum erstenmal ergab sich heute dazu die Gelegenheit.
Er hatte Ableuchow versprochen, ihm den Knoten lösen zu helfen. Doch konnte er es nur mit Hilfe der Persönlichkeit ausführen; durch eine unheimliche Verkettung von Umständen hatte Ableuchow sich in ein förmliches Teufelsnetz verfangen; Alexander Iwanowitsch glaubte, er brauche nur der Persönlichkeit von der Sache zu berichten und diese würde die Fäden schon herausfinden.
Was ihn also veranlaßte, hierherzukommen, war das Wort, das er Ableuchow gegeben hatte. Und nun — sieh mal einer her!
Der verletzende Ton, den die Persönlichkeit ihm gegenüber jetzt angeschlagen hat, war ihm in ebensolchem Maße neu wie unangenehm (es war der Ton, dessen sich der hohe Beamte einem Bittsteller gegenüber bedient; mit dem der Chefredakteur dem über Diebstähle und Brände berichtenden Reporter entgegentritt; in dem der Kreisschulinspektor zu dem Kandidaten auf die Lehrerstelle in — Solwytschegotsk oder Sarepta spricht).
Sieh mal einer her! . . .
Also: nach Beendigung seiner Unterhaltung mit dem Franzosen (der Franzose hatte sich bereits entfernt) trat die Persönlichkeit gegen alle Gepflogenheit nicht aus ihrem Arbeitszimmer, sondern blieb dort sitzen, vor dem Schreibtisch, als wäre Alexander Iwanowitsch überhaupt nicht da, als wäre er nicht ein guter Bekannter, sondern — weiß der Teufel! — irgendein Bittsteller, dem es an Zeit nicht fehlen darf . . .
Es wurde immer dunkler — blauer.
In dieser sich ausbreitenden Dunkelheit, in der Halbdämmerung des Arbeitszimmerchens, saß die Persönlichkeit, den viereckigen Kopf ganz über den Schreibtisch gebeugt, und wie ein häßlicher dunkelgelber Fleck hob sich ihr Rücken im schwachen Fensterlicht ab.
Alexander Iwanowitsch zuckte scharf mit den Achseln und wandte dem Rücken seinen eigenen Rücken zu; er begann mit vollständig unabhängigem Ausdruck an seinem kleinen Schnurrbärtchen zu zupfen; er wollte eine beleidigte Miene aufsetzen, brachte es aber nur zu einer unabhängigen; er zupfte an seinem Bärtchen mit einem Ausdruck, als hätte er mit dem Rücken dort am Schreibtisch nichts zu tun. Eigentlich hätte er aufspringen und die Tür hinter sich zuschlagen sollen, doch das durfte er nicht: die Lebensruhe Nikolai Ableuchows hing von seinem Gespräch mit der Persönlichkeit ab; er konnte also weder weggehen noch die Tür zuschlagen.
Alexander Iwanowitsch hüstelte, um der Persönlichkeit seine Ungeduld kundzutun . . . Doch klang dieses Hüsteln wie das eines Abcschützen, den es beim Anblick des Lehrers im Halse zu würgen begann. Was war mit ihm? Woher diese Schüchternheit? Er fürchtete die Persönlichkeit keinesfalls: er fürchtete sich nur vor den Halluzinationen, die ihn in seiner Dachkammer heimzusuchen pflegten, vor der Persönlichkeit wahrhaftig nicht . . .
Die Persönlichkeit fuhr fort zu schreiben.
Alexander Iwanowitsch hüstelte wieder; dann wieder. Diesmal reagierte sie.
»Bitte sich zu gedulden . . .«
Dieser Ton!
Endlich erhob sich die Persönlichkeit leicht vom Sitz und wandte sich um; sie machte mit der dicken Handfläche eine einladende Geste:
»Bitte . . .«
Alexander Iwanowitsch wurde eigentümlich verwirrt; sein Zorn, der alle Grenzen überschritt, fand darin seine Äußerung, daß er die allgemein gebräuchlichsten Worte plötzlich vergessen hat:
»Ich . . . sehen Sie . . . ich komme . . .«
»?«
»Wie Sie wissen . . . oder übrigens . . . Zum Teufel!«
Und er brachte trocken und kurz hervor:
»Ich komme in einer geschäftlichen Angelegenheit . . .«
Die Persönlichkeit aber lehnte sich im Lehnstuhl zurück (wie gern hätte er sie jetzt in ihrem Lehnstuhl erwürgt!), maß ihn mit vernichtendem Blick und trommelte mit den dicken Fingern auf dem Tisch; dann brummte sie etwas gedämpft:
»Ich mache Sie aufmerksam . . . Ich habe heute für lange Erörterungen nicht genug Zeit, daher . . .«
Na, also!
»Ich würde Sie daher bitten, mein Lieber, sich kürzer und deutlicher zu fassen . . .«
Und das Kinn in das Doppelkinn vergrabend, wandte die Persönlichkeit einen starren Blick gegen das Fenster, hinter dem mit leichtem Geräusch die Blätter von den Bäumen fielen.
»Seit wann, bitte, haben Sie mir gegenüber diesen . . . diesen Ton? . . .« kam es plötzlich aus Alexander Iwanowitsch, doch klang es nicht bloß ironisch, sondern auch verlegen.
Die Person unterbrach ihn aber wieder: unterbrach in unangenehmster Weise:
»Also?«
Sie kreuzte die Hände über der Brust.
»Ich komme in einer Angelegenheit . . .« — und er stockte . . .
»Also?! . . .«
»Von großer Wichtigkeit . . .«
Zum dritten Male unterbrach ihn die Persönlichkeit:
»Das Maß der Wichtigkeit wollen wir lieber später erläutern.«
Und sie kniff die Äuglein zusammen.
Sonderbarerweise wurde nun Dudkin vollständig verwirrt, errötete und hatte das Gefühl, kein Wort hervorbringen zu können. Er schwieg.
Auch die Persönlichkeit schwieg.
Die vom Baum sich lösenden roten Blätter schlugen ans Fenster, wirbelten und flüsterten miteinander; die Zweige (die vertrockneten Skelette) zeichneten ein schwarzgraues Netz hinter den Glasscheiben; der Wind pfiff; das schwarz-neblige Netz begann zu schaukeln; das schwarz-neblige Netz begann zu raunen. Unzusammenhängend, verworren, hilflos erzählte Alexander Iwanowitsch von dem Inzident des Ableuchow; je weiter er aber, die Störungen und Hindernisse der Sprache überwindend, in der Erzählung kam, desto schroffer und trockener wurde die Haltung der Persönlichkeit; ihre Stirn glättete sich, die schwulstigen Lippen hörten auf zu saugen; bei der Stelle der Erzählung aber, wo der Provokateur Morkowin auf die Oberfläche trat, zog die Persönlichkeit bedeutungsvoll die Brauen in die Höhe und machte eine schnuppernde Bewegung mit der Nase, als hätte die Unverfrorenheit des Erzählers an dieser Stelle ihren Höhepunkt erreicht und die Geduld der Persönlichkeit ihre Grenze überschritten:
»Ah . . . Sehen Sie? . . . Und was haben Sie gesagt? . . .«
Alexander Iwanowitsch fuhr zusammen:
»Was ich gesagt hab’? . . .«
»Nichts, nichts; fahren Sie fort.«
Vollständig verzweifelt schrie Alexander Iwanowitsch heraus:
»Aber ich hab’ ja alles gesagt! Was soll ich noch erzählen?!«
Mit dem Kinn auf das Doppelkinn gestützt, senkte die Persönlichkeit den Kopf, seufzte, sah vorwurfsvoll, ohne das übliche Zwinkern (der Blick war jetzt traurig), Alexander Iwanowitsch an und sagte kaum hörbar:
»Häßlich . . . Sehr, sehr häßlich! Sie sollten sich schämen! . . .«
Alexander Iwanowitsch fühlte, wie sein Herz hüpfte; und — o Grauen! — beim Worte »Sie sollten sich schämen« fühlte er, wie seine Wangen von einer Röte übergossen wurden; aus den Worten des furchtbaren Partners hörte er deutlich die verborgene, vernichtende Drohung heraus; Alexander Iwanowitsch fuhr unruhig auf seinem Sitz hin und her und bemühte sich, seine nicht begangene Schuld sich ins Gedächtnis zu rufen.
Seltsam: er hatte nicht den Mut zu fragen, was die verborgene Drohung eigentlich bedeute und was das Wort »sich schämen« in diesem Zusammenhang heißen sollte. Er schluckte es einfach herunter.
»Wie soll ich nun diesen provokatorischen Brief Ableuchow erklären?«
Die schmale niedere Stirn näherte sich der seinen.
»Wieso provokatorisch? Er ist keinesfalls provokatorisch . . . Ich muß Sie ernüchtern. Der Brief an Ableuchow war von mir geschrieben.«
Diese Worte waren mit einer Würde ausgesprochen, die alles, Zorn, Vorwürfe und verletzenden Ton überwog; mit einer Würde, die sich sogar bis zur Milde herabließ.
»Wie? Den Brief haben Sie geschrieben?«
»Und er ist durch Ihre Hände gegangen — erinnern Sie sich nicht? Oder haben Sie es vergessen?«
Das Wort »vergessen« sprach die Persönlichkeit so aus, als wäre es selbstverständlich, daß Alexander Iwanowitsch es nicht vergessen hat und sich nur — weiß Gott warum? — stellte, als wisse er nichts mehr davon; die Persönlichkeit ließ ihn übrigens deutlich fühlen, daß sie mit ihm jetzt wie die Katze mit der Maus zu spielen beabsichtige.
»Erinnern Sie sich: ich übergab Ihnen den Brief damals im kleinen Restaurant . . .«
»Ich gab ihn aber nicht Ableuchow, sondern Warwara Ewgrafowna, ich versichere Sie . . .«
»Ah was, lassen wir es doch, Alexander Iwanowitsch; wir sind unter uns, mein Lieber, und brauchen vor einander keine Komödie zu spielen: der Brief hat den Adressaten gefunden, alles andere sind leere Ausreden . . .«
»Und Sie sind der Verfasser des Briefes?«
Dudkins Herz hüpfte und klopfte, als wollte es sich losreißen und davonlaufen; wie ein Büffel würde es gleich zu brüllen anfangen und — sich davonmachen.
Die Persönlichkeit klopfte bedeutungsvoll auf den Tisch, wobei sie ihre Gleichgültigkeit mit steinerner Festigkeit vertauschte; dann rief sie:
»Warum wundern Sie sich? . . . Weil ich den Brief an Ableuchow geschrieben habe? . . .«
»Freilich . . .«
»Verzeihen Sie, ich muß aber sagen: Ihr Erstaunen grenzt an offenkundige Heuchelei . . .«
Dudkin näherte sich mit einem Ruck der Persönlichkeit.
»Hören Sie: entweder bin ich verrückt oder — Sie!«
Die Persönlichkeit zwinkerte ihm zur Antwort nur zu:
»Also!?«
Ihr ganzes Aussehen sprach:
»He, he, Väterchen: glaubst, ich habe nicht bemerkt, wie du vorhin geblickt hast? . . . Du glaubst, mit mir kannst du . . .«
Dann aber: ganz plötzlich wurde sie heiter, fast lustig, sah ihren Partner mit gekünstelter dummer Dreistigkeit an und schnalzte mit der Zunge, als wollte sie sagen:
»He, mein Lieber, ein gemeiner Kerl bist doch du, nur du, nicht ich . . .«
Laut sagte sie aber nur:
»Ahhh! . . .«
Dann aber, wie ein satanisches Lachen unterdrückend, ließ die Persönlichkeit streng, aber wohlwollend ernst ihren schweren Arm auf Dudkins Schulter nieder, dachte einen Augenblick nach und fügte hinzu:
»Häßlich . . . Sehr, sehr häßlich . . .«
Alexander Iwanowitsch überkam das ihm wohlbekannte sonderbare, drückende Gefühl des Vernichtetwerdens durch ein Etwas, das gleich auf dem dunkelgelben Fleck seiner Tapete auftauchen würde; Alexander Iwanowitsch empfand eine ihm unbewußte Schuld; er sah hin, und es war ihm, als hätte sich eine Wolke über ihn gesenkt, ganz tief; als lief diese Wolke von der Persönlichkeit zu ihm, als steige sie wie Rauch aus der Persönlichkeit hervor.
Die Persönlichkeit aber saß da, das schmalstirnige Gesicht ihm zugewendet, und sprach immer wieder:
»Häßlich . . .«
Ein schweres Schweigen trat ein.
»Übrigens werde ich die weiteren Beweise abwarten: ohne Beweise geht es natürlich nicht . . . Aber immerhin: die Anklage wiegt schwer; so schwer, das muß ich sagen, daß . . .« — Die Persönlichkeit seufzte.
»Aber welche Beweise meinen Sie?«
»Sie selbst will ich vorderhand aus dem Spiel lassen . . . Wie Sie wissen, gehen wir in der Partei nur auf Grund von Tatsachen vor . . . Die Tatsachen aber, die Tatsachen . . .«
»Was für Tatsachen meinen Sie?«
»Die Tatsachen über Sie werden gesammelt . . .«
Das hat noch gefehlt!
Die Persönlichkeit erhob sich vom Lehnstuhl, und während sie die Spitze einer Havanna abschnitt, begann sie leise eine Melodie zu pfeifen; sie hüllte sich in undurchdringliches Wohlwollen; dann schritt sie mit gemessenen Schritten ins Speisezimmer hinüber, faßte freundschaftlich den dort sitzenden Schischnarfijew an der Schulter.
In die Richtung der Küche, von wo ein angenehmer Bratengeruch herüberzog, rief er:
»Ich habe einen Mordshunger . . .«
Dann mit einem Blick den gedeckten Tisch musternd:
»Ein Schnäpschen noch . . .«
Dann schritt sie zurück in das Arbeitszimmer.
»Ihr Herumsitzen beim Hausmeister . . . Ihre Freundschaft mit der Polizei des Reviers, mit dem Hofknecht . . . Ihre Gelage in Gesellschaft des Polizeibeamten Woronkow . . .«
Auf den verständnislosen, fragenden Blick Dudkins — einen von Grauen erfüllten Blick — setzte Lipantschenko, das heißt die Persönlichkeit, ihr boshaftes, zweideutiges Flüstern fort, indem sie die Hand auf Dudkins Schulter legte.
»Als ob Sie es nicht selbst wüßten? Warum die verwunderten Augen? Sie wissen am Ende gar nicht, wer der Woronkow sei?«
»Wer Woronkow sei? . . . Woronkow? . . . Aber was hat das mit der Sache zu tun? . . . Was ist dabei? . . .«
Aber Lipantschenko, die Persönlichkeit, brach in ein Lachen aus und faßte sich vor Lachen an die Hüften:
»Das wissen Sie nicht?«
»Das behauptete ich nicht: ich weiß schon . . .«
»Na, also!«
»Woronkow ist ein Schreiber im Polizeirevier, und er besucht oft den Hausmeister Matwej Morschow . . .«
»Sie haben Zusammenkünfte, Sie unterhalten sich mit einem Polizeispitzel wie der letzte Provokateur . . .«
»Aber erlauben Sie . . .!«
»Sie brauchen kein Wort, kein Wort zu sagen«, wehrte die Persönlichkeit, mit der Hand fuchtelnd, jeden Erwiderungsversuch des zu Tode erschrockenen Dudkin ab.
»Ich wiederhole: die Tatsache einer offenen Provokateurtätigkeit Ihrerseits ist noch nicht definitiv festgestellt, aber . . . Ich warne Sie, aus Freundschaft warne ich Sie, Alexander Iwanowitsch, mein Liebling; Sie haben ein böses Spiel begonnen . . .«
»Ich?«
»Treten Sie zurück, ehe es zu spät ist . . .«
Die Äuglein unter der schmalen Stirn sprachen:
»So—o—o, Väterchen . . . Wie hast du dir wohl die Sache gedacht?«
Der Speichel spritzende Mund aber sagte:
»Tuen Sie doch nur nicht so harmlos . . .«
»Es fällt mir ja gar nicht ein . . .«
»Ganz Petersburg weiß es schon . . .«
»Was weiß es?«
»Von der Zertrümmerung der Parteiorganisation in T. T.«
»Was?!«
»Ja, ja . . .«
Wenn es die Absicht der Persönlichkeit war, Dudkins Gedanken von der Spur, die ihn auf die wirklichen Motive ihres Benehmens bringen konnte, abzulenken, dann hat sie dieses Ziel durch die Nachricht von der Zerstörung der sehr wichtigen Organisation in T. T. völlig erreicht; diese Nachricht traf wie ein Blitzstrahl den schwachen Alexander Iwanowitsch:
»Herr Jesus Christus!«
»Jesus Christus!« — höhnte die Persönlichkeit, »Sie haben jedenfalls früher davon gewußt als wir alle . . . Wir wollen es aber, ehe die Sache nicht unwiderleglich erwiesen ist, auf sich beruhen lassen. Häufen Sie jedoch die Verdachtsmomente nicht: sprechen Sie kein Wort von der Ableuchowaffäre.«
Alexander Iwanowitsch schien in diesem Augenblick sehr idiotisch ausgesehen zu haben, denn die Persönlichkeit fuhr fort zu lachen und ließ dabei in aufreizender Weise den schwarzen Schlund zwischen den Reihen der Zähne sehen: genau so aufreizend gähnt der Schlund im Gesicht eines abgehäuteten Kadavers.
»Tuen Sie nicht so, mein Lieber, als wäre Ihnen die Rolle Ableuchows unbekannt gewesen; und als ob Sie nicht wüßten, daß ich ihn durch den gegebenen Auftrag dafür strafen wollte; tuen Sie doch nicht, als wüßten Sie nicht, wie dieser schuftige Kerl seine Rolle gespielt hat: ich gestehe, er hat es geschickt gemacht; seine Rechnung war gut — die Rechnung auf allerlei Sentiments und Charakterschwächen, wie zum Beispiel Sie es zu verkörpern geruhen.«
Mit dem Vorwurf der Charakterschwäche schien die Persönlichkeit einen Teil der Schuld von Alexander Iwanowitsch nehmen zu wollen und sich so in gewissem Grade weichen Gefühlen zugänglich zu zeigen; das hatte bewirkt, daß sich Alexander Iwanowitsch in der Tat wie von einer Last befreit fühlte und daß er es nun bereits versuchte, sich einzureden, er habe vorhin die Persönlichkeit falsch beurteilt.
»Ja, die Berechnung war schlau: der edle Sohn haßt seinen Vater und ist bereit, diesen ins Jenseits zu befördern; inzwischen treibt er sich unter uns herum, hält Referate und ähnliches Zeug; sammelt nebenbei Dokumente und wartet, bis er ihrer genügend besitzt, um sie — seinem verehrten Vater zu unterbreiten . . . Und dabei fühlen sie sich alle von dieser Schlange in sonderbarer Weise angezogen . . .«
»Aber, Nikolai Stepanowitsch, er hat . . . er hat geweint . . .«
»Geweint . . . Und das hat Sie in Erstaunen versetzt? . . . Sie sind doch ein eigentümlicher Kauz: Tränen — das ist ja etwas ganz Übliches bei den Verrätern aus der Intelligenz; ein gebildeter Verräter glaubt selbst an die Aufrichtigkeit der Tränen, die er vergießt; und vielleicht bedauert er es auch in diesem Augenblick, daß er Verräter geworden ist; aber uns nützen diese Tränen nicht im geringsten . . . Sie, Alexander Iwanowitsch, weinen doch auch jetzt . . . Natürlich will ich nicht damit sagen, daß auch Sie ein Schuldbelasteter sind . . .«
Und das war ja eine Lüge, denn soeben noch hatte die Persönlichkeit von einer solchen Schuld gesprochen; diese offenbare Lüge erfüllte Alexander Iwanowitsch für einen Augenblick mit unendlichem Grauen; durch sein Unterbewußtsein flog es wie ein Blitz: »Hier wird dir ein Handel vorgeschlagen: du wirst aufgefordert, eine niederträchtige Verleumdung als wahr hinzunehmen und mit diesem Preis eine Verleumdung deiner eigenen Person abzuwehren« . . . Doch blitzte es eben nur im Unterbewußtsein auf, denn die Wahrheit voll zu sehen hinderte die gegen den Tisch geneigte, schmale Stirn der Persönlichkeit, die bedrückende Atmosphäre eines nahenden Verhängnisses, das Flimmern in den kleinen Äuglein und das »So, soo, Vä—terchen« . . . Und Dudkin begann bereits zu glauben, daß er der Verleumdung glaube.
»Sie sind, Alexander Iwanowitsch — davon bin ich überzeugt — rein; was aber Ableuchow betrifft: hier in dieser Schublade hab’ ich Dokumente, die ich im nötigen Augenblick dem Parteigericht unterbreiten werde . . .«
Da begann die Persönlichkeit in wildem Tempo auf und ab durchs Zimmer zu rennen, von einer Ecke schräg zur anderen, und schlug sich mit der dicken Faust auf die Brust. Ihre Stimme aber trug Töne wahrhaftigen Gekränktseins bis zur Verzweiflung — ja, ihre Stimme klang direkt vornehm (der Handel schien günstig abgeschlossen zu sein).
»Später einmal wird man mich — ich versichere Sie — verstehen: jetzt zwingen mich die Ereignisse, die Seuche in ihrem Herd zu ersticken . . . Ja . . . ich handle wie ein Diktator, kraft mir selbst erteilter Befugnisse . . . Es fiel mir schwer, glauben Sie mir, es fiel mir sehr schwer, das Urteil zu unterschreiben . . . Aber . . . Dutzende gehen zugrunde — Ihres Senatorsöhnchens wegen . . . Dutzende gehen zugrunde! . . . Viele sind schon verhaftet . . . Erinnern Sie sich: auch Sie waren schon einmal in größter Gefahr, zugrunde gerichtet zu werden.« (Alexander Iwanowitsch dachte bei diesen Worten, daß er ja schon zugrunde gerichtet worden war.) ». . . Wenn nicht ich . . . Denken Sie an Jakutsk! . . . Sie aber haben Mitleid, setzen sich für ihn ein! . . . Weinen Sie nur, weinen Sie! Grund dazu ist genug da . . . Dutzende werden zugrunde gerichtet!!! . . .«